{"id":773,"date":"2015-10-27T09:54:22","date_gmt":"2015-10-27T07:54:22","guid":{"rendered":"http:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=773"},"modified":"2015-10-27T09:54:22","modified_gmt":"2015-10-27T07:54:22","slug":"wo-und-warum-die-franzoesischen-arbeiter-den-ultrarechten-front-national-waehlen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=773","title":{"rendered":"Wo und warum die franz\u00f6sischen Arbeiter den ultrarechten Front National w\u00e4hlen"},"content":{"rendered":"<p><strong>In diesen Tagen erscheint im K\u00f6lner PapyRossa Verlag der Band \u00abDer Front National \u2013 Geschichte, Programm, Politik und W\u00e4hler\u00bb von Sebastian Chwala. <\/strong><!--more--><\/p>\n<p><strong>Dieser Vorabdruck des Kapitels\u00a0 \u00abDie Arbeiter und der FN \u2013 eine nat\u00fcrliche Allianz?\u00bb wurde der Jungen Welt vom 27. Oktober 2015 entnommen, das von der <em>jW<\/em> leicht gek\u00fcrzt und redaktionell bearbeitet wurde. <\/strong><strong>Der Politikwissenschaftler Sebastian Chwala lebt in Marburg. Am 1. November stellt er sein Buch auf der Linken Literaturmesse in N\u00fcrnberg vor.<\/strong><\/p>\n<p>&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;<\/p>\n<p><em>Sebastian Chwala. <\/em>Das Klassenbewusstsein der Arbeiter in Frankreich nimmt ab. Bereits 1978 offenbarten die demoskopischen Erhebungen eine starke Beunruhigung, die mit dem Gef\u00fchl einer in die Krise geratenen Gesellschaft einherging. Wichtigste Faktoren f\u00fcr die Konservierung des Klassenbewusstseins waren f\u00fcr die Sozialwissenschaftler Guy Michelat und Michel Simon die Existenz relativ einheitlicher und solidarischer Kollektive auf unterer Ebene (Betrieb, Wohnviertel) und die Existenz starker Organisationen (Gewerkschaften, Parteien), die im politischen und sozialen Raum die Arbeiterideen geltend machen konnten und von denen sich die Arbeiter vertreten f\u00fchlten.<\/p>\n<p>Im Verlauf der 1980er Jahre brach das Gef\u00fchl der Zugeh\u00f6rigkeit zur Arbeiterklasse weg, was parallel mit den Strukturver\u00e4nderungen in der Industrie, der anhaltenden Massenarbeitslosigkeit und ihrer zerst\u00f6renden Wirkung auf Individuen und Kollektive sowie einem entsprechenden sozialen Bewusstsein einherging. Dabei erlitt der Parti communiste fran\u00e7ais (PCF) seinen st\u00e4rksten Vertrauensverlust vor allem in den sehr weit links stehenden Bev\u00f6lkerungsgruppen, die sich in der Folge dem Parti socialiste zuwendeten. Zugleich fand die Ideologie des Liberalismus f\u00fcr ein Jahrzehnt starken Zuspruch.<\/p>\n<p>Die Entwicklung der Mitgliedszahlen der Kommunistischen Partei nach unten ist im negativen Sinne eindrucksvoll. Hatte die Partei 1979 noch mehr als 700.000 zahlende Mitglieder, waren es 2001 nur noch zirka 139.000. Ab den 1990er Jahren begann der Glauben an die Institutionen zu erodieren. Das ging mit einer starken Hinwendung zu kollektiven Aktionsformen und einem \u00bbZweiten Bruch\u00ab mit der parteipolitischen Linken einher. Diesmal war der Parti Socialiste betroffen. Die Wahlenthaltung in der \u00bbClasse populaire\u00ab wurde in der Folge besonders massiv. Dies ging einher mit dem weiteren R\u00fcckgang des Klassenbezugs, f\u00fchrte aber nicht in erster Linie zu einer Unterst\u00fctzung des Front National.