{"id":8042,"date":"2020-06-11T09:06:02","date_gmt":"2020-06-11T07:06:02","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=8042"},"modified":"2020-06-11T09:06:04","modified_gmt":"2020-06-11T07:06:04","slug":"kapitalismus-produziert-immer-rassismus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=8042","title":{"rendered":"Kapitalismus produziert immer Rassismus"},"content":{"rendered":"<p><strong>Eine neue Welle antirassistischer Aktivist*innen protestiert auf den Stra\u00dfen und stellt sich gegen Polizeigewalt. Dies unterstreicht die Bedeutung theoretischer Perspektiven, die Rassismus als integralen Bestandteil des Kapitalismus verstehen. Diese<!--more--> Perspektiven m\u00fcssen \u00fcber eine Identit\u00e4tspolitik hinausgehen, welche die Rolle der Klassenunterschiede bei der Aufrechterhaltung des Rassismus nicht anerkennt. Ein Gastbeitrag von Sam Miller.<\/strong><\/p>\n<p>Menschen auf der ganzen Welt erheben sich, um gegen den unverhohlenen, rassistischen Mord an George Floyd durch den (inzwischen ehemaligen) Polizisten Derek Chauvin zu protestieren. Von Minneapolis bis Neuseeland brechen Abertausende von Menschen die Quarant\u00e4ne, um sich zusammenzuschlie\u00dfen und Ver\u00e4nderungen zu fordern. Viele sind auf den Stra\u00dfen mit Schildern zu sehen, auf denen steht: \u201eDas System muss sich \u00e4ndern!\u201c oder \u201eDas gesamte System ist rassistisch!\u201c. Da so viele ihre Emp\u00f6rung \u00fcber \u201edas System\u201c zum Ausdruck bringen, ist es wichtig zu verstehen, was dieses System ist und welche Rolle es bei der Schaffung, Reproduktion und Aufrechterhaltung von Rassismus und Polizeigewalt gegen Schwarze und Braune spielt. Dieses System ist Kapitalismus.<\/p>\n<p>Rassismus hat in der Klassengesellschaft schon immer existiert, aber nicht immer in der gleichen Form. Er ist integraler Bestandteil der Geschichte des Kapitalismus und kann nicht von seiner Entwicklung getrennt werden. Rassismus war \u2013 und ist immer noch \u2013 eine ideologische Rechtfertigung f\u00fcr Kolonialkrieg und Eroberung. Tats\u00e4chlich war die Institution der Sklaverei die notwendige Voraussetzung f\u00fcr die Entwicklung der modernen Industrie. Wie Marx in \u201e<a href=\"http:\/\/www.mlwerke.de\/me\/me04\/me04_125.htm#K2_1\"><strong>Das Elend der Philosophie<\/strong><\/a>\u201c darlegte:<\/p>\n<p>Die Sklaverei ist eine \u00f6konomische Kategorie wie eine andere. [\u2026] Wohlverstanden, es handelt sich hier nur um die direkte Sklaverei, um die Sklaverei der Schwarzen in Surinam, in Brasilien, in den S\u00fcdstaaten Nordamerikas. Die direkte Sklaverei ist der Angelpunkt der b\u00fcrgerlichen Industrie, ebenso wie die Maschinen etc. Ohne Sklaverei keine Baumwolle; ohne Baumwolle keine moderne Industrie. Nur die Sklaverei hat den Kolonien ihren Wert gegeben; die Kolonien haben den Welthandel geschaffen; und der Welthandel ist die Bedingung der Gro\u00dfindustrie. So ist die Sklaverei eine \u00f6konomische Kategorie von der h\u00f6chsten Wichtigkeit.<\/p>\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"890\" height=\"550\" src=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/redafrica_thumb-1000x600-890x550-1.