{"id":7706,"date":"2020-04-29T16:36:20","date_gmt":"2020-04-29T14:36:20","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=7706"},"modified":"2020-04-29T16:36:21","modified_gmt":"2020-04-29T14:36:21","slug":"frankreichs-arbeiterinnenklasse-formiert-sich","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=7706","title":{"rendered":"Frankreichs Arbeiter*innenklasse formiert sich"},"content":{"rendered":"<p><em>Willi Eberle.<\/em> <strong>In den bleiernen Jahren 1980 bis 1995 war die Arbeiter*innenklasse wie gel\u00e4hmt angesichts der Wucht der neoliberalen Angriffe auf die Arbeits- und Lebensbedingungen. Danach flammte weltweit der Widerstand in mehreren<!--more--> Wellen auf, die sich bis heute fortsetzen. In Frankreich, als einem der wichtigsten imperialistischen L\u00e4nder, treten diese sozialen K\u00e4mpfe kontinuierlicher und dichter auf als anderswo. Was hat das zu bedeuten? <\/strong><\/p>\n<p>Seit dem September 2019 formierte sich zum wiederholten Male der Widerstand der franz\u00f6sischen Arbeiter*innenklasse gegen die Jahrzehnte alten Projekte der franz\u00f6sischen Bourgeoisie, das Rentensystem radikal anzugreifen. Im Gegensatz beispielsweise zur Schweiz, den USA oder Deutschland geht sowas in Frankreich nicht ohne Widerstand der Arbeiter*innenklasse \u00fcber die B\u00fchne, obschon auch hier die grossen Gewerkschaften ebenso b\u00fcrokratisch sind wie anderswo und sie ebenso Angst vor einer zum k\u00e4mpferischen Selbstbewusstsein erwachten Basis haben. Im legend\u00e4ren Streik vom Dezember 1995 musste die Regierung Jupp\u00e9 angesichts des starken Widerstandes zur\u00fccktreten und das Projekt eines grossen Angriffs auf das Rentensystem zur\u00fcckziehen. Seit dann hat sich jede Regierung daran versucht, ist auf vehementen Widerstand gestossen und hat bisweilen kleinere Teilerfolge erzielt.<\/p>\n<p>Nun will Macron aufs Ganze gehen und das Rentenalter f\u00fcr alle auf 64 Jahre erh\u00f6hen, das bestehende System aus staatlicher Finanzierung und Umlageverfahren (\u00e4hnlich der schweizerischen AHV) mit einer Kapitaldeckungsfinanzierung (\u00e4hnlich den Pensionskassen in der Schweiz) erg\u00e4nzen. Im Kern des Angriffs auf das Rentensystem, wie das Unternehmerlager ihn seit Jahren einfordert, geht es um die allgemeine Absenkung aller Renten durch eine Ver\u00e4nderung ihrer Bemessungsgrundlage. Zurzeit werden die finanziell besten 25 Beitragsjahre zur Berechnung der H\u00f6he der Renten herangezogen. Kommt die Reform durch, werden in Zukunft 43 Beitragsjahre in die Ermittlung des Rentenniveaus f\u00fcr fast alle Berufsgruppen \u2013 ausgenommen sind nur wenige wie Milit\u00e4rs, Teile der Polizei, Pilot*innen, Opernt\u00e4nzer*innen \u2013 einflie\u00dfen. Der Rentenklau betrifft also die gesamte Arbeiter*innenklasse und alle Einkommensschw\u00e4cheren, Prek\u00e4ren, Erwerbslosen besonders hart.<\/p>\n<p>Auch sollte das Projekt nicht verhandlungsf\u00e4hig sein \u2013 die Gewerkschaftsspitzen wurden einfach zu Informationssitzungen eingeladen, aber ausdr\u00fccklich nicht zu Verhandlungen. Dahinter steckt die \u2013 nicht unbegr\u00fcndete \u2013 Einsch\u00e4tzung, dass die Gewerkschaften mittlerweile zu schwach sind, mit den hergebrachten Methoden die politische Macht der Bourgeoisie herauszufordern. Zudem hat die Regierung am 29. Februar kurzerhand die parlamentarische Verhandlung \u00fcber ihr Projekt ausgesetzt und will dieses per Dekret durchsetzen.<\/p>\n<p>Dieser Widerstand gegen den Grossangriff auf das franz\u00f6sische Rentensystem findet im Zusammenhang einer sich seit etwa vier Jahren entfaltenden weltweiten Welle sozialer K\u00e4mpfe statt.<\/p>\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"768\" src=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/fr2.