{"id":8488,"date":"2020-09-13T16:10:03","date_gmt":"2020-09-13T14:10:03","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=8488"},"modified":"2020-09-13T16:10:04","modified_gmt":"2020-09-13T14:10:04","slug":"parlament-und-panzer-lehren-aus-dem-putsch-in-chile-1973","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=8488","title":{"rendered":"Parlament und Panzer \u2013 Lehren aus dem Putsch in Chile 1973"},"content":{"rendered":"<p><em>M. Lautr\u00e9amont. <\/em><strong>Am 11. September 1973 putschte in Chile das Milit\u00e4r mit Unterst\u00fctzung der CIA gegen die sozialistische Regierung von Salvador Allende. Es folgten lange Jahre der brutalen Diktatur und neoliberalen Umgestaltung des Landes. Mit<!--more--> Blick auf die damaligen \u00f6konomischen und politischen Verh\u00e4ltnisse und die Klassenk\u00e4mpfe in Chile lassen sich wichtige Lehren f\u00fcr die Gegenwart ziehen \u2013 \u00fcber linken Staatsfetisch, die Selbstorganisation der Arbeiter*innen und die Gewalt der Bourgoisie.<\/strong><\/p>\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"600\" height=\"309\" src=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/chile.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-8489\" srcset=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/chile.png 600w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/chile-300x155.png 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 600px) 100vw, 600px\" \/><figcaption>Arbeiter*innen bildeten in Chile mit den \u00abCordones\u00bb ihre eigenen Organe. Foto: zVg.<\/figcaption><\/figure>\n<p>Heute vor 47 Jahren wurde die Regierungszeit von Salvador Allende gewaltsam beendet. Ein von den USA unterst\u00fctzer Milit\u00e4rputsch, unter der Leitung des Generals Augusto Pinochet, ersch\u00fctterte im wahrsten Sinne des Wortes die Hauptstadt Santiago. Panzer und Jagdflugzeuge bombardierten am 11. September 1973 den Pr\u00e4sidentenpalast \u00abLa Moneda\u00bb. Als die Putschisten das Geb\u00e4ude st\u00fcrmten, war Allende bereits tot. Er nahm sich mit einer AK-47 das Leben, die ihm Fidel Castro zwei Jahre zuvor geschenkt hatte.<\/p>\n<p>Mit dem Sturz der sozialistischen Regierung Allendes wurde f\u00fcr 17 Jahre eine der brutalsten und repressivsten Diktaturen Lateinamerikas eingeleitet. Linke Parteien und Gewerkschaften wurden verboten und mehr als 40\u2019000 Menschen f\u00fcr ihre politische Ansichten verhaftet und gefoltert.\u00a0<a href=\"https:\/\/elpais.com\/diario\/2011\/08\/20\/internacional\/1313791208_850215.html\">\u00dcber 3000 Menschen wurden ermordet.<\/a><\/p>\n<p>Doch nicht nur die Wunden, die das Grauen der Milit\u00e4rdiktatur hinterliess, pr\u00e4gen die chilenische Gesellschaft bis heute. Die politischen und \u00f6konomischen Konsequenzen der Niederlage des sozialistischen Projekts hallen ebenfalls nach. Nicht nur, weil die aktuelle Verfassung immer noch aus der Zeit der Diktatur stammt, sondern auch, weil die Milit\u00e4rdiktatur einem Neoliberalismus den Weg ebnete, der sich tief ins R\u00fcckenmark der chilenischen Gesellschaft eingebrannt hat. Die mit der Diktatur von Augusto Pinochet eingef\u00fchrten und von den Nachbetern Milton Friedmans flankierten Massnahmen zur Liberalisierung der chilenischen Wirtschaft haben Chile lange den Ruf einer stabilen und prosperierenden Wirtschaft verliehen. Friedman selbst sprach vom \u00abWirtschaftswunder von Chile\u00bb. Durch Deregulierung des Arbeitsmarkts, Abschaffung von Zollschranken, Privatisierungen, Steuererleichterungen f\u00fcr Unternehmen und K\u00fcrzungen von Staats- und Sozialausgaben sollte das Wirtschaftswachstum angekurbelt und das Land modernisiert werden. Die Milit\u00e4rdiktatur Pinochets etablierte Chile als neoliberales Experimentierfeld f\u00fcr zuk\u00fcnftige Entwicklungen Lateinamerikas \u2013 und auch international.<\/p>\n<p>Die neoliberale Ausrichtung der chilenischen Wirtschaft wurde auch im Jahr 1990 nach dem \u00ab\u00dcbergang zur Demokratie\u00bb1\u00a0unter dem Mitte-Minks-B\u00fcndnis \u00abConcertaci\u00f3n\u00bb \u2013 die sozialdemokratische und die sozialistische Partei waren Teil des B\u00fcndnisses \u2013 beibehalten.<\/p>\n<p>Nebst dem Gesundheits- und Bildungsbereich sind in Chile auch landwirtschaftliche und industrielle Unternehmen sowie haushaltsnahe Dienstleistungen wie Wasser, Elektrizit\u00e4t, Gas und Telefondienste privatisiert, was sich in enorm hohen Kosten niederschl\u00e4gt. Um sich die teuren Lebenshaltungskosten, medizinische Behandlungen oder eine Ausbildung zu leisten, sehen sich viele Leute gezwungen, sich zu verschulden \u2013 viele haben mehrere Kreditkarten. Diesen Druck versp\u00fcren nicht nur die subproletarischen Segmente der Klasse2, sondern er zieht sich praktisch durch die ganze Gesellschaft: Vom Volk der Mapuche3, dessen Flagge heute an vielen Demonstrationen geschwenkt wird, bis zur st\u00e4dtischen Mittelschicht. Die Verallgemeinerung der prek\u00e4ren Lebensbedingungen spiegeln sich im hohen Mobilisierungsgrad des j\u00fcngsten Aufstands wieder,\u00a0<a href=\"https:\/\/kosmoprolet.org\/de\/chile-trotz-brutaler-staatlicher-repression-breitet-sich-die-revolte-aus\">der vor allem von Oktober 2019 bis M\u00e4rz 2020 Chile ersch\u00fctterte<\/a>\u00a0und durch die Covid-19 Pandemie deutlich gebremst wurde.<\/p>\n<p>Im Gegensatz zu den 1970er Jahren gibt es zurzeit in Chile keine starke linke Kraft, die in der Lage w\u00e4re, den Unmut der Leute in parlamentarische Bahnen zu lenken. Der Zusammenschluss linker Parteien namens \u00abFrente Amplio\u00bb4\u00a0ist vollkommen diskreditiert, zumal er seit dem Beginn des Aufstands eine Reihe von Gesetzesversch\u00e4rfungen gegen die Demonstrant*innen mitgetragen hat und keine tiefgreifende strukturelle Ver\u00e4nderung der Gesellschaft anvisiert.