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-8043\" srcset=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/redafrica_thumb-1000x600-890x550-1.jpg 890w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/redafrica_thumb-1000x600-890x550-1-300x185.jpg 300w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/redafrica_thumb-1000x600-890x550-1-768x475.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 890px) 100vw, 890px\" \/><\/figure>\n<p>Aus der Sicht von Marx w\u00e4ren die Voraussetzungen der kapitalistischen Entwicklung ohne die Existenz des Sklavenhandels unverst\u00e4ndlich; daher ist es anti-historisch, die Ausbreitung des Kapitalismus von Sklaverei und Rassismus zu trennen. Aber Rassismus ist nicht nur Teil der Vorgeschichte oder Vergangenheit des Kapitalismus, sondern auch Teil seiner gegenw\u00e4rtigen Realit\u00e4t. Die herrschende Klasse ist vom Rassismus abh\u00e4ngig, um ihre Herrschaft und Macht zu sichern.<\/p>\n<p>Damit der Kapitalismus funktionieren kann, muss es eine herrschende Klasse und eine Arbeiter*innenklasse geben \u2013 die Bourgeoisie und das Proletariat. Die Bourgeoisie sind diejenigen, die die Produktionsmittel besitzen, und sie trifft Entscheidungen, die alle betreffen. Die Arbeiter*innenklasse produziert gesellschaftlichen Reichtum, aber der Kapitalismus trennt sie davon. Das ist, was Marx Entfremdung nennt: ein Prozess, der die Arbeiter*innen von den Produkten ihrer Arbeit trennt und sie im Akt des Produzierens selbst unterdr\u00fcckt. Der von den Arbeiter*innen geschaffene Wert wird nicht f\u00fcr menschliche Bed\u00fcrfnisse produziert, sondern f\u00fcr den Profit.<\/p>\n<p>Der Kapitalismus schafft Spaltungen innerhalb der Arbeiter*innenklasse \u2013 denn die gr\u00f6\u00dfte Bedrohung f\u00fcr die Macht der herrschenden Klasse w\u00e4re die globale Einheit des multiethnischen Proletariats. Marx und Engels erkl\u00e4rten im\u00a0<em>Kommunistischen Manifest<\/em>, dass die Arbeiter*innen au\u00dfer ihren Ketten nichts zu verlieren h\u00e4tten und dass die Arbeiter*innen der Welt sich vereinigen m\u00fcssten. Um jedoch eine k\u00fcnstliche Spaltung zu schaffen, versucht die herrschende Klasse, wei\u00dfe Arbeiter*innen gegen Schwarze und Braune Arbeiter*innen auszuspielen. Der Kapitalismus stellt auch wei\u00dfe Arbeiter*innen gegen asiatische Niedriglohnarbeiter*innen (d.h. bei der Auslagerung der Produktion). Die herrschende Klasse versucht die wei\u00dfen Arbeiter*innen davon zu \u00fcberzeugen, dass es in ihrem besten Interesse liegt, Minderheiten zu f\u00fcrchten und zu verachten und sich hinter die Interessen ihrer Bosse zu stellen. Indem sich die wei\u00dfen Arbeiter*innen mit der Bourgeoisie identifizieren, k\u00f6nnen sie hoffen, ihrem Zustand zu entkommen und sozusagen \u201eauf der Karriereleiter nach oben zu steigen\u201c. Nat\u00fcrlich kann die wei\u00dfe Arbeiter*innenklasse als Ganzes nicht in die Reihen der Bourgeoisie aufsteigen. Das rassistisch begr\u00fcndete Privileg erlaubt es jedoch einigen \u2013 typischerweise denen, die den Interessen der Eliten am loyalsten gegen\u00fcberstehen \u2013, leichter aufzusteigen als Schwarzen und Braunen Arbeiter*innen. Geht es also um die Unternehmenswelt, \u00fcberwiegen wei\u00dfe M\u00e4nner in Management- und F\u00fchrungspositionen.