{"id":7945,"date":"2020-05-29T10:28:36","date_gmt":"2020-05-29T08:28:36","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=7945"},"modified":"2020-05-29T10:28:37","modified_gmt":"2020-05-29T08:28:37","slug":"die-realitaet-syriens-im-globalen-und-regionalen-konfliktgefuege","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=7945","title":{"rendered":"Die Realit\u00e4t Syriens im globalen und regionalen Konfliktgef\u00fcge"},"content":{"rendered":"<p><em>Selahattin Soro. <\/em>Obwohl fast ein Jahrzehnt seit Beginn der Syrien-Krise vergangen ist, w\u00e4chst das gegenw\u00e4rtige Chaos wie eine Lawine, deren Auswirkungen zunehmend regional und global sp\u00fcrbar werden. Aufgrund der sich versch\u00e4rfenden Wirtschaftskrise<!--more--> protestierte der Obsth\u00e4ndler Mohammad Bouazizzi im Oktober 2010 gegen die Regierung, indem er sich selbst in Brand setzte. Damit war der erste Funke des sogenannten \u00bbArabischen Fr\u00fchlings\u00ab in Tunesien entfacht. Innerhalb weniger Monate w\u00fctete dieses Feuer der Proteste in den L\u00e4ndern mit despotischen Administrationen, wie Tunesien, \u00c4gypten und Libyen.<\/p>\n<p>Die Proteste erreichten auch syrisches Territorium. Der Aufstand, der in der s\u00fcdsyrischen Stadt Daraa begann, hat sich in ganz Syrien ausgebreitet und nach einer Weile verwandelten sich diese Proteste auf Initiative einer radikalislamischen Organisation namens Ikhwan-a Muslim (Muslimbruderschaft) in eine Bewegung des Islamischen Staates. Die harmlosen und demokratischen Forderungen der Massen wurden verdr\u00e4ngt, stattdessen begann das Streben nach der Errichtung eines radikaldespotischen islamofaschistischen Regimes. Der Prozess wurde somit terrorisiert und die Massen wurden aus dem Geschehen gedr\u00e4ngt.<\/p>\n<figure class=\"wp-block-image size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/450_QAMISLO-mehrsprachiger_Unterricht.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-7946\" width=\"537\" height=\"358\" srcset=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/450_QAMISLO-mehrsprachiger_Unterricht.jpg 450w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/450_QAMISLO-mehrsprachiger_Unterricht-300x200.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 537px) 100vw, 537px\" \/><figcaption>Szene aus einem mehrsprachigen  Schulunterricht in Syrien.<\/figcaption><\/figure>\n<p>W\u00e4hrend \u00c4gypten und Tunesien relativ geringen Schaden aus diesem Prozess davongetragen haben, stecken Libyen und Syrien in einer tiefen Krise und werden von Chaos und Krieg geplagt. In dieser Phase stellen die syrische und die libysche Krise eine \u00e4hnliche Realit\u00e4t dar, parallel an der Ost- und S\u00fcdk\u00fcste des Mittelmeers. Obwohl sich die Geschehnisse in beiden L\u00e4ndern in vielen Punkten \u00e4hneln, hat die Syrien-Krise einen st\u00e4rkeren regionalen und globalen Charakter.<\/p>\n<p><strong>Die Situation in Syrien: von einer unschuldigen Volksbewegung zu einem Ort der globalen Abrechnung<\/strong><\/p>\n<p>Um die aktuelle Phase in Syrien besser analysieren zu k\u00f6nnen, ist ein Blick auf den vergangenen Prozess essentiell. Wie entwickelte sich die einst unschuldige Volksbewegung zu einem Syrien als Ort der globalen Abrechnung?! Warum haben alle Kr\u00e4fte, die die Welt regieren, so viel Macht auf der syrischen Kulisse und sind derart an der Syrien-Frage interessiert? Viele weitere Fragen wie diese erfordern eine ausf\u00fchrlichere Analyse. Syrien und der Nahe Osten, die als franz\u00f6sisch-britisches Modell geschaffen wurden, k\u00f6nnen aufgrund der vorangegangenen Schwierigkeiten nicht mehr nach dem alten System und mit dem ehemaligen Modell verwaltet werden. Weder sind die Herrscher in der Lage, wie seither zu regieren, noch will die Bev\u00f6lkerung wie bisher regiert werden.