{"id":8500,"date":"2020-09-27T16:09:03","date_gmt":"2020-09-27T14:09:03","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=8500"},"modified":"2020-09-27T16:09:04","modified_gmt":"2020-09-27T14:09:04","slug":"frankreich-rueckkehr-des-klassenkampfs","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=8500","title":{"rendered":"Frankreich: R\u00fcckkehr des Klassenkampfs?"},"content":{"rendered":"<p><em>Hovhannes Gevorkian. <\/em>\u201cT\u00f6tet sie!\u201d rief einer der Anwohner eines b\u00fcrgerlichen Viertels aus seinem Fenster, weitere Nachbar*innen\u00a0<a href=\"https:\/\/twitter.com\/prefpolice\/status\/1304802584142774273?s=20\">klatschten Beifall und ermunterten die Polizei<\/a>, die Gilets Jaunes (Gelbwesten) durch die Stra\u00dfen zu jagen. Eine Szene,<!--more--> die zeigt, wie polarisiert die franz\u00f6sische Gesellschaft fast zwei Jahre nach dem Beginn des Aufstands der Gilets Jaunes ist. Die Metropolregion Paris ist sowieso streng nach den Klassen geteilt: In der Peripherie \u2014 den Banlieues \u2014 leben die Arbeiter*innen und Armen der Gesellschaft. Innerhalb der Stadtgrenzen von Paris und besonders im 8. und 16. Arrondissement (franz. f\u00fcr Bezirk) leben die reichen Bourgeois innerhalb ihrer Luxuswohnungen. Die Gilets Jaunes suchen sich mit Absicht diese schicken Bezirke f\u00fcr ihre Demonstrationen aus, um ihren Protest h\u00f6r- und sichtbar zu machen \u2014 und auch, um die Bourgeois zu erschrecken.<\/p>\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"800\" height=\"533\" src=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/800px-Tours_-_Manifestation_des_Gilets_Jaunes_-_02_f\u00e9vrier_2019_09.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-8501\" srcset=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/800px-Tours_-_Manifestation_des_Gilets_Jaunes_-_02_f\u00e9vrier_2019_09.jpg 800w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/800px-Tours_-_Manifestation_des_Gilets_Jaunes_-_02_f\u00e9vrier_2019_09-300x200.jpg 300w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/800px-Tours_-_Manifestation_des_Gilets_Jaunes_-_02_f\u00e9vrier_2019_09-768x512.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 800px) 100vw, 800px\" \/><figcaption>Tours &#8211; Manifestation der Gilets Jaunes &#8211; 2. Februar 2019. Quelle: <br \/><a href=\"https:\/\/commons.wikimedia.org\/wiki\/File:Tours_-_Manifestation_des_Gilets_Jaunes_-_02_f%C3%A9vrier_2019_(09).jpg\">commons.wikimedia.org&#8230;<\/a><\/figcaption><\/figure>\n<p>Und so verwundert es nicht, dass sie auch am 12. September auf dem Champs-\u00c9lys\u00e9es demonstrieren wollten. Dort und drumherum fanden die ber\u00fchmten Stra\u00dfenschlachten auf dem H\u00f6hepunkt der Bewegung der Gilets Jaunes statt. Seit M\u00e4rz 2019 allerdings werden alle Demonstration um die Prachtstra\u00dfe und die Oberschichtsbezirke drum herum verboten und in eine Sperrzone mit enorm viel Polizeipr\u00e4senz verwandelt. Am 12. September selbst hatten sich sie Luxusboutiquen schon einen Tag zuvor aus Angst vor Zerst\u00f6rungen\u00a0<a href=\"https:\/\/twitter.com\/AnonymeCitoyen\/status\/1304486194152177665?s=20\">verbarrikadiert<\/a>. Sogar das Tragen einer gelben Weste scheint dort untersagt worden zu sein: Schon um 8 Uhr morgens wurde eine Person mit gelber Weste verhaftet. Die Gilets Jaunes, sie haben sich zweifellos in das Ged\u00e4chtnis der Herrschenden eingebrannt.