{"id":8429,"date":"2020-09-02T16:09:27","date_gmt":"2020-09-02T14:09:27","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=8429"},"modified":"2020-09-02T16:09:28","modified_gmt":"2020-09-02T14:09:28","slug":"krise-pandemie-und-die-drohende-flut-der-corona-leugnerinnen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=8429","title":{"rendered":"Krise, Pandemie und die drohende Flut der Corona-LeugnerInnen"},"content":{"rendered":"<p><em>Martin Suchanek. <\/em><strong>Die zweite Welle der Corona-LeugnerInnen, von Querdenken 711 \u00fcber die AfD, diverse rechte und rechtsradikale Vereinigungen bis zu Reichsb\u00fcrgerInnen, Identit\u00e4rer Bewegung und offenen FaschistInnen droht, zu einer regelrechten Flut zu werden.<\/strong><!--more--><\/p>\n<p>An die 40.000 versammelten sich am 29. August in Berlin.\u00a0 Gegen\u00fcber dem 1. August verdoppelte sich die Zahl der TeilnehmerInnen.<\/p>\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"800\" height=\"578\" src=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/protest-gegen-coronaleugner-800x578-1.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-8430\" srcset=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/protest-gegen-coronaleugner-800x578-1.jpg 800w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/protest-gegen-coronaleugner-800x578-1-300x217.jpg 300w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/protest-gegen-coronaleugner-800x578-1-768x555.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 800px) 100vw, 800px\" \/><\/figure>\n<p>Zweifellos stiegen der Einfluss und die Mobilisierungskraft der extremen Rechten. Das wurde nicht nur bei der Erst\u00fcrmung der Treppe zum Parlament durch hunderte Reichsb\u00fcrgerInnen deutlich, sondern war auch f\u00fcr die 1.000 bis 2.000\u00a0 Linken sichtbar, die gegen den reaktion\u00e4ren Spuk protestierten. Vor der russischen Botschaft und auf der Stra\u00dfe Unter den Linden waren zahlreiche Reichskriegs- sowie russische und US-amerikanische Fahnen sichtbar \u2013 allesamt ein getreues Kennzeichen der Demokratie, die sie in der Herrschaft Trumps, Putins und im Deutschen Reich offenbar als veritable Alternativen zur \u201eMerkel-Diktatur\u201c erblicken.<\/p>\n<p>Hinter dem ganzen Gerede von Demokratie, Grundrechten, dem Ruf nach einer verfassunggebenden Versammlung steckt der Aufschrei nach einer autorit\u00e4ren, plebiszit\u00e4ren \u201eOrdnung\u201c, die deutschen (Klein-)B\u00fcrgerInnen wieder Sicherheit und \u201eFreiheit\u201c garantieren soll.<\/p>\n<p>Zweifellos verstehen die unterschiedlichen Kr\u00e4fte in der Bewegung darunter Verschiedenes. Ihr einigendes Band bildet aber nicht nur die Ablehnung aller Corona-Ma\u00dfnahmen der Regierung, die Leugnung der realen Gefahr, die die Pandemie f\u00fcr die Gesundheit von Millionen und Abermillionen bedeutet, und die Forderung nach Aufhebung aller (!) Ma\u00dfnahmen des Hygieneschutzes.<\/p>\n<p>Dabei l\u00e4sst sich schon allein daran der wirkliche, reaktion\u00e4re Charakter der Mobilisierung erkennen, der auch nicht verschwinden w\u00fcrde, wenn kein\/e einzige\/r Rechtsextreme\/r bei den Aktionen dabei gewesen w\u00e4re. Die Forderung von Querdenken 711, diversen Verschw\u00f6rungstheoretikerInnen, ImpfgegnerInnen und \u201eSkeptikerInnen\u201c l\u00e4uft schlie\u00dflich auf nichts weniger hinaus als die Aufhebung jedes Gesundheitsschutzes \u2013 faktisch auf ein Todesurteil f\u00fcr Zehntausende. Dass dabei auch noch einige Verwirrte aus der sog. Friedensbewegung mitlaufen, macht die Sache nicht besser.