{"id":7969,"date":"2020-06-02T11:04:59","date_gmt":"2020-06-02T09:04:59","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=7969"},"modified":"2020-06-02T11:05:00","modified_gmt":"2020-06-02T09:05:00","slug":"mord-an-george-floyd-der-nicht-so-nette-bundesstaat-minnesota","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=7969","title":{"rendered":"Mord an George Floyd: Der nicht so nette Bundesstaat Minnesota"},"content":{"rendered":"<p><em>Jamie Kruger. <\/em>Als der Polizeioffizier Derek Chauvin auf einer Stra\u00dfe in Minneapolis am vergangenen Montag auf George Floyds Hals kniete, f\u00fchlte es sich wahrscheinlich wie Routine f\u00fcr den wei\u00dfen Mann an, der auf eine lange Vorgeschichte von Missbrauch<!--more--> und exzessiver Gewalt zur\u00fcckblickt. Und in gewissem Sinn war es das: AfroamerikanerInnen in den USA leiden t\u00e4glich unter rassistischen Aktionen. F\u00fcr seine Komplizen, Tou Thao, Thomas Lane und J. Alexander Kueng, schien gleichfalls alles normal, da sie f\u00fcr die Deckung des Missbrauchs sorgten und darauf achteten, dass keine Unbeteiligten im Weg standen.<\/p>\n<p>George Floyd bettelte um Luft, um atmen zu k\u00f6nnen, aber das rassistische System, das unmenschliche PolizeibeamtInnen z\u00fcchtet, gestand ihm nicht einmal dies menschliche Grundbed\u00fcrfnis zu. Er wurde kaltbl\u00fctig get\u00f6tet. Die Ermordung von AfroamerikanerInnen durch wei\u00dfe PolizistInnen geschieht auch routinem\u00e4\u00dfig. Man denke an Eric Garner, Michael Brown, Breonna Taylor und so viele andere \u00fcber die Jahre. Doch dieses Mal ist etwas anders. Die Rebellion, die in den benachbarten St\u00e4dten Minneapolis und St. Paul begann und jetzt das ganze Land \u00fcberzieht, ist beispiellos in der j\u00fcngeren Geschichte.<\/p>\n<p><strong>Die Anf\u00e4nge der Revolte<\/strong><\/p>\n<p>Am Montag, dem 25. Mai, wurde die Polizei zu einem \u00f6rtlichen Tante-Emma-Laden an der Chicago Avenue in S\u00fcd-Minneapolis wegen eines Verdachts auf Verbreitung von Falschgeld gerufen. Als die Polizeibeamten eintrafen, fanden sie George Floyd in einem Auto in der N\u00e4he sitzend. Es ist wenig bekannt, was die Festnahme ausl\u00f6ste, aber die Polizei behauptete sp\u00e4ter, er habe sich ihr widersetzt, weshalb sie ihn mit dem Gesicht nach unten auf dem Boden niederhielten, w\u00e4hrend Derek Chauvin mit seinem ganzen K\u00f6rpergewicht mehr als 8 Minuten lang auf Floyds Hals kniete und zwei weitere Polizeibeamte seinen K\u00f6rper festhielten.<\/p>\n<p>Nicht beunruhigt \u00fcber Floyds Flehen um Luft und Umstehende, die ebenfalls darum baten, ihn Atem sch\u00f6pfen zu lassen, hat Chauvin nicht einmal seinen W\u00fcrgegriff gelockert, nachdem Floyd nicht mehr ansprechbar war und schlaff wurde. Er wurde f\u00fcr tot erkl\u00e4rt, nachdem Sanit\u00e4terInnen ihn ins Krankenhaus gebracht hatten. Andere, inoffizielle Berichte besagen jedoch, dass Floyd bereits am Tatort nicht reagierte und ohne Puls war. Nachdem das grauenhafte Videomaterial kursierte, das die Darstellung der Polizei bestritt, begannen sich Menschen in der N\u00e4he des Ladens zu versammeln und die Menge schwoll bald an und forderte Gerechtigkeit.<\/p>\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"800\" height=\"450\" src=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/george-floyd-800x450-1.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-7970\" srcset=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/george-floyd-800x450-1.jpg 800w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/george-floyd-800x450-1-300x169.jpg 300w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/george-floyd-800x450-1-768x432.