<\/p>\n<p>Diese Situation zeigt sich zwar \u00fcberall in der Welt, allerdings im Nahen Osten und in der Region (insbesondere Syrien, Irak, Iran, Libanon und T\u00fcrkei) in einem radikaleren Ausma\u00df. Syrien ist eine Macht, die ihre Pr\u00e4senz als typisch solider Nationalstaat aufrechterhalten will. Ein Nationalstaatssystem auf britisch-franz\u00f6sische Art. Als das Modell nicht funktionierte, wurde die Vielseitigkeit des Chaos sp\u00fcrbar. Derzeit wird in Syrien ein Konflikt ausgetragen, ein Widerspruch zwischen einem starren Nationalstaatsmodell und Kr\u00e4ften wie dem sogenannten Islamischen Staat IS, der Muslimbruderschaft, al-Qaida, die sich auf die 5.000 Jahre alte traditionell despotische Geschichte des Nahen Ostens beziehen. Dieser Konflikt hat ein solches Ausma\u00df erreicht, dass der IS zu einer Bedrohung f\u00fcr die gesamte Menschheit geworden ist. Der islamistische Terror und seine organisierte militante Truppe, die auf syrischem Boden aktiv ist, bedrohen die Welt \u2013 insbesondere die Frauen \u2013, indem diese Gruppe alles Andersdenkende, Anderslebende, kurz alles andere au\u00dfer seinesgleichen, zu zerst\u00f6ren sucht. Ihre Ziele waren ebenso brutale Genozide an verschiedenen ethnischen (assyrischen, armenischen etc.) Gemeinschaften und an (alevitischen, \u00eaz\u00eedischen etc.) Glaubensgemeinschaften, um deren Werte auszul\u00f6schen.<\/p>\n<p>Der jahrzehntelange innere und \u00e4u\u00dfere Krieg in Syrien zeigt uns, dass weder das von Assad repr\u00e4sentierte westliche Nationalstaatssystem noch das menschenfeindliche barbarische islamofaschistische System des IS und seiner Verb\u00fcndeten zu einer L\u00f6sung auf syrischem Territorium gef\u00fchrt haben. Ganz im Gegenteil: Beide Systeme haben das bereits bestehende Chaos und die Gewalt intensiviert und zu einer f\u00fcr die Menschheit und die V\u00f6lker unertr\u00e4glichen und untragbaren Trag\u00f6die gef\u00fchrt. Das Beharren Assads auf seinem westlich-konservativen Nationalstaatssystem wird von seinen Anh\u00e4nger*innen unterst\u00fctzt, w\u00e4hrend der IS das Regime Assads durch sein faschistisch-reaktion\u00e4res System ersetzen will. Dieser Machtkampf f\u00fchrt zu einer Spirale des Chaos und des Krieges. Globale und regionale M\u00e4chte profitieren von diesem Chaos, indem sie diesen Zustand Syriens ausnutzen und in ihrem eigenen Interesse eine Ordnung etablieren wollen.<\/p>\n<p><strong>Globale und regionale M\u00e4chte nutzen die Situation aus: die Sichtweise der jeweiligen Staaten<\/strong><\/p>\n<p>Einerseits gew\u00e4hrleistet Russland dem Iran und dem syrischen Hisbollah-Regime Assads jegliche milit\u00e4rische, wirtschaftliche, diplomatische und politische Unterst\u00fctzung, um sie \u00fcber Wasser zu halten, andererseits f\u00fchrt Russland einen aktiven Kampf gegen die terroristischen Truppen und ihre Verb\u00fcndeten. Diese Kr\u00e4fte stehen de facto in einem Krieg im Namen des Assad-Regimes. Russland hat mit der Unterst\u00fctzung seines langj\u00e4hrigen Freundes Assad und von dessen arabisch-nationalistischem Baath-Regime die Gelegenheit ergriffen, St\u00fctzpunkte im Nahen Osten zu errichten und eine aktive Rolle in der Energiepolitik zu spielen.