{"id":7652,"date":"2020-04-23T11:20:17","date_gmt":"2020-04-23T09:20:17","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=7652"},"modified":"2020-04-23T11:20:18","modified_gmt":"2020-04-23T09:20:18","slug":"frauen-an-der-macht-kein-grund-zur-freude","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=7652","title":{"rendered":"Frauen an der Macht: Kein Grund zur Freude"},"content":{"rendered":"<p><em>Meret Ava, Hannah Sim\u00f3n und Eleonora Rold\u00e1n Mend\u00edvil. <\/em>Einmal applaudieren f\u00fcr die Ladys, denn der Durst nach vorzeigbaren Superheldinnen ist noch nicht gestillt. Das Forbes-Magazin verteilt in einem\u00a0<a href=\"https:\/\/www.forbes.com\/sites\/avivahwittenbergcox\/2020\/04\/13\/what-do-countries-with-the-best-coronavirus-reponses-have-in-common-women-leaders\/#1d38f2ea3dec\">Artikel vom 13. April<\/a>\u00a0Lob und<!--more--> Bienchen f\u00fcr den F\u00fchrungsstil der Politikerinnen D\u00e4nemarks, Deutschlands, Finnlands, Islands, Neuseelands, Norwegens und Taiwans. Denn im Gegensatz zu den polternden m\u00e4nnlichen Machtgeprotze-Kollegen, begeistern diese Frauen laut Forbes durch ihr besonnenes Krisenmanagement, ihr \u201eEinf\u00fchlsverm\u00f6gen\u201c und ihre \u201eF\u00fcrsorge\u201c im Umgang mit Corona. \u201eEs ist, als k\u00e4men ihre Arme aus den Videos, um uns in einer herzlichen und liebevollen Umarmung festzuhalten,\u201c schw\u00e4rmt die Autorin und verteilt pinke Good-Vibes in d\u00fcsteren Corona-Zeiten. Dass Forbes auf Anspielungen zu gekonnten Hochsteckfrisuren oder tiefblickenden Dekollet\u00e9s der Politikerinnen verzichtet, ist fast ein Wunder.<\/p>\n<p>Dieser \u201efeministische\u201c Artikel offenbart eine Haltung, die uns seitens eines der erfolgreichsten Managermagazine mit Hauptsitz in der New Yorker Fifth Avenue nicht \u00fcberrascht. Umso verwunderlicher aber, wie unkritisch die These des erfolgreichen weiblichen F\u00fchrungsstils in so manchen links-feministischen Online-Kan\u00e4len bejubelt wird. Dabei ist diese angeblich feministische Haltung nichts anderes als eine Karikatur dessen, was Populismus und Aneignung radikaler sozialer Kritiken f\u00fcr b\u00fcrgerliche Interessen bedeutet.<\/p>\n<p><strong>Verschiebung der Klischees?<\/strong><\/p>\n<p>Wahrscheinlich fasziniert es, dass Frauen nun endlich nicht mehr nur als Sexobjekt oder dem\u00fctige Hausfrau im Scheinwerferlicht stehen, sondern auch zunehmend ein Bild gezeichnet wird, in denen besonders \u201eweibliche\u201c F\u00fchrungsqualit\u00e4ten hervorgehoben werden. Auf den ersten Blick mag es fortschrittlich erscheinen, denn die Klischees der gegen\u00fcbergestellten Geschlechterbilder erleben eine Verschiebung. Diese Verschiebung f\u00fchrt aber nicht dazu, dass Stereotype abgebaut werden, sondern im Gegenteil wird die Annahme verfestigt, weibliche und m\u00e4nnliche Personen h\u00e4tten von Natur aus \u201eangeborene,\u201c sich bin\u00e4r gegen\u00fcbergestellte Charaktereigenschaften, also jeweils eine grundverschiedene \u201cEssenz\u201d. Frauen sind demnach von Natur aus \u201efriedliche\u201c und \u201ebesonnene\u201c Wesen, die grunds\u00e4tzlich f\u00fcr Harmonie sorgen wollen und deshalb die bessere Politik bzw. hier das bessere, empathischere Krisenmanagement betreiben w\u00fcrden.