{"id":8355,"date":"2020-08-24T08:35:38","date_gmt":"2020-08-24T06:35:38","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=8355"},"modified":"2020-08-24T08:35:39","modified_gmt":"2020-08-24T06:35:39","slug":"die-islaves-in-chinas-foxconn-fabriken","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=8355","title":{"rendered":"Die iSlaves\u00a0in Chinas Foxconn-Fabriken"},"content":{"rendered":"<p><strong>Im Folgenden bringen wir das von <em>Ralf Ruckus verfasste<\/em> Vorwort\u00a0 des Buches &#8222;iSlaves. Ausbeutung und Widerstand in Chinas Foxconn-Fabriken&#8220;, Wien, 2013 von <\/strong><strong>Pun Ngai, Lu Huilin, Guo Yuhua, Shen Yua.<\/strong><!--more--><\/p>\n<p>Smartphones, Tablets, Notebooks, Spielkonsolen und Desktop-Computer sind heute Sinnbilder f\u00fcr Fortschritt, Individualit\u00e4t, Freiheit, Kreativit\u00e4t. Sie strukturieren vielen Menschen, die sich diese Werkzeuge und Gadgets leisten k\u00f6nnen, Arbeit und Alltag. Die Ank\u00fcndigung neuer Ger\u00e4te-Generationen sorgt regelm\u00e4\u00dfig weltweit f\u00fcr Aufregung, weil sie weitere Funktionen oder mehr Spa\u00df und Spannung versprechen.<\/p>\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"302\" height=\"476\" src=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/08\/Unbenannt.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-8356\" srcset=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/08\/Unbenannt.png 302w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/08\/Unbenannt-190x300.png 190w\" sizes=\"auto, (max-width: 302px) 100vw, 302px\" \/><\/figure>\n<p>An diesen Ger\u00e4ten klebt Schwei\u00df und Blut. Millionen meist junger WanderarbeiterInnen, die ihre Arbeitskraft verkaufen m\u00fcssen, um zu \u00fcberleben, schuften in den kargen Produktionshallen der Elektronikindustrien Asiens, Lateinamerikas und Osteuropas. Arbeitsstress, Schichtarbeit, niedrige L\u00f6hne, despotische Betriebsf\u00fchrung, Arbeitsunf\u00e4lle und -krankheiten charakterisieren diese industriellen Arbeitslager. In den medialen Versionen einer digitalen Moderne, die uns in den Werbespots von Apple oder Samsung pr\u00e4sentiert werden, hat dieser Horror wenig Platz.<\/p>\n<p>Der taiwanesisch-chinesische Elektronikkonzern Hon Hai und seine Tochter Foxconn waren bis Anfang 2010 vor allem Insidern der Elektronikbranche bekannt. Dann st\u00fcrzten sich im Laufe des Jahres\u00a0Dutzende junger ArbeiterInnen in China von Fabrikgeb\u00e4uden Foxconns in den Tod. AktivistInnen von Solidarit\u00e4tsgruppen in China, Hongkong und anderen L\u00e4ndern wiesen auf die miesen Arbeitsbedingungen und die milit\u00e4rische Unternehmensf\u00fchrung als Ursachen der Selbstmorde hin. Sie prangerten die gezielte Spaltung und Vereinzelung der ArbeiterInnen in den Werkhallen und Wohnheimen an, mit der Foxconn Arbeiterwiderstand verhindern will.<\/p>\n<p>Die anschlie\u00dfende internationale \u00d6ffentlichkeitskampagne richtete sich gegen die Bedingungen bei Foxconn, aber auch gegen einen der Hauptauftraggeber: das US-Unternehmen Apple. Apple hat selbst keine Fertigungsst\u00e4tten und l\u00e4sst seine iPhones und iPads von sogenannten Auftragsherstellern wie Foxconn produzieren, die Weltmarktfabriken in China und anderen L\u00e4ndern betreiben. Das Produktionsmodell von Markenunternehmen ohne eigene Fabriken und Auftragsherstellern ohne eigene Marke entwickelte sich in den 1970er- und 1980er-Jahren in der Elektronikbranche sowie in anderen Sektoren wie die f\u00fcr Schuhe und Textilien.