{"id":7979,"date":"2020-06-03T09:02:14","date_gmt":"2020-06-03T07:02:14","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=7979"},"modified":"2020-06-03T09:02:15","modified_gmt":"2020-06-03T07:02:15","slug":"ein-busfahrer-ueber-die-proteste-in-minneapolis","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=7979","title":{"rendered":"Ein Busfahrer \u00fcber die Proteste in Minneapolis"},"content":{"rendered":"<p><strong>Die Proteste nach dem Mord an George Floyd halten seit Tagen an und haben sich in viele St\u00e4dte der USA ausgebreitet, wie die Bewegungen nach den Morden von Ferguson und Baltimore vor einigen Jahren. Sie dr\u00fccken auch den Unmut der Leute aus,<!--more--> die wissen, dass sie in jeder Hinsicht die h\u00f6chsten Kosten des Covid-Ausbruchs zahlen: weil sie vorher schon zu wenig Einkommen hatten; weil sie sich in engen Wohnungen isolieren sollen; weil sie in Jobs arbeiten, in denen sie besonders gef\u00e4hrdet sind. In Minneapolis haben sich ArbeiterInnen mit den Protesten solidarisiert, BusfahrerInnen weigern sich, f\u00fcr die Polizei zu arbeiten.<\/strong><\/p>\n<p><strong>Das Online-Magazin\u00a0<\/strong><a href=\"https:\/\/hardcrackers.com\/injury-one-injury-minneapolis-bus-driver-solidarity-minneapolis-protesters\/\"><strong>Hard Crackers &#8211; Chronicles of Everyday Life<\/strong><\/a><strong>\u00a0hat am 29.5.20 ein Interview mit einem Busfahrer ver\u00f6ffentlicht, der sich mit seinen KollegInnen organisiert.<\/strong><\/p>\n<p>Adam ist Busfahrer in Minneapolis und Mitglied des ATU Local 1005 [\u00f6rtlicher Zweig der Amalgamated Transit Union; Gewerkschaft f\u00fcr den \u00d6PNV in den USA und Kanada] und der Socialist Alternative MN [lokaler Zweig einer trotzkistischen Partei]. Inmitten der Proteste in Minneapolis weigerte er sich, festgenommene Personen mit seinem Bus zum Polizeirevier zu transportieren. In der Folge hat die ATU International eine unabh\u00e4ngige Untersuchung des Todes von George Floyd gefordert und das Recht ihrer Mitglieder verteidigt, den Transport von Polizeibeamten und verhafteten Demonstranten zu verweigern. Wir haben mit Adam \u00fcber die anhaltenden Proteste in Minneapolis gesprochen und dar\u00fcber, wie Gewerkschaftsmitglieder den Kampf gegen rassistische Polizeibrutalit\u00e4t unterst\u00fctzen k\u00f6nnen.<\/p>\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"430\" height=\"449\" src=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/atu.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-7980\" srcset=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/atu.png 430w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/atu-287x300.png 287w\" sizes=\"auto, (max-width: 430px) 100vw, 430px\" \/><\/figure>\n<p><em>Was arbeitest du und wie bist du zur Entscheidung gekommen, der Polizei von Minneapolis zu verweigern, deine Busroute f\u00fcr die Bef\u00f6rderung verhafteter DemonstrantInnen zu benutzen?<\/em><\/p>\n<p>Ich bin seit zwei Jahren Busfahrer, meine Route liegt im Umland von Minneapolis und St. Paul. Ich bin im\u00a0<em>Local 1005<\/em>\u00a0und seit der Erschie\u00dfung von Philando Castile durch die Polizei mache ich bei linken Organisierungsversuchen mit. Castile wurde [2016] von der Polizei in Falcon Heights erschossen, einer Siedlung zwischen Minneapolis und St. Paul. Danach gab es viele Proteste. Unter anderem wurde die Villa des Gouverneurs besetzt, die nicht weit von dem Ort entfernt ist, an dem Castile ermordet wurde. Ich war dabei, als die Autobahn<em>\u00a0<\/em>zwischen Minneapolis und St. Paul<em>\u00a0<\/em>blockiert wurde. In dieser Nacht wurden viele von uns dort verhaftet, wir wurden in Stadtbusse verladen und ins Bezirksgef\u00e4ngnis gebracht.