{"id":7951,"date":"2020-05-30T09:05:41","date_gmt":"2020-05-30T07:05:41","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=7951"},"modified":"2020-05-30T09:06:14","modified_gmt":"2020-05-30T07:06:14","slug":"zur-frage-der-arbeiterselbstverteidigung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=7951","title":{"rendered":"Zur Frage der Arbeiterselbstverteidigung"},"content":{"rendered":"<p><em>Leo Trotzki.<\/em> Jeder Staat ist eine Zwangsorganisation der herrschenden Klasse. Die Gesellschaftsordnung bleibt stabil, solange die herrschende Klasse f\u00e4hig ist, den ausgebeuteten Klassen mit ihrem Staat ihren Willen aufzuzwingen. Polizei und Armee<!--more--> sind die wichtigsten Instrumente des Staats. Die Kapitalisten verzichten darauf \u2013 wenngleich durchaus nicht vollst\u00e4ndig \u2013, ihre eigenen Privatarmeen zu unterhalten, sie verzichten darauf zugunsten des Staates, um die Arbeiterklasse daran zu hindern, jemals ihre eigene bewaffnete Kraft zu schaffen.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend der Aufstiegsphase des kapitalistischen Systems wird das staatliche Monopol auf bewaffnete Kr\u00e4fte als etwas Nat\u00fcrliches wahrgenommen, auch von den unterdr\u00fcckten Klassen.<\/p>\n<p>Vor dem letzten Weltkrieg hatte die internationale Sozialdemokratie, auch in ihrer besten Periode, die Frage der Bewaffnung der Arbeiter nie auch nur aufgeworfen. Schlimmer noch, sie verwarf eine derartige Vorstellung als romantisches Echo einer fernen Vergangenheit.<\/p>\n<p>Nur im zaristischen Russland hat das junge Proletariat in den ersten Jahren dieses Jahrhunderts damit begonnen, auf die Bewaffnung seiner eigenen Kampfverb\u00e4nde zur\u00fcckzugreifen. Das deckte die Instabilit\u00e4t des alten Regimes sehr eklatant auf. Die zaristische Monarchie erwies sich als immer weniger f\u00e4hig, die gesellschaftlichen Verh\u00e4ltnisse mittels ihrer normalen Agenturen, d.\u00a0h. Polizei und Armee, zu regeln, es musste mehr und mehr auf Banden von Freiwilligen (den Schwarzhundertern mit ihren Pogromen gegen Juden, Armenier, Studenten, Arbeiter und andere) zur\u00fcckgreifen. Als Antwort darauf begannen die Arbeiter sowie verschiedene nationale Gruppen damit, ihre eigenen Selbstverteidigungseinheiten zu organisieren. Diese Tatsachen zeigten den Beginn der Revolution an.<\/p>\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"534\" src=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/iso-2-1024x534.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-7952\" srcset=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/iso-2-1024x534.png 1024w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/iso-2-300x157.png 300w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/iso-2-768x401.png 768w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/iso-2.png 1100w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/figure>\n<p>In Europa stellte sich die Frage der bewaffneten Arbeiterabteilungen erst gegen Ende des Krieges, in den USA noch sp\u00e4ter. In allen F\u00e4llen, ohne Ausnahme, war es und ist es die kapitalistische Reaktion, die damit anf\u00e4ngt, spezielle Kampforganisationen aufzubauen, die an der Seite der Polizei und der Armee des b\u00fcrgerlichen Staats existieren. Das erkl\u00e4rt sich aus der Tatsache, dass die Bourgeoisie weitsichtiger und erbarmungsloser ist als das Proletariat. Unter dem Druck der Klassenwiderspr\u00fcche h\u00f6rt sie damit auf, sich ausschlie\u00dflich auf ihren eigenen Staat zu st\u00fctzen, in dem Ma\u00dfe wie dieser noch an \u201edemokratische\u201c Normen gebunden ist. Das Auftauchen von Kampforganisationen von \u201eFreiwilligen\u201c, deren Ziel die physische Eliminierung des Proletariats ist, ist zweifelsfrei ein Symptom daf\u00fcr, dass die Zersetzung der Demokratie begonnen hat, weil es nicht mehr m\u00f6glich ist, die Klassenwiderspr\u00fcche mit den alten Methoden zu regeln.