{"id":8388,"date":"2020-08-27T19:04:53","date_gmt":"2020-08-27T17:04:53","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=8388"},"modified":"2020-08-27T19:04:54","modified_gmt":"2020-08-27T17:04:54","slug":"250-jahre-georg-wilhelm-friedrich-hegel-philosophischer-meister-der-dialektik","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=8388","title":{"rendered":"250 Jahre Georg Wilhelm Friedrich Hegel: Philosophischer Meister der Dialektik"},"content":{"rendered":"<p><em>Gerald Falke. <\/em><strong>Mit Hegels Werk wird in der klassischen deutschen Philosophiegeschichte einerseits ihr kr\u00f6nender H\u00f6hepunkt verkn\u00fcpft, andererseits eine durchwegs unverst\u00e4ndliche Denkweise oder eine besonders gef\u00e4hrliche<!--more--> Ideologie. Gleichg\u00fcltigkeit wollte sich seither hierzu in der Philosophie kaum jemand leisten. Was machen seine Lehren jetzt so faszinierend und revolution\u00e4r und weshalb wird ihnen eine so gro\u00dfe Gefahr unterstellt?<\/strong><\/p>\n<figure class=\"wp-block-image size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/08\/120px-Hegel_042.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-8389\" width=\"350\" height=\"467\"\/><figcaption>Hegel, 1819. Quelle: Wikipedia<\/figcaption><\/figure>\n<p>Beispielsweise war f\u00fcr Schopenhauer die Philosophie Hegels der \u201ewiderw\u00e4rtigste und unsinnigste Galimathias\u201c (verworrenes Gerede) mit \u201esinnleerstem Wortkram\u201c. Dennoch wurden seine Lehren letztlich als Schulphilosophie aufgenommen, mit der sich das Bildungsb\u00fcrger- und preu\u00dfische Beamtentum gerne schm\u00fcckte. Die preu\u00dfische Regierung legte sie sogar ihrer Staatsauffassung zugrunde.<\/p>\n<p>Er galt zwar als pers\u00f6nlich gesellig und humorvoll, aber bed\u00e4chtig bis beh\u00e4big, als schwerf\u00e4lliger, sich st\u00e4ndig r\u00e4uspernder Redner und in langen, schwerfl\u00fcssigen und unverst\u00e4ndlichen S\u00e4tzen schreibend.<\/p>\n<p>Hegel wurde 1770 in Stuttgart als Nachfahre protestantischer Auswanderer aus K\u00e4rnten und \u00e4ltester Sohn eines Rentkammersekret\u00e4rs geboren. Seine Erziehung war entsprechend protestantisch-pietistisch ausgerichtet. Bereits im Gymnasium besch\u00e4ftigte er sich mit griechischen und r\u00f6mischen Klassikern. Im T\u00fcbinger Stift studierte er Philosophie und Theologie und musste danach zun\u00e4chst in Bern und Frankfurt am Main eine Hauslehrerstelle annehmen. Durch eine Erbschaft von seinem Vater konnte er eine akademische Laufbahn beginnen und sich in Jena habilitieren. Nachdem er dann eine Rektorenstelle in N\u00fcrnberg annahm, \u00fcbernahm er schlie\u00dflich den philosophischen Lehrstuhl in Heidelberg und sp\u00e4ter als Nachfolger Fichtes in Berlin, wo ihm schlie\u00dflich noch das Amt des Rektors der Universit\u00e4t \u00fcbertragen wurde. 1831 starb er dort nach kurzer Krankheit.