{"id":7739,"date":"2020-05-06T09:33:38","date_gmt":"2020-05-06T07:33:38","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=7739"},"modified":"2020-05-06T09:33:40","modified_gmt":"2020-05-06T07:33:40","slug":"sowjetische-strategie-eine-einfuehrung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=7739","title":{"rendered":"Sowjetische Strategie: eine Einf\u00fchrung"},"content":{"rendered":"<p><em>Nathaniel Flakin. <\/em><strong>Eine Schlacht wird mit Taktik gewonnen. Strategie ist die Kunst, einen Krieg zu gewinnen. Wie kann die Arbeiter*innenklasse politische Macht gewinnen?<\/strong><!--more--><\/p>\n<p>Die popul\u00e4rste Strategie der US-Linken tr\u00e4gt derzeit viele Namen: \u201eInnen-Au\u00dfen\u201c, \u201eschmutziger Bruch\u201c und \u201eNeuausrichtung\u201c. All diese Begriffe sind Kurzformen f\u00fcr die Idee, dass heutige Sozialist*innen einen fortschrittlichen Fl\u00fcgel innerhalb der Demokratischen Partei aufbauen und sich darauf vorbereiten sollten, irgendwann in ferner Zukunft mit den Demokrat*innen zu brechen. Diese Strategie basiert auf der Annahme, dass Sozialist*innen einen politischen Apparat der imperialistischen Bourgeoisie \u00fcbernehmen und ihn in ein Instrument progressiver Ver\u00e4nderung verwandeln k\u00f6nnen. Dieser \u201eDemokratischer-Sozialismus\u201c Plan ruft dazu auf, die Demokratische Partei zu \u00fcbernehmen und dann den US-Staatsapparat schrittweise umzugestalten \u2013 bei jedem Schritt soll ein Werkzeug der Kapitalist*innen zu einem Werkzeug der Arbeiter*innen werden. Der \u201eDemokratische-Sozialismus\u201c stellt sich eine Gesellschaft vor, die der Gegenw\u00e4rtigen sehr \u00e4hnlich ist, nur mit mehr Sicherheit und Kontrolle f\u00fcr die arbeitende Bev\u00f6lkerung.<\/p>\n<p>Die zweitbeliebteste Strategie hei\u00dft \u201eBasisaufbau\u201c. Dieser eine Begriff umfasst viele verschiedene Ideen. Die Idee, dass sozialistische Organisationen Wurzeln in der Arbeiter*innenklasse schlagen m\u00fcssen, ist nat\u00fcrlich wichtig und korrekt \u2013 aber kaum eine Strategie an sich. Sozialist*innen k\u00f6nnen Gemeinschaftsg\u00e4rten, Suppenk\u00fcchen oder Autowerkst\u00e4tten organisieren, um ihre Nachbarschaft kennen zu lernen und diese Art des Organisierens kann wichtige Vorteile bringen, wie z.B. das Blockieren einer Zwangsr\u00e4umung. Es gibt aber keinen Zusammenhang zwischen diesen Teilk\u00e4mpfen und dem Ziel, Macht zu gewinnen. Organisationen, die sich auf Basisaufbau konzentrieren, fehlt gew\u00f6hnlich jede Art von gemeinsamer Strategie. Sie glauben, dass diese \u201eBasen\u201c eines Tages genug wachsen werden, um den kapitalistischen Staat zu konfrontieren und zu ersetzen. Dies ist aber einfach eine andere Form des Gradualismus und ignoriert die Unvermeidbarkeit revolution\u00e4rer Situationen und die Notwendigkeit entscheidender Konfrontationen.<\/p>\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"890\" height=\"550\" src=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/strategy-890x550-1.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-7740\" srcset=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/strategy-890x550-1.jpg 890w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/strategy-890x550-1-300x185.jpg 300w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/strategy-890x550-1-768x475.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 890px) 100vw, 890px\" \/><\/figure>\n<p>Wir stellen eine dritte Strategie vor, die wir Sowjet-Strategie nennen.