{"id":8020,"date":"2020-06-09T09:16:19","date_gmt":"2020-06-09T07:16:19","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=8020"},"modified":"2020-06-09T09:16:20","modified_gmt":"2020-06-09T07:16:20","slug":"palaestina-es-geht-schon-lange-um-annexion","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=8020","title":{"rendered":"Pal\u00e4stina: &#8222;Es geht schon lange um Annexion&#8220;"},"content":{"rendered":"<p><em>Peter Sch\u00e4fer. <\/em><strong>Interview mit dem pal\u00e4stinensischen Wirtschafts- und Politikberater Sam Bahour &#8211; Auswirkungen der israelischen Besatzung auf die pal\u00e4stinensische Wirtschaft. <\/strong><!--more--><\/p>\n<p>Der Blick auf Israel\/Pal\u00e4stina ist in der Bundesrepublik Deutschland durch die Geschichte von Antisemitismus und Judenvernichtung gepr\u00e4gt. Das f\u00fchrt dazu, dass nicht nur Deutsche, sondern auch Pal\u00e4stinenser und j\u00fcdische Israelis immer wieder pauschal delegitimiert werden, wenn sie die israelische Besatzungspolitik oder Diskriminierung pal\u00e4stinensischer Israelis kritisieren, selbst wenn sie sich dabei auf die Menschenrechte und das V\u00f6lkerrecht beziehen.<\/p>\n<p>Dies trifft in den letzten Jahren in besonderem Ma\u00dfe auf die BDS-Kampagne zu. Diese fordert Boykott und Sanktionen gegen Israel, bis das Land Resolutionen der Vereinten Nationen hinsichtlich einer Zwei-Staaten-Regelung umsetzt. Der Bundestag, viele Landtage und Stadtr\u00e4te haben nunmehr beschlossen, BDS sei antisemitisch und d\u00fcrfe nicht mit \u00f6ffentlichen Geldern, R\u00e4umen, etc. unterst\u00fctzt werden. In Folge m\u00fcssen Veranstaltungen zum Thema Pal\u00e4stina\/Israel oft abgesagt werden, weil bereits zugesagte R\u00e4ume entzogen werden &#8211; aus Angst von Vermietern, \u00f6ffentliche finanzielle Unterst\u00fctzung zu verlieren oder selbst in die Kritik zu geraten. Kritik an der israelischen Besatzung wird durch die Unterstellung antisemitischer Motivation oft pauschal delegitimiert.<\/p>\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"700\" height=\"394\" src=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/Hawara_checkpoint_2-4eb1fe1e9ab9f182.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-8021\" srcset=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/Hawara_checkpoint_2-4eb1fe1e9ab9f182.jpg 700w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/Hawara_checkpoint_2-4eb1fe1e9ab9f182-300x169.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 700px) 100vw, 700px\" \/><figcaption>Hawara-Checkpoint im Westjordanland.\u00a0<a href=\"https:\/\/upload.wikimedia.org\/wikipedia\/commons\/a\/af\/Hawara_checkpoint_2.jpg\">Bild<\/a>: Magne Hages\u00e6ter\/<a href=\"https:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by-sa\/3.0\">CC BY-SA-3.0<\/a> <\/figcaption><\/figure>\n<p>Zugleich setzt Israel seit \u00fcber 50 Jahren milit\u00e4rische und administrative Ma\u00dfnahmen gegen die pal\u00e4stinensische Bev\u00f6lkerung in Westjordanland und Gazastreifen um, die in ihrer Wirkung mit einem umfassenden Boykott und Sanktionen vergleichbar sind. Dies f\u00fchrt in Deutschland jedoch nicht zu einer entsprechenden Ausgrenzung.<\/p>\n<p>Mit einer Reihe von Interviews thematisieren wir die Auswirkungen entsprechender israelischer Politik in verschiedenen Bereichen.