{"id":7825,"date":"2020-05-16T10:55:16","date_gmt":"2020-05-16T08:55:16","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=7825"},"modified":"2020-05-16T10:55:17","modified_gmt":"2020-05-16T08:55:17","slug":"warum-sind-in-italien-in-der-corona-krise-so-viele-menschen-gestorben","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=7825","title":{"rendered":"Warum sind in Italien in der Corona-Krise so viele Menschen gestorben?"},"content":{"rendered":"<p>In Italien stellte man erst am 21. Februar im Krankenhaus von Codogno die erste Infektion an einem italienischen Staatsb\u00fcrger fest \u2013 aber schon Ende des Monats war das Land zum Zentrum der weltweiten Pandemie geworden. Am 7. M\u00e4rz gab es bereits<!--more--> 5000 positiv Getestete und 233 Tote.<\/p>\n<p>Am 9. M\u00e4rz wurden Kneipen, Fitness-Studios usw. geschlossen und der Einkauf in Superm\u00e4rkten geregelt; zudem verh\u00e4ngte die Regierung \u00fcber die ganze Lombardei, f\u00fcnf Provinzen im Piemont und der Emilia, drei in Venetien und \u00fcber einen Teil der Marken eine Ausgangssperre (\u00bborangefarbene Zone\u00ab) \u2013 aber die Produktion lief weiter. Die Woche zwischen dem 27. M\u00e4rz und dem 3. April war dann die schlimmste: am 27. M\u00e4rz starben 919 Menschen an einem einzigen Tag, am 3. April waren 4000 Menschen wegen Corona auf der Intensivstation. Im Vergleich dazu hatte es bis zum 27. M\u00e4rz in der BRD\u00a0<em>insgesamt<\/em>\u00a0274 Tote gegeben.<\/p>\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"977\" height=\"303\" src=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/CoIt.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-7826\" srcset=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/CoIt.png 977w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/CoIt-300x93.png 300w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/CoIt-768x238.png 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 977px) 100vw, 977px\" \/><figcaption>Kumulierte Covid-19 Todesf\u00e4lle in Italien. Quelle <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/COVID-19-Pandemie_in_Italien\">wikipedia.org&#8230;<\/a> <\/figcaption><\/figure>\n<p>Wir wollten wissen, wie sich diese sehr unterschiedlichen Entwicklungen erkl\u00e4ren und begannen in dieser Woche eine \u00bbbi-nationale Untersuchung\u00ab; die ersten Ergebnisse haben wir am 7. April auf einer italienischen Mailingliste verschickt. Niemand von uns ist Seuchenexperte, und so haben wir uns anfangs mit allem besch\u00e4ftigt, was wir finden konnten: der Altersstruktur, dem Problem der multiresistenten Keime, den intensiveren Kontakten zwischen den Generationen, der Luftverschmutzung\u2026 ganz offensichtlich alles Probleme, die reinspielen \u2013 doch dann sind wir auf die kriminellen Machenschaften zwischen Unternehmern und Politikern gesto\u00dfen und darauf, dass dieselben Fabrikanten, die auf Teufel komm raus ihre Produktion aufrechterhalten haben, auch Privatkliniken und Altersheime betreiben\u2026<\/p>\n<p><strong>Vorweg zu den Zahlen<\/strong><\/p>\n<p>Selten war die Mathematik so deutlich als Meinungswissenschaft im Dienst der Herrschenden zu erkennen wie in den letzten Wochen. Wir m\u00fcssen s\u00e4mtliche Zahlen hinterfragen. Nicht einmal die Zahl der Toten ist ein \u00bbFakt\u00ab, denn in Italien wird anders gez\u00e4hlt als in der BRD, und sogar die Todeszahlen der Krankenh\u00e4user in M\u00fcnchen und Hamburg unterscheiden sich von den Zahlen, die sie dem Robert-Koch-Institut (RKI) melden.<\/p>\n<p>Die Gesundheitsstiftung Gimbe aus Bologna kam in einer Untersuchung zum Schluss, dass die Zahl der\u00a0<em>Infizierten<\/em>\u00a0etwa das Dreifache der offiziellen Zahlen ausmacht; schon deswegen, weil in Italien zu Beginn l\u00e4cherlich wenige Tests gemacht wurden. Der Datenanalytiker Matteo Villa hat ausgerechnet, dass in Italien zwischen 1,6 und 1,8 Millionen Menschen infiziert sind, in der Lombardei etwa acht Prozent der Bev\u00f6lkerung. Die Berufsgenossenschaft der \u00c4rzte von Bergamo geht f\u00fcr ihre Provinz von \u00e4hnlichen Zahlen aus. Die italienische Statistikbeh\u00f6rde ISTAT hat die Todeszahlen in den ersten M\u00e4rzwochen 2020 mit denen der vorhergehenden Jahre verglichen und kam auf 4000 zus\u00e4tzliche Tote in Bergamo \u2013 w\u00e4hrend die offiziellen Zahlen f\u00fcr diese Wochen von 2000 Corona-Toten sprechen. Laut einer Untersuchung der Zeitung\u00a0<em>Eco di Bergamo<\/em>\u00a0k\u00f6nnten in diesem Zeitraum in Bergamo bis zu 4600 Menschen an Corona gestorben sein. Die reale Todeszahl wird wohl zwei- bis dreimal so hoch wie die aktuell angegebenen offiziellen Zahlen sein \u2013 genau wissen werden wir das aber erst in ein paar Monaten.<\/p>\n<p>Aber trotz dieser Schwierigkeiten mit den Zahlen: es gibt jedenfalls gro\u00dfe Unterschiede in der\u00a0<em>Letalit\u00e4t<\/em>\u00a0(Todesrate der Infizierten) zwischen Italien und der BRD. Italien 13,30 Prozent (181288 Infizierte und 24114 Tote), Spanien 10,41 Prozent, BRD 3,18 Prozent (die Zahlen sind jeweils vom 20. April). Wenn wir einzelne\u00a0<em>Regionen<\/em>\u00a0in Italien angucken, \u00e4ndert sich das Bild: Lombardei 18,48 Prozent, Emilia Romagna 11,28 Prozent, Piemont 10 Prozent, Venetien 6,89 Prozent. Das m\u00fcssen wir im Kopf behalten, wenn wir von \u00bbItalien\u00ab reden.