{"id":8533,"date":"2020-09-30T15:59:29","date_gmt":"2020-09-30T13:59:29","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=8533"},"modified":"2020-09-30T15:59:30","modified_gmt":"2020-09-30T13:59:30","slug":"arbeiterklasse-und-covid-19-das-klassenvirus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=8533","title":{"rendered":"Arbeiterklasse und Covid-19: Das Klassenvirus"},"content":{"rendered":"<p><strong>Vorabdruck aus: Peter Mertens: Uns haben sie vergessen. Die werkt\u00e4tige Klasse, die Pflege und die Krise, die kommt. Verlag am Park, Berlin 2020, 154 S., 14 Euro. Wir drucken daraus einen redaktionell gek\u00fcrzten Abschnitt aus dem ersten Kapitel<!--more--> \u00bbHelden\u00ab. Wir danken dem Verlag f\u00fcr die freundliche Genehmigung zum Abdruck.<\/strong><\/p>\n<figure class=\"wp-block-image size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/cov.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-8534\" width=\"588\" height=\"281\" srcset=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/cov.jpg 450w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/cov-300x143.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 588px) 100vw, 588px\" \/><figcaption><em>In Italien erk\u00e4mpften vielerorts die Werkt\u00e4tigen selbst die Einhaltung von Coronasicherheitsvorkehrungen. Hier eine Demonstration von Besch\u00e4ftigten im Gesundheitswesen (Rom, 2.7.2020)<\/em><\/figcaption><\/figure>\n<p>Wenn wir etwas gelernt haben, dann dies: welche Menschen die Gesellschaft tats\u00e4chlich funktionieren lassen. Es sind nicht die \u00fcberbezahlten Vorstandsvorsitzenden oder die Magnaten. Jahrelang haben sie uns erz\u00e4hlt, dass sie f\u00fcr unseren Wohlstand sorgen. Nichts davon. Es ist die werkt\u00e4tige Klasse, die alles am Laufen h\u00e4lt. Normal arbeitende M\u00e4nner und Frauen. Menschen, die nie in Talkshows oder auf Meinungsseiten erscheinen, au\u00dfer wenn \u00fcber sie geredet wird. Die jeden Tag ihre Arbeitskraft verkaufen. Die Regale f\u00fcllen. Die Lkw abladen. Die Bettlaken waschen. Die Senioren versorgen. Die Erdbeeren pfl\u00fccken. Die in den Gesch\u00e4ften bedienen. Die Tiere in Fleischfabriken zerlegen. Die den M\u00fcll abholen, die Fabriken am Laufen halten, die Feuer l\u00f6schen, die Flure putzen, die Kleinkinder versorgen \u2026 Ohne diese Menschen k\u00f6nnten wir in Zeiten einer Pandemie nicht \u00fcberleben. Wir bek\u00e4men keine Pflege, h\u00e4tten kein Essen, w\u00e4ren nicht sicher. W\u00e4hrend sie sich dem Virus aussetzen, liefern sie den Beweis f\u00fcr die g\u00e4hnende Kluft zwischen der Bewertung ihrer Arbeit auf dem Markt \u2013 ein karger Lohn \u2013 und dem Sozialwert ihrer T\u00e4tigkeit. Sie sind unverzichtbar.<\/p>\n<p><strong>Vor und nach dem Virus<\/strong><\/p>\n<p>Laut offiziellen Zahlen der Europ\u00e4ischen Union hat w\u00e4hrend der Pandemie beinahe ein Drittel der werkt\u00e4tigen Klasse einen \u00bbessentiellen Beruf\u00ab ausge\u00fcbt. Unterricht, Landwirtschaft und Lebensmittelbereich, Wissenschaft und Technik, Pflege und Reinigung sind die wichtigsten Sektoren, aber bei weitem nicht die einzigen.