{"id":7988,"date":"2020-06-04T10:18:50","date_gmt":"2020-06-04T08:18:50","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=7988"},"modified":"2020-06-04T10:18:51","modified_gmt":"2020-06-04T08:18:51","slug":"die-erfahrung-des-aufstandes-gestern-chile-heute-usa","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=7988","title":{"rendered":"Die Erfahrung des Aufstandes: Gestern Chile \u2013 heute USA"},"content":{"rendered":"<p><em>Marius Rautenberg (Text) und Simon Zamora Martin (Bild)<\/em>.<strong> Eine Polizeistation brennt, Steine fliegen, Tr\u00e4nengas h\u00fcllt die Stra\u00dfen in Nebel. Diese Szenen aus den USA haben wir im Oktober und November schon in Chile gesehen. Dort hat die Bev\u00f6lkerung<\/strong><!--more--> <strong>Notfallstrukturen geschaffen, um die Proteste und die Selbstverteidigung zu organisieren. Ein R\u00fcckblick auf den Aufstand.<\/strong><\/p>\n<p><em>W\u00e4hrend US-Pr\u00e4sident Trump sich in seinem Bunker verschanzt und mit dem Milit\u00e4r droht, weiten sich die Proteste auf das ganze Land aus. In einer Welt, in der die Jugendlichen und Arbeiter*innen nach 30 Jahren neoliberaler Zerst\u00f6rung prek\u00e4re Jobs, Arbeitslosigkeit und Polizeigewalt erfahren, h\u00e4ufen sich die Aufst\u00e4nde: Hong Kong, Iran, Irak, Libanon, Sudan, Algerien, Frankreich, Haiti, Ecuador, Chile und jetzt die USA. In keinem dieser L\u00e4nder konnte das Regime bisher gest\u00fcrzt und durch eine Regierung der Arbeiter*innen ersetzt werden.<\/em><\/p>\n<p><em>Ein Aufstand kann die Herrschenden zwar das F\u00fcrchten lernen, aber bietet noch keine alternative Machtoption. In dieser Hinsicht waren die Erfahrungen aus Chile Ende 2019 am weitesten fortgeschritten: In der nordchilenischen Bergbaustadt Antofagasta haben die Arbeiter*innen und Jugendlichen ein Notstands- und Schutzkomitee ins Leben gerufen, um die Proteste und die Selbstverteidigung gegen die Polizeigewalt zu organisieren.<\/em><\/p>\n<p><em>Nach den beiden Generalstreiks im Oktober und November 2019 gab es noch bis in den Februar hinein regelm\u00e4\u00dfig Proteste und Stra\u00dfenk\u00e4mpfe zwischen der Polizei und den Jugendlichen der \u00e4rmeren Viertel. Die Regierung nutzte die Corona-Krise, um eine drastische Ausgangssperre zu verh\u00e4ngen und so die Proteste einzud\u00e4mmen.<\/em><\/p>\n<p><em>Doch Corona versch\u00e4rft auch die Widerspr\u00fcche des Neoliberalismus: Es wird kaum getestet, weil in dem privatisierten Gesundheitssystem die teuren Test von den Patient*innen gezahlt werden m\u00fcssen. Und w\u00e4hrend Unternehmen wie die Fluglinie LATAM Millionenaussch\u00fcttungen an ihre Aktion\u00e4re verteilen, k\u00fcndigt sie massenhafte Entlassungen an.<\/em><\/p>\n<p><em>In den letzten Wochen kam es in der unter Quarant\u00e4ne stehenden Hauptstadt Santiago erneut zu Stra\u00dfenschlachten mit der Polizei und auch im Norden des Landes traten Minenarbeiter*innen mit der Forderung nach Brot, Gesundheit und Arbeit in den Streik. Die Wut kann sich jederzeit wieder entladen \u2013 und auf den Erfahrungen des Notstand- und Schutzkomitees aufbauen.