{"id":8295,"date":"2020-08-15T10:17:35","date_gmt":"2020-08-15T08:17:35","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=8295"},"modified":"2020-08-15T10:17:36","modified_gmt":"2020-08-15T08:17:36","slug":"5-antworten-die-der-marxismus-leo-trotzkis-heute-auf-die-krise-geben-kann","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=8295","title":{"rendered":"5 Antworten, die der Marxismus Leo Trotzkis heute auf die Krise geben kann"},"content":{"rendered":"<p><em>Stefan Schneider. <\/em><strong>Wir stehen am Beginn der sch\u00e4rfsten Weltwirtschaftskrise seit den 1930er Jahren. Die Epoche von Krisen, Kriegen und Revolutionen lebt wieder auf. Hier sind f\u00fcnf Antworten, die der Marxismus Leo Trotzkis uns angesichts<!--more--> dieser Situation anbieten kann, auch 80 Jahre nach seiner Ermordung.<\/strong><\/p>\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"890\" height=\"550\" src=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/08\/Leon_Trotsky_at_his_desk-890x550-1.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-8296\" srcset=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/08\/Leon_Trotsky_at_his_desk-890x550-1.jpg 890w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/08\/Leon_Trotsky_at_his_desk-890x550-1-300x185.jpg 300w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/08\/Leon_Trotsky_at_his_desk-890x550-1-768x475.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 890px) 100vw, 890px\" \/><\/figure>\n<p>Vor 80 Jahren, im August 1940, wurde Leo Trotzki in seinem mexikanischen Exil von einem stalinistischen Agenten ermordet. Zuvor hatte er sich mehr als 15 Jahre gegen den Prozess der B\u00fcrokratisierung in der Sowjetunion und gegen die Politik der stalinisierten Kommunistischen Parteien gewehrt. Er wollte das revolution\u00e4re internationalistische Erbe der russischen Oktoberrevolution verteidigen und angesichts der gro\u00dfen Krisen der 1920er und 1930er Jahre, die schlie\u00dflich in einen neuen Weltkrieg m\u00fcnden sollten, eine revolution\u00e4re Alternative anbieten.<\/p>\n<p>Heute, 80 Jahre nach seinem Tod, steht die Welt erneut am Beginn einer tiefgr\u00fcndigen Krise: Millionen neue Arbeitslose, hunderttausende Tote aufgrund der Covid19-Pandemie, drastische Einbr\u00fcche der Weltwirtschaft, versch\u00e4rfte Konkurrenz zwischen den Nationalstaaten und der Aufstieg rechter Krisenl\u00f6sungen. Doch ebenso gewaltsame Rebellionen nicht nur in halbkolonialen L\u00e4ndern von Ecuador bis Iran, sondern auch in imperialistischen Zentren wie den USA. Kurzum: Wir kommen wieder in eine Epoche von Krisen, Kriegen und Revolutionen. Und der Marxismus Leo Trotzkis kann uns auch heute dringend ben\u00f6tigte Antworten geben, damit nicht erneut zig Millionen von Arbeiter*innnen weltweit die kapitalistische Krise mit ihrem Leben bezahlen m\u00fcssen.<\/p>\n<ol>\n<li><strong> Die Arbeiter*innen halten die Welt am Laufen \u2013 und k\u00f6nnen sie auch lahmlegen<\/strong><\/li>\n<\/ol>\n<p>Die erste Antwort, die uns Leo Trotzki in der aktuellen Situation geben kann, ist vor allem ein Abbild der Realit\u00e4t selbst: Die Coronavirus-Pandemie hat aufgezeigt, welch zentrale \u2013 lebensnotwendige \u2013 Rolle die Arbeiter*innenklasse in der Aufrechterhaltung der gesamten Gesellschaft spielt: Ohne die Millionen Arbeiter*innen \u201ean vorderster Front\u201c \u2013 viele von ihnen Frauen und Migrant*innen \u2013 in den Krankenh\u00e4usern, den Lieferketten, den essentiellen Produktionssektoren und Dienstleistungen kommt jede Gesellschaft zum Erliegen. W\u00e4hrend b\u00fcrgerliche und postmoderne Ideologien im Neoliberalismus vom \u201eEnde der Arbeiter*innenklasse\u201c sprachen, hat die Krise diese neoliberale M\u00e4r objektiv zerst\u00f6rt.