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 800px) 100vw, 800px\" \/><\/figure>\n<p>Mit einer bisher nicht gekannten Geschwindigkeit wurden die vier Polizeibeamten aus Minneapolis vom Dienst suspendiert und das FBI wurde zu Ermittlungen hinzugezogen. Der Druck, der von der Menge und aufgeladenen Militanz der Gegenwehr ausging, war der unmittelbare Entlassungsgrund f\u00fcr Chauvin und seine Komplizen. Doch zur \u00dcberraschung der lokalen und staatlichen Verwaltung hat dies nicht die Gem\u00fcter der Protestierenden bes\u00e4nftigt. Die Menschen setzten vielmehr ihre Proteste, die sie am Montagabend nach Floyds Ermordung begonnen hatten, mit wachsend k\u00e4mpferischer Haltung fort. Sie gipfelten in den fr\u00fchen Stunden des Donnerstagabend und Freitagmorgen (28. \/29. Mai), als sie zum 3. Polizeibezirk marschierten, wo die Polizeioffiziere stationiert waren, und das Geb\u00e4ude bis auf die Grundmauern niederbrannten. Unterdessen wurde Chauvin in Gewahrsam genommen und am 29. Mai angeklagt.<\/p>\n<p>Auch wenn der \u00f6ffentliche Druck zunahm, dauerte es dennoch bis zum 29. Mai f\u00fcr Michael O. Freeman, Bezirksstaatsanwalt von Hennepin, um die Verhaftung von Derek Chauvin wegen Mordes dritten Grades und Totschlags anzuordnen und Anklage zu erheben. Zum Zeitpunkt der Ver\u00f6ffentlichung dieser Zeilen wurde keine Anklage gegen die drei Dienstgrade erhoben, die Chauvin bei der T\u00f6tung von Floyd unterst\u00fctzt hatten.<\/p>\n<p>Polizeibrutalit\u00e4t und rassistisches Profiling sind in den Zwillingsst\u00e4dten nichts Neues. Sie sind genauso weit verbreitet und seit langem etabliert wie in anderen Gro\u00dfst\u00e4dten in den gesamten USA.<\/p>\n<p><strong>Polizeiterror in Minneapolis<\/strong><\/p>\n<p>Die Polizei von Minneapolis ist historisch bekannt f\u00fcr ihre Unterst\u00fctzung\u00a0 wei\u00dfer Vorherrschaft und \u00fcberm\u00e4\u00dfige Gewalt. Die Vereinigung der Polizei (\u201eGewerkschaft\u201c), stellvertretend f\u00fcr die \u00fcber 800 PolizeibeamtInnen des st\u00e4dtischen Polizeidepartements, der PolizeibeamtInnenverband von Minneapolis, wird von Lt. Bob Kroll gef\u00fchrt. Dieser ist als freim\u00fctiger Trump-Anh\u00e4nger bekannt, der in der Vergangenheit von dem derzeitigen Polizeichef Medaria Arradondo wegen Tragens eines \u201eWhite Power\u201c-Buttons an einer Motorradjacke angeklagt wurde. Kroll glaubt stark an die Politik der \u201ezerbrochenen Fenster\u201c, unter der farbige Gemeinden unverh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig zu leiden haben. Dieser tief verwurzelte und systematische Rassismus darf gedeihen, weil das politische und rechtliche System es zul\u00e4sst und verzeiht. So haben beispielsweise nur 1 % der Beschwerden gegen PolizeibeamtInnen seit 2012 zu Disziplinarma\u00dfnahmen gef\u00fchrt.<\/p>\n<p>Die rassistischen Ungleichheiten in Minneapolis geh\u00f6ren zu den schlimmsten in den USA. Neben der Rassentrennung sind die AfroamerikanerInnen in Minnesota von Ungleichbehandlung im Bildungs- und Gesundheitswesen schwer betroffen. Die Gesundheitskrise innerhalb der Gemeinschaften der People of Color wird dadurch versch\u00e4rft, dass die aktuelle Covid-19-Pandemie sie unverh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig stark trifft: viele arbeiten an vorderster Linie, an schlecht bezahlten Arbeitspl\u00e4tzen, viele andere haben zus\u00e4tzlich zu bereits bestehenden Gesundheitsproblemen und unzureichender Krankenversicherung auch noch K\u00fcndigungen erhalten.<\/p>\n<p>Diese j\u00fcngste T\u00f6tung eines unbewaffneten Afroamerikaners hat den Funken f\u00fcr einen Aufstand, der in einer langen Geschichte rassistischer Ungleichheiten in Minnesota und insbesondere in Minneapolis wurzelt, entz\u00fcndet. Der Staat h\u00e4lt das Image vom \u201enetten Minnesota\u201c hoch und behauptet, gastfreundlich und offen zu sein. Er hat jedoch in seiner Geschichte fortw\u00e4hrend farbige Menschen systematisch unterdr\u00fcckt. Wei\u00dfe BewohnerInnen der Partnerst\u00e4dte betrachten sich selbst als progressiv und integrativ, aber dennoch wurden traditionell schwarze Viertel im Stadtzentrum ger\u00e4umt, um Platz f\u00fcr Autobahnen zu schaffen und historisch als gef\u00e4hrlich zu betreten geltende Stadteilteile sind nach wie vor unterversorgt. Die Mehrheit der schwarzen und braunen Bev\u00f6lkerung in Minneapolis lebt immer noch in rassistisch segregierten Gebieten.