<\/p>\n<p>Selbst in Bezug auf Positionen ohne F\u00fchrungsaufgaben erkl\u00e4rt\u00a0<a href=\"https:\/\/www.haymarketbooks.org\/books\/778-from-blacklivesmatter-to-black-liberation\"><strong>Keeanga-Yamahtta Taylor<\/strong><\/a>\u00a0folgendes:<\/p>\n<p>Wei\u00dfe M\u00e4nner mit Vorstrafen werden mit gleicher Wahrscheinlichkeit eingestellt wie M\u00e4nner ohne Vorstrafen\u2026 Man kann sich nur vorstellen, wie gering die Aussichten auf legitime Arbeit f\u00fcr Schwarze M\u00e4nner sind, die aus dem Gef\u00e4ngnis kommen. Das gesamte Strafrechtssystem funktioniert auf Kosten der afroamerikanischen Gemeinschaften und der Gesellschaft als Ganzes.<\/p>\n<p>Es w\u00e4re blanker Idealismus zu glauben, dass wei\u00dfe Arbeiter*innen selbst nicht rassistisch sein k\u00f6nnen oder nicht materiell vom Rassismus profitieren. Rassismus ist nicht nur eine Reihe von schlechten Ideen, die abstrakt gelehrt und vermittelt werden, sondern hat eine materielle Realit\u00e4t, die wei\u00dfe Arbeiter*innen dazu bringt, ihn zu akzeptieren. Im Vergleich zu Schwarzen und Braunen Arbeiter*innen haben daher viele wei\u00dfe Arbeiter*innen Zugang zu besseren Arbeitspl\u00e4tzen, besseren H\u00e4usern, besseren Schulen f\u00fcr ihre Kinder und leben in weniger verschmutzten Vierteln. Wenn es darum geht in der N\u00e4he von umweltsch\u00e4dlichen Gebieten zu leben, ist\u00a0<a href=\"https:\/\/qz.com\/939612\/race-is-the-biggest-indicator-in-the-us-of-whether-you-live-near-toxic-waste\/\"><strong>die Ethnie der gr\u00f6\u00dfte Indikator<\/strong><\/a>\u00a0daf\u00fcr, wer darunter zu leiden hat.<\/p>\n<p>Zu diesen konkreten Beispielen f\u00fcr Privilegien geh\u00f6rt auch der t\u00e4gliche psychologische und emotionale Komfort, den Wei\u00dfe erfahren, w\u00e4hrend Schwarze um ihr Leben f\u00fcrchten. Wei\u00dfe Arbeiter*innen werden nicht so stark von der Polizei oder den repressiven Sicherheitskr\u00e4ften ins Visier genommen, auch wenn arme Wei\u00dfe viel h\u00e4ufiger Opfer der Polizei werden als die wei\u00dfe Mittelschicht. Solche materiellen und rassischen Ungleichheiten halten die Arbeiter*innen voneinander entfremdet und hindern sie daran, sich in einem multiethnischen Kampf zum Sturz des Kapitalismus zusammenzuschlie\u00dfen.<\/p>\n<p>Die Arbeiter*innenklasse ist keine homogene Einheit. Sie enth\u00e4lt eine Vielfalt ethnischer Identit\u00e4ten sowie unterschiedliche Niveaus der Arbeitsplatzsicherheit und des Einkommens. Diese Unterschiede m\u00fcssen anerkannt und verarbeitet werden, bevor die Einheit erreicht werden kann. Unabh\u00e4ngig von ihrer Ethnie, ihrem Geschlecht oder ihrer sexuellen Orientierung haben die Arbeiter*innen jedoch niemals dieselben materiellen Interessen wie diejenigen, die sie ausbeuten, n\u00e4mlich die Bourgeoisie.