<\/p>\n<p>Dass das Zugeh\u00f6rigkeitsgef\u00fchl zur politischen Linken in den alten PCF-Hochburgen nicht vollst\u00e4ndig verlorengegangen ist, zeigt sich im \u00bbRoten G\u00fcrtel\u00ab. Damit sind die Pariser Vorst\u00e4dte gemeint, die seit den 1920ern stabile Hochburgen der Linken sind. So stellt der PCF nach wie vor etliche B\u00fcrgermeister und auch Abgeordnete. Die Wahl linker Kandidaten geht aber oft mehr auf kulturelle Gr\u00fcnde denn auf inhaltliche \u00dcberzeugung zur\u00fcck. Dies hat zur Folge, dass in jenen Gemeinden die Wahlergebnisse des PCF oder der Kandidaten, die von der Partei unterst\u00fctzt werden, zwar nach wie vor bis zu 15 Prozent \u00fcber dem nationalen Durchschnitt, die Wahlergebnisse des FN aber darunter liegen. Die Wahlbeteiligung bewegt sich allerdings um rund zehn Prozent unter dem nationalen Durchschnitt.<\/p>\n<p>Die Gegengesellschaft, die in roten St\u00e4dten wie St. Denis oder Gennevilliers unter der F\u00fchrung der Kommunistischen Partei Frankreichs einst vorhanden war, ist also verschwunden. Diese erm\u00f6glichte es am H\u00f6hepunkt der Arbeiterbewegung und des \u00bbfordistischen Klassenkompromisses\u00ab, eine revolution\u00e4re Rhetorik mit einer reformerischen Kommunalpolitik zu verbinden. Dies hatte nicht nur zum kr\u00e4ftigen Ausbau der sozialen Infrastruktur gef\u00fchrt, sondern auch zum Aufbau einer arbeiterbewegten Kultur- und Vereinspolitik. Gleichzeitig hatten sich die kommunistischen B\u00fcrgermeister bedingungslos hinter die Arbeitsk\u00e4mpfe in den Gro\u00dfbetrieben gestellt.<\/p>\n<p><strong>\u00bbStolze Rebellen\u00ab <\/strong><\/p>\n<p>Doch die Deindustrialisierung der Pariser Vorst\u00e4dte seit dem Ende der 1970er Jahre schr\u00e4nkte die Handlungsf\u00e4higkeit der Gemeinden immer weiter ein. Mit dem \u00bbBersten\u00ab der fordistischen Lohnarbeitsgesellschaft verlor der \u00bbGemeindekommunismus\u00ab mehr und mehr seinen progressiven Gehalt. Statt sich wie bisher auf die Seite der Arbeiter zu stellen, waren die B\u00fcrgermeister nun bem\u00fcht, gute Beziehungen zu den verbliebenen Unternehmen aufzubauen \u2013 in der Hoffnung, wenigstens eine kleine wirtschaftliche Basis zu retten. Es waren Unternehmen, in denen die Ausgliederung von Gesch\u00e4ftsbereichen immer bedeutender wurde, und die Konkurrenz zwischen Leiharbeitern und Festangestellten, die die Herausbildung von betrieblicher Solidarit\u00e4t verhinderte und die Gewerkschaftsarbeit auf Abwege f\u00fchrte.<\/p>\n<p>An die Stelle des Klassenkampfes ist der Kampf um Arbeitspl\u00e4tze getreten. Die Entfremdung zwischen den Arbeiterparteien und der beherrschten Klasse ist derart vorangeschritten, dass in manchen Stadtvierteln von St. Denis ein Drittel der W\u00e4hler noch nicht einmal in ihren Wahllokalen registriert ist. Diese \u00bbFalschregistrierten\u00ab machen den Gro\u00dfteil der Nichtw\u00e4hler aus. Die Arbeiter w\u00e4hlen nicht in erster Linie rechts, sondern neigen zur Enthaltung. Bei der Pr\u00e4sidentschaftswahl von April 2002 gingen 31 Prozent der Arbeiter nicht zur Abstimmung. Des weiteren haben 29 Prozent eine Linkspartei gew\u00e4hlt (hier sind die Gr\u00fcnen mit eingerechnet), 22 Prozent eine klassische Rechtspartei und \u00bbnur\u00ab 16 Prozent Le Pen.