{"id":7735,"date":"2020-05-06T09:14:48","date_gmt":"2020-05-06T07:14:48","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=7735"},"modified":"2020-05-06T09:15:25","modified_gmt":"2020-05-06T07:15:25","slug":"2020-usa-annus-horribilis","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=7735","title":{"rendered":"2020, USA: Annus horribilis"},"content":{"rendered":"<p>\u00a0<\/p>\n<p><em>Hovhannes Gevorkian. <\/em><strong>Der Arbeitsmarkt im freien Fall, die Industrieproduktion mit dem gr\u00f6\u00dften Einbruch seit 1946: Die USA auf dem Weg zu ihrem 1923?<\/strong><!--more--><\/p>\n<p><em>Erst waren es 3,3 Millionen, in der n\u00e4chsten Woche 6,65 Millionen, in der Woche darauf 7 Millionen, in der letzten Woche 5,2 Millionen Menschen und in dieser Woche weitere 4,4 Millionen Menschen, die sich in den Vereinigten Staaten von Amerika arbeitslos meldeten. Mehr als 26 Millionen innerhalb von nur f\u00fcnf Wochen. Zuvor hatten Regierung und Kongress ein Konjunkturprogramm von \u00fcber 2,2 Billionen Dollar auf den Weg gebracht, um eben jene Entwicklungen zu stoppen, die nun eingetreten sind. 26 Millionen Arbeitslose und ein Konjunkturprogramm von \u00fcber 2000 Milliarden Dollar: At this point numbers begin to lose their meaning.<\/em><\/p>\n<p><strong>Whatever it takes?\u2026<\/strong><\/p>\n<p>Der Einbruch der US-Wirtschaft wird h\u00e4ufig, wenn nicht gar jedes Mal, mit den gro\u00dfen historischen Weltwirtschaftskrisen von 1929 und 2007-08 verglichen und immer mehr und mehr muss festgestellt, dass diese historischen Analogien angesichts der gegenw\u00e4rtigen Entwicklungen verblassen und die Wirtschaftskrise im Zuge der Corona-Pandemie beispiellos ist. Das ist gleichzeitig der Grund, warum die imperialistischen Regierungen zusammen mit den Notenbanken geradezu hilflos mit der Krise umgehen, die noch dazu jetzt schon tiefer als die Krise vor zehn Jahren ist \u2014 und immer noch an ihrem Anfang steht.<\/p>\n<p>Nicht nur die Ma\u00dfnahmen wie billionen- und milliardenschwere Konjunkturprogramme und historisch niedrige Notenbankzinsen erinnern an die Vorgehensweise im letzten Jahrzehnt, sondern auch die Rhetorik: Deutschlands Finanzminister Olaf Scholz, sonst kein Freund der pathetischen Worte, sprach von einer \u201cBazooka\u201d angesichts des 600 Milliarden schweren Schutzschirms. Was ist der wesentliche Inhalt dieser Ma\u00dfnahmen? \u201cDer Staat will in gro\u00dfem Umfang Garantien geben und notfalls wichtige Unternehmen auch ganz oder zum Teil verstaatlichen. Wenn die Krise vorbei ist, sollen sie wieder privatisiert werden. Profitieren k\u00f6nnen nicht alle Unternehmen, sondern nur solche mit hohen Umsatzerl\u00f6sen oder mehr als 250 Mitarbeitern. Kleinere Firmen sollen nur im Einzelfall unter den Schutzschirm schl\u00fcpfen \u2013 wenn sie f\u00fcr die Infrastruktur besonders wichtig sind.\u201d, so die Tageszeitung Die Welt.<\/p>\n<figure class=\"wp-block-image size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/soup-kitchen.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-7736\" width=\"557\" height=\"418\" srcset=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/soup-kitchen.jpg 500w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/soup-kitchen-300x225.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 557px) 100vw, 557px\" \/><\/figure>\n<p>Zu beiden Seiten des Atlantiks sehen wir au\u00dferordentliche Ma\u00dfnahmen, die es zuvor nie gegeben h\u00e4tte, wie zum Beispiel die Aussetzung der Schuldenbremse oder das Helikopter-Geld in den USA, wo Haushalte mit einem Einkommen bis 75.000 US-Dollar einen Scheck von 1200 Dollar geschenkt bekommen. Es sind Ma\u00dfnahmen, die aus dem Repertoire der letzten Finanz- und Wirtschaftskrise stammen und vermeintlich darlegen sollen, dass die Regierungen der Welt die Lehren gezogen h\u00e4tten.