<\/p>\n<p>Die Hoffnungen der reformistischen Parteien der Zweiten und der Dritten Internationale und der Gewerkschaften, die Organe des demokratischen Staats w\u00fcrden sie gegen die faschistischen Banden verteidigen, haben sich immer und \u00fcberall als illusorisch erwiesen. W\u00e4hrend ernster Krisen unterh\u00e4lt die Polizei immer eine Haltung freundschaftlicher Neutralit\u00e4t, wenn nicht offener Zusammenarbeit mit den konterrevolution\u00e4ren Banden. Die ausgesprochen starke Verankerung von demokratischen Illusionen hat jedoch zur Folge, dass die Arbeiter nur sehr langsam herangehen, ihre eigenen Kampfverb\u00e4nde zu organisieren. Die Bezeichnung \u201eSelbstverteidigung\u201c entspricht vollst\u00e4ndig ihren Intentionen, zumindest anf\u00e4nglich, denn der Angriff geht immer von den konterrevolution\u00e4ren Banden aus. Das Monopolkapital, das sie unterst\u00fctzt, l\u00f6st einen&nbsp;<em>pr\u00e4ventiven<\/em>&nbsp;Krieg gegen das Proletariat aus, um es daran zu hindern, eine sozialistische Revolution zu machen.<\/p>\n<p>Der Prozess, nach dem sich Selbstverteidigungsverb\u00e4nde der Arbeiter bilden, ist mit dem ganzen Verlauf des Klassenkampfs in einem Land untrennbar verbunden und widerspiegelt also dessen unvermeidliche Beschleunigungen und Verlangsamungen, seine Aufs und Abs. Die Revolution bricht in einer Gesellschaft nicht infolge eines stetigen kontinuierlichen Prozesses aus, sondern vermittelt \u00fcber eine Reihe von Konvulsionen, die von deutlich abgegrenzten, manchmal lang hingezogenen Wellent\u00e4lern voneinander getrennt werden, w\u00e4hrend denen die politischen Beziehungen so modifiziert werden, dass die ganze Idee der Revolution jeden Bezug zur Realit\u00e4t zu verlieren scheint.<\/p>\n<p>Infolgedessen wird die Losung der Selbstverteidigung zu einer Zeit ein positives Echo finden und zu einer anderen als Predigt in der W\u00fcste erscheinen, um dann wieder popul\u00e4r zu werden.<\/p>\n<p>Dieser widerspr\u00fcchliche Prozess ist in Frankreich im Lauf der letzten Jahre zu beobachten gewesen. Als Ergebnis einer schleichenden Wirtschaftskrise ist die Reaktion im Februar 1934 offen in die Offensive gegangen. Die faschistischen Organisationen sind rasch gewachsen. Auf der anderen Seite ist die Idee der Selbstverteidigung in den Reihen der Arbeiterklasse popul\u00e4r geworden. Sogar die reformistische Sozialistische Partei in Paris war gezwungen, so etwas wie einen Apparat der Selbstverteidigung aufzubauen.<\/p>\n<p>Die Politik der \u201eVolksfront\u201c, das hei\u00dft die v\u00f6llige Unterw\u00fcrfigkeit der Arbeiterorganisationen gegen\u00ad\u00fcber der Bourgeoisie, hat die Gefahr der Revolution in eine unabsehbare Zukunft verschoben und der Bourgeoisie erlaubt, den faschistischen Staatstreich von der Tagesordnung abzusetzen. Als sie von den unmittelbaren Gefahren im Innern befreit war, und angesichts einer wachsenden Bedrohung von au\u00dfen hat die Bourgeoisie sofort damit begonnen, die Tatsache, dass die Demokratie \u201ebewahrt\u201c worden war, f\u00fcr ihre imperialistischen Zwecke auszunutzen.