{"id":8109,"date":"2020-06-22T10:55:37","date_gmt":"2020-06-22T08:55:37","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=8109"},"modified":"2020-06-22T10:55:38","modified_gmt":"2020-06-22T08:55:38","slug":"stuttgart-wir-sehen-genau-bei-welcher-gewalt-ihr-schreit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=8109","title":{"rendered":"Stuttgart: Wir sehen genau, bei welcher Gewalt ihr schreit"},"content":{"rendered":"<p><em>Peter Schaber.<\/em> Es ist wieder einmal so weit. Deutschland hat eine \u201eGewalt\u201c-Debatte. Derlei Gewaltdebatten entz\u00fcnden sich stets an der Gewalt von Marginalisierten, an der Gewalt von \u201eunten\u201c \u2013 und ganz besonders, wenn man meint \u201eFremde\u201c unter den \u201eGewaltt\u00e4tern\u201c<!--more--> ausmachen zu k\u00f6nnen. Ich will im folgenden nicht \u00fcber diejenigen Reden, die jetzt ein Fest des Rassismus feiern, denn sie sind so elend, dass es keiner Beschreibung bedarf. Es sind Leute, die bei jeder Gelegenheit ein Pogrom ver\u00fcben w\u00fcrden, aber bei \u201eAusl\u00e4ndergewalt\u201c zum liebevollen Wahrer gesellschaftlichen Friedens werden; Leute, die zuhause die \u201eeigene\u201c Frau halb tot pr\u00fcgeln und dann mit dem Finger auf die \u201cFremden\u201d zeigen, um sich als Retter des weiblichen Geschlechts aufzuspielen. Man muss ihnen nicht zu viele Zeilen widmen.<\/p>\n<p>Ich m\u00f6chte aber \u00fcber etwas anderes reden: Die ganz normale, ganz durchschnittliche Emp\u00f6rtheit der ansonsten auch ganz progressiven Mitte. Die Saskia Eskens dieser Republik. Die SPD-Vorsitzende formulierte direkt nach den Auseinandersetzung: \u201eWas f\u00fcr eine sinnlose, blindw\u00fctige Randale in\u00a0<a href=\"https:\/\/twitter.com\/hashtag\/Stuttgart?src=hashtag_click\">#Stuttgart<\/a>, die so viele verletzte Polizist*innen und zerst\u00f6rte Ladengesch\u00e4fte zur\u00fcckl\u00e4sst. Die Gewaltt\u00e4ter m\u00fcssen ermittelt &amp; hart bestraft werden. Unbegreiflich, wie die Situation derart eskalieren konnte.\u201c<\/p>\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"795\" height=\"541\" src=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/fli.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-8111\" srcset=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/fli.png 795w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/fli-300x204.png 300w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/fli-768x523.png 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 795px) 100vw, 795px\" \/><figcaption>Bildquelle: rbrammer \/\/\u00a0<a href=\"https:\/\/www.flickr.com\/photos\/rbrammer\/15698601407\">flickr<\/a><\/figcaption><\/figure>\n<p>Die liberale bis linksliberale Reaktion auf spontane Riots fragt nicht: Was sind die Gr\u00fcnde? Warum kommt es zu der Gewalt? Um welche Art der Gewalt handelt es sich, wessen Gewalt ist es? Leute wie Esken wollen das Bild vermitteln: Wir sind die, die immer gegen Gewalt sind. Ist das schlecht? Jede*r ist gegen Gewalt. Noch der letzte genozidale Milit\u00e4r wird aufrichtig glauben, sein Morden dient dem Ende irgendeiner Gewalt oder Not. Gewalt ist nicht die \u201eAusnahme\u201c in der Welt, in der wir leben, sie ist der Normalfall. Es ist so trivial und eigentlich wei\u00df es jeder: Krieg ist Gewalt, Vertreibung ist Gewalt, das Europ\u00e4ische Grenzregime ist Gewalt, Rassismus ist Gewalt, Feminizide sind Gewalt. Mehr noch: Ein Leben in Prekarit\u00e4t und Unsicherheit, im schlimmsten Fall Hunger ist Gewalt. Und das Iphone, auf dem ihr diesen Text lest, ist vergegenst\u00e4ndlichte Gewalt, in Form gegossen in Kobaltminen und Menschenschinderfabriken. Libysche Folterlager sind Gewalt, bezahlt von der Bundesregierung. T\u00fcrkische Angriffskriege mit bundesdeutschem Kriegsger\u00e4t sind Gewalt. Handelsvertr\u00e4ge sind Gewalt, Austerit\u00e4tsma\u00dfnahmen sind Gewalt. Die Liste ist endlos \u2013 und es ist trivial, jeder Mensch wei\u00df das.<\/p>\n<p>Aber die Gewalt dieses Systems ist man gewohnt, seit man das Licht der Welt erblickte. Und wieder und wieder und wieder und wieder wird einem gesagt, man k\u00f6nne sie eben nicht \u00e4ndern, sie sei unver\u00e4nderlich, notwendig oder das kleinere \u00dcbel. Man begegnet ihr mit einem Schulterzucken, oder wenn man progressiv und links ist, dann mit einer allzeit gem\u00e4\u00dfigten Kritik, zu deren \u00dcberbringung an die zust\u00e4ndigen Stellen man sich doch bitte auch das Zugticket zu l\u00f6sen hat.