<\/p>\n<p>Damals wurde mir klar, dass die Polizei davon ausgeht, dass sie Busse und Arbeiter f\u00fcr ihre Zwecke einsetzen kann. Ich habe mich f\u00fcr diesen Job entschieden, weil er gute Zusatzleistungen bietet und es eine starke Gewerkschaft gibt. Aber jetzt bin ich selbst in der Situation. Was soll ich tun? Als die Proteste wegen George Floyd ausgebrochen sind, war ich am zweiten Tag dabei. Wir starteten an dem Ort, wo er get\u00f6tet wurde, und marschierten zum Polizeirevier. Am dritten Tag, also Mittwoch, wurde das dritte Polizeirevier dann besetzt. Da konnte ich nicht dabei sein, weil ich gearbeitet habe. Aber ich bekam eine Nachricht, dass die Fahrer, die einen Polizeibus fahren wollten, \u00dcberstunden machen k\u00f6nnen. Ich wusste sofort, dass die Polizeibeh\u00f6rde den \u00f6ffentlichen Nahverkehr benutzen wollte, um sich auf Massenverhaftungen vorzubereiten. In meiner Pause habe ich einfach einen kurzen Beitrag auf Facebook geschrieben \u2013 den, den du gesehen hast. Er lautete in etwa: \u00bbHey, als Gewerkschaftsmitglied und als Arbeiter kann ich mich dabei nicht guten Gewissens beteiligen.\u00ab<\/p>\n<p>Aber ich wollte nicht einfach nur einen Facebook-Post schreiben, sondern auch meine Kolleginnen und Kollegen \u00fcberzeugen. Mir ist klar, dass ich nur Busfahrer bin und keine wirkliche Autorit\u00e4t \u00fcber 2500 Arbeiter habe. Aber ich wollte meinen Kolleginnen und Kollegen zeigen, dass es ziemlich einfach ist, nein zu sagen, weil es nur um \u00dcberstunden ging. Zu denen k\u00f6nnen sie uns nicht zwingen. Solange sie den Einsatz als \u00dcberstunden anbieten, k\u00f6nnen wir ablehnen.<\/p>\n<p>Neben dem Facebook-Posting habe ich auch eine Online-Petition gestartet, die meine Kolleginnen und Kollegen und andere Gewerkschaftsmitglieder unterzeichnen sollten. Wir haben auch eine Facebook-Gruppe\u00a0<em>Gewerkschaftsmitglieder f\u00fcr #JusticeforGeorgeFloyd<\/em>\u00a0gegr\u00fcndet, um die Proteste zu unterst\u00fctzen.<\/p>\n<p><em>Hast du versucht, direkt mit KollegInnen \u00fcber die Proteste zu sprechen?<\/em><\/p>\n<p>Das war schwierig. Sogar unter normalen Umst\u00e4nden siehst du deine Kollegen selten, meistens bist du allein in deinem Bus. Wegen COVID-19 ist es jetzt noch schwieriger, mit jemandem zu sprechen. Wir haben den Service reduziert, und viele Fahrer sind krank und kommen nicht zur Arbeit, weil sie Kontakt mit Infizierten hatten oder Angst haben, die Krankheit mit nach Hause zu ihren Familien zu bringen. Es war also eine sehr stressige Zeit.<\/p>\n<p>Ich bin heute Nachmittag zur Arbeit gegangen, und als ich reinkam, k\u00fcndigten sie im Grunde gleich an, dass das gesamte System runtergefahren wird. Sie sagten, es g\u00e4be zu viele Unruhen, als dass die Menschen weiterhin riskieren k\u00f6nnten, zur Arbeit zu gehen. Uns wurde jedoch gesagt, dass wir bleiben sollten, wenn wir uns freiwillig melden wollten.<\/p>\n<p><em>Was hei\u00dft das?<\/em><\/p>\n<p>Du kannst dich freiwillig f\u00fcr verschiedene Aufgaben melden: Du kannst Busse von einem Depot zum anderen fahren; Polizeibeamte und jetzt m\u00f6glicherweise auch die Nationalgarde bef\u00f6rdern; oder du bringst verhaftete DemonstrantInnen ins Gef\u00e4ngnis. Ich habe die Gelegenheit genutzt, um mit meinen KollegInnen zu sprechen. Ich habe sie gefragt: \u00bbBist du bereit, sowas f\u00fcr eine Polizeibeh\u00f6rde zu tun, wo Kriminelle arbeiten?\u00ab<\/p>\n<p><em>Wie haben sie geantwortet?