<\/p>\n<p>Man hat erneut proklamiert, der kommende Krieg sei ein Krieg zur Erhaltung der Demokratie. Die Politik der offiziellen Arbeiterorganisationen hat einen offen imperialistischen Charakter angenommen. Die Sektion der IV.&nbsp;Internationale, die 1934 einen ernsten Schritt nach vorne gemacht hatte, fand sich in der folgenden Periode isoliert. Der Aufruf zur Arbeiterselbstverteidigung schien in der Luft zu h\u00e4ngen. Gegen wen sollte man sich denn verteidigen? Die \u201eDemokratie\u201c hatte sich doch schlie\u00dflich auf ganzer Linie durchgesetzt. Die franz\u00f6sische Bourgeoisie ist unter der Fahne der \u201eDemokratie\u201c und mit der Unterst\u00fctzung aller offiziellen Arbeiterorganisationen in diesen Krieg eingetreten, was dem \u201eRadikal-Sozialisten\u201c Daladier erlaubt hat, umgehend ein \u201edemokratisches\u201c Abbild eines totalit\u00e4ren Regimes zu errichten.<\/p>\n<p>Die Frage der Selbstverteidigungsorganisationen wird mit der Entwicklung des revolution\u00e4ren Widerstands gegen den Krieg und den Imperialismus in den Reihen des franz\u00f6sischen Proletariats wieder belebt werden. Die weitere Entwicklung Frankreichs und anderer L\u00e4nder ist untrennbar mit dem Krieg verbunden. Die Zunahme der Unzufriedenheit der Massen wird zuerst die wildeste Reaktion von oben ausl\u00f6sen. Der militarisierte Faschismus wird der Bourgeoisie und ihrer Staatsmacht zu Hilfe eilen. Die Frage der Organisierung zur Selbstverteidigung wird als Frage auf Leben und Tod vor der Arbeiterklasse stehen. Dieses Mal, davon kann man ausgehen, wird es gen\u00fcgend Gewehre, Maschinengewehre und Kanonen in den H\u00e4nden der Arbeiterklasse geben.<\/p>\n<p>\u00c4hnliche Erscheinungen haben sich, wenn auch in weniger eklatanter Weise, im politischen Leben der Vereinigten Staaten gezeigt. Nachdem die Erfolge der Roosevelt-\u00c4ra entgegen der allgemeinen Erwartung ab Herbst 1937 von einem langen Abschwung abgel\u00f6st wurden, begann die Reaktion sich offen aggressiv zu zeigen. Der Provinzb\u00fcrgermeister Hague wurde sofort eine \u201enationale\u201c Pers\u00f6nlichkeit. Die von Pogrom-Geist durchtr\u00e4nkten Predigten von Pater Coughlin fanden ein breites Echo. Die demokratische Verwaltung und ihre Polizei wichen vor den Banden des Monopolkapitals zur\u00fcck. W\u00e4hrend dieser Periode begann die Idee milit\u00e4rischer Verb\u00e4nde f\u00fcr die Verteidigung der Arbeiterorganisationen und der Arbeiterpresse bei den bewusstesten Arbeitern und der am meisten bedrohten Schicht des Kleinb\u00fcrgertums, vor allem bei den Juden, Geh\u00f6r zu finden.<\/p>\n<p>Der erneute wirtschaftliche Aufschwung, der im Juli 1939 begonnen hat und der offenkundig mit der Ausweitung der R\u00fcstungsproduktion und mit dem imperialistischen Krieg zusammenh\u00e4ngt, hat den Glauben der \u201e60 Familien\u201c in ihre \u201eDemokratie\u201c wiederbelebt. Hinzu kommt die Gefahr, dass die Vereinigten Staaten in den Krieg hineingezogen w\u00fcrden. Das war nicht der Moment, das Boot ins Schaukeln zu bringen! Alle Fraktionen der Bourgeoisie haben die Reihen hinter einer vorsichtigen Politik des Erhalts der \u201eDemokratie\u201c geschlossen. Roosevelts Position im Kongress wird st\u00e4rker. Hague und Pater Coughlin sind weit in den Hintergrund ger\u00fcckt. Zugleich hat das Dies-Komitee, das 1937 weder von der Rechten noch von der Linken ernstgenommen worden war, in den letzten Monaten eine beachtliche Autorit\u00e4t bekommen. Die Bourgeoisie ist \u201egegen den Faschismus genauso wie gegen den Kommunismus\u201c. Und sie will zeigen, dass sie mit parlamentarischen Mitteln mit allen Spielarten von \u201eExtremismus\u201c zurechtkommen kann.