<\/p>\n<p>Meinte er in jungen Jahren, dass trotz seiner von seinen Lehrkr\u00e4ften bem\u00e4ngelten philosophischen Begabung die Modulationsm\u00f6glichkeiten des schw\u00e4bischen Dialekts sich besonders gut f\u00fcr das Philosophieren eignen, beschrieb er sp\u00e4ter den Berliner Sand (Anspielung auf die als Streusandb\u00fcchse bezeichnete preu\u00dfische Stammprovinz Brandenburg) als besonders empf\u00e4nglich f\u00fcr die Philosophie.<\/p>\n<p><strong>Vom Impuls der Aufkl\u00e4rung<\/strong><\/p>\n<p>Als pr\u00e4gendes Ereignis wirkte sich auf ihn bereits zu Beginn seines Studiums aus, dass 1789 in Paris die Bastille erst\u00fcrmt und der absolutistisch herrschende K\u00f6nig und sein Hofadel entmachtet wurden. In der Hoffnung auf eine grundlegende Ver\u00e4nderung auch in Deutschland ergriffen viele Gelehrte daf\u00fcr Partei und im T\u00fcbinger Stift bildete sich ein politischer Kreis, der franz\u00f6sische Zeitungen las und mit Hochstimmung diskutierte. Hegel trat hier besonders begeistert f\u00fcr Freiheit und Gleichheit ein, H\u00f6lderlin sorgte mit seiner dichterischen Begabung f\u00fcr eine schwungvolle Sprache und Schelling \u00fcbersetzte die Marseillaise, das Revolutionslied der franz\u00f6sischen Freiwilligenbataillone, ins Deutsche.<\/p>\n<p>Von hier ausgehend interessierte er sich weiterhin f\u00fcr die politischen Verh\u00e4ltnisse und deren m\u00f6gliche Verbesserungen. An Schelling schrieb er dazu, dass er die Theorie als Sturmbock zur Bewegung der Wirklichkeit verstehe. Und w\u00e4hrend seines Aufenthaltes in Jena begr\u00fc\u00dfte er freudig den Sieg der Franzosen in der dort stattgefundenen Schlacht von 1806 und beschrieb bei dieser Gelegenheit Napoleon ehrfurchtsvoll als \u201eWeltseele\u201c, obwohl er pl\u00fcndernde Soldaten in seiner Wohnung dulden musste.<\/p>\n<p>Hegel blieb aber letztlich befangen in der R\u00fcckst\u00e4ndigkeit Deutschlands und der entsprechend geringeren Wirksamkeit der Aufkl\u00e4rung. Indem hier die Klassenk\u00e4mpfe des B\u00fcrgertums weniger ausgepr\u00e4gt waren, die politische Opposition viel schw\u00e4cher war und eine b\u00fcrgerliche Revolution noch nicht auf der Tagesordnung stand, konnte die Ideologie der Aufkl\u00e4rung sogar noch dem kleinstaatlichen Feudalabsolutismus zweckdienlich werden.<\/p>\n<p>Von der britischen und franz\u00f6sischen Aufkl\u00e4rung trennte Hegel von Beginn an sein durchg\u00e4ngiger idealistischer Standpunkt, der den Geist als das allein Wirkliche auffasst. Und anstatt einer \u00dcberwindung der Religiosit\u00e4t sah er im lutheranischen Christentum die bisher h\u00f6chste Entwicklungsstufe der Religion, die mithilfe der Philosophie in eine noch h\u00f6here Form zu bringen sei, welche dann so zur Grundlage der deutschen Freiheitsbewegung werden sollte. Zumindest erkl\u00e4rte er, dass das G\u00f6ttliche kein \u00e4u\u00dferes und fremdes Wesen ist, sondern nur im und f\u00fcr den Geist der Menschen.<\/p>\n<p><strong>Idealistische Geschichts- und konformistische Staatsauffassung<\/strong><\/p>\n<p>In seiner Vorstellung von der geschichtlichen Entwicklung war er zun\u00e4chst sehr inspiriert von der griechischen Philosophie. Die hierin entwickelte Dialektik bezog sich vor allem auf das dialogische Sprechen und wurde von Platon zu einer speziellen Form der Dialoggestaltung entwickelt, in der das Wesen in seinen Zusammenh\u00e4ngen erfasst und im Gespr\u00e4ch vermittelt werden kann. Dabei sollte mit der dialogischen Gespr\u00e4chsentwicklung hinter dem sinnlich Wahrnehmbaren die an sich als feststehend gedachte platonische Ideenwelt erreicht werden.