\u00b9 \u00bbLange Zeit dachte man, dass Roboter und Technologie die Arbeit der Menschen ersetzen w\u00fcrden\u00ab, sagt der Professor f\u00fcr Arbeitssoziologie Mateo Alaluf. \u00bbIn dieser Krise haben wir festgestellt, dass menschliche Arbeit ein wesentliches Element bleibt. All diejenigen, die ganz hinten in der Lohnreihe stehen, m\u00fcssen doch als erste wieder ran. Die Menschen, die am wenigsten verdienen, sorgen daf\u00fcr, dass unsere Gesellschaft weiter l\u00e4uft.\u00ab Der Soziologe kommt zu dem Schluss: \u00bbDie Krise hat die Ungleichheiten wieder gr\u00f6\u00dfer und die Klassengegens\u00e4tze wieder sichtbarer gemacht.\u00ab\u00b2<\/p>\n<p>In den Vereinigten Staaten sind diese Gegens\u00e4tze noch gr\u00f6\u00dfer. Tausende Arbeiter in der Fastfoodbranche, Landarbeiter und Fleischverarbeiter sind dort angewiesen auf Nahrungsmittelgutscheine. Am Tag Lebensmittel verarbeiten und sich abends bei den Lebensmittelbanken in die Schlange stellen. Nicht anders ergeht es vielen Busfahrern, Putzhilfen, Lagerarbeitern, Paketdienstmitarbeitern, M\u00fcllwerkern und Haushaltshilfen. Oft sind diese Niedrigl\u00f6hner die h\u00f6chsten Risiken eingegangen. Als \u00bbessentielle Arbeitnehmer\u00ab sind sie an die Front geschickt worden. Um Menschen zu versorgen, zu ern\u00e4hren, zu sch\u00fctzen. \u00bbWir sind \u00fcberhaupt nicht essentiell. Wir werden einfach geopfert. Wenn ich hier an Corona sterbe, werde ich einfach ersetzt. Ich habe keine Schutzmaske. Keine Handschuhe. Das einzige, was ich habe, ist die dumme blaue Jacke von Walmart.\u00ab Das erz\u00e4hlt Kassiererin Jennifer Suggs dem\u00a0<em>New Orleans Public Radio<\/em>. Die Helden der Coronakrise, \u00bbdie Kanaille\u00ab des Kapitalismus. In normalen Zeiten erfahren sie schamlose Ausbeutung durch Bosse und Chefs und die Missachtung der politischen Klasse.<\/p>\n<p>Dann kommt \u00bbCoronavirus Disease 2019\u00ab oder kurz Covid-19, und es kommt heraus, dass es die werkt\u00e4tige Klasse tats\u00e4chlich gibt. Mehr noch: Sie ist unverzichtbar. Sie bringt alles zum Laufen. Sie kriegt Applaus. Die Klasse, die jeden Morgen zur Arbeit f\u00e4hrt, ohne sich viele Fragen zu stellen, stellt sich pl\u00f6tzlich sehr viele Fragen. Warum muss ich mich zwischen Gesundheit und Arbeit entscheiden? Warum kann ich nicht unter vern\u00fcnftigen Bedingungen gesund arbeiten? Wie kann man behaupten, dass es zu unsicher ist hinauszugehen, au\u00dfer, wenn man zur Arbeit muss? Ist es notwendig, dass ich meine Arbeit weitermache, wenn die Kurve mit der Zahl der Infizierten nach oben schie\u00dft? Warum so viele Ma\u00dfnahmen gegen Versammlungen auf der Stra\u00dfe, w\u00e4hrend wir bei jedem Schichtwechsel mit Hunderten von Menschen durch dasselbe Tor m\u00fcssen? Wir sorgen f\u00fcr die Gesellschaft, wer sorgt sich um uns?<\/p>\n<p>Je deutlicher die N\u00fctzlichkeit der werkt\u00e4tigen Klasse wird, desto deutlicher auch die Nutzlosigkeit der schw\u00e4tzenden Klasse. Menschen mit Status, \u00f6ffentlicher Anerkennung und Beachtung in den Medien fehlt jetzt eines: ihr gesellschaftlicher Nutzwert. Der franz\u00f6sische Soziologe G\u00e9rard Mauger urteilt scharf: \u00bbDiese Pandemie hat gezeigt, wie nutzlos die faulenzende Klasse ist, jene Klasse, die \u00fcberhaupt nichts produziert, die Trader, Manager, Consultants und Berater, Kommunikationsspezialisten und all die anderen Verk\u00e4ufer hei\u00dfer Luft.