{"id":8506,"date":"2020-09-28T11:15:22","date_gmt":"2020-09-28T09:15:22","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=8506"},"modified":"2020-09-28T11:15:23","modified_gmt":"2020-09-28T09:15:23","slug":"systemwechsel-haben-wir-noch-zeit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=8506","title":{"rendered":"Systemwechsel: Haben wir noch Zeit?"},"content":{"rendered":"<p><strong>\u201eZeit\u201c ist immer ein entscheidender Faktor in der Politik und Geschichte, aber er hat noch sie so eine wichtige Rolle gespielt wie beim Klimawandel. W\u00e4hrend einige argumentieren, dass uns die Zeit davonl\u00e4uft, sieht John Molyneux eine Ver\u00e4nderung der weltweiten<!--more--> Kommandostrukturen \u00fcber die lebendige Arbeit und die Austauschprozesse zwischen Mensch und Natur als einzige Antwort. Das heisst: die \u00dcberwindung der kapitalistischen Herrschaftsform.<\/strong><\/p>\n<p>Die Warnung des IPCC-Berichts vom Oktober 2018, dass die Welt noch zw\u00f6lf Jahre Zeit hat, um eine Klimakatastrophe zu vermeiden, war zweifellos ein wesentlicher Faktor f\u00fcr die Ausl\u00f6sung einer globalen Welle des Klimaaktivismus, insbesondere in Person von Greta Thunberg sowie in Form von Massenschulstreiks und der Extinction-Rebellion-Bewegung.<\/p>\n<figure class=\"wp-block-image size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/moly.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-8507\" width=\"549\" height=\"549\" srcset=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/moly.jpg 300w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/moly-150x150.jpg 150w\" sizes=\"auto, (max-width: 549px) 100vw, 549px\" \/><\/figure>\n<p>Gleichzeitig ist klar, dass diese Warnung von verschiedenen Personengruppen auf unterschiedliche Weise \u201egeh\u00f6rt\u201c und interpretiert werden konnte und wurde. Ich m\u00f6chte einige dieser Interpretationen und ihre Auswirkungen betrachten, insbesondere in Bezug auf die Frage, ob noch die Zeit bleibt, eine System\u00e4nderung herbeizuf\u00fchren, oder ob es aufgrund der kurzen Zeit notwendig ist, sich auf Ver\u00e4nderungen zu konzentrieren, die innerhalb des vom Kapitalismus gegebenen Rahmens umgesetzt werden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><strong>Opportunismus &amp; Greenwashing<\/strong><\/p>\n<p>Bevor ich zu diesem Punkt komme, m\u00f6chte ich jedoch darauf hinweisen, dass viele opportunistische Politiker*innen die \u201ezw\u00f6lf Jahre Warnung\u201c anders aufgefasst haben als Greta und ihre Anh\u00e4nger. Zw\u00f6lf Jahre sind f\u00fcr sie tats\u00e4chlich eine sehr lange Zeit: drei Amtszeiten eines US Pr\u00e4sidenten, zwei volle Parlamentsperioden in Gro\u00dfbritannien und in vielen anderen L\u00e4ndern. In anderen Worten: genug Zeit, um ihre Ambitionen zu erf\u00fcllen, sich einen Platz in den Geschichtsb\u00fcchern oder zumindest eine Rente und mehrere Verwaltungsratsmandate zu sichern, bevor \u00fcberhaupt etwas Substanzielles getan werden muss.<\/p>\n<p>In der Praxis bedeutet dies, dass verschiedene Kommissionen aufgestellt werden, einige Handlungspl\u00e4ne erstellt werden, an einigen Konferenzen teilgenommen wird und ein gewisses Ma\u00df an Greenwashing betrieben wird. Solltest du der CEO eines gro\u00dfen \u00d6l-, Gas- oder Automobilunternehmens sein, trifft f\u00fcr dich dasselbe zu.