{"id":7649,"date":"2020-04-23T10:27:36","date_gmt":"2020-04-23T08:27:36","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=7649"},"modified":"2020-04-23T10:27:37","modified_gmt":"2020-04-23T08:27:37","slug":"zum-150-geburtstag-lenins","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=7649","title":{"rendered":"Zum 150. Geburtstag Lenins"},"content":{"rendered":"<p><em>David North. <\/em><strong>Vor 150 Jahren, am 22. April 1870, wurde in der russischen Stadt Simbirsk Wladimir Iljitsch Uljanow geboren. Als Gr\u00fcnder der Bolschewistischen Partei und F\u00fchrer der Oktoberrevolution von 1917 ging er unter dem Namen Lenin<!--more--> in die Geschichte ein. Ganz ohne Zweifel war er eine herausragende Pers\u00f6nlichkeit in der Politik und Geistesgeschichte des 20. Jahrhunderts.<\/strong><\/p>\n<p>Leo Trotzki schrieb einmal, dass das ganze Wesen Lenins in der Oktoberrevolution zusammengefasst ist. Was Trotzki mit dieser Beobachtung meinte, f\u00fchrte er in seiner Geschichte der Ereignisse von 1917 aus: \u201eNeben Fabriken, Kasernen, D\u00f6rfern, Front, Sowjets besa\u00df die Revolution noch ein Laboratorium: Lenins Kopf.\u201c [1]<\/p>\n<p>Dieser Kopf hatte sich jahrzehntelang mit dem Problem der Revolution besch\u00e4ftigt. In der Eroberung der politischen Macht durch die russische Arbeiterklasse im Oktober 1917 trafen zwei weltgeschichtliche Prozesse zusammen: erstens die Entwicklung der Widerspr\u00fcche des russischen und des Weltkapitalismus und zweitens Lenins langwieriger, auf eine philosophisch-materialistische, d. h. marxistische Analyse der objektiven sozio\u00f6konomischen Bedingungen gest\u00fctzter Kampf f\u00fcr den Aufbau der revolution\u00e4ren sozialistischen Partei, die f\u00fcr die Arbeiterklasse notwendig ist, um ihre Unabh\u00e4ngigkeit von allen politischen Agenturen der Bourgeoisie zu erlangen.<\/p>\n<p>Wenn man das Genie und die einzigartige historische Rolle Lenins zu beschreiben sucht, muss man sagen, dass es au\u00dfer Marx und Engels keine andere Gestalt in der Geschichte der sozialistischen Bewegung gibt, in deren politischer Arbeit das Verh\u00e4ltnis zwischen der bewussten Anwendung des philosophischen Materialismus \u2013 bereichert durch die neuesten Erkenntnisse der Naturwissenschaft (insbesondere der Physik) \u2013 und der Erarbeitung der politischen Analyse und revolution\u00e4ren Strategie einen solch expliziten, systematischen und in sich geschlossenen Ausdruck fand.<\/p>\n<p>Das beeindruckendste Kennzeichen von Lenins theoretisch-politischem Werk ist, dass er \u00fcber Jahrzehnte hinweg alle Anstrengungen darauf richtete, das Klassenbewusstsein der Arbeiterklasse anzuheben und sie damit in die Lage zu versetzen, ihre Praxis mit der objektiven sozio\u00f6konomischen Notwendigkeit in Einklang zu bringen. B\u00fcrgerliche Moralisten, zahllose Akademiker und andere Feinde des Leninismus haben oft die \u201eR\u00fccksichtslosigkeit\u201c des gro\u00dfen Revolution\u00e4rs angeprangert. Aber das ist das falsche Wort. Das politische Wesen von Lenins \u201eR\u00fccksichtlosigkeit\u201c war, um erneut Trotzki zu zitieren, \u201evor allem Realismus, h\u00f6chst entwickeltes Registrieren der qualitativen und quantitativen Aspekte der Wirklichkeit unter dem Aspekt des revolution\u00e4ren Handelns\u201c. [2]<\/p>\n<p>Erw\u00e4hnenswert ist, dass in Lenins fr\u00fchesten Schriften mit dem Titel \u201eWas sind die \u201aVolksfreunde\u2018 und wie k\u00e4mpfen sie gegen die Sozialdemokraten\u201c (1894 entstanden und in Band 1 seiner Gesammelten Werke ver\u00f6ffentlicht) eine leidenschaftliche Verteidigung des philosophischen Materialismus zu finden ist, in der er sich gegen die \u201esubjektive Soziologie\u201c des Theoretikers der Volkst\u00fcmler, Nikolai Michailowski wandte. Lenin schrieb, dass die materialistische Schlussfolgerung \u2013 dass \u201eder Gang der Ideen vom Gang der Dinge abh\u00e4ngt\u201c \u2013 \u201eals einzige mit der wissenschaftlichen Psychologie vereinbar\u201c ist. Lenin fuhr fort:<\/p>\n<p>Bisher fiel es den Soziologen schwer, in dem komplizierten Netz der sozialen Erscheinungen wichtige Erscheinungen von unwichtigen zu unterscheiden (hier liegt die Wurzel des Subjektivismus in der Soziologie), und sie konnten kein objektives Kriterium f\u00fcr eine solche Unterscheidung ausfindig machen. Der Materialismus gab ein v\u00f6llig objektives Kriterium an die Hand, indem er die \u201eProduktionsverh\u00e4ltnisse\u201c als die Struktur der Gesellschaft heraushob und es m\u00f6glich machte, auf diese Verh\u00e4ltnisse jenes allgemein-wissenschaftliche Kriterium der Wiederholbarkeit anzuwenden, dessen Anwendbarkeit auf die Soziologie die Subjektivsten bestritten. [3]<\/p>\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"640\" height=\"357\" src=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/Lenin.