{"id":7790,"date":"2020-05-11T15:23:47","date_gmt":"2020-05-11T13:23:47","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=7790"},"modified":"2020-05-11T15:23:48","modified_gmt":"2020-05-11T13:23:48","slug":"marode-kapitalistische-misswirtschaft","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=7790","title":{"rendered":"Marode kapitalistische Misswirtschaft"},"content":{"rendered":"<p><em>Tomasz Konicz. <\/em><strong>Rasant zunehmender Hunger und massenhafte Lebensmittelvernichtung &#8211; in der gegenw\u00e4rtigen Krise tritt die m\u00f6rderische Irrationalit\u00e4t der kapitalistischen Produktionsweise offen zutage. \u00abDa ist er wieder, der unvermeidliche Kartoffelstandard<\/strong><!--more--> <strong>aus fast drei Jahrhunderten Krisen-, Kriegs- und Armutszeiten der &#8222;wohlfahrtsteigernden Marktwirtschaft\u00bb. Robert Kurz,\u00a0<\/strong><a href=\"https:\/\/www.exit-online.org\/pdf\/schwarzbuch.pdf\"><strong>Schwarzbuch Kapitalismus<\/strong><\/a><\/p>\n<p>Es gibt Dinge, die man sich in Krisenzeiten &#8211; wenn es mal wieder gilt, Konzerne und Banken mit\u00a0<a href=\"https:\/\/www.welt.de\/politik\/deutschland\/article206708717\/600-Milliarden-Paket-soll-Grossunternehmen-vor-dem-Untergang-bewahren.html\">vielen Milliarden Euro<\/a>\u00a0zu st\u00fctzen &#8211; schlicht nicht leisten kann. Nahrung zum Beispiel. In der Bundesrepublik als einem der reichsten L\u00e4nder der Welt sind ohnehin Millionen Menschen von Mangelern\u00e4hrung betroffen. Die Corona-Pandemie hat die Situation noch zus\u00e4tzlich zugespitzt, weil die Betroffen sich aufgrund explodierender Preise f\u00fcr Frischprodukte ausreichende Mengen von Obst und Gem\u00fcse schlicht nicht kaufen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Ende April\u00a0<a href=\"https:\/\/taz.de\/Foodwatch-warnt-vor-Mangelernaehrung\/!5682284\/\">appellierten Verbraucherorganisationen<\/a>\u00a0folglich an die SPD, die zu Beginn der Corona-Pandemie gemachten Zusagen einzuhalten und die Hartz-IV-S\u00e4tze anzuheben, um die bereits gegebene Mangel- und\u00a0<a href=\"https:\/\/web.de\/magazine\/gesundheit\/deutsche-kinder-mangelernaehrt-armut-grosser-faktor-32899020\">Unterern\u00e4hrung<\/a>\u00a0insbesondere unter den Kindern von Hartz-IV-Beziehern nicht noch weiter ansteigen zu lassen. Die NGO Foodwatch, die\u00a0<a href=\"https:\/\/www.foodwatch.org\/de\/aktuelle-nachrichten\/2020\/ernaehrungsarmut-in-der-corona-krise-die-spd-muss-handeln\/\">ein Sofortprogramm gegen Ern\u00e4hrungsarmut fordert<\/a>, nannte hierbei eine ganze Reihe von Krisenfaktoren, die die marginalisierten Bev\u00f6lkerungsschichten der Bundesrepublik in die Mangel nehmen.<\/p>\n<p>Viele Tafeln, bei denen sich verarmte und marginalisierte Menschen versorgten, haben inzwischen dicht gemacht. Zudem seien die kostenlosen Schulessen ausgefallen, die f\u00fcr die Ern\u00e4hrung sozial benachteiligter Kinder wichtig seien. Frische Lebensmittel wie Gem\u00fcse seien im April dieses Jahres um rund 27 Prozent teurer als im Vorjahreszeitraum. All jene sozial abgeh\u00e4ngten Menschen, die seit der\u00a0<a href=\"https:\/\/www.heise.de\/tp\/features\/Happy-Birthday-Schweinesystem-3398095.html?seite=all\">Durchsetzung von Hartz-IV<\/a>\u00a0ihren Nachwuchs mit 4,09 Euro t\u00e4glich ern\u00e4hren m\u00fcssen, stellt diese Situation vor ein unl\u00f6sbares Problem.