<\/p>\n<p>Im Fall Foxconn liefert Apple Design und Technologie, Foxconn organisiert die industrielle Produktion. Obwohl Foxconn gemessen an den Besch\u00e4ftigtenzahlen global zu einem der gr\u00f6\u00dften industriellen Konzerne geworden ist, f\u00fcr viele gro\u00dfe Marken produziert und sich im Elektroniksektor einer Monopolstellung n\u00e4hert, streichen Auftraggeber wie Apple einen Gro\u00dfteil der Gewinne aus dem Elektronikgesch\u00e4ft ein.<a href=\"http:\/\/www.gongchao.org\/2013\/03\/04\/vorwort-des-buches-zu-den-islaves\/#sdfootnote1sym\">1<\/a><\/p>\n<p>Apple ist derzeit nach B\u00f6rsenwert das teuerste Unternehmen der Welt. Da die Firma von ihrem Image lebt \u2013 innovativ, modern, cool \u2013 und wie keine andere f\u00fcr die Vision eines allseits vernetzten Menschen auf der H\u00f6he der Zeit steht, passen die h\u00e4sslichen Geschichten \u00fcber Selbstmorde und Ausbeutung in den Foxconn-Fabriken Chinas nicht ins Bild. Also dr\u00e4ngte Apple Foxconn, auf die Kampagne gegen das Unternehmen zu reagieren; gleichzeitig bem\u00fchten sich die Apple-Manager, die schlechten Bedingungen in den Fabriken herunterzuspielen.<a href=\"http:\/\/www.gongchao.org\/2013\/03\/04\/vorwort-des-buches-zu-den-islaves\/#sdfootnote2sym\">2<\/a><\/p>\n<p>Um mehr \u00fcber die konkreten Bedingungen bei Foxconn zu erfahren, starteten Pun Ngai, Lu Huilin und andere WissenschaftlerInnen aus China, Hongkong und Taiwan im Fr\u00fchjahr 2010 ein entsprechendes Forschungsprojekt. Sie sammelten Informationen zu Foxconns Aktivit\u00e4ten in China, interviewten die Besch\u00e4ftigten vor und in den dortigen Fabriken und Wohnheimen und analysierten die\u00a0Ausbeutungsformen und die Reaktionen der ArbeiterInnen. Einige beteiligte StudentInnen begannen gar, f\u00fcr Wochen oder Monate in Foxconn-Fabriken zu arbeiten, um mit ArbeiterInnen zu diskutieren und ihre Erfahrungen und Untersuchungsergebnisse aufzuschreiben.<\/p>\n<p><strong>Buch<\/strong><\/p>\n<p>Im vorliegenden Buch fassen die HerausgeberInnen Pun Ngai, Lu Huilin, Guo Yuhua und Shen Yuan die Ergebnisse des Forschungsprojektes zusammen und setzen dabei zwei Erz\u00e4hlweisen\u00a0ein: Zum einen analysieren Mitglieder des Untersuchungsteams in den Kapiteln wichtige Aspekte des Foxconn-Modells, zum anderen erz\u00e4hlen einzelne ArbeiterInnen ihre Geschichten des Alltags und der Ausbeutung in den Fabriken Foxconns. Im Anschluss an das Vorwort gibt zun\u00e4chst der Kasten \u201eDas Foxconn-Imperium\u201c einen \u00dcberblick \u00fcber die Entwicklung dieses gigantischen Elektronik-Auftragsherstellers.<\/p>\n<p>Im einleitenden ersten Kapitel \u201eKritische Gedanken zum Foxconn-Modell\u201c listen Pun Ngai, Han Yuchen, Guo Yuhua und Lu Huilin Missst\u00e4nde auf, die in den weiteren Kapiteln genauer dargestellt werden, wie die vielen nicht entlohnten \u00dcberstunden, der massenhafte Einsatz von PraktikantInnen und die zahlreichen Arbeitsunf\u00e4lle. Das Schicksal der Arbeiterin Tian Yu, die von ihrem Foxconn-Wohnheim in die Tiefe sprang und \u00fcberlebte, steht im Mittelpunkt der ersten Arbeitergeschichte: \u201eDie Arbeit war sinnlos.