{"id":7881,"date":"2020-05-23T10:08:05","date_gmt":"2020-05-23T08:08:05","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=7881"},"modified":"2020-05-23T10:08:06","modified_gmt":"2020-05-23T08:08:06","slug":"jetzt-geht-es-darum-wer-die-corona-rechnung-bezahlt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=7881","title":{"rendered":"Jetzt geht es darum, wer die Corona-Rechnung bezahlt!"},"content":{"rendered":"<p><strong>W\u00e4hrend Regierung, Kapital und rechte &#8222;Hygiene-Demos&#8220; immer schnellere Lockerungen fordern, sollen Arbeiter*innen die Kosten tragen. Wie ein Programm der Lockerungen im Interesse der Arbeiter*innen und nicht des Kapitals aussehen kann.<\/strong><!--more--><\/p>\n<p>In den vergangenen Tagen folgte Lockerung auf Lockerung, an vielen Stellen in den Gro\u00dfst\u00e4dten dominiert \u2013 abgesehen vom verbreiteten Maskentragen \u2013 der Anschein zur R\u00fcckkehr der \u201eNormalit\u00e4t\u201c. Sogar die Bundesliga beginnt wieder, wenn auch vor leeren R\u00e4ngen und mit einigen Auflagen. Zusammen mit dem sich ausbreitenden Fr\u00fchling scheint es, als sei die Corona-Pandemie schon fast vorbei.<\/p>\n<p>In den meisten Bundesl\u00e4ndern sind unter Auflagen die Gastst\u00e4tten und Kneipen wieder ge\u00f6ffnet, auch Hotelbetrieb ist wieder erlaubt. Je nach Bundesland werden Museen und Kinos wieder ge\u00f6ffnet. In h\u00f6chst unterschiedlichem Tempo und mit sehr verwirrenden Regelungen \u2013 und entsprechend gro\u00dfem Stress f\u00fcr Besch\u00e4ftigte, Eltern und Kinder \u2013 wird auch der Schul- und Kitabetrieb in den verschiedenen Bundesl\u00e4ndern wieder aufgenommen. Also langsam wieder alles auf normal?<\/p>\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"890\" height=\"550\" src=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/auto.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-7882\" srcset=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/auto.jpg 890w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/auto-300x185.jpg 300w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/auto-768x475.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 890px) 100vw, 890px\" \/><\/figure>\n<p><strong>Wer bezahlt die Lockerungen?<\/strong><\/p>\n<p>So ganz will sich die Post-Pandemie-Idylle dann doch nicht einstellen. Denn ein Impfstoff ist weiterhin nicht verf\u00fcgbar, w\u00e4hrend selbst konservative Institutionen wie die Weltgesundheitsorganisation WHO vor einer zweiten Infektionswelle in ganz Europa warnen, wie der europ\u00e4ische WHO-Regionaldirektor Hans Kluge am Montag in der britischen Zeitung\u00a0<em>Telegraph<\/em>\u00a0sagte.<\/p>\n<p>Und weiterhin sind in den Nachrichten t\u00e4glich auch Schlagzeilen zu h\u00f6ren, die glasklar aufzeigen: Es sind die Arbeiter*innen, die die Corona-Krise mit ihrem eigenen Gesundheitsrisiko zahlen m\u00fcssen, w\u00e4hrend die Bosse flei\u00dfig Profite scheffeln. So gab es allein der vergangenen Woche mehrere Ausbr\u00fcche von Corona in der Fleischindustrie, mit hunderten infizierten Besch\u00e4ftigten: Am Sonntag wurden 92 Arbeiter*innen im nieders\u00e4chsischen Dissen als infiziert gemeldet, vergangene Woche 211 bei Westfleisch in Coesfeld (NRW), mehr als 200 im baden-w\u00fcrttembergischen Birkenfeld, neben weiteren Betrieben. Besonders scharf f\u00e4llt ins Auge, dass es sich h\u00e4ufig um Arbeiter*innen von Subunternehmen handelt, und wie im Fall Birkenfeld h\u00e4ufig um migrantische Besch\u00e4ftigte.