{"id":8536,"date":"2020-10-01T10:39:53","date_gmt":"2020-10-01T08:39:53","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=8536"},"modified":"2020-10-01T10:39:55","modified_gmt":"2020-10-01T08:39:55","slug":"corona-in-afrika-wir-fuerchten-nicht-den-virus-wir-fuerchten-hunger","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=8536","title":{"rendered":"Corona in Afrika: \u201eWir f\u00fcrchten nicht den Virus, wir f\u00fcrchten Hunger\u201c"},"content":{"rendered":"<p><em>Kerstin Marobela. <\/em><strong>Das Coronavirus bringt in den s\u00fcdlichen L\u00e4ndern Afrikas eine massive Versch\u00e4rfung sozialer Ungleichheiten. Die zahlreichen ohnehin schon am Existenzminimum Lebenden k\u00f6nnen sich Social Distancing schlicht nicht leisten \u2013 sie m\u00fcssen arbeiten.<\/strong><!--more--><strong> Korrupte Regierungen nutzen die Situation zu ihrem Vorteil.<\/strong><\/p>\n<p>S\u00fcdafrika hat eine offizielle Arbeitslosenrate von 29,1 Prozent und Botswana hatte schon vor der Coronakrise eine Jugendarbeitslosenrate von 28,8 Prozent. Informelle Arbeit \u2013 Putzhilfen, Stra\u00dfenverk\u00e4ufer, M\u00fcllverwerter, Stra\u00dfenfriseure \u2013 dominiert weite Teile der allt\u00e4glichen wirtschaftlichen Aktivit\u00e4t. Sie alle verloren \u00fcber Nacht im Zuge der Lockdowns jegliche Einkommensquelle. Zus\u00e4tzlich wurde von ihnen verlangt, \u201ezu Hause\u201c in den Blechh\u00fctten der Slums zu bleiben, mehrmals am Tag die H\u00e4nde zu waschen und Social Distancing einzuhalten \u2013 in einer Umgebung, in der es nur unregelm\u00e4\u00dfig Wasser gibt und manchmal zehn Leute in einem Zimmer leben.<\/p>\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"800\" height=\"445\" src=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/corona-Afrika-c-Marco-Schmidt-wikimedia-commons-keine-\u00e4nderungen-vorgenommen-800x445-1.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-8537\" srcset=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/corona-Afrika-c-Marco-Schmidt-wikimedia-commons-keine-\u00e4nderungen-vorgenommen-800x445-1.jpg 800w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/corona-Afrika-c-Marco-Schmidt-wikimedia-commons-keine-\u00e4nderungen-vorgenommen-800x445-1-300x167.jpg 300w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/corona-Afrika-c-Marco-Schmidt-wikimedia-commons-keine-\u00e4nderungen-vorgenommen-800x445-1-768x427.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 800px) 100vw, 800px\" \/><figcaption>Supermarktketten wurden zu essentiellen Dienstleistern erkl\u00e4rt, einfache Gem\u00fcseverk\u00e4ufer nicht. Letztere bekommen Strafen von umgerechnet 100 Euro f\u00fcr die Nichteinhaltung der Lockdown-Regelungen. Das entspricht dem Monatsgehalt eines Supermarktangestellten. Foto Copyright: Marco Schmidt\u00a0<a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by-sa\/2.5\/deed.de\/\" target=\"_blank\">CC-SA-2.5<\/a><\/figcaption><\/figure>\n<p><strong>Selbstorganisation<\/strong><\/p>\n<p>Trotzdem versuchten viele ihr Bestes. Wasserleitungen wurden improvisiert, Desinfektionsmittel verteilt, Jugendliche in den Slums fabrizierten Gesichtsschilder. Aber je l\u00e4nger der Lockdown dauerte, desto mehr wurde offensichtlich, wie wenig das kapitalistische Wirtschaftssystem in der Lage war, selbst die grundlegendsten Bed\u00fcrfnisse der Menschen zu erf\u00fcllen: Wasser, Nahrung, Gesundheitsversorgung. Hunger wurde viel realer als das Virus selbst. Nach einer Studie von\u00a0<a href=\"https:\/\/theconversation.com\/coronavirus-why-south-africa-needs-a-wealth-tax-now-137283\"><em>The Conversation<\/em><\/a>\u00a0w\u00fcrde eine Besteuerung des reichsten 1 Prozent in S\u00fcdafrika 143 Milliarden Rand bringen \u2013 fast ein Drittel des vorgeschlagenen 500 Milliarden Rand-Entlastungspakets.<\/p>\n<p>Sogar in solch einer Krise will Kapitalismus daraus Kapital schlagen. Die Menschen wurden gezwungen, in endlosen Schlangen stundenlang um Essenspakete anzustehen. Warum? Vordergr\u00fcndig wurde \u00f6ffentlichkeitswirksam \u201eHilfe\u201c vermarktet. In der Realit\u00e4t wurde eine ganze Wertsch\u00f6pfungskette organisiert, entlang derer gro\u00dfe Supermarktketten und diverse Mittelsm\u00e4nner durch Regierungsauftr\u00e4ge gut verdient haben.