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-7650\" srcset=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/Lenin.png 640w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/Lenin-300x167.png 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/><figcaption><strong>Lenin, Trotzki und Kamenew motivieren Soldaten f\u00fcr den Kampf im sowjetisch-polnischen Krieg, 1. Mai 1920<\/strong> <\/figcaption><\/figure>\n<p>Lenins Verteidigung des Materialismus lagen entscheidende Fragen der politischen Perspektive und Strategie zugrunde: Auf welche gesellschaftliche Kraft sollte die sozialistische Bewegung ihre Arbeit ausrichten? Auf die Bauernschaft oder auf die Arbeiterklasse?<\/p>\n<p>Lenins Beharren auf einer rigorosen Analyse objektiver sozio\u00f6konomischer Prozesse hatte nichts mit politischer Passivit\u00e4t zu tun, bei der der Sozialist nur abwarten muss, bis die Geschichte ihren Lauf nimmt. Lenin stellte den Materialismus dem Objektivismus gegen\u00fcber. In einem weiteren Angriff auf die Volkst\u00fcmler, geschrieben 1894\u20131895, erkl\u00e4rte er:<\/p>\n<p>Der Objektivist spricht von der Notwendigkeit des gegebenen historischen Prozesses; der Materialist trifft genaue Feststellungen \u00fcber die gegebene sozial\u00f6konomische Formation und die von ihr erzeugten antagonistischen Verh\u00e4ltnisse. Wenn der Objektivist die Notwendigkeit einer gegebenen Reihe von Tatsachen nachweist, so l\u00e4uft er stets Gefahr, auf den Standpunkt eines Apologeten dieser Tatsachen zu geraten; der Materialist enth\u00fcllt die Klassengegens\u00e4tze und legt damit seinen Standpunkt fest. Der Objektivist spricht von \u201eun\u00fcberwindlichen geschichtlichen Tendenzen\u201c; der Materialist spricht von der Klasse, die die gegebene Wirtschaftsordnung \u201edirigiert\u201c und dabei in diesen oder jenen Formen Gegenwirkungen der anderen Klassen hervorruft. Auf diese Weise ist der Materialist einerseits folgerichtiger als der Objektivist und f\u00fchrt seinen Objektivismus gr\u00fcndlicher, vollst\u00e4ndiger durch. Er begn\u00fcgt sich nicht mit dem Hinweis auf die Notwendigkeit des Prozesses, sondern kl\u00e4rt, welche sozial\u00f6konomische Formation diesem Prozess seinen Inhalt gibt,\u00a0<em>welche Klasse<\/em>\u00a0diese Notwendigkeit festlegt. &#8230; Anderseits schlie\u00dft der Materialismus sozusagen Parteilichkeit in sich ein, da er dazu verpflichtet ist, bei jeder Bewertung eines Ereignisses direkt und offen den Standpunkt einer bestimmten Gesellschaftsgruppe einzunehmen. [4]<\/p>\n<p>Dieser Abschnitt war eine Antwort auf Pjotr Struwe, den \u201elegalen Marxisten\u201c und k\u00fcnftigen F\u00fchrer der b\u00fcrgerlichen Liberalen in Russland. Aber er nahm zugleich den Kampf vorweg, den Lenin ein Jahrzehnt sp\u00e4ter gegen die politische Str\u00f6mung der Menschewiki f\u00fchren sollte. Diese Tendenz verlangte, dass sich die Arbeiterklasse in der kommenden b\u00fcrgerlich-demokratischen Revolution der politischen F\u00fchrung der Kapitalistenklasse unterordnen sollte.<\/p>\n<p>Lenin wurde 1895 von der zaristischen Polizei verhaftet und musste die n\u00e4chsten f\u00fcnf Jahre im Gef\u00e4ngnis und im sibirischen Exil verbringen. Es waren wertvolle Jahre intensiver theoretischer Arbeit. Er studierte die Philosophie Hegels und setzte sich mit der Dialektik auseinander, die er schlie\u00dflich meisterte.<\/p>\n<p>Im Jahr 1900 endete Lenins Zeit im Exil. Schon bald gelange er nach Westeuropa, wo er nach einer etwas schwierigen ersten Begegnung eine enge Zusammenarbeit mit dem \u201eVater des russischen Marxismus\u201c, G. W. Plechanow, begann.<\/p>\n<p>Um die Jahrhundertwende war die sozialdemokratische Bewegung in Europa mit einem revisionistischen Angriff auf den Marxismus konfrontiert, der von Eduard Bernstein ausging. Das politische Ziel des Revisionismus bestand darin, das Programm der sozialistischen Revolution durch b\u00fcrgerlichen Sozialreformismus zu ersetzen. Auf theoretischer Ebene vertrat er die idealistische Philosophie des akademischen Neo-Kantianismus im Gegensatz zum dialektischen Materialismus.