{"id":8027,"date":"2020-06-10T08:49:57","date_gmt":"2020-06-10T06:49:57","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=8027"},"modified":"2020-06-10T08:49:58","modified_gmt":"2020-06-10T06:49:58","slug":"black-lives-matter-alfred-escher-waere-auf-dem-seegrund-gut-aufgehoben","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=8027","title":{"rendered":"Black-Lives-Matter: Alfred Escher w\u00e4re auf dem Seegrund gut aufgehoben"},"content":{"rendered":"<p><em>Matthias Kern.<\/em> <strong>In der englischen Stadt Bristol haben #Black-Lives-Matter-Demonstrant*innen\u00a0<a href=\"https:\/\/www.aargauerzeitung.ch\/ausland\/buergermeister-von-bristol-sklavenhaendler-statue-war-ein-affront-138112864\">eine Statue von Edward Colston im Hafen versenkt.<\/a>\u00a0Colston war ein Kaufmann im 17. Jahrhundert und unter anderem durch Sklavenhandel reich geworden. W\u00e4hrend<\/strong><!--more--> <strong>125 Jahren stand sein Bronze-Abbild mitten in Bristol. Bis es nun endlich heruntergerissen, durch die Stadt gerollt und ins Meer geworfen wurde. Auch in der Schweiz gibt es solche \u00abDenkm\u00e4ler\u00bb, denen ein \u00e4hnliches Schicksal zu w\u00fcnschen w\u00e4re.<\/strong><\/p>\n<p>Erst vor einem Monat hat das Z\u00fcrcher Kollektiv\u00a0<a href=\"https:\/\/mirsindvoda.ch\/rassistische-haeusernamen-im-zuercher-doerfli\/\"><em>vo da<\/em><\/a><em>\u00a0<\/em>darauf aufmerksam gemacht, dass man in der Stadt Z\u00fcrich an verschiedenen Orten auf kolonial-rassistische \u00dcbrigbleibsel st\u00f6sst. In einem Brief an die Stadtverwaltung erl\u00e4uterten sie, weshalb die rassistischen Wandmalereien und H\u00e4usernamen im Niederd\u00f6rfli endlich \u00fcbermalt geh\u00f6ren. Die Stadt hat mit\u00a0<a href=\"https:\/\/mirsindvoda.ch\/stadt-zuerich-sagt-rassismus-im-doerfli-ist-offensichtlich\/\">einem l\u00e4ngeren Brief<\/a>\u00a0geantwortet, in dem sie das Problem zwar anerkennt, aber nichts dagegen unternehmen will. Eine Schande, gerade auch mit Blick darauf, dass sich die Stadt noch nicht einmal darum bem\u00fcht hat, mit einer Tafel oder \u00c4hnlichem die Malereien einzuordnen und so dringend notwendige historische Distanz zu schaffen. Und dabei sind die ganz offensichtlich rassistischen H\u00e4userbemalungen sogar nur die Spitze des Eisbergs in der Weigerung der Stadt, sich endlich seri\u00f6s mit der eigenen kolonialen und rassistischen Vergangenheit und Gegenwart auseinanderzusetzen.<\/p>\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"1024\" src=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/photo_2020-06-09_19-11-50-1024x1024-1-1024x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-8028\" srcset=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/photo_2020-06-09_19-11-50-1024x1024-1.jpg 1024w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/photo_2020-06-09_19-11-50-1024x1024-1-300x300.jpg 300w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/photo_2020-06-09_19-11-50-1024x1024-1-150x150.jpg 150w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/photo_2020-06-09_19-11-50-1024x1024-1-768x768.