{"id":8476,"date":"2020-09-11T08:44:36","date_gmt":"2020-09-11T06:44:36","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=8476"},"modified":"2020-09-11T08:44:37","modified_gmt":"2020-09-11T06:44:37","slug":"nach-brand-in-moria-13-000-fluechtlinge-obdachlos","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=8476","title":{"rendered":"Nach Brand in Moria: 13.000 Fl\u00fcchtlinge obdachlos"},"content":{"rendered":"<p><em>Robert Stevens. <\/em>Das Fl\u00fcchtlingslager Moria auf der griechischen Insel Lesbos in der \u00f6stlichen \u00c4g\u00e4is wurde durch ein Gro\u00dffeuer weitgehend zerst\u00f6rt. Es ist das gr\u00f6\u00dfte derartige Lager innerhalb der Europ\u00e4ischen Union. Laut Schilderungen<!--more--> in den sozialen Medien war das Feuer in der Nacht von Dienstag auf Mittwoch kurz vor Mitternacht ausgebrochen.<\/p>\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"640\" height=\"360\" src=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/mor.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-8477\" srcset=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/mor.jpg 640w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/mor-300x169.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/><figcaption><strong>Bewohner des Fl\u00fcchtlingslagers Moria auf der nordost\u00e4g\u00e4ischen Insel Lesbos fliehen am Mittwoch, 9. September, vor einem zweiten Feuer (AP Photo\/Petros Giannakouris)<\/strong><\/figcaption><\/figure>\n<p>Etwa 13.000 M\u00e4nner, Frauen und Kinder haben keine Unterkunft und keine Nahrungsmittel mehr. Die Insassen waren gezwungen zu fliehen, da sich die Feuer an mehreren Stellen ausbreiteten. Es wurden keine Todesf\u00e4lle gemeldet, allerdings gab es Verletzte durch eingeatmeten Rauch.<\/p>\n<p>Am Mittwochabend brach ein zweites Feuer in einem anderen Teil des Lagers aus, der vom ersten Feuer noch verschont geblieben war. Associated Press berichtete, das zweite Feuer habe \u201eden Gro\u00dfteil dessen zerst\u00f6rt, was noch \u00fcbrig war, woraufhin nochmals tausende Menschen aus der Einrichtung str\u00f6mten.\u201c<\/p>\n<p>Das \u201eRegistrierungs- und Aufnahmezentrum Moria\u201c wurde von der pseudolinken Syriza-Regierung gegr\u00fcndet, die von 2015 bis 2019 im Amt war. Fl\u00fcchtlinge und Asylsuchende werden in den unertr\u00e4glichen Verh\u00e4ltnissen des Lagers festgehalten, w\u00e4hrend sie auf die Abschiebung warten.<\/p>\n<p>25 Feuerwehrleute trafen einige Zeit sp\u00e4ter mit zehn L\u00f6schfahrzeugen ein und versuchten stundenlang, den Brand zu l\u00f6schen. Laut der Fl\u00fcchtlingsorganisation \u201eStand By Me Lesvos\u201c erhielten ihre Partnerorganisationen zahlreiche Anrufe. In einem davon rief eine ver\u00e4ngstigte Person: \u201eWo ist die Polizei, wo ist die Feuerwehr, wo sind alle? Wir verbrennen, unsere Zelte verbrennen. Alles verbrennt. Wir sind hier hergekommen, um zu verbrennen. Alles steht in Flammen.\u201c<\/p>\n<p>Lesbos liegt in direkter N\u00e4he der t\u00fcrkischen K\u00fcste. In den Jahren 2015-16 trafen hier tausende von Fl\u00fcchtlingen aus den Kriegsgebieten in Afghanistan, Syrien und dem Irak ein. Laut InfoMigrants stammen 70 Prozent der Bewohner von Moria aus Afghanistan, allerdings sind Menschen aus insgesamt mehr als 70 verschiedenen L\u00e4ndern dort.