\u201c<\/p>\n<p>Im zweiten Kapitel \u201eFoxconns Produktionsregime\u201c beschreiben Deng Yunxue, Jin Shuheng und Pun Ngai das Innenleben der Maschinerie Foxconns, die Arbeitsbedingungen, die tayloristischen Management-Methoden und das strenge Fabriksystem. Foxconn setzt auf milit\u00e4rischen Drill, Normierung, Kontrolle, Disziplinierung, Bestrafung und Erniedrigung, um Gehorsam\u00a0und Unterwerfung der ArbeiterInnen zu sichern. Die Geschichte der Arbeiterin Xu \u2013 \u201eDie Firma setzt voll und ganz auf Bestrafungen\u201c \u2013 zeigt, wie sich dieses System \u00fcber die Jahre entwickelt hat.<\/p>\n<p>Im dritten Kapitel \u201eDas Wohnheimarbeitssystem\u201c besch\u00e4ftigen sich Liang Zicun, Bao Chengliang und Lu Huilin mit dem besonderen Arrangement von Fabrikhallen und Wohnheimanlagen, das die Ausdehnung des Arbeitstages, die st\u00e4ndige Kontrolle und die Spaltung der ArbeiterInnen erlaubt \u2013 also die Unterordnung aller Lebensbereiche unter das Diktat des Kapitals und die Anforderungen kapitalistischer Produktion und Reproduktion. Der Arbeiter Cheng beschreibt danach, wie er die Kontrolle und G\u00e4ngelung in Werkhalle und Wohnheim empfand: \u201eWenn du lange bei Foxconn bleibst, wirst du bl\u00f6de.\u201c<\/p>\n<p>Im vierten Kapitel \u201eDie \u00c4ra der PraktikantInnen\u201c schildern Xu Yi, Dong Junyan und Cheng Pingyuan Foxconns Einsatz von Sch\u00fclerInnen als billige und flexible Arbeitskr\u00e4fte. Von den Schulen an Foxconn \u201evermittelt\u201c, werden sie in der Produktion eingesetzt, um Kosten zu reduzieren und die Besch\u00e4ftigten zu spalten. Die PraktikantInnen werden also nicht ausgebildet, sondern als ProduktionsarbeiterInnen vernutzt. Die Geschichte der Praktikantin Wan zeichnet diese Ausbeutung nach: \u201eIch war jeden Tag total fertig.\u201c<\/p>\n<p>Im f\u00fcnften Kapitel \u201eFoxconn zieht nach Westen\u201c beschreiben Li Changjiang und Chen Huiling die Produktionsverlagerung nach Zentral- und Westchina, wodurch Foxconn dem Lohndruck in den Fabriken der K\u00fcstenregionen ausweichen will. Der Staat spielt bei der Neuansiedlung eine entscheidende Rolle, insbesondere bei der Vertreibung der Bev\u00f6lkerung vom Baugrund und bei der Anwerbung frischer\u00a0Arbeitskr\u00e4fte. Die Geschichte \u201eDie Maschine ist der Herr und Gebieter\u201c von Yang, Student und Produktionsarbeiter, zeigt viele Facetten der entmenschlichten Arbeit in einer der neuen Foxconn-Fabriken im Westen, aber auch die widerst\u00e4ndigen Verhaltensweisen der ArbeiterInnen.<\/p>\n<p>Im sechsten Kapitel \u201eDie Narben aus der Weltmarktfabrik\u201c besch\u00e4ftigen sich Xu Yi, Su Yihui und Shen Yuan mit den vielen Arbeitsunf\u00e4llen und Arbeitskrankheiten, zu denen es bei der Produktion der iPhones und anderer Gadgets kommt und die von Foxconn-Managern regelm\u00e4\u00dfig verschleiert werden. In der Geschichte \u201eFoxconn hat mich im Stich gelassen\u201c des Arbeiters Liu werden die Tricks deutlich, mit denen das geschieht \u2013 auf Kosten der betroffenen ArbeiterInnen.<\/p>\n<p>Im siebten Kapitel \u201eArbeiterk\u00e4mpfe bei Foxconn\u201c schildern Jenny Chan, Pun Ngai und Mark Selden Widerstandsaktionen von Foxconn-ArbeiterInnen, darunter einen Bummelstreik, Randale in\u00a0Wohnheimen, Streiks und die sogenannte \u201eSprung-vom-Geb\u00e4ude-Show\u201c: angedrohte Massenselbstmorde. Im Update \u201eNeue Arbeiterunruhen in Chinas Foxconn-Fabriken\u201c werden die Ausschreitungen bei Foxconn in Taiyuan im September 2012 und der Streik bei Foxconn in Zhengzhou im Oktober 2012 beschrieben, und im Kasten \u201eGewerkschaft bei Foxconn\u201c besch\u00e4ftigen sich Li Changjiang, Liang Zicun und Shen Hong mit der armseligen Rolle der staatlichen Gewerkschaft in den Foxconn-Werken.