<\/p>\n<p>Doch Leo Trotzki wusste, dass die objektiven Bedingungen allein nicht ausreichen. 1938 \u2013 am Vorabend des Zweiten Weltkriegs \u2013 formulierte er im\u00a0<a href=\"https:\/\/trotzkismus.wordpress.com\/2012\/08\/21\/der-todeskampf-des-kapitalismus-und-die-aufgaben-der-iv-internationale-1\/\"><strong>\u00dcbergangsprogramm<\/strong><\/a>\u00a0den Widerspruch zwischen der objektiven Krise und der Antwort derjenigen Klasse, die als einzige einen progressiven Ausweg aus der Krise anbieten k\u00f6nnte: dem Proletariat. Er schrieb:\u00a0<em>\u201eDie weltpolitische Lage in ihrer Gesamtheit ist vor allem gekennzeichnet durch die historische Krise der F\u00fchrung des Proletariats.\u201c<\/em>\u00a0Und weiter:\u00a0<em>\u201eDie objektiven Voraussetzungen der proletarischen Revolution sind nicht nur schon \u201ereif\u201c, sie haben sogar bereits zu verfaulen begonnen. Ohne sozialistische Revolution, und zwar in der n\u00e4chsten geschichtlichen Periode, droht der ganzen menschlichen Kultur eine Katastrophe. Alles h\u00e4ngt vom Proletariat ab, d.h. in erster Linie von seiner revolution\u00e4ren Vorhut. Die historische Krise der Menschheit ist zur\u00fcckzuf\u00fchren auf die Krise der revolution\u00e4ren F\u00fchrung.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Auch wenn wir heute noch nicht unmittelbar vor einem neuen Weltkrieg stehen wie damals, als Trotzki diese Zeilen schrieb, k\u00f6nnten sie angesichts der sich verschlimmernden Klimakatastrophe, die schon jetzt jedes Jahr Millionen von Menschen ihre Lebensgrundlage entzieht, und der sich ausbreitenden kombinierten Krise aus Pandemie und Wirtschaftskrise, kaum aktueller sein. Die Bourgeoisie beweist in diesen Tagen ein ums andere Mal, dass ihr kurzfristige Profitinteressen unendlich viel wichtiger sind als Menschenleben: Arbeiter*innen werden wie bei T\u00f6nnies dazu gezwungen, f\u00fcr Hungerl\u00f6hne ihre Gesundheit in Kauf zu nehmen, andere werden wie bei Galeria Karstadt Kaufhof oder der Lufthansa entlassen, w\u00e4hrend die Bosse Millionen an Staatshilfen kassieren. W\u00e4hrenddessen l\u00e4uft die Zerst\u00f6rung unseres Planeten durch Bergbauunternehmen, Automobil- und R\u00fcstungsindustrie ungest\u00f6rt weiter und zeigt, dass der Kapitalismus v\u00f6llig unf\u00e4hig dazu ist, selbst minimale Ma\u00dfnahmen zum Umweltschutz durchzusetzen. Ob wir diese Krise \u00fcberwinden, d.h. ob wir die Bourgeoisie bezwingen oder stattdessen zulassen, dass sie den Planeten zerst\u00f6rt, h\u00e4ngt von der F\u00e4higkeit des Proletariats ab, diesen Kampf anzuf\u00fchren. Die Grundz\u00fcge des daf\u00fcr notwendigen Programms sind im \u201e\u00dcbergangsprogramm\u201c angelegt.<\/p>\n<p>Mehr als je zuvor stehen wir jedoch heute vor dem erw\u00e4hnten Widerspruch: W\u00e4hrend die Arbeiter*innenklasse zahlenm\u00e4\u00dfig gr\u00f6\u00dfer ist als jemals in der Weltgeschichte und w\u00e4hrend die Krise ihre zentrale gesellschaftliche Rolle in Produktion und Reproduktion offenbart hat, ist sie heute noch mehr als zu Zeiten Trotzkis zersplittert. Selbst in den Aufst\u00e4nden der vergangenen Jahre von Chile bis Frankreich und auch heute in den USA sind viele Arbeiter*innen zwar auf der Stra\u00dfe \u2013 jedoch vereinzelt, als Individuen und \u201eStaatsb\u00fcrger*innen\u201c, nicht als organisierte Klasse. Eine zentrale Aufgabe von Revolution\u00e4r*innen heute ist es deshalb, diese Vereinzelung, diese Zersplitterung zu \u00fcberwinden und dazu beizutragen, dass die Arbeiter*innenklasse ihre Macht\u00a0<em>als Klasse<\/em>\u00a0zur\u00fcckerobert. Denn vereint h\u00e4lt sie nicht nur die Welt am Laufen \u2013 sie kann sie auch vollst\u00e4ndig lahmlegen.