<\/p>\n<p>Und wenn es nicht Infektionen sind, werden Besch\u00e4ftigte mit Entlassungen, Insolvenzen und Betriebsschlie\u00dfungen bedroht. Europaweit sind laut Sch\u00e4tzungen des Europ\u00e4ischen Gewerkschaftsbundes ETUC durch Corona bereits zwischen 15 und 20 Millionen Menschen arbeitslos geworden. Die Kurzarbeitsregelungen in Deutschland verstecken diese Ziffer bisher, doch auch hier sind schon\u00a0<a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/101-millionen-in-kurzarbeit-308-000-menschen-wurden-arbeitslos-das-armutszeugnis-des-neoliberalen-sozialstaat-im-kampf-gegen-corona\/\"><strong>Hunderttausende arbeitslos geworden<\/strong><\/a>. Zudem werden die gigantischen Kurzarbeitszahlen daf\u00fcr sorgen, dass die Wirtschaftsleistung in den kommenden Monaten weiter einbricht, was weitere Entlassungswellen zur Folge haben wird. Und diejenigen, die Kurzarbeitergeld beziehen, m\u00fcssen sich auf gro\u00dfe Lohneinbu\u00dfen gefasst machen, was gerade im Niedriglohnbereich existenzbedrohend ist.<\/p>\n<p>Bundestag und Bundesrat haben vergangene Woche zwar die erwartete Erh\u00f6hung des Kurzarbeitergeldes beschlossen, jedoch werden die Staffelung auf 70 bzw. 77 Prozent ab dem vierten und 80 bzw. 87 Prozent ab dem siebten Monat weiterhin scharfe Einschnitte f\u00fcr Millionen von Besch\u00e4ftigten bedeuten. W\u00e4hrend Unternehmen mit Milliardenzahlungen \u201egerettet\u201c werden, bezahlen Arbeiter*innen daf\u00fcr aus ihrer eigenen Tasche.<\/p>\n<p>Und w\u00e4hrend der ALG-I-Bezug zwar gn\u00e4digerweise um drei Monate verl\u00e4ngert wird, gibt es immer noch keine Erh\u00f6hung der Hartz-IV-S\u00e4tze. Selbst die beschlossene Corona-Pr\u00e4mie im Pflegebereicht von einmalig 1000 Euro bleibt nur symbolisch, anstatt langfristige Lohnerh\u00f6hungen sowie alle Forderungen der Besch\u00e4ftigten im Gesundheitsbereich \u2013 ausreichend Schutzkleidung und medizinisches Material, Personalaufstockung, Eingliederung der outgesourcten Bereiche und Verbot von Privatisierungen, bis hin zur\u00a0<a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/aus-dem-krankenhaus-wir-brauchen-gewerkschaftskaempfe-keine-heroisierung\/\"><strong>Verstaatlichung<\/strong><\/a>\u00a0des gesamten Gesundheitssystems \u2013 zu gew\u00e4hrleisten. Und die 50 Millionen Euro Finanzspritze f\u00fcr die Gesundheits\u00e4mter sind angesichts der hunderte Milliarden schweren Rettungspakete nur ein schlechter Witz.