<\/p>\n<p>Bei Michelat und Simon wird deutlich, dass die Werte der politischen Linken auch im Bewusstsein der Unterst\u00fctzer unvereinbar mit denen des FN sind. Es wird umso entschiedener die Linke unterst\u00fctzt, je weniger fremdenfeindlich und autorit\u00e4r die Befragten sind. Gleiches gilt f\u00fcr den Politisierungsgrad und die Zustimmung zu demokratischen Formen des \u00f6ffentlichen Lebens. Teil dieser Gruppe sind die \u00bbstolzen Rebellen\u00ab, die noch \u00fcber Klassenbewusstsein verf\u00fcgen und in einigen wenigen Bastionen der fordistisch gepr\u00e4gten Industrie Betriebsverlagerungen und Werksschlie\u00dfungen standgehalten haben.<\/p>\n<p><strong>Prek\u00e4re Lebensverh\u00e4ltnisse <\/strong><\/p>\n<p>Es zeigt sich also, dass innerhalb der \u00bbClasse populaire\u00ab die Wahlenthaltung mehr und mehr zugenommen hat. Doch wer sind diese Nichtw\u00e4hler, und durch welche gesellschaftspolitischen Einstellungsmuster lassen sich diese charakterisieren? Diejenigen, die dabei zuerst ins Auge fallen, sind die Prek\u00e4ren \u2013 eine soziale Gruppe, die sich in Frankreich ebenfalls verst\u00e4rkt den Vorwurf gefallen lassen muss, f\u00fcr die Sirenenges\u00e4nge des FN anf\u00e4llig zu sein und die sich sehr stark in den Banlieues konzentriert. Sie sind meistens auf staatliche Unterst\u00fctzungsleistungen angewiesen, die allerdings oftmals nicht zum \u00dcberleben reichen.<\/p>\n<p>Relevante Teile der prek\u00e4r Besch\u00e4ftigten sind junge Menschen. Viele sind auf die seit 2008 bestehende M\u00f6glichkeit angewiesen, \u00bbaufzustocken\u00ab, das hei\u00dft Zusch\u00fcsse zum Einkommen aus der neu geregelten Grundsicherung zu beantragen. Diese Leistungsanspr\u00fcche besitzen allerdings nicht alle, was zu Konflikten unter den Armen f\u00fchrt. Zwar sind die Sozialausgaben in Frankreich mit einem Anteil von ca. 30 Prozent am BIP im Vergleich zum Rest Europas (ca. 22 Prozent) noch relativ hoch. Trotzdem k\u00f6nnen, je nach Bemessungsgrundlage, zwischen acht und 14 Prozent der Einwohner Frankreichs als arm bezeichnet werden. Somit sind mehr als sechs Millionen Menschen auf staatliche Hilfeleistungen angewiesen.<\/p>\n<p>Die seit 2008 wieder ansteigende Zahl der Erwerbslosen hat dazu gef\u00fchrt, dass die in prek\u00e4ren Zust\u00e4nden lebenden Menschen nicht mehr nur direkt der Arbeiterklasse entstammen. So sind heutzutage zwar weiterhin deren Angeh\u00f6rige am st\u00e4rksten betroffen, und k\u00f6nnen die Lebens- und Arbeitsverh\u00e4ltnisse von 52 Prozent der Arbeiter als prek\u00e4r bezeichnet werden. Allerdings l\u00e4sst sich \u00c4hnliches inzwischen auch \u00fcber die Lebensverh\u00e4ltnisse von 42 Prozent der Angestellten, 47 Prozent der kleinen Gesch\u00e4ftsleute und 37 Prozent der Bauern sagen.<\/p>\n<p>Studien aus j\u00fcngster Zeit betonen gerade unter Prek\u00e4ren eine besonders hohe Zustimmung zu rassistischen und xenophobischen Einstellungsmustern. Doch sind diese hier nicht kulturell und intellektuell \u00fcberformt. Sie sind eingebettet in rein \u00f6konomische und soziale Konflikte, die im Vordergrund stehen. Dabei macht verst\u00e4ndlicherweise die Kritik an der wachsenden Kluft zwischen arm und reich den Mittelpunkt aus.