{"id":8099,"date":"2020-06-19T15:05:48","date_gmt":"2020-06-19T13:05:48","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=8099"},"modified":"2020-06-19T15:05:49","modified_gmt":"2020-06-19T13:05:49","slug":"66-tage-die-usa-zwischen-lockdown-und-riots","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=8099","title":{"rendered":"66 Tage \u2013 Die USA zwischen Lockdown und Riots"},"content":{"rendered":"<p><em>Joshua Clover <\/em><strong>schreibt \u00fcber die Proteste und Riots, die in den USA nach der Ermordung von George Floyd in Minneapolis ausgebrochen sind. Und er stellt sie in den Kontext einer Zeit der wirtschaftlichen und sozialen Krise.<\/strong><!--more--><\/p>\n<p>66 Tage dauerte es von der ersten Anweisung, zu Hause zu bleiben, bis zum ersten Riot. Neben der Emp\u00f6rung \u00fcber die Ermordung von George Floyd l\u00e4sst sich auch eine gewisse Hoffnung darin erkennen, dass die Menschen weiterhin gegen die Ordnung einer Welt k\u00e4mpfen k\u00f6nnen, die f\u00fcr sie immer eine Quelle der Gewalt ist, dass sie f\u00fcr das eigene Wohlergehen k\u00e4mpfen k\u00f6nnen, dass sie gemeinsam auf der Strasse k\u00e4mpfen k\u00f6nnen. 66 Tage lange qu\u00e4lte alle, die ich kenne, zweifellos der Gedanke, diese M\u00f6glichkeit k\u00f6nnte verblasst sein. Das ist sie nicht.<\/p>\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"600\" height=\"400\" src=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/Flickr-Matthew-Roth-Portland-600x400-1.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-8100\" srcset=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/Flickr-Matthew-Roth-Portland-600x400-1.jpg 600w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/Flickr-Matthew-Roth-Portland-600x400-1-300x200.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 600px) 100vw, 600px\" \/><\/figure>\n<p>Die Ereignisse sind immer noch im Gange und ich m\u00f6chte keine vorschnellen Schl\u00fcsse ziehen. Das Wissen darum, dass alle Theorie aus K\u00e4mpfen entspringt, mahnt zur Bescheidenheit: Theorie geht K\u00e4mpfen nicht voraus und erst Recht beansprucht sie nicht, sie zu lenken. F\u00fcr diejenigen von uns, die nicht auf der Strasse sein k\u00f6nnen, ist es wichtig, das unertr\u00e4glich Vertraute wahrzunehmen: den Mord von Polizisten an einem Schwarzen; die L\u00fcge, die Polizei habe in Notwehr gehandelt; die Enth\u00fcllung, dass diese plumpeste aller L\u00fcgen einen Lynchmord verdecken soll. Die Vertrautheit des Geschehens mindert in keiner Weise seine Drastik. Die aussergesetzliche T\u00f6tung von schwarzen Menschen ist von zentraler Bedeutung f\u00fcr die gesellschaftliche Ordnung der Vereinigten Staaten, zentral nicht nur f\u00fcr die Aufrechterhaltung der Macht, sondern auch f\u00fcr ihr Selbstverst\u00e4ndnis. Die Legitimit\u00e4t und Notwendigkeit der schwarzen Wut ergibt sich zum Teil aus dem Versuch, diese Ordnung zu \u00fcberleben und ihr eine andere Ordnung entgegenzustellen. Entgegen allem aufgeregten Gebl\u00f6ke von Journalist*innen und Politiker*innen \u00fcber das Chaos auf den Strassen besteht eine Unordnung nur im w\u00f6rtlichsten Sinne: als Versuch, die auf rassistischer Gewalt beruhende Ordnung zu \u00fcberwinden.