<\/p>\n<p>Im Gro\u00dfen und Ganzen genie\u00dfen wei\u00dfe Arbeiter*innen einen besseren Lebensstandard als ihre Schwarzen und Braunen Kolleg*innen, aber \u00f6konomisch haben sie viel mehr mit ihnen gemeinsam als mit Jeff Bezos, Bill Gates und Mark Zuckerberg. \u00c4hnlich haben in Bezug auf Klasse Schwarze und Braune Arbeiter*innen mehr mit wei\u00dfen Arbeiter*innen gemeinsam als mit den Schwarzen Eliten. Wie Taylor hervorhebt:\u00a0<em>\u201eTats\u00e4chlich ist die Kluft zwischen Arm und Reich bei Schwarzen noch ausgepr\u00e4gter als bei Wei\u00dfen. Die reichsten Wei\u00dfen sind 74 Mal reicher als die durchschnittliche wei\u00dfe Familie. Aber unter den Afroamerikaner*innen verf\u00fcgen die reichsten Familien \u00fcber einen schwindelerregenden 200 Mal h\u00f6heren Reichtum als die durchschnittliche Schwarze Familie\u201c<\/em>. Diese Gemeinsamkeit in Bezug auf Klasse sollte die vereinigende Kraft zwischen Arbeiter*innen aller Ethnien sein, gegen ihre Unterdr\u00fcckung zu k\u00e4mpfen.<\/p>\n<p>Die Einheit der Arbeiter*innenklasse ist nicht die Botschaft der neoliberalen Identit\u00e4tspolitik. Diese Politik argumentiert, dass soziale Probleme ohne die Dimension der Klasse auf \u201eRasse\u201c oder Geschlecht reduziert werden k\u00f6nnen. Stattdessen geht diese Art von Liberalismus davon aus, dass der Kapitalismus eine dauerhafte Realit\u00e4t ist und dass der beste Ansatz zur Unterdr\u00fcckung des Rassismus darin besteht, dass die Wei\u00dfen \u201eihre Privilegien \u00fcberpr\u00fcfen\u201c. Aber die blo\u00dfe Kritik oder \u00dcberpr\u00fcfung von Privilegien tr\u00e4gt nicht dazu bei, die realen Bedingungen abzuschaffen, die durch rassistische Unterschiede geschaffen werden. Wir wollen die Privilegien nicht einfach nur \u201e\u00fcberpr\u00fcfen\u201c, genauso wenig wie wir wollen, dass Donald Trump nachdenklicher oder netter dar\u00fcber ist, wie er mit denen umgeht, die er unterdr\u00fcckt. Das \u00e4ndert nichts an der sozialen Realit\u00e4t des Kapitalismus oder Rassismus.<\/p>\n<p>Wei\u00dfe Arbeiter*innen k\u00f6nnen vom Rassismus profitieren und tun es auch. Nichtsdestotrotz liegt es in ihrem klaren Interesse, das kapitalistische System zu st\u00fcrzen, anstatt sich mit den Kr\u00fcmeln zu begn\u00fcgen, die ihnen vom Tisch der herrschenden Klasse zugeworfen werden. Diese Abf\u00e4lle werden von Jahr zu Jahr kleiner. Die miteinander verbundenen Drohungen mit Sparma\u00dfnahmen, Arbeitslosigkeit und Umweltkrisen setzen den Bestechungsgeldern, die die herrschende Klasse den wei\u00dfen Arbeiter*innen anbieten kann, harte Grenzen.<\/p>\n<p>Im Gegensatz zu dem, was viele Liberale sagen, ist Rassismus nicht angeboren. Er ist keine Erbs\u00fcnde. Stattdessen brauchen wir ein historisch-materialistisches Verst\u00e4ndnis von Rassismus als etwas, das am Punkt der Produktion entsteht. Die Produktionsweise, in der wir leben, ist der Kapitalismus: Alle Aspekte des Lebens sind in seine Logik eingetaucht. Das ist es, was Marx mit dem \u201egesellschaftlichen Sein\u201c meinte, welches das \u201egesellschaftliche Bewusstsein\u201c bestimmt. Da Rassismus ein notwendiges Produkt der Klassengesellschaft ist, reproduziert