<\/p>\n<p>Von den offiziellen Zahlen her ist die Anzahl der positiv Getesteten in Italien nicht au\u00dfergew\u00f6hnlich hoch. Pro 100 000 EinwohnerInnen hatten wir am 5. April 270 positiv Getestete in Spanien, 240 in der Schweiz, 206 in Italien und 116 in der BRD. Und im Vergleich zu Spanien liegt auch die Zahl der Toten in Italien\u00a0<em>relativ<\/em>\u00a0sogar etwas niedriger. Aber im Vergleich zur BRD ist die Zahl der Toten derma\u00dfen viel h\u00f6her, dass sich das nicht mit anderen Z\u00e4hlweisen erkl\u00e4ren l\u00e4sst.<\/p>\n<p><strong>Multiresistente Keime<\/strong><\/p>\n<p>Italien hat die h\u00f6chste Todesrate durch multiresistente Keime in Europa, gesch\u00e4tzt sterben daran j\u00e4hrlich 10 000 Menschen in Italien von insgesamt 33 000 in ganz Europa.<\/p>\n<p>Das liegt zum Teil an Hygieneproblemen in medizinischen Einrichtungen, h\u00e4ngt aber auch stark mit einem \u00fcberm\u00e4\u00dfigen Gebrauch von Breitband-Antibiotika zusammen. Wenn du einerseits auf Arbeit starken Druck hast, keinen Krankenschein zu machen, andererseits wenig Zugang zu einem Hausarzt und drittens in der Apotheke sehr leicht Antibiotika kriegen kannst, dann pfeifst du halt so was ein. Und wenn es gewirkt hat, dann nimmst du eventuell den Rest der Packung, wenn du mal wieder so eine \u00e4hnliche Krankheit hast\u2026 Und nicht zu vergessen: in den am schlimmsten betroffenen Gegenden Norditaliens gibt es gewaltige industrielle Viehzucht (Schweine und Rinder), in der ebenfalls exzessiv Antibiotika eingesetzt werden!<\/p>\n<p>In Italien existieren deutlich mehr Antibiotikaresistenzen. Im Zusammenhang mit COVID-19 (was eine Virus-Erkrankung ist) kann dies sehr gef\u00e4hrlich werden, weil sich oft \u00fcber die virale Erkrankung eine bakterielle Infektion legt \u2013 und diese Infektionen auf Grund der hohen Resistenzen der Bakterien in Italien schwer behandelbar sind.<\/p>\n<p><strong>Das Virus war in Norditalien zu lange unerkannt unterwegs<\/strong><\/p>\n<p>Wir haben keine Belege gefunden, halten es aber f\u00fcr sehr wahrscheinlich, dass das Virus bereits im Dezember in Italien unterwegs war. Der erste\u00a0<em>bekannte<\/em>\u00a0Patient wurde am 17. November in Wuhan festgestellt. Italien hat sehr intensive Verbindungen mit China. Nach Nationalit\u00e4ten aufgeschl\u00fcsselt sind ChinesInnen die drittst\u00e4rkste Immigrantengruppe in Venetien, Zehntausende ItalienerInnen arbeiten in China. Es gibt einen gro\u00dfen Touristenstrom aus China nach Norditalien (Venedig und Mailand), aber auch sehr viele italienische Tourist-Innen in China. Es w\u00e4re sehr unwahrscheinlich, sollte sich das Virus nicht in diesen Str\u00f6men \u2013 z.B. durch Infizierte ohne Symptome \u2013 bereits sehr viel fr\u00fcher als dem 21. Februar verbreitet haben. Als Italien die Direktfl\u00fcge nach und von China einstellte, war es jedenfalls zu sp\u00e4t (noch dazu wurde dieses Verbot massenhaft umgangen!).<\/p>\n<p>Haus\u00e4rzte in der Gegend von Bergamo berichten jedenfalls, dass sie Ende Dezember viele F\u00e4lle einer anormalen Lungenentz\u00fcndung behandelt haben von Leuten um die 40. Andere sagen, wenn das Corona-F\u00e4lle gewesen w\u00e4ren, h\u00e4tte man bereits im Januar mehr F\u00e4lle finden m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Eine Rolle bei der Ausbreitung des Virus soll auch die Champions-League-Partie zwischen\u00a0<em>Atalanta Bergamo<\/em>\u00a0und\u00a0<em>Valencia<\/em>\u00a0am 19. Februar gespielt haben. Sie wurde im\u00a0<em>San-Siro-Stadion<\/em>\u00a0in Mailand ausgetragen, 44 000 Fans aus Bergamo und Valencia feierten zusammen. Danach wurde ein Drittel der Mannschaft von Valencia und ihr Umfeld positiv getestet. Ein Sportjournalist, der vom Spiel berichtet hatte, war in Spanien \u00bbPatient Null\u00ab. Im Nachhinein haben \u00c4rzte das Match eine \u00bbbiologische Bombe\u00ab genannt, in Italien spricht man vom \u00bbSpiel Null\u00ab \u2013 aber es erkl\u00e4rt h\u00f6chstens einen kleinen Teil dessen, was in Italien passiert ist.<\/p>\n<p><strong>Die dezentrale Fabrik<\/strong><\/p>\n<p>Mehr als die H\u00e4lfte aller Besch\u00e4ftigten in Norditalien pendelt t\u00e4glich zwischen zw\u00f6lf und 40 Kilometer. Und da sie das alle zur gleichen Zeit tun m\u00fcssen, sind anderthalb bis zwei Stunden t\u00e4glicher Arbeitsweg die Regel. Seit den 1970er Jahren hat sich die Pendlerei mit der Dezentralisierung der Produktion und den immer weiter in der Landschaft verstreuten Wohngebieten stark ausgeweitet. Sowohl ArbeiterInnen wie Angestellte haben einen immer weiteren Weg zur Arbeit.<\/p>\n<p>Der ma\u00dflose Bodenverbrauch hat zu einer beklemmend gro\u00dffl\u00e4chigen Versiegelung vor allem in Venetien und der Lombardei gef\u00fchrt. Dazu kommt ein ungeheurer Anteil von Privat-PKWs; mit \u00f6ffentlichen Verkehrsmitteln kommt man nur ins Zentrum der Provinzhauptstadt, wo die Verwaltungsgeb\u00e4ude und die Gymnasien sind \u2013 alles andere wird mit dem eigenen Kraftfahrzeug erledigt. Man f\u00e4hrt mit dem Auto zur Arbeit, isst zu Mittag in \u00fcberf\u00fcllten Lokalen, kauft auf dem Weg Essen ein, bringt die Kinder zur Schule, holt sie dort wieder ab, Vesperpause nach der Arbeit, vermischt mit Gesch\u00e4ftst\u00e4tigkeiten der Selbst\u00e4ndigen und Handwerker\u2026 all das hat sicherlich zur Verbreitung des Virus beigetragen. Bars und Restaurants wurden erst am 12. M\u00e4rz geschlossen. Aber auch nach Verh\u00e4ngung der\u00a0<em>Ausgangssperre<\/em>\u00a0reduzierte sich der Verkehr kaum. Als in der BRD Kontaktsperren verh\u00e4ngt und die Leute in Kurzarbeit geschickt wurden, ging der Verkehr deutlich zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Die Produktionsstruktur, die sich auf kleine und mittlere Betriebe gr\u00fcndet, die sogenannte\u00a0<em>fabbrica diffusa<\/em>, hat am meisten zur Befeuerung der Epidemie beigetragen. Das l\u00e4sst sich auch daran sehen, dass im S\u00fcden nur die Marken betroffen sind \u2013 eben auch eine Region mit sehr vielen kleinen Betrieben. Genauso gilt das f\u00fcr die hohe Zahl an Infizierten in den Provinzen Rimini (grenzt an die Emilia Romagna) und Pesaro-Urbino (grenzt an die Marken) entlang der Adria.