{"id":8039,"date":"2020-06-11T08:57:45","date_gmt":"2020-06-11T06:57:45","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=8039"},"modified":"2020-06-11T08:57:46","modified_gmt":"2020-06-11T06:57:46","slug":"das-paradox-des-boersenbooms","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=8039","title":{"rendered":"Das Paradox des B\u00f6rsenbooms"},"content":{"rendered":"<p><em>Nick Beams.<\/em> Am Montag ereignete sich ein scheinbar verbl\u00fcffendes Paradox. W\u00e4hrend die Forschungseinrichtung National Bureau of Economic Research an diesem Tag bekannt gab, dass die USA in einer Rezession sind und damit den voraussichtlich schlimmsten<!--more--> Wirtschaftseinbruch seit der Gro\u00dfen Depression der 1920er Jahre erleben werden, erreichten die Aktienindizes an der Wall Street wieder das Niveau vom Jahresanfang.<\/p>\n<p>Seit dem B\u00f6rsenabsturz Mitte M\u00e4rz, als die Finanzm\u00e4rkte in den USA und international erstarrten, hat die Wall Street einen spektakul\u00e4ren Anstieg erlebt. Der US-Aktienindex Dow Jones ist seit dem 23. M\u00e4rz um 48 Prozent nach oben geklettert; der auf Technologiekonzerne orientierte Nasdaq ist um 45 Prozent gestiegen und liegt nun 1.000 Punkte h\u00f6her als zu Jahresbeginn. Der S&amp;P-500-Aktienindex hat mit 45 Prozent Zuwachs ebenfalls wieder den Stand vor der Corona-Pandemie erreicht.<\/p>\n<p>Der Boom an der Wall Street steht in krassem Gegensatz zur realen Wirtschaft und findet inmitten der tiefsten Gesundheitskrise eines ganzen Jahrhunderts statt. Die Corona-Infektionen und Todeszahlen steigen in den USA und weltweit weiter an.<\/p>\n<p>In der vergangenen Woche warnte die Haushaltsbeh\u00f6rde des US-Kongresses davor, dass die Auswirkungen der Pandemie noch mindestens zehn Jahre andauern werden. Damit widersprach sie den Behauptungen von Pr\u00e4sident Trump und seinen Anh\u00e4ngern, dass die Wirtschaft wieder mit Macht zur\u00fcckkehren werde.<\/p>\n<p>Die Folgen der Pandemie auf die f\u00fcnf gr\u00f6\u00dften europ\u00e4ischen Volkswirtschaften sind Prognosen zufolge gewaltig. In Gro\u00dfbritannien wird ein R\u00fcckgang von 14 Prozent erwartet, in Spanien 11,6 Prozent, in Frankreich 10,3 Prozent, in Italien 9,2 Prozent und in Deutschland 6,1 Prozent. Die Weltbank sch\u00e4tzt, dass das globale Bruttoinlandsprodukt (BIP) in diesem Jahr um 5,2 Prozent schrumpfen wird.<\/p>\n<p>Unter diesen Bedingungen hat man die \u00fcblichen Messgr\u00f6\u00dfen f\u00fcr die Einsch\u00e4tzung der Aktienkurse \u2013 wie das Kurs-Gewinn-Verh\u00e4ltnis \u2013 verworfen. Unternehmen, die entweder Verluste verzeichnen oder aufgrund der Pandemie gar keine Zukunftsprognosen \u00fcber ihre Einnahmen abgeben k\u00f6nnen, haben trotzdem steigende Aktien.<\/p>\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"640\" height=\"360\" src=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/kap.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-8040\" srcset=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/kap.jpg 640w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/kap-300x169.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/><figcaption><strong>Anzeige der Aktienkurse vor einer Bank in Hongkong, 3. M\u00e4rz 2020. (AP Photo\/Kin Cheung)<\/strong><\/figcaption><\/figure>\n<p>Was steht hinter dieser Spekulationsorgie im Angesicht des Todes, der Zerst\u00f6rung von Millionen Arbeitspl\u00e4tzen und der rasanten Verarmung immer breiterer Massen der arbeitenden Bev\u00f6lkerung?<\/p>\n<p>Die Antwort liegt in der Reaktion der herrschenden Elite auf die Pandemie. Von Anfang an betrachtete sie Covid-19 nicht als Gesundheitskrise, die durch wissenschaftlich fundierte Ma\u00dfnahmen bew\u00e4ltigt werden muss, sondern als Gefahr f\u00fcr die Profitakkumulation \u2013 und sie handelte entsprechend.<\/p>\n<p>Die Trump-Regierung brachte mithilfe des gesamten politischen Establishments ein Rettungspaket von \u00fcber drei Billionen f\u00fcr die Konzerne auf den Weg. Die Federal Reserve sprang ein und pumpte Billionen an frischem Geld in die M\u00e4rkte.<\/p>\n<p>Die Fed hatte das Limit f\u00fcr ihren Bestand an Finanzanlagen bereits in der Wirtschaftskrise von 2008 von 800 Milliarden Dollar auf 4 Billionen angehoben. Jetzt hat sie ihre Best\u00e4nde nochmal auf bis zu 7 Billionen erh\u00f6ht, und sie k\u00f6nnten sogar auf 9 Billionen steigen. Notenbankchef Jerome Powell hat bereits klar gemacht, dass es bei der Fed \u201ekein Limit\u201c geben wird. Sie fungiert als Garant f\u00fcr die Finanzm\u00e4rkte in allen Bereichen.