<\/p>\n<p>Derweil versuchen Angela Merkel und Emmanuel Macron eine Neuauflage der Achse Berlin-Paris, um die wachsende Spaltung in der EU zwischen n\u00f6rdlichen und s\u00fcdlichen L\u00e4ndern zu \u00fcberbr\u00fccken und die geopolitische Position der EU wieder zu st\u00e4rken, die sich seit Jahren in der Krise befindet. Eine St\u00e4rkung eines europ\u00e4ischen imperialistischen Pols, die als 500 Milliarden Euro \u201eWiederaufbaufonds\u201c daher kommt. Doch ohne Gegenleistung wird das nicht kommen: Um an das Geld aus dem Topf zu kommen, m\u00fcssen die Staaten einen \u201enationalen Wiederaufbauplan\u201c sowie ein \u201eReformprogramm\u201c pr\u00e4sentieren. D.h. der \u201eWiederaufbau\u201c der Privatwirtschaft wird erneut durch massenhafte K\u00fcrzungen und Sparprogramme finanziert werden \u2013 eine Neuauflage der Troika-Politik anl\u00e4sslich der Eurokrise vor zehn Jahren. Deutschland und Frankreich werden so ihre Vormachtstellung in der EU weiter ausbauen \u2013 auf Kosten der Arbeiter*innen, der Armen und der Rentner*innen, die noch weiter ins Elend getrieben werden.<\/p>\n<p>Wie man es dreht und wendet: Die Kosten f\u00fcr Corona sollen von den Werkt\u00e4tigen bezahlt werden. Derweil freut sich das Kapital \u00fcber die Lockerungen und dr\u00e4ngt auf ein noch schnelleres Tempo. Egal ob damit eine zweite Infektionswelle riskiert wird, oder ob aufgrund von fehlenden Hygienebedingungen und insgesamt miserablen Arbeitsbedingungen das Leben von tausenden Arbeiter*innen gef\u00e4hrdet wird.<\/p>\n<p>Doch es gibt auch Gegenwehr:\u00a0<a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/tag\/streik-bei-voith-in-sonthofen\/\"><strong>Beim Metallbetrieb Voith in Sonthofen k\u00e4mpfen hunderte Kolleg*innen gegen die Schlie\u00dfung des Werks.<\/strong><\/a>\u00a0Und am Freitag traten hunderte Spargelbauern in Bornheim in den Streik, weil ihnen ihre L\u00f6hne nicht ausgezahlt wurden. Erste Anzeichen des Widerstands von Besch\u00e4ftigten gegen die Auswirkungen der Corona-Krise, die Vorzeichen sch\u00e4rferer Klassenauseinandersetzungen sein werden.<\/p>\n<p><strong>Hygienedemonstrationen: Verzweiflung auf dem N\u00e4hrboden der Krise<\/strong><\/p>\n<p>Ein wichtiges soziales Ph\u00e4nomen der letzten Wochen ist die sich ausbreitende Welle von \u201eHygienedemonstrationen\u201c. Beispielsweise folgten am vorletzten Wochenende alleine in Stuttgart 5.000 auf den Cannstatter Wasen dem Aufruf eines IT-Unternehmers. In Berlin, M\u00fcnchen und zahlreichen anderen St\u00e4dten demonstrierten weitere Hunderte gegen die \u201eLockdown\u201c-Politik der Bundesregierung. Besonders lautstark richteten sich die Protestierenden gegen die Einschr\u00e4nkung demokratischer Freiheiten wie die Versammlungsfreiheit und sprachen sich f\u00fcr die Verteidigung des Grundgesetzes aus.<\/p>\n<p>Diese Proteste stehen in einer Kontinuit\u00e4t mit den jeden Freitag am Rosa-Luxemburg-Platz in Berlin-Mitte stattfindenden Protesten, die vom Ex-Taz-Redakteur Anselm Lenz gegen das \u201eNotstandsregime\u201c initiiert wurden und sehr schnell von rechten Kr\u00e4ften und Verschw\u00f6rungstheoretiker*innen \u00fcbernommen und mittlerweile dominiert werden. Was als eine Querfront aus \u201elinken\u201c und rechten Regierungsgegner*innen begann, wurde so schnell zu einer Bewegung, in der rechte Pers\u00f6nlichkeiten und Verschw\u00f6rungstheoretiker*innen das Sagen haben, wie Ken Jebsen oder bekannte Figuren wie Xavier Naidoo und Attila Hildmann, die \u00fcber soziale Netzwerke ein Massenpublikum erreichen.