<strong>[1]<\/strong>\u00a0Das mag wie eine Anspielung auf die alte Sowjetunion klingen. \u201eSowjet\u201c ist allerdings das russische Wort f\u00fcr \u201eRat\u201c. Wir beziehen uns also auf eine Strategie, die auf Arbeiter*innenr\u00e4ten basiert, wobei wir den Begriff verwenden, der durch die erfolgreichste sozialistische Revolution der Geschichte popul\u00e4r gemacht wurde: die Oktoberrevolution, die 1917 in Russland stattfand.<\/p>\n<p>Sozialistische Strategie muss von der Voraussetzung starten, dass die Arbeiter*innenklasse die zentrale Protagonistin des sozialen Wandels ist. Arbeiter*innen haben die soziale Macht, alle anderen unterdr\u00fcckten Sektoren im Kampf gegen den Kapitalismus zu vereinen. Zum ersten Mal in der Geschichte stellt die Arbeiter*innenklasse eine Mehrheit der Weltbev\u00f6lkerung dar. Sie ist aber auch zersplitterter als je zuvor, sowohl was die materiellen Bedingungen als auch das politische Bewusstsein betrifft. Zur Arbeiter*innenklasse geh\u00f6ren nicht nur Industriearbeiter*innen: Arbeiter*in ist jede*r, der*die gezwungen ist, die eigene Arbeitskraft zu verkaufen, um zu \u00fcberleben, da er*sie keine Produktionsmittel besitzt.<\/p>\n<p>Es w\u00e4re illusorisch zu erwarten, dass die gesamte Arbeiter*innenklasse im Kapitalismus ein sozialistisches Bewusstsein entwickeln k\u00f6nnte. Wir sollten darauf abzielen, so viele Arbeiter*innen wie m\u00f6glich von marxistischen Ideen zu \u00fcberzeugen und zu diesem Zweck alle uns zur Verf\u00fcgung stehenden Mittel einsetzen. Wir sollten aber auch verstehen, dass die Bourgeoisie unendlich gr\u00f6\u00dfere Mittel hat, um ihre Ideologie durchzusetzen. Au\u00dferhalb einer revolution\u00e4ren Situation kann nur eine Minderheit der Arbeiter*innenklasse jemals wirklich revolution\u00e4r sein. In Anlehnung an einen Begriff aus der Milit\u00e4rtheorie, kann diese politisch fortgeschrittene Minderheit als Avantgarde oder Vorhut bezeichnet werden.<\/p>\n<p>Die Differenzierung innerhalb unserer Klasse ist die Grundlage f\u00fcr die Taktik der Einheitsfront \u2013 ein Appell, den die kommunistischen Arbeiter*innen an die gesamte Arbeiter*innenklasse richten, egal welcher Organisation sie angeh\u00f6ren. Die Einheitsfront basiert auf einer Vielzahl einfacher Forderungen, wie die Verteidigung von Arbeiter*innenrechten oder der Kampf gegen den Faschismus. Sie beinhaltet die Aufforderung an die F\u00fchrung aller Gewerkschaften und aller anderen Arbeiter*innenorganisationen \u2013 ganz gleich, wie verr\u00e4terisch oder b\u00fcrokratisch sie auch sein m\u00f6gen \u2013 sich dem Kampf anzuschlie\u00dfen. Sollten sie sich anschlie\u00dfen, sind ihre Mitglieder Teil einer Aktion an der Seite von Kommunist*innen. Sollten sie sich weigern, werden ihre Mitglieder sehen, dass ihre F\u00fchrung sich weigert, f\u00fcr grundlegende Forderungen zu k\u00e4mpfen.<\/p>\n<p>Die Einheitsfront beginnt gew\u00f6hnlich als Verteidigungstaktik: Verteidigung gegen Angriffe auf unseren Lebensstandard, Verteidigung unserer demokratischen Rechte, Verteidigung gegen faschistische Gewalt usw. Erfolgreiche Verteidigungsaktionen erh\u00f6hen das Selbstvertrauen und die Organisation der Massen. Sie schaffen die Voraussetzungen f\u00fcr den \u00dcbergang in die Offensive.<\/p>\n<p>Um ein historisches Beispiel zu nennen: Im Deutschland der fr\u00fchen 1930er Jahre h\u00e4tte eine Einheitsfront der Arbeiter*innen gegen den Faschismus die Arbeiter*innenparteien und Gewerkschaften in direkter Aktion gegen die Nazis verbunden. Um wirksam sein zu k\u00f6nnen, h\u00e4tte diese Einheitsfront allerdings die Bildung von Komitees in den Fabriken und Nachbarschaften erfordert. Angesichts des allgemeinen Kontextes wirtschaftlicher Katastrophe h\u00e4tten diese Aussch\u00fcsse sich au\u00dferdem mit Fragen der Ern\u00e4hrung, der Mieten und der L\u00f6hne befassen m\u00fcssen \u2013 die Verteidigungsaussch\u00fcsse h\u00e4tten sich zu allgemeinen Organen des Kampfes entwickelt.