{"id":8191,"date":"2020-07-13T19:10:01","date_gmt":"2020-07-13T17:10:01","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=8191"},"modified":"2020-07-13T19:10:02","modified_gmt":"2020-07-13T17:10:02","slug":"pandemie-und-oelkrise-naht-ein-zweiter-arabischer-fruehling","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=8191","title":{"rendered":"Pandemie und \u00d6lkrise \u2013 naht ein zweiter arabischer Fr\u00fchling?"},"content":{"rendered":"<p><strong>Erd\u00f6l wird immer g\u00fcnstiger und der aktuelle Preiskrieg k\u00f6nnte f\u00fcr die Herrschenden im Nahen und Mittleren Osten zum Problem werden. Im nachfolgenden Interview vom\u00a0 6.\u00a0Mai\u00a02020 spricht der franz\u00f6sisch-libanesische Politologe\u00a0Gilbert Achcar<!--more-->\u00a0dar\u00fcber, wie bald ein zweiter arabischer Fr\u00fchling entstehen k\u00f6nnte. Au\u00dferdem fordert er, dass die Linke in den USA die wahre Bedeutung von Internationalismus neu beleben muss.<\/strong><\/p>\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"633\" src=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/07\/28402534589_9b85f79b6f_k-1024x633.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-8192\" srcset=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/07\/28402534589_9b85f79b6f_k-1024x633.jpg 1024w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/07\/28402534589_9b85f79b6f_k-300x186.jpg 300w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/07\/28402534589_9b85f79b6f_k-768x475.jpg 768w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/07\/28402534589_9b85f79b6f_k.jpg 1200w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><figcaption>Junge in Kairo steht einem Heer Polizei gegen\u00fcber.<\/figcaption><\/figure>\n<p><strong><em>Ashley Smith: Wie werden sich die Pandemie und die weltweite Rezession auf den Nahen Osten und Nordafrika auswirken?<\/em><\/strong><\/p>\n<p><strong>Gilbert Achcar:<\/strong>\u00a0Es gibt einen Effekt, den diese Region mit dem Rest der Welt gemein haben wird. Dabei handelt es sich nat\u00fcrlich um diese gro\u00dfe Wirtschaftskrise, die immer mehr Gestalt annimmt und bereits schlimmer ist als alles, was die Welt seit der gro\u00dfen Weltwirtschaftskrise in den 1930er-Jahren gesehen hat.<\/p>\n<p>Eine Besonderheit gibt es allerdings f\u00fcr diese Region, und das sind die Vorkommen an \u00d6l und Erdgas. Diese Region ist von diesen Ressourcen wirtschaftlich komplett abh\u00e4ngig. Der Preis dieser Ressourcen ist jedoch so stark eingebrochen, dass er in den USA kurzzeitig bis auf einen Punkt unterhalb von Null gefallen ist; die Verk\u00e4ufer des \u00d6ls bezahlten K\u00e4ufer daf\u00fcr, ihnen ihr \u00d6l abzunehmen, weil ihre eigenen Lagerkapazit\u00e4ten daf\u00fcr nicht mehr ausreichten.<\/p>\n<p>Die F\u00fchrer Saudi-Arabiens befeuerten dabei diese Katastrophe, indem sie Anfang M\u00e4rz, gerade als die Coronakrise richtig Fahrt aufnahm, ihren sogenannten \u00d6lpreiskrieg starteten. Die Kombination aus \u00dcberproduktion und nachlassender Nachfrage aufgrund von Pandemie und Rezession erzeugte diese riesige \u00d6lschwemme und den daraus folgenden Preisverfall.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich wird sich der Preis mit der Zeit von diesem unterirdischen Level wieder erholen, aber da die Nachfrage aufgrund der w\u00e4hrend der Pandemie heruntergefahrenen Wirtschaft gering ist, wird er auf niedrigem Niveau stagnieren. Das wiederum wird verheerende wirtschaftliche Auswirkungen auf alle L\u00e4nder in der Region haben.