<\/p>\n<p>Die zugrundeliegenden Kr\u00e4fte der Unterdr\u00fcckung lieferten den Antrieb f\u00fcr diese andauernde Rebellion. Die Menschen auf den Stra\u00dfen fordern, dass die anderen drei Polizeioffiziere angeklagt und verhaftet werden und dass die T\u00f6tung unbewaffneter AfroamerikanerInnen ein Ende hat. Nachdem die Proteste zunahmen und die Zusammenst\u00f6\u00dfe mit der \u00f6rtlichen Polizei eskalierten, wurden Geb\u00e4ude in Brand gesteckt und es kam zu umfangreichen Pl\u00fcnderungen. In einer Machtdemonstration f\u00fchrte Gouverneur Tim Walz, ein Demokrat, eine noch nie dagewesene Anzahl von NationalgardistInnen heran, um den Aufstand niederzuschlagen, und ordnete eine Ausgangssperre von 20.00 Uhr bis 6.00 Uhr am Pfingstwochenende an. Au\u00dferdem wurde der \u00f6ffentliche Nahverkehr eingestellt, was f\u00fcr die Armen und die ArbeiterInnenklasse in den Zwillingsst\u00e4dten noch mehr Probleme mit sich brachte.<\/p>\n<p>Immer mehr Menschen in einer wachsenden Zahl von St\u00e4dten beteiligen sich an der Rebellion gegen ein offen rassistisches System. Die Gewalt, mit denen das politische System versucht, sie zu zermalmen, zeigt die dringende Notwendigkeit f\u00fcr eine politische und soziale Revolution. Die Menschen auf den Stra\u00dfen beginnen zu erkennen, dass dieses System unmenschlich ist und bek\u00e4mpft werden kann. Es ist zu hoffen, dass die Massen sich nicht mit erhabenen Reformversprechen f\u00fcr die Zukunft, die wir immer wieder geh\u00f6rt haben, abspeisen lassen.<\/p>\n<p><strong>Den Zorn organisieren und das System bek\u00e4mpfen<\/strong><\/p>\n<p>Wir m\u00fcssen den Zorn organisieren! Wir m\u00fcssen Strukturen im Hier und Jetzt aufbauen, und das wird letztlich das gesamte kapitalistische System in Frage stellen. Wir brauchen ein Tribunal der Unterdr\u00fcckten, um gegen das verkommene System anzugehen, das im Wesentlichen auf Unterdr\u00fcckung beruht \u2013 der Farbigen, Frauen und LGBTIAQ-Gemeinschaften sowie Armen und der arbeitenden Klasse. Wir m\u00fcssen Selbstverteidigungskr\u00e4fte aufbauen, um uns vor dem repressiven Staat und seinen SchergInnen zu sch\u00fctzen, auch gegen faschistische und wei\u00dfe nationalistische Kr\u00e4fte, die versucht haben, die Demonstrationen zu infiltrieren, und Bibliotheken, Post\u00e4mter und lokale kleinb\u00fcrgerliche Unternehmen in der Nachbarschaft attackierten. Diese Strukturen m\u00fcssen in den Wohnbezirken der rassistisch Unterdr\u00fccken, unter den People of Colour, in der ArbeiterInnenklasse und den Gewerkschaften verankert sein, wenn wir erfolgreich sein wollen in diesem Kampf.<\/p>\n<p>Wenn in dieser anhaltenden Krise des kapitalistischen Systems etwas f\u00fcr die Menschen geschieht, dann nur wegen der und durch die Menschen selbst. Wir werden keine Antworten finden in schwarzen PolizeichefInnen, Distriktanw\u00e4ltInnen, die den Polizeiterror decken, GouverneurInnen der Demokratischen Partei und B\u00fcrgermeisterInnen oder republikanischen Pr\u00e4sidentInnen, noch wird dies durch Wahlen geschehen. All diese \u201eAbhilfema\u00dfnahmen\u201c wurden jahrzehntelang versucht und haben noch immer nicht die Ermordung schwarzer B\u00fcrgerInnen durch die Leute gestoppt, die sie angeblich \u201esch\u00fctzen und ihnen dienen\u201c sollten. Nicht einmal die Erh\u00f6hung der Zahl der schwarzen und einer Minderheit angeh\u00f6renden PolizistInnen wird alles \u00e4ndern, denn PolizistIn zu sein, ist eine Funktion f\u00fcr das System, nicht eine Identit\u00e4t, die sich auf diese Funktion auswirken kann oder auf dieses System.<\/p>\n<p>Dies ist eine sich entwickelnde Situation, von der wir erwarten, dass wir sie weiter in den n\u00e4chsten Wochen und Monaten analysieren und kommentieren, aber eines ist sicher, selbst zu diesem fr\u00fchen Zeitpunkt des Kampfes: Es muss sich alles \u00e4ndern oder nichts wird sich \u00e4ndern.<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"http:\/\/arbeiterinnenmacht.de\/2020\/06\/01\/mord-an-george-floyd\/\"><em>Neue Internationale 247&#8230;<\/em><\/a><em> vom 2. Juni 2020<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Jamie Kruger. 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