<\/p>\n<p>Allerdings durchzieht die prek\u00e4ren Milieus ein Konflikt, der sich zwischen den Besch\u00e4ftigten im Niedriglohnbereich, die zu viel verdienen, um in den Genuss von Sozialleistungen zu kommen, und den Erwerbslosen abspielt. So sehen sich letztere dem Vorwurf ausgesetzt, leistungslos in den Genuss von Vorteilen des Sozialstaates zu kommen, w\u00e4hrend erstere ihre Bem\u00fchungen, der Armut zu entkommen, nicht gen\u00fcgend gew\u00fcrdigt sehen. Es ist ein Konflikt zwischen zwei sozial\u00f6konomisch sehr nahen gesellschaftlichen Gruppen, die mit der Abwertung derer einhergeht, die sozialstaatliche Leistungen empfangen.<\/p>\n<p>Die franz\u00f6sischen Politikwissenschaftlerinnen Nathalie Fuchs und Nonna Mayer schreiben in einem gemeinsam verfassten und 2015 erschienenen Aufsatz zum Bewusstsein der Niedrigl\u00f6hner: \u00bbDie beste M\u00f6glichkeit, sich abzugrenzen und sich selbst \u00fcber diese [Anmerkung des Verfassers: gemeint sind die Empf\u00e4nger von Sozialleistungen] zu erh\u00f6hen, besteht darin, jenen die eigenen moralischen Qualit\u00e4ten entgegenzusetzen: Arbeit, Leistungsbereitschaft und Ehrlichkeit unterscheiden die \u203aguten\u2039 von den \u203aschlechten\u2039 Armen. Das Themenfeld \u203aSozialstaat\u2039 f\u00fchrt dazu, dass eine ethnozentrische Dimension Teil der Debatte wird. Der Fremde, der Migrant, wird als der Profiteur von Sozialleistungen schlechthin wahrgenommen, von Leistungen, die ihm nicht zustehen\u00ab.<\/p>\n<p>Es ist bezeichnend, dass diese Gruppen, die sich einkommensm\u00e4\u00dfig betrachtet am oberen Ende des Prekariats befinden, eine weit \u00fcberdurchschnittliche Bereitschaft erkennen lassen, dem Front National und Marine Le Pen ihre Stimmen zu geben. Dagegen w\u00e4chst die Bereitschaft, links oder sogar linksradikal zu w\u00e4hlen, mit steigendem Prekarit\u00e4tsgrad an.<\/p>\n<p>Damit ist die These, dass radikale politische Angebote in den einkommensschwachen Milieus R\u00fcckhalt finden, nicht vollst\u00e4ndig von der Hand zu weisen. Sie f\u00fchren allerdings eher zu einer Erosion der b\u00fcrgerlichen Rechtsparteien, die unter Prek\u00e4ren weniger Zuspruch erhalten als der FN. W\u00e4hrenddessen dominieren die Sympathien f\u00fcr die Parteien der Linken.<\/p>\n<p><strong>Rechte Arbeiter <\/strong><\/p>\n<p>In Arbeitermilieus bzw. in solchen der \u00bbClasse populaire\u00ab existieren also rechte Einstellungen. Michelat und Simon bezeichnen sie als \u00bbArbeiter-Autoritarismus\u00ab. Damit meinen sie Intoleranz gegen\u00fcber Minderheiten und verkrampfte N\u00e4he zur nationalen Identit\u00e4t. Diese korrelieren mit einem positiven Bezug zum Liberalismusbegriff, der die Entscheidung, den FN zu w\u00e4hlen, wesentlich erleichtert. Es wird deutlich, dass der Ethnozentrismus, der zur Unterst\u00fctzung des FN f\u00fchrt, nicht dasselbe ist wie die Kapitalismuskritik der alten Arbeiterparteien. Demzufolge scheint die These des Politikwissenschaftlers Florent Gougou, dass die j\u00fcngeren eher unpolitischen Arbeitermilieus den FN aus denselben Gr\u00fcnden unterst\u00fctzen wie ihre Eltern und Gro\u00dfelterngeneration den PCF, mehr als fraglich. Eine Ver\u00e4nderung der Beweggr\u00fcnde, rechts zu w\u00e4hlen, hat n\u00e4mlich nicht stattgefunden. Wie die von Gougou erw\u00e4hnte, nach rechts radikalisierte \u00bbproletarische\u00ab Traditionsrechte sind diese Gruppen ebenfalls aufstiegsorientiert, wollen Techniker, Meister oder leitende Angestellte werden. Selbst 1978, zu Zeiten, als die politische Linke noch die Arbeiterbewegung zu dominieren schien, gaben 32 Prozent der befragten Arbeiter an, den Traum zu hegen, ein eigenes kleines Unternehmen zu er\u00f6ffnen und die \u00bbArbeiterexistenz\u00ab hinter sich lassen zu wollen.