<\/p>\n<p>Ein Organ, welches die gesamte Arbeiter*innenklasse im allgemeinen Kampf vereint, ist kurzgesagt ein Sowjet. Die Bildung eines Sowjets markiert den \u00dcbergang von der Defensive zur Offensive; Sowjets entstehen, wenn die Arbeiter*innenklasse, oft unbewusst, beginnt um politische Macht zu k\u00e4mpfen. Wenn sie erfolgreich sind und siegen, werden Sowjets zu den Organen, die die Arbeiter*innenklasse zur Organisation ihrer politischen Herrschaft benutzt.<\/p>\n<p><strong>Sowjets in der Geschichte<\/strong><\/p>\n<p>Jede revolution\u00e4re Situation stellt die Machtfrage. Das Dilemma besteht darin, wie die organisierte sozialistische Vorhut der Arbeiter*innenklasse die gesamte Arbeiter*innenklasse im Kampf um die Macht vereinen kann. In diesem Sinne sind Sowjets schlichtweg die vollst\u00e4ndigste Form der Einheitsfront.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend der Revolution von 1905 l\u00f6sten die Arbeiter*innen von Petrograd dieses Problem, als sie den Rat der Arbeiterdeputierten bildeten. Diese Versammlung wurde von Delegierten aus allen Betrieben gebildet und vereinigte Vertreter*innen aller Arbeiter*innenparteien auf der Grundlage ihrer Unterst\u00fctzung innerhalb der Arbeiter*innenklasse \u2013 \u00e4hnlich wie ein Arbeiter*innenparlament, aber mit direkt gew\u00e4hlten und sofort abrufbaren Vertretern. Der Name \u201eSowjets\u201c wurde weiterhin zur Beschreibung dieser Form der Selbstorganisation verwendet, da die Sowjets in der russischen Revolution von 1917 eine zentrale Rolle spielten.<\/p>\n<p>Russland war aber nicht einzigartig. W\u00e4hrend der deutschen Revolution von 1918-19 wurden landesweit Arbeiter*innen- und Soldatenr\u00e4te gebildet. \u00c4hnliche Formen gab es w\u00e4hrend der Revolutionen des 20. Jahrhunderts. So wurde zum Beispiel in der bolivianischen Revolution von 1952 der zentrale Gewerkschaftsverband COB zu einer Art Sowjet und enthielt Delegierte aus allen Sektoren der Arbeiter*innenklasse. In Chile unter der Regierung von Salvador Allende (1970-73) bildeten Arbeiter*innendelegierte \u201ecordones industriales\u201c (Industrieg\u00fcrtel). In der iranischen Revolution von 1979-80 bildeten Arbeiter*innen \u201eshoras\u201c (R\u00e4te). Als sich die Arbeiter*innen der stalinistischen Staaten gegen die B\u00fcrokratie erhoben, wie 1956 in Ungarn und 1968 in der Tschechoslowakei, bildeten sie ebenfalls rats\u00e4hnliche Strukturen.<\/p>\n<p>Die Namen solcher Organe der Selbstorganisation variieren je nach den historischen Gegebenheiten. Die Pariser Arbeiter, die sich 1871 erhoben, nannten ihre Regierung eine \u201eKommune\u201c. W\u00e4hrend der Spanischen Revolution von 1930-39 schlug Leo Trotzki vor,\u00a0<a href=\"https:\/\/www.marxists.org\/archive\/trotsky\/1931\/spain\/spain09.htm\"><strong>das Wort \u201eJunta\u201c f\u00fcr Sowjets zu verwenden<\/strong><\/a>, da dies eher der revolution\u00e4ren Tradition des Landes entsprach.<\/p>\n<p>Es geht dabei nicht darum, den Begriff \u201eSowjet\u201c zu fetischisieren. Tats\u00e4chlich haben auch die russischen Bolschewiki die Sowjets nicht fetischisiert. W\u00e4hrend der Februarrevolution 1917 wurden Sowjets gebildet, die in den ersten Monaten fest in den H\u00e4nden von \u201eSozialpatrioten\u201c blieben, welche den imperialistischen Krieg und die b\u00fcrgerliche \u00dcbergangsregierung unterst\u00fctzten. Als die Massen Erfahrung mit dieser \u201edemokratischen\u201c Regierung machten, die den imperialistischen Krieg fortsetzte