<\/p>\n<p>Das Lager, das f\u00fcr nur 2.800 Menschen ausgelegt ist, war massiv \u00fcberf\u00fcllt. Zuletzt befanden sich dort 13.000 Insassen. Alleine die Zahl der Kinder im Lager \u00fcbersteigt mit 4.000 die Gesamtzahl der Menschen, f\u00fcr die es urspr\u00fcnglich gebaut war.<\/p>\n<p>Auf Videos ist zu sehen, wie Bewohner vor den Flammen um ihr Leben rennen. Viele trugen ihre restlichen Habseligkeiten in Tragetaschen, andere in Einkaufswagen. Hunderte versuchten, auf der Stra\u00dfe oder den umliegenden Feldern zu schlafen.<\/p>\n<p>Die Brandursache ist noch ungekl\u00e4rt. Letzte Woche wurde der erste Fall von Covid-19 in dem Lager entdeckt. Innerhalb weniger Tage wuchs die Zahl auf 15 F\u00e4lle, bis zum Ausbruch des Brandes bereits auf 35. Die Hilfsorganisation Stand By Me Lesvos teilte mit: \u201eNachdem sich Corona ausgebreitet hatte, wurden keine angemessenen Ma\u00dfnahmen getroffen. Zudem hat man die Bewohner nicht ausreichend informiert, weshalb eine Art Aufstand ausbrach \u2026\u201c Angesichts von Bedingungen, in denen nicht einmal grundlegende Hygieneregeln und aufgrund der \u00dcberf\u00fcllung unm\u00f6glich Abstandsregeln eingehalten werden konnten, war es nur eine Frage der Zeit, dass es zu einem verheerenden Ausbruch kommen w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Laut der griechischen Nachrichtenagentur ANA waren die Br\u00e4nde ausgebrochen, nachdem sich einige der 35 betroffenen Familien geweigert hatten, sich in Isolation zu begeben. Angesichts der h\u00f6llischen Zust\u00e4nde in dem Lager l\u00e4sst sich erahnen, wie verheerend sich erst eine mehrw\u00f6chige \u201eSelbstisolation\u201c auswirken muss. Tats\u00e4chlich waren viele der Insassen des Lagers froh, es niederbrennen zu sehen. Auf Videos war zu sehen, wie Fl\u00fcchtlinge \u201eBye, bye Moria\u201c sangen.<\/p>\n<p>Andere Quellen, darunter auch Fl\u00fcchtlinge, machen faschistische Kr\u00e4fte f\u00fcr das Feuer verantwortlich. Der BBC-Journalist Parham Ghobadi twitterte zwei Bilder von Kanistern, die laut Aussagen von Fl\u00fcchtlingen von \u201erechtsextremen Griechen benutzt wurden, um das Lager Moria anzuz\u00fcnden.\u201c In einem anderen Tweet hie\u00df es: \u201eMehrere Fl\u00fcchtlinge berichteten mir, \u201arechtsextreme Griechen\u2018 h\u00e4tten das #CampMoria angez\u00fcndet, nachdem Berichte aufgekommen waren, dass sich in der \u00fcberf\u00fcllten Einrichtung das Coronavirus ausbreite.\u201c InfoMigrants ver\u00f6ffentlichte einen Kommentar eines Lagerinsassen aus den sozialen Medien, der erkl\u00e4rte: \u201eMoria wurde von faschistischen Kr\u00e4ften angez\u00fcndet.\u201c<\/p>\n<p>Eine weitere m\u00f6gliche Erkl\u00e4rung besteht darin, dass es sich um ein Wildfeuer handelte. Starke Winde hatten zuvor an zwei anderen Orten auf der Insel Wildfeuer ausgel\u00f6st.