<\/p>\n<p>Die SPD-Vorsitzende Saskia Esken versprach in einer Stellungnahme, zu kl\u00e4ren, ob vor\u00fcbergehende Mehrbedarfe der Hartz-Opfer tats\u00e4chlich gegebenen seien, und gegebenenfalls in Gespr\u00e4chen mit dem Koalitionspartner CDU\/CSU zu eruieren, welche zus\u00e4tzlichen Ma\u00dfnahmen eventuell beschlossen werden k\u00f6nnten. Der Bund hat ja bereits 600 Milliarden zur Absicherung einer Wirtschaft veranschlagt, die zudem noch auf zus\u00e4tzliche Abwrackpr\u00e4mien f\u00fcr neue Spritfresser dr\u00e4ngt. Man muss als Realpolitiker auch in einer historisch beispiellosen Wirtschafts- und Klimakrise Priorit\u00e4ten setzen k\u00f6nnen. Und das bedeutet letztendlich, m\u00f6glicherweise auch Wirtschaftszweige zu retten, die in paar Jahren eh tot w\u00e4ren.<\/p>\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"700\" height=\"394\" src=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/rotting-potatoes-food-decay-old-97ec8e4cdb0b43bf.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-7791\" srcset=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/rotting-potatoes-food-decay-old-97ec8e4cdb0b43bf.jpg 700w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/rotting-potatoes-food-decay-old-97ec8e4cdb0b43bf-300x169.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 700px) 100vw, 700px\" \/><\/figure>\n<p>In der Bundesrepublik kann das rasch zunehmende Elend noch ignoriert werden, das die Ern\u00e4hrung vieler Lohnabh\u00e4ngigen, die aus der kriselnden kapitalistischen &#8222;Arbeitsgesellschaft&#8220; herausfallen, wieder auf einen erb\u00e4rmlichen urkapitalistischen &#8222;Kartoffelstandard&#8220; (Robert Kurz) reduziert. In den USA als der am weitesten in der Krisenentfaltung vorangeschrittenen Gesellschaft des kapitalistischen Weltsystems ist dies nicht mehr m\u00f6glich.<\/p>\n<p>Rund\u00a0<a href=\"https:\/\/www.yahoo.com\/news\/grim-getting-worse-us-set-historic-unemployment-surge-015532438.html\">30 Millionen Lohnabh\u00e4ngige<\/a>\u00a0mussten sich in den Vereinigten Staaten seit Mitte M\u00e4rz arbeitslos melden. Die ohnehin\u00a0<a href=\"http:\/\/www.shadowstats.com\/alternate_data\/unemployment-charts\">extrem gesch\u00f6nte Arbeitslosenquote<\/a>\u00a0in den Vereinigten Staaten, die vor Ausbruch der Krise bei rund vier Prozent lag, soll Prognosen zufolge bis auf 20 Prozent hochschnellen. Dies ist ein historisch beispielloser Anstieg der Erwerbslosigkeit in einer sehr kurzen Zeitspanne, der alle zuvor statistisch erfassten Kriseneinbr\u00fcche in den Schatten stellt. Die Folgen des Wirtschaftseinbruchs nach dem Platzen der Immobilienblase 2008 &#8211; der mit Jobverlusten von rund 8,6 Millionen einherging &#8211; werden bei weiten \u00fcbertroffen. Das amerikanische Arbeitslosenheer erreicht inzwischen Dimensionen, wie sie w\u00e4hrend der Weltwirtschaftskrise der 30er Jahre des 20. Jahrhunderts herrschten.<\/p>\n<p><strong>Explosion des Hungers<\/strong><\/p>\n<p>Dabei erfasst diese Arbeitslosenstatistik den Teil der Erwerbslosen nicht mehr, die nicht f\u00e4hig oder nicht berechtigt sind, die ohnehin nur kurz ausgezahlte Arbeitslosenunterst\u00fctzung zu beantragen. Das Ausma\u00df des Elends ist somit weitaus gr\u00f6\u00dfer als es die selektiven Erwerbslosenzahlen Washingtons vermuten lassen.