und alle ernsthaften Reformen verz\u00f6gerte, wandten sie sich an die Bolschewiki. Die Bolschewiki wiederum begannen Mehrheiten in den Sowjets der Gro\u00dfst\u00e4dte zu gewinnen. Es war der nationale Kongress der Sowjets mit einer bolschewistischen Mehrheit, der im Oktober die Macht \u00fcbernahm. Dies war ein fr\u00fcherer Streitpunkt innerhalb der bolschewistischen F\u00fchrung gewesen. Lenin, damals im finnischen Exil, hatte die Bolschewiki dazu gedr\u00e4ngt, einen Aufstand unter ihrem eigenen Banner durchzuf\u00fchren. Es war Trotzki, der stattdessen vorschlug, den Petrograder Sowjet zu nutzen. Die Bolschewiki m\u00f6gen zwar die Mehrheit der Arbeiter*innenklasse in Petrograd und Moskau vertreten haben, die Sowjets hatten aber eine weitaus gr\u00f6\u00dfere Legitimit\u00e4t, f\u00fcr die gesamte Arbeiter*innenklasse zu sprechen.<\/p>\n<p>Die Frage f\u00fcr moderne Revolution\u00e4r*innen ist nun, wie Organe aufzubauen sind, die die gesamte Arbeiter*innenklasse repr\u00e4sentieren und vereinen.<\/p>\n<p><strong>Sowjets ohne Bolschewist*innen?<\/strong><\/p>\n<p>Einige Linke sind f\u00fcr Arbeiter*innenr\u00e4te. Stellen aber R\u00e4te allein schon eine Strategie dar? Kann die Arbeiter*innenklasse den Kapitalismus besiegen, indem sie einfach genug R\u00e4te bildet? Die Geschichte der deutschen Revolution lehrt uns, dass dies nicht ausreichend ist. In den Tagen nach der Meuterei der Kieler Matrosen am 4. November 1918 entstanden in ganz Deutschland hunderte Arbeiter*innen- und Soldat*innenr\u00e4te. Nachdem der Aufstand f\u00fcnf Tage sp\u00e4ter Berlin erreichte, bildeten die R\u00e4te eine Art provisorische Regierung. Diese R\u00e4te repr\u00e4sentierten jedoch nicht den Willen von Millionen Arbeiter*innen, den Kapitalismus zu beenden.\u00a0<strong>[2]<\/strong><\/p>\n<p>Vergessen wir nicht, dass R\u00e4te in der Hitze der Revolution gebildet werden. Perfekte demokratische Normen werden nie vollst\u00e4ndig umgesetzt, definitiv nicht zu Beginn einer Revolution, wenn Millionen von Menschen auf die Stra\u00dfen str\u00f6men. Am Anfang \u00fcbernehmen oft reformistische B\u00fcrokrat*innen, Abenteurer*innen und Betr\u00fcger*innen die F\u00fchrung. In den ersten Monaten der deutschen Revolution w\u00e4hlten beispielsweise viele Soldaten ihre Offiziere oder Apparatschiks der SPD zu ihren Vertreter*innen. Bevor die Arbeiter*innen neue Vertreter*innen w\u00e4hlen konnten, massakrierte dieses B\u00fcndnis von SPD und Milit\u00e4r bereits kommunistische F\u00fchrer*innen. Nachdem die Revolution eine Niederlage erlitten hatte, verschwendeten einige Kommunist*innen endlose Mengen an Tinte, um ein \u201ereines\u201c R\u00e4tesystem zu entwickeln. Sie konstruierten unglaublich detaillierte Entw\u00fcrfe f\u00fcr den perfekten Rat. R\u00e4te entstehen aber aus echten K\u00e4mpfen, nicht aus den Pl\u00e4nen illustrer Denker*innen.<\/p>\n<p>Die Lektion der deutschen Revolution ist, dass Arbeiter*innenr\u00e4te ohne eine revolution\u00e4re Partei nirgendwo hinf\u00fchren. Die Arbeiter*innen- und Soldatenr\u00e4te in Deutschland wurden von der SPD dominiert, der Partei, die versuchte das R\u00e4tesystem an sich zu zerst\u00f6ren. Die SPD hatte die Mehrheit der Delegierten auf dem Nationalratskongress und diese stimmten f\u00fcr eine Nationalversammlung und eine b\u00fcrgerliche Republik. Die zentristische USPD forderte ihrerseits ein Modell, in dem sich ein b\u00fcrgerliches Parlament und Arbeiter*innenr\u00e4te erg\u00e4nzen w\u00fcrden \u2013 die Utopie einer permanenten Doppelmacht. Nur eine sehr kleine Minderheit innerhalb der R\u00e4te, die sich in der Spartakusliga und anderen Gruppen zusammengeschlossen hatte, forderte eine sozialistische Republik; das Fehlen einer revolution\u00e4ren Partei ist der Grund, aus dem die R\u00e4te von der Konterrevolution zerschlagen wurden.