{"id":8062,"date":"2020-06-14T18:27:40","date_gmt":"2020-06-14T16:27:40","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=8062"},"modified":"2020-06-14T18:29:28","modified_gmt":"2020-06-14T16:29:28","slug":"brasilianische-neofaschisten-zelte-fackeln-waffen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=8062","title":{"rendered":"Brasilianische Neofaschisten: Zelte, Fackeln, Waffen"},"content":{"rendered":"<p><em>Andrea Dip und Niklas Franzen. <\/em><strong>Militante Fans von Brasiliens Pr\u00e4sident stilisieren sich zu einsamen K\u00e4mpfern gegen das \u00bbEstablishment\u00ab.<\/strong><\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>\u00bbHallo, wir sind die 300 aus Brasilien &#8211; das weltweit gr\u00f6\u00dfte Camp gegen Korruption und die Linke\u00ab, sagt Sara Fernanda Giromini zu Beginn des einmin\u00fctigen Clips. Wer bereit sei, \u00bbBlut, Schwei\u00df und Schlaf\u00ab f\u00fcr Brasilien zu opfern, k\u00f6nne sich der Gruppe anschlie\u00dfen. Das mit dramatischer Musik unterlegte Video wurde am 23. April hochgeladen und seitdem \u00fcber 50 000 Mal geklickt.<\/p>\n<p>Giromini, besser bekannt als Sara Winter, ist eine der widerspr\u00fcchlichsten Figuren der brasilianischen Rechten. Seit Anfang Mai f\u00fchrt die 27-J\u00e4hrige die Gruppe \u00bb300 aus Brasilien\u00ab an. Diese hatte vor etwa einem Monat im Regierungsviertel der Hauptstadt Bras\u00edlia ein Camp aufgeschlagen. Ihre Anh\u00e4nger*innen sind radikale Unterst\u00fctzer*innen von Pr\u00e4sident Jair Bolsonaro. F\u00fcr die einen ist die Gruppe so etwas wie eine konservative soziale Bewegung. F\u00fcr die anderen eine paramilit\u00e4rische faschistische Miliz.<\/p>\n<figure class=\"wp-block-image size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/sara.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-8063\" width=\"538\" height=\"615\" srcset=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/sara.jpg 320w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/sara-262x300.jpg 262w\" sizes=\"auto, (max-width: 538px) 100vw, 538px\" \/><figcaption>F\u00fchrender Kopf der rechtsradikalen \u00bb300 aus Brasilien\u00ab: Die 27-j\u00e4hrige Ex-Feministin Sara Fernanda Giromini alias Sara Winter. Foto: Twitter\/Sara Winter<\/figcaption><\/figure>\n<p><a href=\"https:\/\/www.neues-deutschland.de\/artikel\/1137526.brasilien-kommunist-in-uniform.html\">Am Samstag hat die Polizei das Camp aufgel\u00f6st.<\/a> Ein Polizist setzte Pfefferspray gegen Gruppenmitglieder ein, die sich noch auf der Esplanade zwischen den Ministerien aufhielten. Winter forderte auf Twitter eine Reaktion <a href=\"https:\/\/www.neues-deutschland.de\/artikel\/1137145.brasilien-kraftausdruecke-statt-krisenmanagement.html\">Bolsonaros<\/a>. Unter Winters F\u00fchrung durchbrachen rund 20 Personen am Samstagnachmittag die Absperrung um den Kongress und wollten diesen st\u00fcrmen. Sie wurden von Sicherheitskr\u00e4ften gestoppt.<\/p>\n<p>Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen die Gruppe und stuft sie als bewaffnete Miliz ein. Tats\u00e4chlich marschierten Mitglieder im Stil des Ku-Klux-Klan mit Fackeln durch Bras\u00edlia. Im Netz drohten sie politischen Gegnern offen mit Gewalt. Und Gr\u00fcnderin Winter gab in einem Interview mit der BBC zu, dass Bewaffnete Teil der Gruppe seien. \u00bbZum Schutz der Mitglieder\u00ab, wie sie betonte.