{"id":7855,"date":"2020-05-20T10:56:15","date_gmt":"2020-05-20T08:56:15","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=7855"},"modified":"2020-05-20T10:56:16","modified_gmt":"2020-05-20T08:56:16","slug":"social-reproduction-theory-fehler-und-ansaetze-zur-reproduktionsarbeit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=7855","title":{"rendered":"Social Reproduction Theory \u2013 Fehler und Ans\u00e4tze zur Reproduktionsarbeit"},"content":{"rendered":"<p><em>Aventina Holzer. <\/em>\u201eSocial Reproduction Theory\u201c ist ein Zugang, der sich vornimmt, (meist) auf einer marxistischen Basis die Reproduktionssph\u00e4re besser zu analysieren, als es die sozialistische Bewegung bis jetzt geschafft hat. Der Anspruch ist richtig und wichtig.<!--more--> F\u00fcr ein Verst\u00e4ndnis von den \u00f6konomischen Ursachen der Frauenunterdr\u00fcckung und damit auch f\u00fcr die Strategie zu ihrer \u00dcberwindung braucht es eine bessere Analyse der sogenannten Reproduktionssph\u00e4re. Auch wenn viele der daraus resultierenden Ideen zu falschen Schlussfolgerungen und Konzepten f\u00fchren, ist es wichtig, die geleistete Vorarbeit n\u00e4her zu beleuchten, um eine Perspektive f\u00fcr eine echte marxistische Weiterentwicklung aufzuzeigen.<\/p>\n<p><strong>Geschichte<\/strong><\/p>\n<p>TheoretikerInnen der \u201eSocial Reproduction Theory\u201c (SRT) besch\u00e4ftigen sich schon seit den 1970er Jahren mit dem Verh\u00e4ltnis von Reproduktionssph\u00e4re und Frauenunterdr\u00fcckung. Zwar nicht gleichzusetzen mit dem sozialistischen Feminismus \u2013 schlie\u00dflich sind nicht wenige der TheoretikerInnen der SRT in autonomen oder rein akademischen Strukturen zu verorten \u2013, so steht die SRT doch in einem Naheverh\u00e4ltnis zu ihm.<\/p>\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"800\" height=\"533\" src=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/weltfrauentag-in-madrid-teilnehmerinnen-des-feministischen-streiks-rufen-slogans-800x533-1.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-7856\" srcset=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/weltfrauentag-in-madrid-teilnehmerinnen-des-feministischen-streiks-rufen-slogans-800x533-1.jpg 800w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/weltfrauentag-in-madrid-teilnehmerinnen-des-feministischen-streiks-rufen-slogans-800x533-1-300x200.jpg 300w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/weltfrauentag-in-madrid-teilnehmerinnen-des-feministischen-streiks-rufen-slogans-800x533-1-768x512.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 800px) 100vw, 800px\" \/><\/figure>\n<p>Der sozialistische Feminismus selbst entstand als Antwort auf den Radikalfeminismus und dessen Ablehnung eines gemeinsamen Kampfs mit den m\u00e4nnlichen Arbeitern f\u00fcr Frauenbefreiung. Allerdings griff er auch viele der Kritikpunkte des Radikalfeminismus auf. Die ArbeiterInnenbewegung w\u00e4re m\u00e4nnlich dominiert und Aktivistinnen w\u00fcrden, aufgrund von vorherrschendem Sexismus, nicht gut in die Arbeit eingebunden werden. F\u00fcr viele war die Antwort darauf eine teilweise separate Organisierung. Auch hielten viele die Kritik aufrecht, dass Marx\u2018 politische \u00d6konomie \u201egeschlechtsblind\u201c sei und den speziellen Charakter der Hausarbeit bzw. Reproduktionssph\u00e4re nicht bedachte.