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-7708\" srcset=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/fr2.jpg 1024w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/fr2-300x225.jpg 300w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/fr2-768x576.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/figure>\n<p><strong>Weltweite Erhebungen gegen die neoliberalen Verw\u00fcstungen in drei Sch\u00fcben<\/strong><\/p>\n<p>Die weltweiten Aufst\u00e4nde haben sich seit etwa 25 Jahren in drei Sch\u00fcben verdichtet: 1995 bis 2005 entfaltete sich der \u00ablateinamerikanische-europ\u00e4ische Zyklus\u00bb, mit einer Verdichtung der Mobilisierungen und Streiks in Europa und Lateinamerika, aber auch anderswo. Gelegentlich wird auch von Antiglobalisierungsbewegung gesprochen mit den Sozialforen. Damals wurden gelegentlich K\u00e4mpfe gewonnen, beispielsweise in Frankreich. In dieser Periode kam es gerade in Lateinamerika zur Bildung von sogenannten Linken Regierungen, v.a. in Brasilien, Venezuela, Uruguay, Ecuador. \u00a02009 \u2013 2012 flammte der \u00abmediterane Zyklus\u00bb auf, mit grossen Aufst\u00e4nden in Nordafrika, dem Nahen Osten, Griechenland, Frankreich, Spanien, die alle mehr oder weniger brutal niedergewalzt wurden und, drittens, der aktuelle Zyklus seit ca. 2016, der wirklich den gesamten Globus umspannt.\u00a0<\/p>\n<p>Diese sozialen Bewegungen richten sich gegen alle Auspr\u00e4gungen der Verw\u00fcstungen, die die neoliberale Offensive in den verschiedenen Bereichen der materiellen Arbeits- und Lebensrealit\u00e4t anrichtet. Vor allem gegen die Konterreformen um Arbeitsbedingungen, Bildung, Sozialversicherungen, Gesundheitssystem, Privatisierung \u00f6ffentlicher Dienstleistungen und in der Altersvorsorge; gegen Rassismus, wachsende Repression, gegen autorit\u00e4re Regimes und gegen die Ausweitung des milit\u00e4rischen Interventionismus v.a. des US-Imperialismus. Generell sind diese sozialen Bewegungen bislang auf breite Sympathie gestossen, wie auch die gewaltt\u00e4tige Repression, wie sie von den Regierungen dagegen losgelassen wurde, an den meisten Orten breit abgelehnt wird.<\/p>\n<p>Allerdings f\u00e4llt auf, dass die Forderungen der sozialen Bewegungen nur in den seltensten F\u00e4llen durchgesetzt werden konnten; im Gegenteil: Die Angriffe auf die materiellen Arbeits- und Lebensbedingungen werden immer h\u00e4rter, vor allem seit der grossen Krise von 2008. Alle reformistischen und gerade auch die links-reformistischen politischen Organisationen haben diese Angriffe bislang geduldet oder gar selbst mitgetragen; sie legen die Priorit\u00e4t auf eine gute Verhandlungsposition mit der Bourgeoisie anstatt auf eine St\u00e4rkung der Kampff\u00e4higkeit der Arbeiter*innenklasse. Gerade die links-reformistischen Ans\u00e4tze, wie die deutsche Linkspartei, die spanische Podemos, der portugiesische Bloco, die franz\u00f6sische La France Insoumise, oder die griechische Syriza lenkten oder lenken den Widerstand in traditionelle reformistische Bahnen. Dies ist eigentlich auch die Linie der linkeren franz\u00f6sischen Gewerkschaften, vor allem der CGT, die wie alle reformistischen Organisationen letztendlich immer darauf aus sind, mit der Regierung und der Bourgeoisie im Gespr\u00e4ch zu bleiben und diese keinesfalls st\u00fcrzen wollen; und gerade dies wird in der Basis der sozialen Bewegungen immer deutlicher gefordert.<\/p>\n<p>Die radikale Linke, die zu einem grossen Teil im Laufe der \u00abersten Welle\u00bb weltweit auf links-reformistische Strategien wie Linke Regierungen oder Breite Parteien gesetzt hat, wollte bereits damals Anschluss an diese sozialen Bewegungen finden; zu diesem Zweck brachen weite Teile von ihr erstaunlicherweise mit den zentralen Pfeilern einer klassenorientierten Ausrichtung.