\u00ab\u00b3<\/p>\n<p>Bei den ersten Lockdown-Ma\u00dfnahmen im M\u00e4rz will Flanderns Ministerpr\u00e4sident Jan Jambon, dass die Haushaltshilfen weiterarbeiten. \u00bbMan kann sich doch in den ersten Stock setzen, wenn die Putzfrau unten arbeitet\u00ab, meint er. Damit kreiert der Politiker der Nieuw-Vlaamse Alliantie (Neu-Fl\u00e4mische Allianz, eine Partei, die Flandern von Belgien abl\u00f6sen m\u00f6chte,\u00a0<em>jW<\/em>) ungewollt eine klare Metapher der Gesellschaft: W\u00e4hrend die Putzfrauen in den unteren Stockwerken weiterarbeiten m\u00fcssen, zieht sich die Elite in die sicheren Ebenen zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Das Zuhause ist nicht f\u00fcr jeden gleich. Eine kleine Wohnung ist keine Villa in Brasschaat. Vier n\u00f6rgelnde Kinder in einer kleinen Wohnung sind schwieriger als die gleiche Rasselbande in einem Haus mit Garten. Die n\u00e4chtliche Schlaflosigkeit aufgrund von Finanzproblemen ist bei Reichen von anderer Natur als bei jenen, die wenig oder gar nichts verdienen. Wir waren nicht gleich, bevor die Pandemie ausbrach, und w\u00e4hrend der Pandemie sind wir es genausowenig.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend der Coronakrise wurden 44.000 Kinder (in Flandern,\u00a0<em>jW<\/em>) befragt.\u2074 Jedes zweite Kind erz\u00e4hlt, dass jetzt viel Krach zu Hause sei. Jedes zehnte Kind erlebt k\u00f6rperliche oder verbale Gewalt. Die H\u00e4lfte hat jetzt mehr Stress in der Schule. Jedes vierte Kind findet, dass im Haus zuviel los ist, um Schulaufgaben machen zu k\u00f6nnen, und jedes siebte Kind hat keinen Ort, an den es sich in Ruhe zur\u00fcckziehen kann. Bei Familien mit finanziellen Schwierigkeiten haben 44 Prozent der Kinder niemanden, der ihnen bei den Schulaufgaben hilft. Bei ihren Altersgenossen in bessergestellten Familien sind es hingegen 21 Prozent. Die W\u00e4nde verbergen viel, aber die Ungleichheit ist hart.<\/p>\n<p><strong>Risikogebiet Arbeitsplatz<\/strong><\/p>\n<p>Auch der Arbeitsplatz ist nicht f\u00fcr alle gleich. Aber der Pr\u00e4sident des belgischen Unternehmerverbandes VBO, Pieter Timmermans, erkl\u00e4rt keck: \u00bbIch darf sogar sagen, dass der Ort, an dem man arbeitet, vielleicht sogar der sicherste Ort ist, um sich nicht zu infizieren.\u00ab Als ein verdutzter Journalist dem Chef aller Chefs vorh\u00e4lt, dass sich im Einzelhandel und beim Pflegepersonal Menschen auf der Arbeit angesteckt h\u00e4tten, antwortet Timmermans: \u00bbDas k\u00f6nnen Sie nicht beweisen. Woher wollen Sie wissen, ob ein Arbeiter sich tags\u00fcber auf der Arbeit angesteckt hat und nicht abends zu Hause.\u00ab\u2075 Damit ist die Angelegenheit f\u00fcr Timmermans und die Seinen erledigt: Die Arbeit ist virussicher. Warum? Weil er es gesagt hat! Die gro\u00dfe Coronastudie der Universit\u00e4t Antwerpen beweist genau das Gegenteil. Die Untersuchung von 80.000 Befragten ergab, dass die H\u00e4lfte der Ansteckungen wahrscheinlich auf der Arbeit erfolgte.\u2076<\/p>\n<p>W\u00e4hrend der VBO die Produktion f\u00fcr sicher erkl\u00e4rt, haben die meisten Menschen auf der Arbeit nicht einmal genug Schutzausr\u00fcstungen. Es herrscht ein Riesenmangel an Schutzmasken und angemessener Arbeitskleidung. In vielen Sektoren ist es auch unm\u00f6glich, anderthalb Meter Abstand zu halten. Die belgische Regierungsbeh\u00f6rde Sciensano, welche die Daten \u00fcber Covid-19 sammelt, gibt den Beruf der Coronapatienten nicht an. In Gro\u00dfbritannien macht der statistische Dienst das schon. Da gibt es eine h\u00f6here Sterblichkeit bei den \u00bbessentiellen Berufen\u00ab. Vor allem bei Berufen, bei denen die Menschen im Kontakt zu anderen stehen.