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><figcaption>Umgestaltete Stauen in den USA <\/figcaption><\/figure>\n<p><strong>Die Figur Alfred Eschers und seine Statue<\/strong><\/p>\n<p>Ganz prominent, in der Mitte von Z\u00fcrich, am Bahnhofsplatz, steht eine meterhohe Statue desjenigen Mannes, der im kollektiven Z\u00fcrcher Geschichtsbild als \u00abErzieher\u00bb und \u00abEisenbahnpionier\u00bb die Stadt an der Limmat wesentlich gepr\u00e4gt habe: Alfred Escher.<\/p>\n<p>Der bis heute als Vorzeigeliberale gehandelte Escher stammt aus einer Familie, die unter anderem mit Kaffeeplantagen um 1800 grosse Verm\u00f6gen anh\u00e4ufte. Auf diesen Plantagen auf Kuba waren, so die\u00a0<a href=\"https:\/\/www.tagesanzeiger.ch\/schweiz\/standard\/alfred-eschers-erbe-gruendet-auf-sklavenarbeit\/story\/19408220\">Enth\u00fcllung 2017<\/a>, \u00fcber Jahrzehnte dutzende Sklaven besch\u00e4ftigt. Die Familie Escher und insbesondere auch Alfred Escher wussten davon.<\/p>\n<p>1853 erbte Alfred Escher von seinem Vater \u00fcber eine Million Schweizer Franken (Heute ca. 12 Millionen), dazu Immobilien und Land. Wenig sp\u00e4ter gr\u00fcndete Escher, der massgeblich am Eisenbahnbau in der Schweiz beteiligt war, dann die Schweizerische Kreditanstalt, die heutige Credit Suisse.<\/p>\n<p>Bereits zeitgen\u00f6ssisch kam es zu Ger\u00fcchten, dass Eschers Verm\u00f6gen und damit seine Finanzkraft zum Teil auf Sklaverei beruhten. Und auch in verschiedener anderer Hinsicht war Escher keineswegs der grosse Modernisierer, als der er heute teilweise noch angeschaut wird. Bei dem massgeblich von ihm vorangetriebenen Projekt des Gotthard-Tunnels, der 1882 er\u00f6ffnet wurde,\u00a0<a href=\"https:\/\/www.srf.ch\/kultur\/gotthard\/ein-geheimbericht-entlarvte-die-ausbeutung-am-gotthard\">starben aufgrund mangelhafter Sicherheitsvorkehrungen, einem massiven Zeitdruck, katastrophaler hygienischer Bedingungen und der R\u00fccksichtslosigkeit der Projektverantwortlichen 199 Arbeiter.<\/a>\u00a0Dazu kamen viele hundert weitere Todesopfer unter den grossteils italienischen Arbeitern, die entweder indirekt an den Folgen der Arbeit im Berg, Unterern\u00e4hrung und chronischen Erkrankungen starben, oder bereits todkrank oder schwerverletzt in die Heimat zur\u00fcckgeschickt wurden und so gar nie in den Todes-Statistiken zum Gotthardbau auftauchten.<\/p>\n<p>So erstaunt es nicht, dass die Erinnerung an Escher als Pionier und Vision\u00e4r immer schon heftig umstritten war. Als 1889 die Escher-Statue am Bahnhofsplatz eingeweiht wurde, musste\u00a0<a href=\"http:\/\/www.zhdamalsheute.ch\/2016\/02\/06\/alfred-escher-brunnen-1953\/\">die Polizei und sogar die Armee die Festivit\u00e4ten und das Denkmal selbst vor der aufgebrachten Arbeiter*innenschaft besch\u00fctzen.<\/a>\u00a0Das Denkmal Eschers galt als Provokation und schon kurz nach der Enth\u00fcllung wurde prophezeit, dass es wom\u00f6glich bald wieder abgetragen werden m\u00fcsse.<\/p>\n<p>Das geschah dann zwar kurz 1984, allerdings nur f\u00fcr Ausbauarbeiten am Z\u00fcrcher Hauptbahnhof. Seit 1987 steht das Denkmal wieder dort wo es zuvor stand und tut so unverr\u00fcckbar wie eh und je.<\/p>\n<p><strong>Was erinnern und wie? Weg mit Rassismus!<\/strong><\/p>\n<p>Die Stadt Z\u00fcrich hat auf die Forderung vom Kollektiv\u00a0<em>vo da<\/em>, die rassistischen H\u00e4usernamen und Gem\u00e4lde im Z\u00fcrcher Niederdorf zu entfernen,\u00a0<a href=\"https:\/\/mirsindvoda.