<\/p>\n<p><strong>Nazis und Rechtsradikale<\/strong><\/p>\n<p>Zweifellos sind die meisten der rund 40.000 TeilnehmerInnen der Kundgebung und erst die sehr viel zahlreicheren Anh\u00e4ngerInnen im ganzen Land keine Nazis und haben wohl auch nicht vor, sich in n\u00e4chster Zeit einer faschistischen oder offen rechtsradikalen Gruppierung wie dem Dritten Weg, der NPD, den Reichsb\u00fcrgerInnen oder der Identit\u00e4ren Bewegung anzuschlie\u00dfen. Mit der rechtspopulistischen AfD, die mittlerweile voll auf den Zug der Bewegung\u00a0 aufgesprungen ist, verh\u00e4lt es sich wahrscheinlich anders. Sie sieht durchaus zu Recht die Chance, nicht nur Mitglieder, sondern auch W\u00e4hlerInnen in gro\u00dfer Zahl zu gewinnen.<\/p>\n<p>Die verschiedene rechtsradikalen bis faschistischen Gruppierungen versuchen sich, als entschlossenster Teil der Bewegung, als deren v\u00f6lkischer, militanter, faschistischer Arm zu pr\u00e4sentieren und damit auch die vorhandene reale Wut und Existenzangst der Massen anzusprechen. Sie sind, das wurde am 29. August einmal mehr deutlich, anerkannte B\u00fcndnispartnerinnen der OrganisatorInnen um Querdenken 711. Auch von der gro\u00dfen Masse der Demonstrierenden werden sie nicht blo\u00df \u201egeduldet\u201c, sondern als B\u00fcndnispartnerInnen gegen die Regierung und deren \u201eCorona-Diktatur\u201c begriffen. Daher ficht sie der Vorwurf nicht an, dass sie mit Nazis marschieren w\u00fcrden. Sie wissen das ohnehin, nehmen es billigend in Kauf und\u00a0 glauben wahrscheinlich sogar, die Rechtsextremen f\u00fcr ihre Zwecke ausnutzen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Damit bilden die Aktionen zweifellos einen fruchtbaren N\u00e4hrboden f\u00fcr die extreme Rechte, auch wenn sie zur Zeit noch weit davon entfernt ist, sie politisch zu dominieren, und die Masse der TeilnehmerInnen von anderen Kr\u00e4ften mobilisiert wird. Wie stark die faschistischen und halbfaschistischen Kr\u00e4fte schon sind, offenbarte der 29. August nicht nur bei der medial spektakul\u00e4ren Erst\u00fcrmung der Treppe des Parlaments durch Reichsb\u00fcrgerInnen. Insgesamt waren mehrere Tausend Nazis, Rechtsradikale und deren Umfeld am Start, sie machten mindestens 10, vielleicht sogar 20\u00a0% der TeilnehmerInnen aus.<\/p>\n<p><strong>Rechtspopulismus<\/strong><\/p>\n<p>Dass die Masse der TeilnehmerInnen selbst nicht faschistisch ist, stellt aber nicht nur deshalb keinen Grund zu Beruhigung dar. Der von Regierung, b\u00fcrgerlichen Medien, aber auch vielen linken Gruppierungen und Gegenmobilisierungen vorgetragene Hauptkritikpunkt, dass sich Michael \u00a0Ballweg und Querdenken 711 von Rechtsradikalen, Nazis, Reichsb\u00fcrgerInnen, der QAnon-Sekte und anderen \u201einstrumentalisieren\u201c lie\u00dfen, greift viel zu kurz. Die von Ballweg gegr\u00fcndete \u201eBewegung\u201c gegen die Corona-Politik, Querdenken 711, ger\u00e4t dabei n\u00e4mlich aus dem Blick, als best\u00fcnde das Problem nur darin, dass auch Nazis und Rechtsradikale mitlaufen.