<\/p>\n<p>Am gegen\u00fcberliegenden Ende des Spektrums befanden sich viele Menschen, vor allem junge Leute, welche die Warnung so verstanden, dass es buchst\u00e4blich nur zw\u00f6lf Jahre gebe, um das globale Aussterben zu verhindern.<\/p>\n<p>Das sind keine \u00e4quivalenten Fehlinterpretationen: Die erste Interpretation ist \u00e4u\u00dferst zynisch und gleicherma\u00dfen f\u00fcr Mensch und Natur sch\u00e4dlich, die zweite ist naiv aber gut gemeint. Beide bleiben jedoch Fehlinterpretationen des Berichts und des Klimawandels.<\/p>\n<p>Der Klimawandel ist kein Ereignis, das m\u00f6glicherweise im Jahr 2030 eintreten kann oder nicht und das durch Sofortma\u00dfnahmen abgewendet werden k\u00f6nnte, sondern ein Prozess der bereits im Gange ist. Jede Woche, jeder Monat oder jedes Jahr, in denen die CO2-Emissionen nicht reduziert werden, versch\u00e4rft das Problem und erschwert die Bew\u00e4ltigung. Aus dem gleichen Grund gibt es keine absolute Frist, nach welcher es zu sp\u00e4t w\u00e4re, etwas zu tun und wir genauso gut den Geist aufgeben k\u00f6nnten.<\/p>\n<p>Der Fokus des IPCC-Berichts war nicht auf das \u201eAussterben\u201c, sondern haupts\u00e4chlich darauf gelegt, was wir tun m\u00fcssen, um die globale Erw\u00e4rmung auf 1,5\u00b0 Celsius \u00fcber dem vorindustriellen Niveau zu halten, und was die wahrscheinlichen Auswirkungen w\u00e4ren, wenn wir zulassen, dass gar 2\u00b0 erreicht w\u00fcrden.<\/p>\n<p>Was der Bericht in seiner\u00a0<a href=\"https:\/\/www.ipcc.ch\/sr15\/chapter\/spm\/\">Zusammenfassung f\u00fcr politische Entscheidungstr\u00e4ger<\/a>\u00a0tats\u00e4chlich feststellte:<\/p>\n<p><em>A1. Es wird gesch\u00e4tzt, dass menschliche Aktivit\u00e4ten ungef\u00e4hr eine globale Erw\u00e4rmung von etwa 1,0\u00b0 Celsius \u00fcber dem vorindustriellen Niveau verursacht haben, vermutlich im Bereich von 0,8\u20131,2\u00b0 Celsius. Die globale Erw\u00e4rmung erreicht vermutlich zwischen 2030 und 2052 die 1,5\u00b0-Celsius-Marke, wenn es weiterhin mit der aktuellen Rate zunimmt. (hohe Wahrscheinlichkeit)<\/em><\/p>\n<p>Au\u00dferdem wird hinzugef\u00fcgt, ziemlich offensichtlich, wie ihr euch denken k\u00f6nnt:<\/p>\n<p><em>B.5. Klimabezogene Risiken f\u00fcr Gesundheit, Lebensgrundlage, Ern\u00e4hrungssicherheit, Wasserversorgung, menschliche Sicherheit und Wirtschaftswachstum werden mit einer globalen Erw\u00e4rmung auf 1,5\u00b0 Celsius voraussichtlich zunehmen und bei einer Erw\u00e4rmung auf 2\u00b0 Celsius weiter steigen.<\/em><\/p>\n<p>Ich zitiere diese Passagen nicht, weil ich den IPCC-Bericht als heilige Schrift oder auf irgendeine andere Weise als das letzte Wort in dieser Angelegenheit betrachte. Ganz im Gegenteil, mir ist klar, dass dieser Bericht in seinen Vorhersagen konservativ war \u2013 was nicht verwunderlich ist, im Anbetracht dessen, dass seine Entwicklung einen Konsens unter Tausenden Wissenschaftlern erforderte \u2013 in der Realit\u00e4t schreiten die globale Erw\u00e4rmung und vor allem ihre\u00a0<a href=\"https:\/\/climateandcapitalism.com\/2019\/08\/02\/how-fast-is-the-climate-changing\/\">Auswirkungen schneller voran, als vom IPCC erwartet<\/a>.