<a href=\"#_edn1\" name=\"_ednref1\">[1]<\/a> Das tragischste Beispiel ist sicher die Erfahrung mit der griechischen Syriza-Regierung, aber auch in Lateinamerika r\u00e4cht sich sp\u00e4testens seit 2015 diese Strategie des \u00abAbschieds vom Proletariat\u00bb mit einer aggressiven politischen Konterrevolution. Generell kam es seit 2012 zu einem deutlichen Erstarken der Neuen Rechten, die oft eine organische Verbindung in faschistische Formationen und Traditionen hat. Dies gilt gerade auch f\u00fcr Frankreich.<a href=\"#_edn2\" name=\"_ednref2\">[2]<\/a>\u00a0 Demgegen\u00fcber\u00a0 steckt die radikale Linke beinahe \u00fcberall in einer tiefen Krise.<\/p>\n<p><strong>Frankreich 2016 \u2013 2020<\/strong><\/p>\n<p>Die Konterreform des Arbeitsgesetzes durch die sozialistische Regierung (El-Khomri-Gesetz) 2016 provozierte die Er\u00f6ffnung einer neuen Kampfperiode der franz\u00f6sischen Arbeiter*innenklasse, die wie viele bereits fr\u00fcher, in einer Niederlage endete. 2017 folgten die K\u00e4mpfe gegen die Konterreformen um die franz\u00f6sischen Staatsbahnen SNCF, die ebenfalls in einer Niederlage endeten, Ende 2018 entz\u00fcndete sich die Bewegung der Gilets Jaunes [Gelbwesten], deren Ausl\u00e4ufer bis heute anhalten und die sich ab Anfang Dezember 2019 in Rinnsalen in den Widerstand gegen den Angriff auf das Rentensystem ergossen. Dazwischen flammten immer wieder Bewegungen gegen Rassismus, Repression, Gegenreformen im Bildungssektor und um die schwelenden Konflikte in den Banlieus auf. In all diesen K\u00e4mpfen, soweit die Gewerkschaften als weiterhin wichtigste Kampfstruktur der Arbeiter*innenklasse beteiligt waren, spielten deren F\u00fchrungen insgesamt eine letztendlich bremsende Rolle. Dies u.a. aufgrund ihrer prim\u00e4ren Orientierung auf Gespr\u00e4che mit den Vertreter*innen der Bourgeoisie, insbesondere mit der Regierung.<\/p>\n<p>Die franz\u00f6sischen Gewerkschaftsverb\u00e4nde sind sehr zersplittert, sehr schwach verankert, im Privatsektor oft kaum vorhanden, und deshalb vor allem auf die staatlichen Autorit\u00e4ten als Verhandlungspartner orientiert. Einige unter ihren gr\u00f6sseren stehen traditionell eher rechts wie die Kadergewerkschaft CGC, andere\u00a0 wie die CFDT haben sich wie die sozialistische Partei seit den fr\u00fchen 1980er Jahren auf die aufstrebenden Neuen Mittelschichten \u2013 das heisst die Teile der Lohnabh\u00e4ngigen, die aufgrund ihrer Ausbildung, Qualifikationen, beruflichen Stellung oder ihrer politischen Herkunft ihr Schicksal eher an die Interessen der grossen Konzerne als an proletarische K\u00e4mpfe binden \u2013 orientiert und stehen bei sozialen K\u00e4mpfen eher zur\u00fcck. Die Force Ouvri\u00e8re (FO) ist aus einer antistalinistischen Abspaltung von der CGT 1946 mit einer \u00e4hnlichen Verankerung im proletarischen Milieu entstanden und hat deren b\u00fcrokratisch-reformistische Ausrichtung beibehalten, hat aber weniger Verankerung in den k\u00e4mpferischen Teilen des Proletariats als die CGT. Die FSU, die vor allem im Bildungsbereich verankert ist, geh\u00f6rt eher zu den k\u00e4mpferischen Gewerkschaften. Solidaires, in den K\u00e4mpfen 1990er Jahren entstanden, ist wesentlich kleiner und am ehesten auf die Entwicklung von proletarischen K\u00e4mpfen ausgerichtet. Die CGT hingegen ist unter den grossen Verb\u00e4nden wohl am besten in einem k\u00e4mpferischen proletarischen Milieu verankert, was intern denn auch oft f\u00fcr Konflikte sorgt. Der Zusammenschluss der intersyndicale, wie er im Widerstand gegen die Rentengegenreform erneut zum Tragen kam, umfasst eher \u00abk\u00e4mpferische\u00bb Gewerkschaften wie Solidaires, CGT, FSU, FO, aber auch eher \u00abgem\u00e4ssigte\u00bb wie die UNSA, die vom Aktionskomitee RATP-SNCF am 5. Dezember buchst\u00e4blich in den Streik gedr\u00e4ngt wurde.