<\/p>\n<p>Mit seinem aktiven Eingreifen im Syrien-Krieg \u00fcberwand Russland das englisch-franz\u00f6sische Abkommen des Status quo des 20. Jahrhunderts und sicherte sich neben den USA die Rolle als Hauptakteur bei der Errichtung des Status quo des 21. Jahrhunderts.<\/p>\n<p>Russland beabsichtigt mit der aktiven Teilnahme an der Krise und dem Krieg in Syrien, seine Rolle als globaler Akteur wiederzuerlangen, die es einst in der Sowjet\u00e4ra spielte und verlor.<\/p>\n<p>Der Iran unterst\u00fctzt aus strategischen Gr\u00fcnden das syrische Regime und verfolgt mit der aktiven Beteiligung seiner obersten Kommandeure und Soldaten im Syrienkrieg unterdessen die Ausbreitung des schiitischen Halbmondes \u00fcber die Grenze Afghanistans hinaus, bis hin zum Mittelmeer. Auf der Grundlage seiner eigenen Doktrin versucht er \u00fcber den Irak und Syrien den Libanon und das Mittelmeer zu erreichen und dort entgegen der arabischen und t\u00fcrkischen Dynamik ein eigenes Hinterland zu schaffen. Wenn der Iran, der das Paradigma des schiitischen Islams vertritt und diesen ideologisch-politisch anf\u00fchrt, den syrischen Krieg gewinnt, gilt er als die siegreiche Kraft im gesamten Nahen Osten und somit weitaus m\u00e4chtiger als der t\u00fcrkisch-sunnitische Block und das sunnitisch-islamische System.<\/p>\n<p>Aus reiner Profitgier hingegen gie\u00dft die T\u00fcrkei \u00d6l ins Feuer der Syrienkrise, um aus diesem Chaos ihren Nutzen zu ziehen. Der Arabische Fr\u00fchling hat auch die T\u00fcrkei und ihre regierende AKP-MHP-Koalition erreicht, sie geschw\u00e4cht und eine proaktive Rolle \u00fcbernommen. Die T\u00fcrkei ist gleichzeitig als Regionalmacht und als Anf\u00fchrerin des sunnitisch-islamischen Blocks daran interessiert, dem schiitischen Iran \u00fcberlegen zu sein, insbesondere mit der Absicht, den Kurd*innen durch die Syrienkrise das Recht zu verweigern, einen Status wie im Irak auch in Syrien zu erreichen. \u00dcber ein Jahrzehnt lang hat sie deshalb den Krieg angeheizt und terroristischen Gruppierungen aus der ganzen Welt den Weg nach Syrien ge\u00f6ffnet. Zus\u00e4tzlich wurden diese Banden von der t\u00fcrkischen Regierung unterst\u00fctzt, damit sie das Assad-Regime zu Fall bringen und ihr zum Aufstieg verhelfen.<\/p>\n<p>Die USA hingegen wollen ihre globale und hegemoniale Macht und F\u00fchrung, die sie seit dem Zweiten Weltkrieg innehaben, nach dem Irak und Afghanistan auch in Syrien fortsetzen. Das Paradigma des britisch-franz\u00f6sischen Nationalstaatssystems wollen sie hingegen mithilfe strategischer Anstrengungen durch ihr eigenes Vorbild ersetzen.<\/p>\n<p>Denn klassische Nationalstaatsmodelle schaffen Probleme in der neoliberalen Politik des 21. Jahrhunderts der USA und ihrer Partner und behindern zunehmend das Profitsystem der ausbeuterischen Unternehmen. In Anbetracht dessen ist die Liquidation der nationalen Staatsmodelle des 20. Jahrhunderts von strategischer und entscheidender Bedeutung. Weiterhin ist es durchaus nachvollziehbar, dass die USA damit im Nahen Osten beginnen und ihn sich zur Grundlage nehmen. Somit folgen sie lediglich der Tradition. Am 24. Juni 2019 beriefen sie gemeinsam mit Russland und Israel ein geheimes Treffen in Israel ein, an dem ihre Vertreter*innen der Nationalen Sicherheit teilnahmen. Dieses Treffen wurde auch Sykes-Picot des 21. Jahrhunderts genannt. Einer der wichtigsten Parameter der syrischen Kulisse ist es, das Vertrauen Israels zu gewinnen und zu festigen. Im Hinblick darauf wird es sehr schwer, etwas zum Leben zu erwecken, das f\u00fcr Israel eine Bedrohung darstellen oder f\u00fcr Unbehagen sorgen k\u00f6nnte.