\u2077<\/p>\n<p>Der Arbeitsplatz ist nicht der sichere Hafen, den die \u00bbArbeitgeber\u00ab daraus machen wollen. Im Gegenteil. Die h\u00f6chste Zahl der Todesopfer von Covid-19 finden die britischen Forscher beim Bewachungspersonal, bei Taxi- und Busfahrern, Vorarbeitern, beim Verkaufs- und Gesch\u00e4ftspersonal, bei Bauarbeitern und in Serviceberufen, wie beispielsweise Lieferanten an Krankenh\u00e4user sowie K\u00fcchen- und Catering-Mitarbeiter und Kellner.\u2078 \u00bbEs sind genau die Berufe, die oft am schlechtesten bezahlt werden, mit den heikelsten Arbeitsbedingungen und in prek\u00e4ren Stellungen\u00ab, schreiben die Forscher.\u2079 Die Berufe, mit denen die h\u00f6chsten Risiken verbunden sind, werden am geringsten bezahlt. Covid-19 ist auch ein Klassenvirus, mit Niedrigl\u00f6hnern in der Frontlinie. \u00bbEs ist ein wichtiger Bericht. Er best\u00e4tigt, dass Covid-19 bei der Erwerbsbev\u00f6lkerung weitgehend eine Berufskrankheit ist. Nicht nur f\u00fcr Arbeitnehmer im Pflege- und Sozialsektor, sondern auch in vielen anderen Berufen mit Kontakten zu Menschen\u00ab, erkl\u00e4rt Neil Pearce. Er ist Dozent f\u00fcr Epidemiologie und Biostatistik. Er f\u00fchrt aus: \u00bbDas h\u00f6chste Risiko ist auf Arbeitsstellen zu finden, die einen Kontakt mit der \u00d6ffentlichkeit verlangen. Das \u00fcberrascht nicht. Man muss nicht h\u00f6here Wissenschaften studiert haben, um zu verstehen, dass man als Busfahrer andauernd Kontakt mit der \u00d6ffentlichkeit hat, oft ohne die richtigen Schutzmittel. Und dass man damit ein h\u00f6heres Risiko eingeht, sich mit dem Coronavirus anzustecken.\u00ab\u00b9\u2070<\/p>\n<p>Eine franz\u00f6sische Untersuchung kommt zum gleichen Schluss: geringqualifizierte Arbeiter, die in ihren Berufen h\u00e4ufig mit der \u00d6ffentlichkeit in Kontakt treten, sind am st\u00e4rksten von diesem Virus betroffen.\u00b9\u00b9 Wo viele Menschen eng zusammenkommen, f\u00fchlt sich das Virus pudelwohl. Es schl\u00e4gt hart zu in den dichtbev\u00f6lkerten Arbeitervierteln der Gro\u00dfst\u00e4dte, genau wie fr\u00fcher die Spanische Grippe, die Cholera oder die Pest. Das Virus braucht soziale Kontakte. Diese findet es schneller etwa in Hochh\u00e4usern, wo viele Menschen dicht beieinander leben, und in \u00fcberbev\u00f6lkerten Vierteln mit wenig Gr\u00fcnfl\u00e4che und Raum im Freien. Oft sind es die Viertel, wo viele Werkt\u00e4tige der \u00bbErsten Linie\u00ab wohnen, die auch bei der Arbeit tagt\u00e4glich mit vielen Menschen in Kontakt kommen. \u00bbCovid-19 hat wie alle Krankheiten eine stark sozialwirtschaftliche Dimension. Diese Dimension ist territorial verankert\u00ab, schlie\u00dft die Pariser Professorin Nadine Levratto ihre Untersuchung.\u00b9\u00b2 Der britische Journalist Owen Jones nimmt kein Blatt vor den Mund: \u00bbNat\u00fcrlich ist das Coronavirus eine Klassenangelegenheit.