<\/p>\n<p>Seit den 1990er Jahren haben vielmehr anarchistische Positionen an St\u00e4rke gewonnen und anarchistische Prinzipien \u2013 von der direkten Aktion bis zur gegenseitigen Hilfe und basisdemokratischen Versammlungen \u2013 geh\u00f6ren zum Standartrepertoire der Revoltierenden. Dennoch droht mit der im Oktober dieses Jahres stattfindenden Volksabstimmung \u00fcber eine neue Verfassung, die alte Hoffnung nach einer Ver\u00e4nderung vermittelt durch den institutionellen Rahmen des Staates, wieder an St\u00e4rke zu gewinnen.<\/p>\n<p>Ein Blick auf die Geschichte Chiles der 1970er Jahre zu werfen, ist in dieser Hinsicht interessant, weil dadurch die Schranken eines radikal-sozialdemokratischen Prozesses deutlich werden. Dieser Reformismus zielt \u2013 trotz Verbalradikalismus \u2013 auf systemerhaltende Massnahmen ab. Seine Verfechter glauben, dass sich tiefgreifende gesellschaftliche Ver\u00e4nderungen legalistisch durch die staatlichen Institutionen herbeif\u00fchren liessen. Die Schranken diese Vorgehens erschliessen sich nicht nur aus der grauen Theorie: Sie haben immer eine historisch-konkrete Dimension. Sie f\u00fchrten im Falle Chiles etwa auch zu innerlinken Konflikten w\u00e4hrend der Regierungszeit Allendes (1970-1973). Zugleich ist eine Auseinandersetzung mit der Zeit der sozialistischen Regierung auch darum von Bedeutung, weil der marode Zustand der traditionellen parlamentarischen Linken ein Echo der Niederlage der Arbeiter*innenklasse in den 1970er Jahre\u00a0ist.5<\/p>\n<p><strong>Die Angst vor dem Kommunismus im Chile der 1960er Jahre<\/strong><\/p>\n<p>Wenige Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges pr\u00e4gte die Konfrontation zwischen den zwei Superm\u00e4chten USA und Sowjetunion die globale politische B\u00fchne. Der Kalte Krieg sorgte f\u00fcr einen rabiaten Antikommunismus, der in Lateinamerika sp\u00e4testens mit der kubanischen Revolution von 1959 in rechts-konservativen und b\u00fcrgerlichen Lagern einen ungeheuren Auftrieb erhielt. Chile war in den 1960er Jahren von einer grossen sozialen Ungleichheit, einer unproduktiven Landwirtschaft und einer fortschreitenden Inflation gepr\u00e4gt. Die Angst vor einem revolution\u00e4ren Umsturz \u00e4usserte sich vor allem in einer unter dem Druck des Milit\u00e4rs vorangetriebenen Agrarreform.<\/p>\n<p>Der damalige parteiunabh\u00e4ngige Pr\u00e4sident,6\u00a0Jorge Alessandri, f\u00fchrte 1962 die Reform ein, in der Hoffnung, die verarmten und prekarisierten Massen von revolution\u00e4ren Ambitionen fernzuhalten. Damit ebnete er den Weg, damit ab dem Jahr 1964 sein Nachfolger Eduardo Frei, ein linker Christdemokrat, die Agrarreform weiter vertiefen konnte. Sinn und Zweck der Reform blieb jedoch stets derselbe: Durch Landverteilung und F\u00f6rderung der landwirtschaftlichen Produktion die Verbreitung des Sozialismus in Chile und in Lateinamerika allgemein zu verhindern.<\/p>\n<p>Widerstand gegen die Agrarreform kam aus dem konservativeren Lager rechter Kr\u00e4fte: Obwohl mit dem Antikommunismus einverstanden, sahen viele Grossgrundbesitzer*innen ihre Interessen durch die Agrarreform bedroht und schlossen sich im Partido Nacional (Nationale Partei) zusammen. Dadurch gelang es ihnen eine starke Opposition zu bilden und die Agrarreform einzud\u00e4mmen. Im selben Zug f\u00fchrte dies zu einer immer st\u00e4rkeren Polarisierung der chilenischen Gesellschaft: Die Landbev\u00f6lkerung und die B\u00e4uer*innen begannen, vor allem zwischen 1968 und 1970, vermehrt L\u00e4ndereien zu besetzen, was zu \u00e4usserst blutigen Konflikten f\u00fchrte und die Stimmung im Land zus\u00e4tzlich versch\u00e4rfte.7<\/p>\n<p>Nebst der Agrarreform trieb Pr\u00e4sident Frei die Verstaatlichung der Kupferminen voran, um gen\u00fcgend Geld f\u00fcr Sozialprogramme und die Verbesserung der \u00f6ffentlichen Infrastruktur zu haben, doch auch dieses Vorhaben ging nur langsam voran. Angesichts der Inflation, der stockenden Agrarreform, einer schleppende Verstaatlichung des Kupfers und der anhaltenden sozialen Ungleichheit und Armut, blieb der soziale Unmut bestehen.<\/p>\n<p>In den Wahlen von 1970 wurde Salvador Allende beim vierten Anlauf als Kandidat der Unidad Popular (UP) zum Pr\u00e4sidenten gew\u00e4hlt. Er erbte ein durch den Kalten Krieg und innenpolitische Konflikte polarisiertes Land und eine immer mehr nach links tendierende soziale Bewegung, die die Macht der Grossgrundbesitzer*innen zunehmend in Frage stellte.<\/p>\n<p><strong>Das Programm der Unidad Popular<\/strong><\/p>\n<p>Die Unidad Popular war ein heterogenes Parteienb\u00fcndnis der Linken. St\u00e4rkste Kr\u00e4fte darin waren die stalinistisch orientierte Kommunistische Partei Chiles und die Sozialistische Partei.8\u00a0Innerhalb letzterer waren von Guevaristen \u00fcber Trotzkisten bis zu Sozialdemokraten allerlei linke Positionen vertreten. Am 17. Dezember 1969 ver\u00f6ffentlichte die UP ihr politisches Programm, das einem Kompromiss der verschiedenen Kr\u00e4fte innerhalb des B\u00fcndnisses gleichkam und sp\u00e4ter zu Konflikten f\u00fchren sollte. Trotz der sp\u00e4teren Kontroversen war die Ausrichtung der Politik Allendes immer sehr nahe an diesem ausgearbeiteten politischen Leitfaden. Zentraler Aspekt des Programms war die unersch\u00fctterliche F\u00fcgsamkeit gegen\u00fcber der parlamentarischen