<\/p>\n<p><strong>Das Countdown-R\u00e4tsel<\/strong><\/p>\n<p>Meine Absicht ist es viel mehr zu zeigen, dass es sich laut IPCC und einem ernsthaften Verst\u00e4ndnis des Klimawandels nicht um eine Klippe handelt, von der wir 2030 alle fallen, oder um ein anderes genau vorhersehbares Datum, sondern um einen intensivierenden Prozess mit zunehmend katastrophalen Auswirkungen. Innerhalb dieses Prozesses wird es h\u00f6chstwahrscheinlich Kipppunkte geben, an denen sich das Tempo des Wandels beschleunigt und bestimmte Verschiebungen irreversibel werden. Niemand wei\u00df genau, wann dies soweit ist, und selbst dann werden wir immer noch \u00fcber einen Prozess sprechen und nicht \u00fcber das vollst\u00e4ndige Aussterben.<\/p>\n<p>Ein korrektes, wissenschaftlich fundiertes Verst\u00e4ndnis dieses Prozesses ist von entscheidender Bedeutung. Als Aktivist ist es vermutlich nicht hilfreich, sich an einer Art Countdown aufzuh\u00e4ngen \u2013 jetzt haben wir nur noch zehn Jahre, neun Jahre, acht Jahre \u2026 \u00fcbrig, um den Planeten zu retten \u2013, als g\u00e4be es einen festen Zeitplan. Schlie\u00dflich wollen wir auch nicht an den Pranger gestellt werden, weil wir zu oft falschen Alarm ausriefen, weil die Welt dann doch nicht unterging. Das wissenschaftliche Verst\u00e4ndnis ist eine wichtige Grundlage f\u00fcr die Beantwortung der entscheidenden Frage, ob f\u00fcr eine System\u00e4nderung noch Zeit bleibt.<\/p>\n<p>Das Argument, es gebe nicht ausreichend Zeit, einen \u201eSystemwandel\u201c herbeizuf\u00fchren, womit ich den Sturz des Kapitalismus meine, ist schon seit geraumer Zeit im Umlauf, lange vor der Zw\u00f6lf-Jahre-Warnung. Ich erinnere mich, dass das Argument in der Campaign Against Climate Change, als ich in den fr\u00fchen Neunzigern zum ersten Mal damit zu tun hatte, gewaltsam (und w\u00fctend) gegen einen eher gl\u00fccklosen Trotzkisten vorgebracht wurde.<\/p>\n<p>\u201eEs bleibt keine Zeit, um auf deine Revolution zu warten\u201c, wurde ihm entgegnet.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich kann das \u201eKeine-Zeit\u201c-Argument jetzt als Deckmantel von Pro-Kapitalisten genutzt werden, ebenso aber auch guten Gewissens von Menschen, die es f\u00fcr eine praktische M\u00f6glichkeit halten, um den Kapitalismus zu ersetzen. Als Beweis daf\u00fcr zitiere ich Alan Thornett, der sein Leben lang Sozialist ist. In seinem Buch\u00a0<em>Facing the Apocalypse: Arguments for Ecosocialism<\/em>\u00a0(dt. etwa \u201eVor der Apokalypse: Argumente f\u00fcr \u00d6kosozialismus\u201c) schreibt Alan:<\/p>\n<p><em>Die Standardl\u00f6sung, die von den meisten radikalen Linken vertreten wird \u2026 ist der revolution\u00e4re Sturz des globalen Kapitalismus \u2013 umgesetzt innerhalb der n\u00e4chsten zw\u00f6lf Jahre, denn in der Zeit m\u00fcssen wir es geschafft haben \u2026<\/em><\/p>\n<p><em>Ein solcher Ansatz ist maximalistisch, links und nutzlos. Als Sozialisten k\u00f6nnen wir alle mit beiden H\u00e4nden f\u00fcr die Abschaffung des Kapitalismus stimmen, denn das ist nat\u00fcrlich auch unser langfristiges Ziel. Doch als Antwort auf die globale Erw\u00e4rmung innerhalb der n\u00e4chsten 12 Jahre macht das keinen Sinn.