\u00ab\u00b9\u00b3<\/p>\n<p>Beim Ausbruch der Pandemie wurden zahlreiche Einschr\u00e4nkungen verh\u00e4ngt. In Spanien durften die Menschen das Haus nur verlassen, um dringende Eink\u00e4ufe zu erledigen oder zum Arzt zu gehen. Die Polizei konnte kontrollieren, ob sie auch wirklich im Gesch\u00e4ft waren. Sie durfte in die Einkaufstasche schauen oder nach dem Kassenzettel fragen. In Frankreich musste man eine schriftliche Erkl\u00e4rung bei sich haben, wenn man das Haus verlie\u00df. Sport durfte man nur zu bestimmten Zeiten am Tag treiben. In Polen durfte man seinen Hund h\u00f6chstens 1.200 Meter von zu Hause aus Gassi f\u00fchren. Keinen Meter weiter. Im Park oder im Wald spazierengehen war verboten. Bei uns wurden Viertel abgesperrt, Spielpl\u00e4tze zugemacht, Caf\u00e9s und Restaurants geschlossen und Theater und Sporteinrichtungen verriegelt. Versammlungen waren verboten. Auf eine Ma\u00dfnahme mehr oder weniger kam es nicht an.<\/p>\n<p>Bleib in deiner Bude! Das ist unsere B\u00fcrgerpflicht. Au\u00dfer wenn es um Gro\u00dfbetriebe geht. Dann ist alles viel schwieriger. Dann muss man wahrscheinlich doch nicht zu Hause bleiben. Als ob Arbeitspl\u00e4tze keine Versammlungsr\u00e4ume w\u00e4ren. Um die Kapitalisten nicht zu ver\u00e4rgern, darf bei uns der Lockdown nicht mal so genannt werden. Am Freitag, den 13. M\u00e4rz, dem Tag, an dem die ersten Ma\u00dfnahmen ergriffen wurden, erkl\u00e4rte der Ministerpr\u00e4sident Jan Jambon im Radio: \u00bbIch w\u00fcrde es ausdr\u00fccklich nicht Lockdown nennen.\u00ab<\/p>\n<p><strong>Selbst ist der Arbeiter<\/strong><\/p>\n<p>Als das Virus auf italienischem Boden Fu\u00df fasst, beginnt ein erbitterter Kampf um Covid-19 am Arbeitsplatz. Einerseits der Tod durch das Virus, auf der anderen Seite der wirtschaftliche Schaden durch einen Lockdown. Das eine wird dem anderen gegen\u00fcbergestellt. Eine makabre Buchf\u00fchrung von zwei Realit\u00e4ten. Die Gesundheit der Menschen einerseits \u2013 die Warenwirtschaft, wohlgemerkt eine Sch\u00f6pfung der Menschheit, andererseits. Die m\u00e4chtigen Padroni, die Eigent\u00fcmer der Gro\u00dfbetriebe, fordern: Die Produktion muss komplett weiterlaufen. Sie erhalten auch Unterst\u00fctzung von der extremen Rechten, die \u2013 wenn es hart auf hart kommt \u2013 immer die Kapitalisten unterst\u00fctzt.<\/p>\n<p>Die italienische Fernsehserie \u00bbGomorrha\u00ab nach dem Bestseller von Roberto Saviano ist hart und rauh, stellenweise widerlich. Der Autor ist schon vieles von der italienischen Mafia gewohnt. Aber was er beim Ausbruch der Pandemie erlebt, \u00fcbertrifft alles: \u00bbIn Italien war die st\u00e4rkste und reichste Region am wenigsten bereit, gegen die Pandemie zu k\u00e4mpfen. Die Verantwortlichen dort haben Entscheidungen getroffen, f\u00fcr die sie sich fr\u00fcher oder sp\u00e4ter verantworten m\u00fcssen. Sie haben verhindert, dass Arbeiter zu Hause blieben. Sie haben sie gezwungen, zwischen ihrem Leben und der Arbeit zu w\u00e4hlen. Das hat diese massive Ansteckungswelle verursacht. Mit einer unvorstellbar hohen Zahl an Todesopfern in der Folge. Wir haben es hier mit einer Region zu tun, wo die herrschende Klasse beschlossen hat, sich \u203anicht aufhalten zu lassen\u2039. Wo sie sich der Gefahr eines Massakers bewusst war und wo sie dieses \u203aPokerspiel\u2039 bewusst gewagt hat.