<\/p>\n<p>Zudem durchliefen die Vereinigten Staaten seit dem Immobiliencrash 2007\/08 einen lang anhaltenden\u00a0<a href=\"https:\/\/www.pewresearch.org\/fact-tank\/2014\/01\/27\/despite-recovery-fewer-americans-identify-as-middle-class\/\">Verarmungsprozess<\/a>, der die Mittelklasse stark abschmelzen lie\u00df und eine breite Schicht arbeitender Armer hervorbrachte. Inzwischen ist die US-Mittelschicht von 53 Prozent im Krisenjahr 2008 auf rund 44 Prozent der Bev\u00f6lkerung abgeschmolzen, w\u00e4hrend an die 40 Prozent der US-B\u00fcrger zu den arbeitenden Armen und die Unterschicht z\u00e4hlen. Die ber\u00fchmte Middle Class, die das R\u00fcckgrat der amerikanischen Gesellschaft bildete, droht somit zur Minderheit zu werden.<\/p>\n<p>Zugleich verf\u00fcgt das wachsende Heer der arbeitenden Armen in den Vereinigten Staaten, die sich nun millionenfach auf der Stra\u00dfe wiederfinden, \u00fcber keine relevanten finanziellen Polster, die den derzeitigen Wirtschaftseinbruch auch nur kurzfristig abfedern k\u00f6nnten. Es geht somit direkt ans Eingemachte: auf die sp\u00e4tkapitalistische Arbeit, die arm macht, folgt das blanke Elend. Folglich d\u00fcrfte die Zahl derjenigen US-B\u00fcrger, die unter einem mangelhaften Zugang zu Nahrungsmitteln leiden (food insecurity), enorm in die H\u00f6he geschnellt sein &#8211; und einen weit gr\u00f6\u00dferen Bev\u00f6lkerungsanteil umfassen, als die 2018\u00a0<a href=\"https:\/\/www.ers.usda.gov\/data-products\/ag-and-food-statistics-charting-the-essentials\/food-security-and-nutrition-assistance\/\">offiziell angegebenen<\/a>\u00a011,1 Prozent.<\/p>\n<p>Zum Vergleich: nach dem Platzen der Immobilienblasen in den USA, w\u00e4hrend der Wirtschaftskrise 2008, die bei Weitem nicht so heftig ausfiel wie der gegenw\u00e4rtige Einbruch, konnten sich rund 15 Prozent der US-B\u00fcrger keine ausreichende Di\u00e4t erlauben. Erste\u00a0<a href=\"https:\/\/www.commondreams.org\/news\/2020\/05\/06\/new-alarming-research-shows-nearly-1-5-children-us-going-without-enough-food-amid\">Umfragen<\/a>\u00a0deuten auf einen dramatischen Anstieg der Unterern\u00e4hrung aufgrund der aktuellen Krise. Auch hier sind Kinder besonders stark gef\u00e4hrdet. Nahezu 18 Prozent der minderj\u00e4hrigen US-B\u00fcrger leiden unter Mangelern\u00e4hrung in der im Abstieg befindlichen Weltmacht, die in Rekordtempo\u00a0<a href=\"https:\/\/www.heise.de\/tp\/features\/US-Funktionseliten-auf-dem-Apokalypse-Trip-4700976.html\">zur Oligarchie<\/a>\u00a0nach ukrainischem oder russischem Muster verkommt.<\/p>\n<p>Der\u00a0<a href=\"https:\/\/www.businessinsider.com\/americans-wait-in-long-lines-at-food-banks-amid-coronavirus-2020-4\">Ansturm auf Lebensmittelbanken<\/a>\u00a0und Suppenk\u00fcchen, den die Vereinigten Staaten derzeit erleben, l\u00e4sst ebenfalls Erinnerungen an die Zeit der gro\u00dfen Depression in den 1930ern aufkommen. Der einzige augenf\u00e4llige Unterschied zur Systemkrise in der ersten H\u00e4lfte des 20. Jahrhunderts besteht in vielen US-Regionen ohne \u00f6ffentliche Transportmittel einfach darin, dass die Menschen stundenlang\u00a0<a href=\"https:\/\/www.motherjones.com\/food\/2020\/04\/these-photos-show-the-staggering-food-bank-lines-across-america\/\">in ihren Fahrzeugen<\/a>\u00a0warten m\u00fcssen, bis sie etwas zu essen bekommen. Mitunter sind es\u00a0<a href=\"https:\/\/www.businessinsider.com\/10000-families-showed-up-to-receive-free-food-in-texas-2020-4\">zehntausende Familien<\/a>, die \u00fcber ganze N\u00e4chte in ihren fossilen Verbrennungsmaschinen ausharren, bis die total \u00fcberforderten Lebensmittelbanken den\u00a0<a