<\/em><\/p>\n<p><em>Folgend spiegeln wir eine Reportage \u00fcber das Komitee und die Situation in Antofagasta, die\u00a0<\/em><a href=\"https:\/\/www.jungewelt.de\/loginFailed.php?ref=\/artikel\/372220.proteste-in-chile-die-blutige-spur-des-kupfers.html?sstr=spur\"><strong><em>zuerst am 8. Februar 2020 in der Jungen Welt<\/em><\/strong><\/a><em>\u00a0erschien.\u00a0Reportage von Simon Zamora Martin und Marius Rautenberg. Bilder: Simon Zamora Martin.<\/em><\/p>\n<p><strong>Die blutige Spur des Kupfers<\/strong><\/p>\n<p>Ein 31-j\u00e4hriger Mann wird bei Protesten in Antofagasta im Norden Chiles festgenommen. \u00bbEl Gato\u00ab wird er genannt, der Kater. Unauff\u00e4llig schlich er sich durch das Chaos des Stra\u00dfenkampfes. Seit Mitte Oktober gibt es t\u00e4glich Auseinandersetzungen zwischen der Polizei und der \u00bbPrimera l\u00ednea\u00ab, den zumeist Jugendlichen, die in der \u00bbersten Reihe\u00ab den Kampf suchen. Steine fliegen, der bei\u00dfende Geruch des Tr\u00e4nengases verteilt sich \u00fcber mehrere Blocks. An diesem 17. November ist Gato offenbar nicht unauff\u00e4llig genug. Er wird gefasst, und was die Polizei auf seinem beschlagnahmten Handy findet, wird ihr nicht gefallen.<\/p>\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"683\" src=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/chile-2-1024x683-1.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-7989\" srcset=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/chile-2-1024x683-1.jpg 1024w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/chile-2-1024x683-1-300x200.jpg 300w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/chile-2-1024x683-1-768x512.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/figure>\n<p><strong>Die soziale Explosion<\/strong><\/p>\n<p>Ein Monat zuvor: Am 14. Oktober st\u00fcrmen Sch\u00fcler aus Protest gegen eine minimale Preiserh\u00f6hung die Einl\u00e4sse zur U-Bahn von Santiago. Die anschlie\u00dfenden Verhaftungen und das Milit\u00e4r auf den Stra\u00dfen fachen die Wut der Massen erst richtig an. Pr\u00e4sident Sebasti\u00e1n Pi\u00f1era verk\u00fcndet am 20. Oktober: \u00bbWir sind im Krieg\u00ab. Im Krieg gegen die eigene Bev\u00f6lkerung.<\/p>\n<p>Es ist eine soziale Explosion mit Millionen Teilnehmenden und zwei Generalstreiks. Eine ganze Gesellschaft staunt ungl\u00e4ubig und mit neuem Selbstbewusstsein: \u00bbChile despert\u00f3\u00ab \u2013 \u00bbChile ist erwacht\u00ab. Die Fahrpreiserh\u00f6hung von 30 Pesos, umgerechnet gerade mal vier Cent, kommentiert sie mit: \u00bbEs sind nicht die 30 Pesos \u2013 es sind die 30 Jahre\u00ab. So lange hat nach der Diktatur Augusto Pinochets der \u00bbdemokratische\u00ab Neoliberalismus das Land fast vollst\u00e4ndig privatisiert und einige wenige Besitzende unfassbar reich gemacht.