<\/p>\n<p>Und das gilt nicht nur f\u00fcr Erd\u00f6l exportierende L\u00e4nder, sondern auch f\u00fcr andere L\u00e4nder in diesem Bereich. Auch deren jeweilige Wirtschaften sind von \u00d6l-Einnahmen abh\u00e4ngig, die sie in Form von Beihilfen und Investitionen von den \u00f6lreichen L\u00e4ndern erhalten.<\/p>\n<p>Allerdings wird es nicht alle L\u00e4nder gleich hart treffen. \u00d6lreiche L\u00e4nder mit geringer Bev\u00f6lkerungszahl oder hohem Pro-Kopf-Einkommen wie Saudi-Arabien werden zwar einige Sparma\u00dfnahmen ergreifen, sie verf\u00fcgen jedoch \u00fcber ein gewaltiges Finanzpolster, auf das sie zur\u00fcckgreifen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Erd\u00f6l exportierende L\u00e4nder mit einer zahlenm\u00e4\u00dfig gro\u00dfen Bev\u00f6lkerung wie der Iran, der Irak und Algerien werden sich sehr viel gr\u00f6\u00dferen Problemen gegen\u00fcbersehen. Ihre Wirtschaftssysteme sind erheblich schw\u00e4cher, sie verf\u00fcgen \u00fcber viel geringere finanzielle Reserven und sie werden gezwungen sein, strikte Sparma\u00dfnahmen durchzusetzen, was die Wut ihrer jeweiligen Bev\u00f6lkerung, die ja bereits im Verlauf des letzten Jahres massenhaft revoltiert hat, noch weiter anheizen wird.<\/p>\n<p>S\u00e4mtliche L\u00e4nder in der Region, die von den \u00d6lproduzenten abh\u00e4ngig sind, werden dann in schwere Krisen st\u00fcrzen. Urpl\u00f6tzlich steht ihnen dieses Geld der Golfstaaten nicht mehr zur Verf\u00fcgung, Geld, das Wirtschaftssysteme wie z.\u00a0B. die Wirtschaft \u00c4gyptens \u00fcber Wasser gehalten hat. Das Ergebnis ist immer striktere Sparsamkeit und immer weiter zunehmende Armut. Und so sieht sich die gesamte Region einer noch schlimmeren sozialen und wirtschaftlichen Krise gegen\u00fcber, als die, in der sie sich in den letzten zehn Jahren befunden hat.<\/p>\n<p><strong><em>Welche Auswirkungen hatte die Pandemie in der Region bisher?<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Die Auswirkungen waren nicht so apokalyptisch, wie viele bef\u00fcrchtet hatten. Zumindest bis jetzt waren sie es noch nicht. Einige reiche L\u00e4nder wie die Vereinigten Arabischen Emirate und Katar haben die Mittel, mit der Pandemie zurechtzukommen. Sie k\u00fcmmern sich dabei zwar um einige Teile der Bev\u00f6lkerung, um andere hingegen gar nicht, vor allem nicht um die Masse der Arbeitsmigranten.<\/p>\n<p>Diese Migranten leben bereits unter menschenunw\u00fcrdigen Bedingungen, es w\u00e4re f\u00fcr sie eine Katastrophe, br\u00e4che das Virus unter ihnen aus. Der Rest der Bev\u00f6lkerung jedoch ist erheblich besser gesch\u00fctzt und von diesen Menschen abgeschottet, da er unter mindestens so guten Bedingungen lebt wie die Bewohner der weiter n\u00f6rdlich gelegenen L\u00e4nder.<\/p>\n<p>Sollte sich das Virus jedoch in L\u00e4ndern wie \u00c4gypten oder dem Irak, ganz zu schweigen vom Jemen ausbreiten, wo die Lebensbedingungen f\u00fcr den gr\u00f6\u00dften Teil der Bev\u00f6lkerung extrem schlecht sind, w\u00e4ren die Auswirkungen entsetzlich. Der Iran ist bereits stark betroffen, die T\u00fcrkei scheint als n\u00e4chstes Land zu folgen.<\/p>\n<p><strong><em>Was f\u00fcr Auswirkungen werden die Pandemie und der Verfall des \u00d6lpreises auf das geopolitische Gleichgewicht in der Region haben?<\/em><\/strong><\/p>\n<p>\u00d6lreiche Golfstaaten wie Saudi-Arabien verf\u00fcgen \u00fcber gigantische Finanzreserven. Daher wird ihr Einfluss in der Region nicht allzu sehr leiden. Der Iran und dessen Einfluss werden hingegen sehr stark betroffen sein. Das Land leidet bereits sehr unter den von den USA verh\u00e4ngten Sanktionen, durch die die Folgen der Pandemie und des Verfalls des \u00d6lpreises noch erheblich verst\u00e4rkt werden.