<\/p>\n<p>Unter diesen Bedingungen musste die Losung der Arbeiterselbstverteidigung ihre Anziehungskraft verlieren. Nach einem ermutigenden Beginn sieht es so aus, als sei die Organisierung der Arbeiterselbstverteidigung in eine Sackgasse geraten.<\/p>\n<p>An einigen Orten ist es schwierig, die Aufmerksamkeit der Arbeiter darauf zu lenken. An anderen Orten, wo viele Arbeiter sich den Selbstverteidigungsgruppen angeschlossen hatten, wissen die f\u00fchrenden Leute nicht, was sie mit der Arbeiterenergie anfangen sollen. Das Interesse schwindet. Das ist weder erstaunlich noch verst\u00f6rend: Die ganze Geschichte der Arbeiterselbstverteidigungsorganisationen besteht aus einem andauernden Wechsel von Perioden des Aufschwungs und des Abschwungs. Sie spiegeln die Konvulsionen der gesellschaftlichen Krise wider.<\/p>\n<p>Die Aufgaben der proletarischen Partei auf dem Gebiet der Arbeiterselbstverteidigung leiten sich aus den allgemeinen Bedingungen unserer Epoche sowie aus ihren besonderen Fluktuationen ab. Es ist unvergleichlich leichter, relativ breite Teile der Arbeiterklasse in Kampfverb\u00e4nde zu ziehen, wenn reaktion\u00e4re Banden Streikposten, Gewerkschaften, die Presse der Arbeiter usw. direkt angreifen. Wenn die Bourgeoisie es dagegen f\u00fcr kl\u00fcger h\u00e4lt, die irregul\u00e4ren Banden fallenzulassen und \u201edemokratische\u201c Methoden zur Herrschaft \u00fcber die Massen in den Vordergrund zu r\u00fccken, nimmt das Interesse der Arbeiter an Selbstverteidigungsorganisationen unvermeidlich ab. Soll das hei\u00dfen, dass wir unter diesen Bedingungen darauf verzichten sollten, die Arbeitervorhut zu bewaffnen?<\/p>\n<p>Keinesfalls. Jetzt, zu einer Zeit, wo der Weltkrieg begonnen hat, gehen wir mehr denn je von der Unvermeidlichkeit und dem unmittelbaren Bevorstehen der internationalen proletarischen Revolution aus. Diese grundlegende Idee, die die IV.&nbsp;Internationale von allen anderen Arbeiterorganisationen unterscheidet, bestimmt alle unsere Aktivit\u00e4ten, auch jene, die sich auf die Organisierung der Selbstverteidigungsverb\u00e4nde beziehen. Das bedeutet allerdings nicht, dass wir die konjunkturellen Fluktuationen der \u00d6konomie wie der Politik, mit ihren zeitweiligen Aufs und Abs, nicht beachten w\u00fcrden. Wenn man nur von der globalen Charakterisierung unserer Epoche ausgeht und von nichts sonst, wenn man die konkreten Etappen ignoriert, kann man leicht in Schematismus, Sektierertum, sogar in Donquichotterie verfallen. Bei jeder ernsten Wendung der Lage nehmen wir eine Feineinstellung unserer grundlegenden Aufgaben auf die ver\u00e4nderten konkreten Bedingungen der gegebenen Etappe vor. Darin besteht die Kunst der Taktik.