Demokratie, der Verfassung, dem juristischen Rahmen des Staates und allen staatlichen Institutionen. Zum politischen Programm geh\u00f6rte als ausgesprochenes Ziel die Beseitigung der wirtschaftlichen Monopole, die Zur\u00fcckdr\u00e4ngung des Imperialismus durch Verstaatlichungen und der Bruch mit der Macht der Grossgrundbesitzer*innen, um die Gesellschaft auf friedlichem Wege in Richtung Sozialismus zu f\u00fchren. Als S\u00e4ule des Wandels sollten, neben der Beseitigung der Latifundien9\u00a0durch eine Agrarreform, drei Eigentumsgebiete die Wirtschaft umstrukturieren und den Weg f\u00fcr den Sozialismus ebnen: Ein sozialer, ein gemischter und ein privater Sektor. Das Sozialeigentumsgebiet sollte besonders bef\u00f6rdert werden, denn es galt als \u00abEmbryo der zuk\u00fcnftigen sozialistischen Wirtschaft\u00bb10\u00a0durch das die Souver\u00e4nit\u00e4t Chiles wiedererlangt und die Wirtschaft demokratisiert werden sollte. Insgesamt kann das Programm der UP als eine radikalisierte Weiterf\u00fchrung der politischen Agenda des vorherigen Pr\u00e4senten Frei verstanden werden, da die Regierung sowohl die Agrarreform als auch die Verstaatlichungen beschleunigte.<\/p>\n<p>Angesichts einer fortw\u00e4hrenden sozialen Ungleichheit und der Tatsache, dass die Rohstoffproduktion (vor allem Kupfer, Eisen, Steinkohle und Salpeter) haupts\u00e4chlich in den H\u00e4nden des US-Kapitals lag und die Agrarreform von Allendes Vorg\u00e4ngern nicht weit genug ging, stiess das Programm der UP auf grosse Begeisterung bei der Mehrheit der Bev\u00f6lkerung.<\/p>\n<p><strong>Verstaatlichungen und Agrarreform<\/strong><\/p>\n<p>Die Verstaatlichung der Kupferminen geh\u00f6rte zu den erfolgreichsten Massnahmen der UP. Im Jahr 1971 wurde mit der Zustimmung der Opposition ein Gesetz verabschiedet, das es dem Staat erm\u00f6glichte alle mineralischen Rohstoffvorkommen zu verstaatlichen.<\/p>\n<p>Neben der Rohstoffproduktion wurden auch Banken und Versicherungen verstaatlicht. Dadurch erhoffte sich die Regierung, gen\u00fcgend Gewinne zu erwirtschaften, um das n\u00f6tige Kapital f\u00fcr die industrielle Binnenentwicklung zu haben, wie auch f\u00fcr die Verbesserung der grundlegenden Infrastruktur im Land. Doch nicht jede Verstaatlichung verlief reibungslos und die Opposition versuchte das Vorhaben der Regierung zunehmend zu bremsen. So geriet beispielsweise der anf\u00e4ngliche Plan der Regierung, auf die Schnelle 150 Unternehmen zu verstaatlichen, bald ins Stocken.11<\/p>\n<p>Was die Agrarreform angeht, so wurden im ersten Amtsjahr Allendes doppelt so viele L\u00e4ndereien verteilt wie zur Amtszeit Freis. Auch wenn die Geschwindigkeit, mit der die Agrarreform durchgef\u00fchrt wurde, die Glaubw\u00fcrdigkeit der Regierung st\u00e4rkte, kam es zu unterschiedlichen Schwierigkeiten und Konflikten. So waren beispielsweise die gesetzlichen Bestimmungen der Agrarreform Bestandteil heftiger Kontroversen innerhalb der Linken selbst. Vor allem im Hinblick auf die maximale Gr\u00f6sse, die ein St\u00fcck Land haben durfte, damit es von der Umverteilung verschont blieb. Ferner hallten auch die Bestimmungen der Agrarreform der Regierung Freis nach. Diese hatte den Landbesitzer*innen erm\u00f6glicht, ihr Eigentum auf den L\u00e4ndereien zu sichern. In vielen F\u00e4llen bedeutete dies, dass landwirtschaftliche Maschinen oder sogar Vieh selbst auf den L\u00e4ndereien fehlte. F\u00fcr weitere Verunsicherung sorgte die ungewisse l\u00e4ngerfristige Perspektive, denn die L\u00e4ndereien geh\u00f6rten nach der Reform nicht den B\u00e4uer*innen, sondern waren Bestandteil einer Semi-Kooperative, den sogenannten \u00abAsentamientos\u00bb. Dabei herrschte sowohl Unklarheit \u00fcber die Art und Weise, wie diese gef\u00fchrt werden sollten, als auch \u00fcber die Verteilung der Ertr\u00e4ge. Die staatlichen Institutionen, die mit der Durchf\u00fchrung der Agrarreform beauftragt wurden, waren \u00fcberfordert und hatten keinen einheitlichen Plan. Viele Menschen blieben zudem von der Agrarreform ausgeschlossen. So erhielten beispielsweise Gelegenheitsarbeiter*innen auf dem Land keine L\u00e4ndereien. Da es sich viele, denen Land zugeteilt wurde, nicht leisten konnten jemanden einzustellen, hatten etliche landlose Gelegenheitsarbeiter*innen keine andere M\u00f6glichkeit, als in die Armenviertel von Santiago und Valpara\u00edso zu ziehen.<\/p>\n<p><strong>B\u00fcrgerlicher Widerstand gegen die Massnahmen der Regierung<\/strong><\/p>\n<p>Auch wenn die Regierung Allendes ein klares politisches Programm vor Augen hatte, sah sie sich von Anfang an mit allerlei Problemen konfrontiert. Einerseits versuchte die USA durch wirtschaftliche Sanktionen und der Einstellung von Krediten die chilenische Wirtschaft zu destabilisieren. Andererseits war die Regierung in konstantem Konflikt mit der nationalen Bourgeoisie, die Angst vor Verstaatlichungen hatte und \u2013 im Schulterschluss mit etlichen H\u00e4ndler*innen \u2013 zum Zwecke der Spekulation massenhaft Grundnahrungsmittel hortete, was eine k\u00fcnstliche Nahrungsmittelknappheit nach sich zog. Dies beg\u00fcnstigte wiederum die Herausbildung eines Schwarzmarktes.12\u00a0Nebeneffekt dieser Prozesse war ein extremer Anstieg der Lebenshaltungskosten.