{"id":8515,"date":"2020-09-28T18:48:47","date_gmt":"2020-09-28T16:48:47","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=8515"},"modified":"2020-09-28T18:48:48","modified_gmt":"2020-09-28T16:48:48","slug":"was-ist-falsch-an-der-privilegientheorie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=8515","title":{"rendered":"Was ist falsch an der Privilegientheorie?"},"content":{"rendered":"<p><strong>K\u00f6nnen Menschen, die selbst nicht unterdr\u00fcckt sind, Teil des Kampfs f\u00fcr Befreiung sein? Sind alle Wei\u00dfen mitschuldig an Rassismus oder k\u00f6nnen sie im Kampf f\u00fcr die Emanzipation der Schwarzen dazugeh\u00f6ren? Dies sind nur einige der Fragen, um die es<!--more--> bei der Diskussion \u00fcber die Theorie von Privilegierung und Unterdr\u00fcckung geht. Esme Choonara und Yuri Prasad \u00fcber die Urspr\u00fcnge und Grenzen der Privilegientheorie.<\/strong><\/p>\n<p>Die Privilegientheorie besagt im Kern, dass Unterdr\u00fcckung durch eine Reihe unverdienter Vorteile zugunsten jener wirkt, die von einer spezifischen Unterdr\u00fcckung verschont bleiben. Alle M\u00e4nner, alle Wei\u00dfen, alle heterosexuellen Menschen haben also Privilegien, weil sie nicht Sexismus, Rassismus oder Homophobie\/Transphobie ausgesetzt sind. Die Nutznie\u00dfer dieser Privilegien m\u00f6gen sich dessen \u00fcberhaupt nicht bewusst sein, weshalb Vertreter der Privilegientheorie die Notwendigkeit betonen, \u00bbPrivilegien sichtbar zu machen\u00ab, Menschen zu sensibilisieren f\u00fcr unverdiente Vorteile, die sie f\u00fcr gegeben hinnehmen. Ebenso wenig entscheidet die Einzelperson, ob sie diese \u00bbPrivilegien\u00ab haben m\u00f6chte oder nicht \u2013 diese werden automatisch aufgrund der \u00bbRasse\u00ab, des Geschlechts, der Sexualit\u00e4t und so weiter des jeweiligen Menschen gew\u00e4hrt. So gesehen ist Klasse nur eine weitere Spaltung unter den unz\u00e4hligen anderen unterdr\u00fcckenden Spaltungen in der Gesellschaft.<\/p>\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"651\" height=\"439\" src=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/blm.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-8516\" srcset=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/blm.png 651w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/blm-300x202.png 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 651px) 100vw, 651px\" \/><\/figure>\n<p>Meist wird unterstellt, dass Privilegien auf psychologischer Ebene funktionieren, als unbewusste Voreingenommenheit (der deshalb nicht zu entkommen ist). Deshalb besteht die Praxis der Vertreter der Privilegientheorie vor allem darin, andere zu ermahnen, ihre \u00bbPrivilegien zu reflektieren\u00ab (\u00bbcheck your privilege\u00ab) \u2013 mit anderen Worten wird unterstellt, dass die fraglichen Handlungen oder Ideen unmittelbares Resultat unbewusster Vorurteile aufgrund der \u00bbprivilegierten Stellung\u00ab einer Person sind.<\/p>\n<p><strong>Peggy McIntosh und die Privilegientheorie<\/strong><\/p>\n<p>Eine der einflussreichsten Pionierinnen der Privilegientheorie, die US-amerikanische Aktivistin Peggy McIntosh, beschrieb dies bekannterma\u00dfen als \u00bbunsichtbaren Rucksack\u00ab. Mit Blick auf ihre eigene Position als wei\u00dfe Frau schreibt sie: \u00bbIch bin zu dem Schluss gekommen, dass die Privilegierung als Wei\u00dfe [White Privilege] ein unsichtbares Paket unverdienten Verm\u00f6gens ist, auf dessen Einl\u00f6sung ich mich jeden Tag verlassen kann, was ich aber nicht wahrnehmen \u2019soll\u2019. Das Wei\u00dfenprivileg ist wie ein unsichtbarer gewichtsloser Rucksack voll mit besonderen Vorr\u00e4ten, Karten, Ausweisen, Codeb\u00fcchern, Visa, Kleidung, Werkzeugen und Blankoschecks.\u00ab<\/p>\n<p>Sodann listet sie 46 Bereiche ihres Alltagslebens auf, in denen sie als wei\u00dfe Frau im Gegensatz zu Schwarzen viele Dinge einfach f\u00fcr selbstverst\u00e4ndlich halten kann. Auf der einen Ebene kann das als Untersuchung der Wirkungsweise von Rassismus auf das Alltagsleben betrachtet werden. Aber hinter dieser Beschreibung steht McIntoshs Erkl\u00e4rung der Funktionsweise von Rassismus und wie dieser am besten bek\u00e4mpft werden kann. McIntosh \u00e4u\u00dfert sich dazu klar und deutlich: \u00bbDie hier von mir beschriebenen Bedingungen f\u00fchren dazu, dass bestimmte Gruppen systematisch \u00fcbererm\u00e4chtigt werden. Solch ein Privileg verleiht ganz einfach Vorherrschaft, verleiht das Recht zu kontrollieren aufgrund der eigenen \u2018Rasse\u2019 oder des Geschlechts.