<\/p>\n<p>Hegel entdeckte hierbei, dass die philosophischen Dialoge bei Platon tats\u00e4chlich stattgefunden haben in der Entwicklung der Philosophiegeschichte, in der die PhilosophInnen immer wieder zu neuen Antworten fanden und damit sich sozusagen ein philosophischer Dialog \u00fcber die gesamte Geschichte der Philosophie hinzieht. Im Unterschied zur platonischen Vorstellung einer unbeweglichen Wahrheit erkannte Hegel allerdings die Bewegung der Wahrheitsfindung in ihrer notwendigen Entwicklung. Damit konzentrierte sich die Philosophiegeschichte vor allem auf\u00a0<em>\u201edie notwendige Bewegung der reinen Begriffe\u201c<\/em>\u00a0und damit um\u00a0<em>\u201edas Erheben der Vernunft \u00fcber die Beschr\u00e4nkungen des Verstandes\u201c.<\/em>\u00a0In der Folge gelangte er letztlich zu nichts Geringerem als der Annahme einer Identit\u00e4t von Wirklichkeit und Geist, von Welt und Vernunft.\u00a0<em>\u201eDie reine Wissenschaft \u2026. enth\u00e4lt den Gedanken, insofern er ebensosehr die Sache an sich selbst ist, oder die Sache an sich selbst, insofern sie ebensosehr der reine Gedanke ist.\u201c<\/em>\u00a0(Hegel, Wissenschaft der Logik, Bd. 1, S. 43, in: Hegel, Werke, Bd. 5, Suhrkamp, Frankfurt\/Main)<\/p>\n<p>Die Selbstentfaltung des Geistes entsprach f\u00fcr ihn somit einer Darstellung des gesamten Weltprozesses, der sich vom An-sich-Sein \u00fcber ein Anders-Sein zum An-und-f\u00fcr-sich-Sein entwickelt. Die Entwicklung der Weltgeschichte ist f\u00fcr ihn dabei sinnvoll und zweckgerichtet \u2013 auf das Ziel der Vervollkommnung der Vernunft. Die nach ihren individuellen Zwecken handelnden Menschen darin sind lediglich Werkzeuge des Weltgeistes und dessen listiger Vernunft.<\/p>\n<p>Dieser Weltgeist entwickelte sich demnach von den OrientalInnen \u00fcber die GriechInnen und R\u00f6merInnen bis zu den GermanInnen und durchlief dabei eine Zunahme der Freiheit einzelner bis hin zur Freiheit aller im Geist der Deutschen \u2013 selbst wenn sich dieser nur im Willen eines einzelnen Monarchen ausdr\u00fcckt.<\/p>\n<p>Der \u00e4ltere Hegel zeigte sich letztendlich als durchaus parteilich zugunsten des K\u00f6nigs. Als einstiger Kritiker Preu\u00dfens wandelte er sich in einen r\u00fcckhaltloser Unterst\u00fctzer des preu\u00dfischen Staats als Verk\u00f6rperung der Vernunft \u2013 trotz des Polizeisystems und Denunziantentums bis hin zur Verfolgung von AufwieglerInnen.<\/p>\n<p>Seine angenommene Identit\u00e4t von Vernunft und Wirklichkeit zeigte sich hier in einer besonders fatalen Form als bedingungsloses Vertrauen in den Staat als der<em>\u00a0\u201eWirklichkeit der sittlichen Idee\u201c.<\/em>\u00a0Damit postulierte er die Grundlage f\u00fcr eine Theorie, die eigentlich vor der Wirklichkeit, die sie zu bewegen angetreten war, kapituliert hatte.