<\/p>\n<p>Doch auch auf politisch-parlamentarischer Ebene sah sich die Regierung verschiedenen Problemen ausgesetzt, weil sie insbesondere auf ihr B\u00fcndnis mit der christdemokratischen Partei (Democracia Cristiana, DC) angewiesen war. Da bei den Wahlen vom 4. September 1970 keiner der Kandidaten die absolute Mehrheit erlangte, lag die endg\u00fcltige Entscheidung \u00fcber die Wahl des Pr\u00e4sidenten beim Kongress. Allende konnte sich nur Dank der christdemokratischen Partei gegen Jorge Alessandri durchsetzen. Dass die UP auf parlamentarischer Ebene auf Allianzen angewiesen war, um eine Mehrheit f\u00fcr neue Gesetze und Bestimmungen zu erhalten, beg\u00fcnstigte einen politischen Pragmatismus, der innerhalb der UP insbesondere von der Kommunistischen Partei getragen wurde. Die unabdingbare Konsequenz solch eines Pragmatismus liegt auf der Hand: Die politische Ausrichtung der UP hatte sich an den Allianzen im Parlament zu orientieren, was de facto dazu f\u00fchrte, dass jegliche selbstorganisierten und spontanen Aktionen der Arbeiter*innenklasse f\u00fcr Skepsis und Misstrauen in der Regierung sorgten.<\/p>\n<p>Nichtsdestotrotz ging aufgrund der wirtschaftlichen instabilen Lage Chiles, das B\u00fcndnis mit der christdemokratischen Partei im Verlauf des Jahres 1972 endg\u00fcltig in die Br\u00fcche. Letztere wandte sich dem rechten Partido Nacional zu, was den rechten und konservativen Fl\u00fcgel im Kongress st\u00e4rkte.<\/p>\n<p>Problematisch war \u00fcberdies der Glaube der UP an einen friedlichen gesellschaftlichen Wandel, vermittelt durch die Institutionen der b\u00fcrgerlichen Gesellschaft, der groteske Z\u00fcge annahm. Einerseits, weil der Patriotismus gepriesen wurde und andererseits, weil der Gewaltapparat des Staates als Verb\u00fcndeter galt. Eine unreflektierte Romantisierung des Milit\u00e4rs war in grossen Teilen der UP ausgepr\u00e4gt: Das Milit\u00e4r galt als Garant f\u00fcr den Schutz der Arbeiter*innenklasse vor reaktion\u00e4ren Kr\u00e4ften. Bezeichnend hierf\u00fcr ist die Rolle des Milit\u00e4rs im Programm der UP: Das Milit\u00e4r sollte einerseits f\u00fcr die nationale Sicherheit sorgen und aufger\u00fcstet werden und andererseits vermehrt in das soziale Leben integriert werden. Hohe L\u00f6hne und Renten sollten dessen Loyalit\u00e4t gegen\u00fcber der Regierung sichern.<\/p>\n<p>Dennoch war, vor allem zu Beginn der Amtszeit Allendes, die Stimmung in der Bev\u00f6lkerung mehrheitlich positiv. Zwischen Oktober 1970 und Oktober 1971 beispielsweise stieg der Reallohn um 34 Prozent \u2013 unter anderem dank Preisregulierungsmassnahmen und vom Staat angeordnete Lohnerh\u00f6hungen \u2013 die Arbeitslosenquote sank und die Reformen in der Wohnpolitik, wie auch im Bildungs- und Gesundheitswesen verbesserten die Lebensqualit\u00e4t der prekarisierten Massen. Aus Angst vor weiteren Verstaatlichungen und davor, dass die Arbeiter*innen sich weiter radikalisieren k\u00f6nnten, liessen die Arbeitgeber die Regierung zun\u00e4chst gew\u00e4hren.<\/p>\n<p><strong>\u00abPoder Popular\u00bb und Autonomie der Arbeiter*innenklasse<\/strong><\/p>\n<p>Die komplizierte Lage, in der sich die Regierung Allendes von Anfang an befand, f\u00fchrte auch innerhalb der Linken zu Konflikten. Der von der UP eingeschlagene Weg wurde von vielen Arbeiter*innen, wie auch vom linken Fl\u00fcgel der UP und auch von Gruppierungen ausserhalb der UP, wie beispielsweise dem MIR13, vehement kritisiert, weil die Regierung zu z\u00f6gerlich handelte und versuchte jegliches autonomes Handeln der Arbeiter*innenklasse zu unterbinden. Die Massen sollten sich am gesellschaftlichen Wandel zwar beteiligen, aber der friedliche Weg hin zum Sozialismus sollte in letzter Instanz von der Regierung bestimmt werden.<\/p>\n<p>Vor allem die Kommunistische Partei stand im Fadenkreuz der Kritik. Sie war diejenige Kraft innerhalb der UP, die dazu dr\u00e4ngte, gem\u00e4ssigt zu handeln, um die b\u00fcrgerlichen Parteien und die nationale Bourgeoisie nicht abzuschrecken. Dies beinhaltete auch die B\u00e4ndigung die radikalsten Segmente der Arbeiter*innenklasse, wenn n\u00f6tig durch Repressalien. Auch die Sozialistische Partei, die innerhalb der UP die radikalsten Positionen vertrat, st\u00fctze diesen von der KP vorgeschlagenen Kurs.<\/p>\n<p><strong>Arbeiter*innenkomitees und gewerkschaftlicher Fl\u00fcgel der UP<\/strong><\/p>\n<p>Die circa 15\u2019000 von der UP erschaffenen Komitees in den Nachbarschaften und Fabriken sollten die Grundlage f\u00fcr die F\u00fcr die Wahlmobilisierung f\u00fcr den \u00abPoder Popular\u00bb bilden. Hier sollten die Leute ihre Anliegen kundtun, die in einem n\u00e4chsten Schritt an h\u00f6here staatliche Instanzen weitergeleitet werden sollten. Doch nach den Wahlen verloren die Komitees an Bedeutung und waren nicht in der Lage, als Vermittlungsinstanz zwischen Basis und F\u00fchrung zu fungieren. Selbst in den verstaatlichten Fabriken konnte nicht von Arbeitermacht die Rede sein, auch wenn die Verstaatlichungen die Situation vieler Arbeiter*innen in den Fabriken tats\u00e4chlich verbesserte, weil die hierarchischen Strukturen gelockert, die Mitsprache gest\u00e4rkt und die L\u00f6hne erh\u00f6ht wurden. Die Partizipation der Arbeiter*innen in den Entscheidungsprozessen der verstaatlichen Betrieben war in der Tat ein Novum in der Geschichte Chiles. Doch sie sollte nicht \u00fcbersch\u00e4tzt werden, zumal die partizipatorische Einbindung bei weitem nicht in allen verstaatlichen Betrieben stattfand. Selbst dort, wo die Werkt\u00e4tigen an Entscheidungsprozessen beteiligt waren, war ihre Einbindung durch Kontrolle und Begrenzung ihrer autonomen Handlungsmacht gekennzeichnet. De facto lag die Kontrolle der verstaatlichten Fabriken in staatlicher und gewerkschaftlicher Hand. Die Central \u00danica de Trabajadores14\u00a0(CUT) fungierte dabei als gewerkschaftlicher Arm der Regierung. Festgehalten wurde diese Zusammenarbeit bereits einige Monate nach dem Amtsantritt Allendes in einem Abkommen zwischen Regierung und CUT, das am\u00a0<a href=\"https:\/\/www.marxists.org\/espanol\/allende\/1970\/diciembre07.htm\">7. Dezember 1970 unterzeichnet wurde<\/a>. Darin wurde auch die Notwendigkeit des \u00abpatriotischen Engagements\u00bb der Arbeiter*innen zur Erh\u00f6hung der Produktivit\u00e4t betont.