<\/p>\n<p>Im achten Kapitel \u201eEnde der Weltmarktfabrik-\u00c4ra\u201c fassen Pun Ngai, Han Yuchen, Shen Yuan und Lu Huilin die Ergebnisse der Untersuchung zusammen. Sie bezeichnen Foxconn als \u201eglobale Superfabrik\u201c, die einerseits die zahlreichen Auftragsfertigungsfabriken repr\u00e4sentiert, andererseits eine \u201eMiniaturversion der chinesischen \u201aFabrik der Welt\u2018\u201c darstellt. F\u00fcr sie sind Wanderarbeit und Weltmarktfabriken eine \u201eepochale Fehlentwicklung\u201c und sie pl\u00e4dieren f\u00fcr ein \u201ehumaneres soziales Entwicklungsmodell.\u201c<\/p>\n<p>Zwei erg\u00e4nzende Beitr\u00e4ge stellen die Situation und Arbeiterk\u00e4mpfe in Elektronik-Weltmarktfabriken in Osteuropa vor. Im ersten Appendix \u201eIntegration verschiedener Arbeitsregime? Foxconn in Tschechien\u201c pr\u00e4sentieren Rutvica Andrijasevic und Devi Sachetto die Situation in den Fabriken Foxconns in Pardubice und Kutn\u00e0 Hora, Tschechien. Sie untersuchen die Arbeitererfahrungen, den Arbeitskr\u00e4fteeinsatz \u00fcber Personal- und Zeitarbeitsagenturen und die Rolle des Staates bei der Ansiedlung und Betreibung der Fabriken. Die Parallelen zur Situation in den chinesischen Fabriken sind frappierend.<\/p>\n<p>Im zweiten Appendix \u201e\u201aWir sind keine Maschinen!\u2018 Arbeiterkampf in einer chinesischen Elektronikfabrik in Polen\u201c analysieren FreundInnen von Gongchao einen Streik in der Fabrik des chinesischen\u00a0Elektronik-Auftragsherstellers Chung Hong in der Sonderwirtschaftszone Wroc\u0142aw-Kobierzyce im S\u00fcdwesten Polens im Sommer 2012. Der Streik zeigt die Grenzen und M\u00f6glichkeiten von Arbeiterwiderstand in Fabriken mit \u201eschlanker Produktion\u201c und einer gespaltenen Belegschaft von Festangestellten und ZeitarbeiterInnen. Am Schluss findet sich noch eine Liste \u201eOnline verf\u00fcgbare Materialien\u201c \u2013 Texte, Webseiten, Filme \u2013 zur Situation und Arbeiterk\u00e4mpfen bei Foxconn und dar\u00fcber hinaus.<\/p>\n<p><strong>Einordnung<\/strong><\/p>\n<p>Die AutorInnen des Buches fokussieren auf die Darstellung des Ausbeutungsregimes \u2013 Drill, Wohnheime, Verlagerung \u2013 als Antwort auf Arbeiterverhalten \u2013 Fluchttr\u00e4ume, Fluktuation, K\u00e4mpfe.\u00a0Foxconn geht es um die kosteng\u00fcnstigste Produktion von Konsumg\u00fctern, um einen hohen Profit einzufahren, und dem werden alle Lebensbed\u00fcrfnisse der ArbeiterInnen untergeordnet, mit ideologischen,<\/p>\n<p>propagandistischen, erpresserischen und gewaltt\u00e4tigen Mitteln. Erschreckend ist nicht das Extreme und Gemeine, sondern das Allt\u00e4gliche und scheinbar Normale der Ausbeutung, Erniedrigung und Unterdr\u00fcckung, die Zielgerichtetheit, das Kalk\u00fcl und die Konsequenz, mit denen Foxconns F\u00fchrungshierarchien ihre Ziele verfolgen und t\u00e4glich gegen die Arbeiter durchsetzen.