<\/p>\n<p>Hiermit h\u00e4ngt eine andere Hypothese zusammen, die sich auf eine Untersuchung des LKW-Verkehrs st\u00fctzt. Von der s\u00fcdlichen Lombardei aus, direkt neben Emilia und dem Piemont, werden Waren in alle Richtungen transportiert. In Provinzen wie Piacenza, Cremona, Lodi und Pavia gibt es viele Transport-Hubs, darunter auch die Lager von\u00a0<em>Amazon<\/em>, und eine sehr hohe Anzahl Infizierter. Die Merkmale des italienischen Logistiksektors (viel Handarbeit, ein hoher Anteil von Immigranten, darunter viele Illegale) lassen es pausibel erscheinen, dass entlang der LKW-Routen auch eine \u00dcbertragung von Mensch zu Mensch erfolgt ist.<\/p>\n<p><strong>Luftverschmutzung<\/strong><\/p>\n<p>Mit der Produktionsstruktur eng verkn\u00fcpft ist die Luftverschmutzung. Auch die chinesischen St\u00e4dte, wo das Virus offensichtlich herkam, sind f\u00fcr ihre hohe Luftverschmutzung bekannt, und man wei\u00df um den Zusammenhang zu Erk\u00e4ltungskrankheiten \u2013 so spricht man zum Beispiel vom \u00bbPekinghusten\u00ab. Die Po-Ebene wird diesbez\u00fcglich oft mit China verglichen, denn nirgendwo in Europa gibt es so viele Tote aufgrund der Luftverschmutzung wie hier. Die Po-Ebene hat mit die h\u00f6chsten Stickstoffkonzentrationen in ganz Europa, Stickstoffdioxid sch\u00e4digt die Atemwege und folglich auch das Herz-Kreislauf-System. Die Situation in Venetien ist schlimmer als in Paris oder London! Und sie war vor 15 Jahren noch sehr viel schlimmer \u2013 die Folgen davon sehen wir jetzt.<\/p>\n<p>Wenn wir zwei Karten \u00fcbereinanderlegen, wo in die eine die Orte eingetragen sind, wo in der Po-Ebene zwischen dem 10. und dem 29. Februar die gesetzlichen Grenzwerte von Feinstaub \u00fcberschritten wurden, und in die zweite Karte die bis zum 3. M\u00e4rz registrierten Infizierten \u2013 so haben wir zwei praktisch identische Karten. Das l\u00e4sst sich noch nicht vollst\u00e4ndig erkl\u00e4ren, h\u00e4ngt aber h\u00f6chstwahrscheinlich damit zusammen, dass Feinstaub das Virus transportieren kann.<\/p>\n<p>Zur Luftverschmutzung in der Po-Ebene kommt die Verschmutzung von B\u00f6den und Gew\u00e4ssern hinzu (industrielle Produktion von Schweinen und Rindern besonders in der Lombardei und der Emilia!). All das beeintr\u00e4chtigt die Gesundheit der BewohnerInnen, vor allem ihre Atemwege. Schon vor Jahrzehnten sprach man mit schwarzem Humor davon, dass in der Po-Ebene die menschliche Lunge daf\u00fcr da ist, die Luft zu reinigen.<\/p>\n<p><strong>Die italienische Familie<\/strong><\/p>\n<p>In den letzten Jahrzehnten hat die Familie in Italien nach und nach wieder Funktionen des Sozialstaats \u00fcbernommen. Eine sehr hohe Jugendarbeitslosigkeit und starke Einschnitte bei den Sozialleistungen (w\u00e4hrend die Alten immer noch relativ hohe Renten haben) hat zum Wiederaufleben der Mehrgenerationenfamilie gef\u00fchrt. Immer \u00f6fter sind die Gro\u00dfeltern f\u00fcr die Zubereitung des Essens zust\u00e4ndig oder sie m\u00fcssen sich um die Enkel k\u00fcmmern, w\u00e4hrend die Eltern arbeiten \u2013 oder krank sind. Diese weitverbreitete Situation wurde durch die Ausgangssperre j\u00e4h unterbrochen \u2013 die aber zu sp\u00e4t kam, um die Ansteckung der \u00c4lteren zu verhindern.<\/p>\n<p><strong>Alter und \u00bbVorerkrankungen\u00ab<\/strong><\/p>\n<p>Das Durchschnittsalter der Bev\u00f6lkerung ist in Italien und der BRD etwa gleich; es sind die europ\u00e4ischen L\u00e4nder mit dem h\u00f6chsten Anteil von Menschen \u00fcber 65. Warum waren dann im M\u00e4rz die positiv Getesteten in Italien im Durchschnitt 18 Jahre \u00e4lter als die in Deutschland (63 Jahre im Vergleich zu 48)? Hier spielen wohl die vielen Ski-Urlauber eine Rolle, die sich in Ischgl angesteckt haben. Aber sie waren relativ jung und fit \u2013 und haben sich relativ schnell von der Krankheit erholt; in Italien h\u00e4tten sie ihre Eltern angesteckt! In beiden L\u00e4ndern sterben jedenfalls die \u00fcber 80j\u00e4hrigen \u00fcberproportional h\u00e4ufig an COVID-19.<\/p>\n<p>Oft wird gesagt, 99 Prozent der Toten hatten Vorerkrankungen. Aber \u00bbeine Person mit Vorerkrankungen\u00ab ist oft nur ein anderer Ausdruck f\u00fcr \u00bb\u00e4lterer Arbeiter \/ Proletarier\u00ab. Nur eine Zahl: ein Mann mittleren Alters \u00bbmit geringer Qualifikation\u00ab hat ein achtmal h\u00f6heres Risiko, aufgrund einer Herz-Kreislauf-Erkrankung in Fr\u00fchrente zu gehen, als ein Mann desselben Alters \u00bbmit hoher beruflicher Qualifikation\u00ab. Das Virus schl\u00e4gt sehr selektiv zu, was man auch in den USA sieht, wo Schwarze eine siebenmal h\u00f6here Wahrscheinlichkeit haben, an COVID-19 zu sterben als Wei\u00dfe. Auch hier ist es eine Kombination aus sozialer Ungleichheit (sprich \u00bbVorerkrankungen\u00ab aufgrund von Armut, gesundheitssch\u00e4dlicher Arbeit, fehlender Krankenversicherung) und dann noch dem Zwang, auch krank weiterhin arbeiten zu gehen! Das gleiche in Gro\u00dfbritannien, wo nicht-wei\u00dfe Immigranten viel st\u00e4rker von dem Virus betroffen sind. (Siehe auch den Brief aus China: f\u00fcr die Reichen hie\u00df \u00bbCorona\u00ab, dass sie freie Stra\u00dfen hatten, wo sie mit ihren SUVs mal endlich richtig brettern konnten!