{"id":8298,"date":"2020-08-15T11:21:14","date_gmt":"2020-08-15T09:21:14","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=8298"},"modified":"2020-08-15T11:21:15","modified_gmt":"2020-08-15T09:21:15","slug":"aufruf-zur-solidaritaet-mit-den-kaempfenden-arbeiterinnen-im-iran","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=8298","title":{"rendered":"Aufruf zur Solidarit\u00e4t mit den k\u00e4mpfenden Arbeiter*innen im Iran"},"content":{"rendered":"<p><strong>Derzeit kommt es im Iran erneut zu breiten Protesten der Arbeiter*innenklasse. Wie schon 2018 ist zu erwarten, dass das Regime versucht, die K\u00e4mpfe des Proletariats durch Repression zu unterbinden. Wir ver\u00f6ffentlichen<!--more--> einen\u00a0<a href=\"http:\/\/redmed.org\/fa\/article\/hmbstgy-b-krgrn-hft-tph\">Aufruf zur Solidarit\u00e4t mit den iranischen Werkt\u00e4tigen<\/a>\u00a0in einer \u00dcbersetzung und eingeleitet von Nima Sabouri.<\/strong><\/p>\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"620\" height=\"465\" src=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/08\/iran.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-8299\" srcset=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/08\/iran.jpg 620w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/08\/iran-300x225.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 620px) 100vw, 620px\" \/><\/figure>\n<p>Seit Jahren geh\u00f6ren Proteste und Streiks von Arbeiter*innen in verschiedenen Formen und Gr\u00f6\u00dfen im Iran zum t\u00e4glichen Leben. Die Lebensbedingungen der Arbeiter*innenklasse sind prek\u00e4r und immer unertr\u00e4glicher. Lohnzahlungen bleiben oft \u00fcber viele Monate aus, in denen die Familien sich meist durch steigende Verschuldung \u00fcber Wasser zu halten versuchen \u2013 und das obwohl die Lohnh\u00f6he so gering ist, dass sie sich nur auf ein Viertel bis ein Drittel der staatlich festgelegten Armutsgrenze bel\u00e4uft. Auch sind die Arbeitsbedingungen vollkommen ungesichert, ein Gro\u00dfteil der Arbeiter*innen ist \u00fcber Leiharbeitsfirmen besch\u00e4ftigt und dort meist gezwungen, Blanko-Vertr\u00e4ge zu unterschreiben, so dass sie jederzeit k\u00fcndbar sind.<\/p>\n<p>Die Proteste h\u00e4ngen mit den direkten Folgen der versch\u00e4rften Wirtschaftskrise zusammen, welche sich als immer tiefer werdende Klassenspaltung, Armut und immer gr\u00f6\u00dfer werdendes Elend zeigt. Die Ursachen sind vielf\u00e4ltig, doch die Kombination von neoliberaler Politik, Diktatur und Korruption spielt eine gro\u00dfe Rolle. Die Sanktionen, die infolge des Atomprogrammes des iranischen Staates und seiner Konflikte mit den USA im Kontext der imperialistischen Machtpolitik im Nahen Osten verh\u00e4ngt wurden, haben die wirtschaftlichen Schwierigkeiten eskalieren lassen. Trotzdem sind das nicht die Ursachen dieser Krise, wie der Staat es behauptet.<\/p>\n<p>Die Streiks fanden bisher nur vereinzelt und voneinander getrennt statt. Dadurch konnten ihre Forderungen von den Fabrikeigent\u00fcmern ignoriert werden. Zus\u00e4tzlich wurden die Streiks durch verschiedene Formen der Repression zerschlagen, sowohl politisch als auch juristisch. Es folgte eine Reihe von hohen Haftstrafen. Aufgrund dessen haben die Forderungen der Arbeiter*innen trotz der gro\u00dfen Zahl an Streiks und Protesten (durchschnittlich gab es 3 Streiks pro Tag w\u00e4hrend der letzten 4 Jahre) kaum Gewicht auf der politischen Ebene gewinnen k\u00f6nnen. Zudem sind jegliche staatsunabh\u00e4ngigen Organisationen von Arbeiter*innen verboten und werden mit harten Haftstrafen geahndet.<\/p>\n<p>Nun gibt es eine neue Welle von Arbeitsk\u00e4mpfen, die immer gr\u00f6\u00dfer wird. Sie wurde von den Arbeiter*innen von Haft-Tapeh aus der Provinz Khouzestan inspiriert, nachdem diese zusammen mit ihren Familien mehr als 50 Tage in den Stra\u00dfen der Stadt Shoush protestierten. Die Arbeiter*innen von Haft-Tapeh waren diejenigen, die mit ihren langen militanten Streiks und Protesten vor zwei Jahren die Parole \u201cBrot, Arbeit, Freiheit \u2013 Verwaltung durch R\u00e4te\u201d landesweit popularisiert hatten. Im Unterschied zu den bisherigen Streiks zeigen sich die aktuellen jetzt st\u00e4rker vereint und aufeinander bezogen.