<\/p>\n<ol start=\"2\">\n<li><strong> Der Aufstieg der Rechten kann gestoppt werden<\/strong><\/li>\n<\/ol>\n<p>Wie in den 20er und 30er Jahren entstehen auch heute alte und neue rechte Ph\u00e4nomene, die mit ihren reaktion\u00e4ren Krisenl\u00f6sungen Nationalismus, Rassismus, Sexismus und LGBTIQ-Feindlichkeit sch\u00fcren. Damals wie heute sind sie keine Randerscheinungen, sondern in den sch\u00e4rfsten Krisenmomenten der b\u00fcrgerlichen Regime st\u00fctzt sich das Kapital \u2013 wenn auch z\u00e4hneknirschend \u2013 auf diese Kr\u00e4fte, um seine Macht zu erhalten. In \u201eWas nun? Schicksalsfragen des deutschen Proletariats\u201c von 1932\u00a0<a href=\"https:\/\/www.marxists.org\/deutsch\/archiv\/trotzki\/1932\/wasnun\/kap02.htm\"><strong>formulierte Trotzki<\/strong><\/a>:\u00a0<em>\u201eF\u00fcr die monopolistische Bourgeoisie stellen parlamentarisches und faschistisches System blo\u00df verschiedene Werkzeuge ihrer Herrschaft dar: sie nimmt zu diesem oder jenem Zuflucht in Abh\u00e4ngigkeit von den historischen Bedingungen.\u201c<\/em>\u00a0Noch sind die Bedingungen nicht so weit, dass die Bourgeoisie offen faschistische Diktaturen tolerieren w\u00fcrde, doch rechte\u00a0<a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/was-ist-bonapartismus\/\"><strong>bonapartistische<\/strong><\/a>\u00a0Regierungen wie Trump in den USA oder Bolsonaro in Brasilien, sowie die Blindheit der Regierung gegen\u00fcber dem rechten Terror in Hanau, dem NSU 2.0 etc. weisen den Weg.<\/p>\n<p>Um den Aufstieg der Rechten zu stoppen, muss die Arbeiter*innenklasse den Kampf aufnehmen. Ein zentraler Kampf Trotzkis in den 1930er Jahren galt sich dieser Aufgabe: Der Faschismus h\u00e4tte besiegt werden k\u00f6nnen, sowohl in Deutschland als auch in Spanien und vorher in Italien. F\u00fcr Trotzki gab es daf\u00fcr ein zentrales Rezept:\u00a0<a href=\"https:\/\/www.marxists.org\/deutsch\/archiv\/trotzki\/1931\/12\/schlagen.htm\"><strong>\u201eMan mu\u00df der Sozialdemokratie den Block gegen die Faschisten aufzwingen\u201c<\/strong><\/a>. Nicht als Unterst\u00fctzung eines \u201egeringeren \u00dcbels\u201c im Parlament, sondern als militanten Kampf in den Betrieben und auf der Stra\u00dfe. Dazu schlug Trotzki die Taktik der Arbeiter*innen-Einheitsfront vor: \u201eGetrennt marschieren, vereint schlagen!\u201c Die Selbstverteidigung der Arbeiter*innenorganisationen und der Massen organisieren, und im Kampf aufzeigen, dass nur das Programm der Revolution den Faschismus aufhalten kann, w\u00e4hrend parlamentarischer Reformismus im Kampf der Kr\u00e4fte zum Scheitern verurteilt ist. Dies war eine unerl\u00e4ssliche Taktik, um den Einfluss der Revolution\u00e4r*innen in der Arbeiter*innenklasse zu vergr\u00f6\u00dfern, in der die auf Reform des Kapitalismus abzielenden Sozialdemokratien die st\u00e4rksten Kr\u00e4fte darstellten.<\/p>\n<p>Doch die stalinisierten Kommunistischen Parteien und die stalinisierte Kommunistische Internationale selbst erkl\u00e4rten die Sozialdemokratie f\u00fcr \u201esozialfaschistisch\u201c und verneinten jede m\u00f6gliche Zusammenarbeit (wie in Deutschland bis 1933), bevor sie mit der Volksfront in der Spanischen Revolution einen Pakt mit der Bourgeoisie schlossen und selbst die revolution\u00e4ren Kr\u00e4fte im B\u00fcrger*innenkrieg gegen den Franco-Faschismus ermordeten.