<a href=\"http:\/\/www.wildcat-www.de\/wildcat\/105\/w105_italien.html#fn1\"><sup>1<\/sup><\/a>\u00a0Oder Frankreich, wo die Reichen in ihre Chalets auf dem Land gegangen sind, w\u00e4hrend die Leute in den Banlieues zusammengepfercht werden.)<\/p>\n<p>Laut ISTAT nehmen j\u00e4hrlich etwa vier Millionen ItalienerInnen aus finanziellen Gr\u00fcnden keine Vorsorgeuntersuchung oder \u00e4rztliche Behandlung in Anspruch. Somit wird es viele nicht erkannte \u00bbVorerkrankungen\u00ab geben.<\/p>\n<p><strong>Demontage des Gesundheitswesens<\/strong><\/p>\n<p>In den 90er Jahren begann im Zusammenhang mit den Maastricht-Kriterien die Deregulierung und Privatisierung des italienischen Gesundheitssystems. Ende der 90er leitete die \u00bbMitte-Links\u00ab-Regierung von Romano Prodi zudem die Regionalisierung ein. Durch Privatisierung und Regionalisierung entscheidet dein Einkommen und die regionale Wirtschaftskraft \u00fcber den Zugang zum Gesundheitswesen. Das der Lombardei gilt deswegen als eines der besten \u2013 hier wurde aber auch die Privatisierung am weitesten vorangetrieben. Die H\u00e4lfte aller Krankenhausbetten steht in Privatkliniken; und diese haben sich auf elektive Operationen und Reha konzentriert und sind nicht f\u00fcr Notf\u00e4lle ger\u00fcstet.<\/p>\n<p>Die Gesundheitsausgaben in der BRD machten in den letzten Jahren etwa elf Prozent vom Bruttoinlandsprodukt aus, in Italien etwa neun Prozent.<a href=\"http:\/\/www.wildcat-www.de\/wildcat\/105\/w105_italien.html#fn2\"><sup>2<\/sup><\/a>\u00a0Das Problem ist aber, dass das italienische BIP nicht mehr gewachsen ist!<\/p>\n<p>2019 hatte Italien ein Gesundheitsbudget von 118 Milliarden Euro, acht mehr als 2009. Diese Gelder werden einigerma\u00dfen gleich zwischen den 20 Regionen verteilt. (Kalabrien erh\u00e4lt 3,3 Milliarden, Sizilien 9,3 Milliarden Euro j\u00e4hrlich.) Aber die reale Situation vor Ort ist keineswegs gleich! Es kommt darauf an, was man mit den Geldern macht. Angesichts der Inflation (im Gesundheitswesen) sind acht Milliarden Zuwachs nicht viel, und das meiste Geld ging in neue Gro\u00dfkrankenh\u00e4user, oft mit\u00a0<em>Public Private Partnership<\/em>\u00a0finanziert, und an die privaten Kliniken. Viele kleine Krankenh\u00e4user wurden zugemacht, die Personalkosten sind seit der Krise 2008 nicht mehr gestiegen, seit zehn Jahren gab es einen Einstellungsstopp (das Durchschnittsalter des Pflegepersonals ist mit \u00fcber 50 Jahren entsprechend hoch), die Ausgaben f\u00fcr Pharmaka wurden in dem Zeitraum sogar um ein Drittel gesenkt.<\/p>\n<p>All das ist einigerma\u00dfen bekannt. W\u00e4hrend aber alle auf die gro\u00dfe Differenz zwischen den Intensivbetten starrten (5100 in Italien, 28 000 in der BRD), ging eine andere Tatsache beinahe unter: Das Gesundheitswesen in der Fl\u00e4che wurde demontiert. In der Lombardei werden seit Jahren die Haus\u00e4rzte systematisch abgebaut und haben seit f\u00fcnf Jahren praktisch keine medizinische Funktion mehr (sie stellen lediglich Rezepte aus oder \u00fcberweisen dich zum Facharzt oder ins Krankenhaus). Die Lombardei hat am st\u00e4rksten in diese Richtung gepusht. Es gibt den ber\u00fchmten Satz, den Giancarlo Giorgetti, ein enger Vertrauter von Salvini, im August 2019 w\u00e4hrend einer Pressekonferenz sagte: \u00bbIn den n\u00e4chsten Jahren werden wir weitere 45 000 Haus\u00e4rzte abschaffen \u2013 aber wer geht denn noch zum Hausarzt?\u00ab Giorgetti war damals Staatssekret\u00e4r in der Regierung Conte-Salvini.<\/p>\n<p>Vor diesem Hintergrund hat die Epidemie zwischen Ende Februar und Anfang M\u00e4rz die Krankenh\u00e4user in der Lombardei regelrecht \u00fcberrollt. In den Provinzen Bergamo und Brescia hat sie sich explosionsartig entwickelt, weil der Flughafen\u00a0<em>Orio al Serio<\/em>\u00a0dort liegt und weil auf Druck der Unternehmer keine Quarant\u00e4ne verh\u00e4ngt wurde. Darauf werden wir gleich n\u00e4her eingehen. Zun\u00e4chst m\u00fcssen aber noch einige andere Punkte erw\u00e4hnt werden.<\/p>\n<p><strong>Die Notaufnahmen<\/strong><\/p>\n<p>Aufgrund der wenigen Haus\u00e4rzte m\u00fcssen viele Leute bei Beschwerden direkt in die Notaufnahmen der Krankenh\u00e4user gehen, wo sich bis zu 100 Personen (Kranke und Angeh\u00f6rige) stundenlang in einem Raum dr\u00e4ngen und warten, bis sie drankommen. In einigen Gegenden ist die Alternative, in eine Praxisgemeinschaft zu gehen, wo sich mehrere \u00c4rzte Arzthelferinnen und Wartezimmer teilen, in denen sich auch Menschenmassen dr\u00e4ngen. Hier finden wir im \u00dcbrigen eine erste Erkl\u00e4rung f\u00fcr die unterschiedlichen Zahlen in den Regionen der Po-Ebene (Venetien 6, Piemont 10, Lombardei 18,48 Prozent Letalit\u00e4t): die Region, die am systematischsten das Hausarzt-System abgeschafft hat, ist die Lombardei!