<\/p>\n<p><strong>Das Verh\u00e4ltnis zwischen den globalen und regionalen M\u00e4chten: miteinander gegeneinander, aber Hauptsache, kein kurdischer Status<\/strong><\/p>\n<p>Ein weiteres Thema ist das Verh\u00e4ltnis zwischen dem Iran und der T\u00fcrkei. Auch wenn sie einen tausendj\u00e4hrigen hegemonialen Krieg f\u00fchren und die eine Regierung die F\u00fchrung des sunnitischen und die andere Regierung die F\u00fchrung des schiitischen Blocks verk\u00f6rpert, bringen die Umst\u00e4nde des Syrienkrieges ironischerweise die Gemeinsamkeiten dieser beiden M\u00e4chte hervor.<\/p>\n<p>Verwunderlich ist demnach nicht, dass die Intervention der USA und von deren Verb\u00fcndeten in der syrischen Region sowohl die T\u00fcrkei als auch den Iran gleicherma\u00dfen einschr\u00e4nkt und die Besorgnis dieser beiden Staaten steigt, nach der neuen \u00c4ra durch die USA neu positioniert zu werden. Erfahrungsgem\u00e4\u00df vermuten diese hegemonialen M\u00e4chte, dass die Kurd*innen wie bereits im Irak inmitten des Chaos des Mittleren Ostens ihre Rechte und damit verbunden einen Status erhalten k\u00f6nnten, und diese umfassende Realit\u00e4t w\u00fcrde ihren eigenen Despotismus sch\u00e4digen und die Kurd*innen unter ihrer eigenen Besatzung einschlie\u00dfen. Ihre Phobie in diesen beiden Fragen bringt die Iran-T\u00fcrkei-Partnerschaft und ihre geheime, offene Allianz im syrischen Kontext mit sich.<\/p>\n<p>Obwohl die T\u00fcrkei anerkennt, dass sie vor Ort mit den USA verb\u00fcndet ist und an der Westfront steht, hat sie aufgrund der zuvor genannten Gr\u00fcnde auch ihre eigene Agenda. Diese schadet allerdings den Pl\u00e4nen der USA und f\u00fchrt letztendlich zum Verlust der Initiative vor Ort und st\u00e4rkt somit die Macht der Russland-Iran-Allianz am Ort des Geschehens. Vor allem die antikurdische Politik der T\u00fcrkei, ihr striktes Beharren auf dem Nationalstaat und ihre neoosmanischen Tr\u00e4ume f\u00fchren zu Konflikten und riskieren dadurch eine m\u00f6gliche Abkehr von den USA und deren Verb\u00fcndeten.<\/p>\n<p>Dasselbe gilt f\u00fcr die Beziehungen zwischen dem Iran und Russland. Das Ziel des Irans des schiitischen Halbmondes, seine verdeckte Unterst\u00fctzung von Terrorgruppen u.\u2009a. gegen Israel und seine milit\u00e4rische, diplomatische und wirtschaftliche Vormundschaft \u00fcber das Assad-Regime f\u00fchren zur \u00dcberreizung Russlands und somit zu einem m\u00f6glichen Zerw\u00fcrfnis. Indessen wenden sich die USA Israel zu, dem listigen Partner Russlands, um vor allem Russland zu provozieren. Da der Block der USA und ihrer Verb\u00fcndeten jedoch keine einheitliche Haltung eingenommen und keinen strategischen Ansatz gegen die T\u00fcrkei entwickelt hat, er\u00f6ffnet diese Situation der Politik Russlands den Raum, die aktuelle Krise zu seinen Gunsten auszunutzen. Im aktuellen Zustand ist die T\u00fcrkei (Erdo\u011fan-Bah\u00e7eli-Koalition) fast Russlands Joker vor Ort geworden. Sie geht alle m\u00f6glichen gef\u00e4hrlichen Wege, um ihre eigene Agenda umzusetzen und die Feindseligkeit gegen\u00fcber den Kurd*innen weiter zu verst\u00e4rken. Aus diesem Grund gibt es keinen Kompromiss, den die T\u00fcrkei nicht eingehen w\u00fcrde, kein zu gro\u00dfes Risiko, das sie nicht tragen w\u00fcrde. Ihr prim\u00e4res Ziel ist es, einen kurdischen Status in Syrien zu verhindern.