<\/p>\n<p>Angesichts der anschlie\u00dfenden Entwicklung der europ\u00e4ischen sozialdemokratischen Bewegung, von 1898 bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs 1914, ist es von besonderer Bedeutung, dass die wichtigsten Beitr\u00e4ge zum theoretischen und politischen Kampf gegen den Revisionismus nicht von den deutschen Sozialdemokraten, sondern von der polnischen Marxistin Rosa Luxemburg und zwei bedeutenden Vertretern der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Russlands (SDAPR) geleistet wurden: Plechanow und Lenin.<\/p>\n<p>Luxemburgs Schrift \u201eSozialreform oder Revolution\u201c war eine vernichtende Entlarvung der politischen Konsequenzen von Bernsteins Revisionismus. Plechanows Kritik am neokantianischen Revisionismus Bernsteins und seiner Anh\u00e4nger geh\u00f6rt bis heute zu den brillantesten Darstellungen der historischen Entwicklung und der theoretischen Methodologie des dialektischen Materialismus.<\/p>\n<p>Als der theoretisch sch\u00e4rfste und politisch weitsichtigste Beitrag zum Kampf gegen Revisionismus und Opportunismus erwies sich jedoch Lenins Schrift \u201eWas tun?\u201c Mit gr\u00f6\u00dferer Tiefe und Konsequenz als jeder andere Marxist seiner Zeit, einschlie\u00dflich Kautsky, enth\u00fcllte und erkl\u00e4rte Lenin die objektive Bedeutung und die politischen Implikationen einer Geringsch\u00e4tzung der marxistischen Theorie.<\/p>\n<p>Dar\u00fcber hinaus f\u00fchrte Lenin den Nachweis \u00fcber den untrennbaren Zusammenhang zwischen dem Kampf gegen den Einfluss des Opportunismus in all seinen Formen \u2013 theoretisch, politisch und organisatorisch \u2013 und dem Aufbau der revolution\u00e4ren Partei, mit der die politische Unabh\u00e4ngigkeit der Arbeiterklasse hergestellt wird.<\/p>\n<p>Lenin prangerte alle Tendenzen als opportunistisch an, die die Bedeutung des expliziten Kampfs f\u00fcr sozialistisches Bewusstsein herunterspielten und stattdessen die spontane Entwicklung (ohne Zutun der Marxisten) des Bewusstseins und der Praxis der Arbeiterklasse verherrlichten. Er schrieb:<\/p>\n<p>Kann nun von einer selbst\u00e4ndigen, von den Arbeitermassen im Verlauf ihrer Bewegung selbst ausgearbeiteten Ideologie keine Rede sein, so kann die Frage\u00a0<em>nur<\/em>\u00a0so stehen: b\u00fcrgerliche oder sozialistische Ideologie. Ein Mittelding gibt es hier nicht (denn eine \u201edritte\u201c Ideologie hat die Menschheit nicht geschaffen, wie es \u00fcberhaupt in einer Gesellschaft, die von Klassengegens\u00e4tzen zerfleischt wird, niemals eine au\u00dferhalb der Klassen oder \u00fcber den Klassen stehende Ideologie geben kann). Darum bedeutet\u00a0<em>jede<\/em>\u00a0Herabminderung der sozialistischen Ideologie,\u00a0<em>jedes Abschwenken<\/em>\u00a0von ihr zugleich eine St\u00e4rkung der b\u00fcrgerlichen Ideologie. Man redet von Spontaneit\u00e4t. Aber die\u00a0<em>spontane<\/em>\u00a0Entwicklung der Arbeiterbewegung f\u00fchrt eben zu ihrer Unterordnung unter die b\u00fcrgerliche Ideologie. [5]<\/p>\n<p>Lenin arbeitete den Gegensatz zwischen sozialistischem und gewerkschaftlichem Bewusstsein, das er als die b\u00fcrgerliche Ideologie der Arbeiterklasse definierte, scharf heraus:<\/p>\n<p>Darum besteht unsere Aufgabe, die Aufgabe der Sozialdemokratie, im\u00a0<em>Kampf gegen die Spontaneit\u00e4t<\/em>, sie besteht darin, die Arbeiterbewegung von dem spontanen Streben des Trade-Unionismus, sich unter die Fittiche der Bourgeoisie zu begeben,\u00a0<em>abzubringen<\/em>\u00a0und sie unter die Fittiche der revolution\u00e4ren Sozialdemokratie zu bringen. [6]<\/p>\n<p>\u201eWas tun?\u201c erschien 1902. Aber erst 1903, auf dem Zweiten Parteitag der SDAPR, best\u00e4tigte sich, wie weitsichtig Lenin die politischen Implikationen des Kampfs gegen den Opportunismus analysiert hatte. Die Spaltung, zu der es auf diesem Parteitag kam \u2013 aus einer augenscheinlich \u201egeringf\u00fcgigen\u201c Meinungsverschiedenheit \u00fcber die Bedingungen f\u00fcr die Parteimitgliedschaft gingen die bolschewistische und die menschewistische Fraktion hervor \u2013 wurde von vielen Delegierten zun\u00e4chst als unn\u00f6tige oder sogar b\u00f6swillige Zerst\u00f6rung der Einheit der Partei aufgefasst, die durch Lenins \u00fcbertriebenen Fraktionalismus verursacht wurde.