<\/p>\n<p>Die Geschichten der einzelnen ArbeiterInnen zeigen deren Erfahrungen mit Foxconns Produktionsregime, ihre Ansichten zu Wanderung, Arbeit, Unf\u00e4llen und Widerstand. Immer wieder taucht ihr Wunsch auf, der Fabrik entfliehen zu k\u00f6nnen, oft in dem Streben nach einem \u201eeigenen Gesch\u00e4ft\u201c: Die Selbst\u00e4ndigkeit bietet die Vision der Unabh\u00e4ngigkeit, eines Lebens ohne Chef. Zudem taucht immer wieder die proletarische Wut gegen die Verh\u00e4ltnisse auf, die ArbeiterInnen finden zu Formen t\u00e4glichen Widerstands. Diese Geschichten gew\u00e4hren einen guten Einblick hinter die Fabrik- und Wohnheimmauern \u2013 die kapitalistische Ausbeutung im Vergr\u00f6\u00dferungsglas.<a href=\"http:\/\/www.gongchao.org\/2013\/03\/04\/vorwort-des-buches-zu-den-islaves\/#sdfootnote3sym\">3<\/a><\/p>\n<p>In \u00f6ffentlichen Diskursen in China, Europa und Nordamerika zeigte sich nach der Selbstmordserie 2010 vor allem Emp\u00f6rung \u00fcber die \u201e\u00dcberausbeutung\u201c in Chinas Foxconn-Fabriken, \u00fcber die gezielte Vereinzelung in den Wohnheimen, die Unterschlagung von Entsch\u00e4digungen nach Arbeitsunf\u00e4llen oder die Besch\u00e4ftigung Minderj\u00e4hriger. Der Diskurs der \u201e\u00dcberausbeutung\u201c erlaubt Forderungen nach h\u00f6heren L\u00f6hnen, nach der Einhaltung von Gesetzen und \u201eunabh\u00e4ngigen\u201c Gewerkschaften, wirkt aber einer konsequenten Kritik und wirksamen Untergrabung der kapitalistischen Verh\u00e4ltnisse entgegen.<\/p>\n<p>Die Erz\u00e4hlungen von Wut, Verzweiflung, Sabotage und Fluchtgedanken in diesem Buch zeigen, dass die Verhaltens- und Denkweisen der ArbeiterInnen, die abstrakte Arbeit verrichten und jederzeit\u00a0austauschbar sind, eine Kritik der Arbeit und des Lohnarbeitsverh\u00e4ltnisses an sich darstellen. Die t\u00e4glichen Auseinandersetzungen sind die Mikroebene des Klassenkampfes und als solche entscheidend f\u00fcr die Entstehung kollektiver Klassenmacht. In ihnen zeigen sich aber auch die taktischen Ablenkungsman\u00f6ver des Kapitals, das die vielen kleinen Konflikte um Arbeitszeit, Lohn der F\u00fchrungsstil zwischen ProduktionsarbeiterInnen und \u201ekleinen Chefs\u201c nutzt, um von der gro\u00dfen Frage nach der Legitimit\u00e4t von Fabrikgesellschaft und Klassenherrschaft abzulenken. Sollen die\u00a0ArbeiterInnen doch f\u00fcr Verbesserungen der Ausbeutungsbedingungen k\u00e4mpfen, solange die Ausbeutungsstruktur nicht angegriffen wird!<\/p>\n<p>Offensichtlich m\u00fcssen wir, wie von den BuchautorInnen gefordert, die Foxconn-ArbeiterInnen in ihren K\u00e4mpfen unterst\u00fctzen. Es geht um die schnelle Verbesserung ihrer Lebenssituation, ein Ende der Arbeitsunf\u00e4lle und Berufskrankheiten, und die M\u00f6glichkeit, den Wohnort w\u00e4hlen und mit FreundInnen und Familie zusammenleben zu k\u00f6nnen. Die Frage ist jedoch, wie diese Verbesserungen erreicht werden k\u00f6nnen, w\u00e4hrend leichzeitig verhindert wird, dass sie nur vor\u00fcbergehend wirken und die kapitalistische Misere immer wiederkehrt. Das wird nicht durch eine gewerkschaftliche Strategie oder die Hoffnung auf staatliche Vermittlung realisiert, sondern durch die St\u00e4rkung der unmittelbaren Arbeitermacht, der Kampff\u00e4higkeiten und solidarischen Widerstandsformen, durch die Entwicklung einer egalit\u00e4ren \u00d6konomie und einer herrschaftsfreien sozialen Organisierungsweise. Entscheidend ist deswegen, ob aus dem gegenw\u00e4rtigen kollektiven Widerstand als praktischer Kritik des Lohnarbeitssystems \u2013 bei Foxconn und anderswo \u2013 eine neue politische Klassenzusammensetzung entsteht, welche die Fundamente des (chinesischen) Fabriksystems untergr\u00e4bt. Das\u00a0Buch kann diese Frage nicht beantworten, es bietet aber wichtiges Material zur Einsch\u00e4tzung der Lage und Befeuerung der Diskussion.