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend der kurdische Status im Irak eine Realit\u00e4t ist, versucht die t\u00fcrkische Regierung dies in Syrien mit aller Kraft zu sabotieren, indem sie jeglichen Kompromiss mit Russland, den Vereinigten Staaten, dem Westen und dem Iran sowie mit anderen Regionalm\u00e4chten eingeht.<\/p>\n<p>Infolgedessen wurde die T\u00fcrkei ein Teil des Astana-Prozesses, um die Umsetzung der Ziele Russlands und des Irans zu bef\u00f6rdern. Und das, indem sich die t\u00fcrkische Regierung der F\u00fchrung aller terroristischen Gruppierungen innerhalb Syriens annahm und sie in den Regionen Azaz, Cerablus, Bab und Idlib in Stellung brachte, allesamt unter der Kontrolle der T\u00fcrkei.<\/p>\n<p>Russland hingegen wei\u00df diese tiefsitzende kurdische Phobie der T\u00fcrkei zum eigenen Vorteil zu nutzen. In der gegenw\u00e4rtigen Situation steht die T\u00fcrkei an einem sehr ernsten Scheideweg zwischen Russland und den USA. Um das Assad-Regime zu st\u00fcrzen, hat Erdo\u011fan mithilfe des Geheimdienstes MIT nahezu alle M\u00f6glichkeiten erfolglos ausgesch\u00f6pft und ist mittlerweile kurz davor, sich mit Assad an einen Tisch setzen zu m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Das Erdo\u011fan-Bah\u00e7eli-Kriegsb\u00fcndnis schadet auf syrischem Territorium sowohl den USA als auch Russland und wird zu unvorhersehbaren Risiken und Problemen f\u00fcr die T\u00fcrkei f\u00fchren.<\/p>\n<p>Mit ihrer Politik, haupts\u00e4chlich Rechte f\u00fcr die Kurd*innen zu verhindern, schadet sich die T\u00fcrkei in erster Linie selbst und die eingegangenen Bindungen an Russland und die USA schwinden zunehmend. In diesem Rahmen stellt sie sich selbst vor die Wahl zwischen USA\/NATO und Russland.<\/p>\n<p>Ab dem Zeitpunkt, an dem die T\u00fcrkei ihr nahendes Ende vor Augen sah, entwickelte sie sich von der kompromissbereiten B\u00fcndnispartnerin des Astana-Prozesses zu einer hinterlistigen Verr\u00e4terin. Gemeinsam mit den vorher im t\u00fcrkisch kontrollierten Idlib positionierten Banden unternahm sie \u00e4u\u00dferst riskante Schritte gegen den russisch-iranischen Assad-Block. Die harte Antwort Assads und des Irans, insbesondere Russlands, folgte auf dem Kriegsschauplatz und kostete die t\u00fcrkische Armee hohe Verluste.<\/p>\n<p>Um die Wogen zu gl\u00e4tten, wurde am 5. M\u00e4rz 2020 in Moskau ein Abkommen zwischen der T\u00fcrkei und Putin unterzeichnet. Es ging vielmehr als eine beispiellose Zeremonie der Dem\u00fctigung in die Geschichte ein. Dieses f\u00fcnfeinhalbst\u00fcndige Treffen, von dem nur drei Punkte \u00f6ffentlich verlesen wurden, war verheerend f\u00fcr das Erdo\u011fan-Regime und mit der Zeit werden die zerst\u00f6rerischen Konsequenzen klarer. Russland als Assads Partner wies Erdo\u011fan in die Schranken, sodass er die Verluste seiner Soldaten und die milit\u00e4risch-diplomatische Niederlage hinnahm und trotzdem Zuflucht bei Russland suchte. Das Abkommen vom 5. M\u00e4rz sichert die Umsetzung aller Forderungen Russlands, Assads und des Irans auf h\u00f6chster Ebene. Wenn die T\u00fcrkei dennoch auf dem Kriegsschauplatz weiter milit\u00e4risch aktiv bleibt, werden diese Aktivit\u00e4ten in Idlib das Geschehen allm\u00e4hlich in einen zwischenstaatlichen Konflikt verwandeln.