<\/p>\n<p>Dass der b\u00fcrgerliche Staat und die Bourgeoisie im Notfall auf faschistische Kr\u00e4fte setzt, ist auch heute in Anzeichen sichtbar: Rechtsextreme Kr\u00e4fte in Polizei, Verfassungsschutz und Bundeswehr haben weitgehende Narrenfreiheit, und faschistischer und rassistischer Terror auf der Stra\u00dfe flankiert die Versch\u00e4rfung der Sicherheitsapparate. W\u00e4hrenddessen legitimieren reformistische Parteien an der Regierung ein ums andere Mal die Repression gegen Linke und Migrant*innen und sind das Feigenblatt f\u00fcr die antisoziale Politik der Regierungen und die Angriffe der Bosse.<\/p>\n<p>Dass AfD, \u201eCoronaleugner\u201c und Co. die Pandemie f\u00fcr ihren Aufstieg nutzen, ist vor allem die Verantwortung dieser reformistischen F\u00fchrungen, die sich weigern, ein soziales Programm gegen die Krise aufzustellen. Sollten sich die Klassengegens\u00e4tze im Zuge der Krise versch\u00e4rfen, werden rechte Kr\u00e4fte weiter Auftrieb bekommen. Nur der Kampf der Arbeiter*innenklasse \u2013 im B\u00fcndnis mit allen Ausgebeuteten und Unterdr\u00fcckten \u2013 gegen die Auswirkungen der Krise und auf der Stra\u00dfe gegen Regierung, Kapital und rechte Kr\u00e4fte kann einen Ausweg bieten \u2013 wenn wir ihn den reformistischen Organisationen aufzwingen.<\/p>\n<ol start=\"3\">\n<li><strong> Wir m\u00fcssen den Kampf gegen die reformistische B\u00fcrokratie f\u00fchren<\/strong><\/li>\n<\/ol>\n<p>Die Geschichte des Verrats sozialdemokratischer Parteien an den Interessen der Arbeiter*innenklasse ist zu lang f\u00fcr jede Aufz\u00e4hlung. Doch immer noch sind die organisierten Teile der Arbeiter*innenklasse unter sozialpartnerschaftlich-reformistischer F\u00fchrung, in Deutschland auf der politischen Ebene in der Form von SPD und Linken und in den Gewerkschaften mit der F\u00fchrung des DGB, die seit Jahren den Widerstand gegen K\u00fcrzungen und Entlassungen im Keim ersticken.<\/p>\n<p>Ohne diese F\u00fchrungen zu konfrontieren und im Kampf eine alternative F\u00fchrung der Arbeiter*innenklasse und der Massen aufzubauen, ist eine \u00dcberwindung des Kapitalismus undenkbar. Die von Trotzki konstatierte \u201eKrise der revolution\u00e4ren F\u00fchrung\u201c hat sich in den vergangenen Jahrzehnten aufgrund immer neuer Verrate und Niederlagen zu einer\u00a0<em>Krise der Subjektivit\u00e4t<\/em>\u00a0des Proletariats als Klasse ausgeweitet. Dass die Coronavirus-Pandemie diese Krise herausfordert, haben wir oben schon beschrieben. Doch die Wiedereroberung der revolution\u00e4ren Subjektivit\u00e4t der Arbeiter*innenklasse ist nicht nur eine ideologische Aufgabe, sondern bedeutet vor allem den Kampf gegen die b\u00fcrokratischen und reformistischen F\u00fchrungen. Denn es sind eben die Gewerkschaftsb\u00fcrokratien und die reformistischen Parteien, die in dieser Krise die Illusion sch\u00fcren, dass die sozialpartnerschaftliche Vermittlung zur Regierung und den Bossen den Ausweg anbietet. So macht die SPD in der Bundesregierung beispielsweise Milliarden f\u00fcr Unternehmen locker, w\u00e4hrend prek\u00e4re Arbeiter*innen leer ausgehen. Die Linkspartei macht, wo sie in der Regierung ist, flei\u00dfig mit, und die Gewerkschaften weigern sich, zu massiven Streiks aufzurufen. Die B\u00fcrokratie ist heute \u2013 vor allem in den imperialistischen L\u00e4ndern, aber auch in den Halbkolonien \u2013 zu gro\u00dfen Teilen in den Staatsapparat integriert.<\/p>\n<p>1940\u00a0<a href=\"https:\/\/www.marxists.org\/deutsch\/archiv\/trotzki\/1940\/08\/gewerk.htm\"><strong>schrieb Trotzki<\/strong><\/a>, kurz bevor er ermordet wurde:\u00a0<em>\u201eDie Gewerkschaftsb\u00fcrokratie sieht ihre Hauptaufgabe darin, den Staat aus der Umklammerung des Kapitalismus zu \u201ebefreien\u201c, seine Abh\u00e4ngigkeit von den Trusts zu mildern und ihn auf ihre Seite zu ziehen. Diese Einstellung entspricht vollkommen der sozialen Lage der Arbeiteraristokratie und Arbeiterb\u00fcrokratie, die beide um einen Abfallbrocken aus den \u00dcberprofiten des imperialistischen Kapitalismus k\u00e4mpfen. Die Gewerkschaftsb\u00fcrokraten leisten in Wort und Tat ihr Bestes, um dem \u201edemokratischen\u201c Staat zu beweisen, wie verl\u00e4\u00dflich und unentbehrlich sie im Frieden und besonders im Kriege sind.