{"id":7773,"date":"2020-05-09T10:31:59","date_gmt":"2020-05-09T08:31:59","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=7773"},"modified":"2020-05-09T10:35:22","modified_gmt":"2020-05-09T08:35:22","slug":"leo-trotzki-demokratie-und-faschismus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=7773","title":{"rendered":"Leo Trotzki: Demokratie und Faschismus"},"content":{"rendered":"<p><strong>Anl\u00e4sslich des 75. Jahrestages der Niederlage des deutschen Faschismus ver\u00f6ffentlichen wir diesen Text von Leo Trotzki. In dieser Schrift bewertet Trotzki die Strategien der Arbeiterparteien zur Bek\u00e4mpfung des aufsteigenden Nationalsozialismus.<\/strong><!--more--><\/p>\n<p>Das XI. EKKI-Plenum [vom 26.\u00a0M\u00e4rz &#8211; 11.\u00a0April 1931] fand sich bem\u00fc\u00dfigt, mit jenen fehlerhaften Auffassungen Schlu\u00df zu machen, die sich auf die \u201eliberale Konstruktion eines Gegensatzes zwischen Faschismus und b\u00fcrgerlicher Demokratie, wie auch zwischen den parlamentarischen Formen der b\u00fcrgerlichen Diktatur und den offen faschistischen Formen \u2026\u201c st\u00fctzen. Der Wesenskern dieser Stalinschen Philosophie ist sehr einfach: aus der marxistischen Verneinung eines absoluten Gegensatzes leitet sie die Verneinung des Gegensatzes \u00fcberhaupt ab, und sei er auch relativ. Das ist der typische Fehler des Vulg\u00e4rradikalismus. Wenn aber zwischen Demokratie und Faschismus keinerlei Gegensatz besteht, nicht einmal auf dem Gebiet der b\u00fcrgerlichen Herrschaftsformen, m\u00fcssen beide Regimes einfach zusammenfallen. Die Schlu\u00dffolgerung: Sozialdemokratie = Faschismus. Aus irgendeinem Grunde bezeichnet man indes die Sozialdemokratie als Sozial-Faschismus. Was in diesem Zusammenhang sozial eigentlich bedeutet, hat man uns bis jetzt noch nicht erkl\u00e4rt. [1]<\/p>\n<p>Allein die Natur der Dinge wechselt nicht mit den Beschl\u00fcssen des EKKI-Plenums. Zwischen Demokratie und Faschismus besteht ein Gegensatz. Er ist durchaus nicht \u201eabsolut\u201c oder, in der Sprache des Marxismus zu reden, bezeichnet durchaus nicht die Herrschaft zweier unvers\u00f6hnlicher Klassen. Aber es kennzeichnet verschiedene Herrschaftssysteme ein und derselben Klasse. Diese beiden Systeme, das parlamentarisch-demokratische und das faschistische, st\u00fctzen sich auf verschiedene Kombinationen der unterdr\u00fcckten und ausgebeuteten Klassen und geraten unvermeidlich in schroffe Zusammenst\u00f6\u00dfe miteinander.<\/p>\n<p>Die Sozialdemokratie, die heutige Hauptvertreterin des parlamentarisch-b\u00fcrgerlichen Regimes, st\u00fctzt sich auf die Arbeiter. Der Faschismus auf das Kleinb\u00fcrgertum. Die Sozialdemokratie kann ohne Arbeiter-Massenorganisationen keinen Einflu\u00df aus\u00fcben. Der Faschismus seine Macht nicht anders befestigen als durch Zerschlagung der Arbeiterorganisationen. Hauptarena der Sozialdemokratie ist das Parlament. Das System des Faschismus fu\u00dft auf der Vernichtung des Parlamentarismus. F\u00fcr die monopolistische Bourgeoisie stellen parlamentarisches und faschistisches System blo\u00df verschiedene Werkzeuge ihrer Herrschaft dar: sie nimmt zu diesem oder jenem Zuflucht in Abh\u00e4ngigkeit von den historischen Bedingungen. Doch f\u00fcr die Sozialdemokratie wie f\u00fcr den Faschismus ist die Wahl des einen oder des andern Werkzeugs von selbst\u00e4ndiger Bedeutung, mehr noch, die Frage ihres politischen Lebens oder Todes.