{"id":8045,"date":"2020-06-11T09:21:30","date_gmt":"2020-06-11T07:21:30","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=8045"},"modified":"2020-06-11T09:21:31","modified_gmt":"2020-06-11T07:21:31","slug":"paris-der-tag-nach-covid-hat-begonnen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=8045","title":{"rendered":"Paris: Der Tag nach COVID hat begonnen"},"content":{"rendered":"<p><strong>Folgender Text ist in eine leicht bearbeite \u00dcbersetzung eines im Original auf Franz\u00f6sisch bei\u00a0<a href=\"https:\/\/acta.zone\/le-jour-dapres-a-commence\/\">ACTA<\/a>\u00a0erschienen Textes. ACTA ist eine autonome Pariser Online-Zeitung, die 2019 mit dem Ziel Br\u00fccken zwischen den unterschiedlichen Akteur*innen<!--more--> der letzten Kampfzyklen zu schlagen. Der folgende Bericht wurde am 3. Juni, sprich einem Tag nach der in Paris stattgefundenen Demonstration gegen Polizeigewalt, die mehr als 30.000 Menschen zusammenbrachte, ver\u00f6ffentlicht.<\/strong><\/p>\n<p>Der 2. Juni 2020 war einer jener Tage, die den Auftakt eines neuen politischen Abschnitts er\u00f6ffnen k\u00f6nnen. Erstens wegen der massiven Mobilisierung, die er erfahren hat, mit mindestens 30.000 anwesenden Demonstrant*innen. Zweitens aufgrund seiner Zusammensetzung, da es mehrheitlich Nicht-Wei\u00dfe Menschen waren, die sich am Dienstag die Pariser\u00a0<em>boulevards<\/em>\u00a0zu eigen gemacht haben, was die Hauptstadt seit den Unruhen f\u00fcr Gaza im Jahr 2014 nicht mehr erlebt hatte. Und drittens durch die Entschlossenheit, die an den Tag gelegt wurde und in einem extrem offensiven und konfrontativen Kampftag m\u00fcndete.<\/p>\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"897\" height=\"674\" src=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/brigades.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-8046\" srcset=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/brigades.png 897w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/brigades-300x225.png 300w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/brigades-768x577.png 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 897px) 100vw, 897px\" \/><\/figure>\n<p>Auf der anderen Seite erlebten der franz\u00f6sische Staat, das Innenministerium und die Pariser Polizeipr\u00e4fektur eine gro\u00dfe Dem\u00fctigung. Der Pariser Polizeipr\u00e4sident Didier Lallement ist seinem \u00fcblich provokanten Handeln treu geblieben und hatte nur wenige Stunden vor Beginn der Demonstration das Verbot der Versammlung angek\u00fcndigt. Au\u00dferdem beauftragte er seine Polizei, in das Haus von Assa Traor\u00e9, einer antirassistischen Aktivistin und Schwester des 2016 von Polizist*innen ermordeten Adama Traor\u00e9, einzubrechen, in einem sch\u00e4ndlichen und schlussendlich auch vergeblichen Versuch, die Bewegung einzusch\u00fcchtern, deren Ikone sie seit mehreren Jahren ist. Nichts Neues f\u00fcr einen erzkonservativen Politiker, der in der Pariser Polizei erst seit dem 19. Akt der Gelbwesten das Zepter schwingt und gerade wegen seinem eisernen Durchgreifen von Macron und Konsorten nach Paris verlegt wurde.<\/p>\n<p>Bereits um 17.00 Uhr platzierten sich um das Zivilgericht von Porte de Clichy unz\u00e4hlige dunkelblaue Polizeiwagen der Spezialeinsatzkr\u00e4fte, Wasserwerfer und mobile Einheiten, die seit der Bewegung der Gelbwesten mit ihren Schlagst\u00f6cken wedelnd durch die Stra\u00dfen rasen. Je n\u00e4her jedoch die Stunde der Kundgebung r\u00fcckte, desto mehr Menschen flossen von \u00fcberall her in Richtung des Platzes. Schlussendlich musste die Polizei die Kundgebung doch stattfinden lassen, da innerhalb k\u00fcrzester Zeit das gesamte Gebiet um der Porte de Clichy von einer extrem dichten Flut von Menschen eingenommen war. Die U-Bahn-Haltestelle \u201cPorte de Clichy\u201d liegt genau zwischen dem stark migrantisch gepr\u00e4gten\u00a0<em>d\u00e9partement<\/em>\u00a0Seine Saint-Denis und Paris und hatte lange die h\u00f6chste Anzahl an Coronavirus-Infektionen in ganz Frankreich<\/p>\n<p>Viele Jugendliche aus den Pariser\u00a0<em>banlieus\u00a0<\/em>f\u00fcllten den Platz. Letztere sind zweifelsohne keine Stammg\u00e4ste der sozialen Bewegungen der letzten Jahre, obwohl deren Teilnahme stetig gewachsen ist. Die endlose Verbissenheit der franz\u00f6sischen Justiz gegen die Familie Traor\u00e9, die seit dem rassistischen Polizeimord an Adama Traor\u00e9 gegen die Straflosigkeit des M\u00f6rders von Adama k\u00e4mpfen, sowie das starke Echo des anhaltenden Aufstands in den USA haben zum Ausbruch dieser Woche beigetragen. Der Hashtag #BlackLivesMatter war allgegenw\u00e4rtig, genauso wie die Slogans #JusticeForAdama und #JusticeForGeorgeFloyd. Partei- und Gewerkschaftsflaggen, die es in den letzten vier Jahren immer schwieriger hatten, ihren Weg zu den Demonstrationen zu finden, waren weit und breit nicht zu sehen.