<\/p>\n<figure class=\"wp-block-image size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/clinton300.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-7653\" width=\"386\" height=\"473\" srcset=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/clinton300.jpg 300w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/clinton300-245x300.jpg 245w\" sizes=\"auto, (max-width: 386px) 100vw, 386px\" \/><\/figure>\n<p>Ein derartiger \u201efeministischer\u201c Personenkult, wie er im Forbes-Artikel betrieben wird, verschleiert vollkommen, welche politischen Interessen eigentlich hinter diesen Repr\u00e4sentantinnen stehen: die Interessen der herrschenden Klasse der L\u00e4nder, die sie repr\u00e4sentieren.<\/p>\n<p>Beispiellos ignorant ist auch, wie geschichtliche und wirtschaftliche Hintergr\u00fcnde der herangezogenen Nationalstaaten ausklammert. Die Frage hier ist: Welche \u00f6konomischen Bedingungen liegen einem Land und\/oder einer bestimmten Klasse zugrunde, damit ihre Frauen es sich leisten k\u00f6nnen, sich aus ihren unterdr\u00fcckenden Verh\u00e4ltnissen zu emanzipieren und Seite an Seite mit den M\u00e4nnern in der F\u00fchrungsetage mitzumischen?Wenn man sich sich die herangezogenen, von Frauen regierten L\u00e4nder betrachtet, sellt man fest, dass diese mit die st\u00e4rksten Volkswirtschaften der Welt sind. Es \u00fcberrascht nicht, dass ausgerechnet diese L\u00e4nder im weltweiten Vergleich \u00fcber st\u00e4rkere Gesundheitssysteme verf\u00fcgen und bessere Pr\u00e4ventionsma\u00dfnahmen gegen die Ausbreitung von Epidemien oder Pandemien treffen k\u00f6nnen \u2013 auf dem R\u00fccken der Peripherien des Imperialismus. Es w\u00fcrde den Rahmen sprengen, darzulegen, auf welchem Reichtum die Volkswirtschaften dieser L\u00e4nder aufbauen \u2013 aber sicher nicht auf den \u201eFlei\u00df\u201c ihrer Bev\u00f6lkerung. Jahrhundertelange Pl\u00fcnderug von Ressourcen und Arbeitskraft aus dem Globalen S\u00fcden zahlt sich nun aus f\u00fcr den imperialistischen Feminismus.<\/p>\n<p>Es ist richtig, dass viele Frauen eine Schnittmenge an Erfahrungen teilen, die sie durch biologische und\/oder vorherrschende gesellschaftliche Bedingungen machen. Das hei\u00dft aber nicht, dass sie deswegen etwa gleiche Eigenschaften (\u201eUmsorge,\u201c \u201eMutterinstinkt\u201c etc.) teilen. Diese Auffassung f\u00fchrt dazu, die ungleichen Verh\u00e4ltnisse, die sich aus den realen materiellen Zug\u00e4ngen von M\u00e4nnern und Frauen speisen, zu akzeptieren, als nat\u00fcrlich hinzunehmen und somit weiter als \u201cnaturgegeben\u201d in Stein zu mei\u00dfeln.<\/p>\n<p><strong>Frausein<\/strong>\u00a0<strong>sch\u00fctzt vor Ausbeutung, Sexismus und Rassismus nicht<\/strong><\/p>\n<p>Nicht nur, dass dieser \u201eweibliche F\u00fchrungsstil\u201c also konstruiert und v\u00f6llig nebul\u00f6s ist, was das eigentlich sein soll. Auch stellt sich die Frage, wie es eine feministische Errungenschaft sein soll, dass statt M\u00e4nner nun Frauen an der Spitze einer Politik stehen, die die allergr\u00f6\u00dfte Mehrheit der Menschen auf der Erde ausbeutet, die Umwelt zerst\u00f6rt, Kriege f\u00fchrt, Menschen hungern l\u00e4sst, sie foltert und Schutzsuchende vor den Au\u00dfengrenzen Europas ertrinken und sterben l\u00e4sst?