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Deshalb stellt Trotzki die Notwendigkeit des Kampfes gegen die B\u00fcrokratien in den Gewerkschaften und auf politischer Ebene gegen die reformistischen Parteien \u2013 mittels der Methode der Einheitsfront \u2013 in den Mittelpunkt. Demgegen\u00fcber erteilt er jeder Enthaltung aus diesem Kampf\u00a0<a href=\"https:\/\/www.marxists.org\/deutsch\/archiv\/trotzki\/1940\/08\/gewerk.htm\"><strong>eine Absage<\/strong><\/a>:<\/p>\n<p><em>\u201eAuf den ersten Blick k\u00f6nnte man versucht sein, aus dem eben Ausgef\u00fchrten den Schlu\u00df zu ziehen, da\u00df die Gewerkschaften in der imperialistischen Epoche aufh\u00f6ren, Gewerkschaften zu sein.<\/em><\/p>\n<p><em>Sie lassen kaum Raum f\u00fcr Arbeiterdemokratie, welche in der \u201eguten alten Zeit\u201c, als in der Wirtschaft der freie Handel herrschte, den Inhalt des inneren Lebens der Arbeiterorganisationen darstellte. Wo keine Arbeiterdemokratie vorhanden ist, kann von einem freien Kampf um die Beeinflussung der Mitglieder keine Rede sein.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Diese Aussage trifft auch heute noch zu: in den Gewerkschaften kann von Demokratie keine Rede sein, anstatt dass die Arbeiter*innen selbst \u00fcber ihre Streiktage und Verhandlungen entscheiden bestimmt eine Kaste von hauptamtlichen B\u00fcrokrat*innen, die selbst keine Arbeiter*innen mehr sind (oder dies nie waren) \u00fcber die Ausg\u00e4nge der Arbeitsk\u00e4mpfe.<\/p>\n<p>Man k\u00f6nne so zur Schlussfolgerung kommen, dass \u201e<em>\u00a0das Hauptarbeitsgebiet f\u00fcr Revolution\u00e4re innerhalb der Gewerkschaften daher verschwindet\u201c.\u00a0<\/em>Doch Trotzki wandte sich entschieden dagegen:<\/p>\n<p><em>\u201eEine solche Stellungnahme w\u00e4re jedoch grundfalsch. Wir k\u00f6nnen weder das Feld, noch die Bedingungen f\u00fcr unsere Arbeit nach unseren W\u00fcnschen w\u00e4hlen. In einem totalit\u00e4ren oder halbtotalit\u00e4ren Staate ist es unendlich schwerer, um den Einflu\u00df \u00fcber die Arbeitermassen zu k\u00e4mpfen, als in einer Demokratie. Dasselbe gilt f\u00fcr die Gewerkschaften, deren Entwicklung den Wechsel im Schicksal der kapitalistischen Staaten widerspiegelt. Wir k\u00f6nnen den Kampf um die Beeinflussung der Arbeiter in Deutschland nicht aufgeben, blo\u00df weil das totalit\u00e4re Regime eine solche Arbeit ungeheuer erschwert. Wir k\u00f6nnen in genau der gleichen Weise nicht auf den Kampf innerhalb der vom Faschismus geschaffenen Zwangsorganisationen verzichten. Umso weniger k\u00f6nnen wir die systematische Arbeit innerhalb der Gewerkschaften totalit\u00e4ren oder halbtotalit\u00e4ren Charakters aufgeben, blo\u00df weil sie direkt oder indirekt vom Staate abh\u00e4ngen oder weil die B\u00fcrokratie den Revolution\u00e4ren die M\u00f6glichkeit freier Arbeit innerhalb der Gewerkschaften raubt. Es ist notwendig, den Kampf unter all den konkreten Bedingungen zu f\u00fchren, die durch die vorhergehende Entwicklung geschaffen wurden, in sie eingeschlossen die Fehler der Arbeiter und die Verbrechen ihrer F\u00fchrer.