<\/p>\n<p>Besonders auff\u00e4llig war bei den Demonstrationen das Verhalten der Polizei. Zwar wurden vereinzelt Personendaten aufgenommen und es gab auch tempor\u00e4re Festnahmen, jedoch erfolgte beispielsweise in Stuttgart selbst bei der offensichtlichen Nichteinhaltung des Sicherheitsabstandes kein Eingriff. Hier geht es nicht darum, Polizeieins\u00e4tze zu fordern, sondern um dieses Verhalten mit dem bei der 1. Mai \u2013 Demonstration in Berlin zu vergleichen, wo ebenfalls mehrere Tausend Menschen zusammenkamen und es zum Teil zu heftigen Polizei\u00fcbergriffen kam. Hier sieht man den Unterschied, den die verschiedenen Proteste f\u00fcr die Staatsgewalt haben: Duldung f\u00fcr die rechten \u201eHygiene-Demonstrant*innen\u201c und Repression f\u00fcr antikapitalistische Proteste.<\/p>\n<p>Von Beginn an versuchte die Bundesregierung, die Einschr\u00e4nkungen f\u00fcr die Konzerne so gering wie m\u00f6glich zu halten, w\u00e4hrend die Bev\u00f6lkerung im ganzen Land Kontakt- und Ausgangssperren auferlegt bekam. Auch die aktuell durchgef\u00fchrten Teillockerungen dienen einzig dazu, die Verluste der deutschen Konzerne so gering wie m\u00f6glich zu halten und deren Stellung auf dem Weltmarkt zu verteidigen. Diese Politik birgt jedoch die Gefahr einer zweiten, verheerenden Infektionswelle, da die notwendigen Ma\u00dfnahmen des Sicherheits- und Hygieneschutzes sowie massive Tests und ein Ausbau des Gesundheitswesens nicht mit dem Rhythmus der beschlossenen Lockerungen mithalten. Gleichzeitig werden wichtige Beschr\u00e4nkungen demokratischer Freiheiten aufrecht erhalten \u2013 ohne Kontrolle durch die Bev\u00f6lkerung oder Gegenstimmen der Opposition.<\/p>\n<p>Doch alleine dadurch l\u00e4sst sich nicht erkl\u00e4ren, wie dieses wirre Amalgam aus rechten Verschw\u00f6rungstheoretiker*innen, die besonders \u00fcber soziale Netzwerke gro\u00dfe Reichweiten erhalten, Teilen der organisierten Rechten wie der Alternative f\u00fcr Deutschland (AfD), die unter anderem in Gera an einer Hygienedemonstration teilnahm, Corona-Leugner*innen und eher unpolitischen B\u00fcrger*innen, die mit der Regierungspolitik unzufrieden sind, zustande kommt. Es sind die ersten Auswirkungen der wirtschaftlichen Krise, die den N\u00e4hrboden f\u00fcr jegliche Art reaktion\u00e4rer Tendenzen bilden, und heute ihre gr\u00f6\u00dfte soziale Basis im Kleinb\u00fcrger*innentum haben.<\/p>\n<p>Denn w\u00e4hrend die Bundesregierung Milliardenhilfen f\u00fcr die gro\u00dfen Konzerne wie BMW, Thyssen Krupp oder Adidas zusichert, m\u00fcssen Hunderttausende Kleinbetriebe im Gastronomiegewerbe, der Hotelerie, Reiseagenturen oder anderen von der Krise am direktesten getroffenen Gewerbe ohne diese Unterst\u00fctzung auskommen. Neben den Arbeiter*innen sind es die Freischaffenden, Solo- oder Scheinselbst\u00e4ndigen und kleinen Unternehmer*innen, welche die sozialen Konsequenzen der Krise direkt sp\u00fcren. In diesen Schichten der Kleinbourgeoisie machen sich Verzweiflung, Unsicherheit und Angst um die eigene Zukunft breit, welche sich dann in irrationalen oder gar reaktion\u00e4ren Ideologien niederschl\u00e4gt. Dies trifft besonders in einer Situation zu, in der die reformistischen Parteien wie die SPD oder die Linkspartei und die Gewerkschaftsf\u00fchrungen unter ihrer Kontrolle sich nicht von der Regierungspolitik abgegrenzt und eine alternative Politik gegen die Konzerne und im Interesse der breiten Massen vorgeschlagen haben.