{"id":7901,"date":"2020-05-25T11:03:06","date_gmt":"2020-05-25T09:03:06","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=7901"},"modified":"2020-05-25T11:03:35","modified_gmt":"2020-05-25T09:03:35","slug":"kapital-gemeingueter-und-soziale-reproduktion","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=7901","title":{"rendered":"Kapital, Gemeing\u00fcter und soziale Reproduktion"},"content":{"rendered":"<p><em>Juana Runa. <\/em><strong>Die Akademikerin Silvia Federici ist eine der wichtigsten linken Intellektuellen des 20. Jahrhunderts und starke Bezugsfigur der weltweiten Frauenbewegung. Welche Beitr\u00e4ge macht Federici f\u00fcr einen sozialistischen Feminismus \u2013 und an welchen Stellen<!--more--> braucht es einen politischen Gegenentwurf, um tats\u00e4chlich den patriarchalen Kapitalismus zu \u00fcberwinden? Einige \u00dcberlegungen von unserer Autorin Juana Runa von der sozialistischen Frauengruppierung&nbsp;<em>Brot und Rosen<\/em>&nbsp;in Bolivien.<\/strong><\/p>\n<p>In den letzten Jahren waren wir Zeugen des Entstehens der Frauenbewegung in der ganzen Welt und insbesondere in unserer Region. Dieses Ph\u00e4nomen stellt Frauen als Protagonistinnen verschiedener K\u00e4mpfe nicht nur f\u00fcr die Durchsetzung geschlechtsspezifischer Forderungen wie das Recht auf Abtreibung, das Recht auf NiUnaMenos, auf gleiche Arbeitsbedingungen wie die M\u00e4nner usw., sondern auch verschiedener K\u00e4mpfe gegen Extraktivismus und die Enteignung von Territorien und ihrer nat\u00fcrlichen Ressourcen (= Zerst\u00f6rung und Ausbeutung der nat\u00fcrlichen Ressourcen) durch transnationales Kapital, gegen brutale Anti-Migrationsma\u00dfnahmen und andere.<\/p>\n<p>In diesem Szenario \u00fcbernahmen einige Sektoren, Kollektive und Gruppen der heterogenen Frauenbewegung verschiedene theoretische Formulierungen von Silvia Federici und machten sie zu einer unumg\u00e4nglichen Referenz f\u00fcr das Nachdenken \u00fcber eine Welt jenseits des Kapitalismus.<\/p>\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"800\" height=\"450\" src=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/marx.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-7902\" srcset=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/marx.jpg 800w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/marx-300x169.jpg 300w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/marx-768x432.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 800px) 100vw, 800px\" \/><\/figure>\n<p>Insbesondere in Bolivien liegt die Bedeutung Federicis in ihrem intellektuellen Bem\u00fchen, die Verteidigung der kommunalen L\u00e4ndereien mit geschlechtsspezifischen Forderungen und aus einer feministischen Perspektive zu verbinden, die die Frage der sozialen Reproduktion in den Mittelpunkt der Diskussion stellt. Diese Verbindung zwischen den Territorien, den Gemeing\u00fctern und dem Kampf um die Aufwertung der \u201ereproduktiven Arbeit\u201c wird von verschiedenen anderen Kollektiven aufrechterhalten, wenn wir die Bedeutung der Gemeinschaften in unserem Land ber\u00fccksichtigen, in dem mehr als 23 Millionen Hektar als Gemeindeland (Allmende) anerkannt sind.<\/p>\n<p>In den folgenden Zeilen er\u00f6rtern wir einige der zentralen Achsen von Federicis Arbeit zum Feminismus und zur Politik der \u201eCommons\u201c (Gemeing\u00fcter).