<\/p>\n<p>Name und \u00c4sthetik der Gruppe, die sich als \u00bbRetter der Nation\u00ab bezeichnet, sind an den Hollywood-Film \u00bb300\u00ab angelehnt. Der Blockbuster von Regisseur Zack Snyder kam 2006 in die Kinos und beruht auf Graphic Novels von Frank Miller und Lynn Varley, in denen es um die antike Schlacht bei den Thermopylen 480 vor Christus geht. 300 Spartaner, angef\u00fchrt von K\u00f6nig Leonidas, stellten sich damals den \u00dcberlieferungen zufolge einem Heer von 30 000 persischen Soldaten entgegen, die Sparta erobern wollten. Der Film wurde in Europa wegen Gewaltverherrlichung und einer \u00bbRiefenstahl-\u00c4sthetik\u00ab heftig kritisiert.<\/p>\n<p>\u00bbWir haben diesen Film wegen des Kampfgeistes ausgew\u00e4hlt\u00ab, sagte Desire Queiroz dem \u00bbnd\u00ab. Queiroz ist wie Winter Mitgr\u00fcnderin der \u00bb300 aus Brasilien\u00ab und radikale Abtreibungsgegnerin. \u00bbDer Film zeigt, dass eine kleine Gruppe gegen eine \u00dcbermacht erfolgreich sein kann.\u00ab Das passt in das Narrativ der Bolsonaro-Unterst\u00fctzer*innen. Sie wittern eine Verschw\u00f6rung der Justiz, des Kongresses und der Medien gegen \u00bbihren Pr\u00e4sidenten\u00ab, den sie zum einsamen K\u00e4mpfer gegen ein korruptes Establishment stilisieren.<\/p>\n<p>In Europa beziehen sich extrem rechte Gruppen schon l\u00e4nger auf den Film \u00bb300\u00ab. Die Schlacht bei den Thermopylen erheben sie zum Symbol f\u00fcr den derzeitigen Kampf der \u00bbwahren Europ\u00e4er\u00ab gegen Gefl\u00fcchtete. Im Film schickt K\u00f6nig Leonidas seine Armee in den Tod, um die Nation vor der Invasion zu retten. \u00bbDieser Aufopferungsdiskurs und der gewaltsame Widerstand gegen vermeintliche Eindringlinge findet sich in der Propaganda der Identit\u00e4ren Bewegung wieder\u00ab, sagt die deutsche Journalistin Carina Book. Die rassistische Bewegung spielt in ihrem Logo, einem Lambda in einem Kreis, auf Spartas Soldaten an, deren Schilde der elfte Buchstabe des griechischen Alphabets geziert haben soll. Bei einem Karnevalsumzug verkleideten sich Identit\u00e4re 2017 als Spartaner, in Reden beziehen sich Mitglieder der Bewegung h\u00e4ufig auf \u00bbdie 300\u00ab. Auch das rigide Erziehungssystem Spartas, die Agoge, findet regelm\u00e4\u00dfig Erw\u00e4hnung in Publikationen der Identit\u00e4ren.<\/p>\n<p>Auch allgemein beziehen sich alte und neue Nazis in Europa gern auf das antike Griechenland. In Neonazi-Onlineshops kann man T-Shirts mit Spartaner-Aufdruck bestellen, Hermann G\u00f6ring verglich im Januar 1943 den Kampf um Stalingrad mit der Schlacht bei den Thermopylen. Der Kampf- und Aufopferungsdiskurs ist auch bei den \u00bb300 aus Brasilien\u00ab wiederzufinden. Auf Twitter schreibt die Gruppe: \u00bbDer Soldat zieht in den Krieg. Wer Angst hat zu sterben, ist ein Feigling.\u00ab<\/p>\n<p>Queiroz streitet zwar ab, dass europ\u00e4ische Gruppen die Gr\u00fcndung der \u00bb300 aus Brasilien\u00ab beeinflussten. Doch neben der Sparta-Referenz gibt es weitere Parallelen zu europ\u00e4ischen Rechtsradikalen. Identit\u00e4ren-Expertin Carina Book sagt, das Mobilisierungsvideo der \u00bb300 aus Brasilien\u00ab \u00e4hnele mit seinem Aufrufcharakter, den Nahaufnahmen und der dramatischen Musik den Propagandaclips der Identit\u00e4ren. Wie sie haben die Brasilianer*innen den Schlachtruf \u00bbAhu\u00ab aus dem Film f\u00fcr ihre Aktionen \u00fcbernommen. Au\u00dferdem ruft die Gruppe zu \u00bbzivilem Ungehorsam\u00ab und sogar zur \u00bbRevolution\u00ab auf. Diese Rhetorik ist untypisch f\u00fcr die brasilianische Rechte, ebenso wie Protestcamps, Agitprop-Aktionen und die Inszenierung in sozialen Netzwerken. Dies erinnert vielmehr an die \u00bbmetapolitischen\u00ab Aktionen der Neuen Rechten in Europa.