<\/p>\n<p>Die R\u00e4te stellen nur eine Struktur dar. Sie k\u00f6nnen nur dann mit revolution\u00e4rem Inhalt gef\u00fcllt werden, wenn eine revolution\u00e4re Partei \u2013 die gemeinsame Organisation der bewusstesten, mit einem wissenschaftlichen Programm und einer Strategie bewaffneten Arbeiter*innen \u2013 die F\u00fchrung gewinnen kann. In den H\u00e4nden der Reformist*innen k\u00f6nnen R\u00e4te ebenso leicht zu Werkzeugen der b\u00fcrgerlichen Herrschaft gemacht werden. Nur eine revolution\u00e4re Partei kann das Programm, die Strategie und die Taktik ausarbeiten, die f\u00fcr die Arbeiter*innenklasse notwendig sind, um politische Macht zu gewinnen. Dies ist eine Aufgabe, die vor Beginn der Revolution in Angriff genommen werden muss.<\/p>\n<p><strong>Sowjets fallen nicht vom Himmel<\/strong><\/p>\n<p>Wir werden selten rein revolution\u00e4re oder rein konterrevolution\u00e4re Situationen erleben. In unserem Zeitalter des kapitalistischen Verfalls werden wir uns h\u00e4ufiger in \u00dcbergangssituationen befinden, die Elemente von Beiden verbinden und sich pl\u00f6tzlich \u00e4ndern k\u00f6nnen. Es ist unsinnig, die eine Strategie f\u00fcr eine nichtrevolution\u00e4re Situation anzuwenden und zu einer andere Strategie zu greifen, wenn sie zu einer revolution\u00e4ren wird, wie Karl Kautsky es bef\u00fcrwortete. Strategie ist die Kunst des Sieges und dazu geh\u00f6rt es, Perioden kapitalistischer Stabilit\u00e4t zu nutzen, um sich auf Phasen vorzubereiten, in denen diese Stabilit\u00e4t zusammenbricht.<\/p>\n<p>R\u00e4te entstehen nicht automatisch, sobald eine Revolution beginnt. Was Arbeiter*innen tun werden, wenn eine revolution\u00e4re Krise ausbricht, h\u00e4ngt stark von ihren fr\u00fcheren Erfahrungen ab. Trotzki bemerkte, dass die Arbeiter*innen in Petrograd ihren Sowjet spontan, ohne Anweisungen der F\u00fchrung der Arbeiter*innenparteien gr\u00fcndeten. Aber diese \u201eSpontanit\u00e4t\u201c war das Ergebnis jahrelanger politischer Ausbildung durch die bolschewistische Partei.<\/p>\n<p>Einige Sozialist*innen zeigen eine Tendenz zum Objektivismus, wenn es um die Frage der Sowjets geht. Sie betrachten eine revolution\u00e4re Situation und stellen die Ja-oder-Nein-Frage: \u201eSind dort R\u00e4te entstanden?\u201c, als ob die bewusste Politik von Revolution\u00e4r*innen nichts damit zu tun h\u00e4tte.<\/p>\n<p>Ein Beispiel daf\u00fcr ist in der spanischen Revolution zu finden. Andreu Nin war ein F\u00fchrer der Arbeiter*innenpartei der marxistischen Vereinigung (POUM) und ein ehemaliger Verb\u00fcndeter Trotzkis. Er brach mit Trotzki, als die POUM der Volksfront, einem B\u00fcndnis zwischen b\u00fcrgerlichen und reformistischen Parteien, das sich dem Erhalt des Privateigentums verschrieben hatte, ihre Unterst\u00fctzung bekundete. Als die Revolution begann, trat die POUM in die Generalitat von Katalonien ein, eine b\u00fcrgerliche Regierung, und Nin wurde ihr Justizminister.<\/p>\n<p>Trotzki sagte, es sei Verrat, sich einer b\u00fcrgerlichen Regierung anzuschlie\u00dfen; Nin antwortete, es gebe keine Alternative, da die spanische Revolution so etwas wie R\u00e4te nicht hervorgebracht habe. Es gab selbstverst\u00e4ndlich vielf\u00e4ltige Formen der Selbstorganisation der Arbeiter*innen und Bauersleute des revolution\u00e4ren Kataloniens, aber diese verallgemeinerten sich nicht, weitgehend, weil sich die m\u00e4chtige anarchistische Str\u00f6mung jeder Art von Zentralisierung widersetzte.