<\/em><\/p>\n<p>Viele FahrerInnen sagten was in die Richtung: \u00bbIch m\u00f6chte nicht in eine gef\u00e4hrliche Situation kommen. Meine Frau bringt mich um, wenn sie herausfindet, dass ich in den Aufruhr geraten bin.\u00ab Sie sind um ihre Sicherheit besorgt. Eine Fahrerin sagte, sie hat Angst zur Zielscheibe von Demonstranten zu werden, wenn sie Polizisten f\u00e4hrt.<\/p>\n<p>Und dann wurde ich Zeuge, wie eine Kollegin sich freiwillig meldete. Die Fahrdienstleiterin sagte, sie m\u00fcsse bereit sein, Polizisten zu transportieren. Und da sagte sie nein und setzte sich wieder hin. Sie sagte: \u00bbIch kann von einem Depot zum anderen fahren, aber ich werde nicht die Polizei herumfahren.\u00ab<\/p>\n<p>Da dachte ich, es gibt genug FahrerInnen, die die Polizei nicht unterst\u00fctzen wollen, um was zu erreichen.<\/p>\n<p><em>Was halten deine KollegInnen von den anhaltenden Protesten? Ich habe in den Nachrichten gesehen, dass ein Polizeirevier niedergebrannt wurde.<\/em><\/p>\n<p>Ich konnte heute im Depot mit ihnen reden. Jeder, mit dem ich gesprochen habe, hielt es f\u00fcr besonders ungeheuerlich, wie die Polizei George Floyd ermordet hat, der Polizeibeamte sollte angeklagt und verhaftet werden und f\u00fcr seine Taten vor Gericht kommen. Es gibt eine Menge Sympathie f\u00fcr den Protest wegen dieser offensichtlichen Ungerechtigkeit. Aber gleichzeitig drehten sich die Gespr\u00e4che um die Frage, ob wir die j\u00fcngsten Eskalation der Unruhen guthei\u00dfen. Ich habe versucht, das Gespr\u00e4ch in die Richtung zu lenken, dass die politischen Eliten die Stadt schlecht verwaltet haben und die Polizei ohne jede Rechenschaftspflicht vorgehen lassen. Der Polizeibeamte ist ein rassistisches St\u00fcck Schei\u00dfe. Er ist seit 19 Jahren bei der Polizei und hat schon viele Brutalit\u00e4ten im Dienst begangen. Er hat Verhafteten Gewalt angetan. Der B\u00fcrgermeister und der Stadtrat sind liberaler geworden, sie werden sich solidarisch mit\u00a0<em>Black Lives Matter<\/em>\u00a0erkl\u00e4ren, aber dennoch durfte dieser Polizeibeamte die ganze Zeit bei der Polizei bleiben. Sie haben den Polizeihaushalt Jahr f\u00fcr Jahr erh\u00f6ht, obwohl es eine Wohnungskrise gibt. Ihre erste Aussage nach der Ermordung von Floyd war eine glatte L\u00fcge. Sie haben davon gesprochen, dass er sich der Verhaftung widersetzt habe. Nun wurde ein Video ver\u00f6ffentlicht: George Floyd hat sich keinen Moment der Verhaftung widersetzt.<\/p>\n<p><em>Wie sieht Minneapolis im Augenblick aus?<\/em><\/p>\n<p>Als die Leute im 3. Bezirk eintrafen, wurden sie mit Gummigeschossen und Bereitschaftspolizei empfangen. Die Polizei unternahm nichts, um die Situation zu deeskalieren. Das war Dienstagnacht. Aber ich w\u00fcrde sagen, dass die DemonstrantInnen kein Vertrauen in das politische Establishment der Stadt haben, kein Vertrauen, dass Trumps FBI eine gr\u00fcndliche Untersuchung durchf\u00fchrt, und kein Vertrauen in die Polizei, die mit ihren Methoden die DemonstrantInnen weiterhin provoziert. Der B\u00fcrgermeister ist ein typischer liberaler Politiker des Establishments, der die Methoden und Taktiken der Polizei gegen\u00fcber den DemonstrantInnen nicht verurteilt.<\/p>\n<p>Es ist nicht \u00fcberraschend, dass die Leute zur Schlussfolgerung gekommen sind, dass sie sich auf die F\u00fchrung von Polizei und Stadt nicht verlassen k\u00f6nnen. Sie haben demonstriert, dass sie unf\u00e4hig oder nicht willens sind, fr\u00fcheren Opfern Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Warum sollten sie ihnen dieses Mal vertrauen? Deshalb nehmen sie die Sache selbst in die Hand.<\/p>\n<p><em>Was erhoffst du dir von der Mobilisierung deiner KollegInnen?