<\/p>\n<p><strong>Massaker unter dem Gesundheitspersonal<\/strong><\/p>\n<p>In Italien wurden zu Beginn sehr wenige Tests durchgef\u00fchrt, dazu fehlten Testkits und Strukturen in der Fl\u00e4che. Alle Patienten wurden entweder ins Krankenhaus geschickt \u2013 oder zuhause zum Sterben isoliert. Somit waren die Krankenh\u00e4user sehr schnell am Anschlag und ihnen fehlte in einem erschreckenden Ausma\u00df Schutzausr\u00fcstung. Bis heute m\u00fcssen die Leute dort oft ohne ausreichenden Schutz arbeiten, denn zum Mangel kommt eine unglaublich komplizierte zentralisierte B\u00fcrokratie, die f\u00fcr die Versorgung der Krankenh\u00e4user zust\u00e4ndig ist. Und nat\u00fcrlich machen sich hier auch die K\u00fcrzungen der letzten Jahre bemerkbar. Die Besch\u00e4ftigten in den Krankenh\u00e4usern und mehr noch in den Altersheimen werden auf die Schlachtbank geschickt: wenig Schutzausr\u00fcstung und teilweise Zw\u00f6lfstundenschichten; denn sie m\u00fcssen ja auch noch ihre erkrankten oder in Quarant\u00e4ne befindlichen KollegInnen ersetzen, die nur teilweise durch au\u00dferordentliche Neueinstellungen ausgeglichen wurden \u2013 und auch das erst, nachdem sich die Seuche einen Monat lang ausbreiten konnte.<\/p>\n<p>Somit werden gerade die Krankenhausbesch\u00e4ftigten, die Haus\u00e4rzte, die AltenpflegerInnen und die Rettungswagenfahrer am meisten von der Seuche angesteckt. Sie machen zehn Prozent aller Infizierten (d. h. positiv Getesteten) aus, das hei\u00dft mehr als 17 000 Personen. Bis jetzt sind bereits 130 \u00c4rzte, 30 Schwestern und Dutzende von Rettungswagenfahrern an der Krankheit gestorben (Daten vom 20. April). In der BRD machen die Besch\u00e4ftigten im Gesundheitswesen f\u00fcnf Prozent aller Infizierten aus. In Italien wurde das Krankenhauspersonal selbst zur schlimmsten Ansteckungsquelle. Zwei Krankenschwestern haben sich offensichtlich deshalb umgebracht.<\/p>\n<p>Es wurde viel \u00fcber den Mangel an Intensivbetten berichtet (die inzwischen auf etwa 8000 aufgestockt wurden). Aber in Italien wurden 14 Prozent der positiv Getesteten in die Intensivstation gebracht! In den \u00fcberf\u00fcllten Krankenh\u00e4usern von Bergamo (wie in New York und Rosenheim) \u00fcberlebte nur die H\u00e4lfte der Patienten l\u00e4nger als f\u00fcnf Tage die invasive Beatmung.<\/p>\n<p>Hat nicht vielleicht der strategische Mangel an Intensivbetten auch als Alibi f\u00fcr alle gedient, als Beweis daf\u00fcr, das Unm\u00f6gliche versucht zu haben, \u00bbmehr konnten wir nicht tun\u00ab? Viele Menschen sind unter k\u00fcnstlicher Beatmung gestorben; nun beginnt man zu verstehen, dass viele keine Lungenentz\u00fcndung hatten, sondern andere Probleme mit der Lunge plus Gef\u00e4\u00dfentz\u00fcndungen; in diesem Fall bringt die zwangsweise Sauerstoffzufuhr gar nichts. War die Intubation manchmal auch ein Versuch der Besch\u00e4ftigten, sich selbst zu sch\u00fctzen?<\/p>\n<p><strong>Eine Seuche bek\u00e4mpft man nicht im Krankenhaus, sondern im Territorium.<\/strong><\/p>\n<p>Gegen die Seuche muss man in der Fl\u00e4che k\u00e4mpfen. Dazu geh\u00f6rt vor allem das verantwortliche Verhalten der Leute und strikte Hygienema\u00dfnahmen. Zweitens muss man durch systematische Tests die Infizierten ohne Symptome suchen (sie machen etwa 50 Prozent aller F\u00e4lle aus).<a href=\"http:\/\/www.wildcat-www.de\/wildcat\/105\/w105_italien.html#fn3\"><sup>3<\/sup><\/a>\u00a0Auch die Kontaktpersonen von Infizierten m\u00fcssen getestet werden. Allen Infizierten muss man helfen. In Padua wurde zum Beispiel eine Art Telefonzentrale mit 20 Leuten besetzt, die jede zuhause isolierte Person zweimal am Tag anrufen und Hilfe anbieten. Das ist grundlegend, um die Kliniken zu entlasten.<\/p>\n<p>Bis zum 23. April wurden in Italien 1,58 Millionen Tests durchgef\u00fchrt und eine Million Menschen getestet (zuletzt t\u00e4glich mehr als 66\u00a0000). In der BRD wurden bisher etwa doppelt so viele Menschen getestet (die Zahl der Tests werden hier nicht zentral erfasst). Tests sind sehr wichtig \u2013 vor allem auch, um das Personal in den Krankenh\u00e4usern zu sch\u00fctzen, die sich sonst an den symptomlosen Patienten anstecken, die wegen anderer Probleme ins Krankenhaus kommen. Aber bei der Fehleranf\u00e4lligkeit der Tests sind sie wohl \u00e4hnlich wie die Intensivbetten letztlich nur die Hoffnung auf eine technologische L\u00f6sung der Epidemie. In Wirklichkeit sind Kapazit\u00e4ten und die \u00bbtiefe Staffelung im Territorium\u00ab entscheidend. Eine zentrale Rolle spielen die Haus\u00e4rzte; sie m\u00fcssen Menschen mit leichten Symptomen telefonisch betreuen, zuhause aufsuchen oder bei sich in der Praxis behandeln (aber daf\u00fcr brauchen sie Schutzvorrichtungen!). Denn wenn sich die Symptome verschlimmern, m\u00fcssen die Leute sofort ins Krankenhaus gebracht werden, sonst kommen sie dort in einem viel zu schlimmen Zustand an.<\/p>\n<p><strong>Alzano Lombardo und Nembro: Seuchenherde<\/strong><\/p>\n<p>Am 21. Februar wurden Codogno (Lombardei) und V\u00f2 Euganeo (Venetien) zu \u00bbroten Zonen\u00ab erkl\u00e4rt, d. h. die Orte wurden abgeriegelt. Am 8. M\u00e4rz wurden diese Ma\u00dfnahmen aufgehoben; in Codogno, weil es nun zur orangefarbenen Zone der ganzen Lombardei geh\u00f6rte; in V\u00f2, weil die Sache nun vorbei war. Codogno ist mit 16\u00a0000 EinwohnerInnen ein gro\u00dfes Zentrum der Schweine- und Rinderzucht, V\u00f2 ist ein Bauerndorf mit 3300 EinwohnerInnen, in den umliegenden H\u00fcgeln gibt es Weinbau und viele Ausflugslokale. Nach zwei Wochen Isolation war die Seuche in beiden Orten unter Kontrolle.