{"id":8130,"date":"2020-06-25T08:48:36","date_gmt":"2020-06-25T06:48:36","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=8130"},"modified":"2020-06-25T08:48:37","modified_gmt":"2020-06-25T06:48:37","slug":"toennies-moderne-sklaverei-und-rekord-corona-ausbruch","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=8130","title":{"rendered":"T\u00f6nnies: Moderne Sklaverei und Rekord-Corona-Ausbruch"},"content":{"rendered":"<p><em>Ren\u00e9 Amado Lehmann und Stefan Schneider. <\/em><strong>\u00dcber 1.500 Arbeiter*innen des Schlachtbetriebes T\u00f6nnies in G\u00fctersloh sind inzwischen mit Covid-19 infiziert \u2013 der gr\u00f6\u00dfte einzelne Corona-Hotspot Deutschlands. Ein Ausdruck kapitalistischer Barbarei und<!--more--> moderner Sklaverei, und Vorbote einer zweiten Infektionswelle in Deutschland.<\/strong><\/p>\n<p>Mindestens 1.553 Arbeiter*innen \u2013 viele von ihnen Leiharbeiter*innen oder mit Werkvertr\u00e4gen, ein gro\u00dfer Teil aus Rum\u00e4nien und Bulgarien \u2013 haben sich bei der Arbeit f\u00fcr den Fleischriesen T\u00f6nnies in Rheda-Wiedenbr\u00fcck, einem Vorort von G\u00fctersloh, mit Covid-19 infiziert. Seit vergangenem Mittwoch, als der massenhafte Ausbruch erstmals bekannt wurde, stiegen Tag f\u00fcr Tag die best\u00e4tigten Infektionszahlen.<\/p>\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"890\" height=\"550\" src=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/toennies-140768x432-890x550-1.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-8131\" srcset=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/toennies-140768x432-890x550-1.jpg 890w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/toennies-140768x432-890x550-1-300x185.jpg 300w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/toennies-140768x432-890x550-1-768x475.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 890px) 100vw, 890px\" \/><\/figure>\n<p>Inzwischen wurden immer mehr Horrorstories bekannt, von Besch\u00e4ftigten, die trotz Corona zur Arbeit mussten, von \u201eArbeitsquarant\u00e4ne\u201c \u2013 d.h. Weiterarbeiten m\u00fcssen und nur zwischen Arbeit und Zuhause pendeln d\u00fcrfen \u2013, und vor allem von den miserablen Arbeits- und Wohnbedingungen der T\u00f6nnies-Besch\u00e4ftigten. Es dauerte jedoch mehrere Tage, bis der Betrieb in Rheda-Wiedenbr\u00fcck eingestellt wurde; im restlichen Bundesgebiet mussten die Schlachthofarbeiter*innen von T\u00f6nnies weiter schuften \u2013 unter denselben horrenden Bedingungen.<\/p>\n<p>T\u00f6nnies ist bei weitem nicht der einzige Schlachtbetrieb, der in den letzten Wochen als Hotspot f\u00fcr Corona Neuinfektionen fungierte. Immer wieder gerieten Schlachth\u00f6fe in den Fokus des Gesundheitsamtes, weil sich dort die Coronaf\u00e4lle h\u00e4uften. T\u00f6nnies hatte die skandal\u00f6se Situation immer wieder heruntergespielt, aber erreicht selbst ganz neue Dimensionen; die Ursachen sind aber \u00fcberall \u00e4hnlich. Gro\u00dfe Teile der Belegschaften sind ausl\u00e4ndische Werkvertragsarbeiter*innen aus Osteuropa, die unter katastrophalen Bedingungen angestellt sind. Schichtpl\u00e4ne ohne R\u00fccksicht auf Privatleben und Erholung, Arbeit auf engstem Raum und nat\u00fcrlich eine miserable Bezahlung. Hinzu kommen die Unterbringungen in (unversch\u00e4mt \u00fcberteuerten) Unterk\u00fcnften, die unw\u00fcrdig, manchmal verschimmelt und vor allem \u00fcberbelegt sind. Social Distancing ist somit auf dem Arbeitsplatz sowie \u201eZuhause\u201c unm\u00f6glich.