<\/p>\n<p>\u00dcberall auf der Welt machen es die Zentralbanken der Fed nach. Laut einer Ver\u00f6ffentlichung der Bank f\u00fcr Internationalen Zahlungsausgleich werden die Ma\u00dfnahmen der f\u00fcnf gro\u00dfen Zentralbanken der Welt zusammengenommen dazu f\u00fchren, dass ihre Bilanzen bis Ende 2020 auf bis zu 23 Prozent des BIP anwachsen und f\u00fcr unbestimmte Zeit auf diesem historisch beispiellosen Niveau bleiben. Zum Vergleich: Nach der Krise von 2008 gab es einen Anstieg von 10 Prozent.<\/p>\n<p>Aus Sicht der Finanzh\u00e4user und Spekulanten an der Wall Street war die Pandemie eine Win-Win-Situation. Sie f\u00fchlen sich ermutigt dank der m\u00f6rderischen Back-to-Work-Kampagne und der vollsten Unterst\u00fctzung von Seiten des politischen Establishments, das die Ums\u00e4tze und Profite der Konzerne h\u00f6herstellt als das Leben der Arbeiter.<\/p>\n<p>Sie wissen auch, dass die Fed bei einem signifikanten Einbruch der B\u00f6rse eingreifen wird, um noch mehr Geld zur Verf\u00fcgung zu stellen.<\/p>\n<p>Au\u00dferdem haben sie erkannt, dass sie in dem wirtschaftlichen Ruin enorme Gewinne machen k\u00f6nnen. Die Krise schafft Bedingungen, in denen Gro\u00dfkonzerne jene Firmen verschlingen k\u00f6nnen, die dem Untergang geweiht sind. Wer \u00fcberlebt, kann die Gr\u00f6\u00dfe des Unternehmens und seine Gewinnmargen noch weiter erh\u00f6hen.<\/p>\n<p>Gleichzeitig dient ihnen die Arbeitslosigkeit, die sich den Rekordzahlen der Nachkriegszeit ann\u00e4hert, als Hebel, um die Axt an die L\u00f6hne und Arbeitsbedingungen zu setzen. Mithilfe der neuen Technologien werden die Betriebe umstrukturiert, um noch weniger Personal zu noch niedrigeren L\u00f6hnen zu besch\u00e4ftigen.<\/p>\n<p>Kurzum: Die Unternehmens- und Finanzoligarchen lernen gerade, dass sie mit dem Coronavirus nicht nur leben, sondern auch gedeihen und profitieren k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Allerdings gibt es objektive Grenzen f\u00fcr die Bacchusfeste der Spekulanten. Der Berg an fiktivem Kapital, erzeugt durch Geldspritzen mit nur einem Klick am Computer, schafft an und f\u00fcr sich keinen realen Wert. Finanzielle Verm\u00f6genswerte, einschlie\u00dflich aufgebl\u00e4hter Aktienportfolios, stellen einen Anspruch auf einen k\u00fcnftigen Wert dar, der noch aus der Arbeiterklasse gepresst werden muss.<\/p>\n<p>Das erfordert eine versch\u00e4rfte Ausbeutung der Arbeiterklasse in gigantischem Ausma\u00df. Die herrschende Klasse in den USA und weltweit bereitet sich auf die massiven Klassenk\u00e4mpfe vor, die ihr bevorstehen.<\/p>\n<p>Das sind die treibenden Faktoren hinter Trumps Versuch, eine Polizei- und Milit\u00e4rdiktatur aufzubauen und die Verfassung auszuh\u00f6hlen. Um mit den Worten von Trumps Verteidigungsminister Mark Esper zu sprechen: Der Prozess der Profitanh\u00e4ufung ist das \u201eSchlachtfeld\u201c, das der kapitalistische Staat mit Gewalt \u201ebeherrschen\u201c muss.<\/p>\n<p>Die Explosion der Proteste nach dem Polizeimord an George Floyd ist ein Vorgeschmack auf noch gr\u00f6\u00dfere Klassenauseinandersetzungen. Floyds letzte Worte \u201eIch kann nicht atmen\u201c haben in den USA und \u00fcberall auf der Welt einen Nerv getroffen, weil sie die Lage der Arbeiter weltweit auf den Punkt bringen.<\/p>\n<p>Man kann im Kapitalismus immer weniger \u201eatmen\u201c. In einem System zu leben, in dem die herrschende Klasse mit allen Mitteln und um jeden Preis ihren Profit sichern will, wird zunehmend unm\u00f6glich.<\/p>\n<p>Die Arbeiterklasse steht vor der dr\u00e4ngenden Aufgabe, sich die objektive Logik der Situation, mit der sie jetzt konfrontiert ist, bewusst zu machen und zu verstehen, welchen Charakter der Kampf gegen die blutige und diktatorische herrschende Klasse hat, in dem sie bereits mittendrin ist.<\/p>\n<p>Die amerikanische Unabh\u00e4ngigkeitserkl\u00e4rung berief sich in erster Linie auf das unver\u00e4u\u00dferliche Recht auf Leben. Heute kann dieses Recht nur verwirklicht werden, wenn ein bewusster politischer Kampf f\u00fcr die Machteroberung gef\u00fchrt wird, der das Profitsystem st\u00fcrzt und einen Arbeiterstaat errichtet. Das sind die ersten und entscheidenden Schritte bei der Reorganisation der Wirtschaft auf sozialistischer Grundlage.<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/www.wsws.org\/de\/articles\/2020\/06\/11\/pers-j11.html\"><em>wsws.org&#8230;<\/em><\/a><em> vom 11. Juni 2020<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nick Beams. Am Montag ereignete sich ein scheinbar verbl\u00fcffendes Paradox. 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