<\/p>\n<p>Diese Darstellung von Unordnung steht im \u00dcbrigen in einer langen, in der Linken leider genauso wie auf der Rechten vorhandenen Tradition des Befindens dar\u00fcber, was als Politik z\u00e4hlt. Gruppierungen mit klaren Hierarchien und Abstimmungsprozeduren und Finanzierungsquellen, mit Organigrammen und einem B\u00fcro irgendwo: Das ist ohne Frage Politik. Riots hingegen nicht, sie gelten als un\u00fcberlegte und unkontrollierte Reaktionen auf das unmittelbare Leiden einer Community. Dies geht einher mit der b\u00f6sartigen Vorstellung des externen Unruhestifters, die verspricht, alle \u00fcber schlichte Kommunikation hinausgehenden Aspekte von Protest auf das heimliche Wirken von Verschw\u00f6rer*innen aus einem mysteri\u00f6sen Anderswo zur\u00fcckzuf\u00fchren; von Verschw\u00f6rer*innen, die zur Durchsetzung eigener politischer Ziele das Chaos und die legitime Trauer und Wut ausnutzen, wobei sie solchen Gef\u00fchlen angeblich gleichg\u00fcltig gegen\u00fcberstehen.\u00a0<a href=\"https:\/\/lareviewofbooks.org\/article\/history-and-the-sphinx-of-riots-and-uprisings\/\">Alle diese Phantasien haben die gleiche Funktion: Schwarze aus dem Politischen auszuschliessen und sich zu weigern, den Riot als eine der grundlegendsten und \u00e4ltesten Formen kollektiven Handelns anzuerkennen.<\/a>\u00a0W\u00e4hrend der Staat immer mehr Gewalt einsetzt, zeichnen die Nachrichtensender und der Stab der Gouverneur*innen mit ihrem entsetzten Geplapper ein Bild, das alles auf den Kopf stellt: Gef\u00fchle sind die einzig legitime Politik, Handeln ist irgendwie etwas anderes.<\/p>\n<p>Diese Taktiken der Demobilisierung sind auf entmutigende Weise nur zu bekannt. Gleichzeitig schimmert etwas Neues auf, das wie immer aus den Tr\u00fcmmern des Alten aufgebaut wird. Die Reaktion auf das Corona-Virus liess zwar den Ausbau eines ohnehin schon hochger\u00fcsteten \u00dcberwachungsstaates erwarten, doch die Ausserkraftsetzung jedes Vermummungsverbots (das Trump und Konsorten w\u00e4hrend der grossen\u00a0<a href=\"https:\/\/lowerclassmag.com\/2019\/03\/04\/antifaschismus-in-den-usa-teil-1-autonome-antifa-in-den-usa\/\">Antifa<\/a>-Krise von 2017 noch versch\u00e4rfen wollten) scheint nun zumindest gr\u00f6ssere Spielr\u00e4ume f\u00fcr \u00f6ffentlich ausgetragenen Antagonismus zu bieten. Sicherlich ist die Erinnerung daran, dass der \u00dcberwachungsstaat noch nicht alle Grenzen \u00fcberwunden hat und sein Wunsch nach totaler Erfassung angefochten werden kann, f\u00fcr viele eine st\u00e4rkende Erfahrung gewesen. Da Masken nun zur neuen Normalit\u00e4t in den USA geh\u00f6ren, wie es anderswo schon seit geraumer Zeit der Fall ist, wird sich das Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnis f\u00fcr eine Weile verschieben.<\/p>\n<p>Zu den bizarrsten Merkmalen des Zeitraums von 66 Tagen geh\u00f6rte etwas, das man als Antistreik bezeichnen k\u00f6nnte: die nachdr\u00fcckliche kollektive Forderung nach einer Wiederaufnahme der Arbeit, egal zu welchen L\u00f6hnen und Bedingungen. In vieler Hinsicht handelte es sich dabei um eine PR-Kampagne, bei der sich nicht die angebliche Arbeiter*in Ausdruck verschaffte, sondern die Unternehmer*in, die die Geldmaschine wieder zum Brummen bringen wollte. Insofern waren solche Pantomimen eine L\u00fcge, die aber die Wahrheit ans Licht gebracht hat, dass der Kapitalismus ausserstande ist, eine Antwort auf die aktuelle Situation zu finden: Was tun, wenn L\u00f6hne das \u00dcberleben sichern, aber eben diese Funktion der Arbeit, das Proletariat am Leben zu halten, damit es noch mehr arbeiten kann, pl\u00f6tzlich widerspr\u00fcchlich wird, weil die Arbeit