{"id":7828,"date":"2020-05-16T11:56:40","date_gmt":"2020-05-16T09:56:40","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=7828"},"modified":"2020-05-16T11:56:41","modified_gmt":"2020-05-16T09:56:41","slug":"unfaelle-streiks-und-hungersnot-weltgeschichte-aus-mostindien","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=7828","title":{"rendered":"Unf\u00e4lle, Streiks und Hungersnot: Weltgeschichte aus Mostindien"},"content":{"rendered":"<p><em>Ralph Hug. <\/em><strong>Spannender kann \u00adGeschichte nicht \u00aderz\u00e4hlt werden: Anhand von Schicksalen aus dem Thurgau erz\u00e4hlt \u00adStefan Keller eine kleine \u00adWeltgeschichte des \u00adArbeitens \u2013 und setzt neue \u00adMassst\u00e4be.<\/strong><!--more--><\/p>\n<p>Der Name des Knaben, dem der Oberkiefer herausfiel, ist unbekannt. Klar ist nur, dass er um 1860 in der Z\u00fcndholzfabrik des Herrn Moor in Arbon arbeitete. Und dass der herausfallende Oberkiefer kein Unfall war, sondern mit dem Phosphor zu tun hatte. Diesen hochgiftigen Stoff braucht es zum Herstellen der Z\u00fcndh\u00f6lzer. Der Junge litt an einer Krankheit namens Phosphornekrose. Autor und Historiker Stefan Keller schreibt in seinem neuen Buch \u00abSpuren der Arbeit\u00bb: \u00abDie Kiefernekrose ist eine schwer vorstellbare, extrem schmerzhafte, irreversible Katastrophe.\u00bb Die Krankheit des Jungen sei kein Einzelfall. Arbeiterinnen und Arbeiter in Z\u00fcndholzfabriken h\u00e4tten immer wieder berichtet, wie der Phosphor zun\u00e4chst Kopfweh verursache, dann die Z\u00e4hne ausfallen lasse und schliesslich die Kieferknochen zerst\u00f6re.<\/p>\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"658\" src=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/12_spuren_der_arbeit_34-1024x658.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-7829\" srcset=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/12_spuren_der_arbeit_34-1024x658.jpg 1024w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/12_spuren_der_arbeit_34-300x193.jpg 300w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/12_spuren_der_arbeit_34-768x493.jpg 768w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/12_spuren_der_arbeit_34.jpg 1280w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><figcaption> CHRAMPFERINNEN: Textilarbeiterinnen im Thurgau. Historische Fotos von arbeitenden Leuten sind selten. Meistens posieren sie, damit das Bild nicht verwackelt. (Foto: ZVG) <\/figcaption><\/figure>\n<p>Wer das liest, weiss, was Kinderarbeit bedeutet.<\/p>\n<p><strong>KINDERARBEIT<\/strong><\/p>\n<p>Kann man so Geschichte erz\u00e4hlen? Ja, genau so muss sie erz\u00e4hlt werden, findet Keller. Dadurch, dass man nah an die Menschen herangeht. An die Menschen, die Geschichte machen, indem sie sie erleiden. Am Beispiel des namenlosen Jungen mit dem heraus\u00adfallenden Oberkiefer erz\u00e4hlt er die schreckliche Geschichte der Kinderarbeit im 19.\u2009Jahrhundert. Wer das liest, wird nie mehr vergessen, was Kinderarbeit wirklich bedeutete und \u2013 in Teilen der Welt \u2013 noch heute bedeutet.<\/p>\n<p>Keller geht in seinem neuen Buch der Geschichte der arbeitenden Menschen im Kanton Thurgau nach. Doch seine Reportage reicht weit \u00fcber den Thurgau hinaus. Denn Keller weiss im Besonderen das Allgemeine zu sehen. Und so wird aus einem vermeintlich thurgauischen Thema pl\u00f6tzlich eine kleine Weltgeschichte der Arbeit. In der Tradition von Niklaus Meienbergs historischen Reportagen sichert Keller dank unerm\u00fcdlichem Sammeln von Fotos, Zeugnissen und Berichten die Spuren der einfachen Menschen, die selbst nie Zeugnisse hinterlassen haben und daher in der herk\u00f6mmlichen Geschichtsschreibung gar nicht existieren.