<\/p>\n<p>Nicht zuletzt gibt es auch einen direkten Zusammenhang zwischen den Arbeitsbedingungen der iSlaves und dem Preis, den wir f\u00fcr die von ihnen hergestellten Gadgets bezahlen m\u00fcssen \u2013 wenn wir uns die Ger\u00e4te \u00fcberhaupt leisten k\u00f6nnen. Wenn ihr Schwei\u00df und Blut an dem Tablet klebt, mit dem wir dieses Buch lesen, steht unsere Mitverantwortung au\u00dfer Frage. Dies ist kein Aufruf f\u00fcr Konsumboykotte oder Lobbyattacken auf die Vorst\u00e4nde der Elektronikkonzerne, da diese \u201egutgemeinten\u201c Aktionsformen die Spaltungen in KonsumentInnen\/ProduzentInnen und in Menschen aus \u201eDritte-Welt-L\u00e4ndern\u201c\/\u201eMetropolen\u201c noch zementieren. Angriffe auf Lohnstandards und Versuche, die Ausbeutungsbedingungen zu versch\u00e4rfen, finden weltweit statt \u2013 wie nicht zuletzt die beiden Beitr\u00e4ge zu Foxconn in Tschechien und dem Streik in der Sonderwirtschaftszone in Polen zeigen. Praktische Solidarit\u00e4t entsteht aus der In-Beziehung-Setzung der eigenen K\u00e4mpfe gegen die Ausbeutung mit denen der ArbeiterInnen anderswo \u2013 hier der iSlaves bei Foxconn in China. Die entscheidende Aufgabe ist also, an allen Orten den Kampf gegen die Ausbeutungsverh\u00e4ltnisse zu organisieren. Erst dann l\u00e4sst sich auch \u2013 trotz aller Unterschiede \u2013 das gemeinsame Ziel formulieren und umsetzen: das Ende des Kapitalismus.<\/p>\n<p><strong>Fu\u00dfnoten<\/strong><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.gongchao.org\/2013\/03\/04\/vorwort-des-buches-zu-den-islaves\/#sdfootnote1anc\">1<\/a>\u00a0Zur Wertsch\u00f6pfungskette und den Gewinnen von Foxconn und Apple siehe den Kasten \u201eDas Foxconn-Imperium\u201c im Anschluss.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.gongchao.org\/2013\/03\/04\/vorwort-des-buches-zu-den-islaves\/#sdfootnote2anc\">2<\/a>\u00a0Der damalige Apple-Boss Steve Jobs sagte zum Beispiel: \u201eFoxconn ist kein Sweatshop. Wenn man da hingeht und, es ist eine Fabrik, aber, mein Gott, ich meine, die haben Restaurants und Kinos und Krankenh\u00e4user und Schwimmb\u00e4der, ich meine, f\u00fcr eine Fabrik ist es eine ganz sch\u00f6ne Fabrik.\u201c\u00a0<a href=\"http:\/\/www.youtube.com\/watch?v=2gOu50HaEvs\">http:\/\/www.youtube.com\/watch?v=2gOu50HaEvs<\/a><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.gongchao.org\/2013\/03\/04\/vorwort-des-buches-zu-den-islaves\/#sdfootnote3anc\">3<\/a>\u00a0Die meisten Geschichten wurden nach Gespr\u00e4chen mit ArbeiterInnen von TeilnehmerInnen des Untersuchungsteams aufgeschrieben. Sie spiegeln also auch die Fragen, das Erstaunen, die Distanz und Sympathie der Untersuchenden.<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"http:\/\/www.gongchao.org\/2013\/03\/04\/vorwort-des-buches-zu-den-islaves\/\"><em>gongchao.org&#8230;<\/em><\/a><em> vom 24. August 2020<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Folgenden bringen wir das von Ralf Ruckus verfasste Vorwort\u00a0 des Buches &#8222;iSlaves. 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