{"id":7921,"date":"2020-05-26T09:12:56","date_gmt":"2020-05-26T07:12:56","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=7921"},"modified":"2020-05-26T09:12:57","modified_gmt":"2020-05-26T07:12:57","slug":"es-fuehrt-nichts-am-kampf-in-der-proletarischen-realitaet-vorbei","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=7921","title":{"rendered":"\u00abEs f\u00fchrt nichts am Kampf in der proletarischen Realit\u00e4t vorbei\u00bb"},"content":{"rendered":"<p><em>Mit Beginn der Coronakrise sind in der ganzen Schweiz zahlreiche Initiativen zur gegenseitigen Unterst\u00fctzung entstanden. Einige davon haben einen explizit politischen Charakter. Ein Zusammenschluss von Basisgruppen betreibt das Corona-Solifon und<!--more--> hilft Menschen, die Probleme an ihrem Arbeitsplatz haben. Das\u00a0<\/em><a href=\"http:\/\/www.ajourmag.ch\/\"><em>Magazin Ajour\u00a0<\/em><\/a><em>f\u00fchrte ein Interview mit der Solifon-Crew, in dem diese berichten , wie\u2019s l\u00e4uft und was die politischen Absichten dahinter sind. Es wurde zuerst vom\u00a0<\/em><a href=\"https:\/\/www.ajourmag.ch\/interview-solifon\/\"><em>Ajour-Magazin ver\u00f6ffentlicht<\/em><\/a><em>.<\/em><\/p>\n<p>***<\/p>\n<p><em>Ajour:\u00a0<\/em><strong>Was ist das Solifon?<\/strong><\/p>\n<p><em>Li:<\/em>\u00a0Beim Corona-Solifon k\u00f6nnen sich alle melden, die Probleme mit ihren Chefs oder Vermieter*innen haben. Das Anliegen muss nicht unbedingt mit der Corona-Pandemie zu tun haben.<\/p>\n<p>Das Corona Solifon ist ein Zusammenschluss verschiedener Basisgruppen und Basisgewerkschaften. Das\u00a0<a href=\"http:\/\/coronasoli.ch\/gastra\">Gastra Kollektiv<\/a>\u00a0besteht aus FINT-Personen, die in der Gastronomie t\u00e4tig sind. Sie vereint die Wut gegen den Sexismus und die Ausbeutung in der Gastronomie. Die\u00a0<a href=\"https:\/\/faubern.ch\/\">FAU Bern<\/a>\u00a0und die\u00a0<a href=\"https:\/\/www.wobblies.org\/\">IWW<\/a>\u00a0sind (anarcho-)syndikalistische Basisgewerkschaften. Das Solnet ist ein Solidarit\u00e4tsnetzwerk, welches Lohnabh\u00e4ngige bei Problemen mit Chefs oder Vermieter*innen unterst\u00fctzt und versucht gemeinsam mit ihnen Perspektiven des Widerstands zu entwickeln.<\/p>\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"424\" height=\"600\" src=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/plakat_de-424x600-1.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-7922\" srcset=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/plakat_de-424x600-1.jpg 424w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/plakat_de-424x600-1-212x300.jpg 212w\" sizes=\"auto, (max-width: 424px) 100vw, 424px\" \/><\/figure>\n<p><strong>Warum macht ihr das?<\/strong><\/p>\n<p>Das Solifon ist nicht aus dem Nichts entstanden. Es ist der Ausdruck einer schon l\u00e4nger stattfindenden Entwicklung. Seit dem letzten Kampfzyklus nach der grossen Krise 2008 gab es verschiedene Versuche in der Deutschschweiz, vermehrt die konkreten Arbeitsverh\u00e4ltnisse zu verstehen und direkt darin zu agieren, statt sie nur zu kommentieren. Mit dem\u00a0<a href=\"https:\/\/www.ajourmag.ch\/14juni-2\/9\/\">feministischen Streik vom 14. Juni 2019<\/a>\u00a0haben sich diese Versuche noch verst\u00e4rkt,\u00a0<a href=\"https:\/\/www.ajourmag.ch\/erfahrungen-vom-frauenstreik-teil1\/\">so dass es mittlerweile ein ganzes Netz von Basisgruppen in Betrieben und Branchen gibt.<\/a>\u00a0Einige davon, wie z.B. sehr prominent die Trotzphase oder das Gastra Kollektiv, sind bereits an die \u00d6ffentlichkeit gegangen. Andere sind eher informelle Gruppen in den Betrieben. Das Solifon ist ein Ausdruck dieses wachsenden Interesses an Klassenauseinandersetzungen. F\u00fcr die am Projekt beteiligten Gruppen ist es also eine konsequente Fortf\u00fchrung ihrer Aktivit\u00e4ten unter den Bedingungen von Corona.