{"id":8006,"date":"2020-06-07T11:37:44","date_gmt":"2020-06-07T09:37:44","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=8006"},"modified":"2020-06-07T11:37:45","modified_gmt":"2020-06-07T09:37:45","slug":"i-cant-breathe","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=8006","title":{"rendered":"\u00abI can\u2019t breathe\u00bb"},"content":{"rendered":"<p><strong>Von der Corona-Pandemie \u00fcber die allt\u00e4gliche Luftverschmutzung bis hin zum rassistischen Polizeimord an George Floyd. Die Gastautorin Rosa Luna reflektiert \u00fcber unsere Gegenwart, in der selbst das Atmen zum Politikum wird.<\/strong><!--more--><\/p>\n<p>Wenn gar nichts mehr geht, meditiere ich. Ich verbringe Stunden damit, dazusitzen und meinen Atem zu beobachten. Das sanfte Kitzeln des Einatmens an den Nasenfl\u00fcgeln, das Weiten des Brustkorbes, das langsame Ausatmen. Wer seinen Atem bewusst verlangsamt, stimuliert den Parasympathikus. Dadurch wird die Herzfrequenz verlangsamt, weniger Adrenalin wird ausgesch\u00fcttet, das System f\u00e4hrt einen Gang runter.<\/p>\n<p>Der Atem hat f\u00fcr mich in den letzten Monaten eine politische Dimension dazugewonnen. Beim Beobachten des eigenen K\u00f6rpers wurde ich zur Hypochonderin: f\u00fchle ich heute einen Druck auf meinem Brustkasten? Die soziale Verantwortung ist eindeutig. Wer nicht mehr richtig atmen kann, muss zuhause bleiben. Sich isolieren. Niemanden anstecken. Die Luft um uns, unser geteiltes Gut, wird zur Gefahrenzone. \u00abIch m\u00f6chte deinen Atem wieder atmen d\u00fcrfen\u00bb, schrieb mir letztens eine Freundin. Wie wahr.<\/p>\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"435\" src=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/george-floyd-mural-1600x680-1-1024x435.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-8007\" srcset=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/george-floyd-mural-1600x680-1-1024x435.jpg 1024w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/george-floyd-mural-1600x680-1-300x128.jpg 300w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/george-floyd-mural-1600x680-1-768x326.jpg 768w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/george-floyd-mural-1600x680-1-1536x653.jpg 1536w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/george-floyd-mural-1600x680-1.jpg 1600w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/figure>\n<p>Und trotzdem wird auf unser Nicht-Atmen-K\u00f6nnen unterschiedlich reagiert \u2013 je nachdem, welche Sprache wir sprechen, wie wir aussehen, wie alt wir sind, oder aus welchem sozio\u00f6konomischen Umfeld wir stammen. Kayla Williams, eine Londonerin, Person of Colour und Mutter von drei Kindern, ist an den Folgen einer Covid-Erkrankung verstorben. Ihr Partner rief am Tag vor ihrem Tod die Ambulanz und berichtete, Kayla k\u00f6nne nicht mehr atmen. She can\u2019t breathe. Trotz schwerer Atemnot wurde Kayla die Einweisung in ein Krankennhaus verweigert, da sie nicht zur Priorit\u00e4tsgruppe geh\u00f6rte. Die mit Covid-19 in Verbindung gebrachten Todesf\u00e4lle sind von den rassistischen und sozio\u00f6konomischen Demarkationslinien des Alltags gepr\u00e4gt. Im Vereinigten K\u00f6nigreich ist die Wahrscheinlichkeit, an Covid-19 zu sterben, f\u00fcr Schwarze viermal so hoch wie f\u00fcr Weisse.<\/p>\n<p>Man kann es ein Privileg nennen, wenn einem die politische Dimension des Atmens erst durch die Coronakrise auff\u00e4llt. Am 25. Mai wurde der Afroamerikaner George Floyd bei einer Polizeikontrolle auf den Boden gedr\u00fcckt und neun Minuten so festgehalten. \u00abI can\u2019t breathe!\u00bb waren seine letzten Worte. Die rassistische Polizei ermordete ihn, indem sie ihn nicht atmen liessen. \u00abI can\u2019t breathe.\u00bb Unter diesem Slogan mobilisierte sich bereits 2014 die Black-Lives-Matter-Bewegung. Damals erw\u00fcrgte ein Polizist den Afroamerikaner Eric Garner \u2013 auch ihm wurde der Atem und das Leben genommen. Der polizeiliche Griff an den Hals rassifizierter Personen ist auch in der Schweiz nicht unbekannt. Es verschlug mir den Atem als ich las, dass die drei Polizisten, die 2009 Wilson A. in Z\u00fcrich gew\u00fcrgt und rassistisch beschimpft haben, freigesprochen wurden.<\/p>\n<p>Die Praxis des Sterben-Lassens, des Nicht-Atmen-Lassens, des Ertrinken-Lassens ist seit Jahren Teil der europ\u00e4ischen Fl\u00fcchtlingspolitik. Es wird in Kauf genommen, dass Menschen nach Schiffbruch statt Luft Salzwasser einatmen und daran ersticken. They can\u2019t breathe. Doch nicht nur das Nicht-Atmen-Lassen, sondern auch das Einatmen falscher Luft kann t\u00f6dlich sein. In Polen sterben derzeit unterdurchschnittlich viele Personen, trotz Corona. Schlicht und einfach, weil die Fabriken eine Weile stillstanden und die Luft sauberer wurde. Luftverschmutzung nimmt j\u00e4hrlich 4.2 Millionen Menschen das Leben. Diese Zahl wird in den n\u00e4chsten Jahrzehnten weiter zunehmen. We can\u2019t breathe. Doch wie bei vielem auf dieser Welt sind die Verletzlichsten von der Luftverschmutzung am h\u00e4rtesten betroffen \u2013 weil schmutzige Industrien in strukturschwache Regionen mit laxen Umweltgesetzen verlegt werden und privatisierte Gesundheitssysteme nur f\u00fcr die Reichsten die n\u00f6tige Pr\u00e4vention bieten.<\/p>\n<p>So verh\u00e4lt es sich mit unserem Atem wie mit allen K\u00f6rperfunktionen: auch das Biologische ist letztendlich gesellschaftlich bestimmt. Ich atme nicht, man l\u00e4sst mich atmen. Ich genese nicht, man l\u00e4sst mich genesen. Ich lebe nicht, man l\u00e4sst mich leben. Jede noch so nat\u00fcrlich anmutende \u00dcberlebensfunktion ist eingebettet in soziale Machtstrukturen, die diese zulassen oder verunm\u00f6glichen. Oder, wie es Frantz Fanon aus Sicht der \u00abVerdammten dieser Erde\u00bb ausdr\u00fcckt: Wir rebellieren, weil wir aus vielen Gr\u00fcnden nicht mehr atmen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/www.ajourmag.ch\/i-cant-breathe\/\"><em>ajourmag.ch&#8230;<\/em><\/a><em> vom 6. Juni 2020<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von der Corona-Pandemie \u00fcber die allt\u00e4gliche Luftverschmutzung bis hin zum rassistischen Polizeimord an George Floyd. 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