<\/p>\n<p>Das saudische \u00d6l hat die Wirtschaft des Irans in die Knie gezwungen; genau das war von Anfang an die Absicht der Herrschenden in Riad. Die Kombination all dieser Dinge ist f\u00fcr den Iran eine einzige Katastrophe. Die M\u00f6glichkeiten des Irans, seinen regionalen Einfluss in seinen Au\u00dfenposten Irak, Syrien und Libanon zu festigen, werden dadurch stark beschnitten.<\/p>\n<p>Hinter Saudi-Arabien stehen die USA, und in der Kombination sind die M\u00f6glichkeiten dieser beiden L\u00e4nder, die Region geopolitisch zu gestalten, erheblich gr\u00f6\u00dfer als die des Irans und dessen halbherzige Freunde Russland und China, die Ereignisse dort sehr viel weniger beeinflussen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Allerdings sehen sich alle gro\u00dfen wie auch alle regionalen M\u00e4chte aufgrund der Krise mit gro\u00dfen Problemen konfrontiert. Und wenn der Machtkampf nach dem Abflauen der Pandemie wieder Fahrt aufnimmt, k\u00f6nnten Kr\u00e4fte des Volkes die Initiative \u00fcbernehmen.<\/p>\n<p><strong><em>Sprechen wir doch mal \u00fcber den Zustand des Kampfes von unten. Im Verlauf des letzten Jahres wurden wir Zeugen einer neuen Welle von Aufst\u00e4nden, die von vielen als \u201ezweiter arabischer Fr\u00fchling\u201c bezeichnet wurde. Wie sieht es mit diesem Kampf jetzt aus?<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Im letzten Jahr sahen wir eine weltweite Welle des Widerstandes von Lateinamerika \u00fcber den Nahen Osten und Nordafrika bis Hongkong. All diese K\u00e4mpfe wurden durch die Pandemie paralysiert.<\/p>\n<p>In Hongkong hat die Regierung mit Peking im Hintergrund die Situation dazu genutzt, die Bewegung niederzukn\u00fcppeln. Dieselbe Geschichte im Nahen Osten und Nordafrika. In Algerien h\u00f6rten die gro\u00dfen w\u00f6chentlichen Demonstrationen auf und viele Leute wurden verhaftet. Auch im Sudan, im Libanon und im Irak liegen die K\u00e4mpfe auf Eis.<\/p>\n<p>Durch die Pandemie konnten die Staaten Lockdowns verh\u00e4ngen \u2013 nicht aus medizinischen, sondern aus politischen Gr\u00fcnden. Das haben sie liebend gern getan, ganz anders als Donald Trump in den USA oder Jair Bolsonaro in Brasilien \u2013 und zwar nicht, weil sie sich so sehr um die Gesundheit ihrer Bev\u00f6lkerung sorgten, sondern weil sie die Gelegenheit beim Schopf ergreifen konnten, sozialen Protesten ein Ende zu machen.<\/p>\n<p>Sobald die Pandemie vor\u00fcber ist, d\u00fcrfte aufgrund der Verschlimmerung der sozialen Krise ein erneutes Aufflammen der K\u00e4mpfe in noch gr\u00f6\u00dferem Umfang zu erwarten sein. Bereits jetzt beginnt die Bewegung, sowohl im Libanon als auch im Irak erneut ihren Kopf zu erheben. Die Menschen im Libanon wurden durch den Zusammenbruch der Wirtschaft dazu getrieben. Sie k\u00f6nnen sich nicht einmal mehr so grundlegende Dinge wie Nahrungsmittel leisten.<\/p>\n<p><strong><em>Im letzten Jahr des Aufstandes war der Sudan eines der zentralen L\u00e4nder. Wie stellt sich die Situation dort heute dar?<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Das Land befindet sich noch immer im selben Zustand des Umbruchs wie seit letztem Juli, als die Bewegung eine \u00dcbergangsl\u00f6sung mit dem Milit\u00e4r ausgehandelt hatte. Durch dieses Abkommen entstand etwas, das ich als Dualit\u00e4t der Macht zwischen der Volksbewegung und dem Milit\u00e4r beschreiben w\u00fcrde: Beide existieren nebeneinander innerhalb desselben Staates. Allerdings handelt es sich dabei um einen angespannten und vorl\u00e4ufigen Zustand, der zwangsl\u00e4ufig mit dem Sieg einer der beiden Seiten, also des Milit\u00e4rs oder der Bewegung, enden wird.