<\/em><\/p>\n<p><em>Dies stellt eine \u201eGlaubw\u00fcrdigkeitsl\u00fccke\u201c dar: W\u00e4hrend der katastrophale Klimawandel tats\u00e4chlich vor der T\u00fcre steht, kann dasselbe kaum glaubw\u00fcrdig von der globalen sozialistischen Revolution gesagt werden \u2013 es sei denn ich habe irgendwas verpasst. Es mag nicht unm\u00f6glich sein, doch ist die Aussicht auf eine Antwort auf die globale Erw\u00e4rmung und den Klimawandel in weiter Ferne.<\/em><\/p>\n<p><em>Um es klar auszudr\u00fccken: Wenn der Umsturz des globalen Kapitalismus in den verbleibenden zw\u00f6lf Jahren die einzige L\u00f6sung f\u00fcr die globale Erw\u00e4rmung und den Klimawandel ist, dann gibt es keine L\u00f6sung f\u00fcr die globale Erw\u00e4rmung und den Klimawandel.<\/em><\/p>\n<p>Alan hat hier das Argument, dass ich anfechten m\u00f6chte, sehr deutlich zum Ausdruck gebracht.<\/p>\n<p><strong>Reform oder Revolution oder beides?<\/strong><\/p>\n<p>Die erste Sache, die gesagt werden muss, ist, dass f\u00fcr ernsthafte Sozialisten und Marxisten (beginnend mit Marx, Engels und Rosa Luxemburg) der Kampf um die Revolution dem Kampf um Reformen in keiner Frage entgegengesetzt ist. Vielmehr ist Revolution etwas, das aus dem Kampf um konkrete Forderungen hervorgeht.<a href=\"https:\/\/diefreiheitsliebe.de\/politik\/systemwechsel-haben-wir-noch-zeit\/#_edn1\">[i]<\/a>\u00a0So wie Marxist*innen die \u00dcberzeugung, die einzige L\u00f6sung gegen Ausbeutung sei die Abschaffung des Lohnsystems, mit der Unterst\u00fctzung des gewerkschaftlichen Kampfes f\u00fcr Lohnerh\u00f6hungen und bessere Arbeitsbedingungen verbinden, so k\u00f6nnen sie f\u00fcr unmittelbare Anforderungen wie den kostenlosen \u00f6ffentlichen Verkehr k\u00e4mpfen, fossile Brennstoffe im Boden belassen und massiv in erneuerbare Energien investieren, w\u00e4hrend sie gleichzeitig f\u00fcr die \u00f6kosozialistische Revolution eintreten.<\/p>\n<p>Auf diese Weise wird die M\u00f6glichkeit eines \u00f6kologisch nachhaltigen Kapitalismus auf die Probe gestellt.<\/p>\n<p>Diese notwendige Antwort ersch\u00f6pft das Problem jedoch nicht. Wenn die Revolution als zu erringende L\u00f6sungsentwicklung als zu entfernt und unrealistisch erscheint, sollten Klimaaktivist*innen praktisch ihre ganze Energie darauf konzentrieren, Reformen zu gewinnen, anstatt f\u00fcr die Revolution zu argumentieren und sich nur f\u00fcr diese zu organisieren. Dar\u00fcber hinaus w\u00fcrde der Schwerpunkt \u00fcberwiegend auf Reformen nur auf dieser Frage liegen. Was w\u00e4re \u2013 au\u00dfer einer abstrakten Moral \u2013 der Sinn, sich auf Themen wie Arbeitnehmerrechte, Antirassismus, Reproduktionsrechte von Frauen, LGBTQ+-Rechte usw. zu fokussieren, wenn in den n\u00e4chsten Jahren doch das \u00dcberleben der gesamten Menschheit auf dem Spiel steht?<\/p>\n<p>Wenn jedoch angenommen wird, dass sich der Kapitalismus in dieser Hinsicht als nicht oder nur unzureichend reformierbar erweisen wird, ist es notwendig, \u00f6kosozialistische Kampagnen mit revolution\u00e4rem Aktivismus, Propaganda und Organisation auf einer breiteren Front zu verbinden und anzuerkennen, dass die Revolution eine Massenmobilisierung der arbeitenden Bev\u00f6lkerung zu zahlreichen Themen erfordern wird und es angesichts zahlreicher Teile-und-herrsche-Strategien ihrer Vereinigung bedarf.