<\/p>\n<p>Es liegt aber gerade darin, dass in den letzten Monaten vor allem eine neue, gef\u00e4hrliche rechtspopulistische Bewegung entstanden ist. Urspr\u00fcnglich vor allem gegen die Corona-Ma\u00dfnahmen der Regierung gerichtet, fordert sie jetzt ein Ende des \u201eMerkel-Regimes\u201c und ihrer \u201eDiktatur\u201c. Ballwegs Bewegung sucht dabei nicht nur die Kooperation mit AfD und noch rechteren Kr\u00e4ften wie der Identit\u00e4ren Bewegung oder mit Figuren wie Ken Jebsen, sondern trifft sich auch schon Mal mit Max Otte von der Werteunion.<\/p>\n<p>Querdenken 711 reiht sich unter die rechtspopulistischen Kr\u00e4fte ein, die in den letzten Jahren in vielen L\u00e4ndern entstanden sind. Irrationale, wissenschaftsfeindliche Kritik an der Corona-Gefahr und den Ma\u00dfnahmen zum Gesundheitsschutz verkn\u00fcpft sie mit einer demagogischen Kritik an der \u201eElite\u201c, die die \u201eehrlich arbeitenden\u201c Menschen, also vor allem die flei\u00dfigen (Klein-)UnternehmerInnen in den Ruin treiben w\u00fcrde. Die Corona-Ma\u00dfnahmen entpuppen sich so als Teil einer Verschw\u00f6rung von Bill Gates, Angela Merkel, dem \u201eMainstream\u201c der VirologInnen \u2026, die die Wirtschaft in ihrem Interesse mit unlauteren, verschw\u00f6rerischen Mitteln ummodeln wollen und zudem die Welt mit der Corona-Diktatur \u00fcberziehen.<\/p>\n<p>Dabei greifen sie zwar reale Probleme wie die Ausschaltung demokratischer Rechte und den drohenden Ruin der \u201ehart Arbeitenden\u201c auf, worunter Gewerbetreibende, KapitalistInnen (au\u00dfer Menschen wie z.\u00a0B. Bill Gates) und auch Lohnabh\u00e4ngige verstanden werden. Schuld an der Krise sind nicht Rezession und Marktwirtschaft, sondern deren Einschr\u00e4nkung aufgrund der Pandemie, die Schlie\u00dfung von Unternehmen, Schulen, \u00f6ffentlicher Einrichtungen im Interesse der Gesundheit der Bev\u00f6lkerung.<\/p>\n<p>Der Ruf nach Freiheit und Demokratie nimmt freilich einen eigent\u00fcmlichen Charakter an. Nicht die realen Angriffe auf die \u201eDemokratie\u201c, z.\u00a0B. die Entrechtung\u00a0 von MigrantInnen, die Abriegelung der EU-Au\u00dfengrenzen, die Einschr\u00e4nkungen des Streik- und Demonstrationsrechts werden kritisiert, sondern der \u201eMaskenzwang\u201c beim Einkaufen und in \u00f6ffentlichen Verkehrsmitteln. Fallen sollen vor allem die Einschr\u00e4nkungen des Gesch\u00e4ftslebens wie Abstandsregeln und Hygienevorschriften in Gastronomie und Gesch\u00e4ften, an Schulen und in der Arbeitswelt.<\/p>\n<p>Wo der Ruf nach \u201eFreiheit\u201c konkret wird, entpuppt er sich als solcher nach r\u00fccksichtsloser Verfolgung der Gesch\u00e4ftsinteressen der Kleinunternehmen, der WarenproduzentInnen. Daf\u00fcr wird die Gesundheitsgef\u00e4hrdung anderer Menschen, von KundInnen und Besch\u00e4ftigten billigend in Kauf genommen. Die Corona-Leugung wird so zum zentralen Bestandteil einer Politik des ungebremsten Egoismus, der Freiheit der\/s Privateigent\u00fcmerIn.<\/p>\n<p><strong>Zulauf<\/strong><\/p>\n<p>Ist auch ziemlich alles an den Argumenten und Vorbehalten zu Corona falsch, verkehrt, ja geradezu gemeingef\u00e4hrlich, erhebt sich doch die Frage, warum eine solche Politik, eine solche Bewegung Massenzulauf erh\u00e4lt \u2013 und zwar nicht nur von Nazis und Rechtsradikalen, sondern aus dem Kleinb\u00fcrgerInnentum, den Mittelschichten, von UnternehmerInnen wie auch politisch r\u00fcckst\u00e4ndigen und frustrierten ArbeiterInnen.