<\/p>\n<p>&#8212;<\/p>\n<p><strong>Herr Bahour, Sie sind fester Bestandteil der wirtschaftlichen Entwicklung Pal\u00e4stinas. Mit welchen Hoffnungen haben Sie 1994, nach der Unterzeichnung der\u00a0<\/strong><a href=\"https:\/\/www.disorient.de\/blog\/alsharq-serie-20-jahre-oslo-abkommen-frieden-verhandeln-konflikt-verwalten\"><strong>Osloer Vertr\u00e4ge<\/strong><\/a><strong>\u00a0zwischen Israel und der Pal\u00e4stinensischen Befreiungsorganisation PLO, begonnen?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Sam Bahour:<\/strong>\u00a0Ich machte mir keine Illusionen dar\u00fcber, dass die Osloer Vertr\u00e4ge ein Ende der israelischen Besatzung bedeuteten. Als ich damals von Youngstown\/Ohio nach Pal\u00e4stina umzog, wusste ich, dass es hier nicht um Wirtschaftsaufbau in einem freien Land ging. Es war mehr die Fortsetzung eines Engagements gegen die Besatzung, aber nun in einem wirtschaftlichen Entwicklungskontext, weil das mein Fach ist.<\/p>\n<p>Und ich finde auch heute immer noch, dass wirtschaftliche Entwicklung, selbst in einer Notlage wie dieser, eine wichtige Komponente ist, die viele nur halbherzig mitdenken. Aber wenn wir aus dem Land gedr\u00e4ngt werden, dann ist es aktiver Widerstand, den Menschen das Bleiben zu erm\u00f6glichen. Und daf\u00fcr brauchen sie Einkommen.<\/p>\n<p><strong>Zu Beginn war die allgemeine Annahme, dass die Osloer Vertr\u00e4ge nach f\u00fcnf Jahren, also 1999, in die Gr\u00fcndung eines unabh\u00e4ngigen Staats Pal\u00e4stina m\u00fcnden.<\/strong><\/p>\n<p><strong>Sam Bahour:<\/strong>\u00a0Ja, niemand erwartete, dass dieser urspr\u00fcnglich auf f\u00fcnf Jahre angelegte Prozess nach 26 Jahren noch immer keine positiven strukturellen Ver\u00e4nderungen zeigen w\u00fcrde. Eine Vorw\u00e4rtsbewegung hat sich nicht eingestellt, sondern das Gegenteil. Der Oslo-Prozess wurde von Israel dazu genutzt, die Besatzung zu vertiefen. Das hei\u00dft, die Herausforderungen heute sind gr\u00f6\u00dfer als zum Zeitpunkt meines Umzugs nach Pal\u00e4stina 1995.<\/p>\n<p><strong>Welchen Zustand fanden Sie damals vor? Was war Israels \u00f6konomischer Ansatz gegen\u00fcber dem 1967 besetzten Gebiet bis zur Oslo-Phase ab 1994?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Sam Bahour:<\/strong>\u00a0F\u00fcr die Zeit vor Oslo w\u00fcrde ich nicht von einer pal\u00e4stinensischen Wirtschaft im heutigen Sinne sprechen. Das wirtschaftliche Leben basierte auf Pal\u00e4stinensern, die in Israel arbeiteten, und auf dem Verkauf israelischer Produkte in unserem Markt. Darauf hat sich unser Handel beschr\u00e4nkt. Die Landwirtschaft hat damals zum gro\u00dfen Teil den israelischen Markt bedient. Wir waren also im Prinzip eine Erweiterung der israelischen Wirtschaft. Es gab damals ja keine physischen Hindernisse zwischen den beiden Seiten. Das hei\u00dft, die israelische Wirtschaft baute strategisch auf die billigen, aber gut ausgebildeten pal\u00e4stinensischen Arbeitskr\u00e4fte.<\/p>\n<p>Nach 1994 hat sich dieser Ansatz nicht ge\u00e4ndert, aber Israel hat mit der Zeit immer mehr Hindernisse aufgebaut und das\u00a0<a href=\"https:\/\/www.ochaopt.org\/theme\/movement-and-access\">System der Zugangsberechtigungen eingef\u00fchrt<\/a>. Strukturell bleibt also f\u00fcr die israelische Wirtschaft alles gleich wie vor 1994. In Israel wurde k\u00fcrzlich im Kontext der Corona-Krise dar\u00fcber diskutiert, wie mit den pal\u00e4stinensischen Arbeitern umgegangen werden soll. Sollten sie zur\u00fcckgeschickt und Verluste der israelischen Wirtschaft akzeptiert werden? Oder sollten sie bleiben d\u00fcrfen und versorgt werden, falls sie sich infizieren? Am Ende durften die Arbeiter bis kurz vor den j\u00fcdischen Feiertagen bleiben. Dann wurde sowieso alles f\u00fcr eine Zeit geschlossen.