{"id":8337,"date":"2020-08-21T17:05:08","date_gmt":"2020-08-21T15:05:08","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=8337"},"modified":"2020-08-21T19:51:35","modified_gmt":"2020-08-21T17:51:35","slug":"zur-aktualitaet-des-uebergangsprogramms","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=8337","title":{"rendered":"Zur Aktualit\u00e4t des \u00dcbergangs\u00adprogramms"},"content":{"rendered":"<p><em>Stefan Schneider.<\/em> <strong>Vor 80 Jahren wurde der russische Revolution\u00e4r Leo Trotzki von einem stalinistischen Agenten kaltbl\u00fctig ermordet. Zwei Jahre zuvor schrieb er das &#8222;\u00dcbergangsprogramm&#8220;, um das marxistische Erbe vor der stalinistischen Degeneration und<!--more--> dem herannnahenden Zweiten Weltkrieg zu retten. Warum kann uns dieses Programm heute noch strategische Antworten auf die kapitalistische Krise geben?<\/strong><\/p>\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1000\" height=\"600\" src=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/08\/image-1000x600-1.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-8342\" srcset=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/08\/image-1000x600-1.png 1000w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/08\/image-1000x600-1-300x180.png 300w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/08\/image-1000x600-1-768x461.png 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 1000px) 100vw, 1000px\" \/><\/figure>\n<p><em>Der folgende Text erschien am 21. August 2012 als&nbsp;<\/em><a href=\"https:\/\/trotzkismus.wordpress.com\/2012\/08\/21\/zur-aktualitat-des-ubergangsprogramms\/\"><strong><em>Vorwort zur Neuausgabe<\/em><\/strong><\/a><em>&nbsp;des&nbsp;<\/em><a href=\"https:\/\/trotzkismus.wordpress.com\/2012\/08\/21\/der-todeskampf-des-kapitalismus-und-die-aufgaben-der-iv-internationale-1\/\"><strong><em>\u201e\u00dcbergangsprogramms\u201c von Leo Trotzki<\/em><\/strong><\/a><em>. Damals haben wir von RIO einige zentrale Texte von Leo Trotzki in Brosch\u00fcrenform neu ver\u00f6ffentlicht. Seit 2012 hat sich die Einsch\u00e4tzung, dass wir in einer Epoche von \u201eKrisen, Kriegen und Revolutionen\u201c leben, immer wieder neu best\u00e4tigt. Die Schlussfolgerungen, die wir im folgenden Text ziehen, haben heute, 80 Jahre nach der Ermordung Leo Trotzkis und am Beginn der m\u00f6glicherweise gr\u00f6\u00dften Krise des Kapitalismus in seiner Geschichte, volle G\u00fcltigkeit. Die Rebellionen der vergangenen Monate zeigen in aller Deutlichkeit die Notwendigkeit des Wiederaufbaus der IV. Internationale auf.<\/em><\/p>\n<p>Warum bringen wir das programmatische Manifest der IV. Internationale, \u201eDie Todesagonie des Kapitalismus und die Aufgaben der IV. Internationale\u201c, fast 75 Jahre nach seinem Erscheinen neu heraus? Welche Bedeutung hat dieses Dokument, besser bekannt unter seinem Kurznamen \u201e\u00dcbergangsprogramm\u201c, heute noch als Handlungsanleitung f\u00fcr revolution\u00e4re MarxistInnen?<\/p>\n<p>Das \u00dcbergangsprogramm steht \u2013 kurz vor dem Zweiten Weltkrieg \u2013 am Ende einer Periode der versch\u00e4rften Klassenauseinandersetzungen, die die Zeit seit Beginn des Ersten Weltkrieges, und insbesondere seit dem Ausbruch der Weltwirtschaftskrise 1929, gepr\u00e4gt haben. Die Erfahrungen, die die weltweite ArbeiterInnenklasse seit der Oktoberrevolution 1917 machen konnte \u2013 proletarische Revolution in Russland, stalinistische Degeneration der Sowjetunion, revolution\u00e4re Erfahrungen in der kolonisierten Welt mit der Chinesischen Revolution ab 1925, der Kampf gegen den Faschismus in mehreren europ\u00e4ischen L\u00e4ndern \u2013 erm\u00f6glichten die historische und programmatische Erweiterung des Marxismus, wie es keine andere historische Periode vorher vermochte.