{"id":7679,"date":"2020-04-26T09:59:50","date_gmt":"2020-04-26T07:59:50","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=7679"},"modified":"2020-04-26T10:00:24","modified_gmt":"2020-04-26T08:00:24","slug":"carbonia-wir-waren-alle-kommunisten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=7679","title":{"rendered":"Carbonia. Wir waren alle Kommunisten"},"content":{"rendered":"<p><em>Florian Wilde. <\/em><strong>In \u201eCarbonia. Wir waren alle Kommunisten\u201c erz\u00e4hlt der k\u00fcrzlich verstorbene Chronist der autonomen Arbeiterrevolten Italiens, Nanni Balestrini, die Geschichte des 20. Jahrhunderts anhand des Schicksals eines militanten Arbeiters.&nbsp;<\/strong><!--more--><\/p>\n<p>Die Arbeiter k\u00f6nnen nur gewinnen, wenn sie sich selbst organisieren und ihre K\u00e4mpfe mit aller Entschlossenheit und H\u00e4rte f\u00fchren \u2013dies ist die zentrale Botschaft des letzten Buches von Nanni Balestrini, dem k\u00fcrzlich verstorbenen literarischen Chronisten der&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.marx21.de\/autonomia-operaismus-italien-autonome\/\">autonomen Arbeiterrevolten<\/a>&nbsp;Italiens. Es basiert auf Interviews, die er in den 1970er Jahren mit sardischen Bergarbeitern gef\u00fchrt hatte, und nun zu einer atemlosen Erz\u00e4hlung verdichtet, in der der namenlose Protagonist ohne Punkt und Komma die Geschichte seines bewegten Lebens schildert.<\/p>\n<p>Nach erstem Engagement in der Resistenza inhaftiert und in ein norddeutsches Konzentrationslager verschleppt, erlebt er die bestialische Grausamkeit der Nazis am eigenen Leib und kann seiner Vernichtung durch Arbeit bei der Entsch\u00e4rfung von Bomben in Kiel nur knapp entgehen. Dort lernt er auf der HDW-Werft einen kommunistischen Arbeiter kennen, der 1918 beim&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.marx21.de\/kiel-1918-novemberrevolution-buch-rackwitz-rezension\/\">Matrosenaufstand<\/a>&nbsp;dabei war und ihm die Geschichte dieses Aufstandes schildert. Gemeinsam mit russischen Kriegsgefangenen versuchen sie unter gef\u00e4hrlichsten Bedingungen, antifaschistische Widerstandsstrukturen aufzubauen.<\/p>\n<figure class=\"wp-block-image size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/carbonia_zweite_auflage-300x300-1.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-7680\" width=\"411\" height=\"411\" srcset=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/carbonia_zweite_auflage-300x300-1.jpg 300w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/carbonia_zweite_auflage-300x300-1-150x150.jpg 150w\" sizes=\"auto, (max-width: 411px) 100vw, 411px\" \/><\/figure>\n<p><strong>Carbonia: Aus dem KZ auf die Barrikaden<\/strong><\/p>\n<p>In den 50ern findet er Arbeit in den Minen der Bergarbeiterstadt Carbonia auf Sardinien und nimmt an den militanten K\u00e4mpfen der kommunistischen Bergleute teil, die sich massenhaft und mit dem Einsatz von Kn\u00fcppeln, Barrikaden und Bomben immer wieder gegen die Konzerne und die Polizei durchsetzen k\u00f6nnen: \u201eich habe aus dem Kampf in Carbonia viel gelernt zum Beispiel habe ich gelernt dass wir nur auf unsere eigene St\u00e4rke z\u00e4hlen konnten denn wer hat uns in Wahrheit geholfen bei unserem Kampf in Carbonia niemand absolut niemand die Leute welche den Kampf gewonnen haben waren die Bergwerker die Frauen die Kinder alle Leute aus Carbonia und wie sie gewonnen haben sie haben gegen die Polizei gewonnen gegen die Carabinieri gegen die Polizeibusse gegen die gepanzerten Wagen in Verwendung aller Methoden des Kampfes und in Verwendung von allen Waffen die sie hatten vom Messer bis zum Gelatin es gab einige Verhaftungen einige Leute endeten im Gef\u00e4ngnis oder im Spital einige starben aber wir haben immer bekommen was wir wollten weil wir uns genommen haben, was wir wollten. (\u2026) das haben wir vor 20 Jahren in Carbonia gemacht wo nur noch das Streichholz gefehlt hat um die Lunte anzuz\u00fcnden wo wir alle Kommunisten waren eine kompakte Arbeiterklasse weil alle hier in der Mine lebten.