\u00ab (<em>Le Monde<\/em>, 12.4.2020)<\/p>\n<p>Doch man ist zu Beginn der Pandemie \u00fcberhaupt nicht bereit, auch nur einen Teil der Wirtschaft \u00bbeiner aus dem Ruder gelaufenen Grippe zu opfern\u00ab. Man rechnet mit der Herdenimmunit\u00e4t. Ja sicher, es werden einige Menschen sterben. Aber das passiert dann schnell, und die wirtschaftlichen Folgen sind nicht so verheerend. Erst als deutlich wird, dass die \u00d6ffentlichkeit das Massensterben in den \u00fcberlasteten lombardischen Krankenh\u00e4usern nicht tolerieren wird und das medizinische Personal immer lauter gegen dieses unmenschliche Selektieren protestiert, erst als es bereits viel zu sp\u00e4t ist, um die \u00dcbersterblichkeit zu vermeiden, erst dann wird ein Teil der Wirtschaft mal kurzfristig heruntergefahren.<\/p>\n<p>Selbst dann versuchen die Interessengruppen der Gro\u00dfunternehmen weiterhin, ihre Branche auszunehmen. Die US-amerikanische Botschaft in Italien setzt sich daf\u00fcr ein, dass die Leonardo-Fabriken im italienischen Cameri am H\u00f6hepunkt des Lockdown produzieren. Es sei unerl\u00e4sslich, F-35-Kampfflugzeuge zu bauen, w\u00e4hrend s\u00e4mtliche Coronakurven nach oben schie\u00dfen. Anderswo strecken die Autolobbyisten ihre Tentakel aus, um die Produktion von Fahrzeugen als eine wesentliche menschliche Aktivit\u00e4t zu gew\u00e4hrleisten.<\/p>\n<p>In vielen Sektoren haben die Arbeiter selbst auf den Pausenknopf der Produktion gedr\u00fcckt. \u00bbNon siamo carne da macello\u00ab \u2013 wir sind kein Schlachtvieh. Mit dieser Begr\u00fcndung legten Zigtausende italienische Arbeiter die Arbeit nieder. Auf unserer digitalen Feier des 1. Mai (der belgischen Partei der Arbeit,\u00a0<em>jW<\/em>) ist Francesca Re David zu Gast, die Frau an der Spitze der italienischen Metallarbeiter. Sie erz\u00e4hlt: \u00bbDie Metallarbeiter waren die ersten, die es beschlossen haben: Stopp mit der Produktion unter unsicheren Umst\u00e4nden. Die verbindlichen Ma\u00dfnahmen gegen Corona au\u00dferhalb der Fabrik m\u00fcssen auch in der Fabrik gelten. Das hei\u00dft: mindestens anderthalb Meter Abstand garantieren und f\u00fcr jeden Arbeiter ausreichend Schutzmaterial vorhalten. Wir haben f\u00fcr unsere Sicherheit gestreikt. Zuerst lokal, bei Fiat zum Beispiel. Danach national. Bis die Industrie nachgegeben hat und ein Protokoll unterzeichnete. Erst dann hat die Regierung eingegriffen. Sie hat letztlich beschlossen, alle nicht essentiellen Betriebe stillzulegen. Das alles haben wir selbst erzwingen m\u00fcssen.\u00ab<\/p>\n<p>Unter dem Druck der Arbeiterbewegung schlie\u00dfen die nicht-essentiellen Betriebe, so kommt ein Teil der Wirtschaft zum Stillstand. In unserem Land zwingen die Arbeiter von Audi in Br\u00fcssel, Volvo Trucks in Gent und Safran Aero Boosters in L\u00fcttich die Gesch\u00e4ftsleitung, die Produktion zeitweilig einzustellen. In Frankreich darf Amazon France laut richterlichem Beschluss nur noch essentielle Produkte versenden. Der Betrieb muss die Gewerkschaften bei der Risikoanalyse auf der Arbeit einbeziehen, so entscheidet das Gericht.<\/p>\n<p>Kaum sind die Ma\u00dfnahmen eingef\u00fchrt, da beginnt auch schon der Streit, sie wieder aufzuheben. Konservative Kolumnisten wie Thomas Friedman in der\u00a0<em>New York Times<\/em>\u00a0(19.5.2020) f\u00fchren sofort die Kampagne gegen die Lockdown-Vorschriften an. \u00bbDie machen keinen Sinn, denn gegen Mutter Natur kann man nicht gewinnen\u00ab, hei\u00dft es. Und: \u00bbWir m\u00fcssen aufpassen, dass das Heilmittel nicht schlimmer wird als die Krankheit selbst.