<\/p>\n<p>Die Bewohner fl\u00fcchteten in Richtung der Hafenstadt Mytilene. Die erste Reaktion der Regierung unter der rechtskonservativen Nea Dimokratia bestand darin, Bereitschaftspolizei zu mobilisieren, die eine Blockade errichtete, um die Fl\u00fcchtenden aufzuhalten. Einige von ihnen flohen daraufhin in die umliegenden H\u00fcgel.<\/p>\n<p>Die Regierung hat eine rund sechs Kilometer lange Absperrung um das noch immer rauchende Lager gezogen. Aufgrund dieser brutalen Reaktion haben auch Hilfsorganisationen keinen Zugang. Die leitende Koordinatorin der Hilfsorganisation Becky&#8217;s Bathhouse, Annie Petros, erkl\u00e4rte gegen\u00fcber dem\u00a0<em>Guardian<\/em>, die Polizei habe sie daran gehindert, Verletzte von der Brandstelle zum Krankenhaus zu bringen.<\/p>\n<p>\u201eAls wir sahen, dass es brennt, fuhren wir so schnell wie m\u00f6glich mit Wasser zum Lager und wollten Kranke ins Krankenhaus bringen\u201c, erkl\u00e4rte Petros. \u201eWas wir gesehen haben, kann ich kaum angemessen beschreiben. Ganze Menschenstr\u00f6me liefen zu Tausenden vom Lager weg. Sie liefen v\u00f6llig still, ver\u00e4ngstigt und traumatisiert durch dicken Rauch und den Gestank von brennendem Plastik.\u201c<\/p>\n<p>Weiter sagte sie: \u201eWir nahmen ein paar schwangere Frauen mit, die dringend Hilfe brauchten, und einen Jugendlichen mit einem gebrochenen Bein. Als wir uns Mytilene n\u00e4herten, stie\u00dfen wir auf Bereitschaftspolizisten, die den Weg versperrten, sodass niemand die Stadt erreichen konnte. Ich flehte die Polizisten an, aber ihr Kommandant lie\u00df uns nicht durch. Wir riefen einen Krankenwagen, der sich aber weigerte, zu der Stra\u00dfensperre zu kommen.\u201c<\/p>\n<p>Refugees4Refugees erkl\u00e4rte gegen\u00fcber dem\u00a0<em>Guardian<\/em>, dass 30 Kinder noch immer vermisst w\u00fcrden.<\/p>\n<p>Das Inferno von Moria war eine Katastrophe mit Ansage. Das Lager wird regelm\u00e4\u00dfig als \u201eH\u00f6lle auf Erden\u201c beschrieben. Im Jahr 2019 bezeichnete Jean Ziegler vom Expertenkomitee des UN-Menschenrechtsrats als \u201eNachbau eines Konzentrationslagers auf europ\u00e4ischem Boden\u201c.<\/p>\n<p>Gegen\u00fcber der Website\u00a0<em>Teller Report<\/em>\u00a0beschrieb er die Bedingungen, die er letztes Jahr im Mai bei einem Besuch vorfand: \u201eDie Menschen leben dort wie Tiere&#8230; 100 Menschen m\u00fcssen sich eine Dusche und eine Toilette teilen. Sie ist oft verstopft und dreckig, F\u00e4kalien liegen am Boden. Es gibt kein hei\u00dfes Wasser, keine Schulen und nur zwei \u00c4rzte f\u00fcr 5.000 Menschen!\u201c<\/p>\n<p>W\u00e4hrend vor dem Ausbruch des Brandes etwa 13.000 Menschen in dem Lager lebten, waren es im Januar noch mehr als 20.000, d. h. die Zahl der Bewohner war statt viermal sogar sechsmal h\u00f6her als die Maximalkapazit\u00e4t. Henry de Berker, ein Arzt des britischen National Health Service, erkl\u00e4rte gegen\u00fcber der\u00a0<em>Financial Times<\/em>, es h\u00e4tte damals \u201emehr als 1.000 unbegleitete Minderj\u00e4hrige\u201c in dem Lager gegeben. Weiter erkl\u00e4rte er: \u201eIn so elenden Bedingungen breiten sich Krankheiten schnell aus. Durchfall und Erbrechen k\u00f6nnen f\u00fcr k\u00f6rperlich geschw\u00e4chte Menschen t\u00f6dlich sein.