<\/p>\n<p>Die Politik, f\u00fcr die diese Frauen stehen, ist nicht weniger frauenfeindlich, rassistisch oder imperialistisch als die ihrer\u00a0<a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=46948\">m\u00e4nnlichen Kollegen<\/a>. Schlimmer noch: Statt den Tatsachen ins Gesicht zu sehen und sich gegen diese imperialistische Politik \u2013 gerade als Frauen, als Queers und als Feminist*innen \u2013 zu wehren, l\u00e4sst sich die Mehrheit, bis in linken Dunstkreise hinein, vom Teufel im Schafsgewand allzu gern in den Schlaf wiegen. Anders gesagt: Frausein sch\u00fctzt vor Ausbeutung, Sexismus und Rassismus nicht.<\/p>\n<p>In den Bereich des sogenannten \u201ePrivaten\u201c fallen Hausarbeit, Kindererziehung, Pflege der Alten und Kranken in der eigenen Familie, Beziehungsarbeit, Auffangen zwischenmenschlicher Konflikte und therapeutische Angelegenheiten typischerweise auf Frauen zur\u00fcck. Im Lohnarbeitsbereich bleibt diese Art feminisierter Arbeit, die \u2013 oh Wunder \u2013 im Kontext von Corona pl\u00f6tzlich systemrelevant genannt wird, weil sie eben lebenserhaltend ist,\u00a0<a href=\"https:\/\/lowerclassmag.com\/2020\/04\/08\/das-wenig-demokratische-virus-corona-covid19-pandemie\/\">besonders prek\u00e4r<\/a>. Denn etwas, das als nat\u00fcrlich und angeboren angesehen wird, wie dass Frauen sich selbstverst\u00e4ndlich um Angeh\u00f6rige sorgen und die B\u00f6den sauber halten, muss nicht entlohnt oder gesellschaftlich besonders gewertsch\u00e4tzt werden. F\u00fcr\u2019s Atmen wird man ja schlie\u00dflich auch nicht bezahlt.<\/p>\n<p><strong>Frauen der Arbeiterklasse<\/strong><\/p>\n<p>Als Feminist*innen sollten wir w\u00fctender denn je sein, denn es sind nun schon wieder vor allem die Frauen der Arbeiterklasse, die die Auswirkungen der Corona-Krise durch eine brutal vorangetriebene neoliberale Politik \u2013\u00a0<a href=\"https:\/\/www.neues-deutschland.de\/artikel\/1135183.coronakrise-systemrelevanz-ist-weiblich.html\">ein auf Profit ausgerichtetes, zunehmend privatisiertes und zusammengespartes Gesundheitswesen<\/a>\u00a0\u2013 ausbaden m\u00fcssen. Laut Weltgesundheitsorganisation sind 70 Prozent der weltweit Besch\u00e4ftigten im Bereich Gesundheitswesen Frauen. Es sind die Berufe, die meist schlecht bezahlt sind und prek\u00e4re Arbeitsbedingungen mit sich bringen; die von \u00dcberstunden bis zu hoffnungsloser, k\u00f6rperlicher \u00dcberlastung gezeichnet sind; und wo es obendrein, trotz besonders hohem Ansteckungsrisiko, an sicherer Schutzkleidung an allen Ecken und Enden fehlt. Neben dieser Lohnarbeit, werden Frauen auch meist zu einem Mehr an Sorgearbeit in der Kinderbetreuung, Alten- und Krankenpflege und im Haushalt gezwungen. Das liegt an der, wir erinnern uns, patriarchalen Erz\u00e4hlung der \u201eNatur\u201c der f\u00fcrsorglichen Frau (denn Frauen passen sich diese patriarchalen Norm auch an), aber auch daran, weil M\u00e4nner h\u00e4ufiger Hauptverdiener und in ihrer Karriereplanung weniger flexibel sind. Prominentes Beispiel hierf\u00fcr ist der Virologe Alexander Kekul\u00e9, der seine Frau \u201e<a href=\"https:\/\/twitter.com\/MDRAktuell\/status\/1250867150061023232\">nah