{"id":7693,"date":"2020-04-28T09:07:07","date_gmt":"2020-04-28T07:07:07","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=7693"},"modified":"2020-04-28T09:07:08","modified_gmt":"2020-04-28T07:07:08","slug":"chile-keine-corona-pause","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=7693","title":{"rendered":"Chile: Keine Corona-Pause"},"content":{"rendered":"<p><em>David Rojas Kienzle und Regina Antiyuta. <\/em><strong>Chile war in den vergangenen Monaten Schauplatz eines Aufstandes, Covid-19 kommt der Pi\u00f1era-Regierung da sehr gelegen &#8211; die Revolte aber geht weiter.<\/strong><!--more--><\/p>\n<p>Die Bilder k\u00f6nnten unterschiedlicher kaum sein. \u00bbAls ich heute zu meinem Haus zur\u00fcckkehrte, ging ich an der Plaza Baquedano vorbei, stieg f\u00fcr ein paar Minuten aus, um eine Gruppe von Carabineros und Milit\u00e4rs zu begr\u00fc\u00dfen, die den Verkehr lenkten, machte ein Foto und setzte meinen Weg fort\u00ab, twitterte Chiles Pr\u00e4sident Sebasti\u00e1n Pi\u00f1era am 4. April. Knapp einen Monat zuvor, am 8. M\u00e4rz, hatten sich auf der zentral in der Hauptstadt Santiago liegenden Plaza Baquedano noch Millionen Frauen zu einer der gr\u00f6\u00dften Demonstrationen in der Geschichte des Landes versammelt. Genauso wie \u00fcberhaupt seit dem Beginn der landesweiten Proteste gegen das neoliberale Wirtschaftsmodell die Plaza, von den Chilen*innen zur Plaza Dignidad, dem Platz der W\u00fcrde, umbenannt, zu dem Ort, dem Symbol der Proteste geworden war. Pi\u00f1era war dort unerw\u00fcnscht. Seit der Corona-Pandemie kann er, gegen den sich die Proteste richteten, sich dort wieder blicken lassen.<\/p>\n<p>Es ist kein Zufall, dass sich Pi\u00f1era an einem Freitagabend ablichten lie\u00df, waren doch die Proteste bis zuletzt freitags immer am heftigsten. Der chilenischen Regierung kommt diese Pandemie sehr gelegen: Der nicht kontrollierbare Aufstand der letzten Monate konnte so scheinbar auf einen Schlag beendet werden. Am 19. M\u00e4rz wurde der Katastrophenzustand ausgerufen; Treffen von mehr als 50 Personen sind seitdem verboten. Noch in der selben Nacht ordnete die Regierung an, die Plaza Dignidad zu s\u00e4ubern; die auf die Baquedano-Statue gemalten Slogans wurden \u00fcbermalt und auch die drei Skulpturen, die im Dezember zu Ehren der in Chile lebenden indigenen V\u00f6lker Mapuche, Diaguita und Selknam aufgestellt worden waren, wurden zerst\u00f6rt sowie ein Zaun errichtet.<\/p>\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"700\" height=\"699\" src=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/ak-659_chile-700x699-1.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-7694\" srcset=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/ak-659_chile-700x699-1.jpg 700w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/ak-659_chile-700x699-1-300x300.jpg 300w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/ak-659_chile-700x699-1-150x150.jpg 150w\" sizes=\"auto, (max-width: 700px) 100vw, 700px\" \/><figcaption>\u00bbGesundheit ist ein Recht\u00ab, erinnern Demonstrant*innen. Die Pandemie trifft in Chile auf ein ohnehin schon \u00fcberlastetes Gesundheitssystem. Foto: FRENTEFOTOGRAFICO <\/figcaption><\/figure>\n<p>Diese Geste starker symbolischer und politischer Gewalt markierte die erste Nacht des Katastrophenzustands, in der es vorrangig darum ging, zu versuchen, die monatelange Revolte, in der sich eine subversive Erinnerung aufgebaut hat, auszul\u00f6schen. Denn au\u00dfer dem Verbot von Demonstrationen blieb alles andere beim alten. Einkaufszentren, Konsumtempel f\u00fcr die Chilen*innen mit dem n\u00f6tigen Kleingeld, blieben ge\u00f6ffnet, gearbeitet werden muss \u00fcberall. W\u00e4hrend Einkaufszentren mittlerweile geschlossen sind, sind die U-Bahnen in der Hauptstadt wie immer brechend voll, an einen Mindestabstand ist hier nicht zu denken.