href=\"https:\/\/www.rawstory.com\/2020\/04\/hungry-jobless-americans-turning-to-food-banks-to-survive-pandemic\/\">hungrigen Menschen<\/a>\u00a0Lebensmittel ausgeben k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><strong>Der Westen als der neue Osten<\/strong><\/p>\n<p>Mitunter wird in etlichen Regionen\u00a0<a href=\"https:\/\/komonews.com\/news\/coronavirus\/washington-national-guard-distributing-food-to-state-food-banks\">die Nationalgarde eingesetzt<\/a>, um den Massenansturm bei der Lebensmittelverteilung irgendwie zu bew\u00e4ltigen. Die\u00a0<a href=\"https:\/\/twitter.com\/BenjaminPDixon\/status\/1251498157650915331\">kilometerlangen Schlangen<\/a>, die sich in vielem migrantischen Innenstadtbezirken bilden, um Lebensmittel oder Einkaufsgutscheine zu ergattern, lassen Erinnerungen aufkommen an die Bilder aus den letzten Jahren des\u00a0<a href=\"https:\/\/www.fakt.pl\/wydarzenia\/polska\/tak-wygladaly-kolejki-w-prl-kolejki-w-prl-zdjecia-kolejek-w-prl\/zpkcjgc#slajd-6\">real existierenden Sozialismus<\/a>, als kurz vor dessen Implosion die Versorgungsengp\u00e4sse immer drastischer zutage traten.<\/p>\n<p>Noch vor wenigen Wochen wurde im US-Wahlkampf das Gespenst der sozialistischen Misswirtschaft gegen den linken Pr\u00e4sidentschaftskandidaten Bernie Sanders in Anschlag gebracht &#8211; nun scheint der marode Kapitalismus seine eigene, antisozialistische\u00a0<a href=\"https:\/\/www.heise.de\/tp\/features\/Sanders-triumphiert-trotz-Angstkampagne-4666377.html\">Angstpropaganda<\/a>\u00a0noch zu \u00fcbertreffen. Der Unterschied zwischen den damaligen autorit\u00e4ren Modernisierungsregimes des maroden Staatskapitalismus im untergegangenen Ostblock und den abgewrackten westlichen Zentren des globalisierten Sp\u00e4tkapitalismus besteht aus der Sicht der Lohnabh\u00e4ngigen vor allem darin, dass man im &#8222;Osten&#8220; zwar jede Menge Geld hatte, aber kaum Waren zu ergattern waren, um dieses sinnvoll auszugeben, w\u00e4hrend im &#8222;Westen&#8220; die Schaufenster \u00fcberquellen, w\u00e4hrend zugleich ausgehungerte Menschen sich mit einem elendigen &#8222;Kartoffelstandard&#8220; begn\u00fcge, und in langen Schlangen auf Essen warten m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich stellt die Misswirtschaft der maroden, sp\u00e4tkapitalistischen \u00d6konomien in den Zentren des rasch erodierenden Weltsystems in Sachen Ressourcenverschwendung derzeit alles in den Schatten, was in der Sowjetunion und ihren Satellitenstaaten so \u00fcblich war. (Und dies ist \u00fcbrigens kein rein amerikanisches, sondern ein kapitalistisches Problem &#8211; die USA als die am weitesten entwickelte Gesellschaft des kapitalistischen Weltsystems gehen auch in der Krisenentfaltung einfach nur den restlichen Volkswirtschaften voran. Auch auf die EU, auch auf die Bundesrepublik, kommt eine schwere Wirtschaftskrise von\u00a0<a href=\"https:\/\/www.yahoo.com\/news\/eu-forecasts-recession-historic-proportions-090148106.html\">historischen Dimensionen<\/a>\u00a0zu, die kein Kurzarbeitergeld, keine Staatssubventionen \u00fcberbr\u00fccken k\u00f6nnen.)<\/p>\n<p><strong>Massenhafte Nahrungsvernichtung<\/strong><\/p>\n<p>Zeitgleich mit der Explosion des Hungers geht eine gigantische Lebensmittelvernichtung in den USA vonstatten, die in der \u00fcberreichen Krisengeschichte des Kapitalismus kaum Parallelen hat. W\u00e4hrend inzwischen 44 Prozent aller US-B\u00fcrger sich\u00a0<a href=\"https:\/\/www.marketplace.org\/2020\/05\/07\/44-of-americans-fear-they-wont-be-able-to-afford-food-poll-finds\/\">Sorgen um ihre Ern\u00e4hrungssicherheit<\/a>\u00a0machen, da sie kaum noch in der Lage sind, genug zu essen zu kaufen, werden derzeit ganze Ernten vernichtet, um die geheiligten Marktpreise zu stabilisieren.