er sich \u00fcberall, von zu Hause \u00fcber die Schule bis zur Arbeit. Er wird benutzt, um Arbeiter*innen daran zu hindern, den Status quo in Frage zu stellen. Der Liberalismus, mit seiner Verleugnung der Realit\u00e4ten der Klassengesellschaft, verfehlt den Punkt (der Produktion); die Liberalen verst\u00e4rken die Klassenrealit\u00e4t, die Rassismus produziert, entweder unbeabsichtigt oder als willige Kompliz*innen der Bourgeoisie. Diejenigen, die sich \u00fcber Rassismus \u00e4u\u00dfern, k\u00f6nnen es sich nicht leisten, \u00fcber den Kapitalismus zu schweigen. Wie Malcolm X ergreifend feststellte, \u201ekann es keinen Rassismus ohne Kapitalismus geben\u201c.<\/p>\n<p>Als Marxist*innen verstehen wir, dass keine herrschende Klasse in der Geschichte jemals bereitwillig ihre Macht aufgegeben hat. \u201e<a href=\"https:\/\/www.marxists.org\/deutsch\/archiv\/trotzki\/1936\/verrev\/kap11.htm\"><strong>Kein Teufel hat jemals freiwillig seine Krallen beschnitten.<\/strong><\/a>\u201c Wir m\u00fcssen erkennen, dass diejenigen an der Spitze alles tun werden, um ihre Macht zu sch\u00fctzen, einschlie\u00dflich der v\u00f6lligen Missachtung des Lebens von Schwarzen und Braunen durch die Polizei.<\/p>\n<p><strong>Alle Polizist*innen sind b\u00fcrgerlich<\/strong><\/p>\n<p>Es gibt Agent*innen der herrschenden Klasse, deren Aufgabe der Schutz des Privateigentums und die Bewahrung des Kapitalismus und damit des Rassismus ist, darunter auch die Polizei. Bei der Bewahrung des gegenw\u00e4rtigen Zustandes h\u00e4lt die Polizei notwendigerweise die rassistischen Unterschiede aufrecht. Daher ist es keine \u00dcberraschung, dass es in den Vereinigten Staaten eine lange Geschichte der Polizeibrutalit\u00e4t gegen die Schwarze Gemeinschaft gibt.<\/p>\n<p>Polizeigewalt ist nicht neu, und um ihre Auswirkungen zu verstehen, muss man in die Vergangenheit blicken. Im 19. Jahrhundert nahm die Polizeibrutalit\u00e4t dramatisch zu. Dies war eine Reaktion auf die Bem\u00fchungen der \u201eRadikalen Republikaner\u201c und befreiter Schwarzer. Zu dieser Zeit in der US-amerikanischen Geschichte bedeutete Radikaler Republikanismus nat\u00fcrlich etwas ganz anderes als Donald Trump und Steve Bannon. Die Radikalen Republikaner, angef\u00fchrt von Thaddeus Stevens, waren eine Gruppe von Politiker*innen, die sich vor dem B\u00fcrger*innenkrieg zusammenfanden, um f\u00fcr ein Ende der Sklaverei zu k\u00e4mpfen und die demokratischen Rechte der befreiten Schwarzen zu st\u00e4rken. Nach dem B\u00fcrger*innenkrieg verf\u00fcgten die Radikalen Republikaner \u00fcber eine Mehrheit im Kongress und setzten sich vehement f\u00fcr Gleichberechtigung ein. Sie k\u00e4mpften f\u00fcr die Amtsenthebung von Pr\u00e4sident Andrew Johnson, scheiterten jedoch bei der Abstimmung im Senat, ihn im anschlie\u00dfenden Prozess zu verurteilen.<\/p>\n<p>1865 unterst\u00fctzte Pr\u00e4sident Johnson die neu verabschiedeten \u201eBlack Codes\u201c. Diese Gesetze regelten und kontrollierten das Verhalten der Schwarzen in hohem Ma\u00dfe, schr\u00e4nkten ihre Freiheiten ein und zwangen sie, f\u00fcr niedrige L\u00f6hne zu arbeiten. Nach diesen Gesetzb\u00fcchern hatten wei\u00dfe Bosse das Recht, Schwarze Arbeiter*innen k\u00f6rperlich zu schlagen und zu bestrafen, w\u00e4hrend es f\u00fcr Schwarze illegal war, Waffen zu tragen. 