in Wirklichkeit so viele Proletarier*innen t\u00f6ten k\u00f6nnte, dass der Kapitalismus nicht mehr funktioniert? Es w\u00e4re eine Genugtuung gewesen, zuzusehen, wie sich die offiziellen und unbezahlten Sprecher*innen des Kapitals in dieser Falle winden, w\u00e4ren die Umst\u00e4nde nicht f\u00fcr Menschen, die wir kennen und lieben, so schrecklich und t\u00f6dlich gewesen. Die Regierung, deren Rolle als Dienerin des Kapitals noch nie so deutlich war, begann zu kalkulieren, wie genau sie die Parameter f\u00fcr Arbeit und Konsum einzustellen hat, um das \u00dcberleben der Wirtschaft zu sichern, wie viele Menschenleben es auch kosten mag. Diese Flickschusterei machte sich der riesige Staatsapparat zu seiner einzigen Aufgabe, bis er gezwungen wurde, den Blick nach Minnesota und dann pl\u00f6tzlich auf zahllose andere Orte zu richten.<\/p>\n<p>Das ganze Szenario hatte ferner den Effekt, dass es das Privateigentum in ein sehr seltsames Licht r\u00fcckte. Die Offenbarung vom ersten April, dass man einfach\u2026 die Mietzahlung einstellen kann, war sicherlich ein wichtiger Riss im ideologischen Schleier; der historisch einmalige Absturz auf eine Erwerbsquote von kaum 50 Prozent zerriss den Schleier weiter. Hinzu kam die Erfahrung mit Waren, den naturalisiertesten Dingen. Wenn Leute auf einmal anfangen, ihre Eink\u00e4ufe mit chemischen Reinigungst\u00fcchern abzuwischen, dann ist das befremdlich. Wenn der gesamte Sektor, der das Geld der Bev\u00f6lkerung in Waren verwandelt, als genauso unverzichtbar anerkannt wird wie das medizinische Personal und zugleich offensichtlich ist, dass die dort Besch\u00e4ftigten f\u00fcr diese Verwandlung ihr Leben riskieren m\u00fcssen, dann ist das ebenfalls befremdlich. Wenn die Regierung offen zugibt, dass sie entgegen ihren obersten Neigungen und Gepflogenheiten Menschen Geld daf\u00fcr gibt, einkaufen zu gehen und so die Wirtschaft zu retten, dann ist das verdammt befremdlich.<\/p>\n<p>Man muss sich fragen, ob die Dynamik von Pl\u00fcnderungen dadurch nicht eine gewisse Ver\u00e4nderung erf\u00e4hrt. Die \u00fcblichen Reaktion\u00e4r*innen werden die \u00fcblichen Dinge sagen, aber wir befinden uns in einer eigent\u00fcmlichen Situation: Die Frage, wie die Grundg\u00fcter aus den H\u00e4nden der Kapitalist*innen in die H\u00e4user der Proletarier*innen gelangen, wurde noch nie so betont, in den G\u00fcterbergen, die sich andernorts auft\u00fcrmen, wurde noch nie so offensichtlich ein Horten von notwendigem gesellschaftlichem Reichtum erkannt \u2013 das ist vielleicht etwas Neues. Dass sich Pl\u00fcnderungen aus verelendeten Vierteln in die Glitzerwelt von Melrose und SoHo verlagert haben, hat zweifellos eben jenen Kommentator*innen Angst eingejagt, die eine solche Verlagerung doch seit langem fordern, indem sie gegen die \u00abZerst\u00f6rung der eigenen Community\u00bb wettern (als ob eine Gemeinschaft jemals aus Waren bestehen k\u00f6nnte). Gefangen in ihrer Verlogenheit, k\u00f6nnen sie sich jetzt nur noch die moralische Autorit\u00e4t anmassen, die Aneignung von allem zu verurteilen, was Wert hat, selbst wenn der offensichtliche Zweck im Wiederverkauf besteht, um an Geld f\u00fcr das eigene \u00dcberleben zu gelangen \u2013 in ihren Augen kann hier von Bed\u00fcrftigkeit keine Rede mehr sein (als ob sie die Pl\u00fcnderung von Milch und Windeln verteidigen w\u00fcrden). Das alles sollte niemand ernst nehmen, denn bekanntlich heissen