<\/p>\n<p>Zum Beispiel Rosa Fisch. Sie arbeitet um 1900 in einer Fabrik in Romanshorn an einer F\u00e4rbmaschine. Ihr \u00c4rmel wird vom laufenden Zahnradtriebwerk erfasst. Der ganze rechte Arm und Teile der linken Hand bleiben zerquetscht zur\u00fcck. Der Patron will nur bedingt f\u00fcr den tragischen Unfall aufkommen, obwohl Fisch nie mehr arbeiten kann. Ihr Vater prozessiert bis vor Bundesgericht. Dort erh\u00e4lt Rosa Fisch vollumf\u00e4nglich recht. Kellers Schilderung dieses Falls macht klar, wieso 1918 eine staatliche Unfallversicherung und viel sp\u00e4ter auch eine Invalidenversicherung entstand. Der soziale Schutz fiel eben nicht vom Himmel, sondern war das Ergebnis beherzter K\u00e4mpfe, wie sie Rosa Fisch ausgefochten hat.<\/p>\n<p>Autor Keller sieht sich als Spurensicherer: \u00abVon den meisten Leuten, die ein Leben lang arbeiten, weiss man am Ende wenig oder nichts. Sie bleiben unauff\u00e4llig.\u00bb Erst wenn sie verunfallen, sterben oder hohe Geburtstage feiern, w\u00fcrden sie kurz wahrgenommen.<\/p>\n<p><strong>HUNGER-KATASTROPHE<\/strong><\/p>\n<p>Keller erz\u00e4hlt auch von den spektakul\u00e4ren K\u00e4mpfen im Thurgau, etwa dem Streik bei B.\u2009Heine in Arbon 1908 (siehe Box), den ersten fremdenfeindlichen Krawallen gegen Italiener im Jahr 1902 oder auch vom verzweifelten Widerstand der Hungernden von Bichelsee 1816. Naturkatastrophen und Missernten hatten diese an den Rand des Todes getrieben. Doch davon liess sich Regierungsrat und B.-Heine-Finanzchef Johann Conrad Freyenmuth wenig beeindrucken. Der hartherzige Magistrat liess ihre Hilfsgesuche monatelang liegen, weil ihm das Wohl der Staatskasse n\u00e4her lag als das Leben der Untertanen. So gibt Keller tiefe Einblicke in die Klassenherrschaft in der Zeit von 1800 bis heute. Genuine Geschichte von unten aus der Meisterklasse.<\/p>\n<p><em>Stefan Keller: Spuren der Arbeit. Von der Manufaktur zur Serverfarm.<\/em><\/p>\n<p><em>Rotpunktverlag, Z\u00fcrich 2020, CHF 38.\u2013<\/em><\/p>\n<p><strong>Rekord-Streik: Der \u00ad\u00abArboner Krieg\u00bb<\/strong><\/p>\n<p>Der h\u00e4rteste Streik im Kanton Thurgau \u2013 und wohl einer der h\u00e4rtesten der Schweiz \u2013 spielte sich 1908 in der grossen Stickereifabrik Arnold B.\u2009Heine&amp;Co. AG in Arbon ab. Die 1500 Besch\u00e4ftigten, vorwiegend \u00adArbeiterinnen aus Italien, wehrten sich gegen eine Lohnsenkung.<\/p>\n<p>Es kam zum grossen Streik samt \u00adkollektiver Aussperrung.<\/p>\n<p><strong>F\u00dcNF MONATE.<\/strong>\u00a0Ein Arbeitskampf, der f\u00fcnf Monate dauerte und international Beachtung fand. Gewerkschaften aus halb Europa sammelten Geld f\u00fcr die Streikenden am Bodensee. Der Kampf endete mit einem Lohnkompromiss. Patron Arnold B.\u2009Heine setzte sich vier Jahre sp\u00e4ter nach New York ab, als das Stickereigesch\u00e4ft in die Krise geriet.<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/www.workzeitung.ch\/2020\/05\/unfaelle-streiks-und-hungersnot-weltgeschichte-aus-mostindien\/\"><em>workzeitung.ch&#8230;<\/em><\/a><em> vom 16.Mai 2020<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ralph Hug. 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