<\/p>\n<p>Das Milit\u00e4r hat versucht, den Stillstand des Kampfes zu nutzen, um die Umsetzung einiger wichtiger Zugest\u00e4ndnisse, die die Milit\u00e4rspitzen machen mussten, zu verhindern. Nat\u00fcrlich k\u00f6nnten sie auch etwas in der Art eines Putsches versuchen. Die Volksbewegung w\u00fcrde sich jedoch einem solchen Versuch, welcher Art auch immer, vehement entgegenstellen, was das Land erneut in eine offene Konfrontation zwischen den Massen und dem Milit\u00e4r st\u00fcrzen w\u00fcrde.<\/p>\n<p><strong><em>Woraus sind die st\u00e4ndigen Wellen von K\u00e4mpfen in dieser Region entstanden? Was ist Teil des allgemeinen Musters der globalen Revolten, die wir erlebt haben, und was ist das Besondere an der politischen \u00d6konomie des Nahen Ostens und Nordafrikas?<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Der Neoliberalismus hat sich auf die ganze Welt gleicherma\u00dfen ausgewirkt, es gibt jedoch durchaus regionale und nationale Besonderheiten. Global gesehen hat der Drang des Neoliberalismus zu Privatisierung, Deregulierung und Internationalisierung die sozialen Ungleichheiten versch\u00e4rft und soziale Sicherheitsnetze ausgehebelt. All das hat f\u00fcr Widerstand gesorgt, der sich weltweit Bahn bricht, wenn auch mit unterschiedlicher St\u00e4rke.<\/p>\n<p>Aber wie ich schon seit dem arabischen Fr\u00fchling im Jahr 2011 sage, befindet sich die Region des Nahen Ostens und Nordafrikas in einem spezifischen, abgegrenzten und revolution\u00e4ren Umbruch aufgrund der Interaktion zwischen globalem Neoliberalismus, der besonderen absolutistischen Natur vieler Staaten dieser Region und deren wirtschaftlicher Abh\u00e4ngigkeit vom \u00d6l.<\/p>\n<p>Diese Kombination hat bei der wirtschaftlichen Entwicklung f\u00fcr einen strukturellen Stillstand gesorgt. Die Regime verweigern ihrer Bev\u00f6lkerung Freiheit und verlassen sich auf Eink\u00fcnfte durch \u00d6l und Gas. Dar\u00fcber hinaus flie\u00dft privates Geld nicht etwa in wirtschaftliche Entwicklungen, sondern in spekulative Investitionen.<\/p>\n<p>Durch all das ist der Einfluss des Neoliberalismus hier sehr viel gr\u00f6\u00dfer als anderswo auf der Welt. So verzeichnete diese Region \u00fcber viele Jahre hinweg die h\u00f6chste Zahl in puncto Jugendarbeitslosigkeit. Wege, diesem Problem durch demokratische Wahlen beizukommen, sind ausgeschlossen.<\/p>\n<p>Man kann dort weder eine Regierung aus dem Amt w\u00e4hlen noch das Verwaltungsteam \u00e4ndern oder eine Politik umkrempeln, wie das in Europa oder den USA m\u00f6glich w\u00e4re. Deshalb waren die Aufst\u00e4nde hier weitaus gr\u00f6\u00dfer als die Proteste in L\u00e4ndern wie Chile, Spanien oder Griechenland.<\/p>\n<p>In Nordafrika und im Nahen Osten hat ein lange w\u00e4hrender revolution\u00e4rer Prozess begonnen. Und die gesamte Gegend wird tief in ihrer Krise verwurzelt bleiben, es sei denn, es g\u00e4be eine radikale Transformation der gesamten sozialen, wirtschaftlichen und politischen Struktur.<\/p>\n<p><strong><em>Wir haben in der Region zwei Wellen des Aufstands gesehen. Was ist dort unter dem Strich bislang herausgekommen? Und was kann man aus dem revolution\u00e4ren Prozess lernen?<\/em><\/strong><\/p>\n<p>In diesem Zeitraum kam es in zehn L\u00e4ndern der Region zu gro\u00dfen Aufst\u00e4nden. Im Jahr 2011 waren es sechs, vier weitere gab es 2019. Fast die H\u00e4lfte der dortigen L\u00e4nder erlebte massive und lang anhaltende Revolten.