<\/p>\n<p>Dass es sich bei den FN w\u00e4hlenden Arbeitern um solche \u00bbrechten Arbeiter\u00ab handelt, wird deutlich, wenn man die Ergebnisse einer Befragung im Vorfeld der Wahlen 2007 zu Rate zieht. Dort sch\u00e4tzten sich von 100 befragten Arbeitern, die sich als FN-W\u00e4hler bezeichnet hatten, 43 als \u00bbeher rechts\u00ab ein, w\u00e4hrend sich 41 f\u00fcr \u00bbweder rechts, noch links\u00ab hielten oder nicht antworten wollten. Nur 16 meinten, \u00bbeher links\u00ab zu sein. Bei Befragungen im Jahr 2011 sahen sich sogar 61 Prozent der FN w\u00e4hlenden Arbeiter der \u00bbMitte\u00ab oder \u00bbeher Rechts\u00ab zugeh\u00f6rig, w\u00e4hrend die Arbeiter, die nicht f\u00fcr die Partei von Marine Le Pen stimmen wollten, sich zu 58 Prozent als \u00bbeher links\u00ab einordneten. Der Front National hat seine Unterst\u00fctzung aus der \u00bbClasse populaire\u00ab also vor allem aus dem \u00bbrechten Lager\u00ab rekrutiert.<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich gibt es ganze Regionen, die trotz hohen Arbeiteranteils stark nach rechts tendieren. Dort ist die Wahlbeteiligung im Gegensatz zu den alten linken Hochburgen teilweise sogar \u00fcberdurchschnittlich hoch. Ein Beispiel daf\u00fcr ist die Industrieregion von La Riboire. Hier erzielen die Kandidaten der Rechten (UMP und FN) seit den 2000er Jahren bei Wahlen \u00fcberdurchschnittliche Ergebnisse. So erhielt Jean-Marie Le Pen hier 2002 30 Prozent, w\u00e4hrend seine Tochter 2012 32 Prozent der abgegebenen Stimmen erzielte \u2013 bei einer Wahlbeteiligung, die in einzelnen Gemeinden sogar bei 88 Prozent lag. 2007 gewann Nicolas Sarkozy hier im zweiten Wahlgang 73 Prozent der Stimmen.<\/p>\n<p>Relativ unbemerkt hat sich der Anteil der l\u00e4ndlichen Regionen, die sich durch eine erh\u00f6hte Konzentration von Arbeitermilieus auszeichnen, deutlich erh\u00f6ht. Zwar darf man nicht unterschlagen, dass auch viele der alten, lange links dominierten Gemeinden \u00bbInseln\u00ab (so die von der Stahlindustrie gepr\u00e4gten Gemeinden in Lothringen) in eher l\u00e4ndlichem Umfeld waren bzw. sind. Doch viele Gro\u00dfkonzerne (Danone, Louis Vuitton, Sanofi etc.) errichten heute Produktionsst\u00e4tten ausschlie\u00dflich au\u00dferhalb der St\u00e4dte. Die hier besch\u00e4ftigen Angeh\u00f6rigen der \u00bbl\u00e4ndlichen Arbeitermilieus\u00ab sind in kleinen Produktionsbetrieben t\u00e4tig und in der Regel Immobilienbesitzer.<\/p>\n<p><strong>Corporate identity <\/strong><\/p>\n<p>Die Region La Riboire erlebte seit den 1980ern die Entstehung einer gehobenen Arbeiterschicht. W\u00e4hrend der Anteil der ungelernten Arbeitskr\u00e4fte zwischen 1982 und 1999 von 23 Prozent auf 18 Prozent sank, stieg dagegen der von Technikern und Aufsichtspersonal von 9 Prozent (1982) auf 18 Prozent (1999), wobei der Anteil der Facharbeiter stabil bei 30 Prozent blieb. Gleichzeitig zeichnet sich diese Region nicht durch hohe Arbeitslosigkeit aus. So arbeiteten hier im Jahr 2011 etwa 3.700 Festangestellte und 1.000 bis 2.000 Zeitarbeitskr\u00e4fte in mehr als 100 Unternehmen. In dieser Region haben sich sowohl einige Zweigwerke gro\u00dfer Konzerne angesiedelt als auch kleine und mittlere Unternehmen, die als Zulieferer fungieren.