<\/p>\n<p>Dieses revolution\u00e4re Erbe drohte jedoch mit der vollst\u00e4ndigen Durchsetzung des Stalinismus \u2013 die b\u00fcrokratische Reaktion auf der Grundlage der Revolution \u2013 und seiner physischen Vernichtungskampagne gegen die \u201calte Garde\u201d der Revolution\u00e4rInnen; mit dem Aufstieg des Faschismus und der kompletten Zerschlagung der ArbeiterInnenbewegung in verschiedenen L\u00e4ndern; und mit der unmittelbar bevorstehenden Gefahr des Zweiten Weltkrieges, welche Dutzenden Millionen von ArbeiterInnen und den besten K\u00f6pfen des revolution\u00e4ren Marxismus das Leben kosten sollte, im Sog der Geschichte verloren zu gehen.<\/p>\n<p>Vor diesem Hintergrund entschied sich die Bewegung f\u00fcr die IV. Internationale unter F\u00fchrung von Leo Trotzki, einem der letzten Bolschewiki der Oktoberrevolution, f\u00fcr die Gr\u00fcndung der IV. Internationale, um das programmatische Erbe der ArbeiterInnenklasse vor der Vernichtung zu retten. Der Trotzki-Biograph Isaac Deutscher bel\u00e4chelte den Versuch, eine im damaligen Vergleich mit kaum mehr als 5.000 Mitgliedern verschwindend kleine internationale Organisation aufzubauen, doch die heranr\u00fcckende Katastrophe erforderte die erneute Kristallisierung der Erfahrungen des revolution\u00e4ren Marxismus, damit diese nicht zwischen Konzentrationslagern, Schauprozessen und Auftragsmorden verloren gehen w\u00fcrden.<\/p>\n<p>Die historische Situation, in der das \u00dcbergangsprogramm verfasst wurde, ist die Epoche des Imperialismus, in der die gesellschaftlichen Widerspr\u00fcche in Form von \u201eKrisen, Kriegen und Revolutionen\u201c (Lenin) immer wieder auf die Spitze getrieben werden. In dieser Epoche der versch\u00e4rften Widerspr\u00fcche sind pl\u00f6tzliche Wendungen der Situation auf der Basis der Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnisse zwischen den Klassen m\u00f6glich. F\u00fcr die imperialistische Epoche ist es charakteristisch, dass \u201e\u00dcbergangssituationen\u201c entstehen, die weder reine konterrevolution\u00e4re noch reine revolution\u00e4re Situationen sind, sondern eben \u00dcberg\u00e4nge zwischen beiden bilden. Nach 30 Jahren des Nachkriegs-Booms und weiteren 30 Jahren der \u201dB\u00fcrgerlichen Restauration\u201d zeigt uns die aktuelle Weltwirtschaftskrise seit 2007\/8, deren momentanes Epizentrum die Krise der Eurozone ist, dass die Epoche des Imperialismus noch nicht vorbei ist.<\/p>\n<p>Gleichzeitig mit der Versch\u00e4rfung der objektiven Situation ist klar, dass das Bewusstsein der ArbeiterInnenklasse \u2013 nach drei Jahrzehnten b\u00fcrgerlicher Restauration und der Durchsetzung der neoliberalen Parole \u201cEs gibt keine Alternative\u201d \u2013 sich auf einem deutlich niedrigeren Stand befindet als zu den Zeiten des \u00dcbergangsprogramms. Die von Trotzki konstatierte \u201eKrise der proletarischen F\u00fchrung\u201c, die verhinderte, dass sich die Massen in Richtung der Revolution entwickeln konnten, vertiefte sich zu einer Krise der proletarischen Subjektivit\u00e4t, die \u00fcber Jahrzehnte hinweg die M\u00f6glichkeit oder gar Notwendigkeit des Kampfes in Frage stellte. Dies f\u00fchrte zu einem unglaublichen Verlust der akkumulierten Kampferfahrungen der ArbeiterInnenklasse. Doch dieser Prozess beginnt sich durch die aktuelle Weltwirtschaftskrise wieder umzukehren.<\/p>\n<p><strong>Zum Weiterlesen<\/strong><\/p>\n<p>Langsam entwickeln sich wieder Erfahrungen des Kampfes, Erfahrungen der eigenen St\u00e4rke. Die eindrucksvollsten Beispiele davon sind der Arabische Fr\u00fchling und die europ\u00e4ische Krise, insbesondere in Griechenland, Spanien, Italien und Portugal. Die anf\u00e4nglichen Kampferfahrungen zeigen das gro\u00dfe Potential der ArbeiterInnenklasse und die Abschw\u00e4chung der Bindungen an die traditionellen reformistischen Parteien \u2013 doch dies hat noch nicht zur Herausbildung einer tats\u00e4chlichen revolution\u00e4ren Alternative gef\u00fchrt.