<\/p>\n<p>Folglich stellen sich drei ganz reale Fragen:<\/p>\n<ol>\n<li>Wie wahrscheinlich ist es, dass der Klimawandel durch Reformen auf der Grundlage des Kapitalismus gestoppt oder einged\u00e4mmt werden kann?<\/li>\n<li>Wie \u201efern\u201c ist die M\u00f6glichkeit einer sozialistischen Revolution?<\/li>\n<li>Gibt es Alternativen zu dieser bin\u00e4ren Welt?<\/li>\n<\/ol>\n<p>Bei der ersten Frage haben ich und andere \u00d6kosozialisten (insbesondere John Bellamy Foster, Lan Angus, Michael Lowy, Martin Empson, Amy Leather usw.) argumentiert, dass die M\u00f6glichkeit, kapitalistisch mit dem Klimawandel umzugehen, im Extremfall gering ist, sei es in zw\u00f6lf, zwanzig oder in vierzig Jahren.<a href=\"https:\/\/diefreiheitsliebe.de\/politik\/systemwechsel-haben-wir-noch-zeit\/#_edn2\">[ii]<\/a><\/p>\n<p>Einfach ausgedr\u00fcckt ist der Kapitalismus ein System, das von Natur aus und unaufhaltsam durch wettbewerbsf\u00e4hige Kapitalakkumulation auf Kollisionskurs mit der Natur getrieben wird. Und die Industrie fossiler Brennstoffe spielt bei dieser Kapitalakkumulation eine derart zentrale Rolle, dass es keine realistische Aussicht darauf gibt, dass der Kapitalismus seine Abh\u00e4ngigkeit von ihr beenden k\u00f6nnte.<\/p>\n<p><strong>Wie sieht Revolution aus?<\/strong><\/p>\n<p>Bei der zweiten Frage muss ich mir eingestehen, dass die M\u00f6glichkeit einer internationalen sozialistischen Revolution in der Tat sehr gering erscheint, wenn die n\u00e4chsten zw\u00f6lf Jahre der unmittelbaren Vergangenheit \u00e4hneln, beispielsweise den letzten f\u00fcnfzig Jahren. Die Tatsache des Klimawandels garantiert jedoch, dass das n\u00e4chste Jahrzehnt NICHT der Vergangenheit \u00e4hneln wird. Im Gegenteil, genau die Bedingungen, die durch die globale Erw\u00e4rmung hervorgerufen werden \u2013 zunehmend unertr\u00e4gliche Hitze, D\u00fcrren, Br\u00e4nde, St\u00fcrme, \u00dcberschwemmungen usw. \u2013, werden das Bewusstsein der Mehrheit der Menschen f\u00fcr die Notwendigkeit, den Kapitalismus zu beenden, und f\u00fcr die M\u00f6glichkeit einer Revolution ver\u00e4ndern.<\/p>\n<p>Die Tatsache, dass sich die versch\u00e4rfende Klimakrise von einer umfassenderen Umweltkrise (in einer Vielzahl von Formen), einer sich versch\u00e4rfenden und wiederkehrenden Wirtschaftskrise (wie derzeit offensichtlich) und zunehmend internationalen geopolitischen und milit\u00e4rischen Spannungen (wie zum Beispiel mit China und Russland) begleitet wird.<\/p>\n<p>Hier ist die Tatsache, die zu Beginn dieses Artikels festgestellt wurde, dass die \u201ezw\u00f6lf Jahre\u201c keine genaue oder endg\u00fcltige Frist sind und nie sein k\u00f6nnen, sehr wichtig. Wenn der Kapitalismus, wie ich es f\u00fcr \u00fcberw\u00e4ltigend wahrscheinlich halte, nicht in der Lage ist, die Erw\u00e4rmung auf 1,5\u00b0 Celsius zu begrenzen, bedeutet das nicht, wie Thornett meint, dass das Spiel aus und der Kampf verloren ist, sondern dass sich alle oben beschriebenen Bedingungen und Katastrophen versch\u00e4rfen und sich dabei die Wahrscheinlichkeit von Massenaufst\u00e4nden und Revolutionen erh\u00f6ht.