<\/p>\n<p>Lenin beantwortete diese Vorw\u00fcrfe mit einer detaillierten Analyse des Ablaufs des Zweiten Parteitags, der sich \u00fcber 37 Sitzungen innerhalb von drei Wochen erstreckt hatte. In dieser Analyse, die unter dem Titel \u201eEin Schritt vorw\u00e4rts, zwei Schritte zur\u00fcck\u201c erschien, wies er nach, dass die menschewistische Fraktion in der russischen sozialistischen Bewegung ein Ausdruck opportunistischer \u2013 zu Kompromissen und zur Vers\u00f6hnung mit den liberalen und reformistischen Parteien der Bourgeoisie neigender \u2013 Tendenzen war, die sich in sozialdemokratischen Parteien in ganz Europa herausgebildet hatten.<\/p>\n<p>Die sp\u00e4teren Ereignisse in Russland, insbesondere w\u00e4hrend und nach der Revolution von 1905, best\u00e4tigten Lenins Analyse des Klassencharakters und der demokratisch-liberalen Ausrichtung der revisionistischen und opportunistischen Tendenzen. Die politische Differenzierung zwischen der bolschewistischen und der menschewistischen Tendenz in den Jahren nach dem Zweiten Parteitag auch nur in groben Z\u00fcgen nachzuzeichnen, w\u00fcrde nat\u00fcrlich den Rahmen dieses Nachrufs sprengen.<\/p>\n<p>Dennoch muss betont werden, dass sich Lenins Verst\u00e4ndnis des \u201einnerparteilichen Kampfs\u201c gegen den Opportunismus in all seinen Formen grundlegend von den Vorstellungen unterschied, die allgemein in der Zweiten Internationale vorherrschten. Lenin analysierte Konflikte \u00fcber Fragen des Programms, der Taktik, der Organisation und des Programms als Ausdruck objektiver gesellschaftlicher Gegens\u00e4tze innerhalb von Parteien und Fraktionen. Solche Auseinandersetzungen waren keine Ablenkung von der Beteiligung der sozialistischen Bewegung am Klassenkampf, sondern ein wesentlicher und notwendiger Bestandteil eben dieses Kampfs.<\/p>\n<p>In seinem Bem\u00fchen, die sozio\u00f6konomischen Prozesse aufzudecken, die der Entwicklung des Kampfs zwischen Tendenzen zugrunde lagen, erkannte Lenin im Opportunismus die Manifestation b\u00fcrgerlicher und kleinb\u00fcrgerlicher Interessen und deren Druck auf die revolution\u00e4re Vorhut. Die angemessene Reaktion auf diesen Druck, in welcher Form auch immer er sich bemerkbar machte, bestand nicht in der Suche nach einvernehmlichen L\u00f6sungen und Kompromissen. Der Opportunismus war in Lenins Augen kein legitimer Bestandteil der Arbeiterbewegung. Es handelte sich vielmehr um eine schw\u00e4chende, demoralisierende und reaktion\u00e4re Kraft, die darauf hinarbeitete, die Arbeiterklasse vom Programm der sozialen Revolution abzubringen und zur Kapitulation vor der Bourgeoisie zu bewegen.<\/p>\n<p>Durch diese kompromisslose Feindschaft gegen\u00fcber dem Opportunismus unterschied sich der Bolschewismus in der Zeit vor dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs von allen anderen politischen Parteien und Tendenzen innerhalb der Zweiten Internationale.<\/p>\n<p>Die weltgeschichtliche Bedeutung des Kampfs, den Lenin gegen den Opportunismus gef\u00fchrt hatte, sollte sich 1914 best\u00e4tigen. Nahezu \u00fcber Nacht brachen die f\u00fchrenden Parteien der Zweiten Internationale ihr Versprechen, die Solidarit\u00e4t der internationalen Arbeiterklasse hochzuhalten, und kapitulierten vor den herrschenden Klassen ihrer L\u00e4nder. Lenins Opposition gegen den Verrat der Zweiten Internationale und seine Forderung nach dem Aufbau einer Dritten Internationale brachte ihn und die Bolschewistische Partei an die Spitze der sozialistischen Weltbewegung.<\/p>\n<p>Lenins Reaktion auf den Zusammenbruch der Zweiten Internationale zeichnete sich durch zwei Merkmale aus: Erstens deckte er den Zusammenhang zwischen dem Verrat vom August 1914 und der vorausgegangenen Ausbreitung von Revisionismus und Opportunismus in den sozialdemokratischen Parteien auf. Zweitens bewies Lenin, dass das Anwachsen des Opportunismus nicht mit pers\u00f6nlichem Verrat zu erkl\u00e4ren ist (obwohl es diesen durchaus gab), sondern mit starken sozio\u00f6konomischen Tendenzen, die aus der Entstehung des Imperialismus in den letzten Jahren des 19. und den ersten anderthalb Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts herr\u00fchrten. In einer Reihe brillanter theoretischer Werke \u2013 vor allem \u201eDer Imperialismus als h\u00f6chstes Stadium des Kapitalismus\u201c \u2013 lieferte Lenin eine umfassende Analyse des Imperialismus. Er untersuchte seinen \u00f6konomischen Charakter, seinen Platz in der Geschichte des Kapitalismus, seine Rolle in Bezug auf das Anwachsen des Opportunismus und die allgemeine Korruption der Arbeiterorganisationen in der Zweiten Internationale und schlie\u00dflich seine Beziehung zur Entwicklung der sozialistischen Weltrevolution.