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/20200602_Antwortschreiben_Amt-f%C3%BCr-St%C3%A4dtebau.pdf\">wie folgt geantwortet<\/a>:<\/p>\n<p><em>\u00abDie Hausnamen sind heute ein Hinweis, eine Erinnerung an eine fr\u00fcher selbstverst\u00e4ndliche Haltung, von der wir uns inzwischen weit entfernt haben. Indem sie immer noch da sind, k\u00f6nnen wir uns diesen Weg immer wieder vor Augen f\u00fchren. Wenn wir sie verschwinden lassen, ist diese Auseinandersetzung nicht mehr m\u00f6glich. Der aktuelle Rassismus verschwindet deswegen nicht.\u00bb<\/em><\/p>\n<p>Die Stadt vergleicht in ihrem Schreiben die Gem\u00e4lde dann mit anderen so genannten \u00abunbequemen Denkm\u00e4lern\u00bb, wie dem Reichstagsgeb\u00e4ude in Berlin. Dieser Vergleich ist l\u00e4cherlich, handelt es sich doch beim Reichstagsgeb\u00e4ude oder ehemaligen Konzentrationslagern aus der NS-Zeit um gef\u00fchrte, kuratierte und aufgearbeitete Erinnerungsorte. Im Z\u00fcrcher Niederdorf kl\u00e4rt nicht einmal ein Schild \u00fcber die Malereien auf, geschweige denn w\u00fcrden sie dar\u00fcber hinaus erkl\u00e4rt oder irgendwie sonst die Auseinandersetzung mit Rassismus beg\u00fcnstigen.<\/p>\n<p>Ein weiteres Beispiel: Weiss heute noch jemand, wer Rudolf Brun war, dessen Name eine zentrale Z\u00fcrcher Br\u00fccke \u00fcber die Limmat ehrt? Brun war erster \u00abB\u00fcrgermeister\u00bb Z\u00fcrichs von 1336-1360, als brutal bekannter Alleinherrscher und sowohl Verantwortlicher als auch Profiteur der Verbrennung grosser Teile der Z\u00fcrcher j\u00fcdischen Bev\u00f6lkerung, der die Schuld an der Pest 1349 gegeben wurde. Die 1913 erbaute Urania-Br\u00fccke wurde erst 1951 Rudolf Brun \u00abzu Ehren\u00bb umbenannt. So viel zur kritischen Aufarbeitung der Stadtgeschichte.<\/p>\n<p>Das Argument, dass eine Statue eines Rassisten oder ein rassistisches Symbol die Auseinandersetzung mit Rassismus \u00fcberhaupt erst erm\u00f6gliche, wurde auch in Bristol in den letzten Jahrzehnten immer wieder vorgebracht, wenn es darum ging zu verteidigen, dass die Colston-Statue immer noch dort stand wo sie stand. Umso eindr\u00fccklicher haben uns die Bilder aus Bristol gezeigt, dass eine Statue meistens mehr zur Aufarbeitung der rassistischen und kolonialen eigenen Vergangenheit beitragen kann, wenn sie innert einer Stunde gest\u00fcrzt und im Meer versenkt wird, als sie das die vorherigen 150 Jahre tat, die sie auf ihrem Sockel stand.<\/p>\n<p>Es w\u00e4re der Statue von Escher zu g\u00f6nnen, w\u00fcrde ihr dasselbe Schicksal widerfahren. Und noch wichtiger w\u00e4re es, w\u00fcrde sich die Schweizer Gesellschaft endlich ernsthaft mit Rassismus \u2013 in der Vergangenheit und gegenw\u00e4rtig \u2013 auseinandersetzen.<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/sozialismus.ch\/artikel\/2020\/black-lives-matter-auch-alfred-escher-waere-auf-dem-seegrund-gut-aufgehoben\/\"><em>sozialismus.ch&#8230;<\/em><\/a><em> vom 10. Juni 2020<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Matthias Kern. In der englischen Stadt Bristol haben #Black-Lives-Matter-Demonstrant*innen\u00a0eine Statue von Edward Colston im Hafen versenkt.\u00a0Colston war ein Kaufmann im 17. Jahrhundert und unter anderem durch Sklavenhandel reich geworden. 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