<\/p>\n<p>Diese neuen Industrieparks im Hinterland der gro\u00dfen St\u00e4dte, wie La Riboire, entstanden in den 1980ern, um die \u00bbFestungen der Arbeiterklasse\u00ab zu umgehen, und sie zeichneten sich durch einen Bruch mit der traditionellen Arbeitsorganisation aus. Charakteristisch daf\u00fcr waren die Nutzung von Outsourcing und die Ausdifferenzierung von Arbeitsbeziehungen. Durch die rechte Sozialisierung der b\u00e4uerlich gepr\u00e4gten Bev\u00f6lkerung konnten in La Riboire auch niemals linke Organisationskerne entstehen. Dagegen dominierten seit jeher die rechtsliberalen Kr\u00e4fte, die auch die Gr\u00fcndung des Industrieparks anstie\u00dfen.<\/p>\n<p>Durch die Dominanz der kleinen und mittleren Produktionsstandorte gr\u00f6\u00dferer Konzerne, die erg\u00e4nzt werden durch Familienunternehmen, zeichnet sich La Riboire aber auch durch ein enges Beziehungsnetzwerk zwischen den Besch\u00e4ftigten und der Management- und Eigent\u00fcmerebene aus. Dadurch ergeben sich nicht nur gef\u00fchlte flache Hierarchien, die einen schnelleren sozialen Aufstieg innerhalb der Unternehmen m\u00f6glich erscheinen lassen. Es kommt auch im besonderen Ma\u00dfe zu einer Identifikation der Besch\u00e4ftigten in den Familienunternehmen mit den Zielen und Vorstellungen der Eigent\u00fcmer. So nehmen die Arbeiter von La Riboire zum Gro\u00dfteil den Standpunkt ein, dass die Konkurrenzf\u00e4higkeit des eigenen Betriebes Vorrang hat.<\/p>\n<p>Diese \u00bbN\u00e4he\u00ab zu den Eigent\u00fcmern geht mit der Bevorzugung des \u00bbFamilienbetriebes\u00ab als optimaler Unternehmensform einher. Besonders hier sehen die Arbeiter von La Riboire die M\u00f6glichkeit, dass die eigene Leistungsbereitschaft und das entsprechende Engagement entsprechend gew\u00fcrdigt und mit beruflichem Aufstieg belohnt werden. Dementsprechend ist auch die Bereitschaft, sich \u00fcber das Mindestma\u00df hinaus im Unternehmen einzubringen, allgemein \u00fcblich. Diese Individualisierung der beruflichen Karrieren l\u00e4sst sich mit den politischen Forderungen der Gewerkschaften und der Linksparteien nur schwer vereinbaren. Eine auf Konflikt und auf eine Beschr\u00e4nkung der Handlungsfreiheit der Unternehmensleitungen angelegte innerbetriebliche Gewerkschaftsarbeit w\u00fcrde hier als Risiko f\u00fcr die das eigene Fortkommen betrachtet werden. Diejenigen, f\u00fcr die sich dieses Verhalten auszahlt, lehnen demzufolge die These ab, dass Erwerbslosigkeit ein gesellschaftliches Problem sei.<\/p>\n<p>In diesem Milieu, wo die Forderung nach harter Arbeit als Basis der eigenen Existenz angesehen wird und mit der Ablehnung eines \u00bbexzessiven Sozialstaates\u00ab einhergeht, finden die politischen Parolen des FN bei vielen ein offenes Ohr. Diesen Haushalten ist allen der Wunsch nach einem weiteren sozialen und \u00f6konomischen Aufstieg gemein; ebenso die Hoffnung, vielleicht einmal auf \u00bbeigene Rechnung arbeiten\u00ab und ein eigenes Gesch\u00e4ft er\u00f6ffnen zu k\u00f6nnen, wie es einzelne bereits geschafft haben. Diejenigen, denen dieser Schritt gelungen ist, teilen in der Folgezeit die klassischen Werte des Kleinunternehmertums. Obwohl sie also auf dem Weg sind, \u00f6konomisch in die Mittelschicht aufzusteigen, unterscheiden sie sich von den urbaneren