<\/p>\n<p>Die Reihe ist ans faschistische Regime gekommen, sobald die \u201enormalen\u201c milit\u00e4risch-polizeilichen Mittel der b\u00fcrgerlichen Diktatur mitsamt ihrer parlamentarischen H\u00fclle f\u00fcr die Gleichgewichtserhaltung der Gesellschaft nicht mehr ausreichen. durch die faschistische Agentur setzt das Kapital die Massen des verdummten Kleinb\u00fcrgertums in Bewegung, die Banden deklassierter, demoralisierter Lumpenproletarier und all die zahllosen Menschenexistenzen, die das gleiche Finanzkapital in Verzweiflung und Elend gest\u00fcrzt hat. Vom Faschismus fordert die Bourgeoisie ganze Arbeit: hat sie einmal die Methoden des B\u00fcrgerkriegs zugelassen, will sie f\u00fcr lange Jahre Ruhe haben. Und die faschistische Agentur, die das Kleinb\u00fcrgertum als Prellbock benutzt und alle Hemmnisse aus dem Wege r\u00e4umt, leistet diese Arbeit bis zum Ende. Der Sieg des Faschismus f\u00fchrt dazu, da\u00df das Finanzkapital sich direkt und unmittelbar aller Organe und Einrichtungen der Herrschaft, Verwaltung und Erziehung bem\u00e4chtigt: Staatsapparat und Armee, Gemeindeverwaltungen, Universit\u00e4ten, Schulen, Presse, Gewerkschaften, Genossenschaften. Die Faschisierung des Staates bedeutet nicht nur die Mussolinisierung der Verwaltungsformen und -verfahren \u2013 auf diesem Gebiet sind die Ver\u00e4nderungen letzten Endes zweitrangig \u2013 sondern vor allem und haupts\u00e4chlich die Zertr\u00fcmmerung der Arbeiterorganisationen, Zur\u00fcckwerfung des Proletariats in amorphen Zustand, Schaffung eines Systems tief in die Massen dringender Organe, die eine selbst\u00e4ndige Kristallisation des Proletariats unterbinden sollen. Darin besteht das Wesen des faschistischen Regimes.<\/p>\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"890\" height=\"550\" src=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/tro.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-7774\" srcset=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/tro.jpg 890w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/tro-300x185.jpg 300w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/tro-768x475.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 890px) 100vw, 890px\" \/><\/figure>\n<p>Dem Gesagten widerspricht in keiner Weise die Tatsache, da\u00df sich zwischen demokratischem und faschistischem Regime w\u00e4hrend einer gewissen Periode ein \u00dcbergangsregime herausbildet, das Z\u00fcge des einen und des anderen in sich vereinigt: das ist allgemeine Regel bei der Abl\u00f6sung zweier sozialer Regimes, selbst wenn sie unvers\u00f6hnlich miteinander verfeindet sind. Es gibt Augenblicke, wo sich die Bourgeoisie sowohl auf die Sozialdemokratie wie auf den Faschismus st\u00fctzt, d.h. sich zu gleicher Zeit ihrer vers\u00f6hnlerischen und ihrer terroristischen Agentur bedient. So in gewissem Sinne die Kerenski-Regierung w\u00e4hrend der letzten Monate ihrer Existenz: halb st\u00fctzte sie sich auf die Sowjets, und gleichzeitig verlie\u00df sie sich auf die Verschw\u00f6rung mit Kornilow. So auch die Br\u00fcning-Regierung, die auf einem Seile zwischen den beiden unvers\u00f6hnlichen Lagern tanzt, den Stab der Notverordnungen in den H\u00e4nden. Doch ein solcher Zustand von Staat und Regierung hat provisorischen Charakter. Er ist Ausdruck der \u00dcbergangsperiode, wo die Sozialdemokratie ihre Mission schon beinahe erf\u00fcllt hat, w\u00e4hrend gleichzeitig weder Kommunismus noch Faschismus schon f\u00fcr die Machteroberung bereit sind.