<\/em><\/p>\n<p>Wir sind an einem Punkt angelangt, an dem sich die Protestbewegung ver\u00e4ndern muss, um voranzukommen. Die Liberalen sagen den Leuten, sie sollen nach Hause gehen, aber das wird nicht funktionieren. Es gab heute Bem\u00fchungen verschiedener unabh\u00e4ngiger progressiver Gruppen, die Proteste vor dem B\u00fcro der Stadtregierung in der Innenstadt fortzusetzen, wo sich die Staatsanwaltschaft befindet. Es gab auch die Forderung, dass der oberste Bezirksstaatsanwalt Anklage gegen die vier beteiligten Beamten erheben soll. Wahrscheinlich sind schon Protestierende auf den Weg dorthin. Ich werde mich wahrscheinlich jetzt selbst auf den Weg machen. Es sind Tausende da, das ist eine gute Entwicklung. Die Menschen wollen zur\u00fcckschlagen und nicht nach Hause gehen. Sie finden die Taktik von gestern Abend vielleicht nicht effektiv, aber sie wollen auch nicht zu Hause bleiben. Sie wollen wiederkommen und k\u00e4mpfen, aber vielleicht mit anderen Methoden.<\/p>\n<p>Ich finde es bemerkenswert, dass die\u00a0<em>Minnesota Nurse Union [Gewerkschaft von KrankenpflegerInnen]<\/em>, die\u00a0<em>Minneapolis Federation of Teachers<\/em>\u00a0[Lehrergewerkschaft] und das\u00a0<em>Local 1005<\/em>\u00a0den Mord an George Floyd verurteilt haben. Sie haben erkl\u00e4rt, dass es Gerechtigkeit geben muss und sehr deutliche Worte gefunden. Ich denke, es ist notwendig, dass die Arbeiterbewegung sich mit den DemonstrantInnen verbindet. Immer mehr\u00a0<em>People of Color<\/em>\u00a0werden Gewerkschaftsmitglieder, aber damit die Arbeiterbewegung wachsen und zu einer lebendigen Kraft im Kampf gegen die Bosse werden kann, m\u00fcssen wir zeigen, dass wir f\u00fcr die gesamte Arbeiterklasse k\u00e4mpfen k\u00f6nnen. Wir m\u00fcssen \u00fcber das hinausgehen, was am Arbeitsplatz geschieht, wir m\u00fcssen die unorganisierten ArbeiterInnen erreichen und zusammen mit ihnen \u00fcberbetriebliche K\u00e4mpfe f\u00fchren. Das ist die Rolle, die Gewerkschaften spielen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Die Arbeiterbewegung wurde zur\u00fcckgedr\u00e4ngt. Aber sie ist nach wie vor die effektivste Kampfkraft f\u00fcr ArbeiterInnen, weil sie die kollektive Macht sein kann, die den Bossen entgegentritt und sie vor deren Interessen sch\u00fctzt.<\/p>\n<p><em>Was planst du als n\u00e4chstes?<\/em><\/p>\n<p>Sie werden den Transitverkehr bis Montag einstellen. Ich werde also leider nicht zur Arbeit gehen und mit KollegInnen sprechen k\u00f6nnen. Aber ich glaube, ich habe Wege gefunden, um im Gespr\u00e4ch zu bleiben und mich au\u00dferhalb des Arbeitsplatzes zu organisieren. Ich werde sie ermutigen, zu den Protesten zu kommen. Am Samstag wird wieder eine sehr gro\u00dfe Demonstration erwartet; ich sehe die M\u00f6glichkeit, ArbeiterInnen zu organisieren, die sich mit den DemonstrantInnen solidarisch zeigen. Gewerkschaftsmitglieder k\u00f6nnen zeigen, dass sie ihre Position nutzen, um f\u00fcr Gerechtigkeit und die Forderungen der Demonstranten zu k\u00e4mpfen. Organisierte ArbeiterInnen k\u00f6nnen kollektiv handeln, um die Produktion und die Unternehmensgewinne stillzulegen, das ist die gr\u00f6\u00dfte Bedrohung f\u00fcr die herrschende politische Klasse.<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"http:\/\/www.wildcat-www.de\/aktuell\/a117_minneapolis.html\"><em>wildcat.de&#8230;<\/em><\/a><em> vom 3. Juni 2020<\/em><\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Proteste nach dem Mord an George Floyd halten seit Tagen an und haben sich in viele St\u00e4dte der USA ausgebreitet, wie die Bewegungen nach den Morden von Ferguson und Baltimore vor einigen Jahren. 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