{"id":8030,"date":"2020-06-10T09:06:01","date_gmt":"2020-06-10T07:06:01","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=8030"},"modified":"2020-06-10T09:06:02","modified_gmt":"2020-06-10T07:06:02","slug":"gesundheitssystem-und-coronavirus-dieses-ganze-verfaulte-system-muss-weg","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=8030","title":{"rendered":"Gesundheitssystem und Coronavirus: &#8222;Dieses ganze verfaulte System muss weg\u201c"},"content":{"rendered":"<p><em>Avanti Oberhausen. <\/em><strong>Alexandra Willer ist ver.di-Vertrauensfrau und Personalr\u00e4tin am Uniklinikum Essen. Mit der ISO sprach sie \u00fcber die Arbeitsbedingung ihrer Kolleg*innen in Zeiten von Corona und \u00fcber die M\u00f6glichkeiten ein anderes Gesundheitssystem durchzusetzen.<\/strong><!--more--><\/p>\n<p><strong>&#8212;- <\/strong><\/p>\n<p><strong>Alexandra, der Personalrat hat die 12,5 Stunden-Schichten abgelehnt, die der Vorstand des Uniklinikums Essen einf\u00fchren will. Wieso?<\/strong><\/p>\n<p>Als die Kolleginnen und Kollegen auf den Stationen das geh\u00f6rt haben, war die Emp\u00f6rung und Ablehnung gro\u00df. Selbst jetzt, wo nicht alle Betten belegt sind, ist die Arbeit auf den Covid-Stationen extrem anstrengend, allein schon wegen der vollen Schutzbekleidung. Auch jetzt infizieren sich immer wieder Kolleg*innen. Vorletztes Jahr haben bei uns hunderte Besch\u00e4ftigte 30 Tage lang gestreikt, weil sie mehr Personal und Mindestbesetzungen gefordert haben. Doch nicht mal das, was damals zugestanden wurde, wird von der Klinikleitung eingehalten. Und jetzt sollten sie diesen Mangel mit 12,5 Stunden-Schichten auffangen? Nein, danke.<\/p>\n<p>Wir kennen au\u00dferdem die Erfahrungen aus Wuhan. Dort wurden auch erst 12-Stunden Schichten gearbeitet. Dann aber wurden sie auf 6-Stunden-Schichten ge\u00e4ndert, weil reihenweise Pflegekr\u00e4fte auch durch die langen Schichten krank wurden.<\/p>\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"478\" src=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/Unbenannt-1024x478.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-8031\" srcset=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/Unbenannt-1024x478.png 1024w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/Unbenannt-300x140.png 300w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/Unbenannt-768x359.png 768w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/Unbenannt.png 1141w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/figure>\n<p>Obendrein w\u00fcrde es wohl nicht bei einer einmaligen Sache bleiben. Bei der n\u00e4chsten Grippewelle zum Beispiel, wenn mal wieder zu viel Personal ausf\u00e4llt, k\u00e4men wahrscheinlich die n\u00e4chsten 12-Stunden-Schichten. Es ist wirklich ein Irrsinn dieses Systems, dass die einen genau in dem Moment noch mehr und l\u00e4nger ausgebeutet werden sollen, wo gleichzeitig Hunderttausende andere in die Arbeitslosigkeit gedr\u00e4ngt werden.<\/p>\n<p><strong>Nicht alle Berufsgruppen im Krankenhaus stehen momentan in der \u00f6ffentlichen Wahrnehmung so da, wie Pflegekr\u00e4fte und \u00c4rzte.