<\/p>\n<p>Die italienischen Kommunisten, die sich schon l\u00e4ngst mit der Frage des Faschismus hatten besch\u00e4ftigen m\u00fcssen, protestierten mehr als einmal gegen den so verbreiteten Mi\u00dfbrauch mit diesem Begriff. In der Epoche des 6. Kongresses der Komintern entwickelte Ercoli immer noch Ansichten zur Frage des Faschismus, die jetzt als \u201etrotzkistisch\u201c angesehen werden. Nachdem er den Faschismus als konsequentestes und bis zu Ende gef\u00fchrtes System der Reaktion definiert hatte erl\u00e4uterte Ercoli: \u201eDiese Feststellung st\u00fctzt sich nicht auf die unmenschlichen Terrorakte, nicht auf die gro\u00dfe Zahl ermordeter Arbeiter und Bauern, nicht auf die Grausamkeit der in gro\u00dfem Ma\u00dfstab angewandten Foltermethoden, nicht auf die H\u00e4rte der Urteile, sie gr\u00fcndet sich auf die systematische und totale Unterdr\u00fcckung jeglicher unabh\u00e4ngiger Organisation der Massen.\u201c Ercoli hat hier v\u00f6llig recht: Wesen und Bestimmung des Faschismus bestehen in der vollst\u00e4ndigen Beseitigung der Arbeiterorganisationen und in der Verhinderung ihres Wiederentstehens. In den entwickelten Kapitalistischen Gesellschaft ist dieses Ziel durch blo\u00dfe Polizeima\u00dfnahmen nicht zu erreichen. Der einzige Weg dazu ist, dem Druck des Proletariats \u2013 im Augenblick seiner Schw\u00e4chung \u2013 den Druck der verzweifelten kleinb\u00fcrgerlichen Massen gegen\u00fcberzustellen. Eben dieses besondere System kapitalistischer Reaktion ist in die Geschichte unter dem Namen Faschismus eingegangen.<\/p>\n<p>\u201eDie Frage der Beziehungen zwischen dem Faschismus und der Sozialdemokratie\u201c, schreibt Ercoli, \u201eliegt auf derselben Ebene (der Unvers\u00f6hnlichkeit zwischen Faschismus und Arbeiterorganisationen). \u201eIn diesem Punkt unterscheidet sich der Faschismus eindeutig von allen reaktion\u00e4ren Regimes, die sich bis heute in der modernen kapitalistischen Welt durchgesetzt haben. Er weist jeglichen Kompromi\u00df mit der Sozialdemokratie zur\u00fcck, hat sie hartn\u00e4ckig verfolgt, hat ihr jede M\u00f6glichkeit einer legalen Existenz entzogen und sie zur Emigration gezwungen.\u201c<\/p>\n<p>So lautete ein im leitenden Organ der Komintern abgedruckter Artikel! Danach hat Manuilski Molotow [3] die gro\u00dfe Idee der \u201edritten Periode\u201c eingegeben. Frankreich, Deutschland und Polen wurden in die \u201eerste Reihe der revolution\u00e4ren Offensive\u201c abkommandiert, die Machteroberung zur unmittelbaren Aufgabe erkl\u00e4rt. Da aber vor dem Antlitz des proletarischen Aufstands alle Parteien au\u00dfer kommunistischen konterrevolution\u00e4r sind, bestand keine Notwendigkeit mehr, zwischen Faschismus und Sozialdemokratie zu unterscheiden. Die Theorie vom Sozialfaschismus wurde eingef\u00fchrt. Die Kominternbeamten r\u00fcsteten um. Ercoli eilte zu beweisen, da\u00df ihm die Wahrheit teuer sei, Molotow