<\/p>\n<p><strong>Eine allumfassende Demokratisierung \u2013 der dritte Weg<\/strong><\/p>\n<p>Die (kurdischen, arabischen, armenischen, tschetschenischen usw.) V\u00f6lker, die in Rojava und im Nordosten Syriens leben, haben es unter kurdischer Administration gemeinsam geschafft, in diesem jahrzehntelangen Krieg, inmitten des Chaos mit ihrem dritten Weg ihr \u00dcberleben zu sichern. Sie f\u00fchren einen schweren Existenzkampf und verteidigen ihren Lebensraum gegen radikalislamistische Terrorgruppen, und sie erzielten einen gro\u00dfen milit\u00e4rischen Erfolg. Diesen Erfolg verzeichneten sie nur mithilfe der YPG\/YPJ (Volks-\/Frauenverteidigungseinheiten) und QSD (Demokratischen Kr\u00e4fte Syriens) und sie sch\u00fctzten die Menschheit vor der gr\u00f6\u00dften Katastrophe des 21. Jahrhunderts. Auf Grund der Tatsache, dass das Assad-Regime seine Pr\u00e4senz in Rojava und in der nord\u00f6stlichen syrischen Region zu zeigen vers\u00e4umte, waren die dort lebenden Menschen sich selbst \u00fcberlassen und dem syrischen Chaos ausgeliefert worden.<\/p>\n<p>Unter der Vorreiterrolle der PYD (Partei der Demokratischen Einheit) gelang es den Kurd*innen und ihren Freund*innen, ihr eigenes demokratisches System aufzubauen, die Abwesenheit des Regimes auszuf\u00fcllen und trotz Damaskus zu \u00fcberleben. Sie entschieden sich sowohl gegen das klassische nationalstaatliche Modell als auch gegen das reaktion\u00e4re Modell der islamistischen Oppositionsgruppen.<\/p>\n<p>Ihr prim\u00e4res Ziel ist nicht die Befreiung der eigenen Region, sondern eine allumfassende Demokratisierung. Mit dem Paradigma eines demokratischen, geschlechterbefreiten und \u00f6kologischen Systems haben sie die Gesellschaft w\u00e4hrend der Kriegsjahre trotz gewaltiger Opfer am Leben erhalten. Derzeit sind die Streitkr\u00e4fte Rojavas und Nordostsyriens weder dem starren Nationalstaat des Assad-Regimes unterworfen, noch sind sie bereit, ihr Territorium islamofaschistischen Gruppen zu \u00fcberlassen. Es ist unvermeidlich, dass in diesem Gebiet, in dem eine Dezentralisierung stattfindet, nur ein solches System fruchtet, das die Existenz verschiedener Religionen, Ethnien und Kulturen akzeptiert. Nur ein solches pluralistisches Paradigma wird von der heimischen Gesellschaft respektiert. Dieses System leugnet weder die nationalen Grenzen Syriens noch die Existenz der Regierung mit Sitz in Damaskus. Dennoch ist es weitestgehend unrealistisch, einen neuen Prozess mit einer Partnerschaft mit dem und der \u00dcbertragung aller Befugnisse zur\u00fcck an das Assad-Regime zu erwarten.<\/p>\n<p>Das neue Syrien muss demokratisch, libert\u00e4r, s\u00e4kular und pluralistisch sein. Die Erfahrung, einen dritten Weg in Rojava und dem Nordosten Syriens zu verwirklichen, und die Tatsache, dass dieses Modell der Demokratie trotz Kriegsbedingungen ins Leben gefunden hat, best\u00e4rken die \u00dcberzeugung, dass das System Syriens w\u00e4hrend des Wiederaufbaus und danach auf diesem Modell basieren sollte.<\/p>\n<p>Dem in sich zusammenbrechenden Nationalstaatssystem und der fundamentalistisch-despotischen Mentalit\u00e4t steht der dritte Weg der V\u00f6lker entgegen: ihr Modell der geschlechterbefreiten, \u00f6kologischen, s\u00e4kularen und demokratischen Gesellschaft.<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"http:\/\/www.kurdistan-report.de\/index.php\/archiv\/2020\/79-kr-209-mai-juni-2020\/981-die-realitaet-syriens-im-globalen-und-regionalen-wettbewerb\"><em>kurdistan-report.de&#8230;<\/em><\/a><em> vom 29. Mai 2020<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Selahattin Soro. 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