\u201c<\/p>\n<p>Moria ist das brutale Symbol der Politik der \u201eFestung Europa\u201c, mit der die Europ\u00e4ische Union Migranten, Fl\u00fcchtlinge und Asylsuchende abschrecken will. In den letzten zehn Jahren sind Zehntausende bei dem Versuch gestorben, das Mittelmeer zu \u00fcberqueren. Aufgrund des schmutzigen Deals, den die Syriza-Regierung 2015 mit der EU und der T\u00fcrkei ausgehandelt hat, wurden die Tausenden, die es nach Griechenland schaffen, in elende Internierungslager gepfercht, w\u00e4hrend die Beh\u00f6rden ihre Abschiebung vorbereiten.<\/p>\n<p>Schon im Jahr 2016 brach in Moria ein Brand aus. Die WSWS schrieb damals: \u201eEtwa 60 Prozent des Lagers wurden zerst\u00f6rt, darunter 50 gro\u00dfe Schlafzelte, drei Container sowie Kleidungsvorr\u00e4te. Auch in dem umliegenden Gebiet brachen zwei Feuer aus, bei denen fast vier Hektar Land mit Olivenb\u00e4umen nahe des Lagers zerst\u00f6rt wurden.\u201c<\/p>\n<p>Im September letzten Jahres\u00a0<a href=\"https:\/\/www.wsws.org\/de\/articles\/2019\/10\/04\/grie-o04.html)\"><strong>schrieb<\/strong><\/a>\u00a0die WSWS: \u201eBerichten zufolge sind nach monatelangen Protesten und Unterdr\u00fcckung durch die Bereitschaftspolizei zwei Br\u00e4nde ausgebrochen. Einer konnte gel\u00f6scht werden, doch der andere breitete sich schnell aus und griff auf gro\u00dfe Teile des Lagers \u00fcber.\u201c Eine Frau und ein Kind kamen bei dem Brand ums Leben. Einen Monat zuvor hatte die Regierung ihre Angriffe auf Migranten versch\u00e4rft, wobei die Polizei auch gegen einen Protest von etwa 50 minderj\u00e4hrigen Asylsuchenden in Moria brutal vorgegangen war.<\/p>\n<p>Im M\u00e4rz dieses Jahres wurde bei einem weiteren Brand in Moria ein sechsj\u00e4hriges M\u00e4dchen get\u00f6tet. Das Feuer brannte eine Stunde lang nahe der Container, in denen die Fl\u00fcchtlinge untergebracht waren. Die WSWS\u00a0<a href=\"https:\/\/www.wsws.org\/de\/articles\/2020\/03\/17\/flue-m17.html\"><strong>warnte<\/strong><\/a>, die Ausbreitung des Coronavirus auf Lesbos, Chios, Samos und Kos w\u00fcrde Moria und andere Einrichtungen \u201erasch in Todeslager verwandeln.\u201c<\/p>\n<p>F\u00fcr die Opfer der Brandkatastrophe wird das Elend weitergehen. Statt sie in sicheren und angemessenen Unterk\u00fcnften unterzubringen und menschlich zu behandeln, sollen sie laut der griechischen Tageszeitung\u00a0<em>Kathemerini<\/em>\u00a0\u201ezeitweilig auf einer F\u00e4hre, zwei Schiffen der Marine und in Zelten untergebracht werden, wie [der griechische] Migrationsminister Notis Mitarakis am Mittwoch auf einer Pressekonferenz erkl\u00e4rte.\u201c<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/www.wsws.org\/de\/articles\/2020\/09\/11\/mori-s11.html\"><em>wsws.org&#8230;<\/em><\/a><em> vom 11. September 2020 <\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Robert Stevens. Das Fl\u00fcchtlingslager Moria auf der griechischen Insel Lesbos in der \u00f6stlichen \u00c4g\u00e4is wurde durch ein Gro\u00dffeuer weitgehend zerst\u00f6rt. Es ist das gr\u00f6\u00dfte derartige Lager innerhalb der Europ\u00e4ischen Union. 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