<\/p>\n<p>Das ist eine revolution\u00e4re Schockwelle auf regionaler Ebene, vergleichbar in etwa dem, was Europa am Ende des ersten Weltkriegs erlebte. Schon allein das Ausma\u00df des Prozesses beweist, dass diese Aufst\u00e4nde nicht dem normalen Widerstand gegen den Neoliberalismus zuzurechnen sind.<\/p>\n<p>Von der ersten Welle des Aufstands bis zur zweiten ist die Bewegung politisch reifer geworden. Das wiederum ist typisch f\u00fcr langfristige revolution\u00e4re Prozesse, wie wir sie von der Geschichte her kennen. Sie durchlaufen eine Lernkurve, bei der sowohl die herrschenden Klassen als auch die Volksbewegung hinzulernen.<\/p>\n<p>Im arabischen Fr\u00fchling von 2011 geh\u00f6rten islamistische fundamentalistische Kr\u00e4fte zu den Hauptakteuren. Sie machten einen gro\u00dfen Teil der Opposition gegen die Diktaturen aus. Als die Aufst\u00e4nde begannen, sprangen sie auf diesen Zug mit auf und versuchten, die Revolten f\u00fcr ihre reaktion\u00e4ren Ziele zu usurpieren.<\/p>\n<p>Ungl\u00fccklicherweise waren sie damit in diversen L\u00e4ndern erfolgreich und dr\u00fcckten die progressiven Kr\u00e4fte an den Rand, da diese nicht gen\u00fcgend organisiert und nicht unabh\u00e4ngig genug waren, um eine politische Alternative anzubieten. Als Ergebnis wurden wir Zeugen eines Zusammenpralls zweier konterrevolution\u00e4rer Pole: die alten Regime auf der einen und die islamischen Fundamentalisten auf der anderen Seite.<\/p>\n<p>In einigen L\u00e4ndern nahm dies tragische, blutige Formen an: B\u00fcrgerkriege. Auf der regionalen Ebene verwandelte sich die urspr\u00fcngliche revolution\u00e4re Phase dann mit Beginn des Jahres 2013 in eine konterrevolution\u00e4re Phase. Seit damals gelang es den alten Regimen der Region, in Syrien und \u00c4gypten ihre Macht wiederherzustellen, teilweise auch in Tunesien.<\/p>\n<p><strong><em>Wie konnte die Bewegung wieder auferstehen? Und wie unterscheidet sich die neue Welle der Aufst\u00e4nde von der ersten?<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Die Bewegung war nie v\u00f6llig verschwunden. Trotz des R\u00fcckschlags im Jahr 2013 ging der revolution\u00e4re Prozess weiter. In der ganzen Region, von Marokko bis Tunesien, vom Sudan und Irak bis Jordanien, kam es immer wieder zu sozialen Eruptionen. Dann l\u00f6sten im Dezember 2018 die Unruhen im Sudan eine neue Welle von Aufst\u00e4nden aus, die dann auch Algerien, den Irak und den Libanon erfasste. Die Medien bezeichneten diese Welle als \u201ezweiten arabischen Fr\u00fchling\u201c.<\/p>\n<p>In dieser neuen Phase spielten die in der ersten Phase so \u00fcberaus prominent agierenden islamistischen fundamentalistischen Kr\u00e4fte \u00fcberhaupt keine Rolle mehr. Im Sudan hatten sie sich urspr\u00fcnglich mit der Diktatur verb\u00fcndet. Im Irak und im Libanon wurden die auf den Iran ausgerichteten fundamentalistischen Kr\u00e4fte sogar zum Hauptangriffsziel der Aufst\u00e4nde.<\/p>\n<p>In Algerien kollaborierte ein Teil der Fundamentalisten mit dem Regime und die Bewegung gestattete ihnen nicht, dort irgendeine Rolle zu spielen. Ungl\u00fccklicherweise erwies sich jedoch keine progressive Kraft als f\u00e4hig, einen nach vorn gerichteten nationalen Weg aufzuzeigen.<\/p>\n<p>In dieser Frage einer progressiven Alternative ist der Sudan ein Vorbild f\u00fcr den Rest der Region. Unter den zehn L\u00e4ndern, in denen es zu gro\u00dfen Aufst\u00e4nden gekommen war, verzeichnet der Sudan die gr\u00f6\u00dften Fortschritte.