\u00ab<\/p>\n<p>Indem mit der Privilegientheorie die Welt durch das Prisma der \u00bbunverdienten Vorteile\u00ab betrachtet wird, spiegelt diese das Alltagsverst\u00e4ndnis wider, wie Unterdr\u00fcckung funktioniert. Wer Privilegien besitze, dem n\u00fctze die Unterdr\u00fcckung anderer geradezu automatisch, und sie seien auch darin verstrickt. Die Privilegientheoretikerin und Diversityberaterin Frances Kendall behauptet zum Beispiel: \u00bbAlle von uns, die \u2019Rassen\u2019-Privilegien besitzen, was auf fast alle Wei\u00dfen zutrifft, und die deshalb auch \u00fcber die Macht verf\u00fcgen, unsere Vorurteile in Gesetzesform zu gie\u00dfen, sind per Definition rassistisch, denn wir profitieren von einem rassistischen System.\u00ab<\/p>\n<p>Das ist eine sehr pessimistische und uns entwaffnende Theorie: Wir Einzelnen k\u00f6nnen unseren Vorurteilen und ihrer Funktion in der Unterdr\u00fcckung anderer nicht entrinnen. Bestenfalls k\u00f6nnen wir unter solchen Bedingungen auf erh\u00f6hte Selbsterkenntnis hoffen und die schlimmsten Formen individuell unterdr\u00fcckenden Verhaltens abschw\u00e4chen, um akzeptable Verb\u00fcndete jener zu werden, die Unterdr\u00fcckung erfahren, auch wenn unklar bleibt, zu welchem Zweck wir das tun.<\/p>\n<p><strong>Theorierahmen der Identit\u00e4tspolitik<\/strong><\/p>\n<p>Diese pessimistische Sichtweise verweist auf den Ursprung der Privilegientheorie. Denn diese st\u00fctzt sich auf den Theorierahmen der Identit\u00e4tspolitik, von der die Linke in den 1980er und 1990er Jahren beherrscht war. Diese Politik spiegelte die Zersplitterung der sozialen Bewegungen der 1960er und 1970er Jahre wider und den politischen Pessimismus der Jahre Margaret Thatchers in Gro\u00dfbritannien und Ronald Reagans in den USA. Vertreter der Identit\u00e4tspolitik sagen im Grunde, dass nur jene, die eine bestimmte Erfahrung machen, diese auch wirklich verstehen beziehungsweise zuverl\u00e4ssige Verb\u00fcndete im Kampf dagegen sein k\u00f6nnen. Die Privilegientheorie akzeptiert diese Pr\u00e4misse weitgehend, ist zugleich aber auch die Kehrseite dessen, weil sie nicht die Unterdr\u00fcckten in den Blick nimmt, sondern den angeblich \u00bbprivilegierten\u00ab Unterdr\u00fccker.<\/p>\n<p>Das theoretische R\u00fcckgrat der Identit\u00e4tspolitik bildet der Aufstieg der postmarxistischen und postmodernistischen Theorien in der akademischen Welt. Dieser Bruch mit dem Marxismus wurde damit begr\u00fcndet, dass die Zeit der \u00bbgro\u00dfen Erz\u00e4hlungen\u00ab vor\u00fcber sei \u2013 der Versuch, die Welt als Ganzes zu verstehen. Die Betonung lag jetzt auf Unsicherheit, Unbestimmtheit und dem vielfachen und zersplitterten Charakter der Realit\u00e4t.<\/p>\n<p>Viele Kernideen der Privilegientheorie spiegeln direkt oder indirekt die Ideen des Postmarxismus wider, der der Identit\u00e4tspolitik solch einen Aufschwung bescherte. Die Postmarxisten lehnten den Bezug des klassischen Marxismus auf Klasse und Klassenkampf als einer entscheidenden Triebkraft der Geschichte und auf die Arbeiterklasse als Agent des gesellschaftlichen Wandels ab. Einflussreiche Autorinnen und Autoren wie Ernesto Laclau und Chantal Mouffe vertraten ausdr\u00fccklich die Auffassung, dass die Linke den Klassenansatz als reduktionistisch verwerfen sollte, wobei sie eine h\u00f6chst verzerrte Version des Marxismus heraufbeschworen, um ihr Argument zu untermauern.