<\/p>\n<p>Es keimen Hoffnung und Solidarit\u00e4t, wie im 350.000-Einwohner z\u00e4hlenden Antofagasta, wo sich mit dem Aufstand ein \u00bbNotstands- und Schutzkomitee\u00ab gr\u00fcndet. Es ist eine au\u00dfergew\u00f6hnliche Form politischer Selbstbestimmung und gegenseitiger Hilfe. Hier treffen sich Nachbarschaften, Jugendliche, Arbeiter*innen und Aktivist*innen. Sie diskutieren politische Forderungen, organisieren Streiks, medizinische Versorgung sowie Familienfeste mit Clowns, Theater und Konzerten. In vielen St\u00e4dten gibt es solche Initiativen, aber in Antofagasta beteiligen sich auch die m\u00e4chtige Hafengewerkschaft sowie Minenarbeiter*innen. Am 9. November bereitet das Komitee in einer Versammlung von 500 Teilnehmer*innen den drei Tage sp\u00e4ter folgenden Generalstreik vor. Sie beschlie\u00dfen zu k\u00e4mpfen, bis zum Fall der Regierung, mit dem Ziel, eine freie und souver\u00e4ne verfassunggebende Versammlung f\u00fcr Chile einzuberufen.<\/p>\n<p><strong>Im Schatten der Globalisierung<\/strong><\/p>\n<p>Antofagasta liegt am Pazifik, in der Atacama-W\u00fcste, der trockensten Region der Welt. Niemand k\u00e4me auf die Idee, hier eine Stadt zu gr\u00fcnden, g\u00e4be es keine Bodensch\u00e4tze. Vom Hafen bis zu den Kupferminen Escondida oder Chuquicamata, den gr\u00f6\u00dften der Welt, sind es drei Autostunden ins Landesinnere. Eine Fahrt durch eine Mondlandschaft. Nur entlang der Wasserpipelines der Minen wachsen ein paar k\u00fcmmerliche B\u00e4umchen, davon abgesehen nicht mal ein Grashalm.<\/p>\n<p>Auf einem Parkplatz an der Zufahrtsstra\u00dfe zu Tor vier der Chuquicamata-Mine sitzt die 63-j\u00e4hrige Mar\u00eda in einem ausrangierten Bus ohne F\u00fchrerh\u00e4uschen. Das Gel\u00e4nde ist halb Industriebrache, halb Schrottplatz. Auf der anderen Stra\u00dfenseite liegt ein kaputter Erzlaster. Allein die Reifen sind 2,5 Meter hoch, das gesamte Gef\u00e4hrt f\u00fcnf Meter.<\/p>\n<p>Auf solchen Lkw wird das Kupfererz aus den Minen abtransportiert, dann konzentriert und weiter auf Schienen in den Hafen von Antofagasta gebracht. Dort wird es f\u00fcr den Weltmarkt umgeschlagen, \u00fcberwiegend geht es nach China, um Elektroger\u00e4te herzustellen. 20 Prozentdes weltweiten Kupfers stammen aus Chile. Dies machte 2017 mit 35 Milliarden US-Dollar fast die H\u00e4lfte der Exporteinnahmen des Landes aus.<\/p>\n<p>Die Konzerne und eine d\u00fcnne Schicht von hohen Verwaltungsangestellten und Facharbeitern profitieren von der Globalisierung. Der Gro\u00dfteil der Bev\u00f6lkerung muss zusehen, wo er bleibt, so wie Mar\u00eda, die in ihrem Bus die Trucker mit Getr\u00e4nken und Fastfood bewirtet. Ihr Restaurant ist mit nicht viel mehr als einem alten Gasherd, K\u00fchlschrank und Tisch ausgestattet. F\u00fcr umgerechnet 1,70 Euro serviert sie Completos, eine Art chilenischer Hotdog aus Brot, W\u00fcrstchen, Tomate, Avocado und Mayonnaise.<\/p>\n<p>Mar\u00eda wirkt m\u00fcde, ihr K\u00f6rper von jahrzehntelanger schwerer Arbeit gebrechlich. Mehrmals wurde sie mit ihrem Foodtruck von den Beh\u00f6rden vertrieben, aber Chiles neues Selbstbewusstsein ist auch bei ihr angekommen: \u00bbDie Wut entl\u00e4dt sich jetzt auf den Stra\u00dfen. \u00bbHoffentlich \u00e4ndert sich was!