<\/p>\n<p>Dies f\u00fchrt teilweise zu einer Abwendung von Marx\u2018 Theorien und Methoden. Stattdessen wird die Analyse vorgelegt, dass es sich bei der Reproduktionssph\u00e4re eigentlich um eine autonome, von der Produktionssph\u00e4re unabh\u00e4ngige Ebene handelt. Das legt die Schlussfolgerung nahe, dass auch die Dynamik der Frauenunterdr\u00fcckung, die aus der geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung und der Bindung der Frau an die Reproduktionssph\u00e4re entspringt, eine unabh\u00e4ngige ist und dementsprechend nicht mit denselben Mitteln bek\u00e4mpft werden kann wie Klassenunterdr\u00fcckung. Das kann zu einem Verst\u00e4ndnis f\u00fchren, das potenziell die Bewegung spaltet und versucht, einen Kampf gegen den Mann der eigenen Klasse anstelle der wirklichen Unterdr\u00fcckerInnen anzuzetteln.<\/p>\n<p>Aber auch wenn der sozialistische Feminismus keine Alternative bietet, sind die Fragen, die von dieser Str\u00f6mung aufgeworfen wurden bzw. werden, und auch die Gr\u00fcnde f\u00fcr ihre Entstehung sehr wichtige Ansatzpunkte f\u00fcr eine antisexistische ArbeiterInnenbewegung.<\/p>\n<p>Es ist dringend notwendig, das in Grundz\u00fcgen entwickelte Verst\u00e4ndnis von Frauenunterdr\u00fcckung weiterzudenken und nicht in rein \u00f6konomistische Antworten abzudriften wie in Teilen der trotzkistischen Tradition.<\/p>\n<p><strong>Was ist Social Reproduction Theory?<\/strong><\/p>\n<p>\u201eDieses Projekt begann vor mehr als 10 Jahren. Wie bei vielen anderen Frauen in den sp\u00e4ten 1960ern Jahren fiel mein Engagement f\u00fcr die aufkommende Frauenbewegung mit meiner Entdeckung der marxistischen Theorie zusammen. Zun\u00e4chst dachten viele von uns, man brauche die marxistische Theorie einfach nur zu erweitern, um sie f\u00fcr unsere Anliegen als Frauenbewegung nutzbar zu machen. Schnell merkten wir jedoch, dass dieser Ansatz viel zu mechanisch war und vieles unbeantwortet lie\u00df. Die marxistische Theorie, die wir vorfanden, und auch das sozialistische Verm\u00e4chtnis an Werken zur Unterdr\u00fcckung von Frauen bedurften einer grundlegenden Umgestaltung. Einige wandten sich aufgrund dieser Erkenntnis vollst\u00e4ndig vom Marxismus ab. Andere blieben bei dem Versuch, von der marxistischen Theorie Gebrauch zu machen. Sie verfolgten nun das Ziel, die Unzul\u00e4nglichkeiten der sozialistischen Tradition durch eine \u201asozialistisch-feministische\u2019 Synthese zu \u00fcberwinden. Obwohl ich mit diesem Ansatz sympathisierte, verfolgte ich weiterhin das urspr\u00fcngliche Vorhaben, die marxistische Theorie zu erweitern. Daf\u00fcr war es jedoch notwendig, zu untersuchen, was marxistische Theorie \u00fcberhaupt ist. \u00dcberdies machte mir eine gr\u00fcndliche Lekt\u00fcre der wichtigsten Texte des 19. Jahrhunderts zur \u201aFrauenfrage\u2019 klar, dass die theoretische Tradition \u00e4u\u00dferst widerspr\u00fcchlich ist. \u2026 Dennoch bin ich nach wie vor davon \u00fcberzeugt, dass nicht sozialistisch-feministische Synthesen, sondern eine Wiederbelebung der marxistischen Theorie in den bevorstehenden\u00a0 K\u00e4mpfen f\u00fcr die Befreiung der Frauen als theoretische Orientierung am besten dient.\u201c (Lise Vogel, Marxismus und Frauenunterdr\u00fcckung, 2019, Unrast Verlag M\u00fcnster)<\/p>\n<p>So versucht Lise Vogel \u2013 eine der wichtigsten und marxistischsten TheoretikerInnen der SRT \u2013, die Entwicklung der Theorie zu erkl\u00e4ren.<\/p>\n<p>Social Reproduction Theory ist keine eigene Str\u00f6mung, sondern eher eine theoretische und auch oft akademische Auseinandersetzung mit sozialer Reproduktion im Kapitalismus und, ob deren korrektes Verst\u00e4ndnis von \u201eorthodoxer\u201c marxistischer Theorie abweicht oder sie weiterentwickelt. Sie versucht dabei auch, den Ursprung der Frauenunterdr\u00fcckung in der Klassengesellschaft aufzudecken, der laut vielen TheoretikerInnen, die sich mit Social Reproduction Theory besch\u00e4ftigen, aus dieser Sph\u00e4re stammt und Frauen aufgrund der F\u00e4higkeit zu geb\u00e4ren auch in diese Rolle historisch gedr\u00e4ngt hat.