<\/p>\n<p>Es l\u00e4sst sich dar\u00fcber streiten, ob diese Ma\u00dfnahmen systemimmanent richtig sind. Der anhaltende freie Fall des US-amerikanischen Arbeitsmarktes legt vielmehr offen, dass die Probleme der kapitalistischen L\u00e4nder struktureller und eben nicht konjunktureller Art sind. Der enorme Einbruch des Arbeitsmarktes war auch deswegen m\u00f6glich, weil die zuvor historisch niedrige Arbeitslosenzahl in den USA (nach offiziellen Angaben weit unter einer Million) auf einem fragilen Fundament aus schlecht bezahlten, sehr prek\u00e4ren\u00a0<em>Jobs<\/em>\u00a0(und nicht Arbeitspl\u00e4tzen) bestand, wo vor dem Hintergrund eines quasi nicht existierenden K\u00fcndigungsschutzes die Arbeiter*innen in bester kapitalistischer Manier von heute auf morgen aufs Pflaster geworfen wurden. Die nun arbeitslosen Arbeiter*innen sind Opfer der \u201cUberisierung\u201d der Arbeitsverh\u00e4ltnisse. Der Fahrdienstvermittler Uber steht symptomatisch f\u00fcr die Aush\u00f6hlung fundamentaler Arbeitsrechte und zieht sich jetzt gegen\u00fcber den Fahrer*innen aus der Verantwortung.<\/p>\n<p>Nur unter der Voraussetzung, dass Handelsl\u00e4den, Veranstaltungen, Restaurants etc. wieder \u00f6ffnen werden, d\u00fcrfte sich der Dienstleistungssektor erholen und ein Teil der jetzt arbeitslos gewordenen Menschen wieder zu ihren Jobs zur\u00fcckkehren k\u00f6nnen. Die Frage ist angesichts eines maroden Gesundheitssystems nur, wann das passieren wird \u2014 oder\u00a0<em>ob<\/em>\u00a0es passieren wird.<\/p>\n<p>Gerade die Ma\u00dfnahme des Helikopter-Geldes, einst bel\u00e4chelt und sp\u00f6ttisch betrachtet, wirkt wie eine Ma\u00dfnahme, um die Massen zu narkotisieren und\u00a0<em>Zeit zu kaufen.<\/em>\u00a0Es war der ehemalige Chef der Federal Reserve Ben Bernanke, der 2002 salopp vorschlug, den Menschen 500 Dollar aus Helikoptern zuzuwerfen (auch wenn die urspr\u00fcngliche Idee vermutlich von Milton Friedman stammt) \u2014 daher die Bezeichnung des Helikopter-Geldes, das \u00fcbrigens auch in S\u00fcdkorea und wohl China schon eingesetzt wird und wom\u00f6glich auch in Deutschland in der ein oder anderen Form Eingang finden wird; vielleicht sogar in Form eines bedingungslosen Grundeinkommens. Die Tatsache, dass es sich im engeren Sinne nicht um Geld, sondern um Konsumschecks handelt, verdeutlicht diese Tatsache, dass nicht nur den Menschen in Elend geholfen werden soll, sondern der konsumorientierten US-Wirtschaft.<\/p>\n<p>Trotz dieser Ma\u00dfnahmen nimmt die Verelendung der Millionen von Arbeiter*innen zu. Die Zahl der Obdachlosen schie\u00dft in die H\u00f6he und das symboltr\u00e4chtige Bild der hunderten von Obdachlosen, die auf den Parkpl\u00e4tzen vor der Hotelskyline in Las Vegas campieren m\u00fcssen, um den Abstand zueinander einzuhalten, zertr\u00fcmmert st\u00e4rker das Symbol des\u00a0<em>American Dream<\/em>, als es Tonnen revolution\u00e4r-marxistischer Propaganda tun k\u00f6nnten. Schon jetzt nimmt die Verarmung des Proletariats rasant zu, es bilden sich kilometerlange Schlangen zur Essenausgabe \u2014angesichts dieser dramatischen Bilder und Zahlen ist ein Teil der einst so wirtschaftsstarken Kleinbourgeoisie nicht nur dabei, sich zu proletarisieren; das Proletariat selbst \u201csub-proletarisiert\u201d sich.