{"id":8241,"date":"2020-07-22T16:39:21","date_gmt":"2020-07-22T14:39:21","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=8241"},"modified":"2020-07-22T16:39:23","modified_gmt":"2020-07-22T14:39:23","slug":"die-neuen-grossgrundbesitzer","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=8241","title":{"rendered":"Die neuen Grossgrundbesitzer"},"content":{"rendered":"<p><em>Bodenatlas 2015. <\/em><strong>Die landwirtschaftlichen Strukturen in der Europ\u00e4ischen Union sind im Umbruch. W\u00e4hrend wenige sehr grosse Betriebe weiter wachsen, geben immer mehr kleine Betriebe auf.<\/strong><!--more--><\/p>\n<p>Ihre Zahl hat sich von 2000 bis 2010 um 28 Prozent reduziert und sinkt weiter. Hier liegt nicht einfach ein marktgetriebener Strukturwandel vor. Zwei staatliche, einander erg\u00e4nzende politische Instrumente treiben den Prozess voran: die EU-Agrarsubventionen und die staatliche Bodenpolitik in den einstigen Ostblockl\u00e4ndern.<\/p>\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"912\" height=\"340\" src=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/07\/Slovakia_Sedlice_54_1.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-8243\" srcset=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/07\/Slovakia_Sedlice_54_1.jpg 912w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/07\/Slovakia_Sedlice_54_1-300x112.jpg 300w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/07\/Slovakia_Sedlice_54_1-768x286.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 912px) 100vw, 912px\" \/><figcaption>Bild: Landwirtschaftsfelder in der Slowakei. \/\u00a0<a href=\"https:\/\/commons.wikimedia.org\/wiki\/File:Slovakia_Sedlice_54.jpg\">Doko<\/a>\u00a0<a href=\"https:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by-sa\/3.0\/deed.de\">(CC BY-SA 3.0 cropped)<\/a>\u00a0<\/figcaption><\/figure>\n<p>Die EU-Agrarsubventionen machen mit j\u00e4hrlich 55 Milliarden Euro rund 45 Prozent des EU-Haushaltes aus. Ein grosser Teil dieses Geldes ist an die Fl\u00e4che der Betriebe gebunden, rund 300 Euro werden pro Hektar gezahlt. Der in Ostdeutschland t\u00e4tige Grossbetrieb KTG Agrar mit rund 30.000 Hektar erh\u00e4lt so rund 9 Millionen Euro j\u00e4hrlich. Die neueren EU-Mitgliedsl\u00e4nder vergeben geringere Subventionen pro Hektar, doch in den n\u00e4chsten Jahren ist eine Angleichung zu erwarten. Durch die Fl\u00e4chenbindung erhalten die gr\u00f6ssten 20 Prozent der Betriebe rund 85 Prozent aller EU-Agrarsubventionen, und das 1 Prozent der allergr\u00f6ssten Betriebe kassiert schon 30 Prozent.<\/p>\n<p>Daran wird sich auch so schnell nichts \u00e4ndern: Die bei der j\u00fcngsten Agrarrefom eingef\u00fchrten Kappungsgrenzen ab 2015 sind f\u00fcr die einzelnen EU-L\u00e4nder freiwillig und werden zum Beispiel in Deutschland nicht angewendet. Einige weitere Bestimmungen f\u00fchren dazu, dass Grossbetriebe \u00fcber 1.000 Hektar k\u00fcnftig h\u00f6chstens 1 bis 2 Prozent weniger Beihilfen bekommen als 2014. Rechnet man alle Subventionen f\u00fcr Grossbetriebe auf die Arbeitspl\u00e4tze um, so erhalten diese rationalisierten Agrarunternehmen je Arbeitskraft bis zu 150.000 Euro an Subventionen j\u00e4hrlich. Eine Person im kleinen b\u00e4uerlichen Betrieb bekommt hingegen im Mittel weniger als 8.000 Euro.<\/p>\n<p>Mehrere Versuche, die Wettbewerbsverzerrung zu beenden, sind gescheitert, beispielsweise 2002 eine Initiative von EU-Agrarkommissar Fischler und 2007 eine seiner Nachfolgerin Fischer-Boel. Beide haben mehrfach betont, dass sie am Widerstand von weniger als 1.500 ostdeutschen Grossbetrieben gescheitert sind, die \u00fcber den Deutschen Bauernverband, die ostdeutschen Landesregierungen und die jeweilige Bundesregierung jede Reform in Br\u00fcssel verhindert haben. Erfolg hatte diese Lobbyarbeit wohl auch, weil die industrialisierte ostdeutsche Agrarstruktur f\u00fcr die EU-Kommission ein w\u00fcnschenswertes Vorbild f\u00fcr die weitere Entwicklung in der EU zu sein scheint.