an der Verzweiflung<\/a>\u201c sieht, sie aber leider nicht unterst\u00fctzen kann, weil er daf\u00fcr zu wichtig ist. Nicht nur, dass damit bestehende patriarchal-kapitalistische Strukturen verfestigt werden, auch sind diese Frauen in erzwungener Isolierung zu Hause,\u00a0<a href=\"https:\/\/lowerclassmag.com\/2020\/04\/02\/coronakrise-auch-frauen-moechten-sicherheit\/\">geschlechterbezogener Gewalt<\/a>\u00a0um ein vielfaches st\u00e4rker ausgesetzt sind. Und auch in Post-Corona Zeiten ist davon auszugehen, dass Frauen der Arbeiterklasse \u2013 und darin die prek\u00e4rsten Sektoren von migrantischen, asylsuchenden und illegalisierten Frauen \u2013 am meisten leiden: da Frauen h\u00e4ufiger in Teilzeit, Mini-Jobs oder im informellen Sektor besch\u00e4ftigt sind, verlieren sie in Krisenzeiten schneller den Job und brauchen l\u00e4nger, um zu ihrem urspr\u00fcnglichen Einkommen zur\u00fcckzukommen.<\/p>\n<p>Die Erkenntnis, dass diese Art des Feminismus auf dem Vormarsch ist, best\u00e4tigt nur, wie ungef\u00e4hrlich er f\u00fcr die etablierte Norm, den weltweiten, patriarchalen Kapitalismus in seiner imperialistischen Phase, ist. Dieser b\u00fcrgerliche, liberale Feminismus eignet sich die K\u00e4mpfe der nicht mehr zu ignorierenden, weltweit erstarkenden Welle radikaler feministischer Bewegungen an, die unerm\u00fcdlich Freiheit, Emanzipation und Selbstbestimmung aller Menschen und Lebewesen verfechten, jenseits von Kapitalismus und patriarchaler Unterdr\u00fcckung. Ein liberaler Feminismus suggeriert, dass es keine strukturellen Missst\u00e4nde und Ungleichheiten g\u00e4be, und jede Frau alles erreichen k\u00f6nne, wenn sie sich nur stark genug anstrengt. Gerechtigkeit ist aber nicht, wenn ein paar Frauen in Spitzenpositionen l\u00e4chelnd in die Kamera winken. Die Klassenherrschaft samt aller patriarchaler Privilegien bleibt unangetastet. Der Feind bekommt nur ein weibliches Gesicht.<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/lowerclassmag.com\/2020\/04\/21\/frauen-an-der-macht-kein-grund-zur-freude\/\"><em>lowerclassmag.com&#8230;<\/em><\/a><em> vom 23. April 2020<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Meret Ava, Hannah Sim\u00f3n und Eleonora Rold\u00e1n Mend\u00edvil. Einmal applaudieren f\u00fcr die Ladys, denn der Durst nach vorzeigbaren Superheldinnen ist noch nicht gestillt. Das Forbes-Magazin verteilt in einem\u00a0Artikel vom 13. April\u00a0Lob und<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[2,6,7],"tags":[87,72],"class_list":["post-7652","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-debatte","category-geschichte-und-theorie","category-international","tag-arbeitswelt","tag-feminismus"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/7652","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=7652"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/7652\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":7654,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/7652\/revisions\/7654"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=7652"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=7652"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=7652"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}