<\/p>\n<p>Die Frage aber ist, was hatten Nin und die POUM getan, um all diese Organe der Selbstorganisation \u00fcber einen Kongress der R\u00e4te zu vereinen? Nichts! In der Tat, weitaus schlimmer als nichts. Im Namen der Vereinheitlichung der Verwaltung war Nin als Justizminister f\u00fcr die Aufl\u00f6sung der revolution\u00e4ren R\u00e4te in ganz Katalonien verantwortlich. Nin \u00fcbernahm pers\u00f6nlich die Aufgabe, Revolutionsr\u00e4te in POUM-Hochburgen wie Girona aufzul\u00f6sen.<\/p>\n<p>Revolution\u00e4r*innen diagnostizieren nicht nur als passive Beobachter*innen, ob die Arbeiter*innenklasse Organe der Selbstorganisation schafft. Revolution\u00e4r*innen m\u00fcssen bei der Schaffung solcher Organe die entschlossenste Kraft sein. Diese Frage spielte eine gro\u00dfe Rolle, als die\u00a0<a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/wer-wir-sind\/\"><strong>trotzkistische Fraktion<\/strong><\/a>\u00a0aus der Str\u00f6mung von Nahuel Moreno, der\u00a0<em>Internationalen Arbeiter*innenliga \u2013 Vierte Internationale<\/em>\u00a0(LIT-CI, wie sie auf Spanisch hei\u00dft), hervorging. Moreno bemerkte, dass die Sowjets, die f\u00fcr die revolution\u00e4ren Prozesse nach dem Ersten Weltkrieg typisch waren, im restlichen 20. Jahrhunderts nicht wieder auftauchten. Diese Behauptung ist aber doppelt falsch: Erstens ignoriert sie die vielen oben genannten Beispiele und zweitens ignoriert sie, wie oft R\u00e4te von der Sozialdemokratie und dem Stalinismus gewaltsam unterdr\u00fcckt wurden.<\/p>\n<p>Moreno ist der Ansicht, dass Slogans wie \u201ealle Macht den Sowjets\u201c ohne R\u00e4te keinen Sinn machen. Stattdessen schlug er vor, die Organisationen der Arbeiter*innen und Bauersleute aufzufordern, die Macht zu \u00fcbernehmen. Als zum Beispiel die revolution\u00e4re Diktatur in Argentinien durch Massenmobilisierungen gest\u00fcrzt wurde, stellte Moreno zu Recht fest, dass es keine Organe der Selbstorganisation von Arbeiter*innen gab. Er schloss daraus allerdings, dass Revolution\u00e4r*innen b\u00fcrgerliche oder kleinb\u00fcrgerliche Parteien aufrufen m\u00fcssen, sich gegen den Imperialismus zu stellen und die Macht zu \u00fcbernehmen. Morenos Organisation hatte selbst kein Programm f\u00fcr die Entwicklung solcher sowjet\u00e4hnlicher Organe. Dieser Objektivismus in Bezug auf R\u00e4te f\u00fchrte dazu, dass Moreno sich den Kr\u00e4ften der b\u00fcrgerlichen Demokratie anpasste und sogar so weit ging, die \u201edemokratische Revolution\u201c als eine von der \u201esozialistischen Revolution\u201c getrennte Etappe zu betrachten \u2013 eine zentrale Revision von Trotzkis Theorie der permanenten Revolution. Die Zentralit\u00e4t der Arbeiter*innenr\u00e4te ist ein wichtiger Teil des Verm\u00e4chtnisses der trotzkistischen Fraktion und ihres Bruchs von Moreno.\u00a0<strong>[3]<\/strong><\/p>\n<p><strong>Was hat das heute zu bedeuten?<\/strong><\/p>\n<p>Eine revolution\u00e4re Strategie beginnt nicht mit der \u201eSt\u00fcrmung des Winterpalastes\u201c. Ganz im Gegenteil, Strategie bedeutet, Kr\u00e4fte zu sammeln um entschlossen einzugreifen, sobald eine revolution\u00e4re Situation eintritt. Wenn wir der \u00dcberzeugung sind, dass eine sozialistische Revolution Arbeiter*innenr\u00e4te und eine proletarische Partei erfordert, so bedeutet dies, alles zu tun, um den Boden im Hier und Jetzt darauf vorzubereiten. Das hat zwei Konsequenzen:<\/p>\n<ul>\n<li>Die Arbeiter*innenklasse muss Organisationen mit einem kompromisslos revolution\u00e4ren Programm bilden. Wir sollten beharrlich und doch unendlich flexibel sein, wenn es darum geht, in der Arbeiter*innenklasse Wurzeln zu schlagen. Wir sollten uns aber auch klar gegen \u201edemokratische Sozialist*innen\u201c wenden, die innerhalb einer imperialistischen Partei arbeiten.