<\/p>\n<p>Ganz anders in den beiden lombardischen Orten Nembro (11 500 EinwohnerInnen) und Alzano (13 600). Obwohl beide zu gro\u00dfen Seuchenherden geworden waren, hat die Regierung sie in ihrem Erlass vom 8. M\u00e4rz nicht zu roten Zonen erkl\u00e4rt, obwohl bereits alles daf\u00fcr vorbereitet war und sich das Italienische Gesundheitsinstitut wegen der \u00fcber 100 infizierten Personen \u2013 doppelt so viele wie in Bergamo \u2013 daf\u00fcr ausgesprochen hatte.<\/p>\n<p>Sie fielen nun in die orangefarbene Zone, die \u00fcber die gesamte Lombardei und die angrenzenden Provinzen verh\u00e4ngt wurde. Unmittelbar nach Ver\u00f6ffentlichung des Regierungserlasses verf\u00fcgte der Regionalpr\u00e4sident mit einem Erlass keine besonderen Ma\u00dfnahmen f\u00fcr Alzano und Nembro, sondern gab explizit die Erlaubnis, Infizierte mit weniger schwerem Krankheitsverlauf aus den Krankenh\u00e4usern in Altersheime zu verlegen. Damit hat er die Ausbreitung der Seuche beg\u00fcnstigt und zu vielen Toten beigetragen (in den beiden Kommunen sterben zehnmal so viele Menschen wie im Vorjahreszeitraum).<\/p>\n<p><strong>\u00bbBergamo l\u00e4uft!\u00ab<\/strong><\/p>\n<p>Die beiden Gemeinden liegen wenige Kilometer von Bergamo entfernt, am Eingang zum\u00a0<em>Seriana<\/em>-Tal, einem historischen Standort von Textilindustrie; heute sind die meisten Betriebe italo-chinesische\u00a0<em>Joint Ventures<\/em>. Chinesische Techniker und Subunternehmer reisen st\u00e4ndig zwischen China und Bergamo hin und her und benutzen dazu den Flughafen\u00a0<em>Orio al Serio<\/em>\u00a0\u2013 einige von ihnen sind sogar Wochenpendler. Wahrscheinlich kam das Virus \u00fcber diesen Verkehr im Dezember oder Januar nach Italien. Als die italienische Regierung Direktfl\u00fcge nach China verbot, organisierten die Firmen Umsteigefl\u00fcge \u00fcber Moskau oder Bangkok \u2013 die Leute kamen ohne jede Kontrolle und ohne registriert zu werden, ins Land. \u00bbAlle wussten das!\u00ab, sagt Francesco Macario, der zust\u00e4ndige Gewerkschafter der\u00a0<em>CGIL<\/em>.<\/p>\n<p>In diesem Gebiet, in dem Werkhalle an Werkhalle steht, darunter Unternehmen mit Milliardenums\u00e4tzen wie\u00a0<em>Tenaris, ABB, Dalmine, Persico (Persico<\/em>\u00a0hat noch Mitte Februar die insolvente\u00a0<em>Bielomatik<\/em>\u00a0in Neuffen \u00fcbernommen), arbeiten mehr als 40 000 Menschen in 376 Betrieben mit 120 bis zu 800 Besch\u00e4ftigten. Der lokale Unternehmerverband hat unerm\u00fcdlich die Fortsetzung der Produktion bef\u00fcrwortet \u2013 nat\u00fcrlich unter Einhaltung der Hygienema\u00dfnahmen. Am 28. Februar lancierte der Industriellenverband\u00a0<em>Confindustria<\/em>\u00a0einen Werbespot \u00bbBergamo non si ferma\u00ab (\u00bbBergamo l\u00e4uft!\u00ab) \u2013 daf\u00fcr haben sie sich erst f\u00fcnf Wochen sp\u00e4ter entschuldigt: am 6. April, als in Bergamo bereits 2480 Menschen gestorben waren. Am 23. April waren in der Provinz Bergamo 10 946 Personen infiziert und 2892 verstorben.<\/p>\n<p>In der Lombardei \u2013 und vor allem in der Provinz von Bergamo \u2013 haben sich die Unternehmer mithilfe durchgeknallter Regionalpolitiker (PD-B\u00fcrgermeister von Bergamo) in dem Moment durchgesetzt, in dem sich das Virus am st\u00e4rksten verbreitete. Sie haben die Betriebe um jeden Preis offengehalten. Eine der gr\u00f6\u00dften Metallfabriken konnte ihren Arbeitern keine Masken und andere Schutzausr\u00fcstung anbieten \u2013 sie gaben ihnen aber Glasreiniger, um sich die H\u00e4nde zu desinfizieren!<\/p>\n<p>Erst am 22. M\u00e4rz \u2013 nach einer 18st\u00fcndigen Videokonferenz zwischen Unternehmern, Staat und Gewerkschaften \u2013 wurde beschlossen, die \u00bbnicht-lebensnotwendige\u00ab Produktion herunterzufahren. Am selben Tag jedoch zogen die Unternehmen einen Teil des Kompromisses zur\u00fcck. Erst jetzt riefen die Gewerkschaften f\u00fcr den 25. M\u00e4rz zum Streik auf.<\/p>\n<p>Unterm Strich ist es dem Unternehmerverband gelungen, die Produktion fast bis Ende M\u00e4rz aufrechtzuerhalten. Der Handy\u00fcberwachung zufolge waren noch am 24. M\u00e4rz \u2013 trotz Schulschlie\u00dfungen und Home-Office \u2013 mehr als 60 Prozent der Menschen unterwegs. Erst mit dem Streik am 25. M\u00e4rz und einer strikteren Bestimmung von \u00bblebensnotwendig\u00ab ging die Bewegung um 40 Prozent zur\u00fcck. Die Fortsetzung der Produktion hat direkt Menschen umgebracht.<\/p>\n<p>Laut einer Untersuchung der italienischen Rentenversicherung INPS von Ende April haben sich in Provinzen, in denen besonders viel \u00bblebensnotwendige Produktion\u00ab konzentriert ist (wie z.B. in Cremona) nach dem 22. M\u00e4rz t\u00e4glich \u00fcber 25 Prozent mehr Menschen angesteckt als dort, wo es wenig davon gibt.