\u201c (S.61)<\/p>\n<p>Nicht minder militant werden die proletarischen K\u00e4mpfe f\u00fcr ein Recht auf Wohnen und gegen Zwangsr\u00e4umungen in den 70er Jahren geschildert: \u201eund dann sagen sie es gibt eine Krise und sie erh\u00f6hen die Mieten aber die L\u00f6hne bleiben niedrig und so passiert es dann dass sie die H\u00e4lfte der L\u00f6hne f\u00fcr die Miete zur\u00fcckholen und das ist der Grund warum wir so w\u00fctend sind und den Hass haben den wir haben und deshalb rebellieren wir gegen diesen Stand der Dinge und das erste was diese Schweine vergessen k\u00f6nnen ist die Ruhe mit der sie uns all das Geld rauben und sie k\u00f6nnen auch vergessen dass sie uns einfach mit ihrer Polizei aus dem Wohnungen hinausschmeissen wann immer sie wollen\u201c. (S.16)<\/p>\n<p><strong>Hass auf die Ausbeuter und ihren Staat<\/strong><\/p>\n<p>Das schmale B\u00fcchlein f\u00fchrt keine Strategiediskussionen, das Verh\u00e4ltnis des Erz\u00e4hlers zu reformistischen Massenorganisationen wie Parteien und Gewerkschaften bleibt ambivalent. Eindeutig und eindringlich sind hingegen sein Hass auf die Ausbeuter und ihren Staat \u2013 und die \u00dcberzeugung, dass die Arbeiter sich selbst organisieren m\u00fcssen und sich nur selbst in mit aller H\u00e4rte gef\u00fchrten Klassenk\u00e4mpfen befreien k\u00f6nnen: \u201eweil da gibt es keine zwei M\u00f6glichkeiten was zu tun ist das ist die einzige Methode und so ist es immer gewesen das habe ich aus allen meinen Erfahrungen in allen diesen K\u00e4mpfen gelernt die ich in meinem Leben \u00fcber all die Jahre ausgefochten habe weil sie werden wohl kaum alles zur\u00fcckgeben was sie von uns Tat f\u00fcr Tag f\u00fcr so lange Zeit gestohlen haben und sie werden kaum bereit sein uns alles zur\u00fcckzugeben einfach so weil wir so ein nettes L\u00e4cheln haben und es gibt keine M\u00f6glichkeit hier einen pragmatischen Weg zu erfinden es ist eine Sache Wir oder Sie und es geht darum wer gewinnt oder wer verliert es ist wie in allen Kriegen die Seite die gewinnt ist die Seite die am h\u00e4rtesten k\u00e4mpft die bis zum Ende geht die alles einsetzt was sie hat wir haben viele K\u00e4mpfe verloren und wir werden andere noch verlieren aber wir haben auch schon einige gewonnen und wir werden immer weiter k\u00e4mpfen kontinuierlich und immer weil es sind wir die gewinnen m\u00fcssen am Ende.\u201c (S.79f)<\/p>\n<p>Offen bleibt dabei die Frage, ob und wie solche militanten Arbeiterk\u00e4mpfe und -biographien auch unter den Bedingungen des 21. Jahrhunderts m\u00f6glich sind \u2013oder ob die hochgradig prekarisierte Arbeiterklasse nicht ganz neue und andere Figuren und Formen der K\u00e4mpfe hervorbringen muss. Aber auch daf\u00fcr kann das in diesem B\u00fcchlein transportierte Wissen um das Klassenbewusstsein und die Militanz eines Teils der noch sehr kompakten Industriearbeiterschaft des 20. Jahrhunderts Ermutigung und Inspiration sein.<\/p>\n<p>Das Buch kann&nbsp;<a href=\"http:\/\/www.bahoebooks.net\/start_de.php?action=201&amp;id=59\">hier bestellt werden.<\/a><\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/diefreiheitsliebe.de\/kultur\/carbonia-wir-waren-alle-kommunisten\/\"><em>diefreiheitsliebe.de&#8230;<\/em><\/a><em> vom 26. April 2020<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Florian Wilde. In \u201eCarbonia. Wir waren alle Kommunisten\u201c erz\u00e4hlt der k\u00fcrzlich verstorbene Chronist der autonomen Arbeiterrevolten Italiens, Nanni Balestrini, die Geschichte des 20. 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