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend die Versammlung von Stunde zu Stunde gr\u00f6\u00dfer wurde, erschienen die Ergebnisse der neusten unabh\u00e4ngigen Gutachten \u00fcber die Todesursache von Adama Traor\u00e9. Der Bericht best\u00e4tigt, was das \u201cKommitee f\u00fcr Wahrheit und Gerechtigkeit f\u00fcr Adama\u201d seit Jahren sagt und zwar, dass der kleine Bruder von Assa Traor\u00e9 durch \u201cErstickung\u201d gestorben ist. Zwei erstellte Gutachten des Gerichts hatten diese These zuvor angefochten und beide Male sind die verantwortlichen Polizisten unbestraft davongekommen. Die Parallelen zum Mord von George Floyd liegen offen auf der Hand: beide erstickten unter dem Gewicht von drei Polizist*innen und in beiden F\u00e4llen haben die offiziellen Gutachten Atemprobleme der Opfer als Todesursache festgehalten.<\/p>\n<p>Diese Verbrechen sind sich so schrecklich \u00e4hnlich, weil sie Teil einer gemeinsamen Geschichte sind. Und zwar jener des Rassismus, einer der Eckpfeiler der westlichen Gesellschaften . Diese Mordgeschichte ist jedoch zugleich eine Geschichte des Aufstands. Die wiederholt von der Menschenmasse skandierten Parolen\u00a0<em>\u201ctout le monde d\u00e9teste la police\u201d\u00a0(Die ganze Welt hasst die Polizei, Anm. d. Red.)<\/em>\u00a0und\u00a0<em>\u201cRevolution! Revolution!\u201d\u00a0<\/em>(letztere ist ebenfalls ein Erbe der Gelbwesten) zeugen f\u00fcr die Entschlossenheit, ein neues Kapitel in dieser Geschichte zu schreiben.<\/p>\n<p>Jene Teile der Gewerkschaften, die sich seit Jahren in antirassistischen B\u00fcndnissen organisieren, waren ebenfalls anwesend. Insbesondere die Teilnahme von Arbeiter*innen des Krankenhauspersonals des \u201eHopital Robert Debr\u00e9\u201c zeigt die bereits reifen und starken Verbindungen, die f\u00fcr die bevorstehenden K\u00e4mpfe in unsicheren Zeiten ausschlaggebend sein werden.<\/p>\n<p>Nach den Redebeitr\u00e4gen waren die Entschlossenheit und der Unmut aller Anwesenden immer sp\u00fcrbarer und es kam sehr schnell zu Auseinandersetzungen mit der Polizei und gezielten Angriffen gegen Superm\u00e4rkte und Polizeiwachen. Wie w\u00e4hrend der sch\u00f6nsten Kampftage der letzten vier Jahre war die Stimmung aufbrausend und der festliche Zorn der\u00a0<em>banlieus\u00a0<\/em>brachte Paris zum Knistern. Nach den unendlich tristen Wochen der Quarant\u00e4ne floss eine kollektive Kraft wieder durch die Stra\u00dfen, und zwar die der migrantischen Arbeiter*innenviertel des Pariser Nordens.<\/p>\n<p>Wenige Tage nach einer konfrontativen Demonstration f\u00fcr das Bleiberecht von illegalisierten Migrant*innen am 30. Mai und eine Woche nach der Kundgebung f\u00fcr Gabriel, einem 14-j\u00e4hrigen Teenager, welcher in Bondy von Polizisten zusammengeschlagen wurde, ist die rassistische Staatsgewalt zum Dreh- und Angelpunkt im Wiederaufflammen der sozialen Auseinandersetzung geworden. Dieser politischer Knotenpunkt ist vor dem Hintergrund auseinanderklaffender Klassenverh\u00e4ltnisse durch die Folgen der Coronakrise umso wichtiger. Die Krise trifft nicht alle gleich und die Pariser Arbeiter*innenkinder haben Hunger.<\/p>\n<p>Die Sto\u00dfwelle ist global. Es liegt an uns, aus dem letzten Dienstag den Ausgangspunkt f\u00fcr eine neue Phase der Selbstorganisierung zu machen, um unsere politischen B\u00fcndnisse weiter zu festigen und ein Lager revolution\u00e4rer Kr\u00e4fte aufzubauen. Die f\u00fcr den 16. Juni vorhergesehene Demonstration der Pflegekr\u00e4fte bietet hierf\u00fcr eine wertvolle Gelegenheit.<\/p>\n<p>Von Minneapolis bis nach Paris, Make Racists Afraid Again !<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/lowerclassmag.com\/2020\/06\/08\/paris-der-tag-nach-covid-hat-begonnen\/\"><em>lowerclassmag.com&#8230;<\/em><\/a><em> vom 11. Juni 2020<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Folgender Text ist in eine leicht bearbeite \u00dcbersetzung eines im Original auf Franz\u00f6sisch bei\u00a0ACTA\u00a0erschienen Textes. 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