<\/p>\n<p><strong>Eine neue Episode<\/strong><\/p>\n<p>Frankreich im September 2020 ist ein Land, das seit 2016 von einer Intensivierung der Klassenk\u00e4mpfe ersch\u00fcttert wird und wohl inmitten einer zweiten Welle von tausenden Corona-Neuinfektionen steht. Im Fr\u00fchjahr hatte die Covid19-Pandemie das Land v\u00f6llig unvorbereitet und dementsprechend hart getroffen. Aktuell gelten weiterhin harte Regeln, die mit der Eind\u00e4mmung des Virus gerechtfertigt werden: So muss im \u00f6ffentlichen Raum immer eine Maske getragen werden, wer das nicht tut riskiert ein Bu\u00dfgeld von 135 Euro. W\u00e4hrend die respressiven Ma\u00dfnahmen versch\u00e4rft werden, wird an der Gesundheitsinfrstruktur, die im Fr\u00fchjahr heillos \u00fcberlastet war wenig ge\u00e4ndert. Die Zahl der Intensivbetten etwa ist nach wie vor niedrig und wurde seit Beginn der Pandemie nicht erh\u00f6ht.<\/p>\n<p>Von der neuerlichen Explosion an Neueinfektionen ist besonders die\u00a0<a href=\"https:\/\/www.tagesspiegel.de\/politik\/marseille-blickt-auf-die-zweite-corona-welle-massiv-betroffene-hafenstadt-wird-zum-testfall-fuer-frankreich\/26189136.html\">Region um Marseille<\/a>\u00a0getroffen. Dort gibt es pro 100.000 Einwohnenden 312 Neuinfektionen. Zum Vergleich: In Deutschland liegt diese Zeit bundesweit bei\u00a0<a href=\"https:\/\/www.n-tv.de\/infografik\/Coronavirus-aktuelle-Zahlen-Daten-zur-Epidemie-in-Deutschland-Europa-und-der-Welt-article21604983.html\">12,8 Neuinfektionen<\/a>. Es ist also nicht auszuschlie\u00dfen, dass sich Frankreich am Anfang einer zweiten Welle befindet. Nichtsdestotrotz wird schon jetzt seitens der Regierung ein erneuerter Lockdown ausgeschlossen, da die Wirtschaft das nicht verkraften w\u00fcrde. Um sagenhafte 9,5 Prozent sank das BIP des Landes im Vergleich zum Vorjahr. Damit ist die Kontraktion mehr als doppelt so gro\u00df wie bei Deutschland oder selbst dem weltweiten Durchschnitt von 4,5 Prozent.<\/p>\n<p>Diese \u00e4u\u00dferst delikate Krisenlage in einem Land mit 9 Millionen Menschen unter der Armutsgrenze f\u00fchrt dazu, dass die L\u00f6sung seitens der herrschenden Klasse in Massenentlassungen und Werkschlie\u00dfungen besteht. Dabei trifft es nicht nur die Produktion, wie beim Reifenhersteller Bridgestone, wo in B\u00e9thune ein Werk mit 863 Mitarbeitenden geschlossen wurde; selbst bei der Supermarktkette Auchan soll es zu 1.475 Entlassungen kommen. W\u00e4hrend Bridgestone der Primus unter den Reifenherstellern ist und rund 27 Milliarden US-Dollar Umsatz macht, geh\u00f6rt Auchan der\u00a0<a href=\"https:\/\/www.challenges.fr\/classements\/fortune\/gerard-mulliez-et-sa-famille_441\">sechstreichsten Familie<\/a>\u00a0Frankreichs um Patron G\u00e9rard Mulliez mit einem Verm\u00f6gen von 26 Milliarden Euro.<\/p>\n<p>Diese zwei ausgesuchten Beispiele zeigen, dass die Arbeiter*innenklasse mit weiteren Angriffen auf ihre Arbeits- und Lebensbedingungen rechnen muss. Eine der bekanntesten Figuren der Gelbwesten, Jerome Rodrigues\u00a0<a href=\"https:\/\/www.revolutionpermanente.fr\/Malgre-la-police-de-Darmanin-les-Gilets-jaunes-donnent-le-coup-d-envoi-de-la-rentree-sociale\">sagte dazu<\/a>: \u201cEs kommt eine neue Krise auf uns zu und es ist sicher, dass sie uns Elend bringen wird.