<\/p>\n<p><strong>Verfr\u00fchte Siegerpose des Pr\u00e4sidenten<\/strong><\/p>\n<p>Der Ausbruch der Corona-Pandemie markiert allerdings nicht nur eine Z\u00e4sur bei den Protesten, er wirft auch ein Schlaglicht auf die vielen Probleme, wegen derer \u00fcberhaupt protestiert wird: eine unf\u00e4hige herrschende Klasse und Regierung, das neoliberale Gesellschafts- und Wirtschaftssystem, und vor allem die unzureichende medizinische Versorgung werden \u2013 kaum vorstellbar \u2013 noch sichtbarer. Eine der am heftigsten kritisierten Ma\u00dfnahmen ist ein Erlass vom 26. M\u00e4rz des Arbeitsministeriums. Demnach haben Arbeitgeber das Recht, die L\u00f6hne von Arbeitnehmer*innen, die auf Grund einer angeordneten Quarant\u00e4ne oder wegen der verh\u00e4ngten n\u00e4chtlichen Ausgangssperre nicht zur Arbeit kommen k\u00f6nnen, einfach nicht zu zahlen. Generell ist Sch\u00e4tzungen zufolge ein knappes Drittel der Chilen*innen im informellen Sektor t\u00e4tig, wird also komplett ohne Einkommen sein, sollten h\u00e4rtere Ma\u00dfnahmen wie eine komplette Ausgangssperre beschlossen werden.<\/p>\n<p>Die kommende Pandemie trifft auf ein sowieso komplett \u00fcberlastetes Gesundheitssystem. 2018 etwa starben nach Regierungsangaben 26.000 Menschen, die auf eine Behandlung warteten. Bis zum 9. April waren nach offiziellen Angaben bereits 59 Menschen an Covid-19 gestorben, 5.972 waren infiziert. Die Situation gleicht der in europ\u00e4ischen L\u00e4ndern, wo man sich angesichts zun\u00e4chst geringer Fallzahlen in Sicherheit w\u00e4hnte. Dabei wird schon jetzt deutlich, dass die landesweit 1.000 Beatmungsbetten, die sich vor allem in der Hauptstadt befinden, bald nicht mehr ausreichen werden. \u00bbWenn diese Beatmungsger\u00e4te nicht kommen, wird sich dieses Krankenhaus in eine Leichenhalle verwandeln,\u00ab erkl\u00e4rte etwa Rodrigo D\u00edaz, Chef des Krankenhauses im s\u00fcdlichen Curanilahue, das bis zum Ausbruch der Corona-Krise ohne jegliche Beatmungsger\u00e4te auskommen musste.<\/p>\n<p>Potenziell t\u00f6dliche Konsequenzen haben auch die Gefangenen der Revolte zu f\u00fcrchten. In den chronisch \u00fcberf\u00fcllten Gef\u00e4ngnissen Chiles sitzen tausende w\u00e4hrend der Proteste der vergangenen Monate Festgenommene in Untersuchungshaft. Die Spannung in den Gef\u00e4ngnissen steigt immer weiter, auch weil Besuche verboten sind. \u00bbEs kommen nur Pakete rein, keine Besucher, die Stimmung ist zu sehr von Angst gepr\u00e4gt f\u00fcr die Gruppe der Familien, wir sind alle sehr verzweifelt\u00ab, so Carola, Mutter eines politischen Gefangenen. Die hygienischen Bedingungen unter denen die Gefangenen leben, sind katastrophal, ebenso die medizinische Versorgung. Am 6. April traten deswegen die Gefangenen der Revolte im Gef\u00e4ngnis Santiago 1 in den unbefristeten Hungerstreik. In einem Kommuniqu\u00e9 fordern sie eine \u00bbGrundausstattung zur Verhinderung einer Ansteckung, da wir in unserem Zustand aufgrund der \u00dcberbelegung einem hohen Ansteckungsrisiko ausgesetzt sind.\u00ab<\/p>\n<p>Genauso wie im Knast regt sich nach einer ersten Schockstarre angesichts von Corona erneut Widerstand. Pi\u00f1eras Siegerpose auf dem Platz der W\u00fcrde war verfr\u00fcht. Denn obwohl es nicht mehr m\u00f6glich ist, legal auf der Stra\u00dfe zu demonstrieren, ist der Aufstand nicht vorbei. Das f\u00e4ngt mit der Solidarit\u00e4t an. Es gibt Unterst\u00fctzungs- und Selbstversorgungsnetzwerke in den Nachbarschaften. Einige Gemeinden haben sich organisiert und Lebensmittelsammelstellen eingerichtet, um diese sp\u00e4ter unter den Nachbar*innen zu verteilen, die aufgrund der Quarant\u00e4ne ohne Einkommen geblieben sind. Die Menschen verstehen, dass sie individuell nicht in der Lage sein werden, die Krise, die Chile durchmacht, zu bew\u00e4ltigen, und dass alles darauf hindeutet, dass sie sich in den kommenden Wochen versch\u00e4rfen wird.