<\/p>\n<p>Der Grund daf\u00fcr ist einfach. Die Existenzangst des Kleinb\u00fcrgerInnentums, kleiner UnternehmerInnen und erst recht der Masse der Bev\u00f6lkerung ist real. Die gegenw\u00e4rtige kapitalistische Krise zeitigt schon jetzt verheerende Auswirkungen \u2013 und dabei sind diese zum Teil noch \u201esozial\u201c abgefedert.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich werden sie letztlich nicht die KleinunternehmerInnen und des Kleinb\u00fcrgerInnentum an heftigsten treffen, sondern die ArbeiterInnenklasse in Form von drohenden Massenentlassungen, die proletarischen Frauen, MigrantInnen und Gefl\u00fcchtete oder prek\u00e4r Besch\u00e4ftigte.<\/p>\n<p>Doch gro\u00dfe Teile des Proletariats wurden schon lange vor der Krise, im Grunde seit den Hartz-Gesetzen und Agenda 2010, nach unten gedr\u00fcckt. Auf diese Menschen beziehen sich Ballweg und Querdenken auch nicht wirklich, f\u00fcr sie gibt es in den ganzen Reden keine konkreten Forderungen. Einen Bezug auf den Kampf gegen Entlassungen, die Forderung nach entsch\u00e4digungsloser Verstaatlichung von Unternehmen, die mit Entlassungen drohen, das Eintreten f\u00fcr armutssichere Renten, Arbeitslosenunterst\u00fctzung oder einen Mindestlohn von 13,50 Euro\/Stunde wird man bei den QuerdenkerInnen vergeblich suchen. Erst recht findet sich nichts zum Gesundheitsschutz von Besch\u00e4ftigten oder durch Corona besonders gef\u00e4hrdeter Menschen. Solche Ma\u00dfnahmen erscheinen vielmehr als Teil einer \u201eDiktatur\u201c, die den Menschen schaden w\u00fcrden, weil sie \u201edie Wirtschaft\u201c einschr\u00e4nken.<\/p>\n<p>Sinn macht diese menschenverachtende R\u00fccksichtslosigkeit, die sich ohne Corona-Leugnung nicht rechtfertigen lie\u00dfe, jedoch vom Standpunkt der\/s einzelnen UnternehmerIn. Da sie\/er aufgrund von Ma\u00dfnahmen des Hygieneschutzes ihren\/seinen Gesch\u00e4ften nicht oder nur eingeschr\u00e4nkt nachgehen kann, m\u00fcssen diese weg. Mit dieser Forderung versucht sie\/er, auch die\/den politisch r\u00fcckst\u00e4ndige\/n Lohnabh\u00e4ngige\/n ins Boot zu holen, die\/der dann auch wieder arbeiten \u201ed\u00fcrfe\u201c.<\/p>\n<p>Im letzten Jahrzehnt und besonders in der aktuellen Krise sorgt sich ein wichtiger Teil des Kleinb\u00fcrgertums nicht nur um seine Existenz, er verliert auch zunehmend Vertrauen in \u201eseine\u201c Parteien, in das etablierte politische System. Dies zeigte sich schon in der sog. Fl\u00fcchtlingskrise. Auch die Massenmigration wurde zu einer Verschw\u00f6rung der \u201eElite\u201c, zur versuchten Umvolkung stilisiert, ganz wie die sog. Klima-SektikerInnen bei Umweltschutz und \u00f6kologischem Umbau ihren Ruin f\u00fcrchten. Die Corona-LeugnerInnen stellen eine weitere Form dieser Absetzbewegung dar, die zu einem nochmaligen Erstarken des Rechtspopulismus \u2013 und in seinem Fahrwasser auch des Faschismus \u2013 zu f\u00fchren droht.