<\/p>\n<p>Also generell sind wir immer noch eine Erweiterung der israelischen Wirtschaft. Nicht mehr, nicht weniger.<\/p>\n<p><strong>Das\u00a0<\/strong><a href=\"https:\/\/www.paltrade.org\/upload\/agreements\/Paris%20Economic%20Protocol.pdf\"><strong>Pariser Wirtschafts-Protokoll<\/strong><\/a><strong>\u00a0ist ein weniger bekannter Teil der Osloer Vertr\u00e4ge. Ist es das Fundament einer unabh\u00e4ngigen pal\u00e4stinensischen Wirtschaft?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Sam Bahour:<\/strong>: F\u00fcr mich ist nicht alles in den Osloer Vertr\u00e4gen schlecht. Es gibt ein paar politische Elemente darin, mit denen ich etwas anfangen kann. Zum Beispiel behandeln die Vertr\u00e4ge, einschlie\u00dflich das Paris Protokoll, das\u00a0<a href=\"https:\/\/www.ochaopt.org\/sites\/default\/files\/wb_closure_2_0.pdf\">Westjordanland<\/a>\u00a0und den\u00a0<a href=\"https:\/\/www.ochaopt.org\/sites\/default\/files\/gaza_closure_3_0.pdf\">Gazastreifen<\/a>\u00a0als eine einzige Einheit. Das ist positiv, weil es klarstellt, dass das besetzte Gebiet von Israel getrennt gedacht wird.<\/p>\n<p>Das Paris Protokoll gesteht uns bilaterale Handelsbeziehungen mit Drittstaaten zu. Die Bedingung ist, dass diese Staaten diplomatische Beziehungen mit Israel unterhalten m\u00fcssen, weil wir israelische Grenz\u00fcberg\u00e4nge f\u00fcr den Im- und Export von Produkten n\u00fctzen m\u00fcssen. Aber das war ein Schritt nach vorne und wir konnten acht oder neun bilaterale Handelsbeziehungen aufbauen. Aber wie gesagt, Israel kontrolliert die Grenzen und erhebt seine Z\u00f6lle. Wir sprechen von einer Zollunion. Das hei\u00dft also, wir haben das Recht auf eigenst\u00e4ndige Handelsbeziehungen, aber Israel kann diese kontrollieren.<\/p>\n<p><strong>Wie funktioniert diese Zollunion?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Sam Bahour:<\/strong>\u00a0Das bedeutet, dass Handel und Waren zwischen beiden Seiten frei ausgetauscht werden. So haben wir das in Oslo verhandelt. Tats\u00e4chlich aber verweigert Israel den freien Fluss von Waren und Arbeitskr\u00e4ften nach Israel. Sie regulieren es vordergr\u00fcndig \u00fcber Sicherheitsma\u00dfnahmen: Wer und was darf aus Pal\u00e4stina nach Israel, welche Produkte, welche Arbeiter? Auf der anderen Seite erlauben sie den vollen und freien Zugang aller israelischen Produkte in den pal\u00e4stinensischen Markt, den Gazastreifen inbegriffen. Und der Siedlungsbau im Westjordanland ging auch ungebrochen weiter. Die Zollunion wurde also nicht wie vorgesehen, sondern einseitig umgesetzt.<\/p>\n<p><strong>Wie werden Z\u00f6lle auf pal\u00e4stinensische Waren konkret erhoben? Israel kontrolliert ja immer noch alle\u00a0<\/strong><a href=\"https:\/\/www.ochaopt.org\/data\/crossings\"><strong>Grenz\u00fcberg\u00e4nge f\u00fcr Waren<\/strong><\/a><strong>, auch zum Gazastreifen.<\/strong><\/p>\n<p><strong>Sam Bahour:<\/strong>\u00a0Israel erhebt unsere Z\u00f6lle an den H\u00e4fen und Grenz\u00fcberg\u00e4ngen und \u00fcberweist diese an die Pal\u00e4stinensische Autonomiebeh\u00f6rde (PA). Nach Abzug von drei Prozent f\u00fcr Verwaltung; das ist ein gro\u00dfer Betrag.