<\/p>\n<p>\u00a0Aber auch auf der Stra\u00dfe protestieren trotz Katastrophenzustand die Chilen*innen weiter, kleiner und kreativer. Gerade in der Peripherie, beispielsweise in den n\u00f6rdlichen St\u00e4dten Iquique und Antofagasta, gibt es immer wieder direkte Aktionen und Auseinandersetzungen mit der Polizei. Aber auch in Santiago geht der Protest weiter. Am 29. M\u00e4rz etwa wurde der Tag des jungen K\u00e4mpfers begangen, an dem an die Ermordung zweier junger Widerstandsk\u00e4mpfer gegen die Milit\u00e4rdiktatur 1985 gedacht wird. In Santiago gab es Stra\u00dfenschlachten mit der Polizei, Barrikaden wurden errichtet. Feministische Organisationen riefen dazu auf, von den Balkonen und Fenstern Bilder der Diktatur und der aktuellen Revolte zu projizieren und so den Staatsterrorismus von gestern und heute anzuprangern \u00bbAuf dass das Gedenken die Quarant\u00e4ne erleuchtet\u00ab war das Motto. Die zu projizierenden Videos wurden in sozialen Netzwerken ausgestrahlt. Am selben Tag wurde zu diesem Zweck eine virtuelle Totenwache abgehalten.<\/p>\n<p><strong>Virtuelle Protestformen<\/strong><\/p>\n<p>\u00dcberhaupt wird der virtuelle Raum von den Chilen*innen immer st\u00e4rker genutzt. In verschiedenen Chatgruppen kann man diskutieren und sich dar\u00fcber informieren, wie der staatlichen Politik, die die Prekarit\u00e4t in dieser Krise verst\u00e4rkt, begegnet werden kann. So stellte die Gruppe von Anw\u00e4lten der defensor\u00eda popular, einem spendenfinanziertem Anwaltskollektiv, das pro bono verteidigt, zwei ihrer Anw\u00e4lte zur Verf\u00fcgung, um in einer offenen virtuellen Sitzung zum Thema Arbeitsschutzrecht zu diskutieren und anzuleiten.<\/p>\n<p>Und in Regionen, die bisher noch nicht von Corona betroffen sind und wo die Gesundheitsversorgung noch prek\u00e4rer ist, organisieren sich Menschen und setzen selbst Ma\u00dfnahmen zur Pandemiebek\u00e4mpfung durch. Die Bewohner*innen der Insel Chilo\u00e9 etwa verhinderten mit Stra\u00dfensperren, das au\u00dfer Lebensmittellieferungen Verkehr auf die Insel kommt. Die Stra\u00dfensperren wurden zwar mit Polizeigewalt aufgel\u00f6st, der Personenverkehr ist aber trotzdem zum Erliegen gekommen. Auch in San Antonio, einer Region, in der viele wohlhabende Chilen*innen Ferienh\u00e4user haben, wurden solche selbstorganisierten Stra\u00dfensperren errichtet, um diese von der Region fernzuhalten.<\/p>\n<p>Der Platz der W\u00fcrde hat also sein rebellisches Antlitz nicht verloren. Pi\u00f1era selbst sa\u00df w\u00e4hrend seiner missgl\u00fcckten Fotoaktion direkt neben einem riesigen Graffito auf dem \u00bbPi\u00f1era raus!\u00ab stand. Im \u00fcbrigen desinfizierten Aktivist*innen die Stelle, auf der der Pr\u00e4sident sa\u00df, mit Chlor und filmten sich dabei. \u00bbUnser Platz ist wieder normal, unser Platz ist frei von dem Virus. Hoch mit den K\u00e4mpfern!\u00ab Die Revolte in Chile macht keine Corona-Pause.<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/wirkommen.akweb.de\/thema\/pandemie\/keine-corona-pause\/\"><em>akweb.de&#8230;<\/em><\/a><em> vom 28. April 2020<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>David Rojas Kienzle und Regina Antiyuta. 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