<\/strong><\/p>\n<p>Zuerst einmal grenzt auch die derzeitige \u201eAufmerksamkeit\u201c der herrschenden Politiker*innen und Medien f\u00fcr Pflegekr\u00e4fte und \u00c4rzt*innen an Verh\u00f6hnung. Es gibt gro\u00dfe Danke-Plakate, und man diskutiert \u00fcber eine Pr\u00e4mie von einigen hundert Euro f\u00fcr sie. Doch wof\u00fcr? Daf\u00fcr, dass sie heute f\u00fcr die Folgen der jahrelangen Einsparungen und Privatisierungen den Kopf hinhalten sollen. Statt solcher \u201eAufmerksamkeiten\u201c brauchen die Kolleg*innen mehr Personal, mehr Masken, mehr Schutzausr\u00fcstung\u2026<\/p>\n<p>In der Tat gibt es dar\u00fcber hinaus weitere Berufsgruppen im Gesundheitswesen, die diese Krise mit voller Wucht abbekommen, die genauso gef\u00e4hrdet sind. Die Reinigungskr\u00e4fte zum Beispiel m\u00fcssen bei uns wegen der Infektionsgefahr sehr viel mehr reinigen, ohne dass auch nur eine Reinigerin zus\u00e4tzlich eingestellt worden w\u00e4re. Und nat\u00fcrlich bekommen sie nur extrem rationierte Schutzausr\u00fcstung. In der privatisierten K\u00fcche werden wiederum 19 Kolleg*innen in Kurzarbeit geschickt. Sie haben L\u00f6hne, die kaum \u00fcber dem Mindestlohn liegen, und m\u00fcssen nun mit 60 % davon \u00fcberleben \u2013 w\u00e4hrend in der Reinigung und bei anderen Hygienema\u00dfnahmen dringend mehr Personal gebraucht w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Doch die jetzige Lage f\u00fchrt auch dazu, dass bei uns gerade in diesen Bereichen die Emp\u00f6rung w\u00e4chst. Nicht wenige sagen sich: \u201eWir verdienen schon viel zu wenig, und daf\u00fcr sollen wir jetzt auch noch unsere Gesundheit riskieren? Irgendwann reicht\u2019s.\u201c Die Krankentransporter zum Beispiel haben sich zusammengetan, um eine Zulage und angemessene Schutzmasken zu fordern. Die Reinigungskr\u00e4fte sind seit Jahren in eine Tochterfirma ausgegliedert, wo sie nur noch den Branchenmindestlohn bekommen. Jahrelang schon regiert hier ein Regime massiver Einsch\u00fcchterung. Doch nun haben zum ersten Mal Reinigerinnen 300 Unterschriften gesammelt, um h\u00f6here L\u00f6hne und mehr Zeit zum Reinigen der Stationen zu fordern. Der Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer der Tochterfirma (der gleichzeitig Personalchef im Uniklinikum ist) hat eiskalt erkl\u00e4rt, dass sie keinen Cent mehr bekommen werden. Und dass es eine Frechheit sei, die Corona-Krise \u201eauszunutzen\u201c. Diese Leute sind Meister in der Umkehrung der Tatsachen: Denn wer nutzt hier die Corona-Krise aus? Als Antwort h\u00e4ngen seitdem im ganzen Gel\u00e4nde Fotos, auf denen Besch\u00e4ftigte des Klinikums ihre Solidarit\u00e4t mit den Reinigerinnen demonstrieren.<\/p>\n<p>Diese Art von Aufmerksamkeit finde ich eigentlich die Wichtige. Von den Herrschenden haben wir keine Wertsch\u00e4tzung zu erwarten. Aber wenn wir uns zusammentun, wenn wir solidarisch sind und k\u00e4mpfen, k\u00f6nnen wir uns Respekt verschaffen.<\/p>\n<p><strong>Siehst du eine Chance, dass die Erfahrungen aus der Corona-Krise dabei helfen, ein anderes Gesundheitssystem durchzusetzen?