1872 schloss sich Pr\u00e4sident Johnson den rassistischen wei\u00dfen S\u00fcdstaatlern an und schloss das \u201eFreedmen\u2019s Bureau\u201c, eine Organisation, die den Schwarzen half, wirtschaftliche Ressourcen, Bildung und politische Freiheit zu erlangen. Mit diesen Ma\u00dfnahmen sorgte Johnson daf\u00fcr, dass das Wahlrecht der freigelassenen m\u00e4nnlichen Sklaven hinf\u00e4llig wurde. Die Polizei des S\u00fcdens setzte zusammen mit dem Ku-Klux-Klan Gewalt ein, um ehemalige Sklav*innen an der Aus\u00fcbung ihrer Rechte zu hindern. Ebenso weigerte sich Pr\u00e4sident Johnson, zum Schutz der Schwarzen und zur Durchsetzung des Gesetzes einzugreifen.<\/p>\n<p>In den 1870er Jahren legten die Demokratische Partei, rechtsgerichtete Republikaner zusammen mit rassistischen Polizeikr\u00e4ften und dem Ku-Klux-Klan, die Grundlagen f\u00fcr die Jim-Crow-Gesetze. Diese Gesetze institutionalisierten die rassistische Segregation und setzten Schwarze exzessiver Gewalt und Brutalit\u00e4t aus, darunter auch Lynchmorde. Dadurch wurden Schwarze ihrer grundlegendsten Menschenrechte beraubt. Polizeibrutalit\u00e4t ist heute lediglich eine Fortsetzung der rassistischen, gewaltt\u00e4tigen Politik, die seit Hunderten von Jahren besteht.<\/p>\n<p>Bis heute verl\u00e4sst sich die herrschende Klasse auf die Polizei, um den Status quo der Klassengesellschaft aufrechtzuerhalten und die Schwarzen und Braunen weiter zu entmenschlichen. Der Philosoph Jean-Paul Sartre fasste das Wesen der Polizei wie folgt zusammen: \u201ePolizisten werden niemals zum Schutz von Leben geschickt. Ihre Aufgabe ist es, Eigentum zu sch\u00fctzen und den Status quo zu verteidigen, daher sind sie ihrem Wesen nach gewaltt\u00e4tig\u201c.<\/p>\n<p>Diese Einsch\u00e4tzung ist unabh\u00e4ngig von den Einstellungen oder Absichten individueller Polizist*innen oder mit der Tatsache, dass einige Polizist*innen ethnischen Minderheiten angeh\u00f6ren. In den fr\u00fchen 1930er Jahren argumentierten deutsche Sozialdemokraten, dass die Polizei Teil der Arbeiter*innenklasse sei, weil Arbeiter*innen zur Polizei gingen.\u00a0<a href=\"https:\/\/www.marxists.org\/deutsch\/archiv\/trotzki\/1932\/wasnun\/kap01.htm\"><strong>Trotzki wies schnell auf das Gegenteil hin<\/strong><\/a>:<\/p>\n<p>Der Umstand, da\u00df die Polizisten in bedeutender Zahl unter sozialdemokratischen Arbeitern rekrutiert wurden, will ganz und gar nichts besagen. Auch hier wird das Denken vom Sein bestimmt. Die Arbeiter, die Polizisten im Dienst des kapitalistischen Staates geworden sind, sind b\u00fcrgerliche Polizisten und nicht Arbeiter.