<\/p>\n<p>Wir werden auf milit\u00e4rische Fragen spezialisierte Kader der Partei brauchen. Deshalb m\u00fcssen sie ihre praktische und theoretische Arbeit fortsetzen, auch jetzt, in der Zeit der \u201eEbbe\u201c. Die theoretische Arbeit muss darin bestehen, die Erfahrung von milit\u00e4rischen und der Kampforganisationen der Bolschewiki, der irischen und polnischen revolution\u00e4ren Nationalisten, der Faschisten, der Milizen in Spanien und anderer zu studieren. Wir m\u00fcssen ein als Muster dienendes Studienprogramm entwickeln und eine Bibliothek zu diesen Themen aufbauen, Vortr\u00e4ge vorbereiten usw.<\/p>\n<p>Zugleich muss die Stabsarbeit ohne Unterbrechung fortgesetzt werden. Wir m\u00fcssen Zeitungsausschnitte und weitere Informationen \u00fcber alle Arten von konterrevolution\u00e4ren Organisationen und \u00fcber die nationalen Gruppierungen (Juden, Schwarze usw.), die in einem kritischen Augenblick eine revolution\u00e4re Rolle spielen k\u00f6nnen, sammeln und auswerten. Dies ist tats\u00e4chlich sehr wichtig und ber\u00fchrt einen f\u00fcr uns besonders wichtigen Bereich unserer Arbeit, den der Verteidigung gegen die GPU.<\/p>\n<p>Gerade wegen der au\u00dferordentlich schwierigen Lage, in der die Komintern \u2013 und in starkem Ma\u00dfe der Auslandsgeheimdienst der GPU, der von der Komintern gef\u00fchrt wird \u2013 geraten ist, m\u00fcssen wir uns darauf gefasst machen, dass die GPU der IV.&nbsp;Internationale schwere Schl\u00e4ge versetzt. Wir m\u00fcssen in der Lage sein, sie aufzudecken und sie rechtzeitig abzuwenden!<\/p>\n<p>Neben dieser speziellen, Parteimitgliedern vorbehaltenen Arbeit m\u00fcssen wir breitere, offene Organisationen f\u00fcr verschiedene besondere Zwecke ins Leben rufen, die in der einen oder anderen Weise mit den k\u00fcnftigen milit\u00e4rischen Aufgaben des Proletariats verbunden sind. Dies w\u00fcrde sich auf verschiedene Arten von Arbeitersportorganisationen (Athleten, Boxer, Sch\u00fctzen usw.) und schlie\u00dflich auf Ch\u00f6re und Orchester beziehen. Wenn die politische Situation sich \u00e4ndert, k\u00f6nnen alle diese Nebenorganisationen sofort als Basis f\u00fcr breitere Abteilungen der Arbeiterselbstverteidigung dienen.<\/p>\n<p>Bei der Skizzierung dieses Aktionsprogramm gehen wir von dem Gedanken aus, dass die momentan gegebenen politischen Bedingungen vor allem die Abschw\u00e4chung des Drucks des einheimischen Faschismus unserer Arbeit im Bereich der Selbstverteidigung enge Grenzen setzen. Das ist der Fall, soweit um den Aufbau von milit\u00e4rischen Verb\u00e4nden auf einer strikten Klassenbasis geht.<\/p>\n<p>Eine entscheidende Wende zugunsten der Arbeiterselbstverteidigung wird sich erst mit einem neuen Zusammenbruch der demokratischen Illusionen ergeben, der unter den Bedingungen des Weltkriegs sehr schnell kommen und katastrophale Ausma\u00dfe annehmen d\u00fcrfte.<\/p>\n<p>Aber sozusagen als Kompensation verschafft uns der Krieg jetzt, genau in diesem Moment, M\u00f6glichkeiten zur Ausbildung der Arbeiter in milit\u00e4rischen Fragen, wie sie bisher in Friedenszeiten unvor\u00adstellbar gewesen sind. Und das gilt nicht nur f\u00fcr den Krieg, sondern auch f\u00fcr die Periode unmittelbar vor dem Krieg.<\/p>\n<p>Es ist unm\u00f6glich, alle praktischen M\u00f6glichkeiten vorauszusehen; doch mit dem Ausbau der Streitkr\u00e4fte des Landes werden sie zweifellos von Tag zu Tag zunehmen. Wir m\u00fcssen dieser Frage h\u00f6chste Aufmerksamkeit widmen und zu diesem Zweck eine spezielle Kommission einrichten (oder sie einem Stab der Selbstverteidigung anvertrauen und diesen bei Bedarf erweitern).