<\/p>\n<p><strong>Mit welchen Problemen haben die Leute zu k\u00e4mpfen, die euch anrufen? Konntet ihr die Anrufer*innen unterst\u00fctzen?<\/strong><\/p>\n<p>Nachdem wir das Corona-Solifon er\u00f6ffneten, gab es viele Anrufer*innen, die Fragen zur Kurzarbeit hatten. Es herrschte eine grosse Unsicherheit, die sich mit jeder Ausweitung der Kurzarbeitsentsch\u00e4digung durch den Bundesrat verminderte. Momentan erhalten wir h\u00e4ufig Anrufe aus der Gastronomie. In dieser Branche arbeiten viele Arbeiter*innen auf Abruf. Das f\u00fchrt zu prek\u00e4ren Situationen, die oft ganze Belegschaften betreffen. Es geht um Kurzarbeit, Ferien oder gar K\u00fcndigungen. Wir versuchen die Arbeiter*innen in rechtlichen Belangen zu unterst\u00fctzen. Manchmal l\u00e4sst sich das Problem nicht auf einer rechtlichen Ebene l\u00f6sen. Dann unterst\u00fctzen wir die Arbeiter*innen darin, sich kollektiv zu organisieren und den n\u00f6tigen Druck auf die Chefs auszu\u00fcben.<\/p>\n<p><strong>Nun wird der Lockdown langsam gelockert. Wie geht es weiter mit dem Solifon?<\/strong><\/p>\n<p>Das Solifon bleibt vorl\u00e4ufig trotz Lockerung des Lockdowns bestehen. Es ist anzunehmen, dass die Wirtschaftskrise nicht mit dem Ende des Lockdowns vorbei ist. Im Gegenteil denken wir, dass die Wirtschaftskrise dann erst richtig einschlagen und es sogar noch mehr Probleme von Arbeiter*innen und Auseinandersetzungen in Betrieben geben wird. Ausserdem gibt es diese Konflikte nicht erst seit Corona. Auch wissen wir alle nicht, wie sich die Situation weiterentwickelt. Die Massnahmen \u00e4ndern sich stetig und k\u00f6nnten auch wieder versch\u00e4rft werden. Zudem gibt es in vielen Branchen neue Auflagen die zum Teil f\u00fcr Unsicherheiten sorgen.<\/p>\n<p><strong>Viele Hilfswerke, Gewerkschaften und Beratungsstellen haben im Zuge der Coronakrise Hilfstelefone f\u00fcr Betroffene eingerichtet. Diese Stellen sind professionell, ihr seid Laien. Warum sollen Betroffene trotzdem besser das Corona-Solifon anrufen?<\/strong><\/p>\n<p>Ein Vorteil von unserem Zusammenschluss ist sicher, dass es Menschen aus unterschiedlichen Branchen sind. Dies und die Tatsache, dass wir \u00fcber dreissig Leute sind, welche ihre Erfahrung einfliessen lassen, erm\u00f6glicht ein breites Wissen. Ausserdem sind auch Personen dabei, welche einen juristischen Hintergrund haben, wir sind also nicht \u00abnur\u00bb Laien.<\/p>\n<p>Auch ist uns die vertrauliche Handhabung der Daten ein grosses Anliegen. Wir nutzen keine Informationen ungefragt, um f\u00fcr unsere Zwecke zu \u00abmissionieren\u00bb. Bei grossen Gewerkschaften funktioniert der Rechtsdienst wie eine Versicherung. Wer ein Problem hat, muss bereits seit drei Monaten Mitglied sein, ansonsten erh\u00e4lt sie oder er keine Unterst\u00fctzung. Auch im weiteren Verlauf eines Falls machen Gewerkschaften immer wieder Abw\u00e4gungen, ob sich der Aufwand f\u00fcr einen Fall tats\u00e4chlich lohnt. Man nennt das auch \u00f6konomische Anwendung der Mittel. Das kann dann schonmal zur paradoxen Situation f\u00fchren, dass ein Mitglied seinen Fall in Eigenregie vor das Arbeitsgericht zieht und gewinnt, obwohl der Rechtsdienst davon abriet. Da wir solche Mittelabw\u00e4gungen nicht machen, haben wir gegen\u00fcber den offiziellen Gewerkschaften einen gewissen Vorteil.<\/p>\n<p><strong>Es gibt in der radikalen Linken die Kritik an solchen \u00abUnterst\u00fctzungsprojekten\u00bb wie eurem, dass sie die Arbeit des Staates oder von NGOs \u00fcbernehmen und diese unbezahlt verrichten w\u00fcrden. Was entgegnet ihr dieser Kritik?