<\/p>\n<p>Hegels Staatsfetischismus bestimmt letztlich den Zweck des Lebens der Individuen als ihren Anteil am allgemeinen Staatsleben:\u00a0<em>\u201eDer Staat ist als die Wirklichkeit des substantiellen Willens, die er in der zu seiner Allgemeinheit erhobenen besonderen Selbstbewusstheit hat, das an und f\u00fcr sich Vern\u00fcnftige. Diese substantielle Einheit ist absoluter unbewegter Selbstzweck, in welchem die Freiheit zu ihrem h\u00f6chsten Recht kommt, so wie dieser Endzweck das h\u00f6chste Recht gegen die Einzelnen hat, deren h\u00f6chste Pflicht es ist, Mitglieder des Staats zu sein.\u201c<\/em>\u00a0(Hegel, Grundlinien der Philosophie des Rechts, S. 399, Suhrkamp, Frankfurt\/ Main 1976)<\/p>\n<p>Letztlich hoffte er auf eine geistige Erneuerung des deutschen Volkes und Staates nach dem Ideal der antiken Gemeinschaft in der griechischen Polis.<\/p>\n<p><strong>Bleibendes Verdienst der Dialektik<\/strong><\/p>\n<p>Die gr\u00f6\u00dften Verdienste geb\u00fchren Hegel sicherlich f\u00fcr die Ausarbeitung seiner\u00a0<em>\u201eWissenschaft der Logik\u201c.<\/em>\u00a0Hierin erh\u00e4lt die Dialektik eine grundlegende und umfassende Bedeutung, die alle ihre Einschr\u00e4nkungen durch die Lehren von Aristoteles bis Kant schlichtweg beseitigt. Wenn beispielsweise die formale Logik das aristotelische Identit\u00e4tsprinzip vorgibt, wonach ein A stets ein A ist und bleibt, dann stellt dies f\u00fcr Hegel nur eine langweilige Art von \u00fcberfl\u00fcssigem Wiederk\u00e4uen dar. Er h\u00e4lt dem entgegen:\u00a0<em>\u201eDie Identit\u00e4t ist \u2026 an ihr selbst absolute Nichtidentit\u00e4t.\u201c<\/em>\u00a0(Hegel, Wissenschaft der Logik, Bd. 2, S. 41)<\/p>\n<p>Der zweiten logischen Grundregel, dem Widerspruchsprinzip, wonach A und Nicht-A nicht zugleich sein k\u00f6nnen, ergeht es bei Hegel nicht besser. Wenn ein Nicht-A nur auftaucht, um zu schwinden, w\u00e4re damit auch die gedankliche Besch\u00e4ftigung damit bereits erledigt. Allerdings w\u00e4re ein System von Begriffen ohne den Weg der Negation nicht herstellbar.\u00a0<em>\u201eDas Einzige, um den wissenschaftlichen Fortgang zu gewinnen \u2013 und um dessen ganz einfache Einsicht sich wesentlich zu bem\u00fchen ist -, ist die Erkenntnis des logischen Satzes, da\u00df das Negative ebensosehr positiv ist \u2026\u201c.<\/em>\u00a0(Hegel, Wissenschaft der Logik, Bd. 1, S. 49)<\/p>\n<p>Den Hintergrund dieser Position erkl\u00e4rt er aus einer universellen Widerspr\u00fcchlichkeit.\u00a0<em>\u201e&lt;Alle Dinge sind an sich selbst widersprechend&gt;, und zwar in dem Sinne, da\u00df dieser Satz gegen die \u00fcbrigen vielmehr die Wahrheit und das Wesen der Dinge ausdr\u00fccke.\u201c<\/em>\u00a0(Hegel, Logik, Bd. 2, S. 74)<\/p>\n<p>In Hegels Dialektik ist der Widerspruch sogar die wesentlichste Kategorie.