<\/p>\n<p><strong><em>Was haben die progressiven Kr\u00e4fte im Sudan gemacht, das so anders ist?<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Sie haben eine organisierte Bewegung aufgebaut, die auf mehreren Ebenen operiert. Die Grundlage bilden Basisorganisationen, die es in jedem Viertel gibt. Dort sind Tausende, vor allem junge Menschen eingebunden, die zumeist keiner politischen Partei angeh\u00f6ren, aber durch die Revolution, in der sie die treibende Kraft darstellen, radikalisiert wurden. Sie stellen deren kritisches Bewusstsein dar. Das ist auch der Grund, warum sie unbedingt ihre lokale Autonomie bewahren wollen und sich dem Zentralismus verweigern.<\/p>\n<p>Diese Komitees delegierten das Recht, die Volksbewegung zu repr\u00e4sentieren, an eine Koalition professionell agierender Vereinigungen, die vor dem Aufstand im Untergrund gebildet wurden und aus \u00c4rzten, Anw\u00e4lten, Journalisten, Lehrern und Professoren bestanden.<\/p>\n<p>Die \u201eSudanese Professionals Association\u201c hat die Aufgabe \u00fcbernommen, die K\u00e4mpfe auf nationaler Ebene zu koordinieren und zu zentralisieren. Sie ist mit politischen Parteien eine Koalition eingegangen, um der Diktatur die Opposition als eine geeinte Front entgegenzustellen. Damit zwang sie der Diktatur eine Vereinbarung ab, mit der die Macht \u00fcbergangsweise geteilt wurde. Das ist die aktuelle Situation mit dualer Macht, wie ich sie zuvor schon beschrieben habe.<\/p>\n<p>Der Sudan zeigt uns damit die Art von Organisation, die eine progressive Volksbewegung braucht, um gr\u00f6\u00dfere Ziele zu erreichen. Das bedeutet nat\u00fcrlich nicht, dass die Bewegung einen endg\u00fcltigen Sieg errungen hat. Zwischen der Bewegung und der Diktatur besteht weiterhin ein angespanntes Patt.<\/p>\n<p><strong><em>Was sind nun zusammenfassend f\u00fcr die Linke in der Region als zentrale Lektionen anzusehen? Und welche Haltung sollte die internationale Linke in Bezug auf diese K\u00e4mpfe einnehmen?<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Es gibt hier zwei Arten von Lektionen. Zum einen gibt es allgemeine Lektionen aus der Region f\u00fcr alle progressiven Bewegungen. So wie der Sudan mit seinem progressiven Kampf, der auf einer massiven Basisbewegung aufbaut, einen Pflock in den politischen Boden schl\u00e4gt, ist das z.\u00a0B. n\u00fctzlich f\u00fcr alle Menschen weltweit. Man stelle sich einfach nur vor, was wohl w\u00e4re, wenn die um Senator Bernie Sanders herum entstandene Bewegung dieselbe Form annehmen k\u00f6nnte, wie wir es im Sudan gesehen haben, wenn dort also im ganzen Land in allen Vierteln Basis-Kommitees aktiv w\u00fcrden!<\/p>\n<p>Bei der zweiten Lektion geht es um Internationalismus. Der arabische Fr\u00fchling konfrontierte die internationale Linke mit der Frage, ob sie sich in L\u00e4ndern, deren Regime kein gutes Verh\u00e4ltnis zu Washington hatten, auf die Seite der Regime oder auf die der Volksbewegungen schlagen w\u00fcrde. Das entpuppte sich f\u00fcr einige Teile der Linken, die nur an eine bin\u00e4re Sicht durch die Imperialisten\/Antiimperialisten-Brille gew\u00f6hnt waren, als echte Herausforderung.<\/p>\n<p>Die Aufst\u00e4nde r\u00fcttelten an diesem Ger\u00fcst. Sie wandten sich sowohl gegen von den USA unterst\u00fctzte Regime wie \u00c4gypten, Tunesien oder Bahrain als auch gegen andere Regime, denen die USA feindselig gegen\u00fcberstanden, wie Libyen oder Syrien, wobei letzteres von Russland, einer weiteren imperialistischen Macht, unterst\u00fctzt wird.