<\/p>\n<p>So jedoch reihen sich die Hygienedemonstrationen in die seit Monaten unter anderem von der Springer-Presse forcierte Kampagne der Gro\u00dfunternehmen ein, die eine schnellere Lockerung forderten, um ihre Profite zu sch\u00fctzen. Dazu geh\u00f6ren auch Aussagen wie die von Boris Palmer von den Gr\u00fcnen oder Wolfgang Sch\u00e4uble von der CDU, die das Leben der \u00e4lteren Bev\u00f6lkerung gegen\u00fcber den Profiten der Konzerne abwiegen wollten. Denn bei den Rufen nach \u201eFreiheit\u201c und der Verteidigung des Grundgesetzes geht es einzig und allein um die unternehmerische Freiheit auf Profite und die Verteidigung des Privateigentums an Produktionsmitteln. Die brutalen Eingriffe in die Grundrechte der letzten Jahre wie das Asylrecht oder die fortschreitenden Einschritte der Versammlungsfreiheit wie bei G20 interessierten sie dahingegen wenig.<\/p>\n<p><strong>Ein Programm der Arbeiter*innen<\/strong><\/p>\n<p>Die Arbeiter*innenklasse muss mit ihren Mitteln und Methoden des Streiks und der Mobilisierung unter den notwendigen Gesundheitsma\u00dfnahmen einen Ausweg auf die aktuelle Situation aufzeigen, der im Interesse der breiten Mehrheit der Bev\u00f6lkerung liegt und die unterdr\u00fcckten und von der Krise bedrohten Sektoren anf\u00fchrt. Nur ein solches Programm wird dazu in der Lage sein, reaktion\u00e4ren Ph\u00e4nomenen und einem Aufstieg der Rechten im Zuge der Krise den N\u00e4hrboden zu entziehen.<\/p>\n<p>Daf\u00fcr ist es n\u00f6tig, dass die b\u00fcrokratischen Gewerkschaftsf\u00fchrungen und die reformistischen Parteien, die selbst in Regierungsverantwortung die unternehmensfreundliche Politik durchf\u00fchren, mit ihrer selbst auferlegten Quarant\u00e4ne brechen. Die Organisationen der sozialen Bewegungen und der Arbeiter*innenklasse m\u00fcssen selbstst\u00e4ndig dar\u00fcber entscheiden k\u00f6nnen, welche Demonstrationen notwendig sind und unter welchen Bedingungen sie durchgef\u00fchrt werden k\u00f6nnen. Gegen die willk\u00fcrliche Einschr\u00e4nkung demokratischer Rechte und den Ausbau der Befugnisse f\u00fcr den Staat und die Polizei!<\/p>\n<p>Eine langsame \u00d6ffnung des gesellschaftlichen Lebens kann nur erfolgen, wenn massive Tests und ausreichend Kapazit\u00e4ten in den Gesundheits\u00e4mtern zur Verf\u00fcgung stehen, um Infektionsketten bei Neuausbr\u00fcchen einzeln verfolgen und durch selektive Ausgangssperren durchbrechen zu k\u00f6nnen. Der aktuelle Plan der Bundesregierung sieht ein solches Vorgehen bei einer Zahl von 50 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner*innen pro Landkreis vor und obwohl die Testkapazit\u00e4ten in den letzten Wochen stark erh\u00f6ht wurden, gibt es immer noch keine massiven Tests, die das tats\u00e4chliche Ausbreitungsgeschehen \u00fcberpr\u00fcfbar machen lie\u00dfen. Massive Tests, kostenlose Masken und Investitionen in die Gesundheits\u00e4mter sind die Grundvoraussetzung f\u00fcr weitere Lockerungen.