<\/p>\n<p>Der gegenw\u00e4rtige Pr\u00e4sident Botswanas ist substantieller Teilhaber der Supermarktkette\u00a0<em>Choppies<\/em>. Trotzdem haben in manchen Bezirken noch nicht einmal 20 Prozent der Bed\u00fcrftigen ihre Essensration erhalten. Korruption blieb unsichtbar w\u00e4hrend eines mehrw\u00f6chigem Ausnahmezustandes, in dem Streik- und Versammlungsrecht au\u00dfer Kraft gesetzt wurde.<\/p>\n<p><strong>Profit um jeden Preis<\/strong><\/p>\n<p>\u201eWir m\u00fcssen zur\u00fcck in die Normalit\u00e4t\u201c, werden Bosse nicht m\u00fcde, zu betonen. Was dies bedeutet, sehen wir gerade in S\u00fcdafrika. Obwohl Corona-F\u00e4lle steigen, wurden die Minen als erstes wieder ge\u00f6ffnet. Die Arbeitsbedingungen unter Tage bringt Arbeiter eng zusammen, Transport erfolgt in \u00fcberf\u00fcllten Schacht-Transportk\u00e4figen und die Rate an Atemwegserkrankungen ist hoch. Rational gesehen, w\u00e4re dies der letzte Sektor, den man \u00f6ffnen w\u00fcrde. Aber: Der Bergbau in S\u00fcdafrika tr\u00e4gt 8,1% zum BIP bei, rund 450.000 Menschen sind dort besch\u00e4ftigt. Gerade letztes Jahr haben einige Bergbau-Multis massive Profite eingefahren \u2013 dank h\u00f6herer Grundstoffpreise. Wie zu erwarten, mussten einige Bergbau-Unternehmen schlie\u00dfen aufgrund von fast 800 Infektionsf\u00e4llen. Normalit\u00e4t hei\u00dft f\u00fcr die Bosse Profite um jeden Preis.<\/p>\n<p>\u201eNormalit\u00e4t haben wir nie erlebt\u201d, sagen Arbeiter auf der anderen Seite. \u201eWie kann es normal sein, dass wir selbst in Zeiten, in denen keine Krise herrscht, f\u00fcr zw\u00f6lf Stunden Arbeit im Supermarkt 1.500 Pula (umgerechnet 100 Euro) pro Monat verdienen?\u201d, schilderte uns eine Arbeiterin der Spar-Supermarktkette in Gaborone. Sie und ihre Kolleg_innen haben sogar w\u00e4hrend des Lockdowns in Botswana gestreikt, als die Supermarktbosse nur die H\u00e4lfte des Gehaltes f\u00fcr volle Arbeit zahlen wollten. Die Regierung, Botswanas gr\u00f6\u00dfter Arbeitgeber, steht dem um nichts nach. Vor einigen Wochen hat sie eine bereits vor dem Lockdown mit den Gewerkschaften vereinbarte Gehaltserh\u00f6hung auf unbestimmte Zeit verschoben. Zahlreiche Entlassungen sind erfolgt. Jetzt wurden die \u00dcberstundenzahlungen f\u00fcr essentielle Dienstleistungen eingefroren.<\/p>\n<p><strong>Vergr\u00f6\u00dferungsglas Corona<\/strong><\/p>\n<p>Wie ein Vergr\u00f6\u00dferungsglas hat die Coronakrise die gesellschaftlichen Ungleichheiten unter Kapitalismus deutlich gemacht. Der Anstieg von h\u00e4uslicher Gewalt w\u00e4hrend des Lockdowns offenbarte Abgr\u00fcnde. Bildungszugang wird definiert \u00fcber Teilhabe an digitalen L\u00f6sungen.<\/p>\n<p>Im s\u00fcdlichen Afrika haben trotz steigender Coronaf\u00e4lle Schulen wieder ge\u00f6ffnet. Sch\u00fcler_innen haben Angst zur\u00fcckzugehen, aber da sie in l\u00e4ndlichen Gegenden kein Netzwerk oder Geld f\u00fcr Internetnutzung haben, k\u00f6nnen sie nicht auf Online-Unterricht zur\u00fcckgreifen. Schwarze und indigene Menschen haben ein erh\u00f6htes Risiko an COVID-19 zu sterben. Corona ist nicht die Ursache der gesellschaftlichen Ungleichheiten. Sie zieht nur die Klassengrenzen sehr viel sch\u00e4rfer und sichtbarer. Wir m\u00fcssen die Netzwerke nutzen, die sich w\u00e4hrend der Coronakrise gebildet haben und sie gegen die kapitalistischen Profiteure richten.<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"http:\/\/linkswende.org\/corona-in-afrika-wir-fuerchten-nicht-den-virus-wir-fuerchten-hunger\/\"><em>linkswende.org&#8230;<\/em><\/a><em> vom 1. Oktober 2020<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kerstin Marobela. Das Coronavirus bringt in den s\u00fcdlichen L\u00e4ndern Afrikas eine massive Versch\u00e4rfung sozialer Ungleichheiten. 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