<\/p>\n<p><strong>Einige von Federicis theoretischen Thesen<\/strong><\/p>\n<p>Federici erkl\u00e4rt, wie durch die vom Internationalen W\u00e4hrungsfonds und der Weltbank w\u00e4hrend des Neoliberalismus gef\u00f6rderten Strukturanpassungspl\u00e4ne Mechanismen durchgesetzt wurden, die nicht nur zur Pl\u00fcnderung der Bev\u00f6lkerung durch die Vergesellschaftung der Schulden f\u00fchrten, sondern auch zur Schaffung neuer Einhegungen<a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/kapital-gemeingueter-und-soziale-reproduktion-ein-gegenentwurf-zu-den-ausfuehrungen-von-silvia-federici\/#sdfootnote1sym\"><strong><sup>1<\/sup><\/strong><\/a>&nbsp;f\u00fcr Gemeing\u00fcter, die aus der Landprivatisierung und der daraus folgenden Zerst\u00f6rung von Gewohnheitsrechten, kommunalen Ordnungen der Landnutzung und Formen der Subsistenz resultierten. Auf diese Weise w\u00e4re die urspr\u00fcngliche Akkumulation f\u00fcr Federici ein permanenter und kontinuierlicher Prozess und nicht auf einen bestimmten historischen Moment beschr\u00e4nkt, wie Marx feststellte.<\/p>\n<p>In diesem Szenario betrachtet sie die Verteidigung des Gemeingutes als einer Form des Widerstands, die die M\u00f6glichkeit einer alternativen Gesellschaft zum Kapitalismus skizziert. Die Grundlage daf\u00fcr sind die Beziehungen der Solidarit\u00e4t und Zusammenarbeit, die es erlauben, Raum und Zeit auf eine andere, nicht kapitalistische Weise neu zu definieren. Zu diesem Zweck stellt sie die Frage der sozialen Reproduktion in den Mittelpunkt der Diskussion und versteht, dass sie der sozialen Produktion vorausgeht und dass Frauen historisch mit reproduktiver Arbeit verbunden sind. In diesem Sinne wird der Widerstand von Frauen und Gemeinschaften gegen dPrivatisierungen auch ein Widerstand gegen die Enteignung von Wissen, Know-how und einer ganzen Kultur, die sich \u00fcber Jahrhunderte um diese reproduktive Arbeit herum aufgebaut hat. Auf diese Weise bekr\u00e4ftigt sie, dass&nbsp;<strong>der Kapitalismus bankrott ist und ersetzt werden muss<\/strong>.<\/p>\n<p>Daraus folgert sie, dass die reproduktive Arbeit die materielle Grundlage unseres Lebens und der erste Grund und Boden ist, auf dem wir unsere F\u00e4higkeit zur Selbstverwaltung aus\u00fcben k\u00f6nnen. Mit dieser Vision scheint Federici uns zu einer Revolution einzuladen, zum \u201eNullpunkt der Revolution\u201c, die sich aus der Sph\u00e4re des H\u00e4uslichen und Allt\u00e4glichen heraus entfaltet.<\/p>\n<p><strong>Alternativismus als explizite Negation der Strategie<\/strong><\/p>\n<p>Mit dieser Vision legt Federici den Grundstein f\u00fcr ein Konzept von Politik, das die Frauen als zentrales Subjekt haben wird, denn sie sind es, die in der ganzen Welt den gr\u00f6\u00dften Anteil an reproduktiver Arbeit leisten. Eine feministische Politik w\u00e4re also die, die die Zeit der Arbeit der sozialen Reproduktion nicht von der Zeit der politischen Organisation trennten. Die Aktivit\u00e4ten des Widerstandes sind bereits Ausdruck einer neuen Form des politischen Handelns,&nbsp;<strong>autonom<\/strong>&nbsp;und nicht auf den Staat bezogen.<\/p>\n<p>Politik, verstanden als die \u00f6ffentliche T\u00e4tigkeit mit Bezugnahme auf den Staat, wird vom Sozialen einverleibt, was zu einem alternativen Politikbegriff f\u00fchrt. Auf diese Weise ist Federici Teil einer Str\u00f6mung, die in der politischen und akademischen Welt als Autonomismus oder Alternativismus bezeichnet wird. Sie stellt sich das Denken alternative R\u00e4ume der Verwaltung des Gemeinsamen und an neue soziale Beziehungen mit egalit\u00e4rem Inhalt als Ziel. In ihrer Arbeit gibt sie uns einige Beispiele