<\/p>\n<p>Von einer verallgemeinerten und vertieften Arbeiterkontrolle der Produktion kann also nicht die Rede sein, allzu oft wurde innerhalb der UP die Partizipation der Arbeiter*innen nur geduldet, so lange sie den politischen Kurs der Regierung unterst\u00fctzten.<\/p>\n<p>Exemplarisch f\u00fcr die immer st\u00e4rker werdenden Konflikte zwischen Basis und F\u00fchrung ist die im Mai 1972 veranstaltete \u00abVollversammlung von Concepci\u00f3n\u00bb, an der Allende und die Kommunistische Partei sich nicht beteiligten und die von verschiedenen Nachbarschaftsgruppen, dem MIR und dem linken Fl\u00fcgel der UP organisiert wurde. In der Versammlung wurde die Regierung kritisiert und f\u00fcr eine St\u00e4rkung der Entscheidungskraft der Basis pl\u00e4diert.<\/p>\n<p><strong>Der Streik vom Oktober 1972 und die innerlinken Konflikte<\/strong><\/p>\n<p>Die Diskrepanz zwischen den radikalen Diskursen der UP und dem tats\u00e4chlichen Handeln der Regierung, die jegliche autonome Aktionen der Land- und Industriearbeiter*innen unterband, erreichte im Oktober 1972 mit dem Streik der Lastwagenfahrer*innen ihren H\u00f6hepunkt.<\/p>\n<p>Angespornt durch die Angst vor dem Sozialismus, dem Ger\u00fccht einer m\u00f6glichen Verstaatlichung aller Transportunternehmen, einer instabilen Wirtschaft und einer zunehmenden Hyperinflation, wurde am 9. Oktober 1972 ein Streik im Transportwesen ausgerufen. Er wurde von Arbeitgeberverb\u00e4nden und der CIA finanziell unterst\u00fctzt. Ziel des fast vierw\u00f6chigen Streiks war es, die Regierung zu destabilisieren: Die Hauptstrassen des Landes wurden blockiert und die Lebensmittel- und Treibstoffversorgung massiv eingeschr\u00e4nkt.15\u00a0Angesichts der dadurch ausgel\u00f6sten Verst\u00e4rkung der Nahrungsmittelknappheit reagierte die Regierung gereizt, verh\u00e4ngte einen Ausnahmezustand inklusive Ausgangssperre und erschuf ein zivil-milit\u00e4risches Kabinett, um die Kontrolle \u00fcber die Situation im Land zu bewahren.<\/p>\n<p>Wichtigste Eingliederung des Milit\u00e4rs in die Regierung war der Oberbefehlshaber der Armee, Carlos Prats, der zum Innenminister ernannt wurde und somit die Verantwortung f\u00fcr die \u00f6ffentliche Ordnung trug. Es war letzten Endes General Prats, der anfangs November 1972 mit den Streikenden verhandelte und die Einstellung des Streiks erlangte. Er sollte auch es sein, der im Juni 1973 den ersten Versuch eines Milit\u00e4rputsches niederschmetterte.16<\/p>\n<p>W\u00e4hrend die Regierung im Oktober 1972 \u00fcberfordert und planlos schien, bewegte sich die Basis \u00e4usserst schnell und entschlossen, was die bereits bestehenden Konflikte zwischen Basis und UP verst\u00e4rkte. Anstatt auf eine Antwort auf den Streik seitens der Regierung zu warten und in einer defensive Haltung zu erstarren, begannen die radikalsten Segmente der Arbeiter*innenklasse vermehrt selbstst\u00e4ndig Fabriken und Land zu besetzen und unter Arbeiter*innenkontrolle zu bringen. Die sogenannten Cordones Industriales17\u00a0begannen sich zu verbreiten.<\/p>\n<p><strong>Cordones Industriales und Consejos Comunales<\/strong><\/p>\n<p>Die \u00abCordones Industriales\u00bb, zu Deutsch \u00abIndustrieg\u00fcrtel\u00bb, waren R\u00e4te-\u00e4hnliche Koordinierungszusammenschl\u00fcsse der Arbeiter*innen aus verschiedenen besetzten Fabriken und Unternehmen18. Jeder dieser Industrieg\u00fcrtel koordinierte die K\u00e4mpfe der Arbeiter*innen innerhalb einer Gegend. Obwohl die ersten \u00abCordones\u00bb im Juni 1972 entstanden, verbreiteten sie sich vor allem w\u00e4hrend des Lastwagenfahrer-Streiks im Oktober 1972. Dies, um politischen Druck gegen den Streik aufzubauen, aber auch um die Lebensmittelversorgung und die Fortf\u00fchrung der Produktion zu organisieren, die unter dem Streik massiv zur\u00fcckgegangen waren. Allein im Oktober 1972 wurden 65 Fabriken von Arbeiter*innen besetzt und unter Arbeiter*innenkontrolle gebracht. Viele Industrieg\u00fcrtel hatten auch eine einigende Funktion, zumal in ihnen Arbeiter*innen aus verschiedenen Branchen mit B\u00e4uer*innen zusammenfanden. In vielen Industrieg\u00fcrteln wurden zudem offene Kinderkrippen und Kinderg\u00e4rten errichtet und eigene Zeitungen herausgegeben.<\/p>\n<p>Um die G\u00fcterverteilung in den Quartieren effektiv zu koordinieren, gr\u00fcndeten sich hingegen die \u00abComandos Comunales\u00bb19\u00a0(CC), autonome Arbeiter*innenstrukturen, die als Koordinierungs- und Entscheidungsstrukturen fungierten, um anstehende Aufgaben zu verteilen und, zusammen mit den staatlichen \u00abJuntas de Abastecimiento y Control de Precios\u00bb (JAP)20\u00a0\u2013 oder teilweise gegen sie21\u00a0\u2013, die Lebensmittelversorgung zu koordinieren.