aber noch teurer, und \u2026 er schrieb ein Referat zur Verteidigung der Theorie des Sozialfaschismus. \u201eDie italienische Sozialdemokratie\u201c erkl\u00e4rte er im Februar 1930, \u201efaschisiert sich \u00e4u\u00dferst leicht\u201c. Aber ach, noch leichter servilisieren sich die Beamten des offiziellen Kommunismus \u2026<\/p>\n<p>Unsere Kritik an Theorie und Praxis der \u201edritten Periode\u201c erkl\u00e4rt man nat\u00fcrlich f\u00fcr konterrevolution\u00e4r. die grausame Erfahrung, die das Proletariat teuer zu stehen kam, erzwang allerdings auf diesem Gebiet eine Wendung. Die \u201edritte Periode\u201c ward in Ruhestand versetzt, wie Molotow selbst aus der Komintern entlassen wurde. Die Theorie des Sozialfaschismus aber blieb als einzige reife Frucht der dritten Periode. Hier kann es keine Ab\u00e4nderungen geben: mit der dritten Periode hat Molotow sich engagiert; in den Sozialfaschismus ist Stalin selbst verwickelt.<\/p>\n<p>Als Leitmotiv f\u00fcr ihre Forschungen \u00fcber den Sozialfaschismus hat Die Rote Fahne Stalins Worte erkoren: \u201eDer Faschismus ist eine Kampforganisation der Bourgeoisie, die sich auf die aktive Unterst\u00fctzung der Sozialdemokratie st\u00fctzt. Die Sozialdemokratie ist objektiv der gem\u00e4\u00dfigte Fl\u00fcgel des Faschismus.\u201c Wie bei Stalin \u00fcblich, sobald er zu verallgemeinern versucht, widerspricht der erste Satz dem zweiten. Da\u00df die Bourgeoisie sich auf die Sozialdemokratie st\u00fctzt und der Faschismus eine Kampforganisation der Bourgeoisie darstellt, ist v\u00f6llig unbestreitbar und schon l\u00e4ngst ausgesprochen. Doch daraus erhellt nur, da\u00df Sozialdemokratie wie Faschismus Werkzeuge der Gro\u00dfbourgeoisie sind. Wie dabei die Sozialdemokratie \u00fcberdies noch den \u201eFl\u00fcgel\u201c des Faschismus bildet, ist nicht zu verstehen. Auch die zweite Feststellung des gleichen Autors ist nicht viel tiefsinniger: Faschismus und Sozialdemokratie sind nicht Gegner, sondern Zwillinge. Zwillinge k\u00f6nnen erbitterte Gegner sein; andererseits m\u00fcssen Verb\u00fcndete keinesfalls am gleichen Tag von einer gemeinsamen Mutter geboren sein. Stalins Konstruktion gebricht es sogar an formaler Logik, von Dialektik nicht zu reden. Die Kraft dieser Konstruktion besteht darin, da\u00df niemand ihr widersprechen darf.<\/p>\n<p>Zwischen Demokratie und Faschismus besteht kein Unterschied im \u201eKlasseninhalt\u201c lehrt nach Stalin Werner Hirsch [4] (Die Internationale, Januar 1932). Der \u00dcbergang von Demokratie zu Faschismus kann den Charakter eines \u201eorganischen Prozesses\u201c annehmen, d.h. \u201eallm\u00e4hlich und auf kaltem Wege\u201c sich vollziehen. diese Erw\u00e4gung w\u00fcrde verbl\u00fcffend klingen, h\u00e4tten uns die Epigonen das Staunen nicht abgew\u00f6hnt.