<\/p>\n<p>Aufgrund dieser Zersplitterung und Schw\u00e4che und unter dem Druck der Basis entsteht eine Art Konkurrenzsituation unter den Gewerkschaftsf\u00fchrungen, die f\u00fcr sie die wenn auch wohltemperierte Unterst\u00fctzung von K\u00e4mpfen zu einer Notwendigkeit macht. Denn, falls etwas herausgeholt werden kann, wollen sie dabei federf\u00fchrend gewesen sein. Dies war gut sichtbar im vergangenen Dezember, als der F\u00fchrer der CFDT, Laurent Berger, von der Regierung ein vermeintliches Versprechen bekam, dass das mit den Beitragsjahren nicht so strenggenommen werden w\u00fcrde. Mittlerweile stellte sich dies als T\u00e4uschungsman\u00f6ver heraus und die CFDT, die den Kampf nie unterst\u00fctzte, sieht sich nun als D\u00fcpierte. Sie verliert mittlerweile \u2013 als seit einigen Jahren gr\u00f6sste Gewerkschaft \u2013 viele Mitglieder. Immerhin wurde deren Zentrale von einer Basisgruppe um das Aktionskomitee RATP-SNCF am 17. Dezember besetzt und einige Male deren Stromversorgung abgestellt, wie dies \u00fcbrigens auch f\u00fcr einige Polizeistationen geschah. Das Aktionskomitee RATP-SNCF bildete sich zwischen September und Dezember 2019 als autonomes Handlungsinstrument f\u00fcr die Auseinandersetzung um das Rentensystem; seine Basis liegt im Pariser Nahverkehrsunternehmen RATP und den Staatsbahnen SNCF und geht auf Zusammenh\u00e4nge zur\u00fcck, die sich teils in fr\u00fcheren K\u00e4mpfen herausgebildet haben, teils auch in der radikalen Linken wurzeln, vor allem im Umfeld des NPA. Dieser wiederum ist traditionell in Solidaires pr\u00e4sent.<\/p>\n<p>Die intersyndicale und insbesondere die CGT wurden durch die k\u00e4mpferische Basis um das Aktionskomitee RATP-SNCF in gewissem Sinne vorw\u00e4rtsgetrieben; dieser sich selbst organisierende Handlungszusammenhang hatte am Aktionstag im September den Gewerkschaften auf den 5. Dezember die Einleitung eines unbefristeten Streiks aufgedr\u00e4ngt. Dessen Auftakt war denn auch, mit allen begleitenden Mobilisierungen in vielen Betrieben und auf der Strasse beeindruckend, auch wenn die Gewerkschaften, vor allem auch die CGT, keine Anstalten machten, den Streik \u00fcber die SNCF und in Paris \u00fcber die RATP hinaus auszuweiten. Sie sind weiterhin, wie dies ihrer sozialpartnerschaftlichen Tradition entspricht, an keiner politischen Krise der F\u00fcnften Republik interessiert. Aber sie wurden von der aktiven Basis am 5. Dezember immerhin dazu gezwungen, den Streik unbefristet fortzusetzen. Als die Gewerkschaftsf\u00fchrungen am 20. Dezember dann eine Waffenruhe \u00fcber die Feiertage durchsetzen wollten, haben die Aktionskomitees, zu denen auch die Lehrer*innen des \u00f6ffentlichen Bildungssystems und einige andere stiessen, kurzerhand die Streiks und Mobilisierungen mit grossem Einfallsreichtum \u00fcber die Feiertage fortgef\u00fchrt.<\/p>\n<p>Am 20. Januar aber mussten die Streikenden die Waffen vorderhand strecken \u2013 sie waren zu ersch\u00f6pft. Kein Wunder, denn sie mussten die 45 Tage Streik finanziell weitgehend selbst tragen, es gibt keine Streikkassen bei den franz\u00f6sischen Gewerkschaften, obwohl diese offenbar insgesamt \u00fcber ein Verm\u00f6gen von 4 Milliarden \u20ac verf\u00fcgen. Wie kaum ein anderer sozialer Kampf wird der gegen die Rentenk\u00fcrzungen von unten, von der Basis der Besch\u00e4ftigten getragen \u2013 und er verdeutlicht damit die St\u00e4rken, die allein schon aus dem spontanen Gewicht der Arbeiter*innenklasse erwachsen. Der Streik, wie bereits fr\u00fchere K\u00e4mpfe und die Gilets Jaunes erfreuen sich einer breiten Sympathie in der Bev\u00f6lkerung; diese alimentierte denn auch eine solidarische Streikkasse, in der einige Millionen \u20ac zusammenkamen.