{"id":8439,"date":"2020-09-06T16:28:18","date_gmt":"2020-09-06T14:28:18","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=8439"},"modified":"2020-09-06T16:28:54","modified_gmt":"2020-09-06T14:28:54","slug":"ein-beispiel-fuer-den-kampf-gegen-apartheid-in-israel-und-suedafrika","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=8439","title":{"rendered":"Ein Beispiel f\u00fcr den Kampf gegen Apartheid in Israel und S\u00fcdafrika"},"content":{"rendered":"<p><em>KAZ. <\/em><strong>Zum Tode des Genossen Denis Goldberg am 29. April 2020 ver\u00f6ffentlichen wir einen ehrenden Beitrag des pal\u00e4stinensischen Journalisten Amjad Iraqi, zuerst ver\u00f6ffentlicht beim + 972 Magazin, Haifa am 6. Mai, 2020. Denis Goldberg<!--more--> war Kommunist und als solcher nicht nur aufrechter K\u00e4mpfer gegen Rassismus, Apartheid und nationale Unabh\u00e4ngigkeit. Er wusste, dass die Beseitigung des Apartheid-\u200bRegimes noch nicht den Kapitalismus und die Ausbeutung beseitigt. Deshalb stand er an der Seite der Arbeiterklasse, zuletzt an der Seite der Arbeiter in den Platin-\u200bMinen, und k\u00e4mpfte stets unter dem Banner: Arbeiter aller L\u00e4nder und unterdr\u00fcckte V\u00f6lker vereinigt Euch!<\/strong><\/p>\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"720\" height=\"480\" src=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/Khan-bulldozer-cops.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-8440\" srcset=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/Khan-bulldozer-cops.jpg 720w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/Khan-bulldozer-cops-300x200.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 720px) 100vw, 720px\" \/><figcaption>Pal\u00e4stinensische, israelische und ausl\u00e4ndische Aktivisten beim Versuch einen israelischen Bulldozer zu blockieren, der am 4. Juli 2018 darangehen will, Kann al-Ahmar zu zerst\u00f6ren. (Oren Ziv\/Activestills.org)<\/figcaption><\/figure>\n<p><em>Amjad Iraqi.<\/em> Goldberg, von Beruf Ingenieur, war langj\u00e4hriges Mitglied des Afrikanischen Nationalkongresses. Er war f\u00fchrender technischer Offizier zur Herstellung von Waffen bei Umkhonto we Sizwe, dem milit\u00e4rischen Fl\u00fcgel des ANC. Zusammen mit Nelson Mandela, Walter Sisulu, Ahmed Kathrada und anderen F\u00fchrern wurde er verhaftet und im als Rivonia-\u200bProzess[1] bekannten Gerichtsverfahren 1963-\u200b64, angeklagt und zu lebenslanger Haft verurteilt. Er wurde nat\u00fcrlich in ein wei\u00dfes Gef\u00e4ngnis in Pretoria gesteckt, seine schwarzen Genossen kamen nach Robben Island in der N\u00e4he von Kapstadt.<\/p>\n<p>Nach 22 Jahren hinter Gittern, wurde Goldberg 1985 freigelassen, was teilweise einer Kampagne israelischer Aktivisten zu verdanken war, zu der auch seine Tochter Hilary geh\u00f6rte, die in einem Kibbuz lebte und sich f\u00fcr die Befreiung j\u00fcdischer Gefangener weltweit engagierte.<\/p>\n<p>Ich hatte das Gl\u00fcck, Goldberg im Februar 2014, bei einer Rede an der Universit\u00e4t Oxford zu erleben. Was mich am meisten beeindruckte, war sein Bericht \u00fcber den Zwiespalt, in dem er und die anderen Angeklagten im Rivonia-\u200bVerfahren sich befanden, als sie vor einem wei\u00dfen Apartheid-\u200bGericht argumentierten.