<\/p>\n<p>Vor allem m\u00fcssen wir das vom Krieg geweckte Interesse an milit\u00e4rischen Problemen nutzen und eine Reihe von Vortr\u00e4gen zu Fragen wie den heutigen Waffenarten oder taktischen Methoden organisieren. Die Arbeiterorganisationen k\u00f6nnen daf\u00fcr Milit\u00e4rspezialisten heranziehen, die keinerlei Bindung an die Partei oder ihre Ziele haben. Aber das ist nur der erste Schritt.<\/p>\n<p>Wir m\u00fcssen die Vorbereitungen der Regierung auf den Krieg nutzen, damit eine m\u00f6glichst gro\u00dfe Anzahl von Parteimitgliedern und von Gewerkschaftern unter ihrem Einfluss in milit\u00e4rischen Dingen ausgebildet wird. W\u00e4hrendem wir unser grundlegendes Ziel vollst\u00e4ndig beibehalten \u2013 die Schaffung milit\u00e4rischer Einheiten auf einer Klassenbasis \u2013, m\u00fcssen wir dessen Verwirklichung fest mit den Bedingungen verbinden, die durch die imperialistischen Vorbereitungen des Kriegs entstanden sind.<\/p>\n<p>Ohne im Mindesten von unserem Programm abzuweichen, m\u00fcssen wir in einer Sprache, die sie verstehen, zu den Massen sprechen. \u201eWir Bolschewiken wollen auch die Demokratie verteidigen, aber nicht die Art von Demokratie, die von sechzig ungekr\u00f6nten K\u00f6nigen regiert wird. Als erstes sollten wir in unserer Demokratie mit den kapitalistischen Magnaten gr\u00fcndlich aufr\u00e4umen, dann werden wir sie bis zum letzten Blutstropfen verteidigen. Seid ihr, die ihr keine Bolschewiken seid, bereit,&nbsp;<em>diese<\/em>&nbsp;Demokratie zu verteidigen? Jedenfalls m\u00fcsst ihr wenigstens in der Lage sein, sie bestm\u00f6glich zu verteidigen, um nicht ein blindes Werkzeug in den H\u00e4nden der sechzig Familien und der ihnen ergebenen b\u00fcrgerlichen Offiziere zu sein. Die Arbeiterklasse muss sich \u00fcber die milit\u00e4rischen Angelegenheiten unterrichten, damit m\u00f6glichst viele Offiziere aus ihren Reihen hervorgehen.<\/p>\n<p>Wir m\u00fcssen von dem Staat, der morgen das Blut der Arbeiter fordern wird, verlangen, dass er ihnen heute Gelegenheit gibt, die milit\u00e4rische Technik bestm\u00f6glich zu meistern, um die milit\u00e4rischen Ziele mit m\u00f6glichst wenigen Menschenleben zu bezahlen.<\/p>\n<p>Um das zu verwirklichen, reichen weder eine regul\u00e4re Armee noch Kasernen. Die Arbeiter m\u00fcssen die M\u00f6glichkeit bekommen, zu bestimmten Zeiten in ihren Fabriken und Bergwerken, w\u00e4hrend sie von den Kapitalisten bezahlt werden, eine milit\u00e4rische Ausbildung zu erhalten. Wenn die Arbeiter dazu bestimmt sind, ihr Leben dahinzugeben, k\u00f6nnen die b\u00fcrgerlichen Patrioten wenigstens ein kleines materielles Opfer bringen.<\/p>\n<p>Der Staat muss an jeden waffenf\u00e4higen Arbeiter ein Gewehr ausgeben und auf Gel\u00e4nde, das den Arbeitern zug\u00e4nglich ist, Schie\u00df- und Artillerie\u00fcbungspl\u00e4tze einrichten.\u201c<\/p>\n<p>Unsere Agitation zum Krieg und unsere ganze Politik im Zusammenhang mit dem Krieg m\u00fcssen gegen\u00fcber den Pazifisten wie zu den Imperialisten unvers\u00f6hnlich sein.<\/p>\n<p>\u201eDieser Krieg ist nicht unser Krieg. Die Verantwortung f\u00fcr diesen Krieg tragen ausschlie\u00dflich die Kapitalisten. Aber solange wir noch nicht stark genug sind, sie zu st\u00fcrzen, und wir also in den Reihen ihrer Armee k\u00e4mpfen m\u00fcssen, sind wir verpflichtet zu lernen, die Waffen bestm\u00f6glich zu gebrauchen!