<\/p>\n<p>Diese Zolleinnahmen konstituieren 65% des Haushalts der Autonomiebeh\u00f6rde. Aber Israel bestraft die PA immer wieder durch die Zur\u00fcckhaltung der \u00dcberweisung unserer Z\u00f6lle. Sie haben also einen gro\u00dfen Hebel, den sie umlegen k\u00f6nnen, um der PA zu schaden. Netanjahu hat das\u00a0<a href=\"https:\/\/www.bbc.com\/news\/world-middle-east-26982166\">oft genutzt<\/a>, insbesondere als wir bei den Vereinten Nationen die vollst\u00e4ndige Anerkennung der pal\u00e4stinensischen Staatlichkeit beantragten oder als wir dem Internationalen Strafgerichtshof beitraten. Israel war dagegen und hat uns deshalb unser eigenes Geld abgedreht. Wenn das passiert, k\u00f6nnen die Geh\u00e4lter im \u00f6ffentlichen Sektor nicht bezahlt werden, die Krankenh\u00e4user geraten in eine Notlage und so weiter.<\/p>\n<p><strong>Das pal\u00e4stinensische Exportprodukt, das ab und zu nach Deutschland kommt, ist das\u00a0<\/strong><a href=\"http:\/\/taybehbeer.com\/\"><strong>Taybeh-Bier<\/strong><\/a><strong>. Das scheint also ausgef\u00fchrt werden zu k\u00f6nnen.<\/strong><\/p>\n<p><strong>Sam Bahour:<\/strong>: Ja, aber haupts\u00e4chlich exportieren wir nach Israel, weil die Ma\u00dfnahmen, die sie uns auferlegen, den weiteren Export unprofitabel machen. Israel hat viele M\u00f6glichkeiten, um Dinge f\u00fcr uns zu komplizieren. Sie k\u00f6nnen den Transport durch langsame Abfertigung verz\u00f6gern, ihn an verschiedenen Kontrollpunkten stoppen und uns dazu zwingen, Waren an einem Kontrollpunkt von einem Lastwagen auf einen anderen zu verladen. Das betrifft selbst Exporte nach Israel. Diese Transportweise f\u00fchrt nat\u00fcrlich zu hohen Kosten und oft auch Verlusten. F\u00fcr den Gazastreifen ist dieses Regime noch restriktiver.<\/p>\n<p>Das ist also der Export nach Israel. Wenn wir mit Drittstaaten handeln, kommen noch die Kosten f\u00fcr das Umladen auf israelische Transportmittel dazu, Kosten f\u00fcr israelische Hafenanlagen, Sicherheitspr\u00fcfung und \u00e4hnliches.<\/p>\n<p>Aber selbst der innerpal\u00e4stinensische Handel ist betroffen.\u00a0<a href=\"https:\/\/www.paltrade.org\/en_US\/page\/sector-product-studies\">PalTrade<\/a>\u00a0hat ausgerechnet, dass die Kosten f\u00fcr den Containertransport von Nablus nach Gaza h\u00f6her sind, als von Nablus nach Hong Kong.<\/p>\n<p><strong>Und was ist mit dem pal\u00e4stinensischen Bier?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Sam Bahour:<\/strong>: Ja, ein gutes Beispiel. Taybeh muss f\u00fcr die Produktion Hopfen importieren. Den m\u00fcssen sie auf dem letzten St\u00fcck oft mit Eseln \u00fcber die Berge bringen, weil die israelischen Soldaten das nicht durchlassen. Ein anderer Rohstoff f\u00fcr Bierproduktion ist\u00a0<a href=\"https:\/\/www.rosalux.de\/news\/id\/41620\/kampf-ums-wasser-in-palaestina\">Wasser, das wird im Westjordanland auch von Israel kontrolliert<\/a>. Dar\u00fcber k\u00f6nnen sie nicht nur die Bierproduktion drosseln, sondern die Agrarproduktion generell. \u00dcber den teuren Exportweg haben wir ja schon gesprochen.<\/p>\n<p><strong>Eine wichtige S\u00e4ule der internationalen Unterst\u00fctzung f\u00fcr den pal\u00e4stinensischen Staatsaufbau im Kontext der Osloer Vertr\u00e4ge ist ja die Wirtschaftsentwicklung. Wie bewerten Sie diesen Fokus?