<\/p>\n<p>In den ehemaligen Ostblockl\u00e4ndern gab und gibt es ein sowjetisches Erbe: die staatliche Bodenpolitik. Schon unter Lenin brach die Kommunistische Partei die traditionellen Verh\u00e4ltnisse auf dem Land auf, verstaatlichte viele Betriebe und legte sie zusammen. B\u00e4uerliche Agrarstrukturen wurden marginalisiert. Nur in Polen ist die Lage besser; dort hatten sich die Bauern erfolgreich gegen die Kollektivierung gewehrt. Weil die sozialistischen Kader jedoch in den meisten L\u00e4ndern auch nach 1990 nicht an Einfluss verloren, behielten die Nachfolgebetriebe der landwirtschaftlichen Kollektivstrukturen das einst verstaatlichte Land.<\/p>\n<p>In Ostdeutschland machten die staatlichen Fl\u00e4chen des Bundes nach 1990 rund 40 Prozent der dortigen landwirtschaftlichen Nutzfl\u00e4che aus. Die Treuhandanstalt und ihr Nachfolger ab 1992, die Bodenverwertungs- und Verwaltungsgesellschaft (BVVG), vergaben diese Fl\u00e4chen nahezu ausschliesslich an die grossen landwirtschaftlichen Firmen, die sich nach der Wende aus den DDR-Betrieben mit ihrer alten Agrarnomenklatura gebildet hatten. Mittlerweile sind sie zu grossen Anteilen verkauft. Die Verteilung der Fl\u00e4chen hat ein quasi feudales Ausmass erreicht.<\/p>\n<p>Als Aussage \u00fcber die Konzentration in der Landwirtschaft benutzen Statistiker die 20-Prozent-Schwelle: Wie viel Prozent der gr\u00f6ssten Betriebe in einem Staat bewirtschaften ein F\u00fcnftel der Agrarfl\u00e4chen? Und wie gross sind diese Betriebe? In Gesamtdeutschland sind es 0,66 Prozent, die eine mittlere Gr\u00f6sse von 1.391 Hektar haben. Doch diese Betriebe liegen fast ausschliesslich in Ostdeutschland; in Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen gibt es nur zehn bzw. vier Betriebe mit mehr als 1.000 Hektar Wirtschaftsfl\u00e4che. Im S\u00fcdosten Europas sind die Gr\u00f6ssenordnungen vergleichbar.<\/p>\n<p>In Bulgarien bewirtschaften die gr\u00f6ssten 0,04 Prozent der Betriebe \u2013 im Durchschnitt 3.128 Hektar gross \u2013 20 Prozent der Nutzfl\u00e4che, in Ungarn sind es 0,44 Prozent mit 3.164 Hektar, in der Slowakei 0,14 Prozent und 3.934 Hektar; in anderen L\u00e4ndern, wiederum von Polen abgesehen, ist es \u00e4hnlich. Die durchschnittliche Betriebsgr\u00f6sse liegt in diesen L\u00e4ndern niedrig, was an der grossen Anzahl kleiner Betriebe- und Subsistenzbetriebe unter 10 Hektar liegt. Die kleinen Betriebe sind auch deshalb so klein, weil sie nach 1990 keinen Zugang zu den staatlichen Fl\u00e4chen erhielten.<\/p>\n<p>In West- und Mitteleuropa gibt es dagegen bis heute in vielen Regionen eine b\u00e4uerlich verfasste Agrarstruktur mit einer breiten Eigentumsstreuung. Grossbritannien ist mit vielen grossen Betrieben eine Ausnahme, aber dort gibt es zugleich eine breite landwirtschaftliche Mittelschicht: Rund die H\u00e4lfte des Landes wird von Betrieben zwischen 20 und 200 Hektar bewirtschaftet. Im Osten fehlt diese Gruppe fast vollst\u00e4ndig.<\/p>\n<p>In den EU-L\u00e4ndern mit Grossgrundbesitz entwickelt sich ausserdem ein f\u00fcr Europa neues Ph\u00e4nomen, der Ausverkauf von Fl\u00e4chen an externe Investoren. Ackerland gilt seit der Finanzkrise auch in der EU als stabile Anlage. Der Verkauf ist vor allem auf grosse zusammenh\u00e4ngende Fl\u00e4chen und Betriebe konzentriert. In den westlichen Regionen mit ihrer gemischt klein-, mittel- und grossb\u00e4uerlichen Struktur ist die Entwicklung bis heute nicht von Belang, in den \u00f6stlichen jedoch sehr. Der Verkauf an die Investoren spielt in Rum\u00e4nien eine so bedeutsame Rolle, dass die Regierung in Bukarest 2014 mehrere Gesetze verabschiedet hat, die Familienbetriebe von 30 bis 100 Hektar unterst\u00fctzen sollen \u2013 nachdem die EU das bisherige System der Agrarbeihilfen mit wenigen Ver\u00e4nderungen bis 2020 verl\u00e4ngert hat.<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch\/politik\/europa\/ostdeutschland-ostblock-die-neuen-grossgrundbesitzer-5899.html\"><em>untergrund-bl\u00e4ttle.ch&#8230;<\/em><\/a><em> vom 22. Juli 2020<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bodenatlas 2015. Die landwirtschaftlichen Strukturen in der Europ\u00e4ischen Union sind im Umbruch. 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