\u00ab<\/p>\n<p>In Deutschland h\u00f6rt man genau die gleiche Platte. \u00bbGeld oder Leben\u00ab titelt die\u00a0<em>Frankfurter Allgemeine Zeitung<\/em>\u00a0am 26. M\u00e4rz, kaum vier Tage nach Einf\u00fchrung der Kontaktbeschr\u00e4nkungen. Die Zeitung \u00e4rgert sich, dass \u00bbdie Regierung jetzt vor allem dem Rat der Virologen folgt\u00ab. Man stelle sich vor: Wissenschaft vor Wirtschaft! Die Zeitung schlie\u00dft: \u00bbPr\u00e4sident Donald Trump und der ehemalige Manager von Goldman Sachs, Alexander Dibelius, haben in den letzten Tagen deutlich gemacht, dass sie den Preis f\u00fcr die Schutzma\u00dfnahmen zu hoch finden. Die Medizin ist jetzt schlimmer als die Krankheit, so sieht auch Trump es.\u00ab \u00bbWir m\u00fcssen aufpassen, dass das Heilmittel nicht schlimmer wird als die Krankheit selbst.\u00ab US-Pr\u00e4sident Trump wiederholt diese Phrase gebetsm\u00fchlenartig. In Flandern imitiert der regierende B\u00fcrgermeister von Antwerpen, Bart De Wever, ihn mit dem gleichen Satz.<\/p>\n<p>Den ganzen Monat April hauen uns Belgiens Premierministerin Sophie Wilm\u00e8s und Flanderns Ministerpr\u00e4sident Jan Jambon vier \u00bbNeu\u00ab-W\u00f6rter um den Ohren: neu aufnehmen, neu starten, neu ankurbeln, neu beginnen. In welche Richtung? Alles muss so schnell wie m\u00f6glich wieder beginnen. Ein wenig Kollateralschaden beim Arbeitervolk? Et alors? Und wenn schon? Die Heldinnen und Helden sollen arbeiten. Und schweigen.<\/p>\n<p><strong>Starke Gewerkschaft, sichere Arbeit<\/strong><\/p>\n<p>Als die Betriebe schlie\u00dflich wieder an den Start gehen, sorgen die Gewerkschaften mit daf\u00fcr, dass die Sicherheitsma\u00dfnahmen am Arbeitsplatz eingehalten werden. Der Leitfaden \u00bbSicher am Arbeitsplatz\u00ab, der ausgezeichnete Ma\u00dfnahmen enth\u00e4lt, um ein sicheres Arbeitsumfeld zu schaffen und um die notwendigen Vorkehrungen zu ergreifen, ist leider \u00bbnicht verbindlich\u00ab. Und so beginnt \u00fcberall eine neue Phase im Kampf um den Respekt f\u00fcr die Gesundheitsregeln auf der Arbeit.<\/p>\n<p>In Detroit fordern Arbeiter von Chrysler zehn Minuten Pause pro Stunde, um an den Arbeitspl\u00e4tzen zu l\u00fcften. Sie bestehen darauf, ausreichend Abstand halten zu k\u00f6nnen beim Schichtwechsel und in der Kantine. Sie finden vor allem, dass die Arbeiter das Recht haben, bestimmte Aufgaben zu verweigern, wenn sie diese f\u00fcr nicht sicher halten. Das ist wichtig. Dass Betroffene selbst angeben k\u00f6nnen, ob eine Situation sicher ist oder nicht. Der Manager kann so etwas nicht hinter seinem Computer bestimmen. Recht haben sie. Da die Besch\u00e4ftigten ihre Stimme erheben, werden an vielen Orten die notwendigen Gesundheitsma\u00dfnahmen ergriffen. Und das hilft. \u00dcberall sieht man eine Konstante: Je st\u00e4rker sich die Gewerkschaft durchsetzt, desto sicherer ist die Arbeit.<\/p>\n<p><strong>Anmerkungen<\/strong><\/p>\n<p>1 Vgl. die Studie\u00a0<a href=\"https:\/\/ec.europa.eu\/knowledge4policy\/sites\/know4pol\/files\/key_workers_covid_0423.pdf\">\u00bbImmigrant Key Workers: Their Contribution to Europe\u2019s Covid-19 Response\u00ab<\/a>\u00a0von Francesco Fasani und Jacopo Mazza, 23.4.2020<\/p>\n<p>2 Zitiert nach Elodie Blogie: \u00bbLe coronavirus ou le retour en gr\u00e2ce de la lutte des classes?