<\/p>\n<p>Zwischen Demokratie und Faschismus besteht kein \u201eKlassenunterschied\u201c. Das soll offenbar bedeuten, da\u00df die Demokratie, wie der Faschismus b\u00fcrgerlichen Charakters ist. Das haben wir auch vor dem Januar 1932 gewu\u00dft! Aber die herrschende Klasse lebt nicht im luftleeren Raum. Sie steht in bestimmten Beziehungen zu den \u00fcbrigen Klassen. Im \u201edemokratischen\u201c Regime der entwickelten kapitalistischen Gesellschaft st\u00fctzt sich die Bourgeoisie vor allem auf die von den Reformisten im Zaume gehaltene Arbeiterklasse. Am vollendetsten kommt dieses System in England zum Ausdruck, bei der labouristischen wie bei der konservativen Regierung. Im faschistischen Regime st\u00fctzt sich das Kapital, zumindest im ersten Stadium, auf das Kleinb\u00fcrgertum, das die Organisationen des Proletariats vernichtet. Das ist das italienische Beispiel! Besteht ein Unterschied im \u201eKlasseninhalt\u201c dieser beiden Regimes? Stellt man lediglich die Frage nach der herrschenden Klasse, so ist kein Unterschied vorhanden. Nimmt man Lage und Wechselbeziehungen aller Klassen, so zeigt sich \u2013 vom Standpunkt des Proletariats \u2013 ein betr\u00e4chtlicher Unterschied.<\/p>\n<p>Im Laufe vieler Jahrzehnte haben die Arbeiter innerhalb der b\u00fcrgerlichen Demokratie, unter deren Ausnutzung und im Kampf mit ihr, eigene Festungen, eigene Grundlagen, eigene Zentren der proletarischen Demokratie geschaffen: Gewerkschaften, Parteien, Bildungsklubs, Sportorganisationen, Genossenschaften usw. Das Proletariat kann nicht im formellen Rahmen der b\u00fcrgerlichen Demokratie an die Macht kommen, sondern nur auf revolution\u00e4rem Wege; das ist durch Theorie und Praxis gleicherma\u00dfen erwiesen. Aber gerade f\u00fcr den revolution\u00e4ren Weg braucht es die St\u00fctzpunkte der Arbeiterdemokratie innerhalb des b\u00fcrgerlichen Staates. Auf die Schaffung solcher Basen lief ja die Arbeit der Zweiten Internationale in jener Epoche hinaus, als sie noch eine progressive historische Arbeit versah.<\/p>\n<p>Der Faschismus hat zur grundlegenden und einzigen Bestimmung, bis aufs Fundament alle Einrichtungen der proletarischen Demokratie zu zerst\u00f6ren. Hat dies f\u00fcr das Proletariat einen \u201eKlassensinn\u201c oder nicht? M\u00f6gen die hohen Theoretiker dar\u00fcber nachdenken. W\u00e4hrend er das Regime b\u00fcrgerlich nennt \u2013 was unbestreitbar ist \u2013 vergi\u00dft Hirsch gleich seinen Lehrmeistern eine Kleinigkeit: den Platz des Proletariats in diesem Regime. den historischen Proze\u00df ersetzen sie durch eine nackte soziologische Abstraktion. Doch der Klassenkampf wird auf dem Erdboden der Geschichte gef\u00fchrt und nicht in der Stratosph\u00e4re der Soziologie. Ausgangspunkt f\u00fcr den Kampf mit dem Faschismus ist nicht die Abstraktion des demokratischen Staates, sondern sind die lebendigen Organisationen des Proletariats selbst, in denen seine ganze Erfahrung konzentriert ist und die seine Zukunft vorbereiten.<\/p>\n<p>Da\u00df der \u00dcbergang von Demokratie zu Faschismus \u201eorganischen\u201c und \u201eallm\u00e4hlichen\u201c Charakter haben, bedeutet offenbar nichts anderes, als da\u00df man dem Proletariat nicht nur alle materiellen Eroberungen, d.h. seine Organisationen, ohne Ersch\u00fctterungen und ohne Kampf abnehmen kann. Unter \u00dcbergang zum Faschismus \u201eauf kaltem Wege\u201c wird somit die schrecklichste politische Kapitulation des Proletariats verstanden, die man sich \u00fcberhaupt vorstellen vermag.