<\/p>\n<p>Viele Menschen k\u00f6nnen sich zwar durchaus eine Revolution in einem Land vorstellen, doch erscheint ihnen die Idee einer internationalen oder globalen Revolution nur wenig plausibel. Dies erscheint in der Tat \u00e4u\u00dferst unwahrscheinlich, wenn unter internationaler Revolution eine gleichzeitige weltweit koordinierte Rebellion verstanden wird, doch was dies nie das Szenario, das von Bef\u00fcrworter*innen der internationalen Revolution ins Auge gefasst wurde.<\/p>\n<p>Es ist vielmehr so, dass sich die Revolution in einem Land \u2013 Brasilien oder \u00c4gypten, Irland oder Italien \u2013 in einer langen aber kontinuierlichen Reihe von K\u00e4mpfen auf andere L\u00e4nder ausbreiten k\u00f6nnte und w\u00fcrde. Dies ist eine Aussicht, die durch die Erfahrung der j\u00fcngsten Welle des Kampfes tats\u00e4chlich verst\u00e4rkt wird.<\/p>\n<p>Der Arabische Fr\u00fchling l\u00f6ste 2011 als Kettenreaktion zun\u00e4chst eine Reihe von Aufst\u00e4nden von Tunesien nach \u00c4gypten, Libyen, Bahrain und Syrien aus, bevor auch kleinere, aber immer noch bedeutende Revolten wie die Indignados in Spanien oder Occupy in den USA davon inspiriert wurden. Dann gab es\u00a0<a href=\"http:\/\/www.rebelnews.ie\/2019\/11\/06\/a-new-mass-wave-of-global-revolt\/\">2019 eine Welle von Massenaufst\u00e4nden<\/a>\u00a0auf der ganzen Welt \u2013 die franz\u00f6sischen Gelbwesten, Sudan, Haiti, Hongkong, Algerien, Puerto Rico, Chile, Ecuador, Irak, Libanon usw. Wichtig war auch, dass sich die Sch\u00fclerstreiks weltweit verbreiteten und in diesem Jahr sogar mitten in COVID-19 Black-Lives-Matter-Demonstrationen stattfanden.<\/p>\n<p>Dies macht deutlich, dass sich in der heutigen globalisierten Welt Revolten mit erstaunlicher Reichweite und Schnelligkeit international ausbreiten k\u00f6nnen. Die internationalen Auswirkungen einer sozialistischen Revolution in einem Land w\u00e4ren immens. Diese w\u00e4ren umso gr\u00f6\u00dfer, wenn die Revolution \u2013 und so wird es auch sein \u2013 ein starkes \u00f6kologisches und gegen den Klimawandel gerichtetes Element aufweist. Denn unabh\u00e4ngig von den Debatten \u00fcber den Sozialismus in einem Land in der Vergangenheit wird klar sein, dass keine Revolution in S\u00fcdafrika oder Frankreich, Indonesien oder Chile in der Lage sein wird, den Klimawandel zu bek\u00e4mpfen, w\u00e4hrend die USA, China, Russland und Indien ihre Gesch\u00e4fte wie gewohnt fortsetzen. Der Klimawandel ist ein internationales Thema wie kein anderes in der Geschichte.<\/p>\n<p><strong>Sozialismus oder Barbarei<\/strong><\/p>\n<p>In Bezug auf die Frage nach anderen Alternativen, um den Kapitalismus entweder nachhaltig zu machen oder ihn mittels Revolution zu st\u00fcrzen, gibt es zwei, die ins Auge springen: Es gibt die Strategie, den Kapitalismus durch den Gewinn einer Parlamentswahl in den Sozialismus zu \u00fcberf\u00fchren \u2013 was man die Corbyn-Strategie nennen k\u00f6nnte. Oder es gibt die \u201eAlternative\u201c der faschistischen\/autorit\u00e4ren Barbarei. Die erste ist leider illusorisch und die zweite ist bedauerlicherweise nur allzu real.