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Sam Bahour:<\/strong>: Diese Priorit\u00e4t sehe ich positiv. Die internationalen Geber setzen das jedoch nur halbherzig um. Wenn sie die Staatsbildung wirklich unterst\u00fctzen wollten, m\u00fcssten sie Israel f\u00fcr die genannten Restriktionen gegen unsere Wirtschaft zur Verantwortung ziehen. Sie handeln gegen die Osloer Vertr\u00e4ge und gegen die\u00a0<a href=\"https:\/\/www.icrc.org\/en\/war-and-law\/treaties-customary-law\/geneva-conventions\">Vierte Genfer Konvention<\/a>. Wenn es den L\u00e4ndern also ernst w\u00e4re, m\u00fcssten sie die israelische Seite konfrontieren.<\/p>\n<p>Das beste Beispiel f\u00fcr die Entwicklungshindernisse sind die israelischen Ma\u00dfnahmen im sogenannten\u00a0<a href=\"https:\/\/www.ochaopt.org\/sites\/default\/files\/ocha_opt_area_c_map_2011_02_22.pdf\">C-Gebiet des Westjordanlands<\/a>. Israel \u00fcbt dort die vollst\u00e4ndige Kontrolle \u00fcber Land und Menschen aus. Das sind 62 Prozent des Westjordanlands, die wir f\u00fcr die wirtschaftliche Entwicklung Pal\u00e4stinas nicht nutzen k\u00f6nnen. Die internationalen Geberorganisationen haben ihre Unterst\u00fctzung aus dem C-Gebiet abgezogen, weil sie israelischen Unwillen vermeiden wollen. Auf jenem Gebiet liegt aber der gr\u00f6\u00dfte Teil unserer Agrarfl\u00e4chen, dort ist Wasser. Da die internationalen Geber Israel nicht zur Verantwortung ziehen, ist die Wirtschaftsf\u00f6rderung also eher ein Lippenbekenntnis und keine Umsetzung der postulierten Ziele oder Vertr\u00e4ge.<\/p>\n<p><strong>In Europa sorgen Pl\u00e4ne f\u00fcr pal\u00e4stinensische Wirtschaftsentwicklung aber immer wieder f\u00fcr Schlagzeilen und vielleicht sogar Hoffnung auf Frieden. Die letzte Idee in diesem Zusammenhang war der\u00a0<\/strong><a href=\"https:\/\/www.theguardian.com\/us-news\/2020\/jan\/27\/jared-kushner-israel-palestine-peace-plan\"><strong>Kushner-Plan<\/strong><\/a><strong>. Und viele Geber f\u00f6rdern seit 25 Jahren kleine und mittlere Unternehmen.<\/strong><\/p>\n<p><strong>Sam Bahour:<\/strong>: Ja, ich wei\u00df. In Pal\u00e4stina h\u00f6ren wir jedoch wenig Lob f\u00fcr diese Pl\u00e4ne und Projekte als Basis f\u00fcr Staatenbildung. Ehrlich gesagt k\u00f6nnen wir das nicht mehr h\u00f6ren, die gro\u00dfartigen Wirtschaftspl\u00e4ne, Investitionsversprechen und das Gerede vom &#8222;\u00f6konomischen Frieden&#8220;.<\/p>\n<p>Solange die, in Ihrem Fall, deutsche Au\u00dfenpolitik\u00a0<a href=\"https:\/\/www.swp-berlin.org\/fileadmin\/contents\/products\/aktuell\/2016A27_ass_Busse.pdf\">f\u00fcr die Zwei-Staatenl\u00f6sung eintritt<\/a>, muss sie politische Rechenschaft mitdenken. Wenn sie israelischen Firmen die Pl\u00fcnderung pal\u00e4stinensischer Bodensch\u00e4tze erlaubt, dann nimmt sie ihre eigene Politik nicht ernst. Wirtschaftsentwicklung funktioniert nicht losgel\u00f6st vom politischen Rahmen. Und der ist im Falle Deutschlands immer noch die Zwei-Staatenl\u00f6sung.<\/p>\n<p><strong>Was k\u00f6nnte diese politische Rechenschaftspflicht praktisch bedeuten?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Sam Bahour:<\/strong>: Drittstaaten m\u00fcssen Israel, unsere Besatzungsmacht, zur Verantwortung ziehen. Der diplomatische Werkzeugkoffer h\u00e4lt hierf\u00fcr verschiedene Instrumente bereit. Zun\u00e4chst mal das zwischenstaatliche Prinzip der Gegenseitigkeit. Ich behandle Dich so, wie Du mich behandelst. Die Europ\u00e4ische Union k\u00f6nnte ihren wirtschaftlichen Austausch mit Israel reduzieren, wenn es gegen die international anerkannten Friedensvertr\u00e4ge verst\u00f6\u00dft. Die Europ\u00e4ische Union und ihre Mitgliedstaaten haben in pal\u00e4stinensische Entwicklung viel Geld investiert, aber sie wollen diese Investitionen politisch nicht sch\u00fctzen.