<\/p>\n<p>In den USA unterst\u00fctzten viel zu viele vorgeblich links ausgerichtete Leute das syrische Regime, nur weil es von der amerikanischen Regierung bek\u00e4mpft wird, und weigerten sich, Solidarit\u00e4t mit der syrischen Revolution zu zeigen, selbst in deren anf\u00e4nglich vom Volk getragenen Phase. Sie verteidigten weiterhin das Regime, trotz all der von ihm begangenen Gr\u00e4ueltaten. Paradoxerweise taten sie das im Namen des Antiimperialismus, als das syrische Regime in Wirklichkeit von einer weiteren imperialistischen Macht, Russland, unterst\u00fctzt wurde, ein Land, das sehr gro\u00dfen Anteil an den Massakern in Syrien hat.<\/p>\n<p>Das hat absolut nichts mit Internationalismus zu tun, denn Internationalismus bedeutet mehr als alles andere vor allem eins: Solidarit\u00e4t mit den ausgebeuteten und unterdr\u00fcckten Massen. Die Linke sollte immer auf der Seite der Unterdr\u00fcckten und Ausgebeuteten stehen, die f\u00fcr Demokratie und soziale Gerechtigkeit k\u00e4mpfen, ganz gleich, ob der Staat, dem sie sich entgegenstellen, f\u00fcr oder gegen Washington ist.<\/p>\n<p>Internationalismus bedeutete nie, dass man sich mit einem Imperialismus gegen einen anderen stellt, Internationalismus bedeutete immer grenz\u00fcberspannende Solidarit\u00e4t zwischen unterdr\u00fcckten V\u00f6lkern und Arbeiterklassen. Diese wahre Bedeutung von Internationalisierung m\u00fcssen wir unbedingt wiederbeleben.<\/p>\n<p><em>Gilbert Achcar ist Dozent f\u00fcr Entwicklungsstudien und internationale Beziehungen an der SOAS University of London. Zu seinen j\u00fcngsten B\u00fcchern geh\u00f6ren \u201eMarxism, Orientalism, Cosmopolitanism\u201c\u00a0(2013), \u201eThe People Want\u201c\u00a0(2013) und \u201eMorbid Symptoms: Relapse in the Arab Spring Uprising\u201c\u00a0(2016).<\/em><\/p>\n<p>Original:\u00a0<a href=\"https:\/\/truthout.org\/articles\/pandemic-and-oil-crisis-could-make-second-arab-spring-return-with-a-vengeance\/\">https:\/\/truthout.org\/articles\/pandemic-and-oil-crisis-could-make-second-arab-spring-return-with-a-vengeance\/<\/a><\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/intersoz.org\/pandemie-und-oelkrise-naht-ein-zweiter-arabischer-fruehling\/\"><em>intersoz.org&#8230;<\/em><\/a><em> vom 13. Juli 2020<\/em><\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Erd\u00f6l wird immer g\u00fcnstiger und der aktuelle Preiskrieg k\u00f6nnte f\u00fcr die Herrschenden im Nahen und Mittleren Osten zum Problem werden. Im nachfolgenden Interview vom\u00a0 6.\u00a0Mai\u00a02020 spricht der franz\u00f6sisch-libanesische Politologe\u00a0Gilbert Achcar<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[2,6,7,5],"tags":[99,9,18,82,86,107,45,27,98,15,54,46],"class_list":["post-8191","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-debatte","category-geschichte-und-theorie","category-international","category-kampagnen","tag-aegypten","tag-arabische-revolutionen","tag-imperialismus","tag-irak","tag-iran","tag-libanon","tag-neoliberalismus","tag-russland","tag-sudan","tag-syrien","tag-tuerkei","tag-usa"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/8191","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=8191"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/8191\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":8193,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/8191\/revisions\/8193"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=8191"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=8191"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=8191"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}