<\/p>\n<p>Was ich (in seiner j\u00fcngsten Auspr\u00e4gung) die Corbyn-Strategie genannt habe, ist in der Tat sehr alt und geht zumindest auf Karl Kautsky und die Sozialdemokratische Partei Deutschlands vor dem Ersten Weltkrieg zur\u00fcck. Sie wurde zahlreichen praktischen Tests unterzogen \u2013 mit katastrophalen Konsequenzen, ob in Deutschland selbst, in Italien w\u00e4hrend der Roten Jahre, in Chile 1970\u20131973, oder in j\u00fcngerer Zeit mit Syriza in Griechenland oder eben mit Corbyn (au\u00dfer dass Corbyn den notwendigen allgemeinen Wahlsieg nicht erringen konnte).<\/p>\n<p>Oberfl\u00e4chlich betrachtet scheint diese Strategie besser umsetzbar und plausibler als die Revolution zu sein, doch in Wirklichkeit ist sie von Grund auf fehlerbehaftet. Die bestehende kapitalistische herrschende Klasse wird weder in einem Land noch international aufgrund eines sozialistischen Wahlsiegs freiwillig ihre Macht abgeben.<\/p>\n<p>Im Gegenteil: Sie wird ihre\u00a0<a href=\"https:\/\/www.marxists.org\/history\/etol\/writers\/molyneux\/2013\/06\/left-ref.htm\">gesamte wirtschaftliche Macht<\/a>\u00a0(durch Investitionsstreiks, Kapitalflucht, den Run auf W\u00e4hrungen usw.), ihre soziale und ideologische Hegemonie, insbesondere durch die Medien, und vor allem ihre Kontrolle \u00fcber den Staat einsetzen, um die potenzielle sozialistische Regierung auf Trab zu bringen oder sie wenn n\u00f6tig zu zerst\u00f6ren.<a href=\"https:\/\/diefreiheitsliebe.de\/politik\/systemwechsel-haben-wir-noch-zeit\/#_edn3\">[iii]<\/a><\/p>\n<p>Eine solche Sabotage k\u00f6nnte nur durch die revolution\u00e4re Mobilisierung der arbeitenden Bev\u00f6lkerung bek\u00e4mpft und \u00fcberwunden werden. Deshalb ist diese Option trotz aller progressiven Absichten eine Illusion. Sie wird entweder zu der Art Revolution werden, die sie eigentlich \u00fcberfl\u00fcssig machen sollte \u2013 oder sich wird sich in Luft aufl\u00f6sen.<\/p>\n<p>Wenn es um die faschistische\/autorit\u00e4re Option geht, wissen wir aus bitterer Erfahrung \u2013 der Erfahrungen Italiens, Deutschlands, Spaniens, Portugals, Chiles und anderswo \u2013 dass dies eine echte M\u00f6glichkeit ist und in vielerlei Hinsicht die Gegenseite der Medaille des Scheiterns der reformistischen Option. Und wenn wir uns heute in der Welt umsehen, wie das kapitalistische System in einer mehrdimensionalen Krise gefangen ist, k\u00f6nnen wir in vielen verschiedenen eine wachsende politische Polarisierung und die Kr\u00e4fte der extremen Rechten L\u00e4ndern beobachten. Es ist eine furchtbare Tatsache, dass drei gro\u00dfe L\u00e4nder (die USA, Brasilien und Indien) unter rechtsextremer, wenn nicht vollst\u00e4ndig faschistischer Kontrolle stehen und dass eine betr\u00e4chtliche Anzahl weiterer L\u00e4nder von hochgradig autorit\u00e4ren Regimen regiert wird.<\/p>\n<p>Mit zunehmender Klimakrise und den damit verbundenen Klimafl\u00fcchtlingen wird die autorit\u00e4re\/faschistische Option f\u00fcr in Panik geratene herrschende Klassen und einige ihrer Anh\u00e4nger in der Mittelschicht immer attraktiver. Auf lange Sicht wird der Faschismus die globale Erw\u00e4rmung nicht aufhalten, doch k\u00f6nnte dieses Scheitern auf der anderen Seite eines Ozeans der Barbarei liegen.<\/p>\n<p>Um auf die Frage zur\u00fcckzukommen, ob es noch Zeit f\u00fcr einen Systemwechsel gibt: Niemand kann pr\u00e4zise die Zukunft vorhersagen,<a href=\"https:\/\/diefreiheitsliebe.de\/politik\/systemwechsel-haben-wir-noch-zeit\/#_edn4\">[iv]<\/a>\u00a0doch ist das mit Abstand wahrscheinlichste Szenario, dass die sich beschleunigende Klima- und Umweltkrise den Klassenkampf und die politische Polarisierung auf breiter Front versch\u00e4rfen wird.