<\/p>\n<p>Der Rechtspopulismus rekrutiert seine Anh\u00e4ngerInnen vornehmlich unter jenen Klassen und Schichten, die \u00fcber Jahrzehnte St\u00fctzen der Nachkriegsordnung, der bundesrepublikanischen Demokratie waren. Querdenken 711 k\u00f6nnte in Verbindung mit der AfD und all ihren Fl\u00fcgeln zu einer weiteren Belebung und Verbreiterung dieser reaktion\u00e4ren kleinb\u00fcrgerlichen Kraft in Bewegungs- wie in Parteiform beitragen. Ihr Ziel ist, wie bei \u00e4hnlichen Formationen in den USA, Lateinamerika oder anderen europ\u00e4ischen L\u00e4ndern, die \u201eradikale\u201c Umwandlung des bestehenden Systems, also die St\u00e4rkung seiner autorit\u00e4ren, repressiven, bonapartistischen und antidemokratischen Elemente. Nationalismus, Rassismus sowie ein reaktion\u00e4rer v\u00f6lkischer, rassistischer und antisemitischer Diskurs bilden den notwendigen Kitt, um die gegens\u00e4tzlichen sozialen Gruppierungen zusammenzuhalten, die der Populismus zu vereinen sucht. Das \u201eVolk\u201c, die imagin\u00e4re Einheit aller Klassen, muss beschworen werden, um einer autorit\u00e4ren Herrschaft des Kapitals den Weg zu bereiten.<\/p>\n<p>Dies ist wiederum ein Grund, warum faschistische oder halbfaschistische Bewegungen an Gruppierungen wie Querdenken 711 leicht ankn\u00fcpfen k\u00f6nnen. Der Rechtspopulismus stellt somit eine doppelte Gefahr dar. Einerseits die drohende Umgestaltung der politischen Verh\u00e4ltnisse im Sinne der herrschenden Klasse, die sich dabei auf eine reaktion\u00e4re Volksbewegung gegen die Linke und die ArbeiterInnenklasse st\u00fctzt. Andererseits bereitet er auch den Boden f\u00fcr eine noch radikalere, faschistische Krisenl\u00f6sung vor, sollte sich die autorit\u00e4re, bonapartistische Umgestaltung der Verh\u00e4ltnisse als unzureichend oder unm\u00f6glich erweisen.<\/p>\n<p><strong>Wie den Kampf f\u00fchren?<\/strong><\/p>\n<p>Die Bedrohung durch den Rechtspopulismus darf daher keineswegs untersch\u00e4tzt werden. Um ihn erfolgreich zu f\u00fchren, reichen freilich nicht Aufkl\u00e4rung oder antirassistische oder antifaschistische Gegenmobilisierung.<\/p>\n<p>Der Rechtspopulismus zieht seine Kraft letztlich aus den krisenhaften Verwerfungen der Gesellschaft, aus dem realen oder drohenden Ruin ganzer Schichten. Er kann daher nur gestoppt werden, wenn ihm dieser N\u00e4hrboden entzogen wird. Das wiederum erfordert, dass die ArbeiterInnenklasse als gesellschaftliche Kraft, als Alternative zur herrschenden Klasse und ihrer Regierung in Erscheinung tritt.<\/p>\n<p>Doch genau hier liegt ein entscheidendes Problem. Die Gewerkschaftsf\u00fchrungen, die Spitzen der Konzernbetriebsr\u00e4te, die reformistischen Parteien SPD und Linkspartei treten als Regierungsgehilfen, bessere KrisenverwalterInnen, Sozial- und StandortpartnerInnen des Gro\u00dfkapitals oder \u2013 wie bei der Linkspartei \u2013 allenfalls als linke BeraterInnen der Regierung in Erscheinung.<\/p>\n<p>Das erm\u00f6glicht es erst dem Rechtspopulismus, als scheinbar radikale Opposition in Erscheinung zu treten. In der tiefsten Krise des Kapitalismus vertritt er eine Politik, die die Regierung anprangert, die eine radikale Ver\u00e4nderung, den Kampf gegen die \u201eElite\u201c und die \u201eDiktatur\u201c verspricht. Er trifft damit trotz seiner reaktion\u00e4ren Forderungen und trotz seines Irrationalismus ein reales gesellschaftliches Bed\u00fcrfnis nach Ver\u00e4nderung. Er spricht auf reaktion\u00e4re Weise an, dass das System selbst das Problem darstellt.