<\/p>\n<p>Da sie wegen Sabotage angeklagt waren, waren sich die Anf\u00fchrer fast sicher, dass ihnen die Todesstrafe droht. Dennoch wollten sie keine Berufung einlegen, falls die Todesstrafe verh\u00e4ngt werden w\u00fcrde. Ihr Hauptziel im Gerichtssaal war nicht, sich selbst zu retten, sondern das Regime frontal anzugreifen. \u201eDer Staat wollte einen Schauprozess\u201c, erkl\u00e4rte Goldberg. \u201e&#8230; wir mussten zeigen, dass es der Apartheidstaat war, der die Quelle von Gewalt und Brutalit\u00e4t war.\u201c Sein Anwalt, der (wei\u00dfe) Kommunist Bram Fischer, schloss sich dieser politischen Strategie voll und ganz an, appellierte aber an die Angeklagten, gegebenenfalls doch Berufung einzulegen. Er bestand darauf, dass dies zumindest dazu beitragen w\u00fcrde, Zeit zu gewinnen, &#8230; und den internationalen Druck gegen die Apartheidregierung zu erh\u00f6hen[2].<\/p>\n<p>Zu jedermanns \u00dcberraschung verurteilte das Gericht die Gefangenen zu Gef\u00e4ngnis. Gegen das Urteil legten die Gefangenen keine Berufung ein, um nicht zu riskieren, zu Schlimmerem verurteilt zu werden. Au\u00dferdem hatten sie ihr Hauptziel erreicht: Ihre Verteidigung im Rivonia-\u200bProzess war ein Meilenstein, die Ablehnung der Apartheid weltweit voranzubringen. Es war, bemerkte Goldberg, eine Erinnerung daran, dass \u201eunsere eigene Zukunft mehr mit der realen Politik S\u00fcdafrikas verwoben war als mit irgendeinem isolierten Begriff von Recht und Gerechtigkeit, bzw. Ungerechtigkeit\u201c.<\/p>\n<p>Ich sa\u00df im Publikum und klammerte mich an jedes Wort von Goldbergs Rede. Denn die von Goldberg bei seiner Rede in Oxford angesprochenen Zwiespalte, spiegelten die Art und Weise, wie Pal\u00e4stinenserInnen das Rechtssystem Israels erleben, sowohl das Zivilrecht als auch das Milit\u00e4rrecht.<\/p>\n<p>Weit entfernt davon, die Staatsmacht zu kontrollieren, erm\u00f6glichen israelische Gerichte, so wie in S\u00fcdafrika, den Landraub, die rassistische Gesetzgebung, das Auseinanderrei\u00dfen von Familien, die Straflosigkeit und vieles mehr. Und obwohl die israelischen Gesetze wohl nuancierter sind als die s\u00fcdafrikanischen Apartheidgesetze, erreichen sie im Endeffekt dasselbe Ziel: die Vorherrschaft und Privilegien einer Gruppe gegen\u00fcber anderen Gruppen zu sichern.<\/p>\n<p>Goldberg stimmte mit vielen Anf\u00fchrern des Kampfes gegen die s\u00fcdafrikanische Apartheid darin \u00fcberein, dass \u201ees keinen Zweifel daran gibt, dass Israel ein Apartheidstaat ist &#8230; Ich kann es nicht zulassen, dass in meinem Namen dieselbe Art von Unterdr\u00fcckung weitergef\u00fchrt wird.\u201c<\/p>\n<p>Israel m\u00fcsse keine deckungsgleiche Kopie S\u00fcdafrikas sein, um Apartheid auszu\u00fcben, argumentierte er, und der Umstand, dass manche Pal\u00e4stinenser die israelische Staatsb\u00fcrgerschaft besitzen, auch das Wahlrecht, \u00e4ndere nichts an dieser Tatsache: \u201eEs ist ganz einfach: Die herrschende Gruppe schlie\u00dft die eingeborene Bev\u00f6lkerung innerhalb der Grenzen des Staates Israel und in den besetzten Gebieten aus und enth\u00e4lt ihnen gleiche Rechte vor, unter Bruch des V\u00f6lkerrechts.