Mittelschichten in einem zentralen Punkt: der unbedeutenden Rolle, die Bildungstitel im Bewusstsein dieser Arbeiter spielen. W\u00e4hrend die Angeh\u00f6rigen der st\u00e4dtischen Mittelschichten lange Ausbildungszeiten w\u00fcnschen, um mit dem erworbenen Bildungskapital (vermeintlich) sichere Arbeitspl\u00e4tze, vor allem im \u00f6ffentlichen Dienst, anzustreben, bleiben die Arbeiter von La Riboire auf den Erwerb des technischen Know-hows beschr\u00e4nkt, den ihnen die lokalen Unternehmen anbieten. Die Hoffnungen, den eigenen Lebensstandard halten und eventuell steigern zu k\u00f6nnen, sind deshalb direkt verbunden mit der Zukunft des Unternehmensstandortes La Riboire.<\/p>\n<p>Es lassen sich mehrere Punkte festhalten: Zwar scheint es auf den ersten Blick so zu sein, dass in den letzten 20 Jahren ein massiver Rechtsruck in der Arbeiterklasse stattgefunden hat. Betrachtet man die Entwicklung aber genauer, f\u00e4llt auf, dass die Aussage so pauschal nicht stimmt. Vielmehr l\u00e4sst sich eine \u00bbDemobilisierung\u00ab der Linksw\u00e4hler erkennen, die mit der tiefen Krise der alten fordistischen Industriestruktur verbunden ist. So ist die politische Linke samt den Gewerkschaften nach dem Wegbrechen der gro\u00dfen Industriekomplexe, die die Basis ihrer St\u00e4rke waren, in die Defensive geraten, mit der eine Desillusionierung vieler ehemals aktiver Partei- und Gewerkschaftsmitglieder einherging. Dies wird deutlich durch die \u00fcberdurchschnittliche Wahlenthaltung in den alten linken (PCF-)Hochburgen, aber eben nicht durch hohe FN-Stimmenanteile.<\/p>\n<p>F\u00fcr die rechts sozialisierten Arbeitermilieus vor allem in Regionen, die niemals von der Arbeiterbewegung erfasst worden sind und die den linken Wertekodex nicht teilen, ist eine Stimme f\u00fcr den Front National aber kein Bruch mit ihrem bisherigen Bewusstsein, da sie die zentralen (kleinb\u00fcrgerlichen) Inhalte der Programmatik des FN teilen, da sie selbst einem nationalen Kapitalismus, der durch \u00bbkooperative Beziehungen\u00ab zwischen Arbeit und Kapital geregelt wird, zustimmen. Neben der sicherlich notwendigen Debatte \u00fcber die Auswirkungen der neoliberalen Durchdringung der Arbeitswelt m\u00fcssen also starke FN-Arbeitervoten auch immer unter einem historisch-regionalen Aspekt betrachtet werden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In diesen Tagen erscheint im K\u00f6lner PapyRossa Verlag der Band \u00abDer Front National \u2013 Geschichte, Programm, Politik und W\u00e4hler\u00bb von Sebastian Chwala. <\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[6,7],"tags":[25,61,45],"class_list":["post-773","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-geschichte-und-theorie","category-international","tag-arbeiterbewegung","tag-frankreich","tag-neoliberalismus"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/773","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=773"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/773\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":774,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/773\/revisions\/774"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=773"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=773"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=773"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}