\u00ab<\/p>\n<p><strong>Ein Land wird kaputtprivatisiert<\/strong><\/p>\n<p>Die Wut \u00fcber die Ungerechtigkeit hat viele Menschen seit Oktober geeint: Ein Ingenieurstudium kostet im Jahr schon mal 7.000 Euro \u2013 bei einem monatlichen Mindestlohn von 343 Euro. Es gibt Gro\u00dfgrundbesitzer, die f\u00fcr den internationalen Handel produzieren und massig Wasser auf ihre Avocadofelder pumpen, w\u00e4hrend das Land austrocknet. Und Oligarchen wie die Familie des Pr\u00e4sidenten Pi\u00f1era, der laut Forbes 2,8 Milliarden US-Dollar schwer ist. Sein Bruder Jos\u00e9 war unter Pinochet f\u00fcr die Privatisierung der Renten verantwortlich.<\/p>\n<p>Alle Angestellten m\u00fcssen in private Rentenfonds einzahlen, die f\u00fcr Investitionen genutzt und manchmal auch verspekuliert werden. Diese riesige Finanzspritze hat dem chilenischen Kapital lange ein hohes Wirtschaftswachstum beschert. Daf\u00fcr liegt das durchschnittliche Rentenniveau bei gerade mal 40 Prozent. Mar\u00eda bekommt 100.000 Pesos monatlich, etwa 115 Euro.<\/p>\n<p>Die Bev\u00f6lkerung wehrt sich nun, so wie im Notstands- und Schutzkomitee in Antofagasta: \u00bbIm Komitee sind wir besser vernetzt und organisiert als bisher und k\u00f6nnen uns auf komplexere politische Situationen vorbereiten\u00ab, sagt dessen Mitgr\u00fcnderin Patricia Romo. Die 32-j\u00e4hrige ist Vorsitzende der \u00f6rtlichen Lehrer*innengewerkschaft. Zu Beginn der Proteste bilden sich Arbeitsgruppen: Manche kontaktieren Medien, andere k\u00fcmmern sich um Essen oder vermitteln Anw\u00e4lte. Pflegekr\u00e4fte und Minenarbeiter*innen r\u00fccken mit Schild und Helm aus, um die Verletzten von der Stra\u00dfe zu holen und ins Feldlazarett in der besetzten Uni zu bringen.<\/p>\n<p>Wie wichtig die medizinische und juristische Unterst\u00fctzung f\u00fcr die Demonstrant*innen ist, zeigen die Zahlen: Seit Beginn der Proteste bis Ende 2019 gab es mindestens 25 Tote. Weitere 400 Personen verloren durch Gummigeschosse der Polizei ihr Augenlicht. 3.000 Menschen sind bis heute ohne Gerichtsverfahren im Gef\u00e4ngnis. Vielfach wurden Polizisten beschuldigt, Gefangene vergewaltigt zu haben. Dies gab den Anlass f\u00fcr die Tanzperformance \u00bbEl violador eres t\u00fa\u00ab \u2013 \u00bbDer Vergewaltiger bist du\u00ab, die explizit Polizei, Staat und Pi\u00f1era anklagt. Die Performance hat mittlerweile weltweit Nachahmer*innen gefunden.<\/p>\n<p>Beim Generalstreik am 12. November setzt die Polizei in Antofagasta vereinzelt scharfe Munition ein. An diesem Tag brennt in der Innenstadt ein Laden f\u00fcr Polizeiausr\u00fcstung komplett nieder, auch die Exekutivbeh\u00f6rde ist in Rauch geh\u00fcllt \u2013 angez\u00fcndet von einer w\u00fctenden Menge, die sich der Stadt bem\u00e4chtigt.<\/p>\n<p>Mitten in den K\u00e4mpfen zwischen Polizei und Primera l\u00ednea steht der anfangs erw\u00e4hnte Gato und filmt mit seiner Handykamera, bis er festgenommen wird. Es wird ein langes Verh\u00f6r, und, wenn man ihm glauben darf, ein schmerzhaftes. Er verl\u00e4sst die Polizeiwache mit gebrochener Hand und ohne Telefon. Vor dem Untersuchungsrichter wirft er den Beamten Folter und Raub vor.