\u201c<\/p>\n<p>Es ist daher kein Wunder, dass sich pal\u00e4stinensische Anw\u00e4lte und Aktivisten seit langem an den s\u00fcdafrikanischen Erfahrungen orientieren, um Antworten f\u00fcr ihren eigenen Kampf zu erhalten. Was k\u00f6nnen wir erwarten von einem Rechtssystem, das eigens dazu entworfen wurde, uns zu unterdr\u00fccken? W\u00fcrden Gerichtsverfahren lediglich die Behauptung des Staates st\u00e4rken, eine \u201eDemokratie\u201c zu sein, die ein korrektes Verfahren erm\u00f6glicht? (&#8230;) Fischers eigene Karriere war der Inbegriff dieser Rechtsauffassung. \u201eAls Amtstr\u00e4ger war er dazu vereidigt worden, das Gesetz des Apartheidstaates aufrecht zu erhalten\u201c, merkte Goldberg in seiner W\u00fcrdigung an, \u201eaber als Revolution\u00e4r, nutzte er die Gerichte dazu, den revolution\u00e4ren Umsturz des Systems voranzutreiben\u201c.<\/p>\n<p>Ich hatte diese Schlu\u00dffolgerung zuvor schon viele Male in Pal\u00e4stina-\u200bIsrael und auch weltweit geh\u00f6rt, aber sie direkt von diesem legend\u00e4ren politischen Gefangenen zu h\u00f6ren, verlieh ihr ein einzigartiges Gewicht. Wie andere Anti-\u200bApartheid-K\u00e4mpfer, die inzwischen verstorben sind \u2013 inklusive Mandela, Sisulu, und Oliver Tambo \u2013 war Goldberg die lebende Verk\u00f6rperung eines politischen Kampfes, der sich \u00fcber Jahrzehnte hinzog, der Einsatzbereitschaft und Anpassungsf\u00e4higkeit erforderte, Fehlschl\u00e4ge ebenso wie Erfolge, und Bescheidenheit statt rascher Belohnung. Und er erinnert uns daran, dass die Welt, trotz all der ersch\u00fctternden Erfahrungen, die die Pal\u00e4stinenserInnen machen, diese Art von Unterdr\u00fcckung schon zuvor gesehen hat und dass sie besiegt werden kann.<\/p>\n<p><strong>Fussnoten<\/strong><\/p>\n<p>1 Auf der \u201eLiliesleaf Farm\u201c in Rivonia, einem Vorort von Johannisburg, waren Mandela, Goldberg und ihre Mitstreiter zeitweise untergetaucht. (Die Farm geh\u00f6rte dem ebenfalls wei\u00dfen und j\u00fcdischen Aktivisten und seinerzeit ber\u00fchmten abstrakten Maler Arthur Goldreich, der auch der Kommunistischen Partei nahe stand.) Mandela hatte sich auf der Farm als bediensteter G\u00e4rtner getarnt. Das Aufsp\u00fcren und Ausheben des illegalen Hauptquartiers mitten in S\u00fcdafrika galt dem rassistischen Apartheidregime als ungeheurer Coup. In der Folge wurden viele der Prozesse gegen den ANC und seinen bewaffneten Arm, Umkhonto we Sizwe, als Rivonia-\u200bProzesse bezeichnet.<\/p>\n<p>2 gegen Ende des Prozesses verabschiedete der UN-\u200bSicherheitsrat Resolution 190, in der die Staaten aufgefordert wurden, \u201eihren ganzen Einfluss\u201c auf Pretoria \u201egeltend zu machen\u201c, um zur Befreiung der politischen Gefangenen beizutragen<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/www.kaz-online.de\/artikel\/eine-lektion-fuer-den-kampf-gegen-apartheid-von-ei\"><em>kaz-online.de&#8230;<\/em><\/a><em> vom 6. September 2020<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>KAZ. Zum Tode des Genossen Denis Goldberg am 29. 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