<\/li>\n<li>Wir m\u00fcssen Formen der Selbstorganisation in jedem Konflikt entwickeln. Wir wollen, dass Arbeiter*innen, Jugendliche, Frauen und LGBTQ+ Personen Versammlungen abhalten, wo immer es m\u00f6glich ist. Als Sozialist*innen sollten wir die engagiertesten K\u00e4mpfer*innen f\u00fcr Versammlungen als oberstes Organ von Entscheidungen sein.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Tats\u00e4chlich werden wir uns aufgrund unserer Vorbereitung als organisierte Sozialist*innen in der Situation wiederfinden, die F\u00fchrung einer neuen Bewegung \u00fcbernehmen zu k\u00f6nnen, auch wenn wir keine Mehrheit hinter unserem Programm haben. Das aber w\u00fcrde uns bestenfalls einen taktischen Vorteil verschaffen. Ganz im Gegenteil, da es in unserem strategischen Interesse liegt, dass Arbeiter*innen Erfahrungen mit Versammlungen sammeln, ist es besser, wenn eine Versammlung gegen unseren Vorschlag stimmt, als wenn wir unsere Taktik durch ein Man\u00f6ver aufzwingen.<\/p>\n<p>Die Sowjet-Strategie bedeutet, dass wir in jedem Konflikt auf Selbstorganisation dr\u00e4ngen. Arbeiter*innenr\u00e4te werden nicht einfach vom Himmel fallen, wenn eine revolution\u00e4re Situation entsteht. Sie sind ein qualitativer Sprung nach vorn, der auf fr\u00fcheren Erfahrungen mit gew\u00e4hlten Streikkomitees, Versammlungen und anderen Organen solcher Form basiert.<\/p>\n<p>In jedem Konflikt k\u00e4mpfen wir f\u00fcr die Elemente eines revolution\u00e4ren Programms, die als Teil einer Reihe von \u00dcbergangsforderungen am relevantesten sind. Das kommunistische Programm zum Beispiel fordert die Aufl\u00f6sung des b\u00fcrgerlichen Milit\u00e4r- und Repressionsapparates und seine Ersetzung durch Arbeiter*innenmilizen. In einem konkreten Kampf im Jahr 2019 k\u00f6nnte dies bedeuten, dass die Arbeiter*innen zur organisierten Selbstverteidigung der Streikpostenketten aufgerufen werden, als Schritt in Richtung allgemeinerer Formen der Selbstverteidigung. Oder in Momenten eines verst\u00e4rkten Kampfes, wie der Bewegung der Gelbwesten in Frankreich, kann es sich um eine systematischere Selbstverteidigung gegen staatliche Gewalt handeln, die von Nationalversammlungen koordiniert wird.<\/p>\n<p>Die Gelbwestenbewegung in Frankreich, die das Regime einer der bedeutendsten imperialistischen M\u00e4chte ersch\u00fcttert hat, hat starke Tendenzen zur Selbstorganisation gezeigt. Die \u201eVersammlung der Versammlungen\u201c in Commercy und Saint-Nazaire brachte Delegierte mit Mandaten von Versammlungen aus dem ganzen Land zusammen, die per Mehrheitsentscheid \u00fcber ihre Aktionen und Forderungen abstimmte. Allerdings fehlte es den Gelbwesten, obwohl sie gr\u00f6\u00dftenteils proletarisch waren, an organischen Verbindungen zu den gro\u00dfen Bataillonen der Arbeiter*innenklasse. Die b\u00fcrokratischen F\u00fchrungen der Gewerkschaften waren in der Lage, die Arbeiter*innen daran zu hindern, sich organisiert in den Kampf zu begeben. W\u00e4hrend die Gelbwesten also wieder und wieder in der Lage waren, das Zentrum von Paris zu blockieren, konnten sie die franz\u00f6sische Wirtschaft doch nicht zum Erliegen bringen. Genau hier h\u00e4tte eine revolution\u00e4re Partei einen Unterschied machen k\u00f6nnen, indem sie innerhalb der Gewerkschaften f\u00fcr die Mobilisierung der Arbeiter*innen gek\u00e4mpft und w\u00e4hrenddessen die Versammlungen auf die gesamte Arbeiter*innenklasse ausgeweitet h\u00e4tte.