daf\u00fcr. Ausgehend von ihren Erfahrungen in Afrika erz\u00e4hlt sie, wie Frauen, die ihres Landes und ihrer lebensnotwendigen G\u00fcter beraubt wurden, um ihre soziale Reproduktion zu gew\u00e4hrleisten, gezwungen sind, die Fl\u00e4chen am Rande von Eisenbahnschienen oder Autobahnen zu bewirtschaften und sich \u00f6ffentlichen Raum und verf\u00fcgbare Fl\u00e4chen \u201ewieder anzueignen\u201c, um Nahrungsmittel f\u00fcr ihren Lebensunterhalt zu produzieren. Sie nennt den Fall Argentiniens, wo angesichts der Krise von 2001 in den Nachbarschaften Tauschhandelsmechanismen und andere Formen der Subsistenzwirtschaft entwickelt wurden. Oder die st\u00e4dtischen G\u00e4rten (was sie als \u201eRurbanisierung\u201c bezeichnet) in einigen Stadtvierteln in St\u00e4dten der Vereinigten Staaten, um Nahrungsmittel f\u00fcr den eigenen Verbrauch zu produzieren. Diese Erfahrungen, die Federici als Grenzen des Kapitals beschreibt, w\u00e4ren Ausdruck des Widerstands gegen das Kapital und Tr\u00e4ger nicht-kapitalistischer sozialer Beziehungen.<\/p>\n<p>F\u00fcr diese theoretische Konstruktion erzwingt Federici bei Marx eine Trennung zwischen reproduktiver und produktiver Arbeit und ignoriert dabei, dass diese Teilung dem Marxismus fremd ist, da die Untersuchungen im&nbsp;<em>Kapital<\/em>&nbsp;bei Marx eine Untersuchung der kapitalistischen Form der&nbsp;<strong>sozialen Reproduktion als ein organisches Ganzes<\/strong>&nbsp;ist. Die Trennung zwischen produktiver und reproduktiver Arbeit erscheint in Federici als eine \u00dcbersetzung der vom b\u00fcrgerlichen Recht geschaffenen Konzepte des Privatrechts und des \u00f6ffentlichen Rechts. Die begriffliche Trennung zwischen Produktion und Reproduktion ist ein gro\u00dfes Missverst\u00e4ndnis, das uns daran hindert, die Mechanismen der Reproduktion des Kapitals und sogar den Grund f\u00fcr die Mechanismen der Enteignung zu sehen, die jedes Mal dann in Gang gesetzt werden, wenn eine Sph\u00e4re entsteht, die daf\u00fcr empf\u00e4nglich ist, f\u00fcr das Kapital aufgewertet zu werden. Dieser Fehler veranlasst sie zu der Behauptung, dass die Reproduktions- und Pflegearbeit im h\u00e4uslichen Bereich auf verschleierte Weise zur Produktion von Mehrwert f\u00fcr das Kapital beitr\u00e4gt und dass diese Arbeit daher der Schl\u00fcssel zum Verst\u00e4ndnis des Ph\u00e4nomens der urspr\u00fcnglichen Kapitalakkumulation w\u00e4re, die von Marx nicht in Betracht gezogen worden w\u00e4re. Sie kritisiert den Marxismus daf\u00fcr, dass er zur Unsichtbarmachung dieser Arbeit und seiner Stigmatisierung als \u201eunproduktiv\u201c beigetragen habe. Nun, dass die reproduktive Arbeit aus der Sicht des Kapitals nicht als produktiv oder n\u00fctzlich angesehen wird, bedeutet keineswegs, dass sie f\u00fcr den Marxismus auch nutzlos oder wertlos ist, sondern vielmehr, dass all diese Arbeit in den Dienst des Kapitals gestellt wird, wobei das Gravitationszentrum zur Gew\u00e4hrleistung ihrer Reproduktion (des Kapitals) die Ausbeutung der lebenden Arbeitskraft ist, die Tauschwerte produziert. Somit ist die Kategorie des Wertes bei Marx keine moralische Kategorie, wie Federici vorgibt, sie zu definieren, da es sich um eine Kategorie handelt, auf die sich das Kapital bezieht. F\u00fcr das Kapital wird die produktive Arbeit alles sein, was es m\u00f6glich macht, dieses Kapital zu vermehren und aufzuwerten.