<\/p>\n<p>In einer knappen Zusammenfassung seiner Arbeit \u00fcber die Ursachen und die Bedeutung des Kriegs schrieb Lenin unter dem Titel \u201eDer Imperialismus und die Spaltung des Sozialismus\u201c:<\/p>\n<p>Der Imperialismus ist ein besonderes historisches Stadium des Kapitalismus. Diese Besonderheit ist eine dreifache: der Imperialismus ist: 1. monopolistischer Kapitalismus; 2. parasit\u00e4rer oder faulender Kapitalismus; 3. sterbender Kapitalismus. Die Abl\u00f6sung der freien Konkurrenz durch das Monopol ist der \u00f6konomische Grundzug, das\u00a0<em>Wesen<\/em>\u00a0des Imperialismus. Der Monopolismus tritt in f\u00fcnf Hauptformen zutage: 1. Kartelle, Syndikate und Truste; die Konzentration der Produktion hat eine solche Stufe erreicht, dass sie diese monopolistischen Kapitalistenverb\u00e4nde hervorgebracht hat; 2. die Monopolstellung der Gro\u00dfbanken: drei bis f\u00fcnf Riesenbanken beherrschen das ganze Wirtschaftsleben Amerikas, Frankreichs, Deutschlands; 3. die Besitzergreifung der\u00a0<em>Rohstoffquellen<\/em>\u00a0durch die Truste und die Finanzoligarchie (Finanzkapital ist das mit dem Bankkapital verschmolzene monopolistische Industriekapital); 4. die (\u00f6konomische) Aufteilung der Welt durch internationale Kartelle\u00a0<em>hat begonnen<\/em>. Solcher internationalen Kartelle, die den gesamten Weltmarkt beherrschen und ihn \u201eg\u00fctlich\u201c unter sich teilen \u2013 solange er durch den Krieg nicht neu verteilt wird \u2013 gibt es schon \u00fcber\u00a0<em>hundert<\/em>! Der Kapitalexport, als besonders charakteristische Erscheinung zum Unterschied vom Warenexport im nicht-monopolistischen Kapitalismus, steht in engem Zusammenhang mit der wirtschaftlichen und der politisch-territorialen Aufteilung der Welt; 5. die territoriale Aufteilung der Welt (Kolonien)\u00a0<em>ist abgeschlossen<\/em>. [7]<\/p>\n<p>Lenin wies auf wesentliche politische Merkmale der imperialistischen Epoche hin.<\/p>\n<p>Der Unterschied zwischen der republikanisch-demokratischen und der monarchistisch-reaktion\u00e4ren imperialistischen Bourgeoisie verwischt sich gerade deshalb, weil die eine wie die andere bei lebendigem Leibe verfault \u2026 Zweitens zeigt sich der F\u00e4ulnisprozess des Kapitalismus in der Entstehung einer gewaltigen Schicht von\u00a0<em>Rentiers<\/em>, Kapitalisten, die vom \u201eKuponschneiden\u201c leben. \u2026 Drittens ist Kapitalexport Parasitismus ins Quadrat erhoben. Viertens \u201ewill das Finanzkapital nicht Freiheit, sondern Herrschaft\u201c. Politische Reaktion auf der\u00a0<em>ganzen<\/em>\u00a0Linie ist eine Eigenschaft des Imperialismus. Korruption, Bestechung im Riesenausma\u00df, Panamaskandale jeder Art. F\u00fcnftens verwandelt die Ausbeutung der unterdr\u00fcckten Nationen, die untrennbar mit Annexionen verbunden ist, und insbesondere die Ausbeutung der Kolonien durch ein H\u00e4uflein von \u201eGro\u00df\u201cm\u00e4chten die \u201ezivilisierte\u201c Welt immer mehr in einen Schmarotzer am K\u00f6rper der nichtzivilisierten V\u00f6lker, die viele hundert Millionen Menschen z\u00e4hlen. Der r\u00f6mische Proletarier lebte auf Kosten der Gesellschaft. Die heutige Gesellschaft lebt auf Kosten des modernen Proletariers. Dieses treffende Wort Sismondis pflegte Marx besonders hervorzuheben. Der Imperialismus ver\u00e4ndert die Sache etwas. Die privilegierte Oberschicht des Proletariats der imperialistischen M\u00e4chte lebt zum Teil auf Kosten der vielen Hundert Millionen Menschen der nichtzivilisierten V\u00f6lker. [8]<\/p>\n<p>Trotz aller Ver\u00e4nderungen der Weltwirtschaft im vergangenen Jahrhundert ist Lenins Analyse sowohl der \u00f6konomischen als auch der politischen Merkmale des Imperialismus von enormer Aktualit\u00e4t. In einer Passage, die in der heutigen Zeit mit au\u00dferordentlicher Kraft nachklingt, fordert er die Sozialisten auf, \u201e<em>tiefer<\/em>, zu den\u00a0<em>untersten<\/em>, zu den wirklichen Massen zu gehen: darin liegt die ganze Bedeutung des Kampfes gegen den Opportunismus und der ganze Inhalt dieses Kampfes.