\u00a0<strong>[4]<\/strong><\/p>\n<p>Diese Sowjet-Strategie steht in kategorischem Gegensatz zu jener der \u201edemokratischen Sozialist*innen\u201c (oder in Wirklichkeit Sozialdemokrat*innen), die den kapitalistischen Staat auf eine andere, bessere Art und Weise verwalten wollen. Unser programmatisches Ziel ist dem v\u00f6llig entgegengesetzt. Wir lehnen Wahlkampfarbeit nicht ab, wir denken, dass Sozialist*innen Wahlkampagnen (und wo immer m\u00f6glich, Parlamentssitze) nutzen sollten, um das Verst\u00e4ndnis der Arbeiter*innen f\u00fcr die Notwendigkeit einer von der herrschenden Klasse und ihren Institutionen unabh\u00e4ngigen Organisation zu st\u00e4rken. Deshalb sind wir absolut gegen \u201esozialistische\u201c Kampagnen f\u00fcr Kandidaturen der Demokratischen Partei in den USA. Jede Initiative f\u00fcr eine unabh\u00e4ngige sozialistische Organisation in den Vereinigten Staaten wird unsere Unterst\u00fctzung erhalten; wir wollen sie in einer m\u00e4chtigen revolution\u00e4ren Partei vereinen.<\/p>\n<p>Die Sowjet-Strategie geht viel weiter als die des Basisaufbaus, da sie versucht, neue Organisationen der Arbeiter*innenklasse unter der F\u00fchrung von Sozialist*innen aufzubauen. Wir denken, dass Revolution\u00e4r*innen als Fraktionen in breiten Organisationen arbeiten m\u00fcssen, die alle Tendenzen innerhalb der Arbeiter*innenklasse umfassen. Solche Formen der Selbstorganisation sind der Rahmen, in dem Sozialist*innen die Unterst\u00fctzung der Massen f\u00fcr ein revolution\u00e4res Programm mit einer klaren Strategie gewinnen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><strong>Anmerkungen<\/strong><\/p>\n<p><strong>[1]<\/strong>\u00a0Gro\u00dfe Teile dieses Artikels basieren auf einer Rede, die am 13. Januar 2018 in Berlin gehalten wurde. Mehr Informationen \u00fcber die Art, auf die die Trotzkistische Fraktion versucht ihre Strategie in die lebendigen Klassenk\u00e4mpfe einzubringen, sind in dem auf spanisch geschriebenen Buch\u00a0<em>Estrategia socialista arte militar\u00a0<\/em>zu finden, das aktuell ins Englische \u00fcbersetzt wird.<\/p>\n<p><strong>[2]<\/strong>\u00a0Nathaniel Flakin, \u201e<a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/vor-100-jahren-betreten-revolutionaerinnen-in-deutschland-den-rasen\/\"><strong>Vor 100 Jahren betreten Revolution\u00e4r*innen in Deutschland den Rasen<\/strong><\/a>\u201c (dreiteiliger Artikel), Klasse gegen Klasse, 9.\/16.\/27. November 2018<\/p>\n<p><strong>[3]<\/strong>\u00a0Mit dieser Frage setzt sich in einem auf Spanisch geschriebenen Artikel auseinander: Emilio Albamonte und Fredy Lizarrague,\u00a0<a href=\"http:\/\/www.estrategiainternacional.org\/La-estrategia-sovietica-en-lucha-por-la-Republica-obrera,5827?lang=es\"><strong>\u201eLa estrategia sovi\u00e9tica en lucha por la Rep\u00fablica obrera\u201c<\/strong><\/a>,\u00a0<em>Estrategia Internacional<\/em>, no. 4-5 (1993). Der Artikel wurde nach unserem Wissen leider nie ins Englische oder Deutsche \u00fcbersetzt.<\/p>\n<p><strong>[4]<\/strong>\u00a0Mehr Informationen zu den Gelb-Westen sind in folgendem Artikel zu finden:\u00a0<a href=\"https:\/\/www.leftvoice.org\/the-yellow-vest-rebellion-interview-with-daniela-cobet\"><strong>\u201eInside the \u201aYellow Vest\u2018 Rebellion \u2013 Interview with Daniela Cobet\u201c<\/strong><\/a>, Left Voice, no.4 (Fr\u00fchling 2019).<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/sowjetische-strategie-eine-einfuehrung\/\"><em>klassegegenklasse.org&#8230;<\/em><\/a><em> vom 6. Mai 2020<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nathaniel Flakin. Eine Schlacht wird mit Taktik gewonnen. Strategie ist die Kunst, einen Krieg zu gewinnen. 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