<\/p>\n<p><strong>Michel Foucault und die Privilegientheorie<\/strong><\/p>\n<p>W\u00e4hrend Laclau und Mouffe die theoretische Grundlage der Identit\u00e4tspolitik der 1980er schufen, hatte ein weiterer Postmarxist, der franz\u00f6sische Theoretiker Michel Foucault, mit seinen Ideen wohl den nachhaltigsten Einfluss auf Debatten \u00fcber Macht und Unterdr\u00fcckung. Foucault ist in vielerlei Hinsicht ein komplexerer und widerspr\u00fcchlicherer Theoretiker als Laclau oder Mouffe es sind. Seine Schriften \u00fcber die gesellschaftliche Konstruktion der Sexualit\u00e4t zum Beispiel geben wichtige Denkanst\u00f6\u00dfe und grundieren einen Gro\u00dfteil der heutigen Theorie zur LGBT-Unterdr\u00fcckung. Er teilt jedoch mit Laclau und Mouffe die Ablehnung des Versuchs, die Gesellschaft als eine Totalit\u00e4t zu begreifen.<\/p>\n<p>Foucaults spezifisches Konzept von Macht hat gro\u00dfen Einfluss auf Theoretikerinnen und Aktive, die sich mit der Frage der Unterdr\u00fcckung auseinandersetzen. Sein Kernargument, \u00bbMacht ist \u00fcberall\u00ab, ist allgegenw\u00e4rtig. Alex Callinicos fasst Foucaults Theorie wie folgt zusammen: \u00bbMacht wird nicht als etwas Einheitliches gesehen, sondern als eine Vielfalt von Beziehungen, die den gesamten Gesellschaftsk\u00f6rper durchdringen. Folglich kann der \u00f6konomischen Basis kein kausaler Vorrang einger\u00e4umt werden, wie es im Marxismus der Fall ist. Zudem ist Macht produktiv: Sie wirkt nicht durch Unterdr\u00fcckung von Individuen [\u2026], sondern indem sie sie schafft. [\u2026] Schlie\u00dflich ruft Macht notwendigerweise Widerstand hervor, wenn auch so bruchst\u00fcckhaft und dezentralisiert wie die von ihm angegriffenen Machtverh\u00e4ltnisse.\u00ab<\/p>\n<p>Was hei\u00dft das? Das hei\u00dft, Macht ist nicht etwas, das einige Menschen besitzen und andere nicht. Laut Foucault ist sie nicht in den H\u00e4nden einer kapitalistischen Klasse oder des Staats konzentriert, wie es die marxistische Tradition vertritt, sondern sie durchdringt die ganze Gesellschaft und pr\u00e4gt deshalb alle gesellschaftlichen und pers\u00f6nlichen Beziehungen. Das hat nat\u00fcrlich Auswirkungen darauf, wie Ungerechtigkeit und Ungleichheit verstanden und angefochten werden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Foucault begr\u00fcndet ausf\u00fchrlich, dass Macht nicht bei der herrschenden Klasse oder dem Staat liegt: \u00bbWeder die regierende Kaste, noch die Gruppen, die die Staatsapparate kontrollieren, noch diejenigen, die die wichtigsten \u00f6konomischen Entscheidungen treffen, haben das gesamte Macht- und damit Funktionsnetz einer Gesellschaft in der Hand.\u00ab Er argumentiert weiter, dass es eine \u00bbVielfalt von Widerstandspunkten\u00ab gibt, weshalb es \u00bbnicht den einen Ort der Gro\u00dfen Weigerung \u2013 die Seele der Revolte, den Brennpunkt aller Rebellionen, das reine Gesetz des Revolution\u00e4rs [gibt]. Sondern es gibt einzelne Widerst\u00e4nde [\u2026], die nur im strategischen Feld der Machtbeziehungen existieren k\u00f6nnen.\u00ab<\/p>\n<p>Diese Sichtweise pr\u00e4gt die in der Privilegientheorie verbreitete Vorstellung, dass jedes Individuum unausweichlich Teil einer Vielzahl von Unterdr\u00fcckungsbeziehungen ist \u2013 was Patricia Hill Collins eine \u00bbMatrix der Herrschaft\u00ab nennt. W\u00e4hrend sie hier und da postmodernistischen Konzepten der Unterdr\u00fcckung kritisch gegen\u00fcbersteht, umfasst ihre Theorie der Macht auch Vorstellungen von individuellen Privilegien und zwischenmenschlicher Herrschaft und sie argumentiert, dass \u00bbjeder von uns unterschiedlich viele Nachteile und Privilegien aus den vielf\u00e4ltigen Systemen der Unterdr\u00fcckung bezieht, die unser Leben bestimmen\u00ab.<\/p>\n<p>Wer sich mit dem Material zur Privilegientheorie befasst, wird verbl\u00fcfft sein \u00fcber die starke Konzentration auf das Individuelle \u2013 die vielen Gest\u00e4ndnisse der \u00bbPrivilegierten\u00ab, in denen sie beschreiben, wie sie mit ihren Privilegien zu Rande kommen, oder die Ermahnung anderer, ihre Privilegien \u00bbzu checken\u00ab. Doch trotz der Konzentration auf den pers\u00f6nlichen Wandel erkennen die meisten Privilegientheoretikerinnen an, dass hinter den Privilegien, die den Einzelnen angeblich verliehen werden, gr\u00f6\u00dfere und strukturelle Ungleichheiten liegen. Michael Kimmel zum Beispiel meint, dass individuelle L\u00f6sungen nicht ausreichen: \u00bbUngleichheit ist strukturell und systematisch ebenso wie individuell und haltungsbedingt. Um Ungleichheit zu beseitigen, bedarf es mehr als der \u00c4nderung pers\u00f6nlicher Einstellungen.