diese aufgebrachten Gestalten Pl\u00fcnderungen nur dann gut, wenn ein grosser oder kleiner Jeff Bezos sie ver\u00fcbt. Die Akteur*innen mit guten Absichten sind hier ganz offensichtlich die Pl\u00fcnderer*innen, die an einem Plebiszit \u00fcber das \u00dcberleben teilnehmen. Dies ist nur ein Aspekt davon, wie die Unruhen von 2020 das andere politisch bestimmende Ereignis\u00a0 des Jahres in den Schatten stellen. Vielleicht lautet die Offenbarung des Jahres 2020 nicht: \u00abWow, ein Quasi-Sozialist w\u00e4re fast Pr\u00e4sidentschaftskandidat geworden\u00bb, sondern \u00abKlar, die Polizei werden wie niemals abw\u00e4hlen\u00bb, und auch \u00abKlar, die Barrieren beim Zugang zu lebenswichtigen G\u00fctern sind absurd und inakzeptabel\u00bb, und schliesslich: \u00abMoment mal, diese beiden Tatsachen geh\u00f6ren ja zusammen.\u00bb<\/p>\n<p>Das eindrucksvolle Bild von der Polizeistation in Minneapolis, die \u00fcberrannt, von den Polizeikr\u00e4ften aufgegeben und schliesslich niedergebrannt wird, ist in der j\u00fcngeren US-Geschichte beispiellos. Die Zerst\u00f6rung der Wache l\u00e4sst sich als unsere internationalistische Wende sehen; schliesslich wurden vor neun Jahren in \u00c4gypten binnen einer einzigen Nacht 99 Polizeistationen in Brand gesetzt. So viel zur M\u00e4r des amerikanischen Exeptionalismus. Die Bilder des Stadtviertels, aus dem die Polizei vollst\u00e4ndig vertrieben wurde, haben uns vergegenw\u00e4rtigt, dass\u00a0<a href=\"https:\/\/non.copyriot.com\/joshua-clovers-riot-strike-riot-theorie-und-praxis-der-sozialen-aktion\/\">Blockade und Barrikade<\/a>\u00a0\u2013 beides zentrale Formen von Riots und Zirkulationsk\u00e4mpfen \u2013 darauf dr\u00e4ngen, von Unterbrechungen des (Waren-)Verkehrs zu Verteidigungslinien von Territorien zu avancieren. Wom\u00f6glich hallte in der Nacht des 28. Mai, als die Polizeiwache in Minneapolis niedergebrannt wurde, die derzeitige Praxis der\u00a0<a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=T9p6xW9OUHU\">Oglala Sioux und der Cheyenne River Sioux\u00a0<\/a>wider: Mit Checkpoints sch\u00fctzen sie den Zugang zu ihren angestammten Gebieten, sogar den Gouverneur von South Dakota haben sie einmal abgewiesen. Auch wenn die Begr\u00fcndung f\u00fcr ihre Kontrollposten medizinisch einleuchtend und rechtlich \u00fcberzeugend ist, sind darin unschwer die Checkpoints dieses Fr\u00fchjahres zu erkennen, mit denen die noch unkolonisierten Wet\u2019suwet\u2019en-Territorien vor dem anr\u00fcckenden kanadischen \u00d6lstaat und seinen Polizeikr\u00e4ften verteidigt wurden. Nick Estes und Glenns Sean Coulthard haben mich vor kurzem daran erinnert, dass das\u00a0<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/American_Indian_Movement\">American Indian Movement\u00a0<\/a>in Minneapolis gegr\u00fcndet wurde und \u2013 genau wie die\u00a0<a href=\"https:\/\/www.marxists.org\/history\/usa\/workers\/black-panthers\/\">Black Panther Party for Self Defense\u00a0<\/a>\u2013 mit Community Patrols anfing. Hinter dem Niederbrennen des Polizeipostens in Minneapolis stand die Geschichte der K\u00e4mpfe um selbstverwaltetes Territorium, die sich unweigerlich gegen die Polizei in Stellung bringen m\u00fcssen. Falls es jemals einen Zeitpunkt gab, ein Quartier als autonome Kommune zu etablieren \u2013 dies war er. Oder beinahe. Wir alle wussten es: Mehr Schergen w\u00fcrden kommen, bewaffnet mit Knarren und US-Flaggen, w\u00e4hrend der Pr\u00e4sident seinen imperialen Traum vom Ausnahmezustand tr\u00e4umen w\u00fcrde. Aber wir d\u00fcrfen annehmen, dass dieser grosse Schritt auf dem Weg zu einem kollektiven Prozess, der es schafft, die Staatsgewalt fernzuhalten, nun auf dem Tisch ist, wenn die Polizeimorde ein Ende und die kollektive Autonomie eine Chance haben sollen.