<\/p>\n<p>Dieser Prozess wird zunehmen, wenn sich die Welt der 1,5\u00b0-Celsius-Schwelle n\u00e4hert und setzt sich nach dem \u00dcberschreiten weiter fort. Die Bewegung muss sich nicht nur damit befassen, wie wir den Klimawandel verlangsamen oder aufhalten, sondern auch wie wir mit den verheerenden Auswirkungen umgehen: mit Barbarei oder Solidarit\u00e4t?<\/p>\n<p>Der Kapitalismus in all seinen Formen wird sich zunehmend der Barbarei zuwenden. Nur ein Systemwechsel \u2013 der Ersatz des Kapitalismus durch den Sozialismus \u2013 wird eine Antwort erm\u00f6glichen, die auf der arbeitenden Gesellschaft und der menschlichen Solidarit\u00e4t beruht.<\/p>\n<p><em>Dieser Artikel von\u00a0<strong>John Molyneux<\/strong>\u00a0wurde urspr\u00fcnglich im\u00a0<\/em><a href=\"http:\/\/www.globalecosocialistnetwork.net\/2020\/08\/21\/is-there-time-for-system-change\/\"><em>Global Ecosocialist Network<\/em><\/a><em>\u00a0ver\u00f6ffentlicht, erschien dann auf\u00a0<\/em><a href=\"http:\/\/www.rebelnews.ie\/2020\/08\/26\/system-change-still-have-time\"><em>Rebel News<\/em><\/a><em>\u00a0und wurde von Rebecca Nosek f\u00fcr Die Freiheitsliebe \u00fcbersetzt.<\/em><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/diefreiheitsliebe.de\/politik\/systemwechsel-haben-wir-noch-zeit\/#_ednref1\">[i]<\/a>\u00a0Das offensichtlichste Beispiel ist die russische Revolution, die aus den Forderungen nach Brot, Land und Frieden hervorgegangen ist, doch gilt das Gleiche f\u00fcr praktisch alle Massenrevolutionen.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/diefreiheitsliebe.de\/politik\/systemwechsel-haben-wir-noch-zeit\/#_ednref2\">[ii]<\/a>\u00a0Siehe z. B. John Molyneux, \u201e<a href=\"http:\/\/www.irishmarxistreview.net\/index.php\/imr\/article\/view\/341\/331\">Apocalypse Now! Climate change, capitalism and revolution<\/a>\u201c,\u00a0<em>Irish Marxist Review<\/em>\u00a025, 2019; Martin Empson ed.\u00a0<em>System Change not Climate Change<\/em>, Bookmarks, London, 2019.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/diefreiheitsliebe.de\/politik\/systemwechsel-haben-wir-noch-zeit\/#_ednref3\">[iii]<\/a>\u00a0Siehe auch\u00a0<em>Lenin for Today<\/em>, Chapter 3, Bookmarks, London 2017, wo ich ausf\u00fchrlich dieses Argument darlege.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/diefreiheitsliebe.de\/politik\/systemwechsel-haben-wir-noch-zeit\/#_ednref4\">[iv]<\/a>\u00a0\u201eIn reality one can \u2018scientifically\u2019 foresee only the struggle but not the concrete moments of the struggle\u201c, Antonio Gramsci,\u00a0<em>Selections from the Prison Notebooks<\/em>, London 1971, p.438<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/diefreiheitsliebe.de\/politik\/systemwechsel-haben-wir-noch-zeit\/\"><em>diefreiheitsliebe.de&#8230;<\/em><\/a><em> vom 28. September 2020<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eZeit\u201c ist immer ein entscheidender Faktor in der Politik und Geschichte, aber er hat noch sie so eine wichtige Rolle gespielt wie beim Klimawandel. 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