\u201c<\/em><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.marxists.org\/deutsch\/archiv\/trotzki\/1940\/08\/gewerk.htm\"><strong>Die Alternative ist klar<\/strong><\/a>:\u00a0<em>\u201eDie Gewerkschaften unserer Zeit k\u00f6nnen entweder als Hilfsinstrumente des imperialistischen Kapitalismus dienen, um die Arbeiter unterzuordnen, sie zu disziplinieren und die Revolution zu verhindern, oder sie k\u00f6nnen im Gegenteil die Instrumente der revolution\u00e4ren Bewegung des Proletariats werden.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Damit Zweiteres eintritt, k\u00e4mpfen Trotzkist*innen innerhalb der Gewerkschaften f\u00fcr die R\u00fcckeroberung dieser aus den H\u00e4nden der B\u00fcrokratie. Dies bedeutet jedoch mehr, als nur f\u00fcr Betriebsversammlungen bei Streiks einzutreten. Die b\u00fcrokratisierten Gewerkschaften schaffen durch die Trennung von gewerkschaftlichen und sozialen Trennung eine k\u00fcnstliche Spaltung, die dazu f\u00fchrt, dass viele prek\u00e4re und unterdr\u00fcckte Arbeiter*innen sich von den Gewerkschaften abwenden. Eine R\u00fcckeroberung der Gewerkschaften in die H\u00e4nde der Arbeiter*innen bedeutet daher auch, daf\u00fcr einzutreten, dass sie ein Programm f\u00fcr die untersten Schichten der Klasse aufstellen, wie Trotzki beispielsweise in seinem antirassistischen Programm f\u00fcr die s\u00fcdafrikanische Arbeiter*innenbewegung darstellte.<\/p>\n<ol start=\"4\">\n<li><strong> Gegen den Stalinismus m\u00fcssen wir unsere Vision des Sozialismus zur\u00fcckerobern<\/strong><\/li>\n<\/ol>\n<p>In seinem Testament\u00a0<a href=\"https:\/\/www.marxists.org\/deutsch\/archiv\/trotzki\/1940\/02\/testament.htm\"><strong>schreibt Trotzki<\/strong><\/a>:\u00a0<em>\u201eDreiundvierzig Jahre meines bewu\u00dften Lebens bin ich Revolution\u00e4r gewesen; zweiundvierzig Jahre habe ich unter dem Banner des Marxismus gek\u00e4mpft.\u201c<\/em>\u00a0Und in den letzten 17 Jahren seines Lebens bek\u00e4mpfte er die Entartung der sozialistischen Revolution durch die stalinistische B\u00fcrokratie, die ihn schlie\u00dflich 1940 ermordete. Mit 26 Jahren war Trotzki Vorsitzender des Petersburger Sowjets von 1905 und im selben Jahr\u00a0<a href=\"https:\/\/www.marxists.org\/deutsch\/archiv\/trotzki\/1906\/erg-pers\/index.htm\"><strong>forderte er die sozialdemokratische F\u00fchrungen der internationalen Arbeiter*innenklasse heraus<\/strong><\/a>:\u00a0<em>\u201eMuss die Diktatur des Proletariats zwangsl\u00e4ufig an den Schranken der b\u00fcrgerlichen Revolution zerbrechen, oder kann sie unter den gegebenen weltgeschichtlichen Bedingungen die Perspektive eines Sieges entdecken, nachdem sie diesen beschr\u00e4nkten Rahmen gesprengt hat?\u201c<\/em><\/p>\n<p>Trotzki war eindeutig f\u00fcr die zweite Variante. Sein Verst\u00e4ndnis von Sozialismus war weder b\u00fcrokratisch noch nationalborniert. Die Einzigartigkeit an der Oktoberrevolution bestand an der Verwirklichung des revolution\u00e4ren Grundsatzes, den kapitalistischen Staatsapparat mit R\u00e4ten (Sowjets) zu zerschlagen und die F\u00fchrung der Arbeiter*innenklasse als Motor der gesellschaftlichen Ver\u00e4nderung herzustellen. So nahm die Revolution von 1917 die Erfahrungen des Petersburger Sowjets von 1905 auf, den die Arbeiter*innenbewegung durch einen politischen Generalstreik konstituierte.<\/p>\n<p>Der Stalinismus drehte in der Sowjetunion viele Errungenschaften der Oktoberrevolution zur\u00fcck: Er entmachtete die R\u00e4te und die demokratischen Strukturen in den Betrieben, er nahm erk\u00e4mpfte demokratische Rechte f\u00fcr Frauen und LGBTI-Personen zur\u00fcck, er setzte die alten b\u00fcrgerlichen Familiennormen wieder ein, er schuf sich enorme Privilegien und vergr\u00f6\u00dferte so die soziale Ungleichheit, die die Revolution einstampfen wollte. Und auf internationalem Parkett bremste er den Fortschritt proletarischer Revolutionen, erm\u00f6glichte