<\/p>\n<p>Die New York Times verschaffte ihren Lesern\u00a0<a href=\"https:\/\/www.nytimes.com\/2020\/04\/11\/business\/coronavirus-destroying-food.html\">einen \u00dcberblick \u00fcber diese effizient betriebene Vernichtung von Nahrung<\/a>, bei der Millionen Tonnen Lebensmittel zerst\u00f6rt werden &#8211; und die schlicht der kapitalistischen Marktlogik, den ber\u00fchmten &#8222;Sachzw\u00e4ngen&#8220; des Marktes in Krisenzeiten folgt.<\/p>\n<p>Landwirte in Ohio und Wisconsin pumpten demnach Millionen Liter Milch in Abw\u00e4sser, w\u00e4hrend in Idaho zehntausende Tonnen an Zwiebeln in Gr\u00e4ben gesch\u00fcttet w\u00fcrden. Im s\u00fcdlichen Florida w\u00fcrden ganze Felder mit Gem\u00fcse und H\u00fclsenfr\u00fcchten einfach umgepfl\u00fcgt, w\u00e4hrend in Kalifornien die Ernte auf vielen Feldern einfach verrottet. Ein einziger Gro\u00dfproduzent lie\u00dfe 750.000 Eier vernichten &#8211; jede Woche, berichtete die Times unter Verweis auf Nichtregierungsorganisationen, die allein bei Milch einem t\u00e4glichen Vernichtungsumsatz der pervertierten sp\u00e4tkapitalistischen &#8222;Agrarindustrie&#8220; von rund 14 Millionen Litern sch\u00e4tzten.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend Millionen Hunger leiden, hat im monstr\u00f6sen Fleischsektor der sp\u00e4tkapitalistischen Agrarindustrie inzwischen das\u00a0<a href=\"https:\/\/www.reuters.com\/article\/us-health-coronavirus-livestock-insight\/piglets-aborted-chickens-gassed-as-pandemic-slams-meat-sector-idUSKCN2292YS\">gro\u00dfe Abschlachten<\/a>\u00a0begonnen, wie die Nachrichtenagentur Reuters berichtete. H\u00e4hnchen werden vergast, Ferkel und S\u00e4ue werden massenhaft get\u00f6tet und &#8222;entsorgt&#8220; &#8211; indem sie in Gr\u00e4ben zum Verrotten gef\u00fcllt werden, um aus den Verwesungsprodukten sp\u00e4ter D\u00fcnger herzustellen. Es g\u00e4be allein in Iowa jede Woche &#8222;700.000 Schweine&#8220;, die nicht mehr &#8222;verarbeitet&#8220; werden k\u00f6nnten, und die man folglich &#8222;einer humanen Euthanasie&#8220; zuf\u00fchren m\u00fcsse, hie\u00df es in einem internen Schreiben des dortigen Gouverneurs. In Minnesota mussten 61.000 Legehennen mit Kohlendioxid vergast werden.<\/p>\n<p>Einige Farmer aus Wisconsin berichteten gegen\u00fcber Reuters sogar von anonymen Todesdrohungen, die sie nun aufgrund der massenhaften Vernichtung von Milch erhielten. Die erbosten Anrufer h\u00e4tten sie beschuldigt, Nahrung wegzuschmei\u00dfen, w\u00e4hrend &#8222;so viele Menschen hungrig&#8220; seien. Es sei ohnehin schwer, die Lebensmittel zu vernichten, klagten die Landwirte. Aber solche Anrufe w\u00fcrden sie regelrecht &#8222;krank&#8220; machen, da die Anrufer nicht w\u00fcssten, &#8222;wie Landwirtschaft funktioniert&#8220;.<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich zwingt die von Liberalen aller Couleur vielbeschworene &#8222;unsichtbare Hand&#8220; der kapitalistischen M\u00e4rkte die Farmer und Agrarbetriebe f\u00f6rmlich dazu, ihre Produkte zu vernichten. Es macht innerhalb der kapitalistischen Logik einfach \u00f6konomisch Sinn, Nahrung zu vernichten, auch wenn Menschen hungern und auf den alten, kapitalistischen &#8222;Kartoffelstandard&#8220; heruntergedr\u00fcckt werden.