<\/p>\n<p>Doch auch mit diesen Ma\u00dfnahmen ist eine zweite Infektionswelle mit verheerenden Folgen m\u00f6glich, solange kein Impfstoff gefunden wurde. Es braucht massive Investitionen in die Impfstoffforschung und die l\u00e4nder\u00fcbergreifende Zentralisierung und Verstaatlichung der Forschung, damit nicht die Profitgier und die Konkurrenz eine schnelle und kostenlose Freigabe des Impfstoffs verhindert, wie es die Auseinandersetzungen um den franz\u00f6sischen Pharmakonzern Sanofi erahnen l\u00e4sst, der ank\u00fcndigte, zuerst die USA zu beliefern. Au\u00dferdem ist ein massiver Ausbau des Gesundheitswesens und ein Ende der neoliberalen Profitlogik n\u00f6tig: F\u00fcr die Verstaatlichung des gesamten Gesundheitswesens und Milliarden in Krankenh\u00e4user und Personal statt f\u00fcr Konzerne.<\/p>\n<p>Welche Sicherheits- und Hygienema\u00dfnahmen notwendig sind, um die Arbeit wieder aufzunehmen, m\u00fcssen gew\u00e4hlte Kommissionen der Besch\u00e4ftigten selbst entscheiden, um die Kontrolle und Gew\u00e4hrleistung ihrer Gesundheit in ihre eigenen H\u00e4nde zu nehmen, anstatt sie der Profitlogik der Bosse zu \u00fcberlassen. Diese Kommissionen sollten auch demokratisch entscheiden, was und wie \u00fcberhaupt produziert wird, um in der Krise die nicht-wesentliche Produktion umzustrukturieren, um die notwendigen Kapazit\u00e4ten f\u00fcr die Bereitstellung aller n\u00f6tigen medizinischen und sonstigen G\u00fcter zur \u00dcberwindung der Pandemie zu garantieren.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend den Dax-Konzernen Milliardenhilfen versprochen werden, m\u00fcssen die Arbeiter*innen durch Entlassungen und Kurzarbeit f\u00fcr die Kosten der Krise aufkommen. Entlassungen und Kurzarbeit m\u00fcssen in der Krise verboten werden und jedes Unternehmen, das entl\u00e4sst oder Kurzarbeit anmeldet, unter Arbeiter*innenkontrolle verstaatlicht werden. Anstelle von Kurzarbeit m\u00fcssen die Unternehmen f\u00fcr die vollst\u00e4ndige Lohnfortzahlung aufkommen und eine Weiterbesch\u00e4ftigung sicherstellen. Um gegen die drohende Massenarbeitslosigkeit vorzugehen, muss die gesamte Arbeit auf alle Schultern aufgeteilt werden und die Arbeitszeit ohne Lohneinbu\u00dfen gek\u00fcrzt werden. F\u00fcr die kleinen Unternehmer*innen, Selbst\u00e4ndige oder Freischaffende, die im Zuge der Krise ohne Besch\u00e4ftigung geblieben sind, muss der Staat ein aus Verm\u00f6genssteuern finanziertes Coronageld sicherstellen.<\/p>\n<p><strong>Vorboten des Widerstandes<\/strong><\/p>\n<p>W\u00e4hrend das Kapital versucht, mit Entlassungen und Umstrukturierungen die Kosten der Krise auf die Arbeiter*innen abzuw\u00e4lzen, gibt es erste Anzeichen von Abwehrk\u00e4mpfen: Die Besch\u00e4ftigten von Voith in Sonthofen wehren sich gegen die Schlie\u00dfung ihres Werkes. Die Metallindustrie befindet sich in einem langen Strukturwandel, der durch Corona und Handelskriege dramatischer wird. Hunderttausende oder gar Millionen von Arbeiter*innen k\u00f6nnten in den n\u00e4chsten Jahren ihre Jobs verlieren oder unter schlechteren Bedingungen besch\u00e4ftigt werden, so auch gerade bei Karstadt oder TUI.