<\/p>\n<p>Sowohl die CI als auch die CC waren Ausdruck einer zunehmenden Polarisierung innerhalb der Linken selbst und stellten die F\u00fchrungsposition der Unidad Popular und der Gewerkschaft CUT in Frage. Die Selbstinitiative der Arbeiter*innenklasse sorgte innerhalb der UP f\u00fcr Unruhe, zumal einige ihrer Fraktionen, insbesondere die Kommunistische Partei, als Antwort auf den Streik vom Oktober nicht die Intensivierung des Klassenkampfes, sondern dessen Eind\u00e4mmung anvisierten. Nebst der Einbindung des Milit\u00e4rs forderten Teile der UP die R\u00fcckgabe mehrerer Fabriken, um die nationale Bourgeoisie zu beschwichtigen. Der sogenannte \u00abPrats-Millas-Plan\u00bb, der von General Prats und Orlando Millas (beides KP-Mitglieder) ausgearbeitet wurde, sah vor, rund 123 besetzte Fabriken an ihre Eigent\u00fcmer zur\u00fcckzugeben und die staatlich kontrollierten Unternehmen auf 49 zu reduzieren. Die KP bef\u00fcrchtete, dass durch die autonom organisierten Fabrikbesetzungen \u2013 die den legalen Rahmen des b\u00fcrgerlichen Staates durchbrachen \u2013 die CUT und somit letzten Endes auch die UP, die Kontrolle \u00fcber die Fabriken verlieren w\u00fcrde. Allende st\u00fctzte diesen Kurs, weil die Selbstorganisation der Arbeiter*innen einem unzul\u00e4ssigen \u00abParallelsyndikalismus\u00bb gleichk\u00e4me. Der \u00abPrats-Millas-Plan\u00bb wurde jedoch nie umgesetzt, erfolgreiche Arbeiter*innenmobilisierungen verhinderten die Pl\u00e4ne der Regierung.<\/p>\n<p>Weitaus entscheidender war die am 20. Oktober 1972 eingef\u00fchrte \u00abLey de control de armas\u00bb, ein Waffenkontrollgesetz, das den Handlungshorizont des Milit\u00e4rs erweiterte. Dadurch etablierte sich bereits vor dem Putsch die Repression gegen die organisierten Arbeiter*innen, denn zahlreiche H\u00e4user und Cordones Industriales wurden \u2013 unter dem Vorwand dass die Arbeiter*innen illegal Waffen gelagert h\u00e4tten \u2013 durchsucht und viele Arbeiter*innen wurden verhaftet oder gefoltert.<\/p>\n<p>Ein Koordinierungszusammenschluss aus Cordones Industriales, die \u00abCoordinadora Provincial de Cordones Industriales\u00bb, wandte sich in diesem Sinne am 5. September 1973, nur sechs Tage vor dem Milit\u00e4rputsch,\u00a0<a href=\"https:\/\/praxislibertaria.wordpress.com\/2014\/06\/27\/chile-memoria-social-carta-de-los-cordones-industriales-a-salvador-allende\">per Brief an den Pr\u00e4sidenten Allende<\/a>. Darin hielten sie fest: \u00abWir fordern die Aufhebung des Waffenkontrollkontrollgesetzes. Dieses, sogenannte \u2039verfluchte Gesetz\u203a, hat nur dazu gedient, die Arbeiter durch Razzien in Fabriken und Arbeiterquartieren zu kr\u00e4nken. Das Gesetz dient den reaktion\u00e4ren Kr\u00e4ften als Generalprobe, um sich gegen die Arbeiter zu stellen, sie einzusch\u00fcchtern und die tragenden Figuren der Bewegung zu identifizieren.\u00bb<\/p>\n<p>Im selben Brief wurde ausserdem vehement beteuert, dass viele Entscheidungen der Regierung die reaktion\u00e4ren Kr\u00e4fte gest\u00e4rkt haben, rechte Kr\u00e4fte im Aufschwung seien und dass ein Putsch eine unmittelbare Bedrohung sei: \u00abWir sind absolut davon \u00fcberzeugt, dass historisch gesehen der Reformismus, der den Dialog mit denjenigen sucht, die uns immer und immer wieder verraten haben, der schnellste Weg zum Faschismus ist. [\u2026] Wir sind nicht nur der Meinung, dass wir uns rasant in Richtung Faschismus bewegen, sondern auch, dass uns die Mittel zur Selbstverteidigung vorenthalten werden.\u00bb<\/p>\n<p>Nur wenige Tage sp\u00e4ter kam es zum bef\u00fcrchteten Milit\u00e4rputsch. Allende selbst hatte einen Monat zuvor, im August 1973, Augusto Pinochet zum Oberbefehlshaber der chilenischen Streitkr\u00e4fte ernannt, nachdem General Prats seinen Posten aufgegeben hatte. Stunden vor seinem Tod hielt Allende per Radio aus dem Pr\u00e4sidentenpalast seine letzte Rede an die Nation. Im Wissen, dass er den Tag wohl nicht \u00fcberleben wird und dass seine letzten Worte wohl in die Geschichtsb\u00fccher eingehen, verabschiedete und bedankte er sich bei den chilenischen Arbeiter*innen und gab dem Imperialismus und dem ausl\u00e4ndischen Kapital die Schuld f\u00fcr den Verrat des Milit\u00e4rs.<\/p>\n<p><strong>Linker Staatsfetischismus<\/strong><\/p>\n<p><em>\u00abIn Chile ist weder die Linke gescheitert, noch der Sozialismus, noch die Revolution, noch die Arbeiterschaft. In Chile ist auf tragische Art und Weise eine reformistische Illusion beendet worden, die darauf setzte Revolution zu machen mit [\u2026] dem Einverst\u00e4ndnis derer, gegen die sie sich richtete: Der herrschenden Klasse\u00bb<\/em>. (Miguel Enr\u00edquez)<\/p>\n<p>Im Chile der 1970er Jahren stellten die radikalsten Segmente der Arbeiter*innenklasse die politische Form der Warenproduktion in Frage \u2013 den gesetzlichen Rahmen des b\u00fcrgerlichen Staates und dessen Funktion zur Aufrechterhaltung des Privateigentums \u2013 nicht aber die Warenproduktion selbst. Was es aber in Chile seitens der Arbeiter*innen durchaus gab, waren R\u00e4te-\u00e4hnliche Selbstorganisationsversuche, die danach trachteten, mit dem legalen und b\u00fcrokratischen Rahmen des Staates, der Gewerkschaften und der politischen Parteien zu brechen. Doch leider blieben diese Bem\u00fchungen sporadisch und defensiv. Es gelang den Selbstorganisationsversuchen nicht, \u00fcber eine embryonale Phase hinaus zu gelangen.<\/p>\n<p>Die in der Unidad Popular vereinten reformistischen Kr\u00e4fte der Linken, insbesondere Allende und die Kommunistische Partei \u2013 vernarrt in die Idee eines neutralen Militarismus und von einem uners\u00e4ttlichem Vertrauen in die juristischen Werkzeuge des Staates beseelt \u2013 sahen in den radikalen Teilen der Arbeiter*innenklasse nicht nur eine Gefahr f\u00fcr die eigene politische Hegemonie, sondern auch f\u00fcr den Sozialismus insgesamt. Eine traditionell antiimperialistische Ausrichtung charakterisierte ihre ideologische Neigung, die, ganz im Duktus des marxistisch-leninistisches Staatsfetischismus, danach trachtete, die unterdr\u00fcckte Klasse zu repr\u00e4sentieren und die b\u00fcrgerlichen Machtapparate und die \u00d6konomie im Namen der Revolution zu \u00fcbernehmen. Die Regierung erhoffte sich durch die Eind\u00e4mmung des Klassenkampfes eine Abwendung des Milit\u00e4rputsches. Das Gegenteil war der Fall: Faktisch verschob sie mit ihrer Politik das Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnis unwissentlich immer mehr zugunsten eines Putsches.