\u00a0<em>\u201eEs ist \u2026 eines der Grundvorurteile der bisherigen Logik und des gew\u00f6hnlichen Vorstellens, als ob der Widerspruch nicht eine so wesenhafte und immanente Bestimmung sei als die Identit\u00e4t; ja, wenn von Rangordnung die Rede und beide Bestimmungen als getrennte festzuhalten w\u00e4ren, so w\u00e4re der Widerspruch f\u00fcr das Tiefere und Wesenhaftere zu nehmen. Denn die Identit\u00e4t ihm gegen\u00fcber ist nur die Bestimmung des einfachen Unmittelbaren, des toten Seins; er aber ist die Wurzel aller Bewegung und Lebendigkeit; nur insofern etwas in sich selbst einen Widerspruch hat, bewegt es sich, hat Trieb und T\u00e4tigkeit.\u201c<\/em>\u00a0(Hegel, Logik, Bd. 2, S. 75)<\/p>\n<p>Marx greift diesen Ansatz auf:\u00a0<em>\u201eDie Selbstbejahung, Selbstbest\u00e4tigung im Widerspruch mit sich selbst, sowohl mit dem Wissen als mit dem Wesen des Gegenstandes, ist \u2026 das wahre Wissen und Leben.\u201c<\/em>\u00a0(Marx, \u00d6konomisch-philosophische Manuskripte, in: MEW 40, S. 581)<\/p>\n<p>Engels erl\u00e4utert, dass wir auf keine Widerspr\u00fcche sto\u00dfen, solange wir die Dinge als ruhende und leblose betrachten, jedes f\u00fcr sich, neben- und nacheinander. Allerdings zeigen sich die Widerspr\u00fcche sofort, wenn sich die Dinge bewegen und ver\u00e4ndern, lebendig werden und wechselseitig aufeinander einwirken.\u00a0<em>\u201eDas Leben ist \u2026 ein in den Dingen und Vorg\u00e4ngen selbst vorhandner, sich stets setzender und l\u00f6sender Widerspruch; und sobald der Widerspruch aufh\u00f6rt, h\u00f6rt auch das Leben auf, der Tod tritt ein.\u201c\u00a0<\/em>(Engels, Anti-D\u00fchring, S. 112f., MEW 20)<\/p>\n<p>Etwas pointierter formuliert es Lenin:\u00a0<em>\u201eErst auf die Spitze des Widerspruchs getrieben werden die Mannigfaltigkeiten regsam und lebendig gegeneinander \u2013 erhalten sie die Negativit\u00e4t, welche die innewohnende Pulsation der Selbstbewegung und Lebendigkeit ist.\u201c<\/em>\u00a0(Lenin, Konspekt zur \u201eWissenschaft der Logik\u201c, S. 133, in: Lenin, Werke, Bd. 38)<\/p>\n<p>Mit der Dialektik als Instrument der Erkenntnis ergaben sich vielf\u00e4ltige M\u00f6glichkeiten zum besseren Verst\u00e4ndnis geschichtlicher Entwicklungen und gesellschaftlicher Zusammenh\u00e4nge, die mit einem positivistischen Instrumentarium v\u00f6llig verborgen geblieben w\u00e4ren. Das bekannteste Beispiel f\u00fcr eine vorbildliche Anwendung der dialektischen Methode wurden die Lehren von Marx.<\/p>\n<p><strong>Das Hegelsche Erbe<\/strong><\/p>\n<p>Wie zur Veranschaulichung der Hegelschen Geschichtslehre zerfiel seine Sch\u00fclerschaft in eine Rechte mit den AlthegelianerInnen wie G\u00f6schel, Gabler, Rosenkranz und Gans und eine Linke mit den JunghegelianerInnen wie K\u00f6ppen, Bauer, Marx und Engels.<\/p>\n<p>Vor allem der abstrakte Charakter dieser Philosophie bewirkte verst\u00e4ndlicherweise eine grundlegende Infragestellung. Feuerbach kritisierte Hegel sogar in einem Zuge mit der Theologie.\u00a0<em>\u201eDie absolute Philosophie hat uns wohl das Jenseits der Theologie zum Diesseits gemacht, aber daf\u00fcr hat sie uns das Diesseits der wirklichen Welt zum Jenseits gemacht.\u201c<\/em>\u00a0(Feuerbach, Grunds\u00e4tze der Philosophie der Zukunft, in: Ausw\u00e4hlte Schriften, Bd. 1, Ullstein, Frankfurt\/Main 1985 )<\/p>\n<p>Und die einzig akzeptable Form der Dialektik existierte f\u00fcr Feuerbach im Rahmen ihrer Ausgangsposition vor Platon.