<\/p>\n<p>Diesen letzten Punkt wollen wir an einem Beispiel verdeutlichen. Die Arbeit, die zu Hause bei der Zubereitung einer bestimmten Mahlzeit f\u00fcr den Verzehr durch die Familie geleistet wird, d.h. die als Gebrauchswert am selben Ort ihrer Produktion ersch\u00f6pft wird, w\u00e4re f\u00fcr das Kapital eine unproduktive Arbeit und ohne \u201eWert\u201c. Dieselbe Arbeit w\u00e4re jedoch, wenn sie in einem Restaurant oder einer Pension verrichtet wird und f\u00fcr den Austausch auf dem Markt bestimmt ist, eine produktive und wertsch\u00f6pfende Arbeit, da sie die Wertsicherung des Kapitals erm\u00f6glicht, das sie in Gang gesetzt hat. Wie wir hier sehen, gibt es keine moralische Wertung, ob sie n\u00fctzlich ist oder nicht. Vielmehr gibt es eine Kategorie, die es uns erlaubt zu verstehen, wie die Prozesse der kapitalistischen Akkumulation funktionieren.<\/p>\n<p>Mit dieser Vision des Reproduktiven kann die konzeptuelle Struktur Federicis keine Ph\u00e4nomene ber\u00fccksichtigen, die wir als paradox bezeichnen k\u00f6nnten. Ein Beispiel daf\u00fcr ist das, was sich in den Allmenden in den Quinoa-produzierenden Regionen ereignet hat, eine T\u00e4tigkeit, die historisch gesehen in den H\u00e4nden von Frauen lag und im Wesentlichen f\u00fcr den Selbstkonsum bestimmt war, und die sich allm\u00e4hlich in produktive Arbeit f\u00fcr den Weltmarkt verwandelt hat. Ein Teil dieses Prozesses brachte das Ph\u00e4nomen der Landnahme durch dieselben Gemeindemitglieder ans Licht, obwohl die Rechtsformen des Landbesitzes nach wie vor kollektiv sind. Wie wir sehen, ist das Kommunale nicht von Natur aus antikapitalistisch, sondern ihm kann je nach den Reproduktionsbed\u00fcrfnissen des Kapitals eine neue Bedeutung zugeschrieben werden. Dieser Prozess entbehrt auch des Geschlechts der Subjekte, die diese Transformation des Reproduktiven ins Produktive vollziehen. Die Theorie Federicis verliert an Erkl\u00e4rungskraft, wenn wir zum Beispiel das Ph\u00e4nomen der Privatisierung oder Parzellierung von Gemeindeland beobachten, das von denselben Gemeinschaften oder einem Teil von ihnen durchgef\u00fchrt wird. Dies ist der Fall im&nbsp;<em>ayllu<\/em>&nbsp;(Eine Dorfgemeinschaft mit Clanstruktur, Anm. d. \u00dc.) Quila Quilla der Qhara Qhara Nation, wo eine interne Auseinandersetzung dar\u00fcber stattfindet, ob die kollektive Rechtsform beibehalten werden oder individuelle Landtitel zugeschrieben werden sollen.<\/p>\n<p>Ein zweites Problem, das sich aus dieser Vision ergibt, hat mit der Behauptung zu tun, dass die urspr\u00fcngliche Akkumulation des Kapitals nicht auf einen bestimmten historischen und geographischen Moment beschr\u00e4nkt w\u00e4re, sondern dass dies ein kontinuierlicher und dauerhafter Prozess w\u00e4re, damit sich das Kapital weiterhin reproduzieren kann. Diese Vision \u00fcber die Mechanismen der Enteignung und Akkumulation des Kapitals ist ein dehistorisierter Blick, der es verhindert, den Grund f\u00fcr die Ausweitung und intensive Verallgemeinerung der kapitalistischen sozialen Produktionsverh\u00e4ltnisse in praktisch allen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens im 20. Jahrhunderts zu erkl\u00e4ren. Ebenso \u00fcbersetzt sich diese Vision Federicis der urspr\u00fcnglichen Kapitalakkumulation als permanentes Ph\u00e4nomen auf der fundamentalen Grundlage der Enteignung (von Gemeindeland und Ressourcen und\/oder durch Verschuldung) in eine Vision, in der Kapital nur auf der Grundlage der Einschlie\u00dfung nicht-kapitalistischer G\u00fcter und Reicht\u00fcmer produziert\/reproduziert werden konnte. Auf diese Weise entwertet sie schlie\u00dflich die internen Mechanismen der Reproduktion des Kapitals auf der Grundlage der Gewinnung von Mehrwert aus der Arbeitskraft in dem vom Kapital kontrollierten Arbeitsprozess. Dies f\u00fchrt dazu, dass man nicht versteht, was das Gravitationszentrum der kapitalistischen Produktionsweise ist und was daher der Mechanismus w\u00e4re, um sie zu zerst\u00f6ren.