\u201d Die neue Mobilisierung der Gilets Jaunes, die bei weitem nicht nur in Paris, sondern auch in anderen St\u00e4dten wie Nantes, Rennes, Marseille oder Lyon zusammenkamen, griff diese Themen auf und verband sie mit dem anhaltenden Thema der Polizeirepression und -gewalt: In Toulouse wurde jegliche Demo verboten; in Paris kam es immer wieder zu Einkesselungen, die teilweise stundenlang andauerten und auch Journalist*innen betrafen.<\/p>\n<p>Die gr\u00f6\u00dfte Gewerkschaft im Land, die CGT griff dabei in ihrer Mobilisierung am 17. September nur die sozio\u00f6konomischen Aspekte auf und rief zu Streiks und Demonstrationen auf. Diese \u201eAktionstage\u201d folgen allerdings einer symbolischen Routine. Die Beteiligung an den Streiks f\u00e4llt sehr gering aus und die Demonstrationen selbst k\u00f6nnen zwar durchaus gro\u00df sein, aber nicht militant und sind vollkommen von der Gewerkschaftsb\u00fcrokratie kontrolliert. Es sind die immer gleichen Demorouten und Parolen, sodass jegliche Spontaneit\u00e4t schon im Voraus abgew\u00fcrgt wird.<\/p>\n<p>Sogar der Staatssekret\u00e4r im Verkehrsministerium, Jean-Baptiste Djebbari, sprach abf\u00e4llig von einem \u201eGewohnheitsstreik\u201c und versicherte, dass der Streik keine Auswirkungen haben w\u00fcrde. Dabei ist es klar, dass die \u201eWut unter den Arbeiter*innen zunimmt\u201c, wie es der CGT-Sekret\u00e4r Laurent Brun\u00a0<a href=\"https:\/\/www.lemonde.fr\/economie\/article\/2020\/09\/15\/malgre-une-greve-peu-suivie-un-sentiment-de-malaise-a-la-sncf_6052322_3234.html\">ausdr\u00fcckte<\/a>. Die Frage ist aber, was die Gewerkschaften machen, um diese Wut zu organisieren.<\/p>\n<p>Die Winterstreiks 2019\/20 gegen die geplante Rentenreform, die das Renteneintrittsalter faktisch auf 64 Jahre anhob, zeigten, dass langanhaltende Streiks m\u00f6glich sind. Diese m\u00fcssen aber unbedingt auf die gesamte Wirtschaft ausgedehnt werden, damit sie nicht isoliert bleiben und angesichts gro\u00dfer Lohneinbu\u00dfen der Streikenden (in Frankreich gibt es kein Streikgeld) irgendwann abgebrochen werden m\u00fcssen. Die Bereitschaft, diese K\u00e4mpfe zu f\u00fchren ist unter den Arbeiter*innen auf jeden Fall da. Denn wie es ein k\u00e4mpferischer Gewerkschafter und Arbeiter von Bridgestone ausdr\u00fcckte, \u201csind wir bereit und in der Lage, Reifen herzustellen und den franz\u00f6sischen und europ\u00e4ischen Markt zu beliefern \u2014 ohne die Chefs!\u201d<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/lowerclassmag.com\/2020\/09\/21\/frankreich-rueckkehr-des-klassenkampfs\/\"><em>lowerclassmag.com&#8230;<\/em><\/a><em> vom 27. September 2020<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hovhannes Gevorkian. \u201cT\u00f6tet sie!\u201d rief einer der Anwohner eines b\u00fcrgerlichen Viertels aus seinem Fenster, weitere Nachbar*innen\u00a0klatschten Beifall und ermunterten die Polizei, die Gilets Jaunes (Gelbwesten) durch die Stra\u00dfen zu jagen. 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