\u00ab<\/p>\n<p><strong>Ungleichheiten und Unterdr\u00fcckungssysteme<\/strong><\/p>\n<p>Nun ist es zwar richtig festzustellen, dass strukturelle und systemische Ungleichheiten bestehen, es stellt sich jedoch die Frage, warum das so ist. Wenn wir davon ausgehen, dass strukturelle Ungleichheiten und Unterdr\u00fcckungssysteme nicht im Wirtschaftssystem des Kapitalismus verwurzelt sind, dann k\u00f6nnen diese systemischen Ungleichheiten als autonome Herrschaftssph\u00e4ren erscheinen. Einige Theoretikerinnen und Theoretiker unternehmen sehr wohl den Versuch, die historischen und wirtschaftlichen Wurzeln der Unterdr\u00fcckung insbesondere in Bezug auf Rassismus aufzusp\u00fcren. Der einflussreiche US-Schriftsteller Tim Wise zum Beispiel geht davon aus, dass der Ursprung des Rassismus mit Kapitalismus und Sklaverei zusammenh\u00e4ngt. Er meint jedoch, dass der Rassismus nach der Sklaverei so tief verankert gewesen sei, dass \u00bbwei\u00dfer Rassismus jetzt einen Autopiloteffekt annehmen kann\u00ab, in dem Rassismus nicht wegen der Bed\u00fcrfnisse der herrschenden Eliten und des Kapitals aufrechterhalten wird, sondern durch Wei\u00dfe an sich. Rassismus als Machtstruktur l\u00f6st sich somit von Kapitalismus. Mit dieser Argumentation folgt Wise in vieler Hinsicht dem US-Theoretiker David Roediger, dessen Schriften \u00fcber \u00bbRasse\u00ab hinsichtlich des \u00bbWei\u00dfseins\u00ab und der Privilegien sehr einflussreich sind. Roedigers Theorie stellt eine ernsthafte Herausforderung an die marxistische Theorie dar, und seine Ideen untersetzen einen Gro\u00dfteil der Privilegientheorie, weshalb wir auf seine Position n\u00e4her eingehen wollen.<\/p>\n<p>Die Theorie vom Wei\u00dfsein (\u00bbCritical Whiteness) besch\u00e4ftigt sich vor allem mit der Frage, wie das Konzept \u00bbwei\u00dfe\u00ab Menschen als getrennte Identit\u00e4t aufkam und welche Implikationen diese Kategorisierung seitdem mit sich brachte. Die Geschichte wird neu zu bewerten versucht, indem untersucht wird, wie diese durch \u00bbwei\u00dfe Identit\u00e4t\u00ab und \u00bbwei\u00dfe Privilegien\u00ab gepr\u00e4gt wurde. Gleichzeitig wird gefragt, wie \u00bbwei\u00df\u00ab heute synonym mit \u00bbnormal\u00ab werden konnte und \u00bbnicht wei\u00df\u00ab den Status des \u00bbanderen\u00ab erhielt. Viele Anh\u00e4nger dieser Theorie teilen mit Marxistinnen das Verst\u00e4ndnis dar\u00fcber, wie Konzepte \u00bbrassischer\u00ab \u00dcberlegenheit gesellschaftlich konstruiert wurden, um Diskriminierung und Sklaverei zu rechtfertigen. W\u00e4hrend Marxistinnen und Marxisten jedoch begreifen, dass alle Bewusstseinsformen in dem gesellschaftlichen Sein wurzeln, und dass Rassismus wie alle Ideologien durch eine materielle Realit\u00e4t strukturiert wird, glauben viele Theoretikerinnen und Theoretiker der kritische Wei\u00dfseinsforschung , dass Rassismus weitgehend frei von solchen Beschr\u00e4nkungen sei. Als psychokulturelles Ph\u00e4nomen funktioniere Rassismus vollst\u00e4ndig unabh\u00e4ngig von dem System, und jede Vorstellung davon, dass die herrschende Klasse eine besondere Rolle bei dessen Aufrechterhaltung und Entwicklung gespielt hat, wird als grober \u00f6konomischer Determinismus verworfen.<\/p>\n<p><strong>David Roediger und \u00bbCritical Whiteness\u00ab<\/strong><\/p>\n<p>David Roediger, der vermutlich einflussreichste Theoretiker in diesem Wissenschaftszweig, sagt, dass \u00bbder Gro\u00dfteil des Schrifttums der wei\u00dfen Marxisten in den Vereinigten Staaten das Wei\u00dfsein \u2018naturalisiert\u2019 und \u2018Rasse\u2019 grob vereinfacht\u00ab habe. Und um jeden Zweifel auszur\u00e4umen betont er: \u00bbDie Tatsache, dass Rasse g\u00e4nzlich ideologisch und historisch geschaffen ist, w\u00e4hrend Klasse nicht g\u00e4nzlich so geschaffen wurde, wird oft heruntergebrochen auf die Annahme, dass Klasse (oder \u2018das \u00d6konomische\u2019) realer sei, elementarer, grundlegender oder wichtiger als Rasse, sowohl hinsichtlich des Politischen als auch der historischen Analyse.