\u201c [9]<\/p>\n<p>\u201eDer Imperialismus und die Spaltung des Sozialismus\u201c entstand im Oktober 1916. Lenin lebte damals in Z\u00fcrich. Von diesem Hauptquartier aus gab er der revolution\u00e4ren internationalistischen Opposition gegen den Krieg eine politische F\u00fchrung. Im Januar 1917 hielt Lenin einen Vortrag zum Gedenken an den zw\u00f6lften Jahrestag der Revolution von 1905. Darin sagte er:<\/p>\n<p>Wir d\u00fcrfen uns nicht durch die jetzige Kirchhofruhe in Europa t\u00e4uschen lassen. Europa ist schwanger mit der Revolution. Die furchtbaren Gr\u00e4uel des imperialistischen Krieges, die Schrecknisse der Teuerung erzeugen \u00fcberall revolution\u00e4re Stimmung, und die herrschenden Klassen, die Bourgeoisie, und ihre Vertrauensleute, die Regierungen, sie geraten immer mehr und mehr in eine Sackgasse, aus der sie \u00fcberhaupt ohne gr\u00f6\u00dfte Ersch\u00fctterungen keinen Ausweg finden k\u00f6nnen. [10]<\/p>\n<p>Nur sechs Wochen sp\u00e4ter wurde die von Lenin erhoffte Revolution in den Stra\u00dfen Petrograds Wirklichkeit. Das zaristische Regime wurde durch einen Massenaufstand der Arbeiterklasse gest\u00fcrzt. Dieser Aufstand brachte die b\u00fcrgerliche Provisorische Regierung an die Macht, die von den Menschewiki und den Sozialrevolution\u00e4ren unterst\u00fctzt wurde. Als Lenin in Z\u00fcrich festsa\u00df, erkl\u00e4rte die F\u00fchrung der Bolschewistischen Partei in Petrograd, vor allem Lew Kamenew und Josef Stalin, ihre Bereitschaft, die Provisorische Regierung und die fortgesetzte Beteiligung Russlands am Weltkrieg kritisch zu unterst\u00fctzen.<\/p>\n<p>Lenin schickte \u201eBriefe aus der Ferne\u201c nach Petrograd, in denen er seine Opposition gegen die Provisorische Regierung deutlich machte. Aber erst als es ihm im April gelang, in einem \u201eplombierten Zug\u201c nach Russland zur\u00fcckzukehren, konnte er den politischen Kampf aufnehmen, der das Programm und die strategische Ausrichtung der Bolschewistischen Partei grundlegend ver\u00e4nderte und sie auf den Kurs brachte, der zur Eroberung der Macht im Oktober 1917 f\u00fchrte.<\/p>\n<p>Der Kampf, den Lenin unmittelbar nach seiner R\u00fcckkehr nach Russland begann, war der politisch folgenreichste seines Lebens. In seinen \u201eAprilthesen\u201c wies Lenin das Programm der \u201edemokratischen Diktatur des Proletariats und der Bauernschaft\u201c zur\u00fcck, das die politische Strategie und Praxis der Bolschewistischen Partei seit der Revolution von 1905 bestimmt hatte. In diesem Programm war der Kampf f\u00fcr den Sturz des zaristischen Regimes als b\u00fcrgerlich-demokratische Revolution definiert worden. In dieser Formel betonten die Bolschewiki die f\u00fchrende Rolle der Arbeiterklasse in der kommenden Revolution und strebten nach der Vernichtung aller feudalen und antidemokratischen Hinterlassenschaften des zaristischen Regimes. Doch das Programm der Bolschewiki forderte nicht den Sturz der russischen Bourgeoisie und die Abschaffung der kapitalistischen Eigentumsverh\u00e4ltnisse.<\/p>\n<p>Dar\u00fcber hinaus barg die programmatische Formulierung der Bolschewiki \u2013 die Beschreibung der neuen revolution\u00e4ren Regierung als \u201edemokratische Diktatur des Proletariats und der Bauernschaft\u201c \u2013 ein erhebliches Ma\u00df an Zweideutigkeit: Wie genau sollte der Staat beschaffen sein, der aus dem Sturz des zaristischen Regimes hervorgehen w\u00fcrde?<\/p>\n<p>Die umfassendste linke Kritik am bolschewistischen Programm der demokratischen Diktatur wurde in den Jahren 1905 bis 1917 von Trotzki vorgebracht. Seine Theorie der permanenten Revolution sah vor, dass der Sturz des Zarismus fr\u00fcher oder sp\u00e4ter zur Eroberung der Macht durch die Arbeiterklasse f\u00fchren w\u00fcrde. Ungeachtet der wirtschaftlichen R\u00fcckst\u00e4ndigkeit Russlands schlossen die globale Entwicklung des Kapitalismus und die imperialistische Geopolitik aus, dass die russische Revolution einen b\u00fcrgerlich-demokratischen und kapitalistischen Verlauf nehmen w\u00fcrde, wie es traditionell von den Marxisten erwartet worden war. Die russische Revolution w\u00fcrde die Arbeiterklasse vor die Aufgabe stellen, die Bourgeoisie zu st\u00fcrzen und selbst die Macht zu \u00fcbernehmen. Trotzki betrachtete die Russische Revolution als Beginn der sozialistischen Weltrevolution. Das \u00dcberleben der proletarischen Diktatur in Russland, betonte er, werde vom Sturz des Kapitalismus durch die Arbeiterklasse in den fortgeschrittenen kapitalistischen L\u00e4ndern, vor allem in Deutschland, abh\u00e4ngen.<\/p>\n<p>Vor 1914 hatte Lenin Trotzkis Theorie der permanenten Revolution als \u201eabsurd links\u201c abgetan. Es steht jedoch au\u00dfer Frage, dass der Ausbruch des Weltkriegs Lenin veranlasste, die alte bolschewistische Formel neu zu bewerten und seine Haltung gegen\u00fcber Trotzkis Programm zu \u00fcberdenken. Das war kein politisches Plagiat. Lenin kam aufgrund seiner eigenen Analyse der globalen wirtschaftlichen und politischen Dynamik des Weltkriegs zu Schlussfolgerungen, die denen Trotzkis sehr nahe, wenn nicht sogar gleichkamen. Lenin, der alle politischen Fragen prinzipiell anging, erkannte die Notwendigkeit, das Parteiprogramm zu \u00e4ndern. Im Laufe eines mehrw\u00f6chigen politischen Kampfs gelang es ihm, die Bolschewistische Partei neu zu orientieren und sie auf den Kurs zu bringen, der im Oktober zur Eroberung der politischen Macht f\u00fchrte.