<\/p>\n<p><strong>T\u00f6nnies ist der Verantwortliche<\/strong><\/p>\n<p>Die Arbeit in den Fleischbetrieben und besonders bei T\u00f6nnies grenzt somit an moderne Sklaverei, wie selbst\u00a0<a href=\"https:\/\/www.focus.de\/kultur\/kino_tv\/focus-fernsehclub\/tv-kolumne-hart-aber-fair-pfarrer-wirft-toennies-sklavenhalterei-und-organisierte-kriminalitaet-vor_id_12130214.html\"><strong>stockkonservative b\u00fcrgerliche Zeitungen wie Focus<\/strong><\/a>\u00a0anerkennen m\u00fcssen. Daran hat auch die Bundesregierung Schuld, die die Maschinerie extremer Ausbeutung durch Werkvertr\u00e4ge und Subunternehmen erst erm\u00f6glicht hatte. Und warum? Damit Milliard\u00e4re wie T\u00f6nnies sich auf dem R\u00fccken der Arbeiter*innen eine goldene Nase verdienen k\u00f6nnen. Unsere Leben sind ihnen wirklich nichts wert, wenn es um ihre Profite geht.<\/p>\n<p>Clemens T\u00f6nnies geh\u00f6rt mit einem gesch\u00e4tzten Verm\u00f6gen von 1,4 Milliarden Euro zu den reichsten Kapitalisten Deutschlands und stand schon immer gerne im Rampenlicht. Seit 2001 ist er Aufsichtsratsvorsitzender des Bundesligaclubs FC Schalke 04, einem der bekanntesten Fu\u00dfballvereine Deutschlands. Bei der aktiven Fanszene des Vereins, die zu gro\u00dfen Teilen linksorientiert ist, steht T\u00f6nnies schon lange unter heftiger Kritik. Aktuell sind Protestaktionen geplant, bei denen sich auch wiederholt auf seinen letzten Skandal berufen wird und bei denen sein Rauswurf gefordert wird. Im August letzten Jahres t\u00e4tigte T\u00f6nnies auf einer Veranstaltung anl\u00e4sslich zum Tag des Handwerks folgende Aussage: \u201eDann h\u00f6ren die Afrikaner auf, die B\u00e4ume zu f\u00e4llen, und sie h\u00f6ren auf, wenn\u2019s dunkel ist, wenn wir die n\u00e4mlich elektrifizieren, Kinder zu produzieren.\u201c<\/p>\n<p>T\u00f6nnies wusste von den Vorf\u00e4llen in konkurrierenden Betrieben, wie zum Beispiel bei \u201eWestfleisch\u201c. Ironischerweise warnte er damals vor \u201eVorverurteilungen\u201c und sprach davon, dass sein eigener Betrieb absolut vorbildlich mit der Situation umgeht. Nur wenige Wochen sp\u00e4ter stellt sich heraus, dass dies nicht nur eine Fehleinsch\u00e4tzung, sondern viel mehr eine dreiste L\u00fcge war. T\u00f6nnies\u2018 Reaktion auf die ersten Infektionen in seinem Schlachtbetrieb? Es gab keine. Bis vor wenigen Tagen wurde in vielen Abteilungen ganz normal weitergearbeitet.<\/p>\n<p><strong>Reaktion der Landesregierung<\/strong><\/p>\n<p>Doch nicht nur T\u00f6nnies muss f\u00fcr das verantwortungslose Handeln in den letzten Tagen und Wochen kritisiert werden, denn auch die Landesregierung NRW verschloss sehr lange ihre Augen. Erst seit Anfang der Woche wird \u00fcber Kontaktbeschr\u00e4nkungen im Landkreis G\u00fctersloh debattiert, der Ministerpr\u00e4sident Armin Laschet (CDU) meldete sich erst heute zu Wort. Der Landkreis G\u00fctersloh wird mit weitreichenden Kontaktbeschr\u00e4nkungen versehen, ein kompletter Lockdown kann aktuell noch nicht ausgeschlossen werden. Schulen und Kitas wurden schon vor Tagen geschlossen. Doch Betriebe sollen ganz normal weiterlaufen \u2013 denn die kapitalistischen Profite sollen ja nicht geschm\u00e4lert werden. Dass sich tausende Menschen bei der Arbeit anstecken und ihr Leben riskieren, ist daf\u00fcr irrelevant.<\/p>\n<p>Im Gegensatz dazu wurde, als Reaktion auf geh\u00e4ufte Infektionen in einem Wohnblock in Berlin, der zum Gro\u00dfteil von Roma-Familien bewohnt wird, dieser kurzerhand polizeilich abgeriegelt. Dasselbe geschah in G\u00f6ttingen. Dieser Vergleich zeigt ganz deutlich, wo die Politik einen Unterschied macht. Auf der einen Seite stehen die drohenden Profiteinbu\u00dfen eines deutschen Kapitalisten und auf der Anderen eine rassistische \u00dcberreaktion, die migrantische Familien betrifft \u2013 obwohl die herrschenden, politischen Umst\u00e4nde diesen Hotspot erst erm\u00f6glichten.