<\/p>\n<p>Jahrelang waren intensive Arbeitsk\u00e4mpfe in Deutschland eher eine Ausnahme, weil das Kapital seine Angriffe auf die Arbeiter*innen scheibchenweise mit Hilfe der Gewerkschaftsb\u00fcrokratie durchf\u00fchrte. Dahingegen stellen die jetzigen Entlassungen, Kurzarbeit und Lockerungen unter unverantwortlichen Bedingungen Angriffe auf gro\u00dfe Teile der Arbeiter*innenklasse dar, welche dazu gedr\u00e4ngt wird, nach kollektiven Antworten zu suchen.<\/p>\n<p>Sonthofen, Allg\u00e4u: Seit dem 23. April sind die Besch\u00e4ftigten des Getriebewerkes Voith Turbo (BHS) im unbefristeten Streik gegen die Schlie\u00dfung des Werkes. Alle Infos zum Arbeitskampf, Stimmen vor Ort und Solidarit\u00e4tsbotschaften, inklusive Hintergrundartikeln aus unserm Streikdossier,\u00a0<a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/tag\/streik-bei-voith-in-sonthofen\/\"><strong>gibt es hier<\/strong><\/a>.<\/p>\n<p>Wegen der Nicht-Zahlung der L\u00f6hne\u00a0<a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/rumaenische-erntehelferinnen-bestreiken-spargelbetrieb-in-bornheim\/\"><strong>traten die rum\u00e4nischen Erntearbeiter*innen in Bornheim in den wilden Streik<\/strong><\/a>. Und bei Voith in Sonthofen blockierten die Besch\u00e4ftigten die Werkstore mit Maschinen und ihren eigenen Autos. Es sind radikale Ma\u00dfnahmen, welche die Arbeiter*innenbewegung in Deutschland in den letzten Jahren selten gesehen hat. Damit sie erfolgreich sein k\u00f6nnen, braucht es eine Ausweitung mit Solidarit\u00e4tsstreiks, daf\u00fcr wiederum eine antib\u00fcrokratische Organisierung der Belegschaften in den Gewerkschaften, welche eine kompromisslose Alternative zur Sozialpartnerschaft darstellt.<\/p>\n<p>Auch wenn die Lockerungen den Anschein machen, dass das Land zur Normalit\u00e4t zur\u00fcckkehrt, wird Corona drastische \u00c4nderungen hinterlassen, dessen Grundlagen aber mit der Fragmentierung der Arbeiter*innenklasse, der schwelenden Krise der Industrie und den Verwerfungen des Weltsystems schon vorher bestanden und sich weiter vertiefen. Heute sind es rechte Ph\u00e4nomene wie die Hygiene-Demos, die behaupten, eine Antwort zu geben. Aber wenn die Arbeiter*innen vereinigt die gro\u00dfe B\u00fchne des Klassenkampfes betreten, k\u00f6nnen sie zur dynamischsten Kraft aufsteigen und ihre Forderungen durchsetzen. Heute gibt es noch keine Avantgarde im Sinne von Sektoren, die bewusst versuchen, in die bundesweiten politischen Debatten einzugreifen und den Dialog mit anderen Teilen der Klasse zu f\u00fchren. Doch wenn es den Besch\u00e4ftigten bei Voith oder in anderen Arbeitsk\u00e4mpfen gelingt, diesen Weg zu gehen und die Ketten der l\u00e4hmenden Gewerkschaftsb\u00fcrokratie abzusch\u00fctteln, k\u00f6nnen sie zum Hoffnungsschimmer von Millionen von Arbeiter*innen in Deutschland und weltweit aufsteigen.<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/wirtschaftshilfen-hygiene-demos-und-streiks-jetzt-geht-es-darum-wer-die-corona-rechnung-zahlt\/\"><em>klassegegenklasse.org&#8230;<\/em><\/a><em> vom 23. Mai 2020<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>W\u00e4hrend Regierung, Kapital und rechte &#8222;Hygiene-Demos&#8220; immer schnellere Lockerungen fordern, sollen Arbeiter*innen die Kosten tragen. 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