<\/p>\n<p>Der Polizei muss mittlerweile klargeworden sein, wen sie bei sich sitzen hat. Gato ist der K\u00fcnstlername eines Instagramers, im echten Leben hei\u00dft er Juan Francisco Vidal und verdingt sich als Essenslieferant. Ein typischer Job f\u00fcr Menschen in seinem Alter: Zahlreiche Roller schl\u00e4ngeln sich nachts durch die brennenden Barrikaden. Die scheinselbst\u00e4ndigen Fahrer der Kurierdienste haben Hochkonjunktur.<\/p>\n<p>Arbeitsvertr\u00e4ge gibt es in Chile h\u00e4ufig nicht. Oder sie werden mit Subunternehmen ausgehandelt. So wie bei der Fastfoodverk\u00e4uferin Mar\u00eda in Chuquicamata. Sie arbeitete lange Zeit in der Mine als Reinigungskraft, allerdings nicht beim Betreiber, der staatlichen Bergbaufirma Codelco mit 5.000 Besch\u00e4ftigten, sondern bei einem der 500 privaten Subunternehmen mit insgesamt 12.000 Besch\u00e4ftigten. Bis vor f\u00fcnf Jahren, als sie mit dem Firmenbus verungl\u00fcckte und sich Becken und Wirbels\u00e4ule brach. Das allein w\u00e4re schon Horror genug, aber die neoliberale H\u00f6lle Chiles macht es noch schlimmer.<\/p>\n<p>Stundenlange Wartezeiten selbst f\u00fcr Notf\u00e4lle sind in den \u00f6ffentlichen Krankenh\u00e4usern Alltag. Krebspatienten m\u00fcssen in Antofagasta oft ein Jahr auf eine Therapie warten, in einer Stadt, die wegen der Verschmutzung im Bergbau den traurigen Spitznamen \u00bbTschernobyl Chiles\u00ab f\u00fchrt. Um die Behandlungskosten in Privatkliniken zu finanzieren, verschulden sich viele Familien.<\/p>\n<p>So auch Mar\u00eda, die noch heute Schulden abbezahlt. Eine Entsch\u00e4digung f\u00fcr ihren Unfall oder eine Invalidenrente hat sie nie gesehen. Sie h\u00e4tte darauf Anspruch gehabt, aber von der US-Firma kam nichts, die Gelder h\u00e4tte sie schon einklagen m\u00fcssen. Damals wie heute wurde sie mit ihren Verletzungen allein gelassen, weswegen sie nun Hotdogs zubereitet \u2013 solange ihr K\u00f6rper mitmacht.<\/p>\n<p><strong>Das Erbe der Diktatur<\/strong><\/p>\n<p>Mitte November vereinbarte die Regierung mit dem Gewerkschaftsdachverband sowie der Kommunistischen Partei und der Linksformation Frente Amplio einen Waffenstillstand. Sie beschlossen, im April Wahlen zu einer verfassunggebenden Versammlung einzuberufen, w\u00e4hrend die Streiks weitgehend eingestellt wurden.<\/p>\n<p>Die aktuelle Verfassung stammt noch aus der Diktatur. Ob eine neue die Situation \u00e4ndert? Zum Verfassungskonvent k\u00f6nnen nur Parteien gew\u00e4hlt werden, die bereits zugelassen sind, was die etablierten bevorzugt. Die Forderung nach unabh\u00e4ngigen Kandidat*innen, reservierten Sitzen f\u00fcr die indigene Bev\u00f6lkerung und einer Geschlechterparit\u00e4t wurden vom Parlament abgelehnt. Ein Drittel der Delegierten kann gemeinsam ein Veto einlegen, und \u00fcber internationale Vertr\u00e4ge darf nicht abgestimmt werden. Der Internationale W\u00e4hrungsfonds und ausl\u00e4ndische Kapitalgeber haben keine Einschr\u00e4nkungen zu bef\u00fcrchten.