<\/p>\n<p>Es gibt noch eine Episode im Drama von 1917, die zeigt, wie eng im Wirken Lenins Theorie und Praxis miteinander verflochten waren. Nach der Niederlage, die die Petrograder Arbeiterklasse w\u00e4hrend der Julitage erlitt, zwang der Ausbruch der Konterrevolution Lenin unterzutauchen. Unter extrem schwierigen Bedingungen, unter st\u00e4ndiger Lebensgefahr, bereitete Lenin die Erneuerung des Kampfs um die Macht vor, indem er \u201eStaat und Revolution\u201c schrieb. Lenins Auffassung davon, wie die marxistische Partei sich und die Arbeiterklasse auf gro\u00dfe politische Aufgaben vorbereiten muss, zeigt sich exemplarisch in seinem Vorwort zu diesem bemerkenswerten Werk, das auch nach hundert Jahren nichts von seiner Bedeutung eingeb\u00fc\u00dft hat.<\/p>\n<p>Der Kampf um die Befreiung der werkt\u00e4tigen Massen vom Einfluss der Bourgeoisie im allgemeinen und der imperialistischen Bourgeoisie im besonderen ist ohne Bek\u00e4mpfung der opportunistischen Vorurteile in Bezug auf den \u201eStaat\u201c unm\u00f6glich. \u2026<\/p>\n<p>Die Frage des Verh\u00e4ltnisses der sozialistischen Revolution des Proletariats zum Staat gewinnt somit nicht nur eine praktisch-politische, sondern auch eine h\u00f6chst aktuelle Bedeutung als eine Frage der Aufkl\u00e4rung der Massen dar\u00fcber, was sie zu ihrer Befreiung vom Joch des Kapitals in der n\u00e4chsten Zukunft zu tun haben. [11]<\/p>\n<p>Die Macht\u00fcbernahme durch die russische Arbeiterklasse, angef\u00fchrt von der Bolschewistischen Partei, fand am 25.\/26. Oktober 1917 statt. In seinem Augenzeugenbericht \u201eZehn Tage, die die Welt ersch\u00fctterten\u201c schildert John Reed Lenins triumphalen Einzug in den Petrograder Sowjet. Reed hinterlie\u00df eine anschauliche Beschreibung des gro\u00dfen Revolutionsf\u00fchrers: \u201eIn armseligen Kleidern, mit Hosen, viel zu lang f\u00fcr ihn. Unempf\u00e4nglich f\u00fcr den Beifall der Menge und doch geliebt und verehrt, wie selten ein F\u00fchrer es gewesen. Ein Volksf\u00fchrer eigener Art \u2013 F\u00fchrer nur dank der \u00dcberlegenheit seines Intellekts; farblos, humorlos, unnachgiebig. Als Redner n\u00fcchtern, aber mit der F\u00e4higkeit, tiefe Gedanken in einfachste Worte zu kleiden, die Analyse konkreter Situationen zu geben, und verbunden mit gro\u00dfem Scharfsinn eine au\u00dferordentliche K\u00fchnheit des Denkens.\u201c [12]<\/p>\n<p>\u00dcber Reeds Beschreibung von Lenin als \u201efarblos\u201c und \u201ehumorlos\u201c kann man sicher streiten. Aus zahlreichen Schilderungen von Lenins Pers\u00f6nlichkeit lassen sich Eigenschaften ablesen, die Reed an dem Tag entgingen, als der F\u00fchrer der Bolschewistischen Partei mit nichts anderem als dem Sturz des b\u00fcrgerlichen Staates und der Errichtung einer revolution\u00e4ren Regierung besch\u00e4ftigt war. Aber Reeds Charakterisierung Lenins als \u201eF\u00fchrer nur dank der \u00dcberlegenheit seines Intellekts\u201c ist, abgesehen von einer gewissen Einseitigkeit, durchaus richtig. Lenin repr\u00e4sentierte einen neuen Typus politischer F\u00fchrer, der versucht, das Programm und die Praxis seiner Partei und der Arbeiterklasse auf ein wissenschaftliches Verst\u00e4ndnis der objektiven Wirklichkeit zu gr\u00fcnden.<\/p>\n<p>Die richtige Beziehung zwischen Theorie und Praxis war ein zentrales Problem, dem sich Lenin in seinem gesamten politischen Leben widmete. \u201eDie h\u00f6chste Aufgabe der Menschheit ist es, diese objektive Logik der wirtschaftlichen Evolution (der Evolution des gesellschaftlichen Seins) in den allgemeinen Grundz\u00fcgen zu erfassen, um\u00a0<em>derselben<\/em>\u00a0ihr gesellschaftliches Bewusstsein und das der fortgeschrittenen Klassen aller kapitalistischen L\u00e4nder so deutlich, so klar, so kritisch als m\u00f6glich anzupassen.