{"id":8153,"date":"2020-06-30T09:17:03","date_gmt":"2020-06-30T07:17:03","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=8153"},"modified":"2020-06-30T09:17:04","modified_gmt":"2020-06-30T07:17:04","slug":"amazon-arbeiter-streiken-gegen-mangelnden-infektionsschutz","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=8153","title":{"rendered":"Amazon-Arbeiter streiken gegen mangelnden Infektionsschutz"},"content":{"rendered":"<p><em>Marianne Arens. <\/em><strong>Mit einem zweit\u00e4gigen Warnstreik protestieren am Montag und Dienstag weit \u00fcber 2.000 Amazon-Kolleginnen und Kollegen gegen die unsicheren Arbeitsbedingungen und die enorme Infektionsgefahr in den Verteilerzentren. Sie legten<!--more--> die Arbeit gleichzeitig an sechs Standorten nieder: Bad Hersfeld I und II, Leipzig, Koblenz, Rheinberg und Werne.<\/strong><\/p>\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"640\" height=\"360\" src=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/amaz.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-8154\" srcset=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/amaz.jpg 640w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/amaz-300x169.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/><figcaption><strong>Arbeiterin in einem Amazon Fulfillment Center (AP Photo\/David McNew)<\/strong><\/figcaption><\/figure>\n<p>In Bad Hersfeld (Hessen) nahmen am Montag \u00fcber 500 Kolleginnen und Kollegen an einem Autocorso teil. Mindestens ebenso viele beteiligen sich in Leipzig am Streik. In Werne (NRW) haben gestern etwa 400 Arbeiter an einer Protestkundgebung teilgenommen, und rund 450 streiken derzeit in Rheinberg (NRW) und Koblenz. Insgesamt arbeiten bei Amazon in Deutschland an 13 Logistikstandorten 13.000 Festangestellte.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend die Streikenden von Seiten der Betriebsleitung unter Druck gesetzt werden und die Medien nur wenig berichten, ist die Solidarit\u00e4t in der einfachen Bev\u00f6lkerung enorm. Denn viele Arbeiter sind mit \u00e4hnlich ausbeuterischen und gef\u00e4hrlichen Arbeitsbedingungen konfrontiert.<\/p>\n<p>Bei Amazon spitzte sich die Situation zu, nachdem sich allein in Bad Hersfeld laut Verdi-Gewerkschaftssekret\u00e4rin Mechthild Middeke \u201eRund drei Dutzend\u201c Besch\u00e4ftigten mit Corona infizierten. Den Kollegen wurde nicht mitgeteilt, in welcher Abteilung wie viele Kollegen den Virus in sich trugen. Weder werden die Covid-19-F\u00e4lle bekannt gegeben, noch werden alle Besch\u00e4ftigten getestet und systematisch Kontakte isoliert.<\/p>\n<p>Damit werden tausende Amazon-Besch\u00e4ftigte einer enormen Gefahr ausgesetzt. Schon im April wurde bekannt, dass im Verteilzentrum Ham2 Winsen bei Hamburg 68 von 1800\u00a0<a href=\"https:\/\/www.wsws.org\/de\/articles\/2020\/04\/30\/amaz-a30.html\"><strong>Besch\u00e4ftigten infiziert waren<\/strong><\/a>. Obwohl der Amazon-Konzern Milliarden investiert, um die Abl\u00e4ufe zu optimieren und die Arbeitskr\u00e4fte effektiver auszubeuten und besser zu \u00fcberwachen, ist er nicht bereit, f\u00fcr sichere, transparente und gesunde Arbeitsbedingungen zu sorgen.<\/p>\n<p>Nachdem der Konzern so gut wie nichts f\u00fcr den Schutz der Besch\u00e4ftigten unternommen hat, hat das regionale Gesundheitsamt in Bad Hersfeld das Tragen eines Mund-und-Nasen-Schutzes bei der Arbeit jetzt zwingend vorgeschrieben. Der Arbeitstakt ist jedoch so brutal, dass die Arbeiter beim Masken-Tragen \u00fcber Atemprobleme klagen, die sich infolge der gro\u00dfen Hitze in den Hallen noch verschlimmern.