{"id":8218,"date":"2020-07-20T11:07:12","date_gmt":"2020-07-20T09:07:12","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=8218"},"modified":"2020-07-20T11:07:14","modified_gmt":"2020-07-20T09:07:14","slug":"enteignung-des-kapitals-und-reorganisation-von-handel-und-logistik","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=8218","title":{"rendered":"Enteignung des Kapitals und Reorganisation von Handel und Logistik"},"content":{"rendered":"<p><em>J\u00fcrgen Roth. <\/em>Angesichts der drohenden Massenentlassungen bei Galeria Karstadt-Kaufhof (GKK) stehen tausende Besch\u00e4ftigte mit dem R\u00fccken zur Wand. Nicht nur in diesem Einzelhandelskonzern brechen die Ums\u00e4tze ein, vollzieht sich eine massive Umstrukturierung.<!--more--><\/p>\n<p>Die Gewerkschaft ver.di, Betriebsr\u00e4te, aber sicher auch viele Angestellte hoffen, dass \u201eihre\u201c Filiale, ihr \u201eArbeitsplatz\u201c durch Protestaktionen doch gerettet werden kann \u2013 eine Gesamtkonzept f\u00fcr eine von Krise und Umstrukturierung gepr\u00e4gte Branche fehlt jedoch. Daher erscheint auf den ersten Blick der entschlossene Kampf einzelner H\u00e4user, einzelner Standorte, verbunden mit Druck durch die Kommunalpolitik als einzige M\u00f6glichkeit, das Schlimmste zu verhindern.<\/p>\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"800\" height=\"566\" src=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/07\/AP2018Titelquer-800x566-1.gif\" alt=\"\" class=\"wp-image-8219\"\/><\/figure>\n<p>In Wirklichkeit zeigen sich jedoch die Grenzen dieser rein gewerkschaftlich und betrieblich ausgerichteten Taktik. Vom Standpunkt des einzelnen Handelskapitals macht es schlie\u00dflich Sinn, ja erzwingt die Konkurrenz geradezu, die unprofitablen oder weniger profitablen H\u00e4user zu schlie\u00dfen \u2013 schlie\u00dflich geht es wie bei jedem kapitalistischen Unternehmen nicht darum, die K\u00e4uferInnen mit m\u00f6glichst guten Produkten zu versorgen, sondern aus dem Handel m\u00f6glichst gro\u00dfen Gewinn zu ziehen. Dabei setzen den \u201eklassischen\u201c Kaufh\u00e4usern, die nat\u00fcrlich selbst auch immer profitorientiert waren, die aktuelle Krise, schrumpfende Kaufkraft der Masse der KundInnen, Internethandel, aber auch die Immobilienspekulation massiv zu.<\/p>\n<p><strong>Konkurrenz und Privateigentum<\/strong><\/p>\n<p>Eine grundlegende L\u00f6sung des Problems ist freilich unm\u00f6glich, wenn die Verteidigung der unmittelbaren Interessen der Besch\u00e4ftigten \u2013 Kampf gegen alle Entlassungen, K\u00fcrzungen, weitere Flexibilisierung der Arbeitszeit, Erhalt der jeweiligen Standorte \u2013 nicht mit grundlegenden Forderungen verbunden wird, die das Privateigentum selbst in Frage stellen.<\/p>\n<p>Das beginnt schon bei der Frage von Grund und Boden. Diese m\u00fcssen durch die Gemeinden entsch\u00e4digungslos enteignet werden, um zu verhindern, dass Wohnen, Gewerbe und Dienstleistungen dem Allgemeinwohl zugutekommen k\u00f6nnen, ohne von den Rentenanspr\u00fcchen des parasit\u00e4ren Grundbesitzes abh\u00e4ngig zu sein. Wenn z.