\u00ab<\/p>\n<p>Statt also die Sklavenh\u00e4ndler und Plantagenbesitzer und das ganze produktive, Finanz- und Staatsgeb\u00e4ude, das dar\u00fcber errichtet wurde, f\u00fcr das Sch\u00fcren von Rassismus verantwortlich zu machen, sagt Roediger, dass dieser in der entstehenden Arbeiterklasse seinen Ursprung habe. Europ\u00e4isch-amerikanische Handwerker und Facharbeiter h\u00e4tten aus Furcht, von den Kapitalisten und ihren Fabriken in Knechtschaft und Fron getrieben zu werden, sich selbst als wei\u00dfe \u00bbFreie\u00ab zu definieren begonnen im Gegensatz zu den in Ketten gelegten Schwarzen Sklaven. Das \u00bbWei\u00dfsein\u00ab sei entscheidend, weil es die Grundlage f\u00fcr Rassismus bildete. Tim Wise behauptet deshalb, Wei\u00dfsein bedeute:\u00bbUns durch ein Negativ zu definieren, uns mit einer Identit\u00e4t auszustatten, die im \u00c4u\u00dferen wurzelt \u2013 verwurzelt in der relativen Unterdr\u00fcckung anderer. [\u2026] Ungleichheit und Privilegien sind die einzigen wirklichen Komponenten des Wei\u00dfseins. [\u2026] Ohne Rassenprivileg gibt es kein Wei\u00dfsein, und ohne Wei\u00dfsein gibt es kein Privileg. Wei\u00df zu sein bedeutet nur, beg\u00fcnstigt zu sein.\u00ab<\/p>\n<p><strong>Die Analysen von W.E.B. Du Bois<\/strong><\/p>\n<p>Roediger behauptet, seine Analyse gehe zur\u00fcck auf den gro\u00dfen Historiker und Aktivisten W.E.B. Du Bois. In dessen Buch von 1935 \u00fcber die Zeit der Rekonstruktion nach dem B\u00fcrgerkrieg in den USA versuchte Du Bois zu erkl\u00e4ren, warum Rassismus \u00fcber die Arbeitersolidarit\u00e4t zwischen den \u00bbRassen\u00ab siegen konnte, und er sprach von einem \u00bbpsychologischen Lohn\u00ab, der dem wei\u00dfen Arbeiter gezahlt werde: \u00bbSie wurden \u00f6ffentlich gew\u00fcrdigt und erhielten Ehrentitel, weil sie wei\u00df waren. Ihnen wurde gemeinsam mit allen Klassen wei\u00dfer Menschen Zugang zu \u00f6ffentlichen Funktionen gew\u00e4hrt, zu \u00f6ffentlichen Parks und den besten Schulen. Die Polizei kam aus ihren Reihen, und die Gerichte, die von ihren W\u00e4hlerstimmen abh\u00e4ngig waren, behandelten sie mit solcher Nachsicht, dass es Gesetzlosigkeit ermutigte.\u00ab<\/p>\n<p>Roediger zitiert diesen Absatz, verwendet ihn aber bewusst missbr\u00e4uchlich, um seiner Position Glaubw\u00fcrdigkeit zu verleihen. Du Bois\u02bc Kernaussage lautet, dass es die Bosse sind, die den psychologischen Lohn zahlen, um Arbeiter zu spalten. Wer sonst sollte ihnen diese Art von \u00bbPrivilegien\u00ab verleihen, von denen Du Bois spricht? Das Ziel dabei war, wei\u00dfen Arbeitern kleine Zugest\u00e4ndnisse zu machen, damit sie glaubten, dass sie Nichtwei\u00dfen \u00fcberlegen seien, um auf diese Weise alle Arbeiter auseinanderzudividieren:\u00bbDie Rassentheorie wurde erg\u00e4nzt mit einer sorgf\u00e4ltig geplanten und langsam entwickelten Methode, mit der solch ein Keil zwischen die wei\u00dfen und Schwarzen Arbeiter getrieben wurde, dass es m\u00f6glicherweise heute nirgendwo auf der Welt zwei Gruppen von Arbeitern mit faktisch identischen Interessen gibt, die sich so abgrundtief hassen, sich gegenseitig so anhaltend f\u00fcrchten und so getrennt voneinander gehalten werden, dass keine Seite die gemeinsamen Interessen erkennen kann.\u00ab<\/p>\n<p>Der Historiker Jack M. Bloom bezieht sich angemessener auf Du Bois\u02bc Konzept des psychologischen Lohns. Er sagt, Rassismus und der Versuch, den Armen das Gef\u00fchl zu geben, Angeh\u00f6rige einer \u00fcberlegenen Kaste zu sein, sei eine Reaktion auf die Angst vor Aufst\u00e4nden von unten gewesen, die die herrschende Klasse im S\u00fcden nach dem B\u00fcrgerkrieg ersch\u00fctterten. Er meint, dass die \u00bbPlantagenbesitzer und ihre Nachfolger, die Kaufleute-Landbesitzer, f\u00fcrchten mussten, die Kontrolle zu verlieren. In dieser Zeit befanden sie sich zumeist in der Defensive und sie reagierten darauf mit einem Programm der wei\u00dfen \u00dcberlegenheit, um das Ruder an sich zu rei\u00dfen.