<\/p>\n<p>Deshalb lautet eine Forderung des Streiks: \u201eMehr Pausen und die Entschleunigung der Arbeitsprozesse, sowie die bezahlte Freistellung f\u00fcr gesundheitlich besonders belastete Mitarbeiter\u201c. Auch fordern die Kollegen, den Corona-Zuschlag von zwei Euro wieder einzuf\u00fchren, der ihnen im Mai ersatzlos gestrichen worden war.<\/p>\n<p>Die Ausbeutung bei Amazon ist derart brutal und menschenverachtend, dass die Arbeit schon unter normalen Bedingungen physisch und psychisch krank macht. Die Arbeiter stehen unter einem gewaltigen Druck, die Vorgaben des Unternehmens zu erf\u00fcllen. Mit vollbeladenen Einkaufswagen rennen Picker oder Kommissionierer durch die kilometerlangen, mehrst\u00f6ckigen Hallen, wobei ihnen der Scanner gnadenlos und sekundengenau den Takt vorgibt. Derweil stehen die Packer stundenlang an den Verpackungstischen. Alle arbeiten gegen die Zeit, stehen st\u00e4ndig unter Beobachtung und m\u00fcssen mit Punkteabz\u00fcgen rechnen, wenn sie hinter einem Tempo zur\u00fcckbleiben, das Menschen zu Robotern degradiert.<\/p>\n<p>Die\u00a0<a href=\"https:\/\/www.wsws.org\/de\/articles\/2020\/03\/26\/bezo-m25.html\"><strong>perfektionierte Ausbeutung<\/strong><\/a>, die den Amazon-Besitzer und Multimilliard\u00e4r Jeff Bezos zum reichsten Mann der Welt gemacht hat, wird weltweit in tausenden Versand- und Logistikzentren durchgesetzt. Es sind ideale Bedingungen f\u00fcr die Ausbreitung der Corona-Pandemie. Das hat sich seit Februar schon in Dutzenden Amazon-Betrieben in den USA, in Italien, Spanien und Frankreich erwiesen.<\/p>\n<p>Bezos hatte von den Amazon-Mitarbeitern schon immer verlangt, ihre Gesundheit aufs Spiel zu setzen, um seine Profite zu mehren. Mit dem v\u00f6llig unzureichenden Infektionsschutz sind nun Gesundheit und Leben der ganzen Familie bedroht. Zudem f\u00fchren die Hotspots wie in den Verteilerzentren von Amazon direkt in die zweite Welle der Pandemie, die tausende Menschenleben kosten wird.<\/p>\n<p>Deshalb haben auf internationaler Ebene bereits viele Amazon-Belegschaften f\u00fcr einen besseren Corona-Schutz gek\u00e4mpft. In den Vereinigten Staaten, in Italien, Frankreich und Spanien haben schon hunderte Amazon-Arbeiter spontan die Arbeit\u00a0<a href=\"https:\/\/www.wsws.org\/de\/articles\/2020\/04\/29\/usjw-a29.html\"><strong>verweigert<\/strong><\/a>, um sich nicht l\u00e4nger der Corona-Gefahr auszusetzen. Sie haben durch spontane Streiks auch Mitarbeiter verteidigt, die wegen mutiger Proteste entlassen worden waren. Nach New York City, Chicago und\u00a0<a href=\"https:\/\/www.wsws.org\/de\/articles\/2020\/04\/03\/dtw1-a03.html\"><strong>Detroit<\/strong><\/a>\u00a0legten auch in Minneapolis Amazon-Arbeiter die Arbeit nieder, um eine Kollegin, die sich gewehrt hatte, vor Entlassung zu sch\u00fctzen. Mindestens in den USA sind bereits Amazon-Arbeiter an Covid-19 gestorben.<\/p>\n<p>Die Streiks bei Amazon sind Teil einer internationalen und rasch\u00a0<a href=\"https:\/\/www.wsws.org\/de\/articles\/2020\/06\/29\/jeff-j29.html\"><strong>wachsenden Streikwelle<\/strong><\/a>. Arbeiter unterschiedlicher L\u00e4nder und Branchen k\u00e4mpfen f\u00fcr einen besseren Corona-Schutz und gegen massive Angriffe auf Arbeitspl\u00e4tze und L\u00f6hne. Letzte Woche streikten 3.200 Arbeiter der Maquiladoras in Mexiko, wo Teile f\u00fcr die Autoproduktion in den USA hergestellt werden. In den Autowerken in Detroit haben Arbeiter in den letzten Tagen begonnen, Aktionskomitees aufzubauen, die sich von den Gewerkschaften distanzieren und den Kampf um sichere Arbeitsbedingungen in die eigenen H\u00e4nde nehmen. Zu Arbeitsk\u00e4mpfen kam es auch unter kalifornischen Krankenschwestern und niederl\u00e4ndischen Stahlarbeitern.