<\/p>\n<p>Es ist dies die Situation, in der sich \u2014 aller historischen Grenzen zum Trotz \u2014 das deutsche Proletariat zu Beginn des Jahres 1923 wiederfand, bevor es zu einem einzigartigen Sturz der Arbeits- und Lebensverh\u00e4ltnisse kommen sollte. Und es ist die Qualit\u00e4t und das Tempo des Absturzes, die auch die heutige Krise kennzeichnet. Gleichwohl besteht ein wesentlicher Unterschied in der Tiefe der Krise: Eine Inflationskrise zeichnet sich \u2014 wenn \u00fcberhaupt \u2014 erst am Horizont ab, da die Federal Reserve die Zinsen seit Jahren extrem niedrig h\u00e4lt. Auch und besonders die Produktion erlebte zwar den schwersten Einbruch seit 1946 mit minus 6,4 Prozent, ist aber immer noch weit entfernt von einem derartigen Einbruch, wie es deutsche Wirtschaft 1923 erlebte, wo der zentrale Sektor, die Kohlenindustrie, fast zum Erliegen kam (auch aufgrund der franz\u00f6sischen Ruhrbesetzung).<\/p>\n<p>Doch die Katastrophe dieses Jahres befindet sich erst am Anfang und sie tr\u00e4gt zun\u00e4chst mehr gesundheitliche und wirtschaftliche Z\u00fcge als politische. Von der\u00a0<a href=\"https:\/\/www.nytimes.com\/2020\/03\/29\/opinion\/coronavirus-revolution.html\">New York Times<\/a>\u00a0bis zum\u00a0<a href=\"https:\/\/www.bloomberg.com\/opinion\/articles\/2020-04-11\/coronavirus-this-pandemic-will-lead-to-social-revolutions\">Bloomberg Magazine<\/a>\u00a0wird bereits vor den sozialen Aufst\u00e4nden und Revolutionen gewarnt. Auf der anderen Seite ist auch enormes Potenzial f\u00fcr die soziale Demagogie der Rechten vorhanden, die besonders von Donald Trump angef\u00fchrt werden. Wann ist es je vorgekommen, dass ein US-Pr\u00e4sident zur \u201cBefreiung\u201d von ganzen Bundesstaaten aufgerufen hat? Wann ist es je vorgekommen, dass so ein Virus einen Informationskrieg zwischen den USA und China verursacht ob der Herkunft des Virus? Beides h\u00e4ngt miteinander zusammen und beide Entwicklungen werden ineinander verschr\u00e4nkt sich vertiefen.<\/p>\n<p>Das Corona-Virus wird das Paradoxon mit sich bringen, dass es die Massen schon bald auf die Stra\u00dfen treiben wird, nachdem es sie zuvor zu Hause aufhalten musste. Im Libanon gingen bereits die ersten Demonstrierenden trotz der Ausgangsbeschr\u00e4nkungen auf die Stra\u00dfe, in Bezug auf Frankreich schreibt das\u00a0<a href=\"https:\/\/amp2-handelsblatt-com.cdn.ampproject.org\/v\/s\/amp2.handelsblatt.com\/politik\/international\/frankreich-was-bleibt-von-macron-nach-der-coronakrise\/25762300.html?usqp=mq331AQIKAGwASDAAQE%3D&amp;amp_js_v=0.1#referrer=https%3A%2F%2Fwww.google.com&amp;amp_tf=Von%20%251%24s\">Handelsblatt beinahe \u00e4ngstlich:<\/a>\u00a0&#8222;Wenn die Menschen wieder auf die Stra\u00dfe d\u00fcrfen, k\u00f6nnte es gut sein, dass sie dort bleiben, zu Hunderttausenden protestieren \u2013 und sich Macrons Bild eines \u201egeeinten Frankreich\u201c als frommer Wunsch erweist. Schon heute knallt es in den Vorst\u00e4dten: Seit Tagen machen randalierende Jugendliche in Villeneuve-la-Garenne bei Paris und anderswo die Stra\u00dfen unsicher.&#8220;<\/p>\n<p>Nicht nur das Virus, sondern auch die Wirtschaftskrise wird die\u00a0<a href=\"https:\/\/www.freitag.de\/autoren\/hovik\/1968-2014-2019\">neue Welle der Klassenk\u00e4mpfe<\/a>\u00a0wieder verst\u00e4rken und den Prozess fortsetzen, der sich \u00fcber Jahre hinstrecken k\u00f6nnte, 1923 aber innerhalb eines Jahres in beeindruckender Weise konzentriert war: Imperialistische Kriege, faschistische Massenmobilsierungen, aber auch Generalstreiks und Revolutionen werden zunehmen und die Welt nach Corona pr\u00e4gen. Die Zeit wird dabei ein entscheidender Faktor sein, wann es zu diesen Entwicklungen kommen, nicht ob. Nicht unwahrscheinlich, dass die USA im Mittelpunkt dieser Auseinandersetzungen stehen werden.<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/www.freitag.de\/autoren\/hovik\/2020-annus-horribilis\"><em>freitag.de&#8230;<\/em><\/a><em> vom 5. Mai 2020<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00a0<br \/>\nHovhannes Gevorkian. 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