\u00ab<\/p>\n<p>Dieses \u00bbProgramm der wei\u00dfen \u00dcberlegenheit\u00ab beinhaltete, den einen kleine Vorteile zu gew\u00e4hren, w\u00e4hrend sie gleichzeitig einen Angriff auf das Wahlrecht der Schwarzen planten. Das Gespenst der Schwarzen Vorherrschaft wurde bei jeder Gelegenheit heraufbeschworen. Wenn die wei\u00dfen Angeh\u00f6rigen der Arbeiterklasse dem Bild entsprochen h\u00e4tten, das die Theoretikerinnen und Theoretiker des \u00bbWei\u00dfseins\u00ab entwerfen, w\u00e4re zu erwarten gewesen, dass die armen Wei\u00dfen den Versuch der Kaufmanns-Landbesitzer-Klasse, Schwarze aus dem W\u00e4hlerregister zu streichen, begr\u00fc\u00dften. Tats\u00e4chlich aber gab es erheblichen Widerstand von oppositionellen Wei\u00dfen dagegen. Warum? Weil viele Aktivisten der Populisten (People\u2019s Party oder Populist Party) im ausgehenden 19. Jahrhundert begriffen, dass Wahlbeschr\u00e4nkungen sich letztlich gegen sie richteten, weshalb sie nicht auf den Rassismus hereinfielen, mit dem sie geblendet werden sollten. Sie wussten, dass jede Bindung des Wahlrechts an Eigentum oder Steuerzahlung dazu f\u00fchren w\u00fcrde, auch arme Wei\u00dfe aus dem W\u00e4hlerregister zu l\u00f6schen.<\/p>\n<p><strong>Antirassismus der Arbeiterklasse<\/strong><\/p>\n<p>Die Vertreterinnen und Vertreter der Critical Whiteness-Theorie k\u00f6nnen nicht den Antirassismus der Arbeiterklasse erkl\u00e4ren, weil Arbeiterinnen und Arbeiter damit anscheinend gegen ihre eigenen Interessen versto\u00dfen, seien sie real oder nur fantasiert. Wenn Arbeiter tats\u00e4chlich eine Theorie der \u00dcberlegenheit entwickelt haben, die sie daran hindert, die Welt aus einer klassenbewussten und \u00bbrassen-\u00ab\u00fcbergreifenden Perspektive zu sehen, warum haben dann so viele von ihnen in Zeiten gro\u00dfer Klassenk\u00e4mpfe Vorstellungen der \u00dcberlegenheit infrage gestellt, die sie vielleicht ihr ganzes Leben lang gehegt hatten?<\/p>\n<p>Jeder Aufschwung von Klassenk\u00e4mpfen in den USA brachte seine eigene Infragestellung rassistischer Spaltungen hervor: von den Massenstreiks der 1930er Jahre, in denen die Kommunistische Partei wesentlich dazu beitrug, eine Zeit des multikulturellen Gewerkschaftswesens einzuleiten, bis zu den neuen Klassenk\u00e4mpfen Ende der 1960er und Anfang der 1970er Jahre, in denen Schwarze und wei\u00dfe Arbeiter und Arbeiterinnen gemeinsam in den Autofabriken, den H\u00e4fen und anderen Betrieben streikten. Niemand w\u00fcrde behaupten, dass Rassismus kein ernsthaftes Hindernis f\u00fcr den Klassenkampf ist \u2013 egal ob in der Vergangenheit oder heute \u2013, oder dass Siege \u00fcber den Rassismus immer von Dauer sind. Aber die Geschichte zeigt uns, dass im Verlauf des Kampfs selbst die tiefsten Gr\u00e4ben \u00fcberwunden werden k\u00f6nnen. Wie die Vertreter der Theorie des \u00bbWei\u00dfseins\u00ab aber zu behaupten, dass wir erst den Rassismus in den K\u00f6pfen der Arbeiter bek\u00e4mpfen m\u00fcssen, ehe sie das System bek\u00e4mpfen k\u00f6nnen, h\u00e4lt uns in einer Endlosschleife der Verzweiflung gefangen.<\/p>\n<p>Statt Unterdr\u00fcckung als Ergebnis eines Machtspiels zwischen Individuen zu sehen, die in gegenseitiger Konkurrenz gefangen sind, ist der marxistische Ausgangspunkt ein anderer: Unterdr\u00fcckung ist verbunden mit der Entstehung der Klassengesellschaft und ist n\u00fctzlich f\u00fcr die herrschende Klasse, wobei die jeweilige Form der Unterdr\u00fcckung von der \u00f6konomischen Basis der Gesellschaft gepr\u00e4gt ist. Rassismus wurde von wei\u00dfen Plantagenbesitzern als Rechtfertigung f\u00fcr die Versklavung Schwarzer Afrikaner entwickelt. Er existierte in deutlich ver\u00e4nderter Form nach dem Ende der Sklaverei fort, weil er eine n\u00fctzliche Rechtfertigung f\u00fcr koloniale Beherrschung bietet und weil er zur Ablenkung von den wahren Ursachen der Armut, Ausbeutung und des Elends dient.