<\/p>\n<p><strong>Lehren<\/strong><\/p>\n<p>Vor allem aber zeigt die gegenw\u00e4rtige Bewegung, dass die neue Sequenz des Klassenkampfes, die 2016 und vor allem mit der Gelbwesten-Bewegung 2018 begann, tiefere und zweifellos explosivere Umw\u00e4lzungen in den kommenden Monaten und Jahren ank\u00fcndigt. In einem Abstand von mehr als 150 Jahren scheint uns diese Sequenz daran zu erinnern, dass \u00abFrankreich das Land ist, in dem die Klassenk\u00e4mpfe jedes Mal, mehr als irgendwo sonst, bis zur vollst\u00e4ndigen Entscheidung gef\u00fchrt wurden und wo folglich die wechselnden politischen Formen, innerhalb derer sie sich bewegen und in denen ihre Ergebnisse zusammengefasst werden, die sch\u00e4rfsten Konturen annehmen\u00bb.<a href=\"#_edn3\" name=\"_ednref3\">[3]<\/a><\/p>\n<p>Wir betrachten drei Aspekte dieser Einsch\u00e4tzung:<\/p>\n<p>Erstens war die Bewegung gegen die Konterreform des Rentensystems zwar nie wirklich auf breiter Ebene handlungsf\u00e4hig ohne Gewerkschaftsf\u00fchrungen, trotz den hoffnungsvollen Ans\u00e4tzen vor allem bei der SNCF und der RATP und bei den Lehrer*innen. Die B\u00fcrokratie hatte immer noch die Hebel in der Hand, obgleich die Aktionskomitees eine neue \u00fcberbetriebliche St\u00e4rke entwickelt haben. Aber es entstanden deutliche Ans\u00e4tze, im Kampf selbst die Instrumente zu entwickeln, um der selbstorganisierten Avantgarde des Proletariats in einer kommenden Kampfperiode eine bessere Handlungsf\u00e4higkeit zu verschaffen. Dies ist eine wesentliche Voraussetzung, um K\u00e4mpfe zu f\u00fchren, in denen die Kommandoposten der Bourgeoisie schwer bedr\u00e4ngt und letztendlich gest\u00fcrzt werden m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Zweitens gelang es nicht wirklich, den Gehalt und die Methoden der Gelbwesten, der Aufst\u00e4ndischen in den Banlieus, der Sch\u00fcler*innenk\u00e4mpfe und anderer mit den K\u00e4mpfen des Proletariats zu kombinieren. Gerade die Gelbwesten aber hatten eine Ausdauer, eine Virtuosit\u00e4t, Hartn\u00e4ckigkeit und im Allgemeinen eine Unbestechlichkeit, die b\u00fcrokratischen und reformistischen Organisationen fremd ist. Insbesondere aber war der Inhalt dieser Bewegung wie ein Motto, das als wehende Fahne \u00fcber dem allgemeinen Unbehagen prangte: \u00abWir wollen Leben, nicht \u00dcberleben!\u00bb Und gerade in diese Lebensform des \u00dcberlebens wurden und werden immer breitere Segmente der Lohnabh\u00e4ngigen und des deklassierten Kleinb\u00fcrgertums durch die Strategien des Neoliberalismus geworfen. Und alle diese marginalisierten Segmente, welche sich durch die Gilets Jaunes vertreten f\u00fchlten, g\u00e4lte es in einer aufst\u00e4ndischen solidarischen Bewegung zusammenzuf\u00fchren, damit der zerst\u00f6rerischen Politik zugunsten der Reichen Einhalt geboten werden k\u00f6nnte. Die Verteidigung des Rentensystems w\u00e4re eine gute Gelegenheit daf\u00fcr gewesen, betrifft dieses doch eigentlich alle. Allerdings standen die F\u00fchrungen der Gewerkschaftsverb\u00e4nde im Allgemeinen den Gelbwesten ablehnend gegen\u00fcber, wie auch zumindest zu Beginn ein grosser Teil der radikalen Linken.