<\/p>\n<p>Heutzutage ist es extrem unwahrscheinlich, dass unter Linken in Chile dem Milit\u00e4r im selben Mass, wie in den 1970er Jahren, Vertrauen geschenkt wird. Zu traumatisierend waren die Jahre der Milit\u00e4rdiktatur. Auch die Polizei steht eher schlecht da. Das brutale Vorgehen gegen Demonstrant*innen der letzten Monate und Jahre, inklusive zahlreichen F\u00e4llen von Folter und sexueller Misshandlung, wird sicher nicht so schnell aus dem kollektiven Ged\u00e4chtnis der Gesellschaft verschwinden. Dass die Revoltierenden kein Vertrauen in den Gewaltapparat des Staates gezeigt haben und der Aufstand haupts\u00e4chlich ohne politische F\u00fchrer oder Parteien verlief, zeugt von einer weitaus radikaleren und kritischeren Einstellung gegen\u00fcber dem Staat und der b\u00fcrgerlichen Politik als w\u00e4hrend der 1970er Jahre. Nichtsdestotrotz ist es sehr wahrscheinlich, dass die Abstimmung \u00fcber eine neue Verfassung einen rekuperativen Charakter hat, obwohl von vielen Seiten kritisiert wird, dass eine neue Verfassung an den strukturellen Fundamenten der Gesellschaft nichts \u00e4ndern wird.<\/p>\n<p>Es bleibt abzuwarten, ob alle Hoffnung auf die Abstimmung f\u00fcr eine neue Verfassung im Oktober gesetzt wird oder ob es wieder zu Massenmobilisierungen kommt und die unz\u00e4hligen Basisversammlungen in den Quartieren weiter wachsen und sich vernetzen. Allerdings fehlte diesen horizontalen Organisationsformen ein entscheidender Aspekt, der in den 1970er Jahren viel pr\u00e4senter war: Der Klassenkampf muss auch auf der Ebene der Produktion gef\u00fchrt werden. Die Cordones Industriales und die Comandos Comunales sind in dieser Hinsicht interessante Ankn\u00fcpfungspunkte, die aus der Vergessenheit gerettet werden m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Auch wenn die Pi\u00f1era-Regierung die andauernde Covid-19-Pandemie arglistig als Verschnaufpause nutzte und die Repression und die Kontrolle des Staates intensivierte, zeichnen sich weitere Konflikte ab. Die Versch\u00e4rfung gesellschaftlicher Widerspr\u00fcche im Zuge der Pandemie k\u00f6nnte in einer politisierten chilenischen Gesellschaft die Wut der Leute weiter befeuern und zu einer Intensivierung des Klassenkampfes f\u00fchren. Ob sich tats\u00e4chlich ein Aufstand 2.0 \u2013 wie er in den sozialen Medien und auf den Strassen genannt wird \u2013 anbahnt und wie radikal der sein wird, kann nur die reale Bewegung auf der Strasse beantworten.<\/p>\n<p><strong>Endnoten<\/strong><\/p>\n<ol>\n<li>Dem \u00dcbergang zur Demokratie war zwei Jahre zuvor ein Referendum \u00fcber eine Verl\u00e4ngerung der Amtszeit Pinochets vorausgegangen.<\/li>\n<li>Diejenigen Segmente der Klasse die vom Produktionsprozess ausgeschlossen sind oder durch informelle Arbeit ihr \u00dcberleben sichern.<\/li>\n<li>Die Mapuche sind das gr\u00f6sste indigene Volk Chiles und leisten seit jeher Widerstand gegen den Staat und den Extraktivismus. Dadurch sind die seit Jahrzehnten mit Repression konfrontiert und werden durch Antiterrorgesetze bek\u00e4mpft.<\/li>\n<li>Zu deutsch: Breite Front<\/li>\n<li>Mehr noch: Nicht nur die traditionelle Linke Chiles ist dem Untergang geweiht, vielmehr befindet sich die gesamte Linke Lateinamerikas in einer \u00e4usserst prek\u00e4ren Situation: Das fl\u00fcchtige Aufb\u00e4umen linker Regierungen im Rahmen des sogenannten \u00abSozialismus des 21. Jahrhunderts\u00bb ist bereits pass\u00e9. Die Abh\u00e4ngigkeit vom Extraktivismus machte viele Regierungen anf\u00e4llig f\u00fcr Rohstoffpreisschwankungen auf dem Weltmarkt und, noch viel wichtiger, die durch den Rohstoffverkauf finanzierten Sozialprogramme f\u00fchrten zu einer Depolitisierung der Basis, weil sie oft mit einer Individualisierung sozialer Probleme einhergingen.<\/li>\n<li>Obwohl parteiunabh\u00e4ngig wurde er von liberalen und konservativen Parteien unterst\u00fctzt.<\/li>\n<li>Ende der 1950er Jahre formierte sich in Chile eine neue soziale Bewegung: Proletarisierte aus dem l\u00e4ndlichen Raum drangen in die St\u00e4dte und besetzten meist unbebaute Brachen, die mittlerweile weitgehend normale Viertel der Grossstadt Santiago sind. Solche Landbesetzungen sind nicht un\u00fcblich in der Geschichte der Entstehung von Grossst\u00e4dten. Was jedoch die Bewegung der \u00abpobladores\u00bb in Chile auszeichnet, ist das hohe Mass an Selbstorganisation und gegenseitiger Hilfe in den besetzten Stadtteilen.<\/li>\n<li>Ebenfalls Teil des B\u00fcndnisses waren die Sozialdemokratische Partei Chiles, die Christliche Linke Partei Chiles, die Unabh\u00e4ngige Volksaktion (eine links-populistische\/nationalistische Partei), die Radikale Partei, die aus dem radikalen Fl\u00fcgel der liberalen Partei hervorgegangen war, die linkschristliche Bewegung der Einheitlichen Volksaktion (MAPU) und eine Abspaltung derselben: die Arbeiter und Bauernbewegung der Einheitlichen Volksaktion. Die politisch-milit\u00e4rische marxistisch-leninistische\/guevaristische linksradikale Gruppe \u00abMIR\u00bb (Movimiento de Izquierda Revolucionaria) hingegen, die im Verlauf der Amtszeit Allendes eine nicht unwichtige Rolle spielen sollte, begn\u00fcgte sich mit einer kritischen Unterst\u00fctzung der Regierung Allendes, war aber selbst nicht Teil der UP.