<a href=\"http:\/\/www.wildcat-www.de\/wildcat\/105\/w105_italien.html#fn4\"><sup>4<\/sup><\/a><\/p>\n<p>Richtig kriminell war es in Alzano Lombardo und Nembro. Au\u00dfer dem besonderen Druck der Industriellen gab es ein Desaster im Krankenhaus von Alzano. Als die ersten Patienten positiv getestet wurden, verlegte man sie ins zentrale Covid-Krankenhaus, arbeitete aber einfach weiter und verbreitete das Virus. Weil der Ort nicht abgeriegelt worden war, konnte sich die Seuche ausbreiten, auch deshalb sind viele gestorben. Nembro war im M\u00e4rz die Gemeinde in Italien mit der h\u00f6chsten Zahl von Todesf\u00e4llen durch COVID-19 pro Einwohner, mit 123 Menschen starben hier 750 Prozent mehr als im Vorjahresmonat. In Nembro ist auch der Sitz des Unternehmens\u00a0<em>Persico<\/em>, dessen Eigent\u00fcmer einer derjenigen war, die sich am meisten gegen die Ausrufung der roten Zone wehrten. Im benachbarten Alzano starben im M\u00e4rz 101 Menschen (im M\u00e4rz 2019 waren es 9).<\/p>\n<p>Codogno und V\u00f2 wurden isoliert, hier konnte die Ausbreitung der Seuche gestoppt werden; die industrielle Peripherie von Bergamo wurde nicht isoliert und st\u00fcrzte in eine Seuchendynamik, die das Gesundheitssystem der gesamten Provinz \u00fcberrannte. Der ganze Verlauf zeigt, wie untragbar die \u00bblombardischen Produktionsverh\u00e4ltnisse\u00ab sind.<\/p>\n<p><strong>Industrielle und die Privatisierung des Gesundheitswesens<\/strong><\/p>\n<p>Die Industriellen, die am Fortlaufen der Produktion interessiert waren, sind in einigen F\u00e4llen dieselben Personen, die in Privatkliniken investiert haben, wie die Br\u00fcder Rocca (die bereits zweimal den Titel \u00bbDagobert Duck der B\u00f6rse\u00ab erhalten haben; die spinnen, die R\u00f6mer!). Als die \u00f6ffentlichen Krankenh\u00e4user \u00fcberlastet waren, boten sie an, Tausende Corona-Infizierte dorthin und zu ihren Schwestergesellschaften zu bringen \u2013 selbstredend f\u00fcr eine angemessene \u00bbEntsch\u00e4digung\u00ab. Die Lombardei hat mehr als alle anderen Regionen die Kommerzialisierung der Gesundheit durchgesetzt \u2013 und wird heute zum Opfer eines ausgeweiteten Korruptionssystems, das 18 Jahre lang (von 1995 bis 2013) von Roberto Formigoni gelenkt wurde, der zur F\u00fchrungsclique von\u00a0<em>Comunione e Liberazione<\/em><a href=\"http:\/\/www.wildcat-www.de\/wildcat\/105\/w105_italien.html#fn5\"><sup>5<\/sup><\/a>\u00a0geh\u00f6rt. Er ist Mitglied in Berlusconis Partei, der ihn zum Pr\u00e4sidenten der Lombardei ernannte. Und er hatte immer die Unterst\u00fctzung der\u00a0<em>Lega<\/em>, die seit 2013 die Regionalregierung stellt. Einige Verfahren wegen Korruption (bei der Lieferung von Ausr\u00fcstung an Krankenh\u00e4user und wegen Verklappung von Asbest) und weil er Vertreter von\u00a0<em>Comunione e Liberazione<\/em>\u00a0an alle m\u00f6glichen Schaltstellen der Macht platziert hatte, f\u00fchrten zu einer Verurteilung zu f\u00fcnf Jahren und zehn Monaten Knast \u2013 nach einigen Monaten wurde er in den Hausarrest entlassen, weil er \u00fcber 70 ist. Sein Nachfolger Roberto Maroni von der\u00a0<em>Lega<\/em>\u00a0brachte 2017 eine weitere \u00bbGesundheitsreform\u00ab auf den Weg, mit der er die \u00f6ffentlichen Investitionen ins Gesundheitswesen noch st\u00e4rker beschnitt und den Hausarzt durch den \u00bbManager\u00ab ersetzte.<\/p>\n<p>Es sind solche Leute, die die Krankenh\u00e4user und die Altersheime leiten.<\/p>\n<p><strong>Alles beginnt im Trivulzio<\/strong><\/p>\n<p>Die Altersheime haben eine gro\u00dfe Rolle bei der Verbreitung des Virus gespielt. Und das bereits durch ihre stattliche Anzahl in den beiden Regionen: 677 in der Lombardei und 521 im Veneto, das macht insgesamt ein Viertel aller Altersheime in Italien aus. Da die Lombardei mehr als doppelt so viele EinwohnerInnen hat, gibt es in Venetien somit relativ zur Bev\u00f6lkerung die meisten Altersheime.<\/p>\n<p>Als die Regionalregierung der Lombardei am 8. M\u00e4rz die Verlegung der weniger kritischen Infizierten in Altersheime verf\u00fcgte, die die M\u00f6glichkeit haben, Isolierstationen einzurichten, wurde die Organisierung der Verlegung dem traditionsreichen Mail\u00e4nder Altersheim\u00a0<em>Pio Albergo Trivulzio<\/em>\u00a0\u00fcbertragen. Das\u00a0<em>Trivulzio<\/em>\u00a0ist den \u00c4lteren noch bekannt, weil mit einem Haftbefehl im Februar 1992 gegen den damaligen Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer die Aktion \u00bbMani pulite\u00ab losging.<a href=\"http:\/\/www.wildcat-www.de\/wildcat\/105\/w105_italien.html#fn6\"><sup>6<\/sup><\/a>\u00a0Aus den Altersheimen, die sich bereit erkl\u00e4rt hatten, w\u00e4hlte das\u00a0<em>Trivulzio<\/em>\u00a015 aus, die teilweise \u00fcberhaupt nicht die Voraussetzungen erf\u00fcllten \u2013 weil sie Personalmangel aufgrund von Corona-Infizierungen (!) oder keine Schutzvorrichtungen wie Masken und Isolierkittel hatten. Da es private Altersheime waren, hatte die Regierung ihnen 150 Euro pro Tag und Patient zugesagt. In einem sp\u00e4teren Erlass verf\u00fcgte die Regionalregierung, dass Infizierte aus Altersheimen nur dann in auf Intensivstationen kommen, wenn sie unter 75 Jahre alt sind. Sie hatten aber die gro\u00dfe G\u00fcte, die Verabreichung von entsprechenden Medikamenten zu veranlassen, damit die alten Leutchen wenigstens schmerzfrei sterben k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Zu diesen speziellen Verwicklungen in der Lombardei ermittelt inzwischen die Staatsanwaltschaft, nachdem mehrere Angeh\u00f6rige von Opfern und Besch\u00e4ftigte der Altersheime selbst Strafanzeige gestellt haben. Wieder beginnen die Untersuchungen im\u00a0<em>Trivulzio<\/em>. In der Lombardei sind von 5886 Bewohnern von Altersheimen zwischen dem 20. Februar und dem 10. April 1130 gestorben, das ist eine Todesrate von 19,2 Prozent. Im gleichen Zeitraum starben in der Provinz Pavia 341 AltenheimbewohnerInnen: in Vigevano 30 von 120, in Casselnovo 26 von 67, in Groppello 22 von 85.