\u00ab, in:\u00a0<em>Le Soir,<\/em>\u00a019.4.2020<\/p>\n<p>3 Zitiert nach Sylvester Rome: \u00bbD\u00e9bat. Classes populaires: vers une reconnaissance de celles et ceux qui font r\u00e9ellement tourner le pays?\u00ab, in:\u00a0<em>L\u2019Humanit\u00e9,<\/em>\u00a024.4.2020<\/p>\n<p>4 Vgl.\u00a0<a href=\"https:\/\/www.kinderrechtencommissariaat.be\/sites\/default\/files\/bestanden\/20200525_rapport_jongeren_over_corona.pdf\">Kommissariat f\u00fcr Kinderrechte: Mehr als 44.000 Kinder und j\u00fcngere Menschen \u00fcber Corona.<\/a><\/p>\n<p>5 Vgl. \u00bbCoronavirus: pour Pieter Timmermans (FEB), \u203al&#8217;endroit o\u00f9 vous travaillez est peut-\u00eatre le lieu le plus s\u00fbr pour ne pas \u00eatre contamin\u00e9\u2039\u00ab im belgischen Sender\u00a0<a href=\"https:\/\/www.rtbf.be\/info\/economie\/detail_pieter-timmermans-feb-l-endroit-ou-vous-travailler-et-peut-etre-le-lieu-le-plus-sur-pour-ne-pas-etre-contamine?id=10492548\"><em>RTBF<\/em>, 30.4.2020<\/a><\/p>\n<p>6 Vgl. die\u00a0<a href=\"https:\/\/www.uantwerpen.be\/nl\/projecten\/corona-studie\/resultaten\/resultaten-elfde-enquete\/\">Coronastudie der Universit\u00e4t Antwerpen unter www.uantwerpen.be<\/a><\/p>\n<p>7 Vgl.\u00a0<a href=\"https:\/\/www.ons.gov.uk\/peoplepopulationandcommunity\/healthandsocialcare\/causesofdeath\/bulletins\/coronaviruscovid19relateddeaths-byoccupationenglandandwales\/deathsregisteredbetween9marchand25may2020\">\u00bbCoronavirus (Covid-19) related deaths by occupation, England and Wales: deaths registered between 9 March and 25 May 2020\u00ab<\/a>\u00a0auf der Website des \u00bbOffice for National Statistics\u00ab, <a href=\"http:\/\/www.ons.gov.uk\">www.ons.gov.uk<\/a><\/p>\n<p>8 Vgl.\u00a0<a href=\"https:\/\/www.sciencemediacentre.org\/expert-reaction-to-new-ons-analysis-looking-at-deaths-related-to-covid-19-and-occupation\/\">Science Media Centre: Expert reaction to new ONS analysis looking at deaths related to Covid-19 and occupation, 11.5.2020<\/a><\/p>\n<p>9 Zitiert nach Dominique M\u00e9da: \u00bbLes morts de la premi\u00e8re ligne\u00ab, in:\u00a0<em>Le Monde,<\/em>\u00a0<em>2<\/em>5.5.2020<\/p>\n<p>10 Vgl.\u00a0<a href=\"https:\/\/www.sciencemediacentre.org\/expert-reaction-to-new-ons-analysis-looking-at-deaths-related-to-covid-19-and-occupation\/\">Science Media Centre, 11.5.2020<\/a><\/p>\n<p>11 Alexandra Chaignon: \u00bbLe coronavirus, r\u00e9v\u00e9lateur des in\u00e9galit\u00e9s de richesse\u00ab, in:\u00a0<em>L\u2019Humanit\u00e9,<\/em>\u00a023.6.2020<\/p>\n<p>12 Ebd.<\/p>\n<p>13 Owen Jones: \u00bbBoris Johnson\u2019s message to the working class: good luck out there\u00ab, in:\u00a0<em>The Guardian,<\/em>\u00a012.5.2020<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/www.jungewelt.de\/artikel\/387249.arbeiterklasse-und-corona-das-klassenvirus.html\"><em>jungewelt.de&#8230;<\/em><\/a><em> vom 30. September 2020<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vorabdruck aus: Peter Mertens: Uns haben sie vergessen. Die werkt\u00e4tige Klasse, die Pflege und die Krise, die kommt. Verlag am Park, Berlin 2020, 154 S., 14 Euro. 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