<\/p>\n<p>Der Streik in Deutschland stie\u00df in der gesamten Arbeiterklasse auf gro\u00dfe Sympathien. In den Sozialen Medien \u00fcberschlugen sich Solidarit\u00e4tsbekundungen. \u201eAmazon macht obsz\u00f6nen Gewinn und beutet dennoch munter Angestellte aus. Ekelkonzern!\u201c kommentiert ein Twitter-Nutzer, und eine weitere Nutzerin namens Katja K. schreibt: \u201eRiesengewinne in der Coronazeit, Milliarden Umsatz, alle kleinen Online-H\u00e4ndler platt gemacht &#8230; aber die Arbeiter k\u00f6nnen nicht mal nach Tarif bezahlt werden und schuften sich ab. Ekelhaft ist das.\u201c<\/p>\n<p>W\u00e4hrend die Amazon-Arbeiter solch breite Unterst\u00fctzung erfahren, sind sie in ihrem Kampf nicht nur mit der Unternehmensleitung, sondern auch mit der Gewerkschaft konfrontiert. Die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi hat alles daran gesetzt, den Streik bei Amazon international zu isolieren und so ineffektiv wie m\u00f6glich zu organisieren.<\/p>\n<p>Verdi hatte sich in Bad Hersfeld erstmals eingeschaltet, nachdem dort zum Jahreswechsel 2012\/2013 ein spontaner Streik ausgebrochen war, durch den hunderte ausl\u00e4ndische Leiharbeiter auf ihre Sklavenbedingungen aufmerksam machten. Im April 2013 f\u00fchrte Verdi dort eine Urabstimmung durch, die eine 98-prozentige Streik-Zustimmung ergab, und organisierte dann einen ersten Warnstreik in Bad Hersfeld und Leipzig.<\/p>\n<p>Seither ruft Verdi immer wieder zu \u201etaktischen Nadelstichen\u201c und Warnstreiks in jeweils einzelnen Betrieben auf. Das Hauptziel bestand von Anfang an darin, den Arbeitskampf in kontrollierte Bahnen zu lenken, ein \u00dcbergreifen auf andere Arbeiterschichten zu verhindern und die Amazon-Direktion von der N\u00fctzlichkeit von Verdi als Partner und Co-Manager zu \u00fcberzeugen.<\/p>\n<p>Die Amazon-Arbeiter k\u00f6nnen ihre Gesundheit nur verteidigen, wenn sie sich unabh\u00e4ngig von Gewerkschaften international in Aktionskomitees zusammenschlie\u00dfen, um gegen den skrupellosen Weltkonzern zu k\u00e4mpfen. Ein solches Aktionskomitee w\u00fcrde den Betrieb in Bad Hersfeld und jeden von Corona betroffenen Betrieb sofort schlie\u00dfen, volle Lohnfortzahlung f\u00fcr alle Besch\u00e4ftigten fordern und die Fortsetzung des Versandhandels entsprechend der Sicherheit und der Bed\u00fcrfnisse der Mitarbeiter neu organisieren.<\/p>\n<p>Das muss Teil einer breiten Mobilisierung der gesamten Arbeiterklasse gegen den fahrl\u00e4ssigen Umgang mit der Corona-Pandemie sein. \u201eSie muss sich zu einer globalen klassenbewussten Bewegung der Arbeiterklasse gegen den Kapitalismus und f\u00fcr den Sozialismus entwickeln\u201c, wie es das IKVI\u00a0<a href=\"https:\/\/www.wsws.org\/de\/articles\/2020\/06\/24\/icfi-j24.html\"><strong>k\u00fcrzlich erkl\u00e4rte<\/strong><\/a>.<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/www.wsws.org\/de\/articles\/2020\/06\/30\/amaz-j30.html\"><em>wsws.org&#8230;<\/em><\/a><em> vom 30. Juni 2020<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Marianne Arens. 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