<\/p>\n<p>So wurde nun erstmals von den militanteren Bereichen der streikenden Arbeiter*innen und von einigen linken sozialen Medien ein Generalstreik ausgerufen. Dar\u00fcber hinaus sind viele der Streikenden in der \u00d6lindustrie (\u00d6l-Rafinerie) t\u00e4tig, welche f\u00fcr den Staat ein sehr wichtiger Sektor ist. Da es sich um eine Kernindustrie der iranischen Wirtschaft handelt, steigert dies die Macht der Arbeiter*innen. Zugleich sind deshalb die Streiks aus Sicht des Staates mit allen Mitteln zu verhindern. Trotz aller Hoffnung ist also davon auszugehen, dass es zu heftiger und massiver Repression kommen wird.<\/p>\n<p>Deshalb sollten wir mehr denn je die Stimmen der streikenden Arbeiter*innen verst\u00e4rken und eine aktive und effektive Solidarit\u00e4t mit ihrem Kampf zeigen. Die streikenden Arbeiter*innen von Haft-Tapeh riefen an ihrem 52. Streikstag auch dazu auf. Heute (8. August 2020) ist der 55. Tag des Streiks. Im Folgenden dokumentieren wir ihren Aufruf in deutscher \u00dcbersetzung<\/p>\n<p><strong>Aufruf zur Solidarit\u00e4t mit den Streikenden von Haft Tapeh!<\/strong><\/p>\n<p>Heute ist der 52. Tag des Streiks der Arbeiter*innen des Agrarunternehmens Haft Tapeh im Iran. Dieser historische Streik ist der H\u00f6hepunkt eines jahrelangen Kampfes dieser Arbeiter*innen, um die Privatisierung des Unternehmens zu stoppen und ihre Rechte durchzusetzen. Die Haft Tapeh Gewerkschaft wurde erstmals in den Jahren 1974-75 gegr\u00fcndet. Doch die arbeiterfeindliche Politik der in der Revolution von 1979 an die Macht gelangten anti-revolution\u00e4ren Kr\u00e4fte (Islamische Republik) f\u00fchrte schlie\u00dflich zu ihrer Verfolgung und letztlich ihrem Verbot, wie dem Hunderter anderer Gewerkschaften.<\/p>\n<p>In den Jahren von 2005 bis 2006 fanden erstmals wieder Proteste der Arbeiter*innen von Haft Tapeh statt, nachdem sie die Nachricht erhalten hatten, dass das \u00f6ffentliche Unternehmen privatisiert werden solle. 2007 bauten sie die Gewerkschaft neu auf. Die Hauptorganisator*innen und f\u00fchrende Gewerkschaftsmitglieder wurden von der Geheimpolizei daraufhin verfolgt und festgenommen.<\/p>\n<p>Trotz all dieser Unterdr\u00fcckung haben die Arbeiter*innen von Haft Tapeh den Kampf gegen die Privatisierung und Zwangsenteignung \u00f6ffentlichen Eigentums 2018 wieder aufgenommen und belebt. Als Reaktion darauf wurde der Gewerkschaftsf\u00fchrer Ismail Bakhsi verhaftet und unter Folter dazu gezwungen, im nationalen Fernsehen ein \u201cSchuldeingest\u00e4ndnis\u201d abzugeben. Trotz der heuchlerischen Behauptung der Islamischen Republik, f\u00fcr Arbeiter*innen und Unterdr\u00fcckte einzutreten, hat sich einmal mehr gezeigt, dass sie in der Realit\u00e4t auf der Seite der Bourgeoisie gegen die Arbeiter*innen steht. Die neoliberale Politik des Regimes, die Millionen von Arbeiter*innen in Armut getrieben und viele Proteste ausgel\u00f6st hat, wurde durch deren gewaltsame Unterdr\u00fcckung fortgef\u00fchrt. Diese Unterdr\u00fcckung wird durch den medialen Boykott der pro-imperialistischen Oppositionsmedien erg\u00e4nzt.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend sich die Arbeiter*innen von Haft Tapeh bereits seit 52 Tagen im Streik befinden, berichten die genannten Medien weder \u00fcber die Proteste noch \u00fcber die Forderungen und boykottieren so den Arbeitskampf. In den seltenen F\u00e4llen, in denen diese Arbeiter*innenbewegung \u00fcberhaupt erw\u00e4hnt wird, werden nur die Mahnwachen der Arbeiter*innen in Shush City gezeigt und das auf eine Art und Weise, die die \u00f6ffentliche Meinung in die Irre f\u00fchrt. Der Grund ist klar: Tats\u00e4chlich stimmt die rechte Opposition der Islamischen Republik vollkommen mit dem Regime \u00fcberein, wenn es um ihre Haltung zu Privatisierungen und der Umsetzung der Befehle von Weltbank und IWF geht. Der einzige Unterschied ist der Versuch der rechten Opposition eine irref\u00fchrende Dichotomie zwischen \u201eguten Privatisierungen und schlechten Privatisierungen\u201c herauf zu beschw\u00f6ren, um die verheerenden Auswirkungen dieser Politik zu verbergen.