<\/strong><\/p>\n<p>Wir kennen die Kritik, dass Projekte wie das Solifon in einer \u00abService-Falle\u00bb \u2013 also in der Rolle von reinen Dienstleistern \u2013 steckenblieben. Diese Gefahr besteht nat\u00fcrlich. Selbst dann w\u00e4re unser Projekt allerdings ein Erfolg, da es zu einer st\u00e4rkeren Verankerung im Alltag der Proletarisierten f\u00fchrt. Es ist nicht verwunderlich, dass die radikalsten K\u00e4mpfe in der Schweiz anl\u00e4sslich der Corona-Pandemie dort stattfanden, wo die (gewerkschaftliche) Linke seit Jahren Teil der sozialen Klassenbewegungen sind. In Genf gab es Streiks auf Baustellen, in Fabriken\u00a0und in der Migros f\u00fcr bessere Hygienemassnahmen. Will die radikale Linke wieder ernsthaft in die Klassenk\u00e4mpfe intervenieren, f\u00fchrt nichts an den Auseinandersetzungen in der proletarischen Realit\u00e4t mit Chefs und Vermieter*innen vorbei. Dass diese Konflikte nicht zwingend auf einer juristisch-individuellen Ebene steckenbleiben m\u00fcssen, sondern durchaus das Potenzial auf eine kollektive Auseinandersetzung haben, sehen wir beim Corona-Solifon momentan jeden Tag.<\/p>\n<p><strong>Ihr seid Teil der Vernetzung\u00a0<\/strong><a href=\"http:\/\/coronasoli.ch\/\"><strong><em>Solidarit\u00e4t gegen Corona<\/em><\/strong><\/a><strong>. Diese ruft dazu auf, solidarische Strukturen aufzubauen: \u00abBereiten wir uns auf die Angriffe vor, die im Zuge der \u00f6konomischen Krise auf uns zukommen.\u00bb Wie kann das Solifon dazu beitragen, die kommenden sozialen Angriffe abzuwehren?<\/strong><\/p>\n<p>Mittels des Solifons versuchen wir die Leute zu unterst\u00fctzen, f\u00fcr sich selbst einzustehen. Die Anrufer*innen wollen oder k\u00f6nnen ihre aktuelle Situation nicht einfach hinnehmen. Es ist uns ein Anliegen, den Menschen dabei zu helfen, sich zu vernetzen. Dies kann geschehen, indem wir Leute dazu ermutigen in ihrem Betrieb die Situation mit den anderen Mitarbeitenden anzugehen. Oder auch je nach Interesse mit uns n\u00e4her in Kontakt zu treten. Durch diese Vernetzung wird nicht nur die Chance auf erfolgreichen Widerstand verst\u00e4rkt, sondern auch den einzelnen Menschen Mut gemacht. Die Erkenntnis, nicht allein zu sein, hilft, sich f\u00fcr die eigenen und die Probleme anderer einzusetzen und gibt somit Kraft f\u00fcr zuk\u00fcnftige K\u00e4mpfe. Gerade in der Gastronomie scheinen momentan viele Widerspr\u00fcche aufzubrechen.\u00a0<a href=\"https:\/\/coronasoli.ch\/gastra-11-mai\/\">Das Gastra Kollektiv versucht auf diese Konflikte und Angriffe politische Antworten zu geben.<\/a><\/p>\n<p><strong>Links<\/strong><\/p>\n<p>Corona Solifon:\u00a0<a href=\"http:\/\/www.coronasoli.ch\/solifon\">www.coronasoli.ch\/solifon<\/a><\/p>\n<p>Gastra-Kollektiv:\u00a0<a href=\"http:\/\/www.coronasoli.ch\/gastra\">www.coronasoli.ch\/gastra<\/a><\/p>\n<p>IWW:\u00a0<a href=\"http:\/\/www.wobblies.ch\/\">www.wobblies.ch<\/a><\/p>\n<p>FAU Bern:\u00a0<a href=\"http:\/\/www.faubern.ch\/\">www.faubern.ch<\/a><\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/solidarischgegencorona.wordpress.com\/2020\/05\/21\/es-fuhrt-nichts-am-kampf-in-der-proletarischen-realitat-vorbei-das-corona-solifon-im-interview\/\"><em>solidarischgegencorona.com&#8230;<\/em><\/a><em> vom 26. Mai 2020<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mit Beginn der Coronakrise sind in der ganzen Schweiz zahlreiche Initiativen zur gegenseitigen Unterst\u00fctzung entstanden. Einige davon haben einen explizit politischen Charakter. 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