<\/p>\n<p>Gegen diese M\u00e4chte kommen die aufgebrachten Jugendlichen der Primera l\u00ednea allein nicht an. \u00bbViele Menschen fragen sich, wie es weitergeht. Wie \u00fcberzeugen wir die Minenarbeiter*innen, den Kampf aufzunehmen? Wie gewinnen wir strategische Sektoren der Arbeiter*innenklasse f\u00fcr einen Generalstreik?\u00ab fragt Komiteemitgr\u00fcnderin Romo.<\/p>\n<p>Mit kleinen Erh\u00f6hungen bei Renten, Gesundheit und Mindestlohn sowie der neuen Verfassung versucht Pi\u00f1era die Stimmung zu beruhigen, ohne den Status quo anzutasten. Die Demonstrationen will er mit Gesetzesversch\u00e4rfungen, Gerichtsverfahren und Polizeieins\u00e4tzen zur\u00fcckdr\u00e4ngen. Seit Januar k\u00f6nnen etwa das St\u00f6ren des Stra\u00dfenverkehrs oder Streiks in sensibler Infrastruktur mit bis zu f\u00fcnf Jahren Gef\u00e4ngnis geahndet werden. Trotzdem kommt es vier Monate nach Beginn des Aufstandes weiter regelm\u00e4\u00dfig zu Stra\u00dfenk\u00e4mpfen. An solchen Auseinandersetzungen beteiligte sich auch Gato, bis zu diesem Tag im November, an dem er verhaftet wird. Sechs Tage sp\u00e4ter wird seine Leiche in seinem Haus gefunden. Nach Angaben der Polizei ist er auf ein Stromkabel getreten, mehr will diese momentan nicht dazu sagen. Freunde bezweifeln jedoch diese Version, da sie nicht die im Zimmer und auf dem K\u00f6rper des Toten vorhandenen Blutspuren erkl\u00e4rt.<\/p>\n<p>Vor der Beerdigung erreichen Freunde und Familie SMS-Nachrichten des Toten, quasi aus dem Jenseits. Kamen sie von der Polizei, die von Gato beschuldigt worden war, sein Handy geklaut zu haben? Mittlerweile m\u00f6chte sich die Familie nicht mehr \u00f6ffentlich zu dem Thema \u00e4u\u00dfern.<\/p>\n<p>Einen Beweis, dass die Polizei an seinem Tod beteiligt war, gibt es nicht. Doch die Ungereimtheiten lassen schlimme Erinnerungen an die Verfolgung von Indigenen und Gewerkschaftern aus Zeiten der Diktatur hochkommen. Die Regierung hat vorerst die Kontrolle wiedererlangt, aber mit einer neuen Streikwelle kann sich das schnell \u00e4ndern, insbesondere wenn Arbeiter*innenkomitees nach dem Vorbild aus Antofagasta die Proteste anf\u00fchren. Eine Abrechnung mit dem Erbe der Diktatur steht noch aus, wie auch die Demonstrant*innen in ihren Ges\u00e4ngen ank\u00fcndigen: \u00bb\u00a1Las balas que nos tiraron, les van a volver!\u00ab \u2013 \u00bbDie Kugeln, die ihr auf uns gefeuert habt, kommen zu euch zur\u00fcck!\u00ab<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/die-erfahrung-des-aufstandes-gestern-chile-heute-usa\/\"><em>klassegegenklasse.org&#8230;<\/em><\/a><em> vom 4. Juni 2020<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Marius Rautenberg (Text) und Simon Zamora Martin (Bild). Eine Polizeistation brennt, Steine fliegen, Tr\u00e4nengas h\u00fcllt die Stra\u00dfen in Nebel. Diese Szenen aus den USA haben wir im Oktober und November schon in Chile gesehen. 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