<em>\u00a0\u201eDie wahre Dialektik ist kein Monolog des einsamen Denkers mit sich selbst, sie ist ein Dialog zwischen Ich und Du.\u201c<\/em>\u00a0(Ebenda, S. 156)<\/p>\n<p>Aus der Lehre Hegels und der Kritik Feuerbachs ergab sich jedoch auch die M\u00f6glichkeit einer Synthese, welche aus der abstrakten Logik ebenso wie aus ihrer materialistischen Kritik sch\u00f6pft. Marx begann mit einer W\u00fcrdigung:\u00a0<em>\u201eWas die andern Philosophen taten \u2026.., das wei\u00df Hegel als das Tun der Philosophie. Darum ist seine Wissenschaft absolut.\u201c<\/em>\u00a0(Marx, \u00d6konomisch-philosophische Manuskripte, MEW 40, S. 574f.)<\/p>\n<p>W\u00e4hrend Hegel sich mit dem \u201eVolksgeist\u201c und der \u201eVolksreligion\u201c auseinandersetzte, ergab sich f\u00fcr Marx allerdings die Frage nach dem \u201eKlassenbewusstsein\u201c im Rahmen der die Geschichte letztlich entscheidenden Klassenk\u00e4mpfe.<\/p>\n<p>Marx \u00fcbernahm zwar die Hegelsche Dialektik, aber sozusagen in umgekehrter Form. Um\u00a0<em>\u201eden rationellen Kern in der mystischen H\u00fclle\u201c<\/em>\u00a0erkenntlich zu machen, drehte Marx die auf dem Kopf stehende Dialektik Hegels um.<em>\u00a0\u201eMeine dialektische Methode ist der Grundlage nach von der Hegelschen nicht nur verschieden, sondern ihr direktes Gegenteil. F\u00fcr Hegel ist der Denkproze\u00df, den er sogar unter dem Namen Idee in ein selbst\u00e4ndiges Subjekt verwandelt, der Demiurg des Wirklichen, das nur seine Erscheinung bildet. Bei mir ist umgekehrt das Ideelle nichts andres als das im Menschenkopf umgesetzte und \u00fcbersetzte Materielle.\u201c<\/em>\u00a0(Marx, Das Kapital Bd.1, S. 27, MEW 23)<\/p>\n<p>\u00c4hnlich sah Engels diese Umkehrung:\u00a0<em>\u201eWir fa\u00dften die Begriffe unsres Kopfs wieder materialistisch als die Abbilder der wirklichen Dinge, statt die wirklichen Dinge als Abbilder dieser oder jener Stufe des absoluten Begriffs.\u201c<\/em>\u00a0(Engels, Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie, MEW 21, S. 292f.)<\/p>\n<p>Und daraus folgt:\u00a0<em>\u201eDamit wurde \u2026 die Begriffsdialektik selbst nur der bewu\u00dfte Reflex der dialektischen Bewegung der wirklichen Welt, und damit wurde die Hegelsche Dialektik auf den Kopf, oder vielmehr vom Kopf, auf dem sie stand, wieder auf die F\u00fc\u00dfe gestellt.\u201c<\/em>\u00a0(Ebenda, S. 293)<\/p>\n<p>Auf diese Weise grenzten sich Marx und Engels auch von den AlthegelianerInnen ab, die alles zu begreifen glaubten, sobald es auf eine logische Kategorie Hegels zur\u00fcckgef\u00fchrt werden konnte. Die materialistische Dialektik hingegen versteht sich als\u00a0<em>\u201edie Wissenschaft von den allgemeinen Bewegungs- und Entwicklungsgesetzen der Natur, der Menschengesellschaft und des Denkens.\u201c\u00a0<\/em>(Engels, Anti-D\u00fchring, MEW 20, S. 131f.)