\u201c<\/p>\n<p>Auch die Arbeiterinnen m\u00fcssen das Recht haben, Waffen zu tragen. Eine m\u00f6glichst gro\u00dfe Zahl von Arbeiterinnen muss auch die M\u00f6glichkeit erhalten, auf Kosten der Kapitalisten zu Sanit\u00e4terinnen ausgebildet zu werden.<\/p>\n<p>So wie jeder Arbeiter, der von den Kapitalisten ausgebeutet wird, danach trachtet, die Produktionstechniken bestm\u00f6glich zu lernen, muss jeder Soldat in der imperialistischen Armee die Kriegskunst bestm\u00f6glich lernen, um sie im Interesse der Arbeiterklasse benutzen zu k\u00f6nnen, wenn die Bedingungen sich \u00e4ndern.<\/p>\n<p>Wir sind keine Pazifisten. Nein. Wir sind Revolution\u00e4re. Und wir wissen, was uns erwartet.<\/p>\n<p><em>Ein Nicht-Pazifist, 25. Oktober 1939<\/em><\/p>\n<p><em>Diesen Artikel hat Leo Trotzki einige Wochen nach Beginn des Zweiten Weltkriegs in Mexiko auf Russisch verfasst; er ist aus unbekannten Gr\u00fcnden seinerzeit nicht ver\u00f6ffentlicht worden. Er ist von Marilyn Vogt ins Englische \u00fcbersetzt und 1973 zum ersten Mal publiziert worden. Er ist bisher noch nicht auf Deutsch erschienen.<\/em><\/p>\n<p><em>Aus dem Franz\u00f6sischen \u00fcbersetzt von Manuel Kellner; mit der \u00dcbersetzung ins Englische abgeglichen von Wilfried Dubois. Bei der Bearbeitung wurde von der Verwendung von geschlechterneutraler Sprache (gendern) abgesehen. Benutzte Quellen: L\u00e9on Trotsky, \u201eL\u2019autod\u00e9fense ouvri\u00e8re\u201c, in: \u0152uvres, hrsg. von Pierre Brou\u00e9, Bd.&nbsp;22, o.&nbsp;O. [Grenoble]: Publications de l\u2019Institut L\u00e9on Trotsky, 1985, S.&nbsp;122\u2012129; \u201eOn the Question of Workers\u02bc Self-Defense\u201c, in: Writings of Leon Trotsky (1939\u201240), hrsg. von Naomi Allen u. George Breitman, 2.&nbsp;Ausg., New York: Pathfinder Press, 1973, S.&nbsp;99\u2013105.\u00c4hnliche Auffassungen sind in zwei programmatischen Dokumenten der Vierten Internationale enthalten, die Leo Trotzki im Mai 1938 bzw. im Mai 1940 (also vor bzw. nach Beginn des Zweiten Weltkriegs) verfasst hat und die damals in mehreren Sprachen verbreitet wurden: In dem Dokument \u201eDer Todeskampf des Kapitalismus und die Aufgaben der Vierten Internationale\u201c, bekannt als \u201e\u00dcbergangsprogramm\u201c, das am 3.&nbsp;September 1938 auf der Gr\u00fcndungskonferenz der Vierten Internationale angenommen wurde, gibt es den Abschnitt \u201eStreikposten, Wehrabteilungen, Arbeitermiliz, Bewaffnung des Proletariats\u201c. Auf der \u201eEmergency Conference\u201c (Notkonferenz), die am 19. und 26.&nbsp;Mai 1940 \u2012 nach Beginn des Zweiten Weltkriegs in Europa, aber vor dem Kriegseintritt der USA \u2012 in New York stattfand, wurde das Manifest \u201eDer imperialistische Krieg und die proletarische Weltrevolution\u201c gebilligt; es endet mit den Abschnitten \u201eDie Arbeiter m\u00fcssen das Kriegshandwerk lernen\u201c und \u201eDies ist nicht unser Krieg\u201c.Siehe den Sammelband Leo Trotzki, Der Todeskampf des Kapitalismus und die Aufgaben der Vierten Internationale. Das \u00dcbergangsprogramm, Essen: Arbeiterpresse Verlag, 1997, S.&nbsp;97\u2012100 sowie S.&nbsp;258\/259.<\/em><\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/intersoz.org\/zur-frage-der-arbeiterselbstverteidigung\/\"><em>intersoz.org&#8230;<\/em><\/a><em> vom 30. Mai 2020<\/em><\/p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Leo Trotzki. Jeder Staat ist eine Zwangsorganisation der herrschenden Klasse. 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