<\/p>\n<p>Die theoretischen Erw\u00e4gungen Werner Hirschs sind nicht zuf\u00e4llig: w\u00e4hrend sie Stalins theoretische Orakel weiterentwickeln, verallgemeinern sie gleichzeitig die gesamte gegenw\u00e4rtige Agitation der Kommunistischen Partei. Deren Hauptanstrengung ist ja jetzt darauf gerichtet, zu beweisen, da\u00df zwischen Br\u00fcning-Regime und Hitler-Regime kein Unterschied besteht. Darin sehen augenblicklich Th\u00e4lmann und Remmele die Quintessenz der bolschewistischen Politik.<\/p>\n<p>Die Sache beschr\u00e4nkt sich nicht blo\u00df auf Deutschland. Die Idee, der Sieg des Faschismus werde nichts Neues bringen, wird jetzt eifrig in allen Sektionen der Komintern propagiert. Im Januarheft der franz\u00f6sischen Zeitschrift Cahiers du Bolch\u00e9visme lesen wir: \u201eDie Trotzkisten, die in der Praxis wie Breitscheid [5] handeln, \u00fcbernehmen jetzt die ber\u00fchmte Theorie der Sozialdemokratie vom kleineren \u00dcbel, nach der Br\u00fcning nicht so schlecht sei wie Hitler, nach der unter Br\u00fcning Hungers zu sterben weniger unangenehm sei als unter Hitler und unendlich vorteilhafter, von Groener erschossen zu werden als von Frick.\u201c Dieses Zitat ist nicht das d\u00fcmmste, obwohl \u2013 um gerecht zu sein \u2013 dumm genug. Doch leider kommt darin das Wesen der politischen Philosophie der Kominternf\u00fchrer zum Ausdruck.<\/p>\n<p>Die Stalinisten vergleichen die beiden Regimes unter dem Gesichtswinkel der Vulg\u00e4rdemokratie. In der Tat, geht man an das Br\u00fcning-Regime mit formal-\u201cdemokratischen\u201c Kriterien heran, ergibt sich der unwiderlegbare Schlu\u00df: von der stolzen Weimarer Verfassung sind nichts als Haut und Knochen geblieben. Doch f\u00fcr uns entscheidet das die Frage noch nicht. Man mu\u00df sie vom Standpunkt der proletarischen Demokratie betrachten. Dies ist das einzig verl\u00e4\u00dfliche Kriterium auch f\u00fcr die Frage, wo und wann die \u201enormale\u201c Polizeireaktion des verfaulenden Kapitalismus durch das faschistische Regime ersetzt wird.<\/p>\n<p>Ob Br\u00fcning besser ist als Hitler (etwa sympathischer?), diese Frage interessiert uns, wie wir gestehen m\u00fcssen, wenig. Es gen\u00fcgt aber, die Liste der Arbeiterorganisationen anzusehen, um zu sagen: in Deutschland hat der Faschismus noch nicht gesiegt. Noch stehen gigantische Hindernisse und Kr\u00e4fte seinem Sieg im Wege.<\/p>\n<p>Das gegenw\u00e4rtige Br\u00fcning-Regime ist das Regime einer b\u00fcrokratischen Diktatur, besser: der mit milit\u00e4risch-polizeilichen Mitteln verwirklichten Diktatur der Bourgeoisie. Das faschistische Kleinb\u00fcrgertum und die proletarische Avantgarde halten einander gleichsam die Waage. W\u00e4ren die Arbeiterorganisationen in R\u00e4teorganisationen vereinigt, w\u00fcrden die Betriebsr\u00e4te um Produktionskontrolle k\u00e4mpfen, so k\u00f6nnte man von Doppelherrschaft sprechen. Durch die Zerst\u00fcckelung des Proletariats und die taktische Hilflosigkeit seiner Avantgarde sind wir noch nicht soweit. Doch die blo\u00dfe Tatsache des Vorhandenseins machtvoller Arbeiterorganisationen, die unter bestimmten Bedingungen dem Faschismus vernichtenden Widerstand leisten k\u00f6nnen, h\u00e4lt Hitler von der Macht ab und verleiht dem b\u00fcrokratischen Apparat eine gewisse \u201eUnabh\u00e4ngigkeit\u201c.