<\/p>\n<p>Aber wehe es kommt zur \u201eau\u00dferordentlichen\u201c Gewalt. Zur Gewalt derer, die man selber nicht kennt, denn sie kommen so selten in den Bundestag, die Zeitungsredaktion und die h\u00fcbschen Restaurants, in denen man zu Abend isst. Selbst in die Clubs nicht, in denen man ganz cool feiert, schon wegen der T\u00fcrsteher. Diese \u201eau\u00dferordentliche\u201c Gewalt, die zeiht man des Zivilisationsbruchs. Und beschw\u00f6rt die H\u00e4rte genau jenes Systems, das man zuvor noch wohlfeil kritisiert hatte.<\/p>\n<p>Es sind dieselben Leute, die sich noch vor zwei Wochen \u2013 man will ja auch sein Profil sch\u00e4rfen \u2013 Martin Luther King in die Timelines geschwungen haben: a riot is the language of the unheard. Und die \u201eradikaleren\u201c von ihnen, die hie\u00dfen gar die Aufst\u00e4nde gut: solange sie weit weg sind und die involvierten Personen einfach \u201eSchwarze\u201c sind, aber keine konkreten Menschen. Nur je n\u00e4her etwas kommt, desto wirklicher ist es. Und eigentlich schaut man auf den P\u00f6bel herab. Was in den USA noch ein mit dem Fernglas zu beobachtender Schwarzer Jugendlicher, der f\u00fcr seine Rechte k\u00e4mpft, war \u2013 im eigenen Backyard ist es ein sinnloser Gewaltt\u00e4ter, ohne politische Gesinnung, gar nicht progressiv. Ja hatte der denn \u00fcberhaupt die neuesten Studien zur Funktion der Polizei gelesen, bevor er sich an dem Streifenwagen verging? Es ist ein altes Ph\u00e4nomen in Teilen der Linken: Der Refugee ist super welcome \u2013 au\u00dfer der konkrete, der dann bei einem einziehen will, weil der ist f\u00fcr Pal\u00e4stina oder gar Gaddafi oder redet anders als man selber, im schlimmsten Fall ist er sogar Muslim. Man mag die konkreten Menschen nicht, wenn ihnen die Etikette fehlt. Man glaubt auch gar nicht, dass es so etwas wie politische \u00dcberzeugungsarbeit geben sollte. Man will mit denen sein, die denselben \u201eDiskurs\u201c pflegen, die \u201eim Rahmen\u201c sind und die das Einmaleins des progressiven Humanismus auch dann noch aufsagen k\u00f6nnen, wenn ihnen eigentlich schon l\u00e4ngst zum Heulen ist.<\/p>\n<p>Die abstrakten Menschen, die in der T\u00fcrkei, wenns hart kommt in den USA, die d\u00fcrfen sich gelegentlich wehren. Aber doch nicht DIESE HIER. Die language of the unheard, sie muss schon gestochenes, akademisches Hochdeutsch sein, ansonsten versteht das doch keiner. Und wenn die language of the unheard dann Unterschichtsslang oder gar irgendwas ausl\u00e4ndisches ist, dann lieber mit der anderen language \u00fcbert\u00f6nen: tat\u00fctata, Hier spricht die Polizei.<\/p>\n<p>Aber was heisst denn dieses Martin-Luther-King-Zitat, das alle kennen eigentlich? Es hei\u00dft nicht: Fetischisiert jeden Riot, weil das ist so super geil \u2013 ein wenig die Kehrseite von dem linksliberalen Quatsch. Es heisst: Menschen, die jeden Tag getreten werden, auf dem Amt, in der Schule, auf Arbeit, Menschen, die jeden Tag von den Bullen getriezt werden, dann nach Hause kommen und sich noch von den Eltern anh\u00f6ren k\u00f6nnen, \u201ewas hast du wieder gemacht, Junge?\u201c, weil an allem m\u00fcssen sie Schuld sein, der Staat, der Chef, der Lehrer, die sind ja integer \u2013 diesen Menschen reicht es an einem Punkt. Das ist nicht h\u00fcbsch und zielgerichtet. Im schlimmsten Fall richtet die Wut sich gegen Ihresgleichen. Im besseren Fall gegen ein paar Scheiben von McDonalds oder Autos der Polizei. F\u00fchrt das zur Revolution? Nein. Sollten deshalb Leute, die 10 000 Euro als Abgeordnete einer Regierungspartei verdienen und schulterzuckend sagen, na mehr als drei Dutzend Kinder konnte ich leider nicht aus Moria in die Bundesrepublik holen, Lektionen \u00fcber \u201eGewalt\u201c verteilen und gleichzeitig die Gewalt des Staates gegen diese Jugendlichen beschw\u00f6ren? Sicher nein.<\/p>\n<p>Eine proletarische Linke muss sich mit den Problemen in der eigenen Klasse auseinandersetzen. Sie kann spontane Wutausbr\u00fcche nicht fetischisieren, sondern muss sich Gedanken machen, in welcher Form sie die Wut organisieren kann. Aber sie sollte wissen, auf welcher Seite sie steht.<\/p>\n<p>Denn die liberale Linke wei\u00df das ganz sicher. Sie glaubt an diesen Staat, seine Polizei, seine Gesetze, seine \u00d6konomie. Sie will sie nicht \u00e4ndern, sondern im besten Fall einige wenige Symptome abmildern, um ihr eigenes Gesch\u00e4ftsmodell in der kommenden Wahl best\u00e4tigt zu bekommen. Und sie wird stets, wenn irgendeine Gewalt von unten kommt, auf der Seite der Gewalt von oben stehen.<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/lowerclassmag.com\/2020\/06\/21\/stuttgart-wir-sehen-genau-bei-welcher-gewalt-ihr-schreit\/\"><em>lowerclassmag.com&#8230;<\/em><\/a><em> vom 22. Juni 2020<\/em><\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Peter Schaber. Es ist wieder einmal so weit. Deutschland hat eine \u201eGewalt\u201c-Debatte. 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