<\/p>\n<p><strong>Hin zur multiethnischen Einheit der Klasse<\/strong><\/p>\n<p>Nur unter dem Sozialismus werden die Schwarzen und Braunen \u2013 und alle Minderheiten \u2013 die vollst\u00e4ndige Befreiung erreichen. Eine sozialistische Gesellschaft w\u00fcrde von der gro\u00dfen Mehrheit der Menschen demokratisch gef\u00fchrt werden und nicht f\u00fcr den Profit und die Macht einiger weniger. Ohne die Existenz der Bourgeoisie w\u00fcrden Arbeiter*innen aller Ethnien kollektiv Industrien, Bauernh\u00f6fe und B\u00fcros betreiben. Anstatt die Arbeit auf die Maximierung des Profits auszurichten, w\u00fcrde die Arbeit auf den Wohlstand und das Wohlergehen aller ausgerichtet sein.<\/p>\n<p>Hunderte von Jahren Rassismus werden nicht sofort \u00fcber Nacht verschwinden, auch nicht nach einer sozialistischen Revolution. Marx sagte, dass die Arbeiter*innen in der ersten Phase der neuen Gesellschaft noch mit den \u201eMuttermalen der alten Gesellschaft\u201c behaftet sein werden. Das bezieht sich auf verinnerlichte Vorurteile, die vom Kapitalismus geerbt wurden. Die materiellen Bedingungen f\u00fcr Rassismus w\u00fcrden jedoch beseitigt werden. Wirtschaftliche Ungleichheit, Ungleichheiten in der Bildung, Mangel an Besch\u00e4ftigungsm\u00f6glichkeiten, Mangel an angemessener medizinischer Versorgung und schlechte Lebensbedingungen w\u00fcrden verringert und schlie\u00dflich beseitigt, wodurch die Grundlagen f\u00fcr Rassismus beseitigt w\u00fcrden.<\/p>\n<p>Erw\u00e4hnenswert ist, dass George Floyd urspr\u00fcnglich verhaftet wurde, weil er w\u00e4hrend einer Pandemie angeblich einen gef\u00e4lschten 20-Dollar-Schein zum Einkaufen von Lebensmitteln verwendet haben soll \u2013 und dann daf\u00fcr brutal hingerichtet wurde. Ohne die materiellen Bedingungen, die den Rassismus sch\u00fcren, w\u00fcrde ein solcher Akt der Ungerechtigkeit nicht geschehen.<\/p>\n<p>Niemand wird leugnen, dass Rassismus unter wei\u00dfen Arbeiter*innen im t\u00e4glichen Leben existiert. Makro- und Mikroaggressionen gegen Schwarze und Braune sind real, und sie m\u00fcssen bewusst bek\u00e4mpft werden. Wei\u00dfe Arbeiter*innen leiden unter dem, was Gramsci \u201egemischtes\u201c oder \u201ewiderspr\u00fcchliches Bewusstsein\u201c nannte: Dieses Bewusstsein enth\u00e4lt progressive und reaktion\u00e4re Elemente. Einerseits kann ein wei\u00dfer Arbeiter progressive Ideen wie den Schuldenerlass und eine bessere Gesundheitsversorgung unterst\u00fctzen. Andererseits kann ein und derselbe Arbeiter rassistische Einstellungen beherbergen und nach ihnen agieren, sich mit reaktion\u00e4ren Politikern wie Donald Trump identifizieren und Minderheiten f\u00fcr soziale Probleme zum S\u00fcndenbock machen. Gramsci begriff, dass man ein solch widerspr\u00fcchliches Bewusstsein nur durch Bildung und politischen Kampf \u00fcberwinden kann. Das beste Mittel f\u00fcr wei\u00dfe Arbeiter*innen, um ihr widerspr\u00fcchliches Bewusstsein und ihre Vorurteile zu \u00fcberwinden, besteht nicht nur darin, sich ihrer rassistischen Einstellungen und Handlungen bewusst zu sein, sondern auch darin, sich ihren nicht-wei\u00dfen Kolleg*innen im Klassenkampf anzuschlie\u00dfen.