<\/p>\n<p><strong>Michael Reich und \u00bbThe Economics of Racism\u00ab<\/strong><\/p>\n<p>Der US-Wirtschaftswissenschaftler Michael Reich untersuchte in den 1970er Jahren die Einkommensverteilung in 48 Metropolenregionen und fand heraus: Je gr\u00f6\u00dfer die Kluft zwischen dem Einkommen von Schwarzen und Wei\u00dfen war, desto gr\u00f6\u00dfer auch die Einkommensungleichheit zwischen den Wei\u00dfen. Je mehr der Rassismus also Arbeiter spaltet, desto mehr profitiert der Kapitalist davon. In \u00bbThe Economics of Racism\u00ab schreibt Reich :\u00bbDer Spaltpilz des Rassismus schw\u00e4cht die Verhandlungsmacht der Arbeiter gegen\u00fcber dem Arbeitgeber; die wirtschaftlichen Folgen des Rassismus bestehen nicht nur in einem niedrigeren Einkommen f\u00fcr Schwarze, sondern auch einem h\u00f6heren Einkommen f\u00fcr die kapitalistische Klasse und niedrigeren Einkommen f\u00fcr wei\u00dfe Arbeiter. Auch wenn sich die Kapitalisten nicht bewusst verschworen haben, um Rassismus zu erfinden, und auch wenn die Kapitalisten nicht diejenigen sind, die Rassismus haupts\u00e4chlich verbreiten, tr\u00e4gt der Rassismus zur ungebrochenen Lebensf\u00e4higkeit des amerikanischen kapitalistischen Systems bei.\u00ab<\/p>\n<p>Obwohl also das Leben Schwarzer Arbeiter meist deutlich h\u00e4rter ist als das der wei\u00dfen, schadet der Rassismus den Interessen beider. Das gilt im engsten Sinne, wenn Einkommen, Bildung, Wohnen und so weiter verglichen werden \u2013 wie auch im weiteren Sinne, weil Rassismus ein Hindernis f\u00fcr das Zustandekommen eines vereinten und wirksamen, auf Solidarit\u00e4t beruhenden Klassenkampfs ist. Es d\u00fcrfte klar sein, dass Rassismus im Interesse des kapitalistischen Systems liegt. Das hei\u00dft jedoch nicht, dass Marxistinnen meinen, all diese Spaltungen seien von der herrschenden Klasse in einer gro\u00df angelegten Verschw\u00f6rung konstruiert worden.<\/p>\n<p>Diese Ideen sickern in die Gesellschaft ein und entfalten eine gewisse Unabh\u00e4ngigkeit von der \u00f6konomischen Basis, sind jedoch zugleich von dieser beschr\u00e4nkt. Friedrich Engels schrieb:\u00bbDie politische, rechtliche, philosophische, religi\u00f6se, literarische, k\u00fcnstlerische etc. Entwicklung beruht auf der \u00f6konomischen. Aber sie alle reagieren aufeinander und auf die \u00f6konomische Basis. Es ist nicht, dass die \u00f6konomische Lage Ursache, allein aktiv ist und alles andere nur passive Wirkung. Sondern es ist Wechselwirkung auf Grundlage der in letzter Instanz stets sich durchsetzenden \u00f6konomischen Notwendigkeit.\u00ab<\/p>\n<p><strong>Privilegientheorie und Klassen<\/strong><\/p>\n<p>Aber was ist mit all den Rivalit\u00e4ten, Eifers\u00fcchteleien und regelrechten Vorurteilen, die wir unter vielen Arbeitern finden k\u00f6nnen? Tim Wise argumentiert: \u00bbBevor das Klassensystem grundlegend ver\u00e4ndert werden kann, m\u00fcssen wir den wei\u00dfen Rassismus angreifen und erheblich zur\u00fcckdr\u00e4ngen.\u00ab Damit drehen wir uns im Kreis: Wei\u00dfe Arbeiter k\u00f6nnen die Gesellschaft nicht ver\u00e4ndern, weil sie zu rassistisch sind, sie sind jedoch rassistisch, weil sie nicht in der Lage waren, die Gesellschaft zu ver\u00e4ndern. Marx\u02bc Antwort darauf lautete, dass der Kampf selbst eine wichtige Rolle bei dem Aufbrechen des Einflusses reaktion\u00e4rer Ideen und bei gesellschaftlicher Ver\u00e4nderung spielt. Weil der Kapitalismus die Arbeiter dazu zwingt, selbst f\u00fcr die grundlegendsten Dinge des Lebens zu k\u00e4mpfen, kommt es zum Klassenkampf, in dem Ideen gepr\u00fcft und gekl\u00e4rt werden. F\u00fcr Marx hat der Kampf reinigende Wirkung. In den \u00bbThesen \u00fcber Feuerbach\u00ab schreibt er: \u00bbDie materialistische Lehre, da\u00df die Menschen Produkte der Umst\u00e4nde und der Erziehung, ver\u00e4nderte Menschen also Produkte anderer Umst\u00e4nde und ge\u00e4nderter Erziehung sind, vergi\u00dft, da\u00df die Umst\u00e4nde eben von den Menschen ver\u00e4ndert werden und da\u00df der Erzieher selbst erzogen werden mu\u00df. Sie kommt daher mit Notwendigkeit dahin, die Gesellschaft in zwei Teile zu sondern, von denen der eine \u00fcber der Gesellschaft erhaben ist. [\u2026] Das Zusammenfallen des \u00c4nderns der Umst\u00e4nde und der menschlichen T\u00e4tigkeit kann nur als umw\u00e4lzende Praxis gefa\u00dft und rationell verstanden werden.\u00ab<\/p>\n<p>F\u00fcr Marxistinnen und Marxisten ist der Klassenkampf ein fruchtbares Terrain, all die r\u00fcckst\u00e4ndigen Ideen, die uns umgeben, potenziell infrage zu stellen \u2013 vorausgesetzt, dass es Individuen und Gruppen gibt, die eben dies entschlossen angehen. Die meisten Vertreterinnen und Vertreter der Privilegientheorie glauben hingegen, dass Privilegien nicht etwas sind, das man loswerden kann. Deshalb konzentrieren sich die Vertreter der Privilegientheorie auf Bildung und Bewusstsein.