<\/p>\n<p><strong>Der h\u00f6here Unsinn der kapitalistischen Misswirtschaft<\/strong><\/p>\n<p>Sobald die Nachfrage f\u00fcr eine Ware vollst\u00e4ndig kollabiert, wird sie zu einem blo\u00dfen Kostenfaktor. Die vielbeachteten &#8222;negativen Preise&#8220; f\u00fcr Roh\u00f6l resultierten gerade aus dem Umstand, dass die \u00d6lf\u00f6rderer keine M\u00f6glichkeit mehr hatten, ihre fossilen Energietr\u00e4ger zu verkaufen, und die gegebenen Lagerkapazit\u00e4ten bereits \u00fcberf\u00fcllt sind. Vor der K\u00fcste S\u00fcdkaliforniens bilden sich etwa regelrechte\u00a0<a href=\"https:\/\/www.cbsnews.com\/news\/coronavirus-pandemic-oil-tankers-us-largest-port-california\/\">Schw\u00e4rme randvoller \u00d6ltanker<\/a>, die ihre Ware nirgends mehr absetzen oder auch nur lagern k\u00f6nnen. Und die Betriebskosten dieser Tanker sind einfach laufende Kosten f\u00fcr die Besitzer der Ware \u00d6l, die sich dann in negativen Preisen manifestieren. Lagerung, Weiterverarbeitung, Transport; dies alles kostet Geld auch bei Waren, die nicht mehr abgesetzt werden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Dasselbe heilige Marktgesetz gilt f\u00fcr Nahrungsmittel. Die Zucht von Nutztieren und die Lagerung von Nahrungsmitteln bilden schlicht Kostenfaktoren, die langfristig untragbar sind, sobald der Wert dieser Waren gegen null tendiert, weil sie nicht mehr abgesetzt werden k\u00f6nnen. Die Weiterverarbeitung von Agrarprodukten zu Lebensmitteln, ihr Transport zu Bed\u00fcrftigen oder Lebensmittelbanken &#8211; dies alles sind nur noch Mehrausgaben, die weitestgehend vermieden werden m\u00fcssen, um einen Betrieb in der Krise \u00fcber Wasser zu halten. Selbst die Vernichtung von Nutztieren oder Lebensmitteln samt ihrer Entsorgung bildet Kostenfaktoren.<\/p>\n<p>Der irrationale Kern der Marktwirtschaft besteht darin, dass alle Waren nur als Tr\u00e4ger von Wert von Belang sind. In jeder Ware als der &#8222;Elemantarform&#8220; kapitalistischen Reichtums findet sich dieser zentrale Widerspruch kapitalistischer Gesellschaften, bei dem der konkrete Gebrauchswert als Tr\u00e4ger von Wert fungiert. Das Schwein, die Henne, das Ei, die Milch sind f\u00fcr das Kapitel nur dahingehend von Interesse, weil sie zur seiner Verwertungsbewegung beitragen k\u00f6nnen, indem ihr Wert auf dem Markt durch profitablen Verkauf realisiert wird. Sobald dies nicht mehr m\u00f6glich ist, sobald Weizen, Kaffee, gefrorener Orangensaft und Schweineb\u00e4uche nicht mehr durch Verkauf die in ihnen vergegenst\u00e4ndlichte gesamtgesellschaftliche Arbeitszeit in Form von Wert realisieren k\u00f6nnten, sind sie f\u00fcr das Kapital nutzlos, ja gef\u00e4hrlich.<\/p>\n<p>Diese Waren m\u00fcssen gar vernichtet werden, um die Preise zu und M\u00e4rkte zu stabilisieren. Lieber zerst\u00f6ren, als umsonst an Hungerleider verteilen &#8211; dies ist das perverse, letztendlich auf blanke Zerst\u00f6rung hinauslaufende Gesetz der Marktwirtschaft in Krisenzeiten. Und dies funktioniert auch, wie Reuters meldete. W\u00e4hrend die Gro\u00dfhandelspreise f\u00fcr die Schweine, Eier und H\u00fchner, die massenhaft vernichtet werden, in den Keller fallen, melden Einzelh\u00e4ndler im selben Zeitraum kr\u00e4ftig steigende Einzelhandelspreise f\u00fcr Eier, H\u00e4hnchen, Schweinefleisch und Rind.