<\/p>\n<p>So konnte der Arabische Fr\u00fchling, dessen fortgeschrittenste Auspr\u00e4gung sich in \u00c4gypten entwickelte, trotz massenhafter Proteste und Zusammenst\u00f6\u00dfen mit dem Staatsapparat keine grundlegende Umw\u00e4lzung der Gesellschaft durchsetzen. Die \u201eDemokratisierung\u201c Mubarak-\u00c4gyptens ist so schnell stecken geblieben, wie sie begonnen hatte, weil die halbkolonialen Eigentumsverh\u00e4ltnisse nicht angetastet wurden. In Griechenland, Spanien, Portugal, Italien usw. werden die ArbeiterInnen, Jugendlichen und armen Massen zerquetscht von den Sparprogrammen der von Angela Merkel gef\u00fchrten Troika. Das bedeutet Elend und massive materielle Verschlechterungen f\u00fcr die Mehrheit der Bev\u00f6lkerung. In dieser Situation reichen selbst linksreformistische Perspektiven der Umwandlung der EU in Richtung eines \u201esolidarischen Europa\u201c viel zu kurz, denn sie lassen die Produktionsverh\u00e4ltnisse unangetastet: Die einzige Alternative zur weiteren Verelendung der Massen besteht in der \u00dcberwindung der kapitalistischen Produktionsverh\u00e4ltnisse, was nur als Teil des Kampfes f\u00fcr die Vereinigten Sozialistischen Staaten von Europa durchgesetzt werden kann.<\/p>\n<p>So unterschiedlich die Situationen in \u00c4gypten und Europa sein m\u00f6gen, so \u00e4hnlich ist doch ihre grundlegende Schw\u00e4che: Es gibt keine revolution\u00e4re Partei, die die beginnenden Kampferfahrungen der Massen in Richtung der sozialistischen Revolution lenken k\u00f6nnte. Und so besteht die Gefahr, dass der sich formierende Widerstand nicht \u00fcber das Stadium von vereinzelten Aktionen oder von eindrucksvollen, aber angesichts einer fehlenden Strategie ungef\u00e4hrlichen Machtdemonstrationen hinaus gelangt, und diese Aktionen wieder zu Apathie, Demoralisierung und somit zu reformistischen oder gar reaktion\u00e4ren Illusionen f\u00fchren, wie wir es heute in Griechenland \u2013 und nicht nur dort \u2013 beobachten k\u00f6nnen, wo die FaschistInnen zu einem Anziehungspol f\u00fcr entt\u00e4uschte Sektoren werden.<\/p>\n<p>Hieraus ergibt sich f\u00fcr uns von der Trotzkistischen Fraktion \u2013 Vierte Internationale (FT-CI) die Aktualit\u00e4t und Notwendigkeit des \u00dcbergangsprogramms. Denn die Charakteristik der Epoche von Krisen, Kriegen und Revolutionen besteht darin, dass die Zuspitzung der gesellschaftlichen Widerspr\u00fcche das Programm der sozialistischen Revolution zu einer absoluten Notwendigkeit f\u00fcr das \u00dcberleben der ArbeiterInnenbewegung macht. Gleichzeitig kommt das Bewusstsein der Massen in der aktuellen Situation aber kaum \u00fcber ein def\u00e4tistisches Minimalprogramm hinaus. An diesem Punkt will das \u00dcbergangsprogramm ansetzen. Es ist keine Zauberformel, welche auf jede konkrete Situation die passende konkrete Antwort hat. Das \u00dcbergangsprogramm ist aber ein programmatisches Manifest, dessen inhaltlicher Kern aber die Methode zur Vorbereitung der Massen auf die Machteroberung ist. Entscheidend sind hierbei zwei Punkte: Die Herausbildung eines revolution\u00e4ren Massenbewusstseins und die Selbstorganisation der ArbeiterInnen, gipfelnd in einer revolution\u00e4ren Partei der Avantgarde der Klasse.<\/p>\n<p>Um aber ein revolution\u00e4res Bewusstsein entwickeln zu k\u00f6nnen, muss die ArbeiterInnenklasse praktische Erfahrungen sammeln. Diese Erfahrungen in K\u00e4mpfen um Minimalforderungen k\u00f6nnen aber \u2013 durch die objektive Situation der kapitalistischen Krise \u2013 von einer revolution\u00e4ren Kraft \u00fcber sich hinaus getrieben werden, in dem die ArbeiterInnen sich unabh\u00e4ngig von allen Fl\u00fcgeln der Bourgeoisie und ihren b\u00fcrokratischen AgentInnen in der ArbeiterInnenbewegung organisieren.