<\/p>\n<p>Die Regierung, aber auch die F\u00fchrungen der ArbeiterInnenbewegung vertreten demgegen\u00fcber den Status quo. Der Berliner Innensenator und rechte Sozialdemokrat Geisel w\u00fcrde am liebsten alle Demonstrationen verbieten, die sich gegen das b\u00fcrgerliche System und den Kapitalismus richten bzw. die Symbole dieser Ordnung \u201ebeschmutzen\u201c. Mit dem versuchten Verbot der Demonstration der Corona-GegnerInnen scheiterte er zwar vor den Gerichten, aber die n\u00e4chste Einschr\u00e4nkung demokratischer Rechte wird schon vorbereitet.<\/p>\n<p>Diese richtet sich nat\u00fcrlich sicher nicht nur gegen Nazis oder Rechte, sie wird, wie immer in solchen F\u00e4llen, auch gegen die Linke und die ArbeiterInnenklasse verwendet werden. Mit derselben Begr\u00fcndung, mit der die Berliner Versammlungsbeh\u00f6rde die Corona-Demos verbieten lassen wollte, kann nat\u00fcrlich auch jede Blockade gegen die R\u00e4umung von Wohnungen, jede k\u00e4mpferische Massendemonstration illegalisiert werden. Dass Geisel und erst recht die staatliche B\u00fcrokratie und der Polizeiapparat genau das auch vorhaben, haben sie schon hinl\u00e4nglich bewiesen \u2013 in Berlin j\u00fcngst bei der R\u00e4umung der linken Kiezkneipe Syndikat.<\/p>\n<p>Im Kampf gegen Rechtspopulismus und Faschismus d\u00fcrfen wir uns daher nicht auf den Staat oder auf Verbote verlassen, die sich letztlich ebenso gegen die Linke und die ArbeiterInnenklasse richten werden. Wir m\u00fcssen selbst mobilisieren. Dass gegen den schaurigen Aufmarsch der Corona-LeugnerInnen am 29. August nur 1.000 \u2013 2.000 Menschen demonstrierten, dass nicht nur die Gewerkschaften und alle Massenorganisationen bis auf einzelne Ausnahmen fehlten, sondern auch gro\u00dfe Teil der \u201eradikalen\u201c Linken mit Abwesenheit gl\u00e4nzten, ist eine Schande. Der 29. August muss ein Weckruf, ein Alarmsignal an alle sein.<\/p>\n<p>Der Aufmarsch der 40.000 sollte deutlich machen, dass wir nicht l\u00e4nger auf die reformistischen und gewerkschaftlichen Apparate warten d\u00fcrfen, um eine Bewegung gegen die Abw\u00e4lzung der Kosten von Krise und Pandemie aufzubauen. Der Kampf gegen den Rechtspopulismus wird nicht allein bei Gegenmobilisierungen entschieden. Wir m\u00fcssen daran gehen, eine Bewegung aufzubauen, die eine klassenk\u00e4mpferische Alternative zur Politik der Krisenverwaltung im Konzerninteresse verdeutlicht.<\/p>\n<p>Sie muss nat\u00fcrlich versuchen, die Gewerkschaften und reformistischen Apparate zum Kampf zu zwingen. Auch deshalb ist es n\u00f6tig, die Initiative zu ergreifen, um mit Demonstrationen und Aktionen sichtbar zu werden, Tarifk\u00e4mpfe, antirassistische und antifaschistische Mobilisierungen und die Umweltbewegung zu unterst\u00fctzen, um \u00fcberhaupt die n\u00f6tige Kraft zu entfalten, um die gro\u00dfen Organisationen zur Mobilisierung zu zwingen.<\/p>\n<p>Eine Antikrisenbewegung kann so zu einer Alternative f\u00fcr den Kampf in den Betrieben, B\u00fcros, an Schulen und im Stadtteil werden. Es ist Zeit aufzuwachen, ansonsten wird es ein noch b\u00f6seres Erwachen geben.<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/arbeiterinnenmacht.de\/2020\/09\/01\/krise-pandemie-und-die-drohende-flut-der-corona-leugnerinnen\/\"><em>arbeiterinnenmacht.de&#8230;<\/em><\/a><em> vom 2. September 2020<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Martin Suchanek. 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