<\/p>\n<p>Die Br\u00fcning-Diktatur ist eine Karikatur auf den Bonapartismus. Diese Diktatur ist unbest\u00e4ndig, unsicher, kurzlebig. Sie bedeutet nicht den Beginn eines neuen sozialen Gleichgewichts, sondern k\u00fcndigt den Zusammenbruch des alten an. Unmittelbar auf eine kleine b\u00fcrgerliche Minderheit gest\u00fctzt, von der Sozialdemokratie gegen den Willen der Arbeiter toleriert, bedroht vom Faschismus, ist Br\u00fcning zu Verordnungsdonnern f\u00e4hig, nicht aber zu realeren. Das Parlament mit dessen eigener Zustimmung aufzul\u00f6sen, einige Verordnungen gegen die Arbeiter zu erlassen, den Weihnachts-Burgfrieden zu dekretieren, um unter dessen H\u00fclle einige Bescherungen vorzunehmen, hundert Versammlungen aufzul\u00f6sen, ein Dutzend Zeitungen einzustellen, mit Hitler Briefe, w\u00fcrdig eines Provinzapothekers, zu wechseln \u2013 das ist alles, was Br\u00fcning kann. Weiter reicht sein Arm nicht.<\/p>\n<p>Br\u00fcning mu\u00df die Existenz der Arbeiterorganisationen tolerieren, sofern er nicht heute schon Hitler die Macht \u00fcbergeben will und sofern er nicht \u00fcber eigene Kr\u00e4fte zu deren Liquidierung verf\u00fcgt. Br\u00fcning mu\u00df die Faschisten dulden und beg\u00fcnstigen, sofern er den Sieg der Arbeiter auf den Tod f\u00fcrchtet. Das Br\u00fcning-Regime ist ein \u00dcbergangsregime, ein Regime von kurzer Dauer, das der Katastrophe vorausgeht. Die gegenw\u00e4rtige Regierung kann sich nur deshalb halten, weil es zwischen den Hauptlagern noch zu keinem Kr\u00e4ftemessen gekommen ist. Der richtige Kampf hat noch nicht begonnen. Er steht noch bevor. Die Pause bis zum Kampf, bis zum offenen Kr\u00e4ftemessen, f\u00fcllt die Diktatur der b\u00fcrokratischen Ohnmacht aus.<\/p>\n<p>Die Weisen, die sich dessen r\u00fchmen, da\u00df sie keinen Unterschied \u201ezwischen Br\u00fcning und Hitler\u201c kennen, sagen in Wirklichkeit: ob unsere Organisationen noch bestehen oder ob sie zertr\u00fcmmert sind, ist ohne Bedeutung. Hinter dieser scheinradikalen Phraseologie versteckt sich die niedertr\u00e4chtigste Passivit\u00e4t: einer Niederlage k\u00f6nnen wir nicht entgehen! Man lese nur aufmerksam das Zitat aus der Zeitschrift der franz\u00f6sischen Stalinisten: das ganze Problem l\u00e4uft darauf hinaus, unter wem es sich besser hungern l\u00e4\u00dft, unter Br\u00fcning oder unter Hitler. Wir aber stellen die Frage nicht so: wie und unter welchen Bedingungen l\u00e4\u00dft sich besser sterben, sondern: wie m\u00fcssen wir k\u00e4mpfen und siegen? Unsere Schlu\u00dffolgerung ist: die Hauptschlacht mu\u00df geliefert werden, ehe Br\u00fcnings b\u00fcrokratische Diktatur vom faschistischen Regime abgel\u00f6st wird, das hei\u00dft, bevor die Arbeiterorganisationen vernichtet sind. Auf die Hauptschlacht mu\u00df man sich vorbereiten durch Weitertreiben, Verbreitern und Versch\u00e4rfen der Teilk\u00e4mpfe. Dazu braucht man eine richtige Perspektive und darf vor allem nicht den Feind zum Sieger erkl\u00e4ren, der vom Siege noch weit entfernt ist.