<\/p>\n<p>Drittens sieht Federici in Marx ein vermeintliches Vertrauen in den \u201efortschrittlichen\u201c Charakter der Technologie, Entwicklung und der kapitalistischen Produktionsweise. Der Autorin zufolge hatte Marx erhofft und erwartet, dass der technologische Fortschritt, d.h. die Tendenz zum Anstieg der organischen Zusammensetzung des Kapitals, automatisch als endg\u00fcltig zum Kommunismus f\u00fchren w\u00fcrde. Marx\u2018 Werk ist jedoch sehr weit davon entfernt, die Technologie als einen unabh\u00e4ngigen und autonomen Faktor zu verstehen, sondern konzentriert sich auf die Analyse der sozialen Produktionsverh\u00e4ltnisse im Kapitalismus.<\/p>\n<p>Federici befasst sich in mehreren Teilen ihres Werkes mit dem zerst\u00f6rerischen Verh\u00e4ltnis des Kapitalismus zur Natur und \u00d6kologie und kritisiert Marx\u2018 angebliche Vision des fortschrittlichen Charakters des Kapitalismus. Die Tatsache, dass es keine Hinweise auf Marx\u2018 Behauptung und auf die marxistische Auffassung gibt, dass der Kapitalismus auf dem \u201emetabolischen Bruch\u201c der Beziehungen des Menschen zur Natur beruhte, zeigt eine einseitige oder zumindest unvollst\u00e4ndige Vision von Marx. Das Konzept des metabolischen Bruchs zwischen Mensch und Natur, das Marx 1844 formulierte<a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/kapital-gemeingueter-und-soziale-reproduktion-ein-gegenentwurf-zu-den-ausfuehrungen-von-silvia-federici\/#sdfootnote2sym\"><strong><sup>2<\/sup><\/strong><\/a>, ist zentral f\u00fcr das Verst\u00e4ndnis der r\u00e4uberischen Rolle des Kapitalismus f\u00fcr Natur und Mensch, dem er laut Federici wenig Bedeutung beizumessen scheint. Ebenso ist dieses Konzept in einer Zeit, in der die \u00f6kologische Krise zur Zerst\u00f6rung des Planeten f\u00fchrt und das Leben unserer Spezies bedroht, grundlegend f\u00fcr das Verst\u00e4ndnis des Bruchs des Menschen mit sich selbst, durch die Entfremdung seiner selbst, seiner Verdinglichung und damit seiner Entmenschlichung. Der durch die kapitalistische Gro\u00dfindustrie verursachte metabolische Bruch mit der Natur ist f\u00fcr den Marxismus nicht nur ein Konzept, sondern ein zu l\u00f6sendes politisches Problem, dessen Voraussetzung die Beendigung der kapitalistischen Produktionsverh\u00e4ltnisse ist.<\/p>\n<p>Schlie\u00dflich und als viertes Element ist die Idee der sozialen Klassen zu problematisieren, da f\u00fcr Federici die Subjekte, die sich dem Vormarsch des Kapitals widersetzen, nicht die Lohnabh\u00e4ngigen w\u00e4ren, sondern sich dieses Konzept auf Frauen, Gefl\u00fcchtete, Obdachlose, Banditen und alle Opfer der kapitalistischen Auspl\u00fcnderung und Ausbeutung erstrecken w\u00fcrde. Mit Beitr\u00e4gen aus den Formulierungen von Franz Fanon und ihrem eigenen Beitrag mit&nbsp;<em>Caliban und der Hexe<\/em>&nbsp;versucht sie, andere gesellschaftliche Themen sichtbar zu machen, die durch die theoretische Konstruktion des Marxismus und seine proletarische Zentralit\u00e4t unsichtbar gemacht w\u00fcrden. Mit diesen Beitr\u00e4gen bringt sie mit ihren Worten erneut zum Ausdruck, dass die Erfahrung der Kolonien ein \u00dcberdenken des