<\/li>\n<li>Ein grosse Anzahl L\u00e4ndereien in den H\u00e4nden weniger Grossgrundbesitzer.<\/li>\n<li>Allende. Mensaje al Congreso Pleno. 21. Mai 1972. in. Die Partizipation der Werkt\u00e4tigen an der F\u00fchrung der Betriebe w\u00e4hrend der Regierung der Unidad Popular in Chile (1970-1973)<\/li>\n<li>Nach dem ersten Jahr der Amtszeit Allendes lagen sch\u00e4tzungsweise 20 Prozent der industriellen Produktion in staatlichen H\u00e4nden (was sich bis zum Milit\u00e4rputsch nicht gross \u00e4ndern sollte). Wobei dies insgesamt nur 10% der Arbeiterschaft betraf, also ca. 56\u2019000 Arbeiter*innen. Die klein und mittlere Industrie, wie auch die Textil-, Bau und Lebensmittelindustrie, in denen ca. 500\u2019000 Arbeiter*innen besch\u00e4ftigt waren, blieben meist von Verstaatlichungen verschont. Gaudichaud Frank, in: Poder Popular, Estado y luchas sociales.<\/li>\n<li>Dies veranlasste die Regierung im April 1972 dazu, die sogenannten Juntas de Abastecimiento Popular (JAP) ins Leben zu rufen \u2013 Popul\u00e4re Warendistributionsl\u00e4den in denen \u00fcberteuerte Preise unterbunden wurden.<\/li>\n<li>Die MIR war eine bewaffnete linksradikale Organisation, die stets skeptisch gegen\u00fcber dem parlamentarischen Weg Allendes war und \u2013 trotz ihres avantgardistischen Anspruchs \u2013 die Autonomie der Arbeiter*innenklasse gegen\u00fcber der UP verteidigte und versuchte den Klassenkampf zu radikalisieren. Als eine der wenigen linken Gruppierungen leistete sie zudem nach dem Milit\u00e4rputsch bewaffneten Widerstand.<\/li>\n<li>Zu Deutsch: Arbeiterzentrale. Die CUT wurde 1952 gegr\u00fcndet und hatte ca. 700\u2019000 Mitglieder, also ca. 25 Prozent der Arbeiterschaft, davon waren jedoch nur die H\u00e4lfte Industrie oder Minenarbeiterinnen. Gr\u00f6sstenteils waren die Mitgliederinnen \u00f6ffentliche Angestellte oder B\u00e4uerinnen. Im \u00f6ffentlichen Sektor betrug die Mitgliedschaft in der CUT ganze 95 Prozent, was jedoch nicht \u00fcberinterpretiert werden sollte zumal 90 Prozent der ganzen Arbeiterschaft im Privaten Sektor t\u00e4tig war und davon nur 23 Prozent in der CUT organisiert war. Gaudichaud Frank, in: Poder Popular, Estado y luchas sociales. Bei der Gr\u00fcndung der CUT waren anfangs auch Anarchistinnen teil der Gewerkschaft. Sie distanzierten sich jedoch zunehmen, aufgrund der hierarchischen Orientierung und der reformistischen Ambitionen der CUT.<\/li>\n<li>Der Streik spornte u. a. auch nationalistische Gruppen wie \u00abPatria y Libertad\u00bb (Nation und Frieden) an. Attentate gegen linke Aktivisten und Organisationen begannen sich zu vermehren.<\/li>\n<li>Dieser Versuch wurde nicht von Pinochet organisiert, sondern vom Oberleutnant Roberto Souper, der im Milit\u00e4r nicht gen\u00fcgend Unterst\u00fctzung im hatte, um den Milit\u00e4rputsch erfolgreich zu Ende zu f\u00fchren.<\/li>\n<li>Zu deutsch: Industrieg\u00fcrtel. In den CI waren mehrere besetzte Fabriken und Unternehmen einer Gegend miteinander koordiniert und vernetzt. Sie wurden vor allem vom linken Fl\u00fcgel der SP und dem MIR unterst\u00fctzt. Es gibt keine genauen Angaben \u00fcber die Anzahl der CI in ganz Chile, doch \u00fcber folgende hat man sicher Kenntnis: Cord\u00f3nes Industriales O\u2019Higgins, Vicu\u00f1a Mackenna, Macul, San Joaqu\u00edn, Recoleta, Mapocho-Cordillera, Santa Rosa-Gran Avenida, Panamericana Norte, Santiago Zentrum, Arica, Concepci\u00f3n (CI Talcahuano), Antofagasta, Osorno und in Valpara\u00edso (CI El Salto, 15 Norte, Quilpu\u00e9). Am st\u00e4rksten waren die CI in Santiago, der Hauptstadt, wo zehntausende Arbeiter*innen in der Cord\u00f3nes organisiert waren.<\/li>\n<li>Die Selbstorganisation der \u00f6ffentlichen Lebens und Teilen der Produktion in r\u00e4te\u00e4hnlichen Strukturen, hatten u.a. ihren Ursprung in den Landbesetzungen der 1950er Jahren, in denen Selbstorganisation und gegenseitige Hilfe wichtige Fundamente waren. Sie Selbstorganisationsversuche der 1970er kamen also nicht von ungef\u00e4hr. Und so ist es auch nicht verwunderlich, dass es gerade solche aus weitgehend autonomen Landbesetzungen hervorgegangen Quartieren wie \u00abLa Legua\u00bb waren, die zumindest in den ersten Jahren der Diktatur das Zentrum des Widerstandes waren<\/li>\n<li>Es gab ungef\u00e4hr 100 Comandos Comunales.<\/li>\n<li>Versorgungs- und Preiskontrollinstanzen, die ab Mitte 1971 erschaffen wurden, um die eintretende Lebensmittelknappheit abzufedern. Sie waren Warendistributionsl\u00e4den in denen \u00fcberteuerte Preise unterbunden wurden.<\/li>\n<li>In einigen F\u00e4llen, wurde die Distribution der Lebensmittel, wie auch die Hortung derselben zum Zwecke der Gewinnoptimierung ohne jegliche staatliche Intervention organisiert: L\u00e4den, die \u00fcberrissene Preise forderten oder Grundg\u00fcter horteten, wurden besetzt und von den Arbeiter*innen selbst kontrolliert.<\/li>\n<\/ol>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/www.ajourmag.ch\/parlament-und-panzer\/\"><em>ajourmag.ch&#8230;<\/em><\/a><em> vom 13. September 2020<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>M. Lautr\u00e9amont. Am 11. September 1973 putschte in Chile das Milit\u00e4r mit Unterst\u00fctzung der CIA gegen die sozialistische Regierung von Salvador Allende. Es folgten lange Jahre der brutalen Diktatur und neoliberalen Umgestaltung des Landes. 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