<\/p>\n<p>Insbesondere der paramilit\u00e4rische Charakter der \u00bb300 do Brasil\u00ab bereitet vielen Beobachter*innen Sorgen. Die Aktivist*innen bezeichnen sich als \u00bbSoldaten\u00ab, es wird in milit\u00e4rischer Formation aufmarschiert. Im gerade aufgel\u00f6sten Camp wurde strenge Disziplin eingefordert. In einem Video stellt Winter klar, das Camp sei \u00bbkeine Ferienkolonie\u00ab. Wer die F\u00fc\u00dfe hochlegen und Selfies machen wolle, solle gar nicht erst anreisen. Es herrschte Foto-und Videoverbot, eine \u00bbangemessene Kleidung f\u00fcr den Kampf\u00ab wurde vorausgesetzt. K\u00f6rperliches Training und Vortr\u00e4ge \u00fcber die Situation in Brasilien seien Teil der Ausbildung, hei\u00dft es im Video. An die Abstandregeln wegen der Coronapandemie halten sich die Mitglieder nicht &#8211; wie ihr Vorbild Bolsonaro. \u00dcber einen Spendenaufruf im Internet hat die Gruppe Geld gesammelt. Den \u00bb300\u00ab werden Verbindungen zu hochrangigen Politiker*innen wie der Bundesabgeordneten und Bolsonaro-Verb\u00fcndeten Bia Kicis nachgesagt.<\/p>\n<p>Informationen werden in einer Telegram-Gruppe ausgetauscht. Dort hei\u00dft es unter anderem: \u00bbWerde Teil der Armee, die die Linke und Korruption vernichtet.\u00ab Mitgr\u00fcnderin Queiroz verteidigt die Wortwahl. \u00bbDiese Aussagen sind von der Meinungsfreiheit gedeckt. Wir wollen die Linke mit Argumenten vernichten.\u00ab Sie behauptet, alle Aktionen der Gruppe seien gewaltfrei und verteidigten die Demokratie.<\/p>\n<p>Die linke Journalistin Sabrina Fernandes sieht das anders. Es bestehe die Gefahr, \u00bbdass es diese Gruppe schafft, die W\u00e4hlerbasis des Pr\u00e4sidenten weiter zu radikalisieren\u00ab, sagt sie. \u00bbDas wird zu einer Versch\u00e4rfung der Konflikte und der praktischen Umsetzung einer faschistischen Ideologie f\u00fchren.\u00ab Unterst\u00fctzer*innen Bolsonaros schreckten generell nicht vor Gewalt zur\u00fcck, so Fernandes: \u00bbZwei Fans des Pr\u00e4sidenten attackierten Anfang Mai Krankenpfleger*innen, die in der Hauptstadt protestiert hatten. Mitte Mai wurde ein Fotograf w\u00e4hrend der Arbeit von einem Mob verpr\u00fcgelt. Nach Angriffen und Anfeindungen auf Reporter*innen erkl\u00e4rten drei der gr\u00f6\u00dften Medienh\u00e4user sogar, ihre Berichterstattung vor dem Pr\u00e4sidentenpalast vor\u00fcbergehend einzustellen.\u00ab Die Journalistin geht davon aus, dass gewaltt\u00e4tige Bolsonaro-Anh\u00e4nger*innen, nicht nur von der Hetze des Pr\u00e4sidenten, sondern auch durch Radikale wie die \u00bb300 do Brasil\u00ab angestachelt wurden.<\/p>\n<p>300-F\u00fchrungsfigur Winter, die auf Interviewanfragen nicht reagierte, hat viele Verbindungen zu extrem rechter Ideologie &#8211; auch wenn sie dies \u00f6ffentlich abstreitet. Es wird vermutet, dass der Name Sara Winter eine Anlehnung an die britische High-Society-Dame Sarah Winter ist, die in den 1930er Jahren Mitglied der faschistischen Partei British Union of Fascists und Spionin der Nazis war. Winter behauptet, der Name sei von einer S\u00e4ngerin inspiriert.