<\/p>\n<p>So &#8222;funktionieren&#8220; alle M\u00e4rkte unterm Kapital &#8211; und nicht nur eine kapitalistische Agrarwirtschaft, die Berge von Lebensmitteln vernichtet, w\u00e4hrend sich kilometerlange Schlange vor Lebensmittelbanken sich bilden. Das alles hat somit in seiner perversen Normalit\u00e4t seinen h\u00f6heren, kapitalistischen Unsinn, gegen den auch wohlmeinende Farmer nicht ankommen. Es sind die ber\u00fchmten Sachzw\u00e4nge des Marktes, die die Produzenten auch mit schlechtem Gewissen f\u00f6rmlich zwingen, mitten in einer Hungerkrise, mitten im voll einsetzenden Klimawandel, Nahrung massenhaft zu vernichten.<\/p>\n<p>Alles ist im Kapitalismus nur als Ware, als Tr\u00e4ger von Wert von Belang. Sobald es keinen Wert hat, kann es entsorgt werden. Ob nun Schweine, H\u00fchner &#8211; oder Menschen als Tr\u00e4ger der nun \u00fcberfl\u00fcssig werdenden Ware Arbeitskraft, die millionenfach hungrig auf die Stra\u00dfe geworfen werden. Es m\u00f6gen Millionen Menschen verhungern, aber es will sich dabei schlicht keine zahlungskr\u00e4ftige Marktnachfrage einstellen. Alles geht hier seinen gewohnten, kapitalistischen Gang.<\/p>\n<p>Ob nun massenhafter Hunger oder kollabierende \u00d6kosysteme: Die blinde Verwertungsdynamik des Kapitals, die Gesellschaft und Natur vernichtet, kennt nur ihren destruktiven Selbstzweck m\u00f6glichst hoher Selbstverwertung &#8211; sie ist gegen\u00fcber den \u00f6kologischen und sozialen Folgen ihres Tuns gegen\u00fcber blind. Deswegen macht es f\u00fcr das Kapital beispielsweise auch keinen \u00f6konomischen Sinn, mitten in der voll einsetzenden Klimakrise substanzielle Lagerkapazit\u00e4ten aufzubauen, um in Zeiten zunehmender Missernten die Lebensmittel f\u00fcr kommende schlechte Zeiten zu lagern, anstatt sie zu vernichten. Dies sind einfach Kosten, die auf die Renditen dr\u00fccken.<\/p>\n<p>Aus diesem allt\u00e4glichen Irrsinn l\u00e4sst sich eigentlich nur noch eine vern\u00fcnftige Schlussfolgerung ziehen: Die Menschheit kann sich angesichts der eskalierenden sozio\u00f6kologischen Krise den Kapitalismus nun wirklich nicht mehr leisten.<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/www.heise.de\/tp\/features\/Marode-kapitalistische-Misswirtschaft-4717812.html\"><em>Telepolis&#8230;<\/em><\/a><em> vom 11. Mai 2020<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Tomasz Konicz. Rasant zunehmender Hunger und massenhafte Lebensmittelvernichtung &#8211; in der gegenw\u00e4rtigen Krise tritt die m\u00f6rderische Irrationalit\u00e4t der kapitalistischen Produktionsweise offen zutage. \u00abDa ist er wieder, der unvermeidliche Kartoffelstandard<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[2,7],"tags":[39,55,22,46],"class_list":["post-7790","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-debatte","category-international","tag-deutschland","tag-oekologie","tag-politische-oekonomie","tag-usa"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/7790","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=7790"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/7790\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":7792,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/7790\/revisions\/7792"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=7790"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=7790"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=7790"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}