<\/p>\n<p><strong>Revisionistische Anti-Dialektik<\/strong><\/p>\n<p>Bezeichnenderweise bezog sich der im Rahmen der Zweiten Internationale formierende Reformismus nicht mehr auf Hegel als wesentlichen Vorbereiter der marxistischen Weltanschauung, sondern vorzugsweise auf Kant. Die dialektische Gesetzm\u00e4\u00dfigkeit Hegels erschien Bernstein, dem Wortf\u00fchrer dieser Str\u00f6mung, als \u201eschief\u201c und seine Widerspruchslogik als \u201espekulativ\u201c, \u201et\u00e4uschend\u201c und \u201egef\u00e4hrlich\u201c.<em>\u00a0\u201eDie logischen Purzelb\u00e4ume des Hegelianismus schillern radikal und geistreich. Wie das Irrlicht, zeigt er uns in unbestimmten Umrissen jenseitige Prospekte. Sobald wir aber im Vertrauen auf ihn unseren Weg w\u00e4hlen, werden wir regelm\u00e4\u00dfig im Sumpfe landen. Was Marx und Engels Gro\u00dfes geleistet haben, haben sie nicht verm\u00f6ge der hegelschen Dialektik, sondern trotz ihrer geleistet.\u201c<\/em>\u00a0(Bernstein, Die Voraussetzungen des Sozialismus und die Aufgaben der Sozialdemokratie, G\u00f6ttingen 1984, S. 62)<\/p>\n<p>W\u00e4hrend der Reformismus sich entschieden von Hegel abwandte, setzte der revolution\u00e4re Marxismus das dialektische Verst\u00e4ndnis fort. Jenseits des idealistischen Verst\u00e4ndnisses und der dogmatischen Inhalte im philosophischen System ist seine Dialektik eben seine revolution\u00e4re Seite. Zum Ausdruck dieser unterschiedlichen Seiten bei Hegel beschrieb ihn Engels als \u201eolympischen Zeus\u201c mit einem \u201edeutschen Philisterzopf\u201c.<\/p>\n<p>Die im Rahmen der Dritten Internationale sich entwickelnde stalinistische Tradition hielt zwar scheinbar an der revolution\u00e4ren Tradition fest, aber anstelle eines mehr als formalen Bezugs auf die dialektische Methode bl\u00fchten hier meistens wieder Hegels Volksbezug und Staatsfetischismus auf. So bleibt der jeweilige Bezug auf Hegel weiterhin ein Indiz und Richtwert f\u00fcr die jeweilige philosophische Weltanschauung und die politische Gesinnung.<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/arbeiterinnenmacht.de\/2020\/07\/15\/250-jahre-georg-wilhelm-friedrich-hegel-philosophischer-meister-der-dialektik\/\"><em>Neue Internationale 248&#8230;<\/em><\/a><em> vom 27. August 2020<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gerald Falke. Mit Hegels Werk wird in der klassischen deutschen Philosophiegeschichte einerseits ihr kr\u00f6nender H\u00f6hepunkt verkn\u00fcpft, andererseits eine durchwegs unverst\u00e4ndliche Denkweise oder eine besonders gef\u00e4hrliche<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[2,6],"tags":[80,13],"class_list":["post-8388","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-debatte","category-geschichte-und-theorie","tag-friedrich-engels","tag-marx"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/8388","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=8388"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/8388\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":8390,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/8388\/revisions\/8390"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=8388"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=8388"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=8388"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}