<\/strong><\/p>\n<p>Ein anderes Gesundheitssystem durchsetzen, im Kapitalismus? Nein, definitiv nicht. Seit fast 200 Jahren t\u00f6tet dieser Kapitalismus. In Kriegen, durch Hunger, durch heilbare Armutskrankheiten. Und in der jetzigen Krise schafft es dieses System noch nicht mal ausreichend Schutzmaterialien zu produzieren, sodass sich viele Besch\u00e4ftigte infizieren. Der Kapitalismus verlangt, dass Gesch\u00e4fte viel zu fr\u00fch wieder \u00f6ffnen, damit \u201edie Wirtschaft wieder in Schwung kommt\u201c. Der Kapitalismus f\u00fchrt dazu, dass die Tagel\u00f6hner in den armen L\u00e4ndern die Schutzvorschriften nicht einhalten k\u00f6nnen, weil sie und ihre Familien ohne Lohn verhungern. Dieses ganze verfaulte System muss weg.<\/p>\n<p>Und dass das Gesundheitssystem in Deutschland wie in allen imperialistischen L\u00e4ndern in den letzten Jahrzehnten derma\u00dfen zusammengespart und privatisiert worden ist, liegt ja auch nicht an mangelnder Erfahrung der Politiker*innen. Es ist eine zwangsl\u00e4ufige Folge der wirtschaftlichen Dauerkrise, in der der Kapitalismus seit Jahrzehnten steckt. Aufgrund der ges\u00e4ttigten Absatzm\u00e4rkte macht die kapitalistische Klasse immer weniger Profit mit der Produktion. Um ihre Profite trotzdem zu steigern, pl\u00fcndern sie die \u00f6ffentlichen Kassen und eignen sich die Bereiche an, die bislang zum Teil von der Profitlogik verschont waren. Deshalb mussten die Krankenh\u00e4user zusammengespart und so umgebaut werden, dass private Konzerne und Banken mit ihnen Gewinn machen k\u00f6nnen. Und deshalb wird diese \u2013 f\u00fcr Besch\u00e4ftigte wie Patienten katastrophale \u2013 Entwicklung auch nach Corona weitergehen. Der hessische gr\u00fcne Sozialminister besa\u00df sogar die Dreistigkeit zu sagen, dass die Erfahrungen der Corona-Krise ein Beleg daf\u00fcr w\u00e4ren, dass zentralisierte, gro\u00dfe Krankenh\u00e4user besonders effektiv seien \u2013 und die vielen kleinen Krankenh\u00e4user daher ruhig weiter geschlossen werden sollten.<\/p>\n<p>Was man jedoch sehr wohl hoffen kann ist, dass die Erfahrungen der letzten Wochen dazu beitragen, dass sich mehr Arbeitende den K\u00e4mpfen gegen die Verschlechterungen im Gesundheitswesen anschlie\u00dfen. Und das wird auch n\u00f6tig sein. Denn die gigantischen Summen, die die Regierung in der durch Corona ausgel\u00f6sten tiefen Wirtschaftskrise zur Rettung der Kapitalisten ausgibt, wird sie woanders einsparen m\u00fcssen. Was bedeutet, dass die Angriffe im Gesundheitswesen schlimmer werden.<\/p>\n<p>Um diese wirklich abwehren zu k\u00f6nnen, braucht es allerdings K\u00e4mpfe viel gr\u00f6\u00dferer Dimensionen. Hierf\u00fcr m\u00fcssen sich die Arbeitenden im Gesundheitswesen mit all den anderen Arbeitenden zusammentun, die in der Krise ihre Haut verteidigen \u2013 und in diesen K\u00e4mpfen wieder an die Perspektive einer anderen Gesellschaftsordnung ankn\u00fcpfen. Erst dann, wenn der Kapitalismus gest\u00fcrzt ist, wird es m\u00f6glich sein, ein Gesundheitssystem zu entwickeln, das auf die bestm\u00f6gliche Versorgung aller Menschen ausgerichtet ist.<\/p>\n<p><em>aus der\u00a0<\/em><a href=\"https:\/\/iso-4-oberhausen.de\/\"><em>Avanti O. April \u2013 Mai 2020<\/em><\/a><\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/intersoz.org\/dieses-ganze-verfaulte-system-muss-weg\/\"><em>intersoz.org&#8230;<\/em><\/a><em> vom 10. Juni 2020<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Avanti Oberhausen. Alexandra Willer ist ver.di-Vertrauensfrau und Personalr\u00e4tin am Uniklinikum Essen. 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