<\/p>\n<p><strong>F\u00fcr Israel scheint der Jetzt-Zustand also sehr profitabel zu sein. L\u00e4sst sich dieser Nutzen beziffern?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Sam Bahour:<\/strong>\u00a0Israel hat die pal\u00e4stinensische Wirtschaft quasi umzingelt. Wir sprechen von einem gefangenen Markt. Wie gesagt, unter israelischer Kontrolle macht es f\u00fcr pal\u00e4stinensische Firmen mehr finanziellen Sinn, nach Israel zu exportieren oder Waren aus Israel zu kaufen, als mit einem anderen Land zu handeln. Die Restriktionen fesseln ungef\u00e4hr 75 Prozent unserer Wirtschaft an Israel. Den Profit Israels beziffern wir auf rund 5 Milliarden US-Dollar j\u00e4hrlich. Das hei\u00dft, die Besatzung ist f\u00fcr die Besatzungsmacht sehr profitabel.<\/p>\n<p>Nach dem Oslo-Abkommen verlagerte sich die israelische Seite v\u00f6llig auf die Sicherheitskooperation mit der Pal\u00e4stinensischen Autonomiebeh\u00f6rde. Auf diese Weise hat Israel einen sehr profitablen Markt zur freien Verf\u00fcgung, mit sehr reduziertem Sicherheitsrisiko, da jetzt die Autonomiebeh\u00f6rde quasi als externer Dienstleister israelische Sicherheitsinteressen sch\u00fctzt. Sie bedienen sich an unseren Ressourcen, ohne ihre Soldaten zu gef\u00e4hrden.<\/p>\n<p><strong>Was sagt das Oslo-Abkommen eigentlich zur israelischen Nutzung pal\u00e4stinensischer Bodensch\u00e4tze?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Sam Bahour:<\/strong>: Nichts. Aber der Oberste Gerichtshof in Israel urteilte, dass israelische Firmen das Recht haben, Stein und Marmor im besetzten Gebiet abzubauen und es auf dem Weltmarkt als israelisches Produkt zu verkaufen. Das ist ein klares Beispiel daf\u00fcr, dass Israel das besetzte Gebiet bereits lange vor Trumps\u00a0<a href=\"http:\/\/library.fes.de\/pdf-files\/id\/15680.pdf\">&#8222;Deal of the Century&#8220;<\/a>\u00a0als Teil Israels betrachtete. Es geht also schon lange um\u00a0<a href=\"https:\/\/peacenow.org.il\/en\/data-on-netanyahus-jordan-valley-annexation-map\">Annexion<\/a>, es wird nur nicht so genannt.<\/p>\n<p><strong>W\u00e4re eine unabh\u00e4ngige pal\u00e4stinensische Wirtschaft denn eine Bedrohung israelischer Interessen?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Sam Bahour:<\/strong>: Sollte eine pal\u00e4stinensische Wirtschaft sich tats\u00e4chlich entwickeln d\u00fcrfen, w\u00fcrde Israel unter anderem den Zugang zu unserem Land, dem Wasser und den Minen verlieren. Das w\u00e4re aus israelischer Sicht sicherlich ein Schaden f\u00fcr seine Wirtschaft. Aber wir sollten auch die politischen Kosten betrachten. Die Frage ist: Will Israel die Zwei-Staatenl\u00f6sung? Wenn ja, w\u00e4re eine unabh\u00e4ngige, funktionsf\u00e4hige pal\u00e4stinensische Wirtschaft in seinem Interesse, denn ein pal\u00e4stinensischer Staat braucht auch eine unabh\u00e4ngige Wirtschaft. Ganz offensichtlich ist das nicht Teil israelischer Strategie.<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/www.heise.de\/tp\/features\/Es-geht-schon-lange-um-Annexion-4776992.html\"><em>Telepolis&#8230;<\/em><\/a><em> vom 9. Juni 2020<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Peter Sch\u00e4fer. 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