\u00a0B. Benko mehr Geld mit der Vermietung der H\u00e4user machen kann als mit dem Einzelhandel, so ist es aus seiner Sicht nur folgerichtig, diese \u201eabzusto\u00dfen\u201c, um mit Immobilienspekulation h\u00f6here Gewinne einzufahren. Wenn das unterbunden werden soll, m\u00fcssen Grund, Boden und Immobilien enteignet werden \u2013 daran f\u00fchrt kein Weg vorbei!<\/p>\n<p>Zweitens f\u00fchrt die Konkurrenz im Handel bei sinkender Kaufkraft logischerweise dazu, dass sich die einzelnen Kapitale durchsetzen k\u00f6nnen, wenn sie ihrerseits die Kosten dr\u00fccken. Daher planen sie, unrentable oder wenig rentable Standorte zu schlie\u00dfen, die Belegschaften auszud\u00fcnnen, die Arbeitsintensit\u00e4t zu erh\u00f6hen und L\u00f6hne zu k\u00fcrzen. F\u00fcr die Lohnabh\u00e4ngigen kann es aber nicht darum gehen, die Konkurrenzf\u00e4higkeit \u201eihres\u201c Unternehmens zu sichern \u2013 das kann nur zur Verschlechterung der eigenen und anderer Arbeitsbedingungen f\u00fchren und die Entsolidarisierung untereinander bef\u00f6rdern.<\/p>\n<p>Daher kann es der LohnarbeiterInnenschaft und ihren Verb\u00fcndeten, den 99\u00a0% dieser Gesellschaft, nicht darum gehen, gleiche und scheinbar \u201efaire\u201c Konkurrenzbedingungen im Handel k\u00fcnstlich zu schaffen, sondern ihn von unten zu planen, durch ein gesellschaftliches System der Verteilung zu ersetzen. Das setzt jedoch voraus, dass Handel und Warenlogistik \u2013 also die fungierenden Kapitale in diesem Sektor \u2013 entsch\u00e4digungslos unter ArbeiterInnenkontrolle enteignet werden.<\/p>\n<p>Damit diese Ma\u00dfnahmen ihre volle Wirkung dauerhaft entfalten und Teile einer Reorganisation der gesamten Produktion und Reproduktion in der Gesellschaft werden, bedarf es nat\u00fcrlich auch der Enteignung der Banken und Konzerne sowie des Sturzes ihres Staates und Ersetzung durch einen ArbeiterInnenstaat. Eine Verstaatlichung einzelner Sektoren wie Handel und Logistik kann daher nur als \u00dcbergangsma\u00dfnahme verstanden werden \u2013 aber schon als solche kann sie den aktuell drohenden Entlassungen und Schlie\u00dfungen, also der L\u00f6sung der Krise in diesem Sektor auf dem R\u00fccken der Besch\u00e4ftigten und KonsumentInnen entgegenwirken.<\/p>\n<p>Die bei Amazon, Ebay oder anderen Sektoren des Handels und Vertriebs Arbeitenden sind sicher die erste Ansprechadresse f\u00fcr die Besch\u00e4ftigen bei GKK oder anderen Ketten auf diesem Weg.<\/p>\n<p>Ein erster Schritt im gemeinsamen Kampf der gesamten Branche m\u00fcsste die Anpassung und Erh\u00f6hung der Tarife auf den h\u00f6chsten Standard sein \u2013 konkret bei Amazon und anderen die Einf\u00fchrung des besser entlohnten Tarifs f\u00fcr den Einzelhandel, ein Ziel, f\u00fcr das die GewerkschafterInnen bei Amazon schon seit Jahren, bisher erfolglos gek\u00e4mpft haben. Gemeinsame, fl\u00e4chendeckende bis hin zu politischen Streiks k\u00f6nnten so der praktische Beginn des Schulterschlusses von Besch\u00e4ftigten in verschiedenen Formen des Handels (Laden, Kaufhaus, Online) und in der Handelslogistik werden.<\/p>\n<p><strong>F\u00fcr einen integrierten und geplanten Handels- und Logistiksektor im Interesse der 99\u00a0%!