<\/p>\n<p>Reproduktion im Marxschen Sinne kann mehrere Sachen bedeuten: auf der einen Seite (in der ArbeiterInnenfamilie) die Reproduktion der Ware Arbeitskraft (f\u00fcr den n\u00e4chsten Tag oder die n\u00e4chste Generation), andererseits meint Reproduktion auch die best\u00e4ndige Erneuerung der kapitalistischen Gesellschaftsformation (Kreislauf der Kapitalverwertung etc.). Die TheoretikerInnen der SRT beziehen sich vor allem auf die erstere Bedeutung, obwohl nat\u00fcrlich beide Varianten stark verkn\u00fcpft sind.<\/p>\n<p>Eine St\u00e4rke gegen\u00fcber anderen feministischen Analysen ist nat\u00fcrlich, dass der Ausgangspunkt ganz klar die \u00f6konomische Analyse ist und auch die Unterdr\u00fcckung daraus abgeleitet wird. Es wird versucht, Produktionsverh\u00e4ltnisse als menschliche Verh\u00e4ltnisse zu verstehen und dementsprechend gibt es auch keine eigene \u00f6konomische Ebene abseits davon verschiedenen der Unterdr\u00fcckung innerhalb der Klassengesellschaft. Die speziellen Auspr\u00e4gungen der Frauenunterdr\u00fcckung (z.\u00a0B. von mehrfach Unterdr\u00fcckten wie Migrantinnen etc.) k\u00f6nnen im Kontext von mangelnden demokratischen Rechten und deren Auswirkung auf die Gesellschaft und umgekehrt weiterverstanden werden, argumentieren die TheoretikerInnen der SRT.<\/p>\n<p>Sie wollen in der theoretischen Analyse von einer dualen Betrachtungsweise (\u201edual systems approach\u201c), welche die Sph\u00e4ren der Reproduktion und Produktion auf unterschiedliche Ebenen stellt und daraus auch einen separaten Kampf f\u00fcr Frauenbefreiung heraufbeschw\u00f6rt, wegkommen. Stattdessen wird versucht, mit den Methoden, die in Marx\u2018 politischer \u00d6konomie begr\u00fcndet liegen, ein einheitliches Verst\u00e4ndnis von Produktions- und Reproduktionssph\u00e4re zu finden bzw. es weiterzuentwickeln. Schlie\u00dflich wirft es viele Fragen auf, wenn die Ware Arbeitskraft die einzige ist, die weitgehend au\u00dferhalb der Sph\u00e4re der Mehrwertproduktion hergestellt wird. Die SRT stellt sich diese Frage zu Recht, auch wenn sie selbst auch problematische Antworten entwickelt.<\/p>\n<p><strong>Lohn f\u00fcr Hausarbeit und Frauenstreiks<\/strong><\/p>\n<p>Die Fragestellung selbst ist auch nicht neu und wurde schon vor der SRT im feministischen Diskurs aufgeworfen. Mariarosa Dalla Costa warf zum Beispiel 1972 die Frage auf, ob die\u00a0 Hausarbeit eine Form produktiver Arbeit w\u00e4re auf. Produktivit\u00e4t ist nat\u00fcrlich im Marx\u2019schen Sinne zu verstehen als Mehrwert schaffende Arbeit f\u00fcr das Kapital und nicht im Sinne einer moralischen Bewertung (obwohl die Begriffe h\u00e4ufig vermischt werden \u2013 gerade in dieser Debatte). Daher stellt die private Hausarbeit ganz eindeutig keine Form produktiver Arbeit dar.<\/p>\n<p>Dalla Costa argumentiert jedoch, dass Frauen durch ihre Reproduktionsarbeit der Ware Arbeitskraft Wert hinzuf\u00fcgen und damit den Mehrwert vergr\u00f6\u00dfern w\u00fcrden. Das hei\u00dft, f\u00fcr Dalla Costa schafft private Reproduktionsarbeit genauso Mehrwert, wie es die in der kapitalistischen Produktion tut. Die Konsumtion zuhause ist Teil der produktiven Konsumtion. Frauen bilden somit ein eigenes revolution\u00e4res Subjekt, Hausarbeit w\u00fcrde nur als nicht produktive Arbeit verschleiert und es ist notwendig, sich dagegen zu organisieren. Daf\u00fcr stellt sie die Forderung nach einer Bezahlung der Hausarbeit auf (Lohn f\u00fcr Hausarbeit). Diese soll Frauen in den \u00f6konomischen Kampf ziehen und es seien ja durch den produktiven Charakter der Hausarbeit auch dieselben Kampfmethoden m\u00f6glich. Die Welt stehe still, wenn keine h\u00e4usliche Reproduktionsarbeit mehr geleistet wird, und ohne diesen politischen Kampf k\u00f6nne es keine revolution\u00e4re Perspektive geben.