\u201c [13]<\/p>\n<p>Vor f\u00fcnfzig Jahren, 1970, war der hundertj\u00e4hrige Geburtstag Lenins Anlass f\u00fcr unz\u00e4hlige Treffen, Seminare, Symposien, Demonstrationen und Kundgebungen, bei denen sein Lebenswerk gefeiert wurde. Aber zum gr\u00f6\u00dften Teil dienten diese Veranstaltungen der Verf\u00e4lschung seiner politischen Arbeit. Alle Spuren seiner engen Zusammenarbeit mit Trotzki mussten verwischt werden. Lenin, der sein Leben lang Krieg gegen den Kapitalismus gef\u00fchrt hatte, musste in einen Verfechter des parlamentarischen Wegs zum Sozialismus und der friedlichen Koexistenz der Klassen umgemodelt werden. Die Sowjetunion existierte noch, und die herrschende B\u00fcrokratie wandte enorme Ressourcen auf, um eine Version von Lenins Leben zu verbreiten, die mit den Bed\u00fcrfnissen der stalinistischen B\u00fcrokratie vereinbar war.<\/p>\n<p>Nachdem sie seinen mumifizierten Leichnam in ein Mausoleum gesteckt hatten, versuchten die Hochstapler im Kreml, sich als die legitimen Erben des gro\u00dfen Revolution\u00e4rs auszugeben. In Wirklichkeit waren die Kremlbeamten, die sich bei der Hundertjahrfeier auf das Dach des Mausoleums auf dem Roten Platz stellten, die Erben Stalins, des konterrevolution\u00e4ren Verbrechers, und Nutznie\u00dfer des Verrats an den Prinzipien und dem Programm der Oktoberrevolution.<\/p>\n<p>Lenin hatte im ersten Kapitel von \u201eStaat und Revolution\u201c sein eigenes Schicksal vorausgesagt. \u201eDie gro\u00dfen Revolution\u00e4re\u201c, schrieb er, \u201ewurden zu Lebzeiten von den unterdr\u00fcckenden Klassen st\u00e4ndig verfolgt, die ihrer Lehre mit wildestem Ingrimm und w\u00fctendstem Hass begegneten, mit z\u00fcgellosen L\u00fcgen und Verleumdungen gegen sie zu Felde zogen. Nach ihrem Tode versucht man, sie in harmlose G\u00f6tzen zu verwandeln, sie sozusagen heiligzusprechen, man gesteht ihrem\u00a0<em>Namen<\/em>\u00a0einen gewissen Ruhm zu zur \u201aTr\u00f6stung\u2018 und Bet\u00f6rung der unterdr\u00fcckten Klassen, wobei man ihre revolution\u00e4re Lehre des Inhalts beraubt, ihr die revolution\u00e4re Spitze abbricht, sie vulgarisiert.\u201c [14]<\/p>\n<p>Doch heute, zum 150. Geburtstag Lenins, schlie\u00dft sich der Kreis der Geschichte. Inmitten einer beispiellosen globalen Krise wird das Verm\u00e4chtnis des wahren Lenin \u2013 das von der trotzkistischen Bewegung verteidigt wurde \u2013 einer neuen Generation revolution\u00e4rer Arbeiter und Jugendlicher als Quelle von Wissen und Inspiration dienen.<\/p>\n<p><strong>Anmerkungen:<\/strong><\/p>\n<p>[1] Leo Trotzki,\u00a0<em>Geschichte der Russischen Revolution<\/em>, Band 2: Oktoberrevolution, Essen 2010, S. 407 (<a href=\"https:\/\/www.mehring-verlag.de\/gesamtkatalog\/trotzki-bibliothek\/geschichte-der-russischen-revolution\/\"><strong>hier<\/strong><\/a>\u00a0im Mehring Verlag erh\u00e4ltlich).<\/p>\n<p>[2] Leo Trotzki, \u201eDer neue Kurs\u201c, in:\u00a0<em>Schriften<\/em>, Bd. 3.1: Linke Opposition und IV. Internationale (1923-1926), Frankfurt a. M. 1997, S. 257.<\/p>\n<p>[3] W.I. Lenin, \u201eWas sind die \u201aVolksfreunde\u2018 und wie k\u00e4mpfen sie gegen die Sozialdemokraten?\u201c, in:\u00a0<em>Werke<\/em>, Bd. 1, Berlin 1961, S. 130.<\/p>\n<p>[4] W.I. Lenin, \u201eDer \u00f6konomische Inhalt der Volkst\u00fcmlerrichtung\u201c, in:\u00a0<em>Werke<\/em>, Bd. 1, S. 414.<\/p>\n<p>[5] W.I. Lenin, \u201eWas tun?\u201c, in:\u00a0<em>Werke<\/em>, Bd. 5, Berlin 1958, S. 395\u201396.<\/p>\n<p>[6] Ebd., S. 396.<\/p>\n<p>[7] W.I. Lenin, \u201eDer Imperialismus und die Spaltung des Sozialismus\u201c, in:\u00a0<em>Werke<\/em>, Bd. 23, Berlin 1957, S. 102\u2013103<\/p>\n<p>[8] Ebd., S. 103<\/p>\n<p>[9] Ebd., S. 117.<\/p>\n<p>[10] W.I. Lenin, \u201eEin Vortrag \u00fcber die Revolution von 1905\u201c, in:\u00a0<em>Werke<\/em>, Bd. 23, Berlin 1957, S. 26.<\/p>\n<p>[11] W.I. Lenin, \u201eStaat und Revolution\u201c, in:\u00a0<em>Werke<\/em>, Bd. 25, Berlin 1960, S. 396.<\/p>\n<p>[12] John Reed,\u00a0<em>10 Tage, die die Welt ersch\u00fctterten<\/em>, Essen 2011, S. 115 (<a href=\"https:\/\/www.mehring-verlag.de\/gesamtkatalog\/geschichte-philosophie-und-politik\/10-tage-die-die-welt-erschuetterten\/\"><strong>hier<\/strong><\/a>\u00a0im Mehring Verlag erh\u00e4ltlich).<\/p>\n<p>[13] I.W. Lenin, \u201eEmpiriokritizismus und historischer Materialismus\u201c, in:\u00a0<em>Werke<\/em>, Band 14, Berlin 1962, S. 328\u201329.<\/p>\n<p>[14] W.I. Lenin, \u201eStaat und Revolution\u201c, in:\u00a0<em>Werke<\/em>, Band 25, Berlin 1960, S. 397.<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/www.wsws.org\/de\/articles\/2020\/04\/23\/pers-a23.html\"><em>wsws.org&#8230;<\/em><\/a><em> vom 23. April 2020 <\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>David North. Vor 150 Jahren, am 22. 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