<\/p>\n<p>Wichtig ist, dass es dieses Verst\u00e4ndnis des gegenw\u00e4rtigen Staates und der Besitzverh\u00e4ltnisse bereits gibt. Bei den einen mehr als bei anderen \u2013 die rassifizierten unteren Klassen, ganz besonders die Familien, die selbst einmal Besitz waren, tragen die schmerzliche Einsicht mit sich, dass die gegenw\u00e4rtige Eigentumsordnung Tod bedeutet und dass die Polizei als H\u00fcterin dieses Systems die H\u00fcterin des Todes ist. Ein anderes Urteil \u00fcber diese Institution ist undenkbar. Die Eigentumsordnung durchzieht fraglos rassifizierte und andere Trennlinien. Und klar ist auch, dass die immer noch anschwellende Welle von Inhaftierungen sich auch aus haupts\u00e4chlich von Weissen bewohnten Gegenden n\u00e4hrt, besonders aus Zentren der Opioid-Krise. Die Bedeutung des Polizei-Gef\u00e4ngnis-Komplexes l\u00e4sst sich dabei unter anderem durch seine Funktion verstehen, soziale Zerstreuung zu erzielen und L\u00f6hne zu dr\u00fccken. Was h\u00f6flich \u00abEinwirkung durch das Strafrechtssystem\u00bb genannt wird, dient dazu, Kollektivit\u00e4t und letztlich das Lohnniveau zu untergraben, wie zuletzt Adam D. Reich und Seth J. Prins in ihrem Beitrag \u00ab<a href=\"https:\/\/www.journals.uchicago.edu\/doi\/abs\/10.1086\/709016?journalCode=ajs\">The Disciplining Effect of Mass Incarceration on Labor Organization<\/a>\u00bb gezeigt haben. Das bedeutet: Cops erzeugen auch Kapital. Sie sind Werkzeuge der Extraktion von Reichtum. Er wird allen Armen abgepresst, wenn auch auf unterschiedliche Weise und teilweise gerade durch solche Unterschiede \u2013 ein weiterer Grund, weshalb die Annahme, ein zun\u00e4chst gegen die Cops gerichteter landesweiter Aufstand m\u00fcsse ethnisch monolithisch sein, absurd w\u00e4re. Das soll allerdings nicht heissen, alle bef\u00e4nden sich in der selben Lage. Mit der staatlich verordneten Immobilit\u00e4t aufgrund der Pandemie und nun den selektiv durchgesetzten Ausgangssperren kehrt die Geschichte der Sklavenj\u00e4ger*innen zur\u00fcck: Bestimmte Menschen d\u00fcrfen sich frei bewegen, andere nicht. Sie spiegelt sich klar im Bild von Derek Chauvins Knie im Nacken von George Floyd.<\/p>\n<p>Noch eine letzte neuartige Entwicklung gilt es zu erw\u00e4hnen, auch wenn viele andere unerw\u00e4hnt bleiben. In den letzten Dekaden, in denen sich wiederholt entsetzlich \u00c4hnliches ereignete, kam es nach Polizeimorden zun\u00e4chst zu lokalen Riots, die sich sp\u00e4ter, wenn die T\u00e4ter freigesprochen oder gar nicht erst angeklagt wurden, auf das ganze Land \u2013 und dar\u00fcber hinaus \u2013 ausdehnten. Nach diesem Muster entwickelten sich die\u00a0<a href=\"https:\/\/libcom.org\/library\/la-riots-aufheben-1\">Ereignisse nach der Pr\u00fcgelorgie gegen Rodney King\u00a0<\/a>und\u00a0<a href=\"https:\/\/lowerclassmag.com\/2014\/10\/14\/ferguson-october\/\">nach dem Mord an Michael Brown\u00a0<\/a>\u2013 die beiden weitreichendsten Episoden seit den Sommern 1967 und 1968. Die Woche nach dem Mord an George Floyd verlief anders: Die Riots haben sich rasch von Minneapolis auf das gesamte