<\/p>\n<p>Es macht keinen Sinn zu versuchen, Hausarbeit mit Produktion gleichzusetzen. Es f\u00fchrt auch zu problematischen Schlussfolgerungen. Die Reproduktion steht aufgrund von historischen Bedingungen au\u00dferhalb der kapitalistischen Produktionssph\u00e4re und es findet hier individuelle Konsumtion statt, keine produktive (die laut Marx das Verwerten von Produktionsmitteln ist, um den Produkten einen h\u00f6heren Wert hinzuzuf\u00fcgen und zeitgleich auch die Konsumtion der Ware Arbeitskraft durch den\/die KapitalistIn).<\/p>\n<p>Dass Hausarbeit keinen Mehrwert schafft, hei\u00dft nicht, dass sie nicht unerl\u00e4sslich f\u00fcr das Bestehen der Gesellschaft ist. Aber es braucht eben andere Kampfmethoden. Wenn Hausarbeit bestreikt wird, schadet es zuallererst den ArbeiterInnen selbst und nicht prim\u00e4r dem Kapital. Es wird ein Kampf gegen die M\u00e4nner der eigenen Klasse aufgemacht und nicht gegen die KapitalistInnen. Das sind eben auch Probleme, die Reproduktionsstreiks der privaten Hausarbeit mit sich bringen.<\/p>\n<p>Allerdings ist es wichtig, die politischen M\u00f6glichkeiten dieser Form der Proteste anzuerkennen. Auch wenn ein Bestreiken der Hausarbeit nicht denselben \u00f6konomischen Effekt hat wie ein Streik der ArbeiterInnen, so sind doch auch sehr, sehr viele Frauen berufst\u00e4tig \u2013 es ist eine gute M\u00f6glichkeit, um auf Fragen der Doppelbelastung hinzuweisen, die Einbeziehung von Frauen in den politischen Kampf voranzutreiben und das Erreichen von Leuten, die sonst an die h\u00e4usliche Sph\u00e4re gebunden sind, zu erm\u00f6glichen.<\/p>\n<p>Es ist aber keine Voraussetzung, Lohn f\u00fcr Hausarbeit zu fordern, um an solchen Demonstrationen und Aktionen teilzunehmen. Diese Forderung hat vielmehr den Charakter, Frauen noch eher an die h\u00e4usliche Sph\u00e4re zu fesseln und ihnen damit die M\u00f6glichkeit zu erschweren, an politischen K\u00e4mpfen teilzunehmen \u2013 kein Wunder, dass diese Forderung auch von reaktion\u00e4ren Kr\u00e4ften aufgeworfen wird. Wir stellen dem die Forderung nach einer Vergesellschaftung der Hausarbeit entgegen.<\/p>\n<p><strong>Ausblick<\/strong><\/p>\n<p>SRT hat also viele Ans\u00e4tze und auch viele Sackgassen. Es ist aber notwendig, sich mit diesem Zugang auseinanderzusetzen, da innerhalb dieser Debatte bis jetzt die intensivsten und auch am engsten an Marx orientierten Untersuchungen geleistet wurden. TheoretikerInnen wie Nancy Fraser, Tithi Bhattacharya und viele mehr werden auch jetzt wieder stark diskutiert. Den besten Ansatz bietet aber vermutlich Lise Vogels Werk \u201eMarxismus und Frauenunterdr\u00fcckung\u201c (UNRAST-Verlag, M\u00fcnster 2019) und auch mit den Problemen, die dieses Buch hat, ist es ein wichtiger Beitrag zur gesamten Debatte und ein ernsthafter Versuch, von einer dualen Betrachtungsweise wegzukommen. Wir werden uns in Zukunft genauer mit ihren Theorien besch\u00e4ftigen und versuchen, die historisch-materialistische Erkl\u00e4rung von Frauenunterdr\u00fcckung zu erweitern und daraus ein Programm abzuleiten, um Sexismus \u2013 und damit auch Kapitalismus \u2013 endg\u00fcltig ein Ende zu machen!<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"http:\/\/arbeiterinnenmacht.de\/2020\/05\/19\/social-reproduction-theory\/\"><em>arbeiterinnenmacht.de&#8230;<\/em><\/a><em> vom 20. Mai 2020<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Aventina Holzer. \u201eSocial Reproduction Theory\u201c ist ein Zugang, der sich vornimmt, (meist) auf einer marxistischen Basis die Reproduktionssph\u00e4re besser zu analysieren, als es die sozialistische Bewegung bis jetzt geschafft hat. 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