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich ist es nicht falsch, wenn wir unsere Einstellungen und unsere Beziehungen mit anderen selbstkritisch beleuchten. Und es ist auch richtig, etwas gegen alle \u00c4u\u00dferungen der Unterdr\u00fcckung in unserem Verhalten, der Sprache und Haltung zu tun. Aber der Kampf gegen tiefe systembedingte Spaltungen wie Rassismus kann sich nicht allein auf die individuelle Selbstreflexion einer gewissen Anzahl progressiver Individuen st\u00fctzen.<\/p>\n<p><strong>Die Privilegientheorie und der Kampf gegen Rassismus<\/strong><\/p>\n<p>Die Privilegientheorie neigt dazu, politische Argumente auf einen moralischen Appell und pers\u00f6nliche Gef\u00fchle zu reduzieren. Doch der Versuch, Ideen in uns selbst und in anderen zu ver\u00e4ndern, bevor eine bedeutende Infragestellung gr\u00f6\u00dferer struktureller Ungleichheiten m\u00f6glich ist, f\u00fchrt auf den falschen Weg. Die meisten Menschen, die den Kampf aufnehmen, haben eine Mischung widerspr\u00fcchlicher Ideen im Kopf. Sie akzeptieren vielleicht einige reaktion\u00e4re Ideen und lehnen andere ab. Gerade im Kampf f\u00fcr Ver\u00e4nderung entwickeln die meisten Menschen neue Einsichten in die Funktionsweise des Kapitalismus, und alte Annahmen und Vorurteile k\u00f6nnen abgebaut werden. Denn im Kampf f\u00fcr Ver\u00e4nderung geraten die direkten Erfahrungen der Menschen am sch\u00e4rfsten in Konflikt mit der von den Institutionen des Kapitalismus propagierten Weltsicht.<\/p>\n<p>Wenn wir das verstehen, gibt es auch die M\u00f6glichkeit, andere von der Notwendigkeit der Klasseneinheit als wirksamster Weg des Widerstands zu \u00fcberzeugen. Nat\u00fcrlich stellt sich Klasseneinheit nicht automatisch her und viele Angeh\u00f6rige der Arbeiterklasse fallen weiterhin auf Spaltungspolitik und L\u00fcgen herein. Deshalb brauchen wir einen politischen Kampf, nicht nur gegen die herrschende Klasse, sondern mit anderen in unserer eigenen Klasse. Aber indem sie wei\u00dfe Aktivisten in eine Verteidigungshaltung in Bezug auf ihre Beteiligung an dem Kampf gegen Rassismus dr\u00e4ngt, l\u00e4uft die Privilegientheorie Gefahr, m\u00f6gliche Verb\u00fcndete zu vergraulen und Migrantinnen allein in ihrem Kampf zu lassen.<\/p>\n<p>F\u00fcr einige der heute in Bewegung Aktiven ist die Privilegientheorie in erster Linie eine M\u00f6glichkeit, den Widerstand gegen Unterdr\u00fcckung zum Ausdruck zu bringen. Das kann ein guter Ausgangspunkt sein und dr\u00fcckt Bedenken aus, die wir teilen, aber es ist kein Rahmen, der die K\u00e4mpfe voranbringen kann. In dieser Situation hat die Linke gro\u00dfe Verantwortung, sowohl mit anderen zusammenzuarbeiten, um all die vielen K\u00e4mpfe gegen Unterdr\u00fcckung so lebendig und breit wie m\u00f6glich zu gestalten, als auch f\u00fcr eine Politik und eine Strategie zu k\u00e4mpfen, mit der wir gewinnen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><strong>Zum Text:<\/strong>\u00a0Aus dem Englischen von Rosemarie N\u00fcnning. Zuerst auf Englisch erschienen in International Socialism 142 unter dem Titel:\u00a0<a href=\"https:\/\/isj.org.uk\/whats-wrong-with-privilege-theory\/\">\u00bbWhat\u2019s wrong with privilege theory?\u00ab<\/a>\u00a0aus dem Jahre 2014. Der Text ist eine gek\u00fcrzte und leicht aktualisierte Version des Textes. Die Langversion des Artikels \u00bbDer Irrweg der Privilegientheorie\u00ab gibt es auf Deutsch\u00a0<a href=\"http:\/\/isj.org.uk\/der-irrweg-der-privilegientheorie\/\">hier<\/a>.<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/www.marx21.de\/was-ist-falsch-an-der-privilegientheorie\/\"><em>marx21.de&#8230;<\/em><\/a><em> vom 28. September 2020<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>K\u00f6nnen Menschen, die selbst nicht unterdr\u00fcckt sind, Teil des Kampfs f\u00fcr Befreiung sein? Sind alle Wei\u00dfen mitschuldig an Rassismus oder k\u00f6nnen sie im Kampf f\u00fcr die Emanzipation der Schwarzen dazugeh\u00f6ren? 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