den Aufstieg des Faschismus und paktierte mit der Bourgeoisie, theoretisch untermauert mit der reaktion\u00e4ren Vorstellung des \u201eSozialismus in einem Land\u201c. All diejenigen, die sich als Revolution\u00e4r*innen oppositionell zur stalinistischen B\u00fcrokratie organisierten \u2013 sowohl zu Zeiten Stalins selbst als auch in den verschiedenen b\u00fcrokratisch deformierten Arbeiter*innenstaaten des \u201ereal existierenden Sozialismus\u201c\u00a0wie in der DDR\u00a0\u2013, wurden aus den Kommunistischen Parteien ausgeschlossen, verfolgt, verhaftet, exiliert und ermordet.<\/p>\n<p>Dennoch k\u00e4mpfte Trotzki \u2013 wie so viele andere Mitstreiter*innen \u2013 bis zu seinem Tode f\u00fcr die \u00dcberwindung der stalinistischen B\u00fcrokratie und den Sozialismus. Entgegen der b\u00fcrgerlichen Propaganda, die bis heute Stalinismus und Sozialismus (oder gar Kommunismus) gleichsetzt, erheben wir mit Trotzki das Banner der proletarischen Demokratie und des internationalen Sozialismus. Entgegen der auch in der Linken vorherrschenden Einstellung, dass aus dem Bolschewismus automatisch der Stalinismus hervorgeht, verteidigen wir mit Trotzki die Notwendigkeit des Aufbaus einer revolution\u00e4ren Partei. In seiner Schrift\u00a0<a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/leo-trotzki-bolschewismus-und-stalinismus\/\"><strong>\u201eBolschewismus und Stalinismus\u201c<\/strong><\/a>\u00a0von 1937 erkl\u00e4rte er:\u00a0<em>\u201eNat\u00fcrlich ist der Stalinismus aus dem Bolschewismus \u201eerwachsen\u201c, aber nicht logisch erwachsen, sondern dialektisch: nicht als revolution\u00e4re Bejahung, sondern als thermidorianische<\/em><a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/5-antworten-die-der-marxismus-leo-trotzkis-heute-auf-die-krise-geben-kann\/#sdfootnote1sym\"><strong><em><sup>1<\/sup><\/em><\/strong><\/a><em>\u00a0Verneinung. Das ist durchaus nicht ein und dasselbe.\u201c<\/em><\/p>\n<p>In den vergangenen Jahren haben neue Generationen von Jugendlichen weltweit den Sozialismus f\u00fcr sich wieder entdeckt, wenn auch ohne gro\u00dfe Vorstellung davon, was genau sich dahinter verbirgt. Ihnen ist klar, dass der Kapitalismus f\u00fcr sie keine Zukunft bietet. Damit die Jugend diese Perspektive vollst\u00e4ndig als ihr Banner aufnehmen kann, ist es notwendig, sie von ihrer \u201ethermidorianischen Verneinung\u201c des Stalinismus zu befreien: Unser Sozialismus ist kein Sozialismus der nationalen Inseln, kein Sozialismus der b\u00fcrokratischen Privilegien und der polizeilichen Diktatur, kein Sozialismus verkn\u00f6cherter patriarchaler Moral, sondern ein Sozialismus der breitestm\u00f6glichen proletarischen R\u00e4tedemokratie und der revolution\u00e4ren \u00dcberwindung aller Formen von Ausbeutung und Unterdr\u00fcckung.<\/p>\n<ol start=\"5\">\n<li><strong> Die Revolution ist international \u2013 und die Zukunft ist der Kommunismus<\/strong><\/li>\n<\/ol>\n<p>In der\u00a0<a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/kopenhagener-rede-von-leo-trotzki-zur-verteidigung-der-oktoberrevolution\/\"><strong>\u201eKopenhagener Rede\u201c<\/strong><\/a>\u00a0von 1932 erkl\u00e4rte Trotzki:\u00a0<em>\u201eDie heutigen Produktionskr\u00e4fte sind l\u00e4ngst \u00fcber die nationalen Schranken hinausgewachsen. Die sozialistische Gesellschaft ist in nationalen Grenzen undurchf\u00fchrbar. Wie bedeutend die Wirtschaftserfolge eines isolierten Arbeiterstaates auch sein m\u00f6gen, das Programm des \u201aSozialismus in einem Lande\u2018 ist eine kleinb\u00fcrgerliche Utopie. Nur eine europ\u00e4ische und sodann eine Weltf\u00f6deration sozialistischer Republiken kann die wirkliche Arena f\u00fcr eine harmonische sozialistische Gesellschaft abgeben.