<\/p>\n<p>Wichtig hierbei ist vor allem, dass das Bewusstsein \u2013 \u00e4hnlich wie die objektive Situation \u2013 \u00dcbergangserscheinungen und M\u00f6glichkeiten f\u00fcr Spr\u00fcnge und Br\u00fcche aufweist. In der Tat, der Kampf f\u00fcr den Sozialismus, verstanden als die \u201crevolution\u00e4re Diktatur des Proletariats\u201d (Marx) und nicht eines verw\u00e4sserten \u201edemokratischen Sozialismus\u201c auf der Grundlage des Privateigentums, wie etwa von der Linkspartei propagiert wird, erfordert einen Bruch mit der herrschenden Logik und den herrschenden Institutionen. Dieser Bruch kann nur durch die Verbindung des revolution\u00e4ren Ziels mit den Erfahrungen der Selbstorganisierung in den tagt\u00e4glichen K\u00e4mpfen vor sich gehen. Dies ist die Essenz des \u00dcbergangsprogramms.<\/p>\n<p>Das \u00dcbergangsprogramm will \u2013 basierend auf der \u00dcberzeugung, dass die sozialistische Revolution nur durch die Mobilisierung der bewussten Massen funktionieren kann \u2013 die Elemente der Selbstorganisation der ArbeiterInnenklasse entwickeln, die letztlich in einem System der Sowjets (zu deutsch: R\u00e4te) gipfeln, die die Basis der Entstehung von Doppelmacht zum Sturz des b\u00fcrgerlichen Staates sind. Wir von RIO und der FT-CI halten diese Elemente der Selbstorganisation f\u00fcr die fundamentale Voraussetzung der Wiedererlangung der proletarischen Subjektivit\u00e4t. Daher nennen wir unsere Vorstellung eine \u201esowjetische Strategie\u201c:<\/p>\n<p>Allerdings reicht die Selbstorganisation der Massen an sich nicht aus, da sie sich nicht notwendigerweise eine vereinheitlichte Strategie und ein revolution\u00e4res Programm st\u00fctzt. Die demokratische Selbstorganisation der Massen ist ein Ansatz zur Bek\u00e4mpfung der jetzigen reformistischen F\u00fchrung der ArbeiterInnenklasse, aber nur der Aufbau einer revolution\u00e4ren Partei mit einer koh\u00e4renten Strategie der Machteroberung kann die revolution\u00e4re Klasse zum Sieg f\u00fchren. Daher versucht das \u00dcbergangsprogramm, nicht nur die Massen f\u00fcr \u00dcbergangsforderungen zu mobilisieren, sondern mittels dieser Forderungen die strategische Frage der Revolution auf die Tagesordnung zu setzen und eine revolution\u00e4re Partei aufzubauen, die die gemachten Erfahrungen synthetisieren und mit der akkumulierten Erfahrung der Geschichte der ArbeiterInnenklasse verbinden kann. Dieser Kampf ist letztlich ein Kampf f\u00fcr den Sturz der alten klassenvers\u00f6hnlerischen F\u00fchrungen der ArbeiterInnenklasse und der Etablierung einer neuen, die von allen Fl\u00fcgeln der herrschenden Klasse unabh\u00e4ngig ist. F\u00fcr diese neue revolution\u00e4re F\u00fchrung der weltweiten ArbeiterInnenklasse k\u00e4mpfen wir.<\/p>\n<p><strong>F\u00fcr den Wiederaufbau der IV. Internationale!<\/strong><\/p>\n<p><em>Weiter zu&nbsp;<\/em><a href=\"https:\/\/trotzkismus.wordpress.com\/2012\/08\/21\/der-todeskampf-des-kapitalismus-und-die-aufgaben-der-iv-internationale-1\/\"><strong><em>\u201eDer Todeskampf des Kapitalismus und die Aufgaben der IV. Internationale\u201c<\/em><\/strong><\/a><\/p>\n<p><strong><em>Quelle: <\/em><\/strong><a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/zur-aktualitaet-des-uebergangsprogramms\/\"><em>klassegegenklasse.org&#8230;<\/em><\/a><em> vom 21. August 2020<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Stefan Schneider. Vor 80 Jahren wurde der russische Revolution\u00e4r Leo Trotzki von einem stalinistischen Agenten kaltbl\u00fctig ermordet. 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