<\/p>\n<p>Drittens ist Frankreich, wie alle imperialistischen L\u00e4nder \u2013 und erst recht die L\u00e4nder der Peripherie \u2013 durch 30 bis 40 Jahre Neoliberalismus politisch und sozial verw\u00fcstet worden: Eine gesellschaftliche Atomisierung hat sich verfestigt mit dem Vormarsch der Warenform in alle Bereiche des individuellen und \u00f6ffentlichen Lebens; damit nimmt in der Wahrnehmung der materiellen Arbeits- und Lebensbedingungen eine Optik der Konkurrenz \u00fcberhand. Dies f\u00fchrt direkt in eine politische Degenerierung grosser Segmente der Gesellschaft, einer Profilierung von Rassismus, Nationalismus und von auf Identit\u00e4ten basierenden Weltinterpretationen. Das heisst, dadurch wird ein Humus f\u00fcr reaktion\u00e4re politische Ans\u00e4tze unterf\u00fcttert, der die Grundlage f\u00fcr den Aufstieg der Neuen Rechten abgibt. Nur mit einem entschlossenen Widerstand gegen die Angriffe auf die materiellen Arbeits- und Lebensbedingungen k\u00f6nnen diejenigen solidarischen politischen Strukturen geschaffen werden, die einen Weg in eine befreite Gesellschaft weisen. Und nur in solchen K\u00e4mpfen kann das Klassenbewusstsein heranwachsen, das der Arbeiter*innenklasse erlaubt, kollektiv den Weg durch das gewundene Dickicht des Kampfes f\u00fcr die Befreiung zu finden.<a href=\"#_edn4\" name=\"_ednref4\">[4]<\/a><\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p>Die franz\u00f6sische Arbeiter*innenklasse war \u00fcber die vergangenen f\u00fcnf Jahrzehnte in allen internationalen Wellen grosser sozialer K\u00e4mpfe pr\u00e4sent, und dies in einem der m\u00e4chtigsten imperialistischen L\u00e4nder. Nirgendwo sonst war dies der Fall!<\/p>\n<p><em>Dieser Text wurde im Februar 2020 f\u00fcr die <\/em><a href=\"https:\/\/sozialismus.ch\/antikap\/\"><em>Zeitschrift antikap Nr. 12<\/em><\/a><em> \u00a0vom Mai 2020 geschrieben. Mittlerweile ist die franz\u00f6sische Arbeiterklasse, wie ihre Genossen weltweit, mit noch gr\u00f6sseren Herausforderungen aufgrund der sogenannten Corona-Krise konfrontiert. Die franz\u00f6sische Bourgeoisie sieht sich in ihrem Bestreben, dem deutschen Modell der Exportorientierung nachzueifern und diesem nach M\u00f6glichkeit gleichzuziehen, zur\u00fcckgeworfen. Sie wird entsprechend den Druck auf die Arbeits- und Lebensbedingungen weiter versch\u00e4rfen.<\/em><\/p>\n<p><a href=\"#_ednref1\" name=\"_edn1\">[1]<\/a> Siehe dazu beispielsweise: Willi Eberle: Diskurs gegen Klasse. \u00dcber anti-marxistische Modestr\u00f6mungen; <a href=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=6562\">https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=6562<\/a>.<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref2\" name=\"_edn2\">[2]<\/a> Siehe zu dieser Problematik beispielsweise David Ales: Der Aufstieg der Rechten: Eine faschistische Gefahr? In antikap Nr. 10 vom Fr\u00fchjahr 2019 und Willi Eberle: Alle nach rechts: Was tun? In antikap Nr. 11 vom Herbst 2019.<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref3\" name=\"_edn3\">[3]<\/a> Friedrich Engels: Vorwort zur dritten Auflage der deutschen Ausgabe (1885) von \u00abDer achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte\u00bb von Karl Marx, in MEW 8, 561; <a href=\"https:\/\/marxwirklichstudieren.files.wordpress.com\/2012\/11\/mew_band08.pdf\">https:\/\/marxwirklichstudieren.files.wordpress.com\/2012\/11\/mew_band08.pdf<\/a>.<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref4\" name=\"_edn4\">[4]<\/a> Siehe z.B. Ernest Mandel: Lenin und das Problem des proletarischen Klassenbewusstseins, <a href=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=2007\">https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=2007<\/a><u>.<\/u><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Willi Eberle. In den bleiernen Jahren 1980 bis 1995 war die Arbeiter*innenklasse wie gel\u00e4hmt angesichts der Wucht der neoliberalen Angriffe auf die Arbeits- und Lebensbedingungen. 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