<\/p>\n<p>Auf der anderen Seite bekommt auch die internationale Linke aufgrund des extrem schwachen Zustandes der iranischen Linken nichts von einem solch wichtigen Streik mit. Einem Streik, dessen Hauptforderungen die Aufhebung der Privatisierung, die Wiedereinstellung der entlassenen Arbeiter*innen, Beendigung der polizeilichen Unterdr\u00fcckung gegen\u00fcber den Organisationen der Arbeiter*innen, Zahlung der \u00fcberf\u00e4lligen L\u00f6hne und sonstiger Leistungen und schlie\u00dflich die Organisation der Produktion unter Kontrolle der Arbeiter*innen sind.<\/p>\n<p>Diese fortschrittlichen Forderungen werden von den Massenmedien im Iran nicht wiedergegeben und die Proteste der Arbeiter*innenklasse auf staatsfeindliche Krawalle reduziert. Gleichzeitig ignorieren auch die kleinen pro-russischen, pro-chinesischen oder sogar pro-Islamische Republik Medien, die vermeintlich als Teil der alternativen Medien in Europa und Nordamerika angesehen werden, diesen Streik komplett, oder schlimmer noch, stellen ihn als ein Regime-Change Projekt der imperialistischen Kr\u00e4fte dar.<\/p>\n<p>Die Arbeiter*innenklasse widersetzt sich hartn\u00e4ckig und unabh\u00e4ngig vor unseren Augen der t\u00e4glichen Unterdr\u00fcckung und steht dennoch vor einem v\u00f6lligen Boykott und Zensur von allen Seiten. Es ist, als ob sich all diese Str\u00f6mungen in einem einzigen Punkt einig sind: die Stimmen der Arbeiter*innenklasse und ihrer Aktivist*innen zum Schweigen zu bringen.<\/p>\n<p>Wir fragen unsere internationalen Genoss*innen: Lohnt es sich nicht, diesen mutigen Streik, der seit \u00fcber 52 Tagen andauert und fortgesetzt wird, bis die Forderungen erf\u00fcllt werden, anzuerkennen und ernst zu nehmen? Lohnt es sich nicht, in Solidarit\u00e4t mit ihnen zu stehen? Die Arbeiter*innen von Haft Tapeh erhalten keinerlei finanzielle Unterst\u00fctzung von Gewerkschaften oder Institutionen; sie setzen ihren Widerstand und Kampf mit leeren Taschen und leeren M\u00e4gen fort. Diese progressiven und bewussten Arbeiter*innen und ihren Kampf aktiv zu ignorieren, f\u00fchrt im Endeffekt dazu, reaktion\u00e4re und imperialistische Kr\u00e4fte zu st\u00e4rken. In diesem Fall stellt sich die Frage, ob die Parole \u201eArbeiter*innen aller L\u00e4nder, vereinigt euch\u201c nur eine leere romantische Phrase in der Geschichte des Marxismus ist? Oder eine Antriebskraft des Klassenkampfes?<\/p>\n<p>Genoss*innen, wir fordern euch auf, die Stimme der Arbeiter*innen von Haft Tapeh und der iranischen Arbeiter*innenklasse zu sein, auf der ganzen Welt und in allen Sprachen<\/p>\n<p># Das Original auf Farsi sowie t\u00fcrkische und englische \u00dcbersetzungen sind auf <a href=\"http:\/\/www.redmed.org\">www.redmed.org<\/a> zu finden \u2013 die Seite selbst wird nicht von den Streikenden betrieben.<\/p>\n<p>Farsi: <a href=\"http:\/\/redmed.org\/fa\/article\/hmbstgy-b-krgrn-hft-tph\">http:\/\/redmed.org\/fa\/article\/hmbstgy-b-krgrn-hft-tph<\/a><\/p>\n<p>Englisch: <a href=\"http:\/\/redmed.org\/article\/solidarity-workers-haft-tapeh\">http:\/\/redmed.org\/article\/solidarity-workers-haft-tapeh<\/a><\/p>\n<p>T\u00fcrkisch: <a href=\"http:\/\/redmed.org\/tr\/article\/haydi-yedi-tepe-iscileriyle-dayanismaya\">http:\/\/redmed.org\/tr\/article\/haydi-yedi-tepe-iscileriyle-dayanismaya<\/a><\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/lowerclassmag.com\/2020\/08\/11\/brecht-das-schweigen-aufruf-zur-solidaritaet-mit-den-kaempfenden-arbeiterinnen-im-iran\/\"><em>lowerclassmag.com&#8230;<\/em><\/a><em> vom 15. August 2020<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Derzeit kommt es im Iran erneut zu breiten Protesten der Arbeiter*innenklasse. Wie schon 2018 ist zu erwarten, dass das Regime versucht, die K\u00e4mpfe des Proletariats durch Repression zu unterbinden. 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