<\/p>\n<p>In sozialen Medien hatte Winter in der Vergangenheit mehrfach ihre Bewunderung f\u00fcr den brasilianischen Faschisten Pl\u00ednio Salgado bekundet, war auf Fotos bei Neonazikonzerten zu sehen und soll ehemaligen Mitstreiter*innen von ihrer Verehrung f\u00fcr Adolf Hitler berichtet haben. Auf der Brust hatte Winter lange ein Eisernes Kreuz t\u00e4towiert, lie\u00df es sich jedoch \u00fcberstechen. Ein Foto auf dem Instagram-Profil der \u00bb300\u00ab zeigte Winter zuletzt mit Totenkopfmaske. Es ist die gleiche, die auch von Mitgliedern der neofaschistischen Terrororganisation \u00bbAtomwaffen Division\u00ab und wei\u00dfen Rassisten in den USA getragen wird. \u00bbDie Totenkopfmaske ist zu einem universellen Anerkennungszeichen von Faschisten geworden\u00ab, schreibt der britische Journalist Jake Hanrahan auf Twitter.<\/p>\n<p>Winter wurde in ihrer Jugend Opfer famili\u00e4rer Gewalt, war drogenabh\u00e4ngig und arbeitete als Sexarbeiterin. Zu Beginn ihrer politischen Karriere war sie in feministischen Kreisen aktiv. Im Jahr 2012 reiste die 27-J\u00e4hrige f\u00fcr ein \u00bbTraining\u00ab in die Ukraine und gr\u00fcndete danach in Brasilien einen Ableger der feministischen Gruppe Femen. Winter sprengte mit freiem Oberk\u00f6rper Veranstaltungen, war Gast in Fernsehshows und entwickelte sich schnell zum Gesicht der Bewegung. 2014 organisierte sie einen Protest gegen den damaligen Abgeordneten Bolsonaro mit. In sozialen Medien zirkuliert ein Foto, auf dem Winter und eine Mitstreiterin zu sehen sind, wie sie eine Bolsonaro-Puppe kastrieren.<\/p>\n<p>Doch Sara Fernanda Giromini alias Sara Winter \u00fcberwarf sich bald mit Femen. Nach einer Abtreibung nannte sie sich \u00bbEx-Feministin\u00ab, und ab 2015 trat sie als radikale Christin und Abtreibungsgegnerin in Erscheinung. Ein Jahr sp\u00e4ter war sie an der Seite Bolsonaros in einem Video zu sehen, in dem sie erkl\u00e4rte, endg\u00fcltig vom Feminismus \u00bbgeheilt\u00ab zu sein.<\/p>\n<p>Bei der Wahl 2018 lie\u00df sich Winter f\u00fcr eine Mitte-rechts-Partei aufstellen, holte aber nicht genug Stimmen, um in den Kongress einzuziehen. Doch sie sollte dennoch einen Posten in der Hauptstadt Bras\u00edlia ergattern. Von der Ministerin f\u00fcr Menschenrechte, der evangelikalen Pastorin Damares Alves, wurde sie in das Frauensekretariat berufen. Doch auch dort blieb sie nicht lange.<\/p>\n<p>Nun macht Winter als rechte Aktivistin und treue Unterst\u00fctzerin von Bolsonaro von sich reden. Bereits Anfang Juni hatten bei ihr und weiteren prominenten Verb\u00fcndeten des Pr\u00e4sidenten Razzien statt. Der Vorwurf: Eine Gruppe \u00bbKabinett des Hasses\u00ab soll systematisch Fake News und Hetze gegen die demokratischen Institutionen verbreiten &#8211; angef\u00fchrt von Bolsonaros Sohn Carlos. Nach der Razzia ver\u00f6ffentlichte Winter ein Video, in dem sie den Richter des Obersten Gerichtshofes, der die Razzia angeordnet hatte, offen bedrohte: \u00bbDu wirst keinen Frieden mehr finden. Wir werden dein Leben zur H\u00f6lle machen.\u00ab<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/www.neues-deutschland.de\/artikel\/1137857.brasilien-zelte-fackeln-waffen.html\"><em>neues-deutschland.de&#8230;<\/em><\/a><em> vom 14. Juni 2020<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Andrea Dip und Niklas Franzen. 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