<\/p>\n<p>Der Regionalpr\u00e4sident der Lombardei erkl\u00e4rte am 16. April, die Techniker seien an der Ausbreitung der Seuche und an den Toten schuld, sie seien ungeschickt vorgegangen \u2013 und nicht er, der ausdr\u00fccklich veranlasst hatte, infizierte Patienten in H\u00e4user zu verlegen, die von gebrechlichen und hilfsbed\u00fcrftigen Menschen bewohnt werden!<\/p>\n<p>In Venetien lag Mitte April die Mortalit\u00e4tsrate in den Altersheimen bei 15,7 Prozent, etwa die H\u00e4lfte des nationalen Durchschnitts. Au\u00dferdem hatten sich fast 1000 Besch\u00e4ftigte angesteckt, aufgrund unzureichender Schutzma\u00dfnahmen. Trotzdem ist die Situation auch nicht ann\u00e4hernd vergleichbar mit der Lombardei.<\/p>\n<p>Die Staatsanwaltschaften haben bis zur dritten Aprilwoche in 600 F\u00e4llen die Ermittlungen aufgenommen, ein F\u00fcnftel der untersuchten Altersheime waren vorschriftswidrig, 15 werden umgehend geschlossen.<\/p>\n<p>Weitere polizeiliche Untersuchungen wegen vors\u00e4tzlicher T\u00f6tung sind in Gang, sowohl in Kliniken wie in Altersheimen. Klinikunterlagen wurden beschlagnahmt.<\/p>\n<p>Angesichts der fehlenden Klarheit \u00fcber die Gr\u00fcnde f\u00fcr die Verlegungen und die Ergebnisse der Intensivtherapie in der Lombardei sind die \u00dcberblickzahlen, die der Chef des Zivilschutzes bis zum 19. April allabendlich verk\u00fcndete, zu bezweifeln.<\/p>\n<p>Auch in der BRD ist es zur Kontaminierung von Krankenh\u00e4usern gekommen. Ein besonders krasser Fall ist die gr\u00f6\u00dfte Klinik des Landes Brandenburg, das\u00a0<em>Ernst von Bergmann<\/em>\u00a0in Potsdam. Auch in Altersheimen gibt es schwere F\u00e4lle: in Wolfsburg sind in kurzer Zeit 22 BewohnerInnen gestorben, in W\u00fcrzburg ebenfalls 22, alle waren \u00fcber 80. In Altersheimen ist auch die Rate der angesteckten PflegerInnen aufgrund fehlender Schutzausr\u00fcstung und Tests viel h\u00f6her. Erst in letzter Zeit hat man damit begonnen, innerhalb von Altersheimen Quarant\u00e4nestationen einzurichten.<\/p>\n<p>Ein anderes Problem in Deutschland sind die privaten PflegerInnen aus Osteuropa, besonders aus Polen, die sehr oft schwarz besch\u00e4ftigt werden. Viele von ihnen k\u00f6nnen nicht mehr zur Arbeit kommen, weil die Grenzen geschlossen sind. Dies ber\u00fchrt ein anderes Problem: 80 Prozent des Gesundheitspersonals arbeitet in L\u00e4ndern mit der H\u00e4lfte der Weltbev\u00f6lkerung. In Deutschland machen allein die privaten PflegerInnen 300 000 aus.<\/p>\n<p><em>Stand: 25. April 2020<\/em><\/p>\n<p><strong>Fu\u00dfnoten:<\/strong><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.wildcat-www.de\/wildcat\/105\/w105_italien.html#fnref1\">[1]<\/a>\u00a0Siehe\u00a0<a href=\"http:\/\/www.wildcat-www.de\/aktuell\/a114_briefauschina.html\">Zuruf aus China: Kaufte China dem Westen Zeit?<\/a><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.wildcat-www.de\/wildcat\/105\/w105_italien.html#fnref2\">[2]<\/a>\u00a0Die j\u00e4hrlichen Gesundheitsausgaben pro Kopf waren in der BRD 2019 knapp 6000Euro, in Italien 3428, in Spanien 3323 Euro. (In den USA mehr als 10\u00a0000, in China 688 Euro \u2013 die Summe sagt nicht unbedingt etwas \u00fcber die Qualit\u00e4t.)<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.wildcat-www.de\/wildcat\/105\/w105_italien.html#fnref3\">[3]<\/a>\u00a0Eine k\u00fcrzlich in\u00a0<em>Science<\/em>\u00a0ver\u00f6ffentlichte Studie der Columbia-Universit\u00e4t kommt f\u00fcr Wuhan auf folgende Zahlen: 86 Prozent aller Infizierten wurden nicht erkannt. Diese nicht erkannten F\u00e4lle haben zu zwei Dritteln aller Ansteckungen gef\u00fchrt.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.wildcat-www.de\/wildcat\/105\/w105_italien.html#fnref4\">[4]<\/a>\u00a0<a href=\"https:\/\/www.ilfattoquotidiano.it\/2020\/04\/24\/coronavirus-studio-dellinps-nelle-province-con-piu-occupati-nei-settori-essenziali-ce-stato-un-25-di-contagi-in-piu\/5780843\/\">Coronavirus, studio dell\u2019Inps: \u201cNelle province con pi\u00f9 occupati nei settori essenziali c\u2019\u00e8 stato ogni giorno un 25% di contagi in pi\u00f9\u201d<\/a>,\u00a0<em>il Fatto Quotidiano<\/em>, 24.04.2020<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.wildcat-www.de\/wildcat\/105\/w105_italien.html#fnref5\">[5]<\/a>\u00a0Comunione e Liberazione: (Gemeinschaft und Befreiung): einflussreiche antikommunistische rechte Bewegung innerhalb der katholischen Kirche mit eigener Wirtschaftsvereinigung (Compagnia delle Opere) und einem politischen Fl\u00fcgel in Berlusconis PdL<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.wildcat-www.de\/wildcat\/105\/w105_italien.html#fnref6\">[6]<\/a>\u00a0Siehe die historische Vorbemerkung zu \u00bbtangentopoli\u00ab (Schmiergeld-Aff\u00e4re) in unserem Artikel\u00a0<a href=\"http:\/\/www.wildcat-www.de\/aktuell\/a109_wahlitalien.html\">Italien: Die dritte Welle<\/a><\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"http:\/\/www.wildcat-www.de\/wildcat\/105\/w105_italien.html\"><em>wildcat.de&#8230;<\/em><\/a><em> vom 16. Mai 2020<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In Italien stellte man erst am 21. 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