Marxismus als Ganzes erfordert, damit er entweder neu formuliert wird, um die Erfahrungen von 75% der Weltbev\u00f6lkerung, die keine Proletarier*innen sind, einzubeziehen, oder er w\u00fcrde aufh\u00f6ren, eine befreiende Kraft zu sein und eher \u201ezu einem Hindernis f\u00fcr diese werden\u201c. Sie kann jedoch weder den Strukturwandel der Arbeiter*innenklasse in den letzten Jahrzehnten erkl\u00e4ren, wobei heute mehr als 40% der entlohnten Arbeitskr\u00e4fte weiblich sind, noch das Wachstum derselben Arbeiter*innenklasse, die heute in sozialer Hinsicht zahlenm\u00e4\u00dfig viel gr\u00f6\u00dfer ist als zu den Zeiten, als Fanon sein Werk schrieb. Mit ihrer Vision verw\u00e4ssert Federici, die nicht versteht, was das Gravitationszentrum des Kapitalismus ist, schlie\u00dflich das Subjekt das aufgrund seiner strategischen Position in der Produktion, der Verteilung von G\u00fctern und ganz allgemein im Funktionieren der gesamten kapitalistischen Gesellschaft (Dienstleistungen, Finanzen usw.) den endg\u00fcltigen Schlag gegen das Gravitationszentrum des Kapitalismus ausl\u00f6sen k\u00f6nnte. Es ist diese strategische Position, die den Aufbau einer antikapitalistischen Hegemonie \u00fcber jene 75% erm\u00f6glichen k\u00f6nnte, die laut ihr f\u00fcr den Marxismus unsichtbar w\u00e4ren. Die M\u00f6glichkeit, Hegemonie aus dem Herzen der kapitalistischen Produktionsweise heraus aufzubauen, ist diejenige, die es erlaubt, eine Strategie zu schmieden, um den Kapitalismus zu besiegen und nicht \u201ealternativ\u201c mit ihm zu leben.<\/p>\n<p>F\u00fcr Federici hingegen basiert der Kampf gegen den Kapitalismus auf dem Kn\u00fcpfen von Netzen von Solidarit\u00e4ts- und Widerstandsaktionen, auf einer Politik, die sich nicht auf den Staat bezieht und die daher als Alternative zum Kapitalismus aufgebaut werden soll; das hei\u00dft, es ist eine Logik des&nbsp;<strong>absoluten Widerstands<\/strong>, eine ausdr\u00fcckliche Ablehnung jeder Strategie, die den Sturz der kapitalistischen Gesellschaft als politisches Ziel anstrebt. Mit anderen Worten: eine Strategie, um den Moment finden, um vom Widerstand zur Offensive \u00fcberzugehen. Der Kampf gegen den Kapitalismus, dem dieser politische Motor entzogen wurde, r\u00fcckt dann in den Bereich der Moral als einer Pflicht \u201eauf Leben und Tod\u201c<a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/kapital-gemeingueter-und-soziale-reproduktion-ein-gegenentwurf-zu-den-ausfuehrungen-von-silvia-federici\/#sdfootnote3sym\"><strong><sup>3<\/sup><\/strong><\/a>.<\/p>\n<p>Abschlie\u00dfend k\u00f6nnen wir sagen, dass Federici, obwohl sie ein sehr spezifisches Konzept der Beziehung zwischen Gemeing\u00fctern, reproduktiver Arbeit und der Rolle der Frau in dieser Arbeit entwickelt, mit anderen Str\u00f6mungen des autonomen Denkens eine gemeinsame Vision teilt, wie dem Kapitalismus begegnet werden kann \u2013 den Alternativismus \u2013 , indem sie vom Kapital geschaffene Situationen wie die Subsistenzproduktion idealisiert und dieses Bed\u00fcrfnis zu einer Tugend macht. Der Kampf gegen den Kapitalismus h\u00f6rt auf, ein erreichbares politisches Ziel zu sein und wird nur noch zu einer moralischen Richtlinie f\u00fcr den Widerstand.