Staatsgebiet ausgeweitet. Ich m\u00f6chte keine zu einfache Erkl\u00e4rung f\u00fcr diese Entwicklung anbieten. Noch \u00fcberschlagen sich die Ereignisse, und es ist wichtig, zun\u00e4chst hinzuschauen und aus ihnen zu lernen. M\u00f6glicherweise liegt ein Teil der Erkl\u00e4rung im Mord an Ahmaud Arbery, der wenige Monate zuvor auf eine ganz eigene entsetzliche Weise in Georgia stattfand. Wir sollten seinen Namen sagen, und den von Breonna Taylors und der vielen anderen. Als George Floyd ermordet wurde, lag f\u00fcr manche bereits das Grauen des Lynchmords in der Luft, andere empfanden es wie einen Stich ins Herz mit einer Glasscherbe.<\/p>\n<p>Was beim Lynchmob, der Arbery ermordete, heraussticht: Er wurde nicht von den Cops angef\u00fchrt. Zumindest nicht direkt. Denn die drei weissen M\u00e4nner standen der Polizei nahe: Gregory McMichael war fr\u00fcher Cop, Travis McMichael ist sein Sohn, Roddie Bryan ein Nachbar, der sich eifrig zum Komplizen machte. Sie warfen dem Ermordeten Diebstahl vor, um ihren Mord zu legitimieren, ein Vorwurf, der weit mehr gef\u00e4lscht ist, als es ein 20-Dollar-Schein je sein k\u00f6nnte. Das erinnert nat\u00fcrlich an George Zimmermann, der seinen gescheiterten Traum, Polizist zu werden, mit der Exekution des siebzehnj\u00e4hrigen Trayvon Martin auslebte. Noch belastender ist die Tatsache, dass die Polizei mindestens einer Person in der Nachbarschaft mitteilte, bei Problemen solle sie sich an Gregory McMichael wenden, der inzwischen eigentlich nur ein gew\u00f6hnlicher Rentner war \u2013 ein ekelerregendes Beziehungsgeflecht, in dem Whiteness und Polizeiarbeit aufgrund der Eigentumsordnung wie in einem Mengendiagramm tendenziell zur Deckung kommen. Die Schnittfl\u00e4che: eine Lizenz zum T\u00f6ten.<\/p>\n<p>Doch vielleicht wird daran etwas deutlich. In meinem Beruf hatte ich immer Schwierigkeiten damit, den Studierenden den Begriff des strukturellen Rassismus zu vermitteln; uns allen wird st\u00e4ndig nahegelegt, schlechte Taten f\u00fcr eine Folge von schlechten Ideen schlechter Individuen zu halten. Aber die informelle Ernennung von Gregory McMichael, ja im Grunde jeder anderen weissen Person zum Hilfspolizisten belehrt uns eines Besseren. So lag die Kraft der zirkulierenden Bilder des neunmin\u00fctigen Mordes an George Floyd wom\u00f6glich nicht in ihrer Besonderheit, sondern im Gegenteil davon. Vielleicht haben alle begriffen, dass es immer so abl\u00e4uft, mal mehr, mal weniger unvermittelt, aber immer so offensichtlich und brutal. Kein Widerstand, keine abrupten Bewegungen, kein Tasten nach einer vermeintlichen Waffe. Vielleicht ist endlich allen klar geworden, dass die M\u00f6rder diese vier Cops waren, aber ebenso der rassistische Kapitalismus, die Eigentumsordnung, die Polizei an sich. Wenn man das endlich erkannt hat, versp\u00fcrt man unweigerlich ein Verlangen danach, die einzelnen T\u00e4ter*innen zur Rechenschaft zu ziehen. Gleichzeitig aber ist es kaum vorstellbar, durch solche Massnahmen allgemein Gerechtigkeit herzustellen.<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/www.ajourmag.ch\/66-tage\/\"><em>ajourmag.ch&#8230;<\/em><\/a><em> vom 19. Juni 2020<\/em><\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Joshua Clover schreibt \u00fcber die Proteste und Riots, die in den USA nach der Ermordung von George Floyd in Minneapolis ausgebrochen sind. 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