<\/p>\n<p>F\u00fcr uns Marxist*innen gibt es zwei Arten von Idealismus, die wir vermeiden m\u00fcssen: Die erste ist der Klassenreduktionismus. Dieser erkennt nicht die Art und Weise an, in der wei\u00dfe Arbeiter*innen materiell mehr Vorteile haben als andere. Er behandelt die Arbeiter*innenklasse als eine homogene Einheit ohne interne Unterschiede. Die zweite Art von Idealismus ist die der liberalen Identit\u00e4tspolitik. Sie begeht den entgegengesetzten Fehler, indem sie sich ausschlie\u00dflich auf rassistische Unterschiede konzentriert und Klasse vernachl\u00e4ssigt und vorgibt, dass erstere nicht (letztlich) durch letztere verursacht werden.<\/p>\n<p>Wenn liberale Identit\u00e4tspolitik richtig ist, dann liegt Marx falsch. Wenn Rassismus niemals durch die Anerkennung unserer gemeinsamen, materiellen Interessen \u00fcberwunden werden kann, dann gibt es keinen Grund f\u00fcr die Arbeiter*innen, sich jemals zu vereinigen. Pervers hierbei ist, dass dies die Logik eines unvermeidlichen \u201eRassenkrieges\u201c darstellt. Ironischerweise geraten die wei\u00dfen Liberalen durch ihren eigenen Pessimismus in eine reaktion\u00e4re Falle und verdinglichen den \u201eRassen\u201c-Antagonismus. Hier hat ihr Diskurs unheimliche \u00c4hnlichkeiten mit der\u00a0<em>alt-right<\/em>, die \u201eRasse\u201c als eine echte biologische oder metaphysische Kraft beschreiben. Entgegen sowohl liberalen als auch reaktion\u00e4ren Behauptungen kostet das rassische Privileg die wei\u00dfen Arbeiter*innen mehr, als es ihnen n\u00fctzt. Ausgebeutet zu werden und unter dem Felsen des Kapitalismus festzusitzen, kostet mehr ihr Leben und ihr Wohlergehen, als sich mit einem rassistischen Klassensystem zu identifizieren.<\/p>\n<p>Zwar werden nicht alle Arbeiter*innen in gleichem Ma\u00dfe unterdr\u00fcckt, aber die gesamte internationale Arbeiter*innenklasse hat das gleiche Verh\u00e4ltnis zu den Produktionsmitteln, unabh\u00e4ngig von ihrer Ethnie, ihrem Geschlecht, ihrer sexuellen Orientierung, ihrer Religion oder ihrer Sprache, die sie sprechen. Klasse ist die wirkliche materielle Grundlage der Einheit der Arbeiter*innenklasse, einschlie\u00dflich der multiethnischen Einheit. Ohne die multiethnische Einheit werden wir die Unterdr\u00fcckten nicht befreien.<\/p>\n<p>Was wir jetzt auf den Stra\u00dfen sehen, ist multiethnische Einheit im Kampf gegen Ungerechtigkeit. Das ist nur der Beginn einer neuen Phase des Klassenkampfes in den USA und dar\u00fcber hinaus. Lasst die herrschenden Klassen in Angst zusehen. Die Proletarier*innen aller Ethnien haben nichts zu verlieren au\u00dfer ihren Ketten. Sie haben eine Welt zu gewinnen.<\/p>\n<p><em>Dieser Artikel erschien zuerst auf Englisch bei\u00a0<\/em><a href=\"https:\/\/www.leftvoice.org\/capitalism-always-produces-racism\"><strong><em>Left Voice<\/em><\/strong><\/a><em>.<\/em><\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/kapitalismus-produziert-immer-rassismus\/\"><em>klassegegenklasse.org&#8230;<\/em><\/a><em> vom 11. Juni 2020<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine neue Welle antirassistischer Aktivist*innen protestiert auf den Stra\u00dfen und stellt sich gegen Polizeigewalt. Dies unterstreicht die Bedeutung theoretischer Perspektiven, die Rassismus als integralen Bestandteil des Kapitalismus verstehen. 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