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Fast 90 Jahre sp\u00e4ter k\u00f6nnten diese Worte nicht wahrer sein: Die Coronavirus-Pandemie hat das wahre Ausma\u00df der Globalisierung der kapitalistischen Wertsch\u00f6pfungsketten aufgezeigt. Unsere Antwort darauf kann nicht die reaktion\u00e4re Utopie der R\u00fcckkehr zum Nationalstaat sein, sondern nur die internationale Revolution. Die Arbeiter*innenklasse hat gezeigt, dass sie die gesamte Welt am Laufen h\u00e4lt \u2013 der proletarische Internationalismus ist der einzige Ausweg aus der kapitalistischen Barbarei.<\/p>\n<p>Mit der\u00a0<a href=\"https:\/\/www.marxists.org\/deutsch\/archiv\/trotzki\/1929\/permrev\/ltperm11.htm\"><strong>\u201eTheorie der permanenten Revolution\u201c<\/strong><\/a>\u00a0hat Trotzki den Grundstein f\u00fcr diese strategische Vision gelegt:\u00a0<em>\u201eDer Abschlu\u00df einer sozialistischen Revolution ist im nationalen Rahmen undenkbar. Eine grundlegende Ursache f\u00fcr die Krisis der b\u00fcrgerlichen Gesellschaft besteht darin, da\u00df die von dieser Gesellschaft geschaffenen Produktivkr\u00e4fte sich mit dem Rahmen des nationalen Staates nicht vertragen. Daraus ergeben sich einerseits die imperialistischen Kriege, andererseits die Utopie der b\u00fcrgerlichen Vereinigten Staaten von Europa. Die sozialistische Revolution beginnt auf nationalem Boden, entwickelt sich international und wird vollendet in der Weltarena. Folglich wird die sozialistische Revolution in einem neuen, breiteren Sinne des Wortes zu einer permanenten Revolution: sie findet ihren Abschlu\u00df nicht vor dem endg\u00fcltigen Siege der neuen Gesellschaft auf unserem ganzen Planeten.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Deshalb k\u00e4mpfen wir f\u00fcr den Wiederaufbau der IV. Internationale, die Trotzki urspr\u00fcnglich 1938 gegr\u00fcndet hat. Denn unsere Vision ist nicht, uns mit der utopischen Vorstellung eines \u201egeringeren \u00dcbels\u201c zu begn\u00fcgen. Der Kampf f\u00fcr den Aufbau einer Weltpartei der Revolution ist nur ein Schritt in unserem Kampf f\u00fcr die einzige Zukunft, die uns das \u00dcberleben auf diesem Planeten garantieren kann: den Kommunismus. Wir teilen dieselbe Vision, die Trotzki\u00a0<a href=\"https:\/\/www.marxists.org\/deutsch\/archiv\/trotzki\/1940\/02\/testament.htm\"><strong>in seinem Testament<\/strong><\/a>\u00a0niederschrieb:\u00a0<em>\u201eDas Leben ist sch\u00f6n. Die kommende Generation m\u00f6ge es reinigen von allem B\u00f6sen, von Unterdr\u00fcckung und Gewalt und es voll genie\u00dfen.\u201c<\/em><\/p>\n<p>\u2014<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/5-antworten-die-der-marxismus-leo-trotzkis-heute-auf-die-krise-geben-kann\/#sdfootnote1anc\"><strong>1<\/strong><\/a>\u00a0Trotzki benutze den Begriff \u201eThermidor\u201c in Bezugnahme auf den Staatsstreich in Frankreich von 1794 und die Verfassung von 1795, um zu beschreiben, wie \u201edie Reaktion auf dem gesellschaftlichen Fundament der Revolution\u201c entstand. So versuchte er die B\u00fcrokratisierung des Arbeiter*innenstaates unter Stalin und b\u00fcrokratischer Kaste zu erkl\u00e4ren.<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/5-antworten-die-der-marxismus-leo-trotzkis-heute-auf-die-krise-geben-kann\/\"><em>klassegegenklasse.org&#8230;<\/em><\/a><em> vom 15. August 2020<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Stefan Schneider. Wir stehen am Beginn der sch\u00e4rfsten Weltwirtschaftskrise seit den 1930er Jahren. Die Epoche von Krisen, Kriegen und Revolutionen lebt wieder auf. 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