<\/p>\n<p>Das ist der Kern der Frage, hier ist der strategische Schl\u00fcssel zur Lage, hier ist der Ausgangspunkt f\u00fcr den Kampf. Jeder denkende Arbeiter und um so mehr jeder Kommunist ist verpflichtet, sich Rechenschaft abzulegen \u00fcber die ganze Leere, die ganze Nichtigkeit des faulen Geredes der Stalinschen B\u00fcrokratie, Br\u00fcning und Hitler seien dasselbe. Das hei\u00dft die Dinge verwirren!, antworten wir ihnen. Sch\u00e4ndlich verwirren aus Angst vor den Schwierigkeiten, aus Angst vor den gro\u00dfen Aufgaben. Ihr kapituliert, ohne den Kampf aufgenommen zu haben, ihr erkl\u00e4rt, wir h\u00e4tten bereits eine Niederlage erlitten. Ihr l\u00fcgt! Die Arbeiterklasse ist gespalten, geschw\u00e4cht durch die Reformisten, desorientiert durch die Schwankungen der eigenen Avantgarde, aber noch nicht geschlagen, ihre Kr\u00e4fte sind nicht ersch\u00f6pft. Nein, Deutschlands Proletariat ist m\u00e4chtig. Die optimistischsten Berechnungen werden betr\u00e4chtlich \u00fcberboten werden, wenn seine revolution\u00e4re Energie sich den Weg zur Arena der Aktion bahnt.<\/p>\n<p>Br\u00fcnings Regime ist ein Regime der Vorbereitung. Wof\u00fcr? Entweder f\u00fcr den Sieg des Faschismus oder f\u00fcr den Sieg des Proletariats. Es ist ein Vorbereitungsregime, weil beide Lager sich auf den entscheidenden Kampf erst vorbereiten. Br\u00fcning mit Hitler zu identifizieren bedeutet, die Situation vor dem Kampfe mit der Situation nach der Niederlage zu identifizieren; bedeutet, im Voraus die Niederlage als unvermeidlich zu betrachten; bedeutet die Aufforderung, kampflos zu kapitulieren.<\/p>\n<p>Die \u00fcberw\u00e4ltigende Mehrheit der Arbeiter, besonders der Kommunisten, will das nicht. Auch die Stalinsche B\u00fcrokratie will es nat\u00fcrlich nicht. Doch man mu\u00df nicht von den guten Absichten ausgehen, mit denen Hitler die Stra\u00dfen zu seiner H\u00f6lle pflastern wird, sondern von der objektiven Bedeutung der Politik, ihrer Richtung und ihrer Tendenzen. Es ist n\u00f6tig, den passiven, \u00e4ngstlich abwartenden, kapitulationsbereiten, deklamatorischen Charakter der Politik Stalin-Manuilski-Th\u00e4lmann-Remmeles zu entlarven! Die revolution\u00e4ren Arbeiter m\u00fcssen es begreifen: der Schl\u00fcssel zur Situation liegt bei der Kommunistischen Partei; aber die Stalinsche B\u00fcrokratie versucht, mit diesem Schl\u00fcssel das Tor zur revolution\u00e4ren Tat zu verschlie\u00dfen.<\/p>\n<p><strong>Fu\u00dfnote<\/strong><\/p>\n<p>[1] Metaphysiker (antidialektisch denkende Menschen) haben f\u00fcr ein und dieselbe Abstraktion zwei, drei und mehr, einander oft vollst\u00e4ndig widersprechende Bestimmungen. \u201eDemokratie\u201c \u00fcberhaupt und \u201eFaschismus\u201c \u00fcberhaupt unterscheiden sich, wie wir geh\u00f6rt haben, durch nichts voneinander. Daf\u00fcr mu\u00df es aber auf der Welt noch eine \u201eDiktatur der Arbeiter und Bauern\u201c (f\u00fcr China, Indien, Spanien) geben. Eine proletarische Diktatur? Nein! Eine kapitalistische Diktatur? Nein! Also welcher Art? Demokratisch! Es zeigt sich, da\u00df noch eine reine, \u00fcber den Klassen stehende Demokratie auf der Welt besteht. aber das XI. EKKI-Plenum hat doch erkl\u00e4rt, da\u00df sich Demokratie und Faschismus voneinander nicht unterscheiden. Unterscheidet sich also die \u201edemokratische Diktatur\u201c von \u2026 faschistischer Diktatur.<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/demokratie-und-faschismus\/\"><em>klassegegenklasse.org&#8230;<\/em><\/a><em> vom 9. Mai 2020<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Anl\u00e4sslich des 75. Jahrestages der Niederlage des deutschen Faschismus ver\u00f6ffentlichen wir diesen Text von Leo Trotzki. 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