<\/p>\n<p><strong>Unter kapitalistischem Profitdruck ist eine zweite Infektionswelle unvermeidlich<\/strong><\/p>\n<p>Dieses Beispiel ist aber nur eines von vielen, welches wir auf \u00e4hnliche Art und Weise immer wieder erleben werden. Somit stellt sich die Frage, wie gef\u00e4hrlich diese Vorgehensweise f\u00fcr die pandemische Entwicklung sein kann. T\u00f6nnies beweist, wie schnell und verheerend ein Ausbruch sein kann. Solange die Politik den Schutz der Profite r\u00fccksichtsloser Kapitalist*innen weiter aufrechterh\u00e4lt, stellt dies eine viel gr\u00f6\u00dfere Gefahr f\u00fcr eine zweite, bundesweite Infektionswelle dar, als die Geburtstagsfeier im Garten, mit einer Handvoll Freund*innen. Nach dem gigantischen Druck der Bev\u00f6lkerung und der Medien ist der Betrieb bei T\u00f6nnies nun vorerst eingestellt \u2013 immerhin ist auch ein Drittel der Belegschaft krankgeschrieben. Eine weitreichende Initiative der Politik gibt es aber weiterhin nicht. Im Gegenteil: Armin Laschet war in den vergangenen Wochen einer der gr\u00f6\u00dften Verfechter von weitgehenden Lockerungen im Interesse der Profite des Kapitals. Wenn T\u00f6nnies-Arbeiter*innen an Covid-19 sterben, haben sowohl der Fleischmilliard\u00e4r als auch Laschet Blut an ihren H\u00e4nden.<\/p>\n<p><strong>T\u00f6nnies und Co. enteignen! Gegen eine Normalisierung im Interesse des Kapitals!<\/strong><\/p>\n<p>Die Fleischindustrie ist aufgrund ihrer Arbeitsbedingungen eine der gr\u00f6\u00dften Corona-Hotspots. Schon seit Wochen verspricht die SPD deshalb, dass ab n\u00e4chstem Jahr strengere Regeln gelten werden, Werkvertr\u00e4ge in der Fleischindustrie verboten werden sollen, usw. Doch das ist purer Zynismus, denn die Regierung und die SPD selbst sind f\u00fcr diese Arbeitsbedingungen verantwortlich \u2013 und au\u00dferhalb der Fleischindustrie wollen sie sie auch nicht antasten. Denn das Regime \u201emoderner Sklaverei\u201c, unter der besonders migrantische Arbeiter*innen zu leiden haben, ist f\u00fcr das deutsche Kapital viel zu profitabel. Auch die Gewerkschaftsb\u00fcrokratie ist dabei Komplizin, denn sie f\u00fchrt gegen diese Regelungen keinen Kampf und hat sie bei ihrer Einf\u00fchrung stillschweigend mitgetragen. So halten sie die Spaltung zwischen Arbeiter*innen \u201eerster\u201c und \u201ezweiter Klasse\u201c aufrecht.<\/p>\n<p>Doch die Gewerkschaften m\u00fcssen damit brechen und den Kampf gegen diese Prekarit\u00e4t und den Rassismus der Bosse aufnehmen, um die Arbeiter*innenklasse in Deutschland in einem gemeinsamen Kampf gegen die Kapitalist*innen zu vereinen.<\/p>\n<p>Die Besch\u00e4ftigten m\u00fcssen selbst ihre Arbeits-, Lebens- und Hygienebedingungen kontrollieren k\u00f6nnen, denn die Profitgier der Kapitalist*innen erm\u00f6glicht keine guten Bedingungen.<\/p>\n<p>Dazu geh\u00f6rt auch, dass T\u00f6nnies und die gesamte Lebensmittelindustrie entsch\u00e4digungslos enteignet, f\u00fcr die Gesundheitsgef\u00e4hrdung der Besch\u00e4ftigten zur Rechenschaft gezogen und unter Arbeiter*innenkontrolle verstaatlicht werden muss.<\/p>\n<p>Insgesamt braucht es ein Programm f\u00fcr einen Kampf\u00a0<a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/wirtschaftshilfen-hygiene-demos-und-streiks-jetzt-geht-es-darum-wer-die-corona-rechnung-zahlt\/\"><strong>gegen eine Normalisierung im Interesse des Kapitals<\/strong><\/a>: Denn es geht um ihre Profite oder unser Leben.<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/toennies-moderne-sklaverei-und-rekord-corona-ausbruch\/\"><em>klassegegenklasse.org&#8230;<\/em><\/a><em> vom 25. Juni 2020<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ren\u00e9 Amado Lehmann und Stefan Schneider. \u00dcber 1.500 Arbeiter*innen des Schlachtbetriebes T\u00f6nnies in G\u00fctersloh sind inzwischen mit Covid-19 infiziert \u2013 der gr\u00f6\u00dfte einzelne Corona-Hotspot Deutschlands. 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