<\/p>\n<p><strong>Die wachsende strategische Rolle der arbeitenden Frauen<\/strong><\/p>\n<p>Wir stimmen mit Federici \u00fcberein, dass Frauen eine entscheidende Rolle im Kampf gegen den Kapitalismus spielen k\u00f6nnen und m\u00fcssen. Das m\u00e4chtige Aufbegehren von Millionen von Frauen auf der ganzen Welt, die das Patriarchat auf den Stra\u00dfen in Frage stellen, verletzte Grundrechte wie die Kontrolle \u00fcber unseren eigenen K\u00f6rper und Forderungen, die sich auf den wirtschaftlichen und sozialen Bereich erstrecken, fordern, ver\u00e4ndert die politischen Agenden in verschiedenen L\u00e4ndern. Dieses Erwachen vollzieht sich jedoch in einem Szenario, in dem durch den Vormarsch des Kapitals in mehreren Bereichen w\u00e4hrend des neoliberalen Zyklus neben der Fragmentierung, die die Arbeit der Lohnabh\u00e4ngigen prek\u00e4rer und flexibler gemacht hat, auch die Mechanismen der Enteignung und Privatisierung versch\u00e4rft wurden, wodurch die Diskussion \u00fcber die reproduktive Arbeit, sowohl der Lohnabh\u00e4ngigen als auch der Nicht-Lohnabh\u00e4ngigen, in den Vordergrund ger\u00fcckt wurde. Die zunehmende Privatisierung von Dienstleistungen, die mit der sozialen Reproduktion des Lebens selbst verbunden sind (wie Gesundheit, Bildung, soziale Sicherheit usw.), f\u00f6rdert den Widerstand nicht nur von Seiten der Lohnarbeiter*innen, sondern auch aus den Gemeinden, Slums usw.<\/p>\n<p>All diese Ver\u00e4nderungen geben Frauen&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.laizquierdadiario.com\/Con-los-ojos-de-las-mujeres\"><strong>eine privilegierte, strategische und gef\u00e4hrliche Position<\/strong><\/a>. Das hei\u00dft, ein Ort der \u201eBr\u00fccke\u201c zwischen der reproduktiven und der produktiven Sph\u00e4re \u2013 getrennt durch den Kapitalismus \u2013 und der M\u00f6glichkeit f\u00fcr Frauen, eine strategische Rolle im Kampf f\u00fcr die Einheit der Arbeiter*innenklasse und gegen den Kapitalismus und das Patriarchat zu spielen, um jene k\u00fcnstliche, von der kapitalistischen Gesellschaft selbst verursachten Trennung zwischen der reproduktiven und der produktiven Sph\u00e4re, zwischen dem \u00d6ffentlichen und dem Privaten, zwischen dem Sozialen und dem Politischen, zwischen der Gewerkschaft und der Politik zu \u00fcberwinden.<\/p>\n<p>Diese \u201eBr\u00fccke\u201c erh\u00f6ht die Bedeutung, dass sich die Arbeiter*innenklasse die geschlechtsspezifischen Forderungen zu eigen macht, die im 20. Jahrhundert aufgrund der konservativen und mitschuldigen Rolle des Stalinismus und der Gewerkschaftsb\u00fcrokratien, die an blo\u00dfe tarifliche und gewerkschaftliche Forderungen gew\u00f6hnt sind, im Wesentlichen nicht als Forderungen der Klasse ber\u00fccksichtigt wurden. Heute m\u00fcssen sie als Klassenforderungen betrachtet werden, die das Fundament daf\u00fcr legen, dass die Frauen zum Treibstoff werden, der die gro\u00dfen Trennungen zwischen den Arbeiterinnen und Arbeitern, die sich in den letzten Gr\u00e4ben des Gewerkschaftswesens und Syndikalismus noch wehren, zu \u00fcberwinden, in dem letztere aus ihrer Lethargie herausgezogen werden.<\/p>\n<p>Wenn die Frauenbewegung heute in die Fabriken, Unternehmen, Werkst\u00e4tten und anderen Hebel der kapitalistischen Wirtschaft eindringt, kann sie die politische Wiederbelebung der Arbeiter*innenbewegung herbeif\u00fchren. Diese Situation wirft auch die M\u00f6glichkeit auf, dass Frauen nicht mehr nur als Opfer einer doppelten, dreifachen Unterdr\u00fcckung angesehen werden, sondern dass wir von den Vertretern der kapitalistischen Gesellschaft, der Gewerkschaftsb\u00fcrokratie usw. allm\u00e4hlich als gef\u00e4hrliche Subjekte betrachtet werden.