<\/strong><\/p>\n<p>Die entsch\u00e4digungslose Verstaatlichung aller gro\u00dfen Player in diesen Brachen w\u00fcrde aber nicht nur erm\u00f6glichen, dass Entlassungen verhindert und die vorhandene Arbeit unter den Besch\u00e4ftigten aufgeteilt wird, prek\u00e4re Arbeitsverh\u00e4ltnisse in tariflich gesicherte umgewandelt werden. Sie w\u00fcrde auch die Reorganisation des Handels und der Logistik im Interesse der KonsumentInnen und \u00f6kologischer Nachhaltigkeit erm\u00f6glichen.<\/p>\n<p>Eine Fusion von Internet- und sonstiger Warenlogistik zu einem einzigen Unternehmen in Staatshand kann sicherstellen, dass Arbeits- und \u00d6ffnungszeiten verringert werden, auch l\u00e4ndliche Gebiete vollst\u00e4ndige wohnortnahe Angebote wahrnehmen k\u00f6nnen. Dazu kann einerseits der Lieferservice auf Wunsch f\u00fcr G\u00fcter des allt\u00e4glichen Bedarfs erweitert, andererseits er auf das auch \u00f6kologisch rationale Ma\u00df zurechtgestutzt werden. Wie? Indem z.\u00a0B. die im Internet bestellten Artikel ebenso schnell wie bisher oder z\u00fcgiger entweder im n\u00e4chstgelegenen Laden abgeholt werden k\u00f6nnen, wo sie vorr\u00e4tig sind, oder von dort Sammelauslieferungen erfolgen, sei es aus dem Lager oder nach Eingang der \u00fcbers Internet bestellten gelieferten Produkte. Auf diese Weise erfolgt die Feinverteilung an der Basis, in der Fl\u00e4che und die Gro\u00dflieferung wie bisher \u00fcber Gro\u00dfhandel bzw. Fabrik an den Einzelhandel einschlie\u00dflich der von KundInnen im Internet bestellten G\u00fcter. Dieser integrierte Distributionssektor, der schon Formen einer zuk\u00fcnftigen, sozialistischen Gesellschaft vorwegnehmen w\u00fcrde, spart nicht nur Arbeitszeit, sondern auch Verpackungsm\u00fcll und Treibstoff. Ein in der ganzen Republik fl\u00e4chendeckendes Angebot, also auch in Landstrichen, die schon lange Jahre weder Warenh\u00e4user, Lebensmittelgesch\u00e4fte, (Zahn-)\u00c4rztInnen, Apotheken oder Restaurants und Kneipen kennen, tut das Seinige dazu mit eingesparten Wegen und Zeiten sowie einer Bev\u00f6lkerung, die erstmals wieder Ber\u00fccksichtigung und Wertsch\u00e4tzung erf\u00e4hrt, wie sie ihr immer schon angemessen gewesen w\u00e4ren.<\/p>\n<p>Diese knappe Skizze m\u00fcsste nat\u00fcrlich konkretisiert werden. Wir wollen aber mit den obigen \u00dcberlegungen deutlich machen, dass beim Kampf gegen die drohenden Massenentlassungen der politische Horizont \u00fcber die Frage der Verteidigung des Bestehenden hinausgehen kann \u2013 und muss! Wenn wir der ruin\u00f6sen Konkurrenz etwas entgegensetzen wollen, muss diese Auseinandersetzung mit einer positiven Vorstellung zur Reorganisation des gesamten Sektors, letztlich der gesamten Gesellschaft verbunden werden.<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"http:\/\/arbeiterinnenmacht.de\/2020\/07\/19\/enteignung-des-kapitals-und-reorganisation-von-handel-und-logistik\/\"><em>arbeiterinnenmacht.de&#8230;<\/em><\/a><em> vom 20. Juli 2020<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>J\u00fcrgen Roth. Angesichts der drohenden Massenentlassungen bei Galeria Karstadt-Kaufhof (GKK) stehen tausende Besch\u00e4ftigte mit dem R\u00fccken zur Wand. 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