<\/p>\n<p>Aus dieser Perspektive k\u00e4mpfen und f\u00f6rdern wir die Organisierung und Mobilisierung der Arbeiterinnen, weil wir gemeinsam mit unseren Kollegen die F\u00e4den der Weltwirtschaft innehalten und weil wir es sind, die eine Perspektive des antikapitalistischen Kampfes als politisches Ziel s\u00e4en k\u00f6nnen, weil wir die M\u00f6glichkeit haben, die gesamte Arbeiter*innenklasse, nicht mehr von ihrer eigenen Reproduktion getrennt, in einem revolution\u00e4ren Sinn zu verwandeln.<\/p>\n<p>Kapitalismus und Patriarchat werden nicht einfach zugrunde gehen, Kapitalismus und Patriarchat m\u00fcssen zerst\u00f6rt werden!<\/p>\n<p><strong>Fu\u00dfnoten<\/strong><\/p>\n<ol>\n<li><a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/kapital-gemeingueter-und-soziale-reproduktion-ein-gegenentwurf-zu-den-ausfuehrungen-von-silvia-federici\/#sdfootnote1anc\"><strong>1<\/strong><\/a>. Der Begriff der Einhegung bezeichnet \u201eeine Reihe von Strategien, derer sich die englischen Herren und wohlhabenden Bauern bedienten, um das gemeinschaftliche Landeigentum abzuschaffen und ihre eigenen L\u00e4ndereien zu vergr\u00f6\u00dfern\u201c. Silvia Federici, 2012.&nbsp;<em>Caliban und die Hexe: Frauen, der K\u00f6rper und die urspr\u00fcngliche Akkumulation<\/em>. Wien: Mandelbaum kritik &amp; utopie.<\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/kapital-gemeingueter-und-soziale-reproduktion-ein-gegenentwurf-zu-den-ausfuehrungen-von-silvia-federici\/#sdfootnote2anc\"><strong>2<\/strong><\/a>. Karl Marx, 1844.&nbsp;<a href=\"http:\/\/www.mlwerke.de\/me\/me40\/me40_465.htm\"><strong><em>\u00d6konomisch-philosophische Manuskripte<\/em><\/strong><\/a>.<\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/kapital-gemeingueter-und-soziale-reproduktion-ein-gegenentwurf-zu-den-ausfuehrungen-von-silvia-federici\/#sdfootnote3anc\"><strong>3<\/strong><\/a>. Silvia Federici, op. cit.<\/li>\n<\/ol>\n<p><em>Dieser Artikel erschien zuerst auf Spanisch bei&nbsp;<\/em><a href=\"https:\/\/www.laizquierdadiario.com\/Capital-bienes-comunes-y-reproduccion-social-Un-contrapunto-con-las-elaboraciones-de-Silvia\"><strong><em>La Izquierda Diario<\/em><\/strong><\/a><em>.<\/em><\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/kapital-gemeingueter-und-soziale-reproduktion-ein-gegenentwurf-zu-den-ausfuehrungen-von-silvia-federici\/\"><em>klassegegenklasse.org&#8230;<\/em><\/a><em> vom 25. Mai 2020<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Juana Runa. Die Akademikerin Silvia Federici ist eine der wichtigsten linken Intellektuellen des 20. Jahrhunderts und starke Bezugsfigur der weltweiten Frauenbewegung. Welche Beitr\u00e